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Jungs heulen nicht

von Agnar
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Andi Bill Georg Gustav OC (Own Character) Tom
06.10.2021
24.01.2022
19
52.213
1
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
14.01.2022 3.434
 
Als Inspiration für Torris "Indestructible" hat mir ein gleichnamiger Song der schwedischen Rockband Solence gedient. Hört es euch gerne an, um in Stimmung zu kommen.

Die Kapitel gehen mehr und mehr Wagnisse ein. Ursprünglich habe ich mich auf diesen Teil gefreut, aber jetzt will ich die Geschichte doch nicht versauen. Ich weiß nicht genau, ob dieses Kapitel der Story das minimale Maß an vorstellbarer Glaubwürdigkeit nimmt... ich weiß nur, dass sie exakt so abläuft.
**************

„Bill?“
„Ja?“
Ich räuspere mich.
Es kann sein, dass er mich nach dieser Nummer nie wieder sehen will, aber irgendwie habe ich jetzt das Bedürfnis, ehrlich sein zu müssen.  
„Es gibt da was, das ich dir sagen muss.“
Interessiert beugt er sich über die Sofalehne, sodass er mir direkt in die Augen schauen kann.
„Schieß los.“, fordert er.
„Also… das mit dem Textbuch war kein Versehen. Du denkst wahrscheinlich, ich hätte es einfach vergessen…“
„Du hast es mit Absicht liegen lassen?“
Er schaut entgeistert.
Oha.
„Nein, nicht direkt.“, schiebe ich schnell hinterher. „Es war Alli.“
Ich kann verstehen, dass er jetzt zweifelnd die Stirn in Falten legt. Wahrscheinlich glaubt er mir nicht, und ich fliege gleich raus…
„Und das ist nicht gelogen?“
„Ich schwöre.“
Wie ein Verbrecher hebe ich die Arme, senke sie wieder, als mir bewusstwird, wie lächerlich das aussehen muss, aber Bills Gesichtsausdruck nach zu urteilen, glaubt er mir wohl doch.
Irgendwie.
„Schwör auf Allis Leben.“
Was ist denn mit ihm los?
Aber okay, ich sage ja die Wahrheit.
„Ich schwöre auf Allis Leben. Aber lass sie in Ruhe, das stimmt wirklich, okay?“
Bill kichert.
„Ich glaub dir ja schon, aber ich wollte einfach kurz sehen, wie du guckst, wenn du Angst hast.“
„Uns, war es das wert?“, schnaufe ich entrüstet.
Dieser Typ macht mich fertig…
„Sah ganz niedlich aus, ja.“ Urteilt Bill gnädig, läuft um das Sofa herum und macht es sich auf der breiten Armlehne gemütlich. „Was hat sie sich denn dabei gedacht? Dass wir sie nochmal zu uns holen?“
„Sie hat sich hundertmal entschuldigt, sie meint, es war aus einer Verzweiflungshandlung heraus, weil sie für eine Sekunde gehofft hat, ihr würdet euch bei uns melden, weil du kurz Interesse an den Texten gezeigt hast…“
„Also sagen wir mal so… ist ja schön, dass du dein Buch wieder hast und du jetzt hier bist… aber hinterhergeschickt hätte ich es dir nicht. Ich wüsste ja nicht mal, wohin damit.“
„An unsere Adresse?“
„Die hat das Management bestimmt schon wieder entsorgt.“
„Tja, dann sind wir mal froh, dass ich hinterhergelaufen bin, oder?“
„Ich auf jeden Fall schon. Was kannst du so alles auswendig?“
Warum brauche ich gefühlt eine halbe Minute, um zu begreifen, dass er meine Gitarre gemeint hat?
„Also…“
Ich bin eigentlich echt stolz darauf, so viele Songs auswendig zu beherrschen, aber irgendeine fiese Stimme sagt mir, wenn ich das jetzt sage, werde ich zum Angeber.
„Also… Ein paar Klassiker… das, was ich mir selber ausgedacht habe… und das, was wir in der Band immer machen.“
Dann fällt mir ein Interview ein, das ich mal mit Alli zusammen geschaut habe.
„Du magst Green Day, oder?“
„Klar, find ich geil. Hast du Bock, zum Reinkommen Boulveard of Broken Dreams zu spielen?“
Er rutscht von der Sofalehne herunter auf die riesigen Polster, zieht seine irre langen Spinnenbeine in einen Schneidersitz und stützt das Gesicht in die Hände, sodass er mich wieder direkt anschauen kann.
„Klar, gerne.“
Ich bin schon dabei, die Akkustikgitarre auszupacken, als mir etwas einfällt.
Ich kann nicht Singen.
Zumindest nicht, ohne dabei Trommelfelle zu vergewaltigen.
Vor Alli und der Band macht mir das nichts aus… Fragt mich nicht, warum jetzt auf einmal. Weil ich vor einem internationalen Star sitze, der genau das hauptberuflich macht? Neben posieren und gut aussehen natürlich.
Er merkt sofort, dass ich zögere.
„Was ist?“
„Ich äh…“
„Jetzt sag schon, ich beiß nicht.“
„Macht es dir was aus, nur die Melodie zu hören?“
„Bist du immer noch im Stimmbruch oder wo liegt das Problem?“
„Vertrau mir… meine Stimme willst du nicht singen hören.“
„Also gut, dann übernehm ich das. Green Day kenn ich ja, aber wenn du deine Songs dann machst, musst du mir halt erklären, wie du es dir vorgestellt hast. Okay?“
Ich atme auf.
„Okay. Danke, Bill.“
„Kein Ding. Hast du schon gestimmt?“
„Immer.“
„Dann mal los.“
Ich bringe mich in Position und bringe die Saiten zum Schwingen, während Bill schon mal den Rücken gerade macht.
„I walk a lonely road,
The olny one that I have ever known,
Don´t know where it goes,
But it´s home to me, and I walk alone…“

Ich hätte nicht gedacht, dass ich in so einer ungewohnten Situation derart schnell in den Flow reinkomme.
Aber irgendwie… passt alles. Bills Stimme, der Song… und wir beide auf dem viel zu schicken Sofa.
„My shadow´s the only one that walks beside me,
My shadow heart´s the only thing that´s beating,
Sometimes I wish someone out there will find me,
Till then I walk alone…“
Ich erkenne es, wenn ein Mensch einen Text fühlt. Und Bill tut das auf jeden Fall.
Als die letzten Töne verklungen sind, strahlt er.
Ehrlich.
„Also gut spielen kannst du schon mal.“
„Danke.“
„Man merkt, dass du das schon lange machst.“
„Hör auf, ich heb ja gleich ab.“
Oder werde zum kleinen Mädchen, wenn ich hier gleich anfange, vor mich hinzukichern.
Argh.

„Gibt es einen Song von dir selber, den du gerade am liebsten magst?“
„Ähm… ja. Aber der ist noch nicht ganz fertig.“
Ich schlucke.
Normalerweise rede ich erst über meine Ideen, wenn ich damit zufrieden bin und die Leute vor vollendete Tatsachen stellen will.
„Ich arbeite schon den ganzen Tag daran… die Idee lässt mich gerade irgendwie nicht los.“
„Willst du mir davon erzählen?“
Große, aufmerksame Rehaugen löchern mich regelrecht mit hoffnungsvollem Blick. Er fragt, fordert nicht, wie sonst.
Sag nein, Torri. Ich verrate aus Prinzip niemandem davon.
Sag nein, sag nein, sag nein…
„Der Text… heißt Indestructible.“
„Warum textest du direkt auf Englisch?“
„Auf Deutsch kommt mir vieles so affig vor und mein Französisch ist eine Katastrophe… außerdem klingt Französisch so… lahm.“
„Und…“, Bill zupft an den ausgefransten Löchern seiner Jeans herum, ohne den Blick von mir anzuwenden, „…wovon handelt der Text so?“
Nein. Er ist noch nicht fertig.
Und den Typ vor mir kenne ich doch gar nicht…
„…ist ein bisschen persönlich. Das, was mich gerade am meisten bewegt… Die Idee hatte ich schon ewig im Kopf. Aber er ist echt allgemein gehalten.“
„Das ist doch gut. Dann gibt es mehr Spielraum. Was fehlt denn noch?“
„Ich hab die Strophen noch nicht komplett ausgefeilt.“
„Ich kann dir helfen.“
Mir bleibt die Spucke weg.
„Warum?“
„Weil…ich die Idee gut finde?“
Ohnein. „Du hast den Text gelesen?“
„Nur überflogen.“
Dieses Biest wird nicht mal rot oder verlegen.
„Das war…“
„Ich hab dir schon in der Umkleide gesagt, dass ich aus Versehen einen Blick reingeworfen habe, als ich noch nicht wusste, dass es was Persönliches ist. Da hat es dich noch nicht gejuckt.“
„Da war ich auch einfach nur froh, es wieder zu haben, und außerdem wusste ich noch nicht, dass du DAS gesehen hast!“
„Entspann dich mal. Ist es denn so schlimm?“
„Naja, du…“
„Dachtest du, ich kann nichts für mich behalten? Wenn du wissen würdest, was ich alles vor laufender Kamera verstecke, würden dir die Augen ausfallen. Erstens mal habe ich keine intimen Details gesehen, an die ich mich jetzt noch erinnern kann… Und zweitens… was hast du erwartet?“
„Ich weiß nicht…“
„Siehste. Wem hätte ich davon denn erzählen sollen? Es interessiert doch niemanden, was irgendein Kerl in sein Notizbuch schreibt.“
„Dich interessiert es anscheinend schon.“
„Das ist was Anderes.“
„Was ist daran anders, Bill?“
Keine Ahnung, warum ich das auf einmal sage.
„Warum bin ich dir nicht egal? Du kennst mich nicht. Du hast keinen Schimmer davon, wer ich bin, wenn man von diesen fünfzehn Minuten hinter der Olympiahalle absieht.“
Bills Gesichtszüge sind völlig unbewegt.
Er wartet einfach, bis mir die Worte ausgehen und ich gezwungenermaßen die Klappe halte.
Dann öffnet er den Mund.
Schließt ihn wieder.
Hätte nicht gedacht, dass ich Bill Kaulitz jemals dabei beobachten kann, wie ihm die Worte ausgehen.
„Keine Ahnung.“, sagt er schließlich.
Dass er verdammt gut lügen kann, weiß ich mittlerweile, aber irgendwie kaufe ich ihm diese Antwort nicht ab.
„Es ist einfach so. Ja, es interessiert mich, was du schreibst. Und nein, du bist mir nicht egal.“ Er stockt, fummelt wieder an seinen Jeanslöchern herum und senkt tatsächlich den Blick. „Wenn du willst, kannst du gehen. Wäre schade. Aber ich zwing dich nicht.“
Ich kann mich nicht bewegen. Tatsächlich überlege ich mir für einige Sekunden, ob ich einfach gehen soll. Ich meine… warum bin ich hier?
Aber jetzt, wo er mich nicht mehr direkt anschaut, kann ich nicht mehr aufhören, ihn anzustarren. Davon abgesehen, dass ich mich mittlerweile an seine ungeschminkte Visage gewöhnt habe… sieht er jetzt nochmal anders aus.
Irgendwie… angreifbar.
Auf Augenhöhe. Wie ein ganz normaler Teenager eben. Einer, der Unsicherheiten echt gut verstecken kann. Aber trotzdem ein Mensch wie jeder andere.

Mein Hals fühlt sich trocken an, als ich zu Sprechen anfange.
„Hast du… dir irgendwelche Gedanken zu dem Text gemacht, als du ihn gelesen hast? Du meintest, du kannst mir helfen.“
Verwirrt hebt er den Kopf. Mit so einer Kehrtwende hat er sichtlich nicht gerechnet.
„Schon irgendwie dies und das. Aber nichts Konkretes. Ich hab die Zeilen nur noch schwammig im Kopf.“
„Willst du sie nochmal anschauen? Vielleicht fällt dir dann was ein.“
„Willst du das, Torri? Ist das dein Ernst?“
Ich zucke mit den Schultern.
„Was soll schon passieren. Und eine Kollaboration hab ich noch nie gemacht. Wer weiß, wann ich den Nächsten treffe, der meine Texte nicht scheiße findet.“
Ich wühle in meinem Rucksack herum und überreiche ihm das Zielobjekt. Fast schon ehrfürchtig nimmt er es mit ausgestreckten Händen in Empfang. Würde man das Ganze in Zeitlupe abspielen, würde es garantiert wie ein Ritual aussehen.

Damit, dass ich noch nie eine Zusammenarbeit mit jemand außerhalb der Band hatte, habe ich nicht gelogen.
Umso mehr überrascht es mich, wie einfach es ist.
Bill studiert den Text noch einmal, holt sich ein separates Papier und kritzelt die eigenen Ideen drauf los. Er greift auf meine Ideen für die Strophen zurück, macht laut Vorschläge, ich ändere sie ab, bis wir das Ganze so oft hin und her gespielt haben, dass wir Beide zufrieden sind. Normalerweise geht man ja davon aus, dass gemeinsames Songwriting vor allem Kompromisse sind.
Sagt meine Erfahrung auch.
Aber das hier… ist eher, als hätte sich der Raum der Möglichkeiten einfach nur vergrößert.
Irgendwann höre ich auf, mich zu fragen, warum das hier so leicht ist, obwohl ich Bill kaum kenne. Keine zwanzig Minuten später haben wir eine regelrechte Ansammlung an möglichen Strophen sowie mit Bleistift dahinter gekritzelten Abwandelungen, falls es nicht in den Takt passt. Dann fordert Bill mich auf, ihm vorzuspielen, wie ich mir die Melodie vorgestellt habe. Wie vereinbart stimmt er erst holprig, mit der Zeit aber immer genauer die Texte an, variiert hier und da mit den Höhen und Tiefen, bleibt sonst aber bei dem Sprechgesang, den ich meistens verwende.
Es ist anders als sonst.
Vor allem, da wir mit einem trainierten und relativ sicheren Stimmorgan in unseren Reihen viel mehr Möglichkeiten haben, den Gesang auszubauen. Klar, Ben kann das auch, aber er ist immer kaum in das Songwriting eingebunden, außerdem bleibt er meist bei den gleichen paar Tönen.
Das Ergebnis lässt nicht lange auf sich warten und lässt sich auf jeden Fall sehen. Als wir beide zufrieden sind, kramt Bill ein Diktiergerät aus seinem Koffer, drei Minuten später überreicht er mir die bespielte Kassette.
„Hast du was zum Beschriften? Bei mir zuhause liegen auch ein paar in der Größe herum, nicht dass ich es verwechsle…“
„Ich kann die Autogrammarker holen, aber der Koffer ist noch unten…“
Bill hechtet von dem Sofa herunter, durchwühlt seine Umhängtasche und kommt – ohne Witz - mit einem schwarzen Nagellackfläschen zurück.
„Echt jetzt?“
„Ja, echt jetzt. Der hier ist der Beste, den ich bisher probiert habe, der hält ohne guten Entferner für immer und ewig.“
„Und wie willst du die Minikassette mit dem dicken Pinsel und so vielen Buchstaben beschriften?“
„Also… für ein Autogramm wäre Platz.“
Ich hebe eine Augenbraue. Alli würde völlig ausrasten. Ein Autogramm auf einer Kassette mit Bills Stimme darauf, aufgenommen in einem Hotelzimmer, während ich die Begleitung mit der Gitarre gemacht habe? Pures Gold.
„Wozu brauch ich ein Autogramm?“, frage ich ihn breit grinsend.
Theatralisch wirft er die Mähne in den Nacken. „Sowas kann man immer mal brauchen. Und wenn du die Aufnahme irgendwann scheiße findest, versteiger sie im Internet. Hast du mal gesehen, für wie viel sie dort Handtücher, die wir nach dem Konzert in die Menge werfen, verticken?“
„Hat Alli glaub ich irgendwann mal gesagt, ich frag sie nachher noch einmal.“
„Mach das. Hast du Lust, hier noch was aufzumachen?“
Er verweist mit Engelslächeln auf den Koffer mit den hochprozentigen Fangeschenken.
„Klar. Willst du was aussuchen?“
Ich hätte gar nicht erst fragen müssen.
Bill ist schon längst dabei, die Flaschen fachmännisch zu begutachten und gegen das Licht der protzigen Kronleuchter zu halten. Seine Wahl fällt auf irgendwas Pinkfarbenes, das sicher widerlich süß schmeckt und klebrig ist wie eine benutzte Playboy-Ausgabe.
Ich verziehe das Gesicht, als Bill mir ein halb damit gefülltes Glas reicht.
Allein schon der Geruch.
Aber gut, ich teste kurz.
Und kotze fast.
„Sowas magst du? Du hast sie ja nicht mehr alle.“
„Was kann man daran bitte beschissen finden?“
„Da kriegst du ja schon vom Vorbeilaufen Diabetes.“
„Geil, oder? Richtig schön ungesund.“
„Und was genau soll der Geschmack?“
Bill mustert das Etikett. „Wassermelone glaub ich. Keine Ahnung, was dasteht.“
„Das schmeckt…“
„Künstlich, ich weiß. Geil künstlich. Das ist richtig Chemie.“
Er kippt das Glas komplett runter, und füllt schon das Nächste.
„Wah. Ist ja ekelhaft.“
„Dann nimm dir den Wodka da drüben, wenn du zu zuckerempfindlich bist.“
Nichts lieber als das.
Erst spüle ich meinen Mund mit Wasser aus, dann öffne ich die Wodkaflasche, fülle mein Glas großzügig und setze mich wieder, damit wir endlich auf die gelungene Arbeit anstoßen können…
Nur ist Bill längst weiter.
Er hat schon die nächste Zucker-Chemiekeule im Anschlag.
Diese hier ist türkis.
„Ich mix die beiden, dann ist es spannender.“
„Du bist krank im Kopf. Und besoffen.“
„Wenigstens nicht langweilig.“, gibt Bill ungerührt zurück.
Warum auch nicht, er ist schlimmere Kommentare gewohnt.
Ich bin so damit beschäftigt, zuzuschauen, wie er die Flasche mit geübten Handgriffen entkorkt, mehr von dem Zeug, als man als elegant bezeichnen könnte, in sein Glas kippt (die Farbe sieht jetzt noch ekliger aus) und an die Lippen führt, dass ich nur ein bisschen an dem Glas nippe.
„Was wird das denn?“, fragt er mit provozierendem Grinsen „Verträgst du nichts?“
„Na immerhin brauche ich keine fünf Geschmackstoffe drin, um es runterzuspülen.“
Der Blick, den er mir zuwirft, verleitet mich zu dem Gedanken, dass er sich mehr in seinem guten Geschmack als in seiner Hartgesottenheit beleidigt fühlt. Er zieht die Augenbrauen zusammen, stellt das Glas gefährlich nah an der Tischkante ab und senkt den Kopf wie ein Löwenjunges, das kurz davor ist, seinen Geschwistern das Fell über die Ohren zu ziehen.
„Nimm das zurück.“
Der will sicher nur spielen.
Gut, das kann ich genauso.
„Nö.“
Warum sollte ich auch?

In der nächsten Sekunde erfahre ich, wieso ich das sollte.
Ehe ich in seine Richtung schauen kann, springt er auf mich, reißt mich mit einer unerwarteten Wucht nach hinten, bis ich festgepresst auf der Sofaoberfläche liegen bleibe und versuche, mich daran zu erinnern, wie man simpelste Dinge wie Atmen betätigt.
Scheiße, wie flink kann ein Mensch bitte sein?
Ich habe keine Ahnung.
Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, nicht mehr richtig denken zu können.
Über mir befindet sich ein Typ, der ein halbes Jahr älter, mindestens einen Kopf größer, wohl aber bestimmt ohne den ganzen Metallschmuck gerade einmal halb so schwer wie ich ist, und drückt mich mit Armen, die ich mit zwei Fingern umfassen könnte, direkt in die Sofamatratze als wäre ich ein verliebt-trotteliges Fangirl, dass er gerade abgeschleppt hat.
Und ich…kann mich nicht wehren.
Ich komme mir vor wie ein Kaninchen unter einer Schlange, die mich mit warmen, dunklen, wachsamen Augen taxiert, fixiert, hypnotisiert, paralysiert… Ich sollte aufhören, in so schwierigen Wörtern zu denken.
Mein Gehirn verknotet sich dabei nur noch mehr.
Also starre ich ihn einfach nur wie ein Volldepp an.
Eigentlich hätte ich nichts dagegen einzuwenden, das noch eine Weile weiter zu tun. Ist ja nicht so, als wäre er nicht schön anzusehen…

„Hörst du mir überhaupt zu?“, dringt seine Stimme durch die gefühlte Watte in meinem Kopf zu meinem Bewusstsein durch.
Ich versuche, mich zu sammeln, so etwas wie eine Reaktion zustande zu bringen, aber ich bringe nur ein hilfloses Fiepsen hervor.
Moment mal.
Habe ich gerade allen Ernstes gefiepst?
Ich klinge ja wie ein durchgedrehtes Meerschweinchen…
„HEY! Erde an Torri!“ Ungeduldig rüttelt er an meinen Schultern, langsam kapiere ich, dass er meine Arme losgelassen hat, nur noch auf meinem Bauch sitzt und ich mich ansonsten problemlos bewegen könnte.
Warum hatte ich das Gefühl, festgehalten zu werden?
Ich schüttle kurz den Kopf, bis die Einbildung, in einem Schraubstock festzusitzen, nachlässt.
„Torri?“
Er fuchtelt mit der flachen Hand vor meinen Augen herum, als wäre ich ein geisteskranker Patient im Delirium.
"Alles klar bei dir?“
Ich huste kurz, um zu testen, ob ich die Macht über meine Stimme wieder zurückhabe. Was ist bloß los mit mir?
„Ich… glaub schon."
Er atmet auf.
„Meine Fresse, ich dachte, du wärst high oder so…“
Ich muss grinsen, schüttle aber den Kopf.
„Ne, wovon auch?“
Gute Frage eigentlich.
„Ich vertrage Alk eigentlich ziemlich gut.“
Und ich habe… nur einen winzigen Schluck getrunken. Was geht hier ab?

„Sicher?“, fragt er provozierend.
Mein Blick wandert die Decke entlang.
Was hat mich gleich nochmal so heftig aus dem Konzept gebracht wie schon seit Jahren nicht mehr?
Mein Blick gleitet an der Wand herunter.
Warum fühlt sich mein Kopf nur so klebrig an?
Mein Blick beleibt an Bill hängen.
Oha.
Verdammt.
Da war ja noch was.

„Willst du die ganze Nacht da liegen bleiben?“, fragt er mich.
„Ne, warum?“
„Weil du da liegst wie ein nasser Sack.“
Tue ich das?
Oh.
Ja.
Warum bin ich auf einmal so langsam von Begriff?
Ich habe es ums Verrecken nicht gemerkt, dass er längst von mir heruntergeklettert ist.
Schwerfällig rapple ich mich auf.

„Hast du noch nen Zwillingsbruder?“
„Spinnst du?“
„Hinter dir ist nochmal jemand.“

So deutlich kann man doch nicht doppelt sehen, oder?
Ich muss aufstehen, vielleicht ist mein Kreislauf nur eingeschlafen.

„Torri?“
Bills Stimme schlagartig verunsichert.
Ich will etwas sagen.

Ich komme nicht dazu.
Das ist der Punkt, an dem der Raum zu flackern beginnt.
Ich versuche, Bills Blick wieder einzufangen.
Selbst ohne Make-up hat er funkelnde Raubkatzenaugen.

Nur gerade wirkt das Ganze komisch.
Er sieht fast schon verängstigt aus.
Ich will ihn beruhigen und mache einen Schritt auf ihn zu.

„Langsam mach ich mir Sorgen, Torri, das ist doch nicht norma…“
Er kommt nicht weiter, sondern gibt einen kurzen und spitzen Schrei der Überraschung von sich.
Warum das denn?
Es tut ja in den Ohren weh.
Dann kapiere ich, warum.

Ich bin auf dem Boden.
Erst jetzt merke ich, dass ich mir bei dem Aufprall wehgetan habe.
Der Schmerz fängt langsam an, in meinem Hinterkopf zu pochen.
Würgereiz steigt hoch.
Ich versuche, mich zur Seite zu beugen.

Es geht nicht.
Als mein Mageninhalt hochkommt, schaffe ich es nicht, ihn rauszuwürgen und atme ich ihn stattdessen halb ein.
Ich werde von einem Hustenkrampf durchgeschüttelt, spüre, wie schmale, sanfte Hände mich an der Schulter packen und auf die Seite wälzen.
Ich huste das Zeug aus meinem Hals heraus und versuche hilflos, nach Luft zu ringen.
Jede noch so kleine Bewegung fühlt sich an wie ein Klimmzug mit Gewichten an den Füßen.
Was passiert mit mir?

„Tom? Saki? TOM! Hol einen Arzt!“
So wie Bills Stimme klingt, schreit er regelrecht…
Aber er ist so leise, so weit weg.

Irgendwo wird eine Tür aufgerissen, Schritte und Stimmen werden laut.
Ich huste mir die Lungen raus, versuche Luft zu bekommen.
Es brennt wie Nägel, Feuer und Eis.
Schlanke Finger, die panisch meinen Oberarm umklammern.
Eine verzweifelte Stimme, nah an meinem Gesicht.
„Torri? Scheiße, bitte stirb nicht…“

Es ist so dunkel.
Ich sehe nichts mehr.
Schummriges Schwarz.
Überall.
Es tut so weh.

**********

Da ich mittlerweile die Statistik-funktion entdeckt habe, weiß ich , dass wir hier einige stumme Mitlesende haben. Ich will niemanden unter Druck setzen... aber lasst euch gesagt sein, dass jeder Creator sich über jedes noch so kleine Feedback freut. Und umso schneller Lust bekommt, Fortsetzungen hochzuladen.... Ich sag ja nur...
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