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Splitter im Schatten

GeschichteAbenteuer, Horror / P16 / Mix
OC (Own Character)
03.10.2021
04.12.2021
12
58.850
 
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25.11.2021 4.841
 
Sie sind alle früh auf und Arras hält, zwar nicht im ersten Licht der Praiosscheibe, aber zumindest mit einigen Zuschauern, eine Andacht. Die Raben, Muhamar und Caya stehen neben ihm, lauschen bedächtig seinen Worten und beobachten die Menschen. Xantram steht ganz vorn mit den Mädchen. Um Isentrut hat sich eine Traube gebildet, die ihrem Schimpfen recht geben, dass dies alles gefährlich sei und sie lieber weiter das Haupt vor den neuen Göttern und Herrschaften beugen sollten.
Doch einige hören auf die Worte des Praioten. Arras Stimme ist klar und warm und seine Mimik offen und freundlich. Die Zuhörer bleiben stumm und sind verschlossen, aber sie sind da. In manchen Gesichtern zeigt sich verhaltene Erinnerung an die alten Götter und an die heiligen Worte. Sie haben geschafft, ein winzigen Funken Hoffnung zu säen. So zumindest hat es den Anschein.
Die Horasierin in Cavarya hat sie, in ihrer Funktion als Beyrouna, an Feiertagen Arras Predigten im Tempel besuchen lassen, auch wenn es der Hexe immer widerstrebt hat. Aber dies hier ist etwas Anderes, etwas Grundsätzlicheres. Hier steht sie gern neben dem Praioten, dem Licht.

Nach der Andacht sprechen sie mit dem Jäger. Caya berichtet erneut von Burg Mersingen, zählt die Namen der Mädchen auf, woher sie stammen und versichert, dass die Kinder zu gegebener Zeit zu ihren Eltern zurückkommen. Der schüchterne, junge Mann verspricht, es genau so auszurichten. Die Horasierin hofft, dass sie ihr Wort auch halten kann. Denn sie spricht über die Ehre eines Mannes, den sie nicht kennt.
Bevor sie aufbrechen, zieht sich die Hexe zurück, um zu meditieren. Ihre Wunde heilt gut. Dank der Wirselsalbe ist sie tatsächlich fast zu. Doch wie schon bei ihrer ersten Reise durch das tote Land, fühlt sie das Fehlen der Kraft in ihrer Mitte umso deutlicher. Es ist, als würde durch die Abwesenheit Sumus, etwas in ihr Drängen, zumindest ihr Inneres mit ihr zu füllen. Und so wandelt sie aus sich selbst heraus mehr Kraft und sie durchflutet sie tröstend. Die körperliche Schwäche nimmt sie dafür billigend in Kauf.

Sie halten auf das verfluchte Balderweith zu. Welches auf den ersten Blick jedoch in keiner Weise verflucht aussieht, außer, dass es vollkommen leer und zum großen Teil verfallen ist. Alles aus Stein steht leidlich gut da und zeigt Spuren der lang zurückliegenden Kämpfe um das Wehrdorf. Das Holz der Läden, Türen und Dächer hingegen ist morsch und überwiegend verwittert. In den verlassenen Häusern findet sich nichts von Wert. Kessel, Töpfe, Werkzeuge, Möbel, alles was in irgendeiner Form nützlich ist, hat jemand mitgenommen. Caya sieht sich in Begleitung von Muhamar aufmerksam um, findet allerdings keine Beschwörungsplätze oder Kultstätten Thargunitoths. Und auch keine anderen Hinweise, warum Balderweith als verflucht gilt.
Sie trifft auf die Raben und Arras in dem geschändeten Traviatempel. Die Männer stehen beieinander und überlegen mit düsteren Gesichtern, was sie mit den vielen Gebeinen machen sollen, die überall verteilt sind. Im Zentrum ist eine riesige, kalte Feuerstelle. Alle anderen Zeichen der Göttin wurden akribisch entfernt. Kein einziges Relief oder Bildnis hat die Schändung überlebt. Von den Statuen, die es gab, findet sich keine Spur, außer die leeren zerbrochenen Sockel. Selbst der Altarstein wurde zerschmettert. Sie waren wirklich gründlich.

Mich befällt eine tiefe Traurigkeit, je länger ich mich hier umsehe. Überall liegen Skelette. Reste der Kleidung hängen in fadenscheinigen Fetzen. Nichts überdauert in ihrem Griff außer Metall und Bein. An den Türen sind Spuren von Menschen, die mit aller Macht aus dem Tempel fliehen wollten und vermutlich hier den Tod fanden. Wer oder was hat sie hier eingeschlossen? Die Knochen lassen keine rohe Gewalt erkennen. Mutlosigkeit lässt mein Herz schwer werden. Ich schaue auf Arras und selbst der Anblick meines Lichtes berührt mich kaum. So wende ich mich betrübt ab und trete hinaus.
Die Trauer fällt augenblicklich von mir ab. Irritiert blicke ich zurück. Irgendwas ist da in dem Tempel. Ich gehe wieder hinein und stelle mich vor die Feuerstelle in Richtung des zerborstenen Altarsteins. Dann lege ich analytische Neugier in meinen Blick, dazu einen Funken Umsicht und etwas Kraft. Ein erschrockenes Stöhnen kriecht mir die Kehle hinauf. Der ganze Tempel ist angefüllt von Geistern. Jetzt am Tag unsichtbar für unser Auge, schimmern ihre astralen Abbilder dutzendfach um uns herum. Selbst der Boden ist bedeckt von feinem, rötlichen Wabern.


„Alles in Ordnung, Sahiba?“, fragt Muhamar neben ihr.
„Ja. Mir geht es gut, aber wir sollten den Tempel verlassen, um zu reden“, antwortet sie und ihr Leibwächter nickt heftig.
„Warum?“, fragt Akardius.
Die anderen haben sich ihr ebenfalls zugewandt.
„Wir sind umgeben von Geistern. Spürt ihr nicht die Trauer und Mutlosigkeit?“
Die Männer nicken vorsichtig. Sie treten hinaus in die stets dämmrige Helligkeit.
„Der ganze Tempel ist voll von ihnen. Dafür reicht meine Kraft nicht“, fasst die Hexe zusammen.
Malleus sagt resigniert: „Es wird auch nichts bringen, die Gebeine zu bestatten, wenn wir es nicht in geweihter Erde tun können. Hier, so fern von Boron, genügend Rechtschritt zu weihen, dafür fehlt mir die nötige Unterstützung.“
„Was tun wir also Bruder? Sollen wir sie verbrennen und dann bestatten?“, fragt Akardius.
„Das allein wird sie auch nicht erlösen.“
Caya wirft ein: „Außerdem findet sich im ganzen Dorf kein passender Ofen oder genügend Brennmaterial. Die Menschen haben alles mitgenommen.“
„Wir werden weiter ziehen, so sehr es mir auch widerstrebt. Darum müssen sich andere kümmern. Wir sollten stattdessen nach Geisfeld und dort verhandeln. Wenn der Markgraf Ogertrutz einnimmt, brauchen sie Verpflegung“, entscheidet Malleus.
Sie alle stimmen ihm zu.
„Beyrouna, könntet ihr Bericht darüber erstatten, was wir hier gefunden haben?“
„Natürlich. Wir sehen uns auf dem Weg nach Geisfeld“, gibt sie pflichtbewusst zurück und tauscht den Drachen gegen den Stab.



Das große Zelt der Golgariten ist leer, also sieht Caya sich im stetig wachsenden Lager um. Mittlerweile sind so viele eingetroffen, dass sich die Zelte dicht an dicht drängen. Neben dem beständigen Hauch der Verwesung aus dem Osten hängt nun der Gestank von Hunderten Menschen in der Luft. Von den Kochfeuern, den Latrinen und ihren offenbar meist ungewaschenen Körpern. Die Barbaren hier im Norden halten nicht viel von Körperpflege. Sie erspäht Borondria und hält auf sie zu.
Die Großmeisterin bemerkt sie: „Boron zum Gruße. Ich freue mich, euch wohlauf zu sehen.“
„Boron zum Gruße, Eminenz. Vielen Dank. Ich möchte euch berichten, was wir in Balderweith vorfanden.“
Die Großmeisterin bittet sie ins Zelt und schenkt ihnen beiden einen Becher frisches Wasser ein. Cavarya findet, sie sieht müde aus.
Auf ein aufforderndes Nicken hin, erklärt sie die Gegebenheiten im geschändeten Traviatempel und im Ort drumherum.
Die Golgaritin legt die Stirn in Falten: „Vielen Dank. Wir werden uns zu gegebener Zeit darum kümmern. Die Mädchen sind inzwischen auf Burg Mersingen eingetroffen.“
Caya lächelt ein freudloses Lächeln: „Dort sind sie sicher gut aufgehoben. Wir konnten nicht herausfinden, wofür sie entführt wurden, aber immerhin für wen. Sie sollten unversehrt bei Guntiam Todesheer, dem Hohepriester der Thargunitoth abgeliefert werden.“
„Ja, ich hörte davon. Alles in mir drängt danach loszustürmen und alldem sofort ein Ende zu setzen. Aber wir müssen überlegt vorgehen und uns in Geduld üben“, hadert Borondria.
Die Hexe nickt.
„Gernot von Mersingen plant seinen Angriff auf die Feste Ogertrutz. Er wird bald losschlagen. Die Gefangenen sind ebenfalls nach Burg Mersingen überstellt worden. Der Justiziar Baranoir wird über sie richten. Es könnte sein, dass ihr vor Gericht aussagen müsst. Ich werde euch informieren.“
Caya fragt: „Selbstverständlich, Eminenz. Entschuldigt, die Gefangenen?“
„Ja. Der Drachengardist und der Al`Anfaner.“
„Der Al`Anfaner war Gefangener der Drachengarde“, hakt die Hexe vorsichtig nach.
„Jetzt ist er unserer. Die Golgariten wurden gegründet um den Ketzern aus dem Süden Einhalt zu gebieten“, gibt Borondria schneidend zurück.
Caya senkt den Blick: „Natürlich. Verzeiht. Habt ihr mit ihm gesprochen?“
„Nur kurz. Gibt es sonst noch etwas?“
Caya lächelt: „Nein. Wir werden als nächstes Geisfeld ansteuern. Möglicherweise lässt sich von dort Proviant für die eingenommene Feste organisieren.“
Borondria nickt, segnet sie und gemeinsam verlassen sie das Zelt.



Die Hexe wird immer vertrauter mit der kahlen Landschaft, die sich unter ihr erstreckt. Der Gestank der Verwesung ist hier oben dazu erträglicher, wohl aber ist es deutlich kälter so nah an der bleigrauen Wolkendecke. Nachdem sie sich ihren Gefährten wieder angeschlossen hat, bittet sie Akardius, sie erst zu dem Opferstein zu führen.
Sie legen den Weg in stummer Ruhe zurück. Nur das Klappern der Hufe, das Knarzen der Sättel und das leise Schnauben des ein oder anderen Tieres durchbricht die Totenstille. Hin und wieder sehen sie vereinzelt Hirten, die ängstlich fliehen, mal mit mal ohne ihre mageren Ziegen und Schafe.

Es ist Nachmittag, als es allmählich grüner wird um sie herum. Die Bäume werden kräftiger, das Laub bunter, die Luft schmeckt weniger nach Tod. Sie sehen Kaninchen auf den satten Wiesen hocken und sogar ein Reh im dichten Unterholz verschwinden.
Die Hexe nimmt all dies das erste Mal mit offenen Augen und vor allem mit klarem Verstand wahr. Der weiße Rabe wirkt verwundert und auch der Rest erkennt die Stelle, an der sie sich versteckt hatten, kaum wieder. Es ist grün und üppig und völlig überwuchert. Die Vegetation wirkt wie angeschwollen. Akardius hat reichlich Mühe, den Opferstein freizulegen. Sie schauen ihn sich genau an, aber bis auf eingetrocknetes Blut ist nichts zu sehen. Keine Inschriften oder Zeichen geben einen Hinweis, wem oder was hier gehuldigt wird.

Die Kraft durchflutet mich wie die Wellen des Meeres. Stillt meinen Durst. Durch die Sohlen meiner Stiefel fühle ich das Kribbeln. Das Leben, Sumus Schöpfung birst aus der Kraft hervor. Ich sinke auf die Knie und wühle meine Hände in die dunkle, satte Erde. Regenwürmer winden sich zwischen meinen Fingern. Ich atme tief den fruchtbaren Duft ein. Ich danke dir, Mutter allen Lebens, beginne ich atemlos und führe mein Gebet stumm zu Ende. Worte, nicht bestimmt für die Ohren, die mich umgeben. Andächtig richte ich mich auf und strecke alle Sinne nach Sumus Leben aus, fühle das langsame aber machtvolle Fließen der Kraft. Es ist eine Linie. Weg vom Wall in südöstlicher Richtung. Durch Geisfeld, ich bin mir sicher.

Als die Hexe sich ihren Gefährten zuwendet, trifft sie Arras prüfender Blick. Sie verbirgt ihre Freude über das überbordende Leben nicht und lächelt ihn an.
Dann sagt sie und breitet zur Darstellung die Arme entsprechend aus: „Es ist eine Kraftlinie. Sie führt in diese Richtung. Ich bin mir sicher, sie sorgt für das pulsierende Leben hier. Oder den Ausbruch des Elementes Humus, wenn wir vermuten, es hat etwas mit dem erwähnten Al`Zul zu tun.“
Malleus sieht auf den Stein: „Wem opfern sie hier dann? Einem magischen Phänomen?“
Akardius fragt dazwischen: „Kann es sein, dass diese Linie nach Al`Zul führt?“
Caya wendet sich ihm zu: „Ja. Vermutlich oder es liegt einfach darauf. Orte von großer magischer Kraft liegen oft auf Knotenpunkten.“
Der schwarze Rabe holt ihre Karte hervor, orientiert sich an der gezeigten Richtung und überträgt mit Kohle die Linie.
Dann sieht er sie fragend an und sie nickt: „Ja, so in etwa. Womöglich etwas weiter südlich.“
„Also, wem opfern sie?“, greift Malleus das Thema wieder auf.
Die Hexe strahlt: „Wir hatten ja schon darüber gesprochen, ich denke eine Art der Sumu Verehrung.“
Arras fragt: „Wie hängt das mit den Blutopfern zusammen?“
Caya antwortet, noch immer ihre Freude über das Phänomen nicht verhehlend: „Nun, das kann ich nicht genau sagen. Im Allgemeinen ist Blut immer praktikabel, um eine, wie auch immer geartete Kraft zu... ähem... nutzen.“
Die Miene des Praioten zeigt keinerlei Regung. Doch sie erkennt im funkelnden Blau seinen Ärger.
„Ich bin keine Expertin, was Elementarismus angeht, aber es ist doch so, dass alle Pflanzen, die aus Sumus Leib wachsen, dem Element Humus zuzuordnen sind. Auch die, die hier so üppig sprießen. Wenn man also Sumu als Lebensspenderin betrachtet und ihre Schöpfung als elementare Auswüchse, dann sehe ich den Unterschied allein in der Art, wie man es nennt“, erklärt die Hexe ruhig.
Akardius Blick huscht verunsichert zu Arras, doch er wirkt nicht überrascht und so ist sich der kleine Mann nicht sicher, ob nicht doch eine Spur Sarkasmus in seinen nächsten Worten liegt.
Der Praiot fragt kühl: „Muss es Menschenblut sein? Könnte man auch Tiere opfern? Oder würde nicht gleich ein Menschenopfer besser wirken?“
Caya beschwichtigt: „Ich weiß es nicht, Arras. Aber wenn Al`Zul so ein alter Ort ist, dann gibt es diese Art Opfer vermutlich ebenso lang.“
Malleus wirft ein: „Aber ihr könnt nicht sagen, was oder wer genau es ist, dem sie hier ihr eigenes Blut geben im Tausch gegen das üppige Wachstum der Pflanzen?“
Cavarya sieht ihn lächelnd an: „Nicht mit Bestimmtheit, nein. Welcher Art die... Entität... ist, die hinter dem Phänomen steht, oder ob es sie überhaupt gibt, vermag ich nicht zu beurteilen. Was ich definitiv ausschließen kann, sind dämonische Einflüsse.“
Der weiße Rabe fragt: „Kann es so ein elementares Wesen sein, wie wir es gesehen haben?“
Caya wiegt den Kopf: „Es ist nicht das Werk eines einzelnen Elementaren, würde ich sagen. Es hat etwas mit der Kraftlinie zu tun. Wir sollten versuchen, mehr herauszufinden.“
Sie werfen noch eine Weile Argumente hin und her, doch so kommen sie der Sache nicht auf den Grund.
Caya ist nicht verwundert von Arras Haltung dem Phänomen gegenüber. Sie haben auf ihrer gemeinsamen Pilgerreise schon einmal über Sumu und Satuaria, sowie Peraine und Tsa diskutiert. Er ist klug, macht sich nichts vor, was sie betrifft. Aber die Hexe stellt die Macht der Göttinnen in keiner Weise in Frage und auch das weiß er genau.
Akardius scheint vornehmlich neugierig und gleichsam fasziniert, wie sie selbst.
Malleus hat in ihren Augen bisher keine definitive Meinung zu der Sache, was sie überrascht. Auf der einen Seite steht der Al`Anfanische Geweihte, der nicht nur in seinen Augen ein Ketzer ist und bis aufs Blut bekämpft werden muss. Auf der anderen Seite ein heidnisches Brauchtum, welches weit entfernt ist von der zwölfgöttlichen Ordnung. Doch hier keine Spur von gnadenloser Härte.
Als sie ihn darauf anspricht, erwidert er abwiegelnd: „Wir wissen nicht, was es ist.“
Damit beendet er gleichermaßen weitere Diskussionen und da die Dämmerung langsam hereinbricht, reiten sie vorbei an sattgoldenen Weizenfeldern ins Dorf.

Die Straßen sind leer, die Läden der Fenster und die Türen längst verschlossen und so sucht sich der schwarze Rabe eines der größeren Häuser aus und klopft dort an die Tür. Man hört von innen rege Unterhaltung und Gelächter, welches schlagartig verstummt, als das Klopfen verhallt.
Unsicher nähern sich Schritte und eine Stimme fragt: „Wer ist da?“
„Malleus Corvi Veteris, Boron zum Gruße!“
Durch den Türspalt erfolgt ein Räuspern: „Äh, ihr könnt reden, also seid ihr nicht tot. Was wollt ihr?“
„Obdach für die Nacht.“
Misstrauisch beäugt sie der alte Mann: „Ihr wart schon mal hier. Ich bringe euch zu Erdmute, der Dorfvorsteherin.“

Erdmute ist ebenso wenig erfreut sie zu sehen. Aber sie lässt sie ein, nachdem sie ihre Pferde versorgt und in die Scheune gebracht haben. Die Hexe greift einen hölzernen Eimer, um den Drachen zu tränken, und stellt entzückt fest, dass am abgewetzten Griff Triebe sprießen. Was passiert hier nur?
Die Stube ist leergefegt, bis auf die Dorfvorsteherin und ihre ungebetenen Gäste. Sie betont dauernd, dass sie keinen Ärger möchte und mit ihnen Handeln wird. Als Malleus in strengem Ton nach dem Opferstein und den reichhaltigen Ernten fragt, sieht sie auf die Praiotenrobe und die Wappenröcke, weicht seinen Fragen aus und verzieht sich in eines der Nebenzimmer.
Resigniert sitzen sie an dem Tisch und essen zu Abend.
Caya schlägt vor: „Ich kann ja morgen noch einmal versuchen, mit ihr zu reden. Vielleicht ist sie mir gegenüber offener, wenn keine Götterdiener anwesend sind.“
„Und was wollt ihr ihr sagen, um ihr Vertrauen zu gewinnen?“, fragt Akardius neugierig.
„Ich werde ihr sagen, dass ich eine Tochter Satuarias bin und die Verehrung Sumus mir nicht fremd ist.“
Erneut huscht der Blick des Raben zu Arras und erneut stellt er fest, dass diese Aussage für ihn keine Neuigkeit ist.
Allerdings glücklich scheint er nicht und sagt: „Wie wäre es, wenn du in deinem Gespräch über die Alternative sprichst.“
Sie hebt fragend eine Augenbraue: „Alternative?“
„Peraine. Sie sind Bauern und die Gebende dürfte ihnen nicht fremd sein. Womöglich muss man nur ihre Erinnerung aufrischen.“
Die Hexe strahlt ihn an: „Das werde ich gern tun.“
Er schenkt ihr ein sachtes Lächeln.

Nach dem Essen machen sie es sich vor dem warmen Kachelofen so bequem wie möglich. Muhamar hat es sich nicht nehmen lassen seiner Beyrouna und Arras das Lager zu bereiten. Dumpf dringen die Geräusche der Nacht an ihre Ohren. Der Ruf eines Kauzes durchbricht die Stille, ebenso wie das Knacken im Unterholz des nahen Waldes. Die Stimmen einer lebendigen Nacht. Allerdings sind es nicht die einzigen Stimmen. Das Stöhnen und Ächzen der Toten lässt das Wild von Zeit zu Zeit verstummen.
Arras hat Caya mitsamt ihrer Decke in die Arme geschlossen und so lauscht sie auf den gleichmäßigen Rhythmus seines Herzens, bis sie der unruhige Schlaf umfängt.



Am nächsten Morgen sucht Cavarya das Gespräch mit Erdmute, nachdem sie die Männer unauffällig rausgeschickt hat. Sie geht ihr bei der Zubereitung des Frühstücks zur Hand. Dabei fragt sie nach dem Opferstein und wem sie dort opfern. Als sie Wörter wie Elementar, Kraftlinie, Entität in den Mund nimmt, verwirrt sie die einfache Frau nur. Als sie zugibt, eine Hexe zu sein, schaut ihr Erdmute nicht mehr in die Augen. Sie erzählt ihr den Platz im Wald selbst für ein Gebet genutzt zu haben. Die Bäuerin ist unsicher, befindet aber, dass es auch nicht schaden kann. Schließlich, um die Hexe nicht zu verärgern, sagt die Dorfvorsteherin, dass sie Al`Zunam, der alten Kraft der Erde, opfern. Caya dankt ihr für die Offenheit und versichert, dass es nicht darum geht, irgendjemanden zu bestrafen, sondern lediglich ihre Neugier zu befriedigen. Aber auch da schaut die Frau nur unsicher zu Boden.
Caya sagt unglücklich: „Es gibt noch eine Sache, die ihr wissen solltet. Das Mädchen Liabeth, sie kommt doch von hier, oder? Wir haben sie aus den Händen der Drachengarde befreit und sie ist in Sicherheit.“
„Was sagt ihr da? Ja, sie ist geraubt worden. Wo ist sie jetzt?“, fragt Erdmute und sieht der Hexe mutig ins Gesicht.
Caya seufzt: „Sie ist auf Burg Mersingen. Jenseits des Walls. Zusammen mit drei anderen Mädchen, die wir retten konnten. Der Heerführer hat entscheiden, dass sie dort am sichersten sind. Denn es wird Krieg geben, jetzt nachdem der Wall gefallen ist.“
„Warum? Bei uns ist es auch sicher. Es geht ihr gut?“
Caya nickt bekräftigend: „Ja. Ich war selbst dort. Und wenn die Kämpfe vorbei sind, wird sie nach Hause kommen.“
„Wenn ihr das sagt“, weicht die Frau aus.
Die Hexe fühlt sich schrecklich damit, erneut ihr Wort im Namen Gernots zu geben. Sie kennt den Mann nicht und es war sicher nicht ihre Entscheidung, die Mädchen auf die Burg zu bringen.
Sie räuspert sich: „Grazioso Malleus wollte noch mit euch aushandeln, ob ihr Lebensmittel an das Heer liefern könnt. Ich werde ihn holen. Was schulde ich euch für Unterkunft und Tee?“
„Nichts, Herrin.“
„Vielen Dank für eure Gastfreundschaft“, lächelt Caya und tritt hinaus.
Malleus und Akardius sitzen auf einer der Bänke am Brunnen und unterhalten sich mit der hübschen, rothaarigen Heilerin aus Chaykas Truppe. Caya sieht sich um, aber von der Barbarin ist nichts zu sehen.
Stattdessen lächelt die junge Frau sie an: „Ah! Da bist du ja. Sagst du mir heute wer du bist?“
Die Hexe erwidert das Lächeln und sieht zu den Raben: „Gern. Bei einem Tee? Grazioso, Erdmute wartet auf euch im Haus.“

Kurz darauf sitzt sie an Malleus Platz auf der Bank und reicht der Rothaarigen einen Becher frischen Kräutertee. Akardius ist sitzen geblieben und beobachtet die Frauen, die sich abschätzend mustern.
„Also, was willst du wissen? Und wie heißt du überhaupt?“, fragt Caya herausfordernd.
„Ich bin Zuri, eine Shochzula. Na, wer du bist!“, grinst sie und kippt etwas Met in ihren Tee.
Die Hexe lacht: „Ich bin Caya, eine Tochter Satuarias und eine Freundin von Dornblatt. Wir kämpften gemeinsam gegen die Nekromanten am Wall. Und ich bin dir sehr dankbar dafür, dass du Arras und Muhamar das Leben gerettet hast. Was genau ist eine Shochzula?“
„Ich rede mit den Geistern und dem Wald und all diese Dinge. Und ich beobachte sehr aufmerksam die Veränderungen. Irgendwas geht hier vor sich. Also gehören der Sonnenmann und der Krieger dir?“
„Ja, der Sonnenmann und Muhamar gehören mir“, sagt Caya mit Nachdruck und ignoriert Akardius Seitenblick.
Dieser beugt sich neugierig vor: „Was meint ihr damit, es geht etwas vor sich? Hat es mit Al`Zul zu tun? Oder den Blutopfern im Wald?“
Zuri lacht die Hexe an: „Chayka war verdammt sauer, dass du sie ihr weggenommen hast. Ist wutschnaubend in Richtung Osten.“
Dann sieht sie zum Raben: „Ja. Die Macht Al`Zuls wächst und wächst. Jetzt wo die Nekromanten sie nicht mehr abzapfen und in den Wall leiten. Die Bauern hier haben nur einen Weg gefunden sie zu nutzen. Das hat nichts damit zu tun, was vor sich geht.“
Caya fragt: „Hast du es ihnen beigebracht?“
„Nein. Das ist schon alt“, lacht Zuri sie aus.
Die Hexe hakt nach: „Die Nekromanten haben die Kraftline genutzt, um den Dämon im Wall zu binden?“
Die Rothaarige zuckt vage mit den Achseln.
„Nun, der Dämon ist fort. Wir sind hinabgestiegen und haben ihn gebannt. Boron, um genau zu sein“, erklärt sie.
Zuri schaut sie überrascht an: „Das ward ihr? Und der tote Rabe?“
„Ja. Du fragtest, wer ich bin. Ich bin die goldene Schlange, das ist der weiße Rabe und im Haus ist der schwarze Rabe und er brachte den toten Raben dazu den Dämon zu bannen.“
Das erste Mal sieht die Shochzula nachdenklich aus. Caya trinkt lächelnd einen Schluck Tee. Akardius schaut ebenso gedankenversunken in die Ferne.
„Al`Zulam ist ein Ort von großer Macht, ein heiliger Ort. Chayaka will Al`Zul, denn er darf nicht in die falschen Hände geraten. Damit das klar ist! Deshalb ist auch eine ältere, weisere Shochzula dort und Chayka kämpft gegen die Blutlosen und die Nekromanten, weil sie ihn wollen. Doch die Macht ist in Aufruhr. Ich bin hier, um zu sehen, was passiert. Ob es für die Menschen gefährlich wird, wenn die wilde, ungezügelte Kraft der Erde weiter anschwillt.“
Akardius fragt: „Würde Chayka sich mit uns verbünden und gegen die Nekromanten kämpfen?“
„Ob sie sich verbündet, weiß ich nicht. Sie kämpft eh immer gegen sie. Aber Al`Zul gehört uns.“
Akardius nickt: „Könnte Al`Zul sich nicht ebenso mit uns verbünden?“
Zuri lacht herzlich auf: „Bittest du den Bären, mit dir gegen den Wolf zu kämpfen?“
Er lässt nicht locker: „Ihr kennt die Kraft, ihr könntet für uns sprechen und sie lenken.“
Noch immer lächelnd erwidert sie: „Lass es mich so sagen, ich bin eine kleine, kleine Frau und du bittest mich einen Berg zu versetzen.“
Caya wirft ein: „Ich könnte dir helfen!“
Zuri lacht erneut auf: „Ihr seid doch verrückt!“
Der weiße Rabe erwidert ernst: „Wir haben bereits einen Berg versetzt und der Wall ist gefallen.“
Kopfschüttelnd steht die Shochzula auf und begrüßt ihre Freunde, die augenscheinlich mit einem Wolf aus einem Haus in der Nähe treten.
Caya grinst Akardius zu und sieht sich nach dem Sonnenmann um.

Sie findet ihn unweit, mit einem Büschel dicker, goldener Ähren in der Hand auf einige Bauern einreden. Die sehen ihn ungläubig, aber zumindest nicht furchtsam entgegen. Sie gesellt sich hinzu und fühlt sich an ihre eigene, recht kurze, Unterweisung über Peraine erinnert, bevor es damals in eine Diskussion um Sumu und das Leben selbst abrutschte.
Arras versucht, in glühenden Worten die Prinzipien der Gütigen den Menschen ans Herz zu legen. Aber er ist Praiot, kein Perainepriester und so sind seine Kenntnisse eher theoretischer Natur und seine Worte recht schnell erschöpft.
Caya rettet ihren Liebsten lächelnd: „Verzeih, möchtest du frühstücken, bevor wir aufbrechen?“
„Äh... ja“, drückt er dem Vordersten den Strauß in die Hand.
Er seufzt und streicht sich ein paar Körner von der Robe. Leise lachend läuft sie neben ihm.
Sein strafender Blick trifft sie: „Das ist nicht hilfreich.“

Während des gemeinsamen Frühstücks auf den Bänken am Brunnen fällt das Thema der vier erneut auf die Kinder. Malleus berichtet, dass Erdmute davon ausgeht, dass sie Geiseln sind, nach allem, was die Herrin erzählt hat. Caya macht ihren Unmut darüber deutlich, dass er nicht klargestellt hat, dass es nicht ihre Idee war, sie nach Burg Mersingen zu bringen.
Malleus sagt besonnen: „Es ist schwierig zu beurteilen, was der richtige Weg ist. Gernot von Mersingen hat sicherlich recht damit, das Kindeswohl vorne an zu stellen. Doch ich verstehe auch die Menschen hier. Mein Gefühl sagt mir, es wäre besser, sie zu ihren Eltern zu bringen. Ich hinterfrage dennoch meine Motivation. Ist es wirklich besser für die Kinder oder nur besser für mich, um Vertrauen zu schaffen.“
„Das Problem ist, sie vertrauen uns nicht. Ihre Wahrheiten sind eingefärbt von den Schrecken dieses Landes und ihren Erlebnissen. Unser Wort als Geweihte hat hier kein Gewicht“, wirft Arras ernst ein.
„Ihr habt recht Bruder. Doch auch dies kann man ihnen kaum zum Vorwurf machen. Wir haben sie zu lang ohne unsere Führung gelassen“, erwidert der schwarze Rabe.
Der Praiot fügt hinzu: „Ich konnte an den Menschen hier nichts Schlechtes oder Böses feststellen. Ja, sie haben sich von den Zwölfen abgewandt, aber ich bin überzeugt, dass sie Anleitung bedürfen, um zurückzufinden und keine Bestrafung. Ich habe kein gutes Gefühl dabei, was passiert, wenn meine Glaubensbrüder oder eure auf sie treffen. Sie sind so, naja, streng in ihren Ansichten.“
Für einen Moment herrscht Schweigen im Tisch. Malleus nickt langsam, die Worte des Praioten abwägend.
Caya fasst sich ein Herz: „Ehrlich gesagt, fühle ich mich sehr unwohl dabei, den Menschen zu versichern, dass sie ihre Kinder wiedersehen. Ich stehe zu meinem Wort, ich bin Horasierin und es ist eine Frage der persönlichen Ehre. Doch in diesem Fall spreche ich nicht in meinem Namen, sondern im Namen des Markgrafen, einem Mann, den ich gar nicht kenne.“
Malleus schweigt, doch Akardius wirft ein: „Gernot von Mersingen ist ein Mann von großer Ehre und tadellosem Ruf. Keine Sorge, Herrin, wenn er sein Wort gibt, dass die Mädchen nach Hause können, dann hält er es. Die Kinder sind dort in den allerbesten Händen und es ergeht ihnen gut.“
Caya nickt dankbar.
Der weiße Rabe sieht Malleus an: „Trotzdem, wenn ihr mir erlaubt frei zu sprechen, Bruder, glaube ich auch, sie gehören zu ihren Eltern. Könnt ihr dies nicht noch einmal ansprechen, wenn sich die Gelegenheit ergibt?“
Die Hexe fügt hinzu: „Womöglich kann man die Kinder, deren Dörfer hinter der Front, sollte sich so etwas ergeben, liegen, zurück zu ihren Familien lassen. Noch sind sie keine Waisen.“
Malleus nickt besonnen. Muhamar bringt die ersten zwei Pferde und schlingt die Zügel um einen Pfahl. Sie sind gestriegelt und fertig gesattelt. Pflichtbewusst nickt er seiner Beyrouna zu und verschwindet erneut im Stall. Aus der gleichen Richtung kommt Zuri zu ihnen geschlendert.
Sie mustert Malleus anerkennend: „Und Rabenmann? Alles geklärt? Sehen wir uns jetzt öfter?“
„Kennt ihr die Dörfer in der Gegend? Wie sind die Menschen in Altentann?“, fragt er zurück.
Sie lacht ihn frech an und guckt provozierend auf den Wappenrock: „Ich würde sagen freundlich. Was du sagst, weiß ich nicht.“
Der Rabe zeigt keine Regung: „Was ist mit Altbergenbach.“
Sie spuckt aus: „Rückgratloses Pack!“
Caya meint, ein Schmunzeln in Malleus Augen zu sehen, als er sagt: „Freundlich und rückgratlos als Einteilung würde mir reichen. Bleichau?“
Zuri spuckt auf den Boden.
„Wiesenfelden?“
„Freundlich, aber die Finger weg von deren Eintopf“, grinst die Rothaarige.
„Trollenwehr?“
„Trollenwehr ist verlassen und Westerklotz wird von Chayka gehalten, wenn sie nicht gerade mal wieder Altzoll einnimmt. Und sehen wir uns jetzt öfter?“, ihr Blick gleitet an Malleus entlang.
„Könnte sein“, weicht er aus.
Sie verabschiedet sich mit einem letzten anerkennenden Blick und einem Zwinkern für Caya und schlendert zu ihren Leuten, nun eindeutig als Teil von Chaykas Bande zu erkennen.
„Ich habe mir etwas überlegt. Ich würde gern zurück ins Lager reiten, mit Perdan reden, ob er sich der Menschen hier in Geisfeld annimmt. Dazu mit meinen Glaubensbrüdern sprechen und sie auf die Situation und die Menschen vorbereiten...“, sagt Arras.
Cavarya sagt: „Das halte ich für eine gute Idee. Grazioso Perdan ist sicherlich der beste Mann dafür. Allerdings möchte ich, dass Muhamar dich begleitet.“
Ihr Liebster schmunzelt: „Ich reite nicht in Feindesland und werde nicht mit Ucurian kämpfen müssen. Das mache ich mit Worten. Ich brauche seinen Schutz nicht. Du hingegen schon. Ihr wisst nicht, was euch erwartet.“
Sie sieht es in seinen Augen, er wird allein gehen. Und er ist störrisch, der lästige Praiot.
„Also gut. Lass dich nicht klauen, Sonnenmann.“
Er grinst, beugt sich herab und küsst sie zum Abschied: „Mach keine Dummheiten, Hexenweib.“
Arras sagt ernst in Richtung der Raben: „Passt gut auf sie auf.“
Sie küsst ihn ein weiteres Mal, dann ist er bei Goldfünkchen und steigt auf.
Bevor sie gleichfalls aufbrechen, versucht die Hexe bei Erdmute Malleus Versäumnis zu korrigieren. Sie stellt klar, dass es nicht ihre Entscheidung war, dass die Kinder auf Burg Mersingen sind. Gleichzeitig versichert sie ihr erneut, dass es Liabeth dort gut geht. Sie hat nur mäßigen Erfolg, wie sie in Erdmutes Reaktionen erkennt. Natürlich haben die Leute keinen Grund ihren Worten zu glauben oder ihr gar zu vertrauen. Caya hofft im Stillen, Arras hat Erfolg und Perdan mit all seiner Güte und Freundlichkeit wendet sich diesen Menschen hier zu.
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