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Chance des Lebens

von Feodora29
KurzgeschichteFreundschaft / P12 / Gen
Eunhyuk Kyuhyun OC (Own Character)
03.10.2021
28.11.2021
17
39.101
 
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03.10.2021 2.316
 
So hatte ich mir das Ende des Urlaubes nicht vorgestellt. Bisher war es doch so schön gewesen und alles nach Plan verlaufen. Aber beim Rückflug von Japan nach Deutschland strandete ich unfreiwillig in Seoul. Der Zwischenstopp war geplant, war diese Anbindung günstiger gewesen, aber beim Weiterflug nach Deutschland gab es Probleme. Erst hieß es, der Anschluss hätte Verspätung, das hatte ich noch in Tokio meinem Handy entnehmen können. Als ich hier ankam, war ich noch guter Dinge, dass mein Flug eventuell verzögert, aber zumindest starten würde. Ich müsste nur statt der eigentlichen vier Stunden vermutlich fünf oder vielleicht sechs warten. Würde hart werden, wenn ich bedachte, wie lange ich noch bis Deutschland brauchen würde, aber gut. Doch dann erhielt ich noch bei der Gepäckausgabe die schlechte Nachricht. Mein gebuchter Flug fiel aus! Warum oder weshalb, wusste ich noch nicht. Das würde ich als nächstes überprüfen, sobald mein Gepäck durch war.

Beinahe alle Passagiere hatten ihres schon, nur ich wartete noch. Oder falsch, ein weiterer war hinzugestoßen, ein Mann. Vermutlich auch Koreaner, er trug aber eine Maske. Zum Glück wurde ich nicht schräg angesehen. Obwohl ich die deutsche Staatsbürgerschaft besaß, weil ich in Deutschland geboren worden war, hatte ich das Aussehen einer Koreanerin. Zumindest überwiegend, denn bei genauerer Betrachtung kamen dann doch auch ein paar Gene meines deutschen Vaters durch. Vor allem bei der Größe, da war ich als Frau mit koreanischen Wurzeln mit 1,69 m doch recht groß.

Genervt stieß ich die Luft aus, weil sich das Band endlos bewegte und nichts ankam. Ich war beinahe versucht, die Flughafeninformation aufzusuchen, da rollten die letzten zwei Gepäckstücke an. Der Mann neben mir wirkte erleichtert, ich vorerst auch. Aber nur so lange, bis ich dann in der Flughafenhalle und spätestens an der Information mitbekam, dass meine Airline bankrottgegangen war und deshalb alle Flüge ersatzlos strich. Prima, da saß ich nun in Seoul fest, dem Heimatland meiner Mutter. Doch ihre Verwandten wohnten in Busan und ich hatte wenig Lust, nun durch das Land zu reisen. Ich wollte wieder nach Hause, in eineinhalb Wochen waren die Ferien in Berlin zu Ende, zumindest für mich, weil ich als Lehrerin schon eher dort sein musste. Es wäre mein drittes Jahr, vielleicht ließ man mich mal auch mehr von meinen Fächern unterrichten, vor allem Mathe. Bisher war ich eher als Sportlehrerin eingesetzt worden. Oder als Vertretung.

Ein Blick auf die Pläne verriet mir auch, dass kein Flug für heute nach Deutschland gehen würde. Ich hatte auch ehrlich gesagt nicht mehr so viel Geld übrig, um einen teuren Flug nehmen zu können. Zur Krönung dessen kam noch die Durchsage, die Menschen sollten sich nach Hause begeben, eine schlimme Schlechtwetterfront sollte über Seoul und die Umgebung fegen. Das bescherte mir spätestens dann Probleme, als ich vor dem Flughafen von Incheon nach einer Unterkunft auf dem Handy suchte. Der Regen und der Wind waren schon wirklich nicht zu unterschätzen, Autos fuhren auch gleich weniger. Aber ein Taxi konnte ich mir erst recht nicht leisten, nicht, wenn ich auch noch eine Unterkunft brauchte. Also lief ich zu Fuß mit meinen Koffer los.

Schon nach wenigen Metern fragte ich mich, was das Schicksal gerade eigentlich gegen mich hatte. Eine Menge an kreischenden jungen Frauen hatte tatsächlich bei diesem Wetter Zeit sich zu sammeln. Ganz ehrlich, ich hatte keinen Nerv dafür und wich ihnen weitestgehend aus. Wer auch immer gerade hier ankam oder abreisen sollte, es war mir egal. Ich war selbst K-Pop-Fan, aber erst seit wenigen Jahren. Zuvor hatte ich mich mehr der deutschen Kultur angepasst. Durch das Studium war ich vor nun vier Jahren darauf gestoßen. Meine Güte, ich war alt geworden, wobei 27 Jahre sehr jung als Lehrerin galt.

Doch wie gesagt, im Moment hatte ich kein Interesse daran, welchem Idol sie womöglich hinterher rannten und das taten sie, so sehr, dass mich erst eine, später noch eine rempelte. Bei den ersten Malen ließ ich es mit einem genervten Blick über mich ergehen, doch als ich beim dritten Mal dadurch mit meinem Koffer ins Straucheln geriet, konnte ich mir einen deutschen Fluch nicht verkneifen. Es nahm nur keiner wahr. Weil mir das zu bunt wurde, suchte ich nach der nächsten Ampel, um die Straßenseite zu wechseln. Zur jener kam ich nicht, nur bis zum Rand der Straße, denn nun rannten ein paar der zurückgebliebenen Mädchen an mir vorbei und stießen mich. Ich kam endgültig ins Straucheln und bekam Angst, weil die Straße direkt neben mir war. Am Bordstein knickte ich weg, mein Koffer fiel auf den Gehweg und ich selbst lief soeben Gefahr, auf die Straße zu fallen.

Aber erstmals seit ich hier gestrandet war, hatte ich Glück, oder nein, einen Schutzengel an meiner Seite. Ein kräftiger Arm zog mich an meinem ruckartig aus der Gefahrenzone und kurzzeitig an sich. Erst als er sicher war, dass ich stand, nahm er Abstand. „Alles in Ordnung?“, fragte er. Noch unter Schock antwortete ich ihm auf Englisch, weil ich das die ganze letzte Woche in Japan ja auch getan hatte. Dabei beherrschte ich etwas Koreanisch, vielleicht nicht besonders fließend, aber ausreichend, um ihn zu verstehen. „Ja, Danke schön.“ Mein Puls raste, als ich ihn ansah. Er schob meinen Koffer heran und drückte mir diesen in die Hand. Kurz zögerte er, dann machte er kehrt und suchte schnell das Weite. Das Gekreische der Leute um mich herum ignorierte ich. Mir reichte so viel Aufregung für diesen Tag. Der Himmel begann die Schleusen zu öffnen, also suchte ich unter der nächsten Bushaltestelle vorerst Schutz, dabei war ich schon durchnässt, trotz Jacke.

Mutlos setzte ich mich auf eine Bank und seufzte tief. „Ich will nach Hause“, murmelte ich auf Deutsch. Wo sollte ich jetzt nur hin? Der Schock saß noch, sodass Tränen aus meinen Augen flossen. Das war im Moment alles so blöd, der schöne Urlaub in Japan, für den ich seit dem Ende meines Studiums gespart hatte, war schon vergessen. „Entschuldigen Sie“, sprach mich von der Seite ein Mann an. Ich zuckte hoch, er reichte mir vorsichtig einen Zettel. „Dies soll ich Ihnen geben.“ Zögerlich nahm ich diesen entgegen, nickte dankend, als jener dies tat und sich wieder entfernte. Nachdenklich blickte ich ihm nach, war verwirrt, weil er in einen schwarzen Van stieg, der nicht weit entfernt geparkt hatte. Erst als er weg war, faltete ich den kleinen Zettel auseinander.

Auf Englisch waren wenige Worte geschrieben. Falls du Hilfe brauchst, ruf hier an. PS: Der Helfer in Not. Nun war ich richtig verwirrt. War er der Mann gewesen, der mir gerade geholfen hatte? Es war aber ein anderer gewesen als der Überreicher der Nachricht. Wenn ich mich richtig erinnerte, kam er mir bekannt vor, nicht das Gesicht, man sah davon nicht viel. Aber seine äußere Aufmachung, es war derselbe gewesen, der auf sein Gepäck gewartet hatte. Hatte er da schon mitbekommen, dass ich hilflos aussah? Was für einen Anblick gab ich ab, wenn mir wildfremde Menschen Nachrichten zukommen ließen?

Unschlüssig sah ich die Telefonnummer an. Hatte ich was zu verlieren, wo ich gerade eh bei null stand, oder so gut wie? Einen Versuch war es wert, ich musste ja diese Hilfe nicht annehmen, falls sie überhaupt ehrlich war. Also wählte ich die Nummer und wartete nervös, dass abgenommen wurde. Dies geschah recht schnell. „Hallo?“, fragte eine Männerstimme und es konnte gut die des Helfers sein. „Ähm hallo. Hier spricht die junge Frau, der Sie soeben eine Nachricht übergeben haben?“, unsicher und holprig versuchte ich mich im Koreanischen. „Oh wow, Sie haben wirklich darauf reagiert. Also ich….“ Er schien auch verlegen und suchte nach den richtigen Worten. „Sie wirkten so, als könnten Sie Hilfe gebrauchen und irgendwie fühle ich mich schuldig, dass Sie beinahe gestürzt wären.“ Das verstand ich nicht richtig, vielleicht lag es an meinem fehlerhaften Koreanisch? „Ähm, danke für die Hilfe. Ich, also ich hab tatsächlich so meine Probleme. Ich bin unfreiwillig am Flughafen gestrandet. Mein Anschluss ist ersatzlos gestrichen.“ Warum sollte ich lügen? Vermutlich sah ich die Person eh nie wieder. „Oh, das erklärt vermutlich, weshalb Sie vorhin auf Englisch geantwortet haben. Sie leben nicht in Korea?“ „Nein, in Deutschland.“ „Ah, das ist ja wirklich weit. Haben Sie schon eine Unterkunft? Bei dem Wetter sollte man nicht lang draußen bleiben und ich hab gerade im Radio gehört, dass es schlimmer wird. Vermutlich unterbrechen sie die Flüge und einige andere öffentliche Verkehrsmittel auch.“ Na prima, wir hatten Hochsommer, Ende Juli und dann das. „Nein, ich war gerade auf der Suche nach einer…“ Leer ließ ich den Satz auslaufen, es klang ziemlich mutlos, was ich auch war. Außerdem war ich müde, es war ja schon Abend, Hunger bekam ich auch. Ich hätte mir ja später im Flughafen etwas gekauft, aber das konnte ich jetzt vergessen. „Also, nun….ich hätte da etwas, vorrübergehend. Bis Sie einen Flug bekommen. Und ich weiß, das klingt jetzt etwas unseriös, aber Sie könnten sich zunächst selbst ein Bild machen. Ich schicke eine Adresse und dann treffen wir uns dort? Es ist ein öffentlicher Ort, keine Sorge.“ Oh Gott, Lilly, was tust du da gerade? Spielst du echt mit diesen Gedanken? „Schicken Sie mir die Adresse und dann entscheide ich, ob ich komme. Ich muss sicher sein, dass es wirklich ein öffentlicher Platz ist.“ „Verstehe ich, es ist ein kleiner Laden, wie es viele hier gibt. Also dann, tschau.“ „Tschüss“, sagte ich und erhielt kurz darauf die Daten für den Treffpunkt.

Er hatte Recht, es war einer dieser kleinen Läden, die hier alles anboten und beinahe an jeder Ecke zu finden waren. Nur kam ich nicht umhin, das Taxi bis dorthin zu nehmen, aber tief in mir wollte ein Gefühl dieser Stimme Recht geben. Dass es auch gute Menschen ohne Hintergedanken gab.

Das Taxi bezahlte ich mit meiner Kreditkarte und wusste nur, dass es teuer war. Dabei kannte ich die richtige Umrechnung noch nicht, aber gerade war es mir egal. Ich stieg aus, rannte die letzten Meter zum Convenience Store und stellte mich unter das Vordach neben dem Eingang. Im Versuch, den Regen etwas loszuwerden, schüttelte ich mich und zog dabei das Handy aus der Tasche. Ich war etwas spät dran und blickte mich deshalb um. Die automatischen Türen des Stores öffneten sich und ein Mann kam heraus. Als er auf mich zukam, war ich verunsichert. Er trug eine andere Jacke, aber als seine Stimme gedämpft durch die Maske kam, erkannte ich ihn als den Mann am Flughafen wieder. „Sie sind ja völlig durchnässt“, stellte er schockiert fest. Ich zuckte leicht mit den Schultern. „Ist im Moment meine geringste Sorge“, versuchte ich es leicht lächelnd. Mein Gegenüber verbarg viel durch die Maske, lediglich die Augen konnte ich sehen, seine Haare waren unter einer Mütze verborgen. „Das verstehe ich, ich hab mich kurz belesen. Ihre gebuchte Airline ist wohl pleite gegangen und nun gehen auch keine Flüge mehr, solange dieses Wetter ist.“ Er klang mitfühlend und ich hatte nicht den Eindruck, ihm misstrauen zu müssen. Im Gegenteil, seine Stimme war angenehm. „Ich könnte wirklich etwas Hilfe gebrauchen“, gab ich zu. „Das soll jetzt nicht irgendwie nach einer Masche oder so klingen. Aber meine Unterkunft ist kein Hotel oder Pension. Die Beschreibung zweite Wohnung trifft es besser.“ Skeptisch nahm ich diese Information auf. Koreanisch zu verstehen war etwas leichter, als es selbst sprechen zu müssen. Wobei mir einfach bei beidem die Übung fehlte. „Ich soll also einem Fremden folgen und vertrauen? Dann gebe ich lieber mein letztes Geld für eine seriöse Unterkunft aus.“ Ich legte die Karten offen, er winkte beschwichtigend mit den Händen. Vorsichtig blickte er sich um, dann zog er die Maske herunter. Durch die Lichter des Ladens konnte ich sein Gesicht richtig erkennen. Noch als er mit Sprechen begann, machte ich vor Überraschung einen Schritt nach hinten. „Ich hege keine schlechten Absichten. Ich möchte mich nur für den Sturz revanchieren. Es waren meine Fans, die so hysterisch und aufgeregt waren, tut mir leid“, erklärte er sich und nun ergab alles Sinn. Seinetwegen waren diese ganzen Mädchen am Flughafen gewesen. Er war ein Idol und ich hatte ihn nicht erkannt, dabei stand er mir gegenüber! Erst durch das Abnehmen der Maske erkannte ich ihn als ein Mitglied von Super Junior. Jener Gruppe, auf die ich vor vier Jahren durch Mamacita erstmals aufmerksam geworden war.

„Oh Gott, Sie sind Eunhyuk“, sprach ich auf Englisch und vergaß mein Koreanisch kurz. Er grinste daraufhin schief, schob die Maske aber wieder rauf. „Im Moment bin ich privat unterwegs, also Lee Hyukjae. Hab ich jetzt zumindest etwas Vertrauen schaffen können?“, fragte er. Noch immer überwältigt nickte ich mechanisch. „Mein Name ist Lilly Lim. Oder naja, das ist der Name, den ich in Deutschland führe. Mein koreanischer Name ist Lim Nari.“ Keine Ahnung, warum meine Mutter so einen seltenen Namen gewählt hatte. Lilly war der Name, den ich bevorzugte. „Wie fällt Ihre Entscheidung aus, Lim Nari?“, fragte er mich schließlich. „Was für eine Unterkunft ist das denn jetzt genau?“ „Nun, es ist der Dorm von Super Junior. Ich würde sonst meine Wohnung vorschlagen, aber im Dorm sind mehr Räume und im Moment bewohnt ihn keiner“, erklärte er und schockte mich. Ich sollte wo kurz unterkommen? In der Wohnung von Idolen? Das rief regelrecht nach einen Skandal. „Wollen Sie Ihre Karriere durch mich ruinieren, Lee Hyukjae? Ich kenne leichtere Wege“, gab ich sarkastisch von mir, was ihm aber ein aufrichtiges Lachen entlockte. Jenes Lachen, was ihn so sympathisch machte.  „Eigentlich nicht, aber die Alternativen würde ich gerne mal aus reiner Neugierde hören wollen. Keine Sorge, es ist sicher dort, kein Fremder kommt auch nur in das Gebäude. Diese Wohnung gehört ausschließlich uns und Sie wären nicht die erste Frau, wobei es doch recht ruhig geworden ist. Dafür umso besser gerade, wir werden ihn vorerst nicht gebrauchen.“ Ich zögerte, aber was hatte ich zu verlieren? Ich weniger als er, wenn er das tat und anscheinend hatte er genug Vertrauen, dass es gut ging. „In Ordnung“, stimmte ich schließlich zu und ahnte nicht, in was ich mich hier gerade manövrieren würde.
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