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Splitter im Schatten

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Horror / P16 / Mix
OC (Own Character)
03.10.2021
13.01.2022
19
92.124
 
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03.10.2021 3.466
 
Nach den wundervollen Stunden, die Arras Ankunft in Malqis nachfolgten, machte sich Caya bereits am nächsten Tag auf den Weg nach Da`Scheahr. Denn es war der 30. Phex und nichts würde sie davon abhalten, mit ihren Schwestern die Tagundnachtgleiche dieses, in vieler Hinsicht besonderen Frühlings zu feiern. Die Hexe erwartete eine Diskussion mit Arras, als sie ihm eröffnete, sie werde für zwei Tage bei ihren Schwestern bleiben. Doch er wünschte ihr lächelnd viel Spaß, küsste sie zum Abschied und spazierte bestgelaunt in den Tempel. Verwundert sah sie ihm hinterher.

Der Zirkel verbrachte einen traumhaften Tag zusammen. Dassareths Amme, Neshliha, war eine sehr liebe und lustige junge Frau, deren Wangen vor Aufregung glühten. Ihre Tochter war ein entzückendes wildes Mädchen, die insbesondere Reandra auf Trab hielt, die mit ihr geduldig Laufen übte.
Caya gab Dassareth kaum aus ihren Armen, döste mit ihr in der Sonne, sang ihr leise vor und genoss den Duft der kleinen schwarzen Locken und das Glucksen, wenn sie sich freute. Die Frauen kochten und aßen zusammen und setzten den mit Kräutern gewürzten Wein auf, den sie später trinken würden. Mit der Dämmerung zogen die Hexen sich um. Nur hauchzarte Kleider hüllten ihre Körper. Die Füße waren nackt und die Haare offen. Einzig die alte Elaisha wickelte sich in einen Umhang gegen die Kälte.
Was nun folgen würde, war nicht für Außenstehende bestimmt und so zog sich die Amme verständnisvoll mit ihrer Tochter in ihre Hütte zurück. Liebevoll reichte Levasaka ihr einen Becher Wein mit einem Schlafmittel. Sanft sank sie in einen tiefen Schlaf.
Nachdem das volle Madamal die magische Nacht erhellte und die Lichtung in silbriges Licht tauchte, begann Elaisha an einem Feuer etwas abseits den Topf mit der Flugsalbe zu brauen.
Sie schürten das große Feuer höher und tranken den Wein, der ihre Sinne schärfte und sie, die sie umgebenden Kräfte Sumus, intensiver fühlen ließ. Levaska sprach die überlieferten Worte und hieß Caya und Dassareth in ihrem Zirkel willkommen. Gemeinsam beteten sie zur Mutter, Tochter und Geliebten. Sie sogen Sumus Kraft in sich auf. Wie ein beständiges Atemholen erfüllte sie die Magie der Nacht. Sie tanzten zu einer Melodie, die nur sie hörten im Rauschen der Sphären, im Wispern des Windes, im Gleichklang ihrer Herzen, im Pulsieren von Sumus Kraft. Sie sangen atemlos vor Anstrengung, Rausch und Ekstase, die ihnen die Dunkle Wonne bereitete. Sie füllten die Nacht mit ihrer Magie. Feuerlige und Windlinge tanzten mit ihnen. Winzige Gestalten aus Rauch, Luft und Flammen. Sie liebten sich. Ebenso rauschhaft und ekstatisch, angefüllt mit dieser uralten Begierde. Es war IHRE Kraft, IHRE Liebe, IHR Rausch, vom Anbeginn der Zeit, bis der Morgen graute.
„Was machen die hier?“, fragte Levaska trunken von Wein, Ekstase und Liebe, als gemeinsam mit den ersten Sonnenstrahlen rauchige Windlinge über ihre Körper wanderten.
„Das bin ich“, stöhnte Caya ebenso ermattet und entwirrte den nackten Hexenknoten.
„Ich hatte gehofft, ich wäre sie los, aber das war wohl zu viel Kraft. Das zieht sie an. Warte, ich werde sie los, bevor, Neshliha aufsteht.“
Reandra zwinkerte: „Ach was, sie stören doch nicht. Dann erlebt sie auch noch was Aufregendes.“
Ein Kichern der kleinen Dassareth ließ ihre Blicke zu Elaisha wandern, die sich mit dem Kind im Arm in Decken gewickelt hatte und nun herzhaft gähnte. Einer der Windlinge ließ ihre grauen Locken hoch und runter hüpfen und das Mädchen erfreute sich daran. Die alte Hexe hatte so lang mit ihnen getanzt und gesungen, wie es ihre müden Knochen zuließen und sich dann mit dem Kind hingelegt. Doch auch in ihren faltenumsäumten Augen glitzerte ein Funken der Energie der Nacht, als sie zu den springenden Haaren noch Grimassen schnitt.
Nachdem Caya bis zum Mittag in der Hütte geschlafen und ausgiebig im Fluss gebadet und doch die Mindergeister ausgetrieben hatte, flog sie zurück nach Malqis.
Erneut stellte sie sich auf bohrende Fragen von Arras ein. Doch er fragte nicht. Er freute sich, sie zu sehen und nicht lang nach dem gemeinsamen Abendessen lagen sie sich voller Leidenschaft in den Armen.

Und so war es in diesem Sommer immer, wenn die Hexe ihre Schwestern besuchte, egal ob nur für einen Tag oder über Nacht. Arras stellte keine Fragen zu den Dingen, die sie in Da`Scheahr tat oder auch nicht tat. Er hielt Wort. Er liebte sie, wie sie war, mitsamt dem satuarischen Erbe und dem hexischen Anhang. Caya liebte ihn dafür umso mehr.

Einige Tage später flog sie nach Zorgan, um einige wichtige Dinge zu erledigen. Ihr erster Besuch galt der Mondsilbersultana Sybia. Caya musterte die Hochgeweihte des Phex mit Sorge. Sie sah gealtert aus und schrecklich müde.
Ihr Sohn Arkos und seine Gemahlin, die Mhaharani Shahi Eleonora, lebten zurückgezogen vor der Welt. Sie versuchten, weiterhin die Geschehnisse zu verarbeiten. Während Eleonora nach und nach Fortschritte machte und sich in ihrem Körper immer besser zurechtfand, haderte Arkos schwer mit allem, so erzählte Sybia ihr. Nun lastete erneut alle Verantwortung auf den Schultern der Mondsilbersultana und ihr blieb kein Raum für Trauer oder um Kraft zu schöpfen.
Das Reich verstand die Trauer ihres Herrscherpaares, denn sie hatten die lang ersehnte Kronprinzessin verloren. Das ganze Land fühlte mit ihnen.
Dies war die offizielle Geschichte. Niemals würde jemand die Wahrheit erfahren. Die kleine Dassareth war nun Cayas Tochter und sie war gekommen, um dies offiziell zu machen.
Als sie nach einem Tee und ihrem Gespräch wieder auf die Straße trat, war sie Mutter. In Aranien bestimmten die Frauen die Erblinie und es war nicht unüblich, dass Töchter adoptiert wurden.
Sie besuchte Sal und Khelbara, wie immer, wenn sie in Zorgan war und kaufte ein, was sie brauchte. Darunter auch ein Geschenk für Rashpatane, die ihnen damals vorbehaltlos geholfen hatte. Sie wählte ein älteres, aber bezauberndes Melodram eines berühmten horasischen Schriftstellers und gab es bei den blauen Pfeilen mit einem lieben Gruß direkt zum Verschicken auf. Anschließend aß sie im Roten Kamel zu Abend, plauderte mit Taref und fiel in das bequeme Bett. Sie würde Kraft brauchen für den morgigen Tag.

Sie ließ Malqis links liegen und flog von Zorgan direkt nach Da`Scheahr.
„Ich komme mit Neuigkeiten aus Zorgan“, eröffnete sie nach der liebevollen Begrüßung. Reandra war unterwegs und Levaska und Elaisha waren dabei Kräuter zu verlesen, zum Trocknen vorzubereiten und zu zerkleinern.
Neugierig sahen sie Caya an, die erneut von Dassareth verzaubert war. Immer wenn sie sie sah, hatte sie sich verändert. Sie war ein kleines Wunder.
Caya setzte sie sich auf den Schoß und deutete eine elegante Verbeugung an: „Darf ich vorstellen: Das ist Prinzessin Amira della Scardeoni ay Malqis. Es ist offiziell!“
Ein Strahlen erfüllte Levaskas perfektes Gesicht: „Dann ist sie endlich unsere Tochter!“
Elaisha klatschte freudig in die Hände und lachte auf.
„Ja. Und ich habe dich, für den Fall meiner Abwesenheit, warum auch immer, als ihren offiziellen Vormund eintragen lassen, falls du das möchtest“, lächelte Caya und erntete ein entrüstetes Schnauben der Eigeborenen.
„Ich möchte noch etwas anderes mit dir besprechen“, fügte Caya ernst an. Sie hatte sich innerlich gewappnet und wollte es hinter sich bringen. Da war sie Belkelel selbst entgegengetreten und doch fürchtete sie sich vor der Reaktion Levaskas.
„Dein Ton gefällt mir nicht“, kam es prompt.
„Ich möchte das sie einen Geburtssegen erhält.“
Obwohl die Oberhexe genau wusste, was sie meinte, antwortet sie unterkühlt: „Den hat sie bekommen.“
„Ich weiß. Ich habe sie schließlich auf die Welt gebracht und noch in dieser Nacht die Worte  gesprochen. Aber ich möchte, dass sie ebenso den Segen der Zwölfe erhält.“
„Warum?“
Die Temperatur auf der Lichtung war schlagartig gesunken. Elaisha blickte nicht mehr auf, sondern mörserte ihre Kräuter zu Staub.
„Weil sie allen Schutz gebrauchen kann.“
„Und meinst du, es gibt etwas, vor dem ich sie nicht beschützen kann? Oder du?“
Caya stöhnte genervt auf: „Ich weiß es nicht. Ich hoffe nicht! Aber bei dem was ich erlebt habe, glaube ich, dass der Schutz von LOS Kindern sicher nicht schadet. Ich habe es dir schon einmal gesagt: Sie waren immer Licht in all dem Chaos.“
Die Eigeborene war aufgesprungen und auch Caya erhob sich und gab das Kind Elaisha.
„Ich weiß, dass ich sie vor Allem schützen kann!“
„Bei der Mutter, sie ist aus dem Leib einer Paktiererin und Rasulan wollte sie als Gefäß für Belkelel selbst!“
Levaskas Blick verfinsterte sich weiter.
Caya sagt sanft aber entschieden: „Es war Rahja, die mich aus ihren Fängen befreite und mir meinen Frieden zurückgab. Wir wissen nicht...“
Seufzend unterbrach sie Levaska: „Ja ich weiß! Da werden wir nie einer Meinung sein. Bei aller Liebe, ist dies unverständlich für mich.“
Die Hexen starrten sich an. Die Gesichter angespannt. Keine von ihnen würde zurückweichen, das war ihnen beiden klar.
Die Eigeborene fragte spöttisch: „Und wer soll das tun?“
Ihre Augen funkelten böse, denn sie kannte die Antwort.
Caya sprach es nicht aus: „Ich fliege mit Sicherheit nicht mit ihr nach Zorgan in den Rahjatempel.“
Zornig lief Levaska nun auf und ab.
„Immer wieder er! Du willst dieses wundervolle kleine Wesen, eine Tochter, unsere Tochter von dem Pfaffen segnen lassen? Wo er gegen alles steht, was wir sind! Wo er die Magie und uns hasst!“
Caya antwortete genervt: „Das stimmt so nicht! Ich habe es dir schon so oft gesagt! Er verachtet uns nicht. Und hassen schon mal gar nicht! Er liebt mich! Und du könntest dich ja einfach mal mit ihm unterhalten und ihn fragen, wie er zur Magie von Hexen steht und was er von dir hält!“
„Hah! Was soll ich? Wenn du nicht zwischen uns stehen würdest, wäre das doch längst eskaliert! Dann würde er schon in meinem Wald stehen! Dann...“
„Nein! Würde er nicht! Selbst wenn ich nicht wäre, wäre der Zirkel nicht in Gefahr durch ihn!“
„Was weißt du schon!  Du junges Ding! Ich kenne solche wie ihn! Ich habe sie kommen und gehen sehen und es war immer dasselbe! Sie waren alle gleich!“
Caya warf verzweifelt die Hände in die Luft und sah hilfesuchend zu der alten Hexe, die es aufgegeben hatte, die Amira auf ihren Knien wiegte. Levaska unterbrach sich und kam zu ihr.
Sie legte ihr die Hände auf die Schultern, der Blick eine Spur weicher: „Ich will doch nur, dass du vorsichtig bist.“
Caya seufzte.
Sie verstand Levaskas Sorge und so sprach sie sanft: „Er liebt mich. Wirklich. Und er ist so anders als alle anderen Männer, sofern sie überhaupt mein Interesse über eine Nacht hinaus wecken konnten. Seine Liebe ist so ehrlich und wahrhaftig und er macht mich sehr glücklich. Daran wirst du nichts ändern können.“
Levaska sah ihr tief in die Augen, der Blick dunkel voller ungesagter Warnungen.
„Ist deine Liebe zu mir denn an Bedingungen geknüpft?“, fragte Caya leise.
„Nein, natürlich nicht. Aber soll ich denn zusehen, wie du in dein Unglück läufst?“
Die Horasierin senkte erschöpft den Kopf.
„Wird er es überhaupt tun? Sie ist die Tochter eines Dämonenbeschwörers und einer Heptarchin“, stichelte Levaska.
„Natürlich, sie ist ein unschuldiges Kind“, gab die Caya patzig zurück.
Levaska lächelte kühl: „Du hast ihn noch nicht gefragt, oder?“
„Nein. Ich wollte es erst mit dir klären. Aber ich bin mir sicher!“
„Wenn es wenigstens nicht er wäre! Aber sie ist deine Tochter“, seufzte die Eigeborene.
„Er ist es aber. Er ist es, der mich liebt und er wird meine Tochter segnen.“ Diesmal senkte Levaska erschöpft ihren Kopf.
Cavarya umarmte ihre Schwester und spürte ihre Wut, die sie heute nicht mehr würde besänftigen können.
„Ich liebe dich. Keine Bedingungen, oder? Dann nehme ich sie jetzt mit, wenn Neshliha sie noch einmal gefüttert hat.“
Die Eigeborene nickte steif.
Caya wickelte ihre Tochter in eine warme Decke und band sie sich unter ihrem Burnus um den Bauch. Die Kleine blinzelte satt und schläfrig mit den großen braunen Augen.

In Malqis angekommen landete sie direkt auf der Terrasse an ihrem Schlafzimmer und rief Muhamar, ihre einzige Leibwache, zu sich. Sie vertraute ihm bedingungslos. Denn er war Zeuge einiger der Ereignisse und bewahrte darüber eisern Stillschweigen. Auch bei Dassareths Geburt war er an ihrer Seite und wusste, wer das Kind war. Caya bat ihn, Arras zu holen, und setzte sich mit dem Wunder auf das große Bett. Freudig zappelte das Mädchen mit den Armen und Beinen, endlich befreit aus dem Tragetuch.
Der Praiot kam hemdsärmelig und mit einem erwartungsvollen Blick in ihr Schlafzimmer. Er küsste sie zur Begrüßung und musterte überrascht das Kind.
„Wer ist das?“
„Das ist Amira della Scardeoni ay Malqis.“
Schmunzelnd fragte er: „Wie ist das so schnell passiert?“
Caya strahlte ihn an: „Es ist Dassareth.“
Neugierig beugte er sich zu ihnen herab und streichelt sanft über das kleine Gesicht. Das strahlende Blau seiner Augen glitzerte unergründlich, als er seine Liebste ansah.
„Würdest du einen Geburtssegen über sie sprechen?“
Freudig überrascht antwortete er: „Natürlich! Lass uns gehen!“
Die Hexe fragte: „Muss es im Tempel sein? Können wir das auch hier machen? Sie sollte nicht gesehen werden, solange das Herrscherpaar noch in Trauer um die Kronprinzessin ist.“
Er verzog kurz das Gesicht, nickte dann und deutete ihr zu warten, während er alles Nötige holen würde.
Als Arras zurückkam, hatte er ein kleines, goldenes Fläschchen mit Praiosblumenöl dabei. Sie gingen hinaus auf die Terrasse in den warmen Schein der Praiosscheibe. Caya sah in das hübsche Gesicht ihrer Tochter und in das ernste und erhabene des Geweihten und es fühlte sich richtig an für sie.
Der Luminifer nahm Amira in seine großen Hände und sie gluckste fröhlich. Er tauchte das Kind ins Sonnenlicht.
Mit volltönender Stimme rief er den Götterfürsten an: „Herr Praios, sieh dieses Kind, ein Geschenk der ewigjungen Tsa! Bitte behüte es, denn es ist unschuldig und schutzlos gegen das Böse. Leite und segne es, auf dass es den Weg zu Dir und Deinen Geschwistern finde.“
Anschließend malte er mit Praiosblumenöl eine Sonnenscheibe auf die zarte Stirn und legte sie Caya in die Arme.
Erst dann verlor er seinen Pathos und lächelte sie glücklich an. Sie erwiderte sein Lächeln.
„Weiß Levaska das du hier bist?“
Ihr lag eine bissige Bemerkung auf der Zunge, sagte aber nur: „Ja. Es war ein harter Kampf.“
Er schüttelte den Kopf: „Sie ist so starrköpfig.“
Die Hexe sagte nichts dazu. Er fasste ihr Kinn und gab ihr einen langen, sanften Kuss.
Dann sah er sie und das Kind erneut mit einem unergründlichen Blick an, öffnete den Mund, um etwas zu sagen, und schloss ihn wieder.
Caya fragte interessiert: „Was?“
Verschmitzt gab er zurück: „Nichts.“
„Was wolltest du sagen?“
Er wandte sich zum Gehen: „Nichts.“
„Ist Verschweigen schon Lügen, Luminifer?“, rief sie ihm hinterher.
Er grinste frech und bereits in der Tür rief er: „Nein. Bis später!“


Sie lebten sich nach und nach in einen Alltag ein. Gerade Caya fiel es schwer, nach all den Erlebnissen der letzten Monde, sich mit solch profanen Dingen zu beschäftigen, wie das tägliche Geschäft, welches das Beyrounat mit sich brachte. Sie stellte rasch fest, dass Samishaq eine Koryphäe an den Büchern war. Die Hexe vermutete, dass es ansonsten unter Abdulons Führung weit schlimmer hätte kommen können. Somit überließ sie überwiegend die Bücher und Geschäfte ihrer Wesira. Die Zusammenarbeit mit ihr war von dem äußerst devoten Verhalten Samishaqs geprägt. Obwohl ihr Caya stets mit Respekt und Freundlichkeit begegnete.
Statt um Zahlen kümmerte sie sich um die Menschen. Sie lauschte den Bewohnern von Malqis, besuchte regelmäßig die Harani, hörte sich ihre Nöte an und machte dort weiter, wo sie als Wesira an Sals Seite aufgehört hatte.

Sie schickte in Absprache mit Agha Buromesh einen Soldaten nach Qwanchora, der dort das Sprachrohr der Harani Melizeth sein würde und zur Not auch körperlich dazu in der Lage war, den wilden Ferkina die Stirn zu bieten.

Sie besuchte regelmäßig die Maraskaner, bei denen allmählich Ruhe einkehrte, nachdem die Anfeindungen aufgehört hatten. Arras hatte sich Jedrech vorgeknöpft und Vorträge über Kopfgelder und Selbstjustiz gehalten. Sie beteiligten sich am eingeführten Wehrdienst und ihre Waren, die auf verschlungenen Wegen ins Beyrounat fanden, erfreuten sich großer Beliebtheit. Caya ernannte Dajin zum Haran von Amarabach. Sie gewann immer mehr den Eindruck, dass sie glücklich waren, eine neue Heimat gefunden zu haben.

Tatsächlich fand Jedrech, der Wirt des Schändertot, immer wieder den Weg in den Tempel. So brachte ihn der Praiot dazu, mit einwenig Geld für die Neueröffnung von der Beyrouna, den Namen seines Gasthauses zu ändern und sogar einwenig Farbe an die Hauswand zu bringen.

Zu Cayas Freude kam irgendwann der Erlös aus den Verkäufen von Abdulons und Shazandras Schätzen. Samishaq vergaß sogar für einen Moment ihre Unterwürfigkeit und strahlte die Beyrouna an, als diese verkündete, sie solle davon die wichtigsten Anliegen bezahlen.
Insgesamt ging es über den Sommer mit dem Beyrounat finanziell aufwärts, doch es würde einige Zeit dauern, bis es sich erholt haben würde. Denn sie machten nur kleine Schritte. Es fehlte ihnen noch immer an zahlreichen Händen, die die Felder bestellten und die Waren zu den Märkten trugen.

Arras besuchte die Jugendlichen, die sie aus Keshal Levthanjiat gerettet hatten in Radjalob und kehrte mit zwei Schützlingen zurück, die den Weg in ein normales Leben allein nicht fanden. Alisan war verstummt und Derwan zornig. Der Luminifer hatte sie im Tempel untergebracht, da er im Palast wohnte und mit unendlicher Geduld kümmerte er sich um die jungen Leute.

Überhaupt war Arras viel beschäftigt. Die Leute sehnten sich nach Beständigkeit und seinem göttlichen Beistand. Zudem packte er zusammen mit Perainihelm mit an, wo er konnte. Er war einfach, was er Caya damals gesagt hatte, als sie sich kennenlernten, ein Mann des Volkes. Und er blühte darin auf. Wenn er mittags auf der Terrasse oder im schattigen Garten mit ihr zusammen aß, Tee trank und über die Fortschritte in der Stadt plauderte, strahlte er wie die Sonne selbst.

Das Fest der Freuden verbrachten sie gemeinsam in Zorgan. Sie bewunderten Sharisad und Majun, lauschten Sängern und Musikern, tranken Wein, tanzten und genossen die leichte, heitere Stimmung der Stadt.
Sie besuchten den Rosentempel zum Gebet. Talafeya war glücklich, sie beide endlich wieder zu sehen, küsste Caya und umarmte seinen Bruder. Er nahm sich Zeit für ein gemeinsames Glas Wein und Caya bat ihn um Hilfe. Die Huren, die im Bordell in Malqis arbeiteten, waren ehemalige Sklavinnen Orons und ein ums andere Mal, war an Arras herangetragen worden, dass sie den alten Praktiken nicht völlig abgeschworen hatten. Der Praiot hatte zwar bereits das Gespräch gesucht, aber der Halbelf war mehr als bereit, ihr jemanden zu schicken, der sich um die verlorenen Mädchen kümmerte. Weiterhin verkündete er, er wolle den abgebrannten Tempel in Malqis wieder aufbauen. Caya, die daran ebenfalls schon gedacht hatte, schlug vor, die Geliebte der Göttin um Hilfe zu bitten. Talafeya freute sich darüber und die Hexe beschloss, ihr noch in Zorgan einen Brief zu schreiben.

Arras besuchte selbstverständlich gleichermaßen den Tempel des Götterfürsten während ihres Aufenthalts in Zorgan. Caya machte sich gerade für den Abend zurecht, als er bebend vor Zorn zurückkam. Sie kannte ihn so nicht und wandte sich alarmiert zu ihm um.
Die Hexe ließ die Arme zusammen mit ihrer Haarsträhne sinken: „Was ist passiert?“
„Lazlo will, dass ich zurück nach Fasar komme“, platzte es aus ihm heraus und ehe Caya reagieren konnte, verbessert er sich: „Der Wahrer der Ordnung Lazlo Fitz Stratzburg, mein Mentor, beruft mich zurück nach Fasar. Und ich bin zum Gehorsam ihm gegenüber verpflichtet.“
Die Hexe starrte ihn entgeistert an.
„Keine Sorge, ich habe ihm geantwortet und ihm dargelegt, dass ich bleiben werde, wo ich bin.“
Als Caya sich noch immer nicht rührte, fügte er an: „Schau nicht so traurig. Er wird es verstehen und von seinem Plan absehen.“
„Ich bin nicht traurig, sondern beunruhigt, da du sonst nie so wütend bist.“
Er grinste amüsiert: „Du hast recht. Ich bin ein schlechter Praiot. Ich sollte an mir arbeiten.“
„Das klingt, als wäre es nur eine Frage der Zeit, bis du zurück gehen musst?“
Arras Stimme war schneidend: „Als ich nach Aranien wollte, hat er auch zugestimmt. Ursprünglich war sein Wille, mich zu den Novadi zu schicken. Aber am Ende hat er eingesehen, dass diese Arbeit hier wichtig ist. Doch nun, wo ich in einem Dorf am Ende der Welt einen winzigen Tempel führe, findet er, es ist an der Zeit seinem Willen zu gehorchen.“
Er hielt den Blick auf Caya gerichtet und das Blau seiner Augen funkelte wild.
„Mein Platz ist in Malqis. Das habe ich ihm geschrieben und hoffentlich meine Beweggründe ausreichend dargelegt. Der Brief wird eine Weile unterwegs sein und seine Antwort ebenso.“
Caya beschlich ein beunruhigender Gedanke: „Hast du ihm von mir berichtet?“
„Natürlich. Er ist wie ein Vater für mich“, sagte er ungerührt.
Die Hexe erwiderte den Blick und für einen Moment war ihr, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen. Der Gedanke, ihn zu verlieren, war für sie in diesem Moment unerträglich.
„Ich liebe dich!“, sagte sie schlicht.
„Und ich liebe dich! So sehr, wie du es dir vermutlich nicht vorzustellen vermagst.“
Mit diesen Worten kam er zu ihr und schloss sie in seine Arme. Ihre Lippen fanden zu einem hungrigen Kuss zusammen und das Abendessen war Vergessen.
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