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David Poller - Mensch

von Lance
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Engel & Dämonen Fabeltiere & mythologische Geschöpfe
03.10.2021
03.10.2021
4
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03.10.2021 2.425
 
Der Wecker des Handys schrillte auf und riss David ruckartig aus dem Schlaf.
Noch halb schlafend tastete er nach dem nervigem Stück Plastik.
Irgendwas erwischte er und wischte es mit einem trägen aber durchaus effizienten Wisch vom Nachtisch.
Sofort wurde es wieder still und David setzte sich genervt auf.
Dieses Schrotteil, was man früher mal Handy genannt hatte, war sicher wieder einmal aus gegangen und David setzte sich gähnend seine Brille auf, ohne die er so gut wie blind war.
Wie er befürchtet hatte, lag sein Handy mit dunklem Bildschirm auf dem Boden und David machte sich nicht einmal die Mühe,  es wieder zu starten. Wozu auch, schließlich war er jetzt wach und er hatte auch keine Freunde, die ihm  schreiben würden.
Mit Zombiehaften Schritten wankte David aus seinem viel zu kleinem Zimmer ins Wohnzimmer wo er den Vorwurfsvollen Blick seiner Mutter eher spürte als wirklich sah.
"Naja, wenigstens hast du deine Brille  auf."
Klang die kratzige Stimme einer jahrelangen Kettenraucherin und David winkte nur ab und nahm Kurs auf das Badezimmer. Es war wie jeden Morgen, ihr kleines Ritual und David sah sich schlaftrunken im Spiegel an.
Seine Arschblonden zotteligen Haare gehörten eigentlich längst wieder geschnitten, wenn David es nicht hassen würde zum  Friseur zu gehen. Seine braunen Augen, die ihn irgendwie immer an altes Holz  erinnerten sahen David mit einem müden und erschöpften Ausdruck an, der nicht nur von der Müdigkeit her rührte.
David war dünn, regelrecht dürr ohne sichtbare Muskeln oder andere körperliche Vorzüge.
Mit einem Seufzten, entließ er sich  selbst von diesem traurigem Anblick, legte seine Brille ab, drehte das Wasser auf und klatschte sich eine ordentliche Fuhre ins Gesicht.
Kaum hatte er, dieses mal mit einem abgetragenem schlichten weißem Shirt und einer Jeans begleitet das Bad verlassen, setzte er sich zu seiner Mutter an den Tisch, schnappte sich eine trockene Scheibe Toast und begann lustlos darauf herum zu kauen.
Seine Mutter war nicht einmal 40, sah aber inzwischen aus, als wäre sie weit über 50.
Die früher schönen braunen Haare waren von grauen Strähnen durchzogen. Die Haut mit feinen aber sichtbaren Falten übersäht und hat von ihrem Jahrelangem Zigarettenkonsum eine ungesunde Färbung angenommen.
Wie jeden Morgen schob sie die Packung der billigsten Wort näher zu ihm und sah David besorgt an.
"Was?" Knurrte dieser genervt und ignorierte die Packung einfach.
"Wie läuft es in der Schule Liebling?"
Einen Moment trafen sich die Blicke der beiden, dann stand David auf, schnappte sich noch zwei Scheiben und verzog sich wieder in sein Zimmer.
Seine Mutter war kein schlechter Mensch, das wusste David und sie würde ihm gern ein besseres Leben bieten können, aber das änderte nichts daran, das sein beschissenes Leben nun mal war, wie es war!
Seinen Vater hatte er nie kennengelernt und in den wenigen Momenten, wo seine Mutter ihn erwähnt hatte, war er immer nur das Arschloch gewesen.
Sie lebten, soweit er zurück denken konnte von Hartz 4 und hatten durch ihre Schulden und ihrer Raucherei nicht mal Geld für anständige Klamotten. Ja, zeitweise nicht einmal was zu Essen im Kühlschrank!
In der Schule gab es kaum einen Tag, in dem David deswegen und noch anderen subtileren Gründen nicht gemobbt wurde und auch außerhalb der Schule hatte er keinerlei Freunde, bis auf Sebastian, der allerdings am anderen Ende Deutschlands wohnte und sie sich bisher nur über das Internet kannten.
Ja, das war das großartige Leben des David Poller! Schoß es ihm wütend durch den Kopf, während er die Bücher und Ordner unsanft in seinen Rucksack beförderte, der noch immer leicht nach saurer Milch roch.
Auch wenn David noch Zeit gehabt hätte, zog er sich an und machte sich ohne auch nur ein Wort auf den Weg nach draußen.
Wenn David Glück hatte, war Schrank noch nicht in der Schule und er kam Ausnahmsweise einmal ohne Willkommensgruß ins Gebäude.
Die Hoffnung wurde zunichte gemacht, als der alte stinkende Aufzug des Blockhauses zwischen dem 7ten  und 6ten Stock stehen blieb.
Das war für David nichts neues. Sobald jemand anderes den Aufzug rief, würde er wieder funktionieren, David hoffte nur, das er nicht wieder über eine Stunde hier drin warten musste.
"Chantal hat in hart geluscht! Willt ah?"
Las David angewidert den neusten Satz an der Wand vor. Das Viertel, in dem er lebte konnte man nur als Problemviertel bezeichnen, wenn man ein hoffnungsloser Optimist  war.
Die Bullen, Drogen, Gewalt und noch andere widerlichere Dinge waren in seiner Nachbarschaft längst Normalität geworden.
Mit einem Ruck fuhr der Fahrstuhl wieder los und hielt zu seiner Erleichterung im  Erdgeschoss.
Ein Mädchen, nicht sehr viel Älter als er, mit einem wulstigen Babybauch und einer Wodkaflasche in er Hand, sah David mit leeren Augen an, als er sich so schnell er konnte an ihr vorbei schob.
Das Mountainbike, das David vor 3 Tagen gewonnen hatte lag angekettet am Fahrradständer. Zumindest das, was davon noch übrig geblieben war. David konnte sich einmal daran erfreuen, nämlich, als er vom Laden aus damit nach Hause gefahren war.
Am nächsten Morgen waren die Reifen aufgestochen und am Nachmittag waren sie völlig verschwunden. Inzwischen war nur der Rahmen übrig geblieben und David wusste, das es nicht lang dauern würde, bis auch dieser mitsamt der billigen Kette verschwinden würde.
Seufzend machte er sich auf den Weg.
Kaum hatte er das schlimmste hinter sich gelassen, schien die Welt eine andere zu werden. Zumindest für alle anderen.
David sah einem Mädchen nach, das mit knappem Outfit die Straße entlang lief.
Er wusste, das sie in seine Schule ging, aber wie sie hieß, konnte er nicht mal sagen.
Immer mal wieder traf David auf Bekannte Gesichter. Sie alle trafen sich vor der Schule mit Freunden um mit ihnen zusammen in die Schule zu gehen. Alle außer David natürlich.
Als er nach etwas über eine viertel Stunde die Schule erreicht hatte, rutschte sein Herz in die Hose.
Natürlich war heute nicht sein Glückstag!
Ein breit gebauter, finster dreinblickender Junge saß vor dem Eingang auf der Treppe, flankiert von  zwei weiteren Jungs. Sein kantiges Gesicht und die kleinen böse funkelten Augen allein ließen schon ahnen, das Jerome in seiner Freizeit nicht Kätzchen von Bäumen rettete.
Schrank, wie man ihn in der Schule nannte, schien über irgendwas zu lachen, was er gerade gehört hatte, als David durch das Tor trat und zu dem Schwarzhaarigen Jungen sah, der auf der anderen Seite der Tür saß.
Wie sein richtiger Name war, wusste David nicht, nur das ihn alle Twix nannten, da seine Mutter ihm seid der Grundschule jeden Tag eines davon mitgab.
Twix war genau die Person Mensch, die David so gern wäre.
Er war bei allen beliebt, die Mädchen rannten ihm nach und er schrieb in jedem Fach die besten Noten.
Twix schien seinen Blick bemerkt zu haben, denn er sah auf und stieß dann Schrank an, dessen Blick alarmiert über den Schulhof wanderte, bevor er an David haften blieb und sich ein gehässiges Grinsen auf sein Gesicht stahl.
"Na guten Morgen Polly. Komm mal ran!"
David blieb wie angewurzelt stehen.
Er machte diese Tortur seid der 5ten Klasse mit,  aber jedes mal wieder überkam ihm die Angst, wenn er wusste was ihn erwarten würde.
"Was für ein Spinner!" Flüsterte ein Mädchen zu ihrer Freundin als sie schnell an ihm vorbei eilten.
"Boah, der stinkt ey!" Sagte die andere lachend und David überlegte, ob  er einfach wieder kehrt machen sollte.
"Polly!" Dieses mal klang seine Stimme schärfer und David wusste, das es im Grunde keinen Unterschied machte, ob er heute oder morgen drangsaliert wurde. Weder würde ihm  jemand helfen, noch würde sich irgendjemand für ihn interessieren, also versuchte er das schlimmste zu verhindern und trat langsam zur Treppe.
"Kein guten Morgen zu deinem Homie?"
David sah starr auf die Stufe vor sich und presste so gut er konnte ein Morgen hervor.
"Ich hab nix verstanden, Alter!"
"Morgen!"
Sagte David mit zittriger Stimme und Schrank erhob sich langsam und drohend.
"Das üben wir jetzt nochmal!"
Im  ersten  Moment wusste David gar nicht wirklich, was da überhaupt passierte.
Er spürte einen harten Stoß an seiner Schulter. Dann kippte die Stufe unter ihm einfach weg und erst als er auf dem Boden landete kam auch der Schmerz.
Die Wucht des Aufpralls hatte David alle Luft aus der Lunge gepresst, so das er Mühe hatte zu Atmen.
Trotz allem hörte er da höhnische Lachen von Schrank näher kommen. Dann ein zischendes, sehr unappetitliches Geräusch, bevor etwas nasses und schleimiges seinen Nacken traf.
"Strike!"
David fühlte sich, als würde er all das aus einer großen Entfernung nur beobachten, trotzdem stiegen ihm die Tränen in die Augen und er versuchte sich trotz der Schmerzen in seinem Rücken aufzurichten.
"Liegen bleiben!"
Dieses mal schrie David auf, als ihn der Tritt traf und er mit dem Gesicht voran auf den Boden knallte.
"Komm, das reicht Schrank."
David konnte nicht verstehen, was noch gesagt wurde, da ein dumpfes Hämmern und rauschen in seinen Ohren alles übertönte, aber nachdem nach einigen Momenten voller Angst keine neue Attacke kam, sah David vorsichtig auf.
Alles war verschwommen, aber Schrank hätte er dennoch erkannt, aber David war allein.
Nach einigem tasten fand er sogar seine Brille, die ihm beim  Sturz von  der Treppe wohl runtergerutscht war. Die  Bügel fühlten sich nicht mehr richtig an, aber zum Glück waren die Gläser noch ganz. David sah sich  kurz um, er war völlig alleine.
Ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was da eben passiert war oder  wie lang er dort gelegen haben musste, rannte David los.
Es war nicht das erste mal, das Schrank ihn zusammen geschlagen hatte und auch nicht das erste mal, das David die Schule schwänzte und sicher auch nicht das letzte mal, aber das war ihm vollkommen egal!
Eigentlich wollte David einfach nur nach Hause, sich in sein Zimmer einschließen und nie  wieder heraus kommen, aber heute war Freitag, das hieß, das seine Mutter noch Zuhause war!
Nachdem er sich einigermaßen wieder gefangen hatte bemerkte David erst, das sein weißes Shirt von Roten Flecken durchtränkt war und als er sich in ins Gesicht fasste, spürte er eine warme klebrige Flüssigkeit.
So konnte er sich nirgendwo blicken lassen, das war ihm klar. So machte David kehrt und ging in ein altes Industrieviertel, wo er schon sehr viele Stunden verbracht hatte.
Hier hatte David seine Ruhe und konnte die Zeit tot schlagen, bis seine Mutter die Wohnung verlassen hatte.
Er schlenderte ein wenig durch die verfallenen Gassen und hasste sich selbst wieder einmal dafür, das er so schwach war.
Warum musste er auch unbedingt er sein?
Warum lief alles, einfach alles in seinem Leben schief?
David schaffte es ja nicht mal einigermaßen anständige Noten zu schreiben, in der Hoffnung wenigstens in  der Zukunft ein besseres Leben führen zu können.
"Verdammte...Scheiße!" Zischte er und trat eine Verpackung weg.
David wusste nicht, wie lang er durch das Viertel gelaufen war und es interessierte ihn auch wenig.
Aber auf einmal blieb er wie angewurzelt stehen, als er eine Stimme hörte.
David wusste selbst nicht genau wieso, aber er schlich sich weiter vor, bis  die Stimme so nah war, das sie um die Person um die nächste Ecke sein musste.
"Wir können nicht mehr warten Nea, versteh das doch! Ich weiß, du hast deine Prinzipien und jeder von uns versteht das. Aber wenn es so weiter geht..."
Vorsichtig wagte David einen Blick und auf einen Schlag, war alles davor  gewesene vergessen.
Die zwei Menschen, die dort standen schlugen David sofort in seinen Bann. Noch nie hatte er solche Menschen wie sie gesehen. Nicht nur das sie gekleidet waren, als würden sie aus dem 18ten Jahrhundert stammen, ihre Ausstrahlung, einfach alles an ihnen wirkte so unfassbar anders.
Die Stimme, die er gehört hatte, gehörte einem Hochgewachsenen schwarzhaarigem Mann, der einen ebenso schwarzes altertümliches Frack trug.
Die andere Person war weiblich. David konnte nur schwer sagen, wie alt sie war, zum einen wegen  des weiten weißen Kleides, aber auf der anderen Seite, weil ihr wunderschönes, von hellen Blonden Haaren eingerahmtes Gesicht irgendwie alterslos wirkte.
Sie beide strahlten eine seltsame Würde und Stärke aus, die David völlig aus der Bahn riss.
Wenn er so wäre wie die beiden, dann würde er nie wieder von Schrank gemobbt werden, das war ihm völlig klar.
"Markus, ich möchte nicht nur das tun, was nötig ist, sondern auch was richtig ist. Wir können nicht einfach über das Leben anderer Entscheiden, versteh das doch bitte. Dann wären wir  nicht besser als sie!"
Ihre Stimme war klar und rein, wie die eines Engels und David wünschte sich von ganzem  Herzen, das sie einfach weiter reden und nie wieder aufhören würde.
Der Angesprochene, Markus seufzte nur und Nea, wenn es David richtig verstanden hatte, legte diesem eine ihrer zierlichen Händen auf die Schulter.
"Veränderung kann etwas gutes sein Markus, aber erzwungen ist sie  nichts anderes, als der Quell von Leid und Trauer. Habe ich nicht Recht David?"
David zuckte zusammen und wollte davon rennen, aber sein Körper  gehorchte ihm nicht.
"Komm her!" Zischte Markus mit einer so kalten und bedrohlichen Stimme, das Schrank beinah wie ein Heiliger wirkte. Wie von  selbst setzten sich seine Beine in Bewegung und er sah das eigenartige Paar voller Angst und Panik an.
"Was hast du gehört?" Fragte Nea, mit ruhiger, beinah amüsierten Stimme.
"Alles..." Sagte David ängstlich. Er war es gewohnt Angst zu haben, aber das, was er in diesem Moment fühlte war eine gänzlich andere Angst, als die, die er vor Schrank und seinen Freunden hatte.
"Was würdest du davon  halten David, wenn sich dein Leben von  heute auf morgen völlig ändern würde? Was wäre, wenn du die Möglichkeit hättest, jemand anderes zu sein und nicht mehr..." Sie sprach nicht weiter, aber ihr Blick, der ihn regelrecht abtastete sagte mehr als genug.
"Bist du dir sicher?" Fragte Markus mehr überrascht als wütend und Nea nickte lächelnd.
"Ich  gebe dir bis heute Abend Zeit, zu überlegen David."
Sie gab Markus ein Zeichen und sie liefen einfach davon.
David stand da, wie angewurzelt, einfach nicht begreifend was da gerade passiert war.
Wer waren diese beiden Menschen gewesen, was meinte Nea damit, das er jemand anderes sein konnte und woher zur Hölle kannte sie seinen Namen?
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