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Das Ende aller Tage

Kurzbeschreibung
OneshotHumor, Freundschaft / P16 / Het
04.10.2021
04.10.2021
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(Hier nun, nach doch etwas längerer Zeit :D, mein Projektbeitrag zu dem wundervollen Projekt "Schreib meine Geschichte" von Caralia
Über Rückmeldung jeder Art und Feedback würde ich mich freuen :3 Viel Spaß beim Lesen.)


Episodentitel Nr. 113 - Das Ende aller Tage

Eilig laufe ich die Straße entlang und fange direkt an zu schwitzen. Es ist ein unglaublich schwüler Abend, später soll es noch gewittern. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich das gut oder schlecht finde. Einerseits hätte ich nichts gegen ein bisschen frische Luft, andererseits werden wir heute draußen sitzen, trockenes Wetter wäre also nicht schlecht.
Ich zieh mein Smartphone aus der Tasche, mache ein Foto, stelle das Bild in den Gruppenchat und schreibe dazu: „Bin fast da.“
Zwei Minuten später biege ich um die Ecke und da steht Tim. Ich kenne Tim seit fünf Jahren, damals haben wir zusammen den Bachelor angefangen. Doch mittlerweile ist es zwei Jahre her, dass wir uns persönlich gesehen haben. Erst hatten wir uns eine Zeit aus den Augen verloren, dann haben wir pandemiebedingt darauf verzichtet. Doch momentan sind die Fallzahlen niedrig, wir sind geimpft und unsere Sehnsucht nach ein wenig Normalität ist groß. Also haben wir uns den heutigen Abend ausgesucht, um uns endlich mal wieder zu treffen, nachdem wir uns nun monatelang nur über Zoom unterhalten haben. Treffpunkt ist oben an der Burg, von wo man die Stadt überblicken kann, während man auf der Wiese liegt.

Jedenfalls steht da jetzt Tim und ich weiß nicht, was ich machen soll. Wir grinsen einander doof an, winken, reden, aber umarmen uns nicht. Tim nimmt sein Fahrrad und wir gehen zu den Leihrädern hinüber. Ich scanne den Code ein, dann kann es losgehen. Tim wohnt gar nicht weit von mir entfernt und auf dem Weg zur Burg kommt er eh bei mir vorbei. Also haben wir beschlossen, zusammen zu fahren und die anderen beiden dort zu treffen.
Ich steige aufs Fahrrad und radle hinter Tim her. Er ist fix unterwegs und ich bin es nicht gewohnt Rad zu fahren. Allein meiner generellen Sportlichkeit verdanke ich es, bei der schwülen Luft nicht zu sterben. Wir unterhalten uns beim Fahren, ein vorsichtiges Annähern nach all der Zeit, obwohl wir mehrmals die Woche online gequatscht haben und eh täglich im Gruppenchat schreiben.
Wir stellen die Räder ab und überqueren das Burggelände zu Fuß. Chris und Moritz sind schon da, warten sitzend auf der Wiese. Auch die beiden kenne ich seit fünf Jahren, auch die beiden habe ich seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Wieder breites Grinsen, unsicheres umeinander rumtanzen. Ich setze mich neben Chris, er lächelt mich an. Ich habe ganz vergessen, wie attraktiv er ist. Mein Herz schlägt ein wenig schneller und ich erwidere schüchtern sein Lächeln.
Wir packen unsere mitgebrachten Getränke aus, stoßen an und freuen uns auf einen sorglosen Abend.

Die Luft wird immer angenehmer und so bleiben wir einfach eine ganze Weile sitzen, Trinken und Quatschen. Ich habe bereits eine Flasche Wein geleert und sitze nun vor einem Bier, das Tim spendiert hat. Ich bin angetrunken und habe so viel Spaß wie seit einer Ewigkeit nicht mehr. Doch langsam wird es dunkel und ich fröstele ein wenig, reibe mir die Oberarme.
„Ist dir kalt?“ fragt Chris. Er trägt nur ein T-Shirt und hat nicht mal etwas zum Überziehen dabei.
„Etwas,“ antworte ich.
„Mir auch,“ sagt Tim. „Wir sollten langsam los.“
Moritz nickt. „Mir ist auch etwas kalt.“
„Wir können noch zu mir, Tina ist nicht da und es sind nur zehn Minuten zu Fuß.“  
„Klingt gut!“ stimme ich zu, auch, weil ich einfach noch nicht nach Hause möchte und Tim und Moritz nicken. Wir packen unsere Sachen zusammen, als Chris die Weinflasche hochhebt sieht er mich mit hochgezogener Augenbraue an. „Hast du die ganz Flasche getrunken?“
„Scheint so,“ antworte ich schulterzuckend. Er schüttelt grinsend den Kopf. „Ich vergesse immer, wie viel du verträgst.“
Ich zwinkere ihm zu. „Dorfkind, da gehört viel Trinken zum guten Ton.“
„Klar,“ entgegnet er lachend und packt die leere Flasche ein.

Zusammen machen wir uns auf den Weg den Berg hinunter, von einer kleinen Mauer am Wegesrand begleitet. Tim schiebt sein Fahrrad, ich habe das Leihrad stehengelassen.
„Komm da runter, du bist betrunken,“ ruft Tim mir besorgt zu.
Ich kichere, während ich weiter über die Mauer balanciere. „Ihr könnt mich doch auffangen. Ihr seid doch so groß und stark.“
„Lass sie doch,“ wirft Chris ein und grinst mich an. „Wir waren alle so lange eingesperrt, wir sollten jetzt jede Gelegenheit nutzen, um Spaß zu haben.“
Tim grummelt etwas vor sich hin, aber sagt nichts mehr. Moritz schweigt, hört uns nur zu. Er ist immer so still… denke ich und betrachte ihn eingehend. Dabei kennen wir uns jetzt alle schon seit fünf Jahren.
Ich gehe noch zwei, drei Schritte auf der Mauer, dann springe ich herunter. Ich lande auf den Füßen, aber gerate etwas ins Wanken. Chris greift nach meinem Oberarm und gibt mir Halt. Kurz fange ich seinen Blick ein. Verdammt… hatte der schon immer so schöne Augen?
„Ups“ sage ich laut und grinse, ein rosa Schimmer ziert meine Wangen. Chris lacht, Tim verdreht die Augen und Moritz lächelt zurückhaltend.

Den Rest des Weges laufe ich neben Moritz her. Ich verschränke die Arme hinterm Kopf und betrachte die Lichter der Straße. „Wie lief bei dir die letzte Klausur?“ frage ich irgendwann beiläufig. Moritz zuckt mit den Schultern, wirft einen Blick zu den anderen beiden Jungs, die ein gutes Stück vor uns laufen. „Geht so.“ Er seufzt. „Naja, ehrlich gesagt, nicht so toll. Schätze die muss ich wiederholen. Ich wusste überhaupt nicht, was er von uns wollte, bis Chris in die Gruppe geschrieben hatte.“
„Oh nein…“ sage ich leise und schenke ihm einen mitleidigen Blick. Kurz bin ich versucht tröstend eine Hand auf seine Schulter zu legen, doch ich lasse es. Er zieht bedröppelt einen Mundwinkel nach oben. „Die beiden wissen noch nichts davon.“
„Klar,“ entgegne ich ernst und weiß sofort, was er meint. Die drei stehen irgendwie im Konkurrenzkampf. Keiner würde es je zugeben oder offen aussprechen, aber insgeheim will jeder von ihnen im Studium besser sein als die anderen. Ich bin da außen vor. Nicht, weil ich nicht mit ihnen mithalten kann oder mich nicht selbst auch an ihnen messe, sondern weil sie mich als die Erwachsene betrachten, die die Gruppe führt und zusammenhält. Ich höre zu, wenn einer ein Problem hat. Ich helfe, wenn ich es kann, egal bei was und weiß oft einen mehr oder weniger klugen Rat, wenn einer von ihnen verzweifelt. So ist das eben, wenn man älter ist als alle anderen. Als wir uns kennenlernten waren Chris und Moritz gerade 19 und ich schon 24. Tim liegt zwar zwischen uns, er war damals 21, aber auch er sieht mich als die Ältere, Erwachsene, Erfahrene.

Jetzt 5 Jahre später ist der Altersunterschied egal, aber die Rollen sind geblieben. Moritz, der Stille. Chris der Verwegene, Tim der Gelassene. Und ich? Ich bin irgendwie die Mutti des Ganzen, obwohl alle ganz genau wissen, dass ich eigentlich kein Stück reifer bin als sie selbst.

Moritz und ich laufen schweigend nebeneinanderher und hängen unseren Gedanken nach, bis die anderen beiden um eine Ecke verschwinden und wir unser Ziel erreicht haben.  
Chris ist gerade erst mit seiner Freundin zusammengezogen, die Wohnung kennt von uns noch keiner. Also stiefle ich mit Tim und Moritz durch die Zimmer und wir lassen uns von Chris erklären, was in den Räumen noch fehlt. Am Ende nehmen wir am großen Esstisch Platz und öffnen ein neues Bier. Wir stoßen erneut an. Chris erzählt weiter über die Wohnung. „…und falls Tina und ich uns trennen, haben meine Eltern zumindest eine schöne neu renovierte Wohnung, die sie ohne Probleme weitervermieten können,“ beendet er seine Ansprache und ich werde hellhörig. Es ist nicht das erste Mal, dass er davon spricht, dass Tina und er sich trennen, so generell, wer wüsste schon, was die Zukunft bringt. Ich denke an meine eigene, in Trümmern liegende Beziehung und betrachte den gutaussehenden, durchtrainierten Kerl mir gegenüber.

Als wir uns kennenlernten hat man schon gemerkt, dass ich älter bin und natürlich bin ich jetzt immer noch 5 Jahre älter. Aber 29 und 24 ist ein Unterschied, der nicht mehr so sehr ins Gewicht fällt, wie damals.
Ich nehme noch einen Schluck, stelle beide Füße auf dem Boden ab und lehne mich auf dem Tisch nach vorne.
„Okay,“ sage ich und schaue in die Runde.
„Angenommen, dies wäre das Ende aller Tage, euer letzter Tag auf Erden, was würdet ihr tun?“
„So einfach ist das nicht,“ sagt Tim. „Haben wir noch einen ganzen Tag, wissen wir, dass es der letzte Tag ist? Oder wachen wir auf und wissen von nichts und dann ist es ein ganz gewöhnlicher Tag, wir haben Vorlesung und alles?“
Ich verdrehe die Augen, dann lächle ich ihn an. „Du weißt natürlich, dass es der letzte Tag ist. Sonst wäre die Frage ja Schwachsinn.“
„In Ordnung,“ sagt Tim nickend und lehnt sich auf seinem Stuhl zurück.
„Ich würde den Tag mit meiner Freundin verbringen,“ macht Moritz den Anfang.
„Einen letzten Tag nur zu zweit.“
„War ja klar,“ sagt Chris an Moritz gewandt, aber er hält den Blick auf mich gerichtet.
„Echt mal Moritz, das ist so langweilig,“ werfe ich ein. „Sagen wir, du könntest alles machen. Geld oder sonst was spielt keine Rolle!?“
Moritz zuckt mit den Schultern. „Ich würde den Tag trotzdem mit meiner Freundin verbringen.“
Chris verdreht die Augen und schüttelt den Kopf.
„Was würdest DU denn tun?“ fragt Tim.
Chris zuckt mit den Schultern, holt seinen Tabak hervor und dreht sich eine Zigarette. „Ich geh erst mal eine rauchen.“

„Drehst du mir auch eine?“ frage ich beiläufig.
Sofort drehen sich drei Gesichter zu mir. „Aber du hast doch aufgehört!“ ruft Tim entgeistert.
Ich zucke mit den Schultern. „Das heißt aber ja nicht, dass ich nicht mal eine rauche, wenn ich Bock darauf habe.“
Christ zieht einen Mundwinkel nach oben, hebt kurz den Blick, ehe er wieder auf seine Hände hinabsieht und den Tabak im Papier eindreht.
Er hebt das Paper zum Mund, fährt mit seiner Zunge über den Rand, während er mir direkt in die Augen sieht. Geschickt dreht er die Zigarette zu Ende und hält sie mir entgegen. Kurz hält er meinen Blick fest, in seinen Augen liegt etwas Dunkles, Verwegenes. Mein Herz macht einen Satz und Gänsehaut breitet sich auf meinem Körper aus, als unsere Finger sich kurz berühren.  
Ich nehme die Zigarette dankend entgegen und warte, bis Chris sich eine eigene gedreht hat. Dann stehen wir auf und gehen vor die Eingangstür.
„Ich komme mit!“ ruft Tim. „Brauche mal frische Luft.“
Und weil Tim mitkommt, kommt Moritz auch mit.

„Okay, Moritz verbringt den Tag mit seiner Freundin.“ Ich ziehe an der Zigarette und atmete den Rauch aus, ehe ich Chris ansehe. „Und du?“
Chris atmet ebenfalls den Rauch aus. „Sex.“
Ich ziehe eine Augenbraue hoch. „Das ist nicht besser als Moritz.“
Chris grinst und zwinkert mir unauffällig zu. „Ich habe nicht gesagt, dass Tina dabei sein soll.“
Er drückt die Zigarette im Aschenbecher aus, während Tim und Moritz ihm fassungslos hinterher sehen, ich rot anlaufe und mein Magen sich aufgeregt zusammenzieht.
Ich schüttle den Kopf. Nein, das hast du dir nur eingebildet…
Ich drücke meine Zigarette ebenfalls aus und gehe Chris hinterher, zurück in die Wohnung.

„Bier?“ fragt Chris in die Runde.
Moritz wirft einen Blick auf die Uhr. „Für mich nicht. Ich muss los, sonst fährt keine Bahn mehr.“
Chris sieht ihn ausdruckslos an. „Du kannst auf meinem Sofa pennen, wenn du willst.“
Moritz reibt sich verlegen den Nacken und überlegt kurz. „Das ist nett von dir. Aber Lara wartet.“
„Okay,“ sagt Chris schulterzuckend und ich sehe ihm an, dass er nichts anderes erwartet hat.
Wir verabschieden uns von Moritz. Ich nehme ihn kurz in die Arme. „Ich wette, du hast trotzdem bestanden,“ murmle ich leise, sodass die anderen beiden es nicht hören können.
Moritz lächelt traurig. „Danke, ich hoffe, du hast recht.“
Er winkt noch mal in die Runde und geht.

Chris schüttelt den Kopf. „Ich schätze aus ihm wird nie ein Abenteurer werden.“
Tim zuckt mit den Schultern. „War ja schon immer so.“
Er sieht Chris an. „Gibt’s jetzt noch ein Bier?“
„Klar,“ entgegnet Chris, schnappt sich drei Flaschen aus dem Kühlschrank und wir folgen ihm zurück an den Esstisch. Tim und ich setzen uns nebeneinander, ich öffne unsere Flaschen mit einem Feuerzeug und schaue Chris hinterher, der noch mal aus dem Raum läuft. Tim sieht mich fragend an, aber da ich nicht weiß, was Chris vorhat, zucke ich nur mit den Schultern und schiebe Tim das Bier rüber.
Kurz darauf kommt Chris auch schon zurück, setzt sich mir gegenüber, Vodka und Pinchen in der Hand.
„Vergiss es!“ rufe ich direkt, doch kurz darauf steht ein gefülltes Pinchen vor mir und mein halbherziger Widerspruch wurde von den beiden Jungs abgetan. Ich verziehe das Gesicht, als wir gemeinsam die Gläser heben und spüle das ekelige Zeug mit einem Mal runter. „BAH!“ rufe ich laut und ein Schauer durchfährt meinen ganzen Körper.
Tim und Chris lachen.
„Ernsthaft, wie könnt ihr das trinken?“ frage ich angewidert, während Chris schon wieder die nachfüllt.

„In Berlin gabs den in Hülle und Fülle,“ entgegnet Chris schulterzuckend und schiebt uns die vollen Pinchen rüber.
„Nicht nur Vodka, soweit ich gehört habe,“ entgegnet Tim breit grinsend.
Chris lehnt sich auf seinem Stuhl zurück, verschränkt die Arme vor der Brust und grinst Tim an. „Und von wem willst du das gehört haben?“
„Ich hab da so meine Quellen,“ antwortet Tim.
Ich schaue zwischen den beiden hin und her, verdrehe die Augen. „Kommt schon, raus mit der Sprache, worum geht’s?“

Kurz schauen die beiden sich schweigend an, ehe Tim das Wort ergreift. „Chris hat in Berlin einiges anderes ausprobiert als Alkohol.“
Ich ziehe die Augenbrauen hoch. „So? Was denn so?“
Chris zuckt mit den Schultern, wirft mir einen nachdenklichen Blick zu und zögert bevor er doch antwortet. „Hauptsächlich gabs da Gras. Also nichts Besonderes. Hab ein paar Mal Ecstasy ausprobiert. Aber ehrlich gesagt habe ich da nicht viel von gemerkt und seitdem auch nicht mehr angefasst.“
„Oh wow,“ sage ich, dann muss ich lachen und schüttle den Kopf. „Manchmal wünschte ich, ich wäre auch etwas probierfreudiger. Aber ich hab bisher nicht mal Gras ausprobiert.“
Chris und Tim schauen mich ungläubig an.
„Ernsthaft? Ich hätte darauf geschworen, dass du mindestens DAS ausprobiert hättest,“ sagt Tim erstaunt.
Ich zucke mit den Schultern. „Früher hat mich das nie gereizt und irgendwie war der Hype darum irgendwann vorbei.“
Chris grinst. „Ich hab was da.“
„Klasse!“ ruft Tim begeistert und ehe ich etwas dazu sagen kann, ist Chris schon aufgestanden und aus dem Raum verschwunden.
Tim grinst mich an. „Ich muss davon immer mega Lachen. Bin gespannt, wie es auf dich wirkt.“

Als Chris wieder kommt, hält er eine kleine Dose in der Hand. Er setzt sich wieder auf den Platz mir gegenüber, die Ellenbogen auf den Tisch und öffnet die Dose. Chris holt alles Nötige heraus, sieht dann zu Tim auf. „Während ich uns einen drehe, könnten wir ja zurück zum Thema kommen. Was würdest du an deinem letzten Tag tun?“
„Puh,“ entgegnet Tim. „Das ist schwer.“
„Was denn?“ frage ich ernst und ziehe eine Augenbraue hoch. „Kein letzter Tag zu zweit?“
Chris und Tim lachen.
„Nee,“ sagt Tim dann. „Also, doch, Becks ist natürlich dabei. Aber wenn es mein aller letzter Tag ist, will ich schon noch ein paar Sachen meiner Erlebnisliste abhaken.“
Ich lehne meinen Arm mit den Ellenbogen auf den Tisch, lege den Kopf auf meiner Hand ab und schaue Tim neugierig an. „Zum Beispiel?“
„Ich will unbedingt mal Bungee-Jumping ausprobieren oder einen Fallschirmsprung. Am letzten Tag dann vermutlich beides. Wenn Geld keine Rolle spielt.“
Ich lächle. „Klingt gut. Ein letzter Tag voller Abenteuer.“

Chris schiebt seinen Stuhl nach hinten, steht auf und sieht mich abwartend an. „Bereit für deine ersten Kiffer Erfahrungen?“
Ich lache. „Na klar, mit euch sowieso.“
Tim und ich stehen ebenfalls vom Tisch auf und gemeinsam gehen wir vor die Tür. Chris steckt sich den Joint zwischen die Lippen, zündet ihn an und nimmt einen tiefen Zug.
„Bleibst du noch übrig,“ sagt er an mich gewandt und pustet den Rauch aus. Er nimmt noch einen tiefen Zug und hält mir dann den Joint entgegen.
Nervös nehme ich ihn entgegen. Gespannt, was auf mich zukommt, nehme ich einen Zug. Kurz bin ich enttäuscht. Beim Rauchen merke ich keinen wirklichen Unterschied zu normalen Zigaretten.
„Was ich an meinem letzten Tag tun würde?“ frage ich an Chris gerichtet. Er nickt stumm.
Ich nehme noch einen Zug, reiche den Joint an Tim weiter und verschränke die Arme vor der Brust. Mir ist etwas kalt, aber da wir nicht lange draußen sein würden, habe ich Chris nicht nach einer Jacke gefragt.

Ich richte den Blick gen Himmel und betrachte die Sterne.
„Allein sein,“ antworte ich dann leise in die Stille hinein, fast schon melancholisch.
„Du kannst doch an deinem letzten Tag nicht allein!“ ruft Tim empört.
„Ssschhhh,“ macht Chris. „Nicht so laut, es ist mitten in der Nacht.“
Ich setze ein trauriges Lächeln auf, während ich weiter die Sterne betrachte. „Ich war jetzt seit fast anderthalb Jahren nicht mehr allein, mir fehlt das. Einfach mal etwas Zeit für mich.“
Chris lehnt sich an das Geländer mir gegenüber, die Hände in den Hosentaschen, sein Blick ruht auf mir.
„Verstehe ich,“ sagt er leise. Ich senke den Blick, schaue ihn überrascht an und unsere Augen treffen sich. Diese wunderschönen Augen… denke ich und nehme den Joint entgegen.
Ich halte seinen Blick fest. „Ich denke, wenn ich wüsste, dass es mein letzter Tag ist, wäre ich wirklich gerne einfach allein. Ich möchte niemanden dabeihaben, wenn ich sterbe.“
„Auch wieder wahr,“ sagt Tim, schüttelt sich kurz und geht dann zur Tür. „Ich geh schon rein, ich muss mal.“

Chris und ich bleiben zurück. Ich reiche ihm den Joint und er zieht daran, während wir uns weiter stumm in die Augen sehen. Er nimmt einen letzten Zug, pustet den Rauch aus, beugt sich dann vor, um den Joint neben mir im Aschenbecher auszudrücken. Dabei kommt er mir so nah, dass ich seine Wärme spüren kann. Wir berühren einander nicht, aber ich fühle seinen Atem auf meiner Haut, als er zu mir hinuntersieht. Mir wird warm, mein Herz schlägt laut und ich weiß, dass meine Wangen rot anlaufen. Aber in der Dunkelheit fällt das nicht auf und so schaffe ich es, seinem Blick standzuhalten. Es vergeht ein weiterer Moment, in dem keiner von uns etwas sagt, der Wunsch, den Abstand zwischen uns weiter zu verringern, schwebt zwischen uns. Chris Augen betrachten meine Lippen. Dann rumpelt es in der Wohnung und Chris schaut an mir vorbei, durch die Scheibe hinein in die Küche. Er seufzt, sieht mich noch einmal kurz an und streicht mir mit seinem Handrücken flüchtig über die Wange, bevor er sich abwendet und reingeht. Seine Berührung brennt auf meiner Haut nach und kurz sehne ich mich danach, dass er zurückkommt. Dann folge ich ihm.

Den Rest des Abends verbringen wir lachend am Esstisch. Wir unterhalten uns über dies und das, aber viel kommt davon nicht mehr bei mir an. Ich bin betrunken, wir trinken trotzdem weiter und vermutlich tut das Gras sein Übriges. Irgendwann schaut Tim auf seine Uhr und erschrickt. „Es ist nicht wirklich schon vier Uhr?“
Ich sehe auf meiner eigenen Uhr nach und kichere. „Sieht ganz so aus.“
„Oh fuck,“ sagt Tim. „Ich muss in fünf Stunden aufm Siggi sein. Ich muss echt nach Hause.“
Er macht Anstalten aufzustehen und sieht mich an. „Kommst du mit?“
„Die Vorstellung jetzt Fahrrad zu fahren ist echt verstörend.“ Wieder fange ich an zu kichern.
Tim grinst. „Du scheinst auf Gras auch ein Kicherer zu sein.“

„Du kannst hierbleiben,“ sagt Chris und sieht mich ernst an. „Ich kann das Sofa für dich ausziehen, kein Problem. Kannst auch von mir ein Shirt zum Schlafen haben.“
Kurz stelle ich mir vor, was Tina sagen würde, wenn sie am nächsten Morgen nach Hause käme, und ich läge auf dem Sofa. Allein, aber nur in einem T-Shirt von Chris und Slip. Ich muss unwillkürlich Grinsen und fange Chris Blick ein. Auch er grinst breit und ich bin mir sicher, dass er in diesem Moment den gleichen Gedanken hatte.

Dann stehe ich auf. „Ich komme mit, Tim.“
Tim nickt und wir gehen zum Eingang. Chris kommt mit raus, will noch eine rauchen. Wir schlüpfen in unsere Schuhe und gehen vor die Tür. Chris zündet seine Kippe an, zieht daran und atmet den Rauch in die Luft aus. „Das müssen wir sehr bald wieder machen,“ sagt er und seine Augen ruhen einen Moment länger auf mir.
„Auf jeden Fall!“ entgegne ich.
„Wenn ich wieder da bin, bin ich auch dabei,“ wirft Tim ein, der bald für einen Monat auf Reisen sein würde.
„Vielleicht einfach schon mal ohne Tim,“ sage ich lächelnd und bin kurz versucht Chris zuzuzwinkern. Doch das ist gar nicht nötig. Chris versteht mich auch so. Er breitet die Arme aus und ich lasse mich nur zu gerne von ihm in eine Umarmung ziehen. Seine rechte Hand ruht kurz etwas zu tief, fast schon auf meinem Hintern, dann lösen wir uns voneinander und tauschen einen letzten intensiven Blick aus. Tim geht vor mir die Treppe hinab. Ich drehe mich noch einmal zu Chris. „Weißt du,“ beginne ich und suche seinen Blick. „Wäre dies wirklich das Ende aller Tage, könnte ich mit dem Verlauf des letzten Abends ziemlich gut leben.“
Chris pustet den Rauch aus und nickt.
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