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Konsequenzen

von nono2312
GeschichteDrama, Angst / P12 / Gen
Anthony "Tony" DiNozzo Leroy "Jethro" Gibbs Timothy "Tim" McGee Ziva David
01.10.2021
26.11.2021
24
38.576
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25.11.2021 1.866
 
Beide Männer holten ihre Ausweise hervor.
«Agents Donavan und Cole, FBI.»
Nein… Das konnte doch nicht im Entferntesten ihr Ernst sein, hier und jetzt aufzutauchen, während Tony noch im OP lag und sein Leben am seidenen Faden hing? Was zum Teufel sollte das hier?
Ich spürte Abbys verunsicherten Blick auf mir ruhen, war jedoch erleichtert, dass sie kein Wort sagte.
«Was zur Hölle wollen Sie hier?» Empört verschränkte ich meine Arme vor der Brust und starrte sie mit meinem eisigen Blick an, in der Hoffnung, sie einzuschüchtern. Sie hatten kein Recht, hier zu sein.
Es verwunderte mich nicht, dass sie hier auftauchten. Dennoch hätte ich erwartet, dass Director Vance uns etwas mehr Zeit lässt und wenigstens auf die Ergebnisse der Operation von Tony warten würde, bevor er tatsächlich das FBI einschalten würde.
Und wieso tauchte nicht Fornell hier auf? Weshalb wurden irgendwelche Kinder zu mir geschickt?
Agent Donavan war definitiv nicht älter als 25. Sein Anzug war zu gross, die Schuhe dreckig, seine kurzen, schwarzen Haare sahen ungepflegt aus, was ihn insgesamt zu einer schäbigen Person machte, den ich von der ersten Sekunde an nicht leiden konnte. Aber er hatte genug Selbstvertrauen, hier aufzutauchen und liess sich auch nicht von mir beirren. Dennoch sah ich ihm an, dass ihm unwohl zumute war.
Agent Cole hingegen war bereits älter, ich schätzte ihn auf ungefähr 40. Seine Lippen bildeten ein kleines, zufriedenes Lächeln, dass mich anwiderte. Er würde uns auf die Füsse treten, er würde dafür sorgen, dass ich ihn am liebsten erschiessen möchte. Kein Wunder, bei diesem faltigen Gesicht und überhaupt seiner Ausstrahlung. Ich ging nicht davon aus, dass er der Teamleiter war, womöglich war er ein Senior Agent. Aber was spielte das noch für eine Rolle? Sie waren aus einem bestimmten Grund hier.
Tony.
«Agent Gibbs, richtig?», ertönte die gutgelaunte Stimme von Agent Cole, der sich amüsiert durch die Haare strich. «Wie uns vorgelegt wurde, wissen Sie bereits, dass Anthony DiNozzo beschuldigt wird, einem Häftling zur Flucht verholfen zu haben, bei der auch insgesamt vier Menschen ihr Leben verloren haben.»
«Special Agent DiNozzo!», stiess ich aus und betonte dabei stark seinen Rang beim NCIS. Schiere Wut stieg in mir auf. Diese Mistkerle hatten hier nichts zu suchen. Tony wurde dazu gezwungen, niemals hätte er das freiwillig getan. Wieso hielt ihm niemand den Rücken frei? Der Director würde von mir einiges zu hören bekommen, sobald ich ihn in die Finger kriege. Es war wirklich entsetzlich, dass sie einfach so reinplatzten.
«Nicht mehr lange.», flüsterte Agent Cole leise zu seinem Kollegen.
Entrüstete starrte ich ihn an, ging einen Schritt auf ihn zu und packte ihn am Kragen.
«Was haben Sie gesagt? Wiederholen Sie, was Sie gesagt haben!», rief ich wütend, wurde aber sogleich von seinem Kollegen und Abby zum Loslassen animiert.
Immer mehr wurde mir schlecht, ich sah das Blut unter meinen Nägeln kleben.
Tonys Blut.
«Mein ranghöchster Agent wird seit Stunden operiert, wir wissen nicht, wie es um ihn steht! Und Sie haben tatsächlich den Mut hier aufzukreuzen, um… um was?», brüllte ich zornig, nachdem ich ihn losgelassen und mich wieder einen Schritt von ihm entfernt hatte. Meine Adern pochten schmerzhaft, als ich es aussprach. Meine Wut stieg ins unermessliche. Ich konnte mich nur schwer zurückhalten, diese zwei Kerle vor mir mit einer Waffe zum Gehen zu zwingen.
Dennoch würde es nicht helfen.
«Wir werden ihn verhaften. Es wurden eindeutige Beweise gesichert, die seine Schuld beweisen.», dröhnte die schmierige, grelle Stimme des Agents Donavan.
«Sie werden meinen Agent nicht verhaften! Selbst wenn er Informationen weitergegeben hat, dann weil er dazu gezwungen wurde und keine andere Wahl hatte!»
Meine Stimme bebte vor Zorn, den ich aber auch gar nicht verstecken wollte. Ich war wütend, dass durften die vom FBI gerne wissen.
Ich würde niemals zulassen, dass sie DiNozzo verhaften.
«Gleich nach der erfolgreichen Flucht von Adam Morris wurden auf Anthony DiNozzos Konto hunderttausend Dollar überwiesen – er wurde demnach zu gar nichts gezwungen.», erklärte Agent Cole mit einem genüsslichen Grinsen.
Wie erstarrt liess ich die Worte durchsickern und brauchte einen Moment zu realisieren, was er da gerade von ihm behauptete. Stimmte das? Wollte man ihm das alles etwa anhängen? Wer zur Hölle steckte bloss dahinter?
«Zum Teufel, das ist alles nur ein…»
Abrupt unterbrach ich mitten im Satz und starrte auf den gerade eingetretenen Arzt, der sich mit seiner Hand den Schweiss auf seiner Stirn wegwischte. Er sah deutlich erschöpft aus, seine Stirn hatte er in Falten gelegt, was für mich nichts Gutes zu heissen schien. Ich sah ihn direkt an und hatte das Gefühl, als ob ich in Tonys grüne Augen blicken würde. Seine wundervollen Augen.
Ob es vorhin in seiner Wohnung das letzte Mal war, dass ich in seine Augen schauen konnte? Konnte ich ihm sagen, dass er mir wichtig war und ich ihn nicht für einen Nichtsnutz hielt? Dass ich ihm vertraute?
Ich war so verletzend zu ihm gewesen. Würde Tony mir verzeihen und mir je wieder vertrauen?



***

«Du hast meinen direkten Befehl missachtet, DiNozzo! Nenn mir einen Grund, weshalb ich dich nicht auf der Stelle feuern sollte?!»
Mein Herz pochte wild, schmerzte gar. Meine Stimme war etwas laut geworden, dennoch hatte ich nicht gebrüllt, war bemüht ruhig gewesen.
Aber ich konnte meine Wut nicht vollständig verstecken. Wie konnte ich ihm denn so vertrauen? Er hörte nicht auf meine Befehle, was uns alle, vor allem aber ihn, in Gefahr brachten. Weshalb tat er nur sowas Dummes? Und es enttäuschte mich noch mehr, dass es in den letzten Wochen nicht das erste Mal war, dass er meine Befehle missachtete, Alleingänge machte oder sich einfach aus dem Staub machte. Wie konnte ich ihm denn so vertrauen?
«Ich…», versuchte Tony sich zu erklären, doch ich unterbrach ihn sofort.
«Du denkst nur an dich, verdammt! Ich kann dich so nicht gebrauchen!»
Gleich nachdem ich es ausgesprochen hatte, was mir schon seit einigen Tagen auf der Zunge lag, sah ich, wie sehr es ihn verletzte. Doch das spielte nun keine Rolle, darauf durfte ich keine Rücksicht nehmen.
«Ich wollte dir erklären…», erwiderte er und senkte seinen Kopf, als ich ihn erneut nicht aussprechen liess. Nein, seine Ausreden konnte ich mir nicht mehr anhören. Es reichte mir einfach. Er hatte das Fass zum Überlaufen gebracht.
«Ich kann mich nicht auf dich verlassen!»
Tony seufzte und öffnete seinen Mund, nur um ihn gleich darauf wieder zu schliessen.
Also fuhr ich wütend, enttäuscht von ihm fort: «Ich kann es einfach nicht mehr.»
Die Worte verletzten ihn, das sah ich. Seine smaragdgrünen Augen wurden glasig, als er zu mir aufblickte und erkannte, dass ich ihn enttäuschend anschaute.
«Boss.», brachte er schliesslich kraftlos hervor. «Meine Vergangenheit, deswegen… Du, … Du kannst mir vertrauen, Boss.»
«Was?! Dir vertrauen? Wohl eher nicht!»
Noch in derselben Sekunde, als ich diese Worte ausgesprochen hatte, wünschte ich mir, sie niemals laut gesagt zu haben. Ich wusste doch eigentlich, dass ich ihm vertrauen konnte. Aber… Aber er machte mich wahnsinnig mit seinem Verhalten, vor allem in der letzten Zeit. Weshalb konnte er denn auch nicht einfach mit mir reden? Wieso erst jetzt?
Jetzt war es einfach zu spät.
Tony hatte seine Augen weit aufgerissen und starrte mich so schrecklich verletzt an. Ich wünschte, es wäre niemals so weit gekommen.
«Dann wirst du morgen meine Kündigung auf dem Tisch haben.», erwiderte er krächzend leise, mit einem so traurigem Unterton, dass es mir das Herz brach.
‘Nein! Ich will nicht, dass du kündigst!’, dachte ich mir, doch aussprechen konnte ich es nicht.
Ich erwiderte nichts. Löste nur ungeduldig und sogleich mehr als wütend den Stoppknopf des Fahrstuhls, der daraufhin sofort wieder in Bewegung kam und uns hoch ins Grossraumbüro beförderte.
Wortlos liess ich ihn zurück.

***


«Wie geht es ihm?»
Abbys Stimme ertönte neben mir leise und riss mich aus meinen schrecklichen Erinnerungen, die erst ein paar Wochen alt waren. Ich hatte es mir selbst zuzuschreiben, dass es so weit gekommen war. Ich hätte ihm das niemals an den Kopf werfen dürfen. Und hätte ich das vor einigen Wochen nicht gesagt, dann hätte Tony sich mir anvertraut. Sich geöffnet, und nicht so etwas Dummes angestellt.
Mein Herz zerbrach in hunderte Teile, als ich an seinen traurigen Blick dachte und es fühlte sich schmerzhafterweise so an, als wäre es erst gestern gewesen. Dass er kündigen wollte, hätte ich niemals von ihm erwartet. War er schon länger unsicher wegen seines Jobs? Oder nur wegen mir? Waren es bloss meine Worte, die ihn zu einer solchen Entscheidung gedrängt haben?
«Doktor Ash.», stellte sich der Arzt freundlich mit ruhiger, bestimmter Stimme vor und fuhr anschliessend gleich fort. «Ich habe Agent DiNozzo operiert. Er wurde mit mehreren tiefen Stichwunden und oberflächlichen Schnittwunden im Oberkörper eingeliefert. Er hat eine Menge Blut verloren, aus diesem Grund ist er sehr schwach und musste von den Sanitätern zweimal reanimiert werden. Er hat zwei gebrochene Rippen, von denen sich eine in seinen rechten Lungenflügel gebohrt hat.»
Bevor er noch weiter den Zustand von DiNozzo erläutern konnte, wurde er von der panisch gestikulierten Abby unterbrochen, die nun aufgebracht nervös hin und her Schritt.
«Doktor, ist er über dem Berg?»
Hoffnungsvoll glitt mein Blick wieder zum Arzt, der nun erfreut nickte und seinen Mund wieder öffnete.
«Ja, die Operation verlief trotz Komplikationen gut.»
Es verstrich keine halbe Sekunde, als Abby auch schon ihre dünnen Arme um mich schlang und erleichtert quiekte.
Dann ergriff der Arzt erneut das Wort und hinterliess einen grossen Schrecken bei uns.
«Dennoch muss ich Ihnen mitteilen, dass Agent DiNozzo eine Überdosis Oxycodon zu sich genommen hat. Wir haben ihm bereits Naloxon intravenös verabreicht, eine Substanz, die als Antidot bei einer Opiodvergiftung angewendet wird. Wir hoffen, dass das Mittel rasch seine Wirkung zeigt und es zu keinen Komplikationen kommt.»
Die Angst bahnte sich ihren Weg in meinen Bauch und liess ihn verkrampfen. Ich spürte, wie sie den Weg in meine Fingerspitzen fand und sie stark kribbeln liess. Merkte, wie sich langsam Schweiss auf meiner Stirn bildete und überhaupt war mir schrecklich heiss.
Die erste Hoffnung, dass alles wieder gut werden würde, war innerhalb von Sekunden zerplatzt. Was hatte Tony bloss mit sich angestellt…
Stotternd ergriff Abby das Wort. «Was… Was w-wären denn möglich K-Komplikationen?»
«Atemdepression, starke Krampfanfälle, die bis hin zum Koma führen können. Wir sind aber guter Hoffnung, dass das Naloxon wirkt und es zu keinen Komplikationen kommt.»
Ich atmete tief ein, spürte, wie eine kleine Last von meinen Schultern viel und ich wieder zu Luft kam.
«Können wir zu ihm?», fragte ich nach einigen verstrichenen Sekunden und wartete ungeduldig auf die Antwort des Doktors. Ich will bei ihm sein, wenn er aufwacht. Ich will ihm unbedingt zeigen, dass ich da bin. Das musste ich einfach, das war ich ihm schuldig.
«Ja, aber nur eine Person. Er wird in wenigen Stunden aufwachen und benötigt wirklich sehr viel Ruhe. Er ist sehr schwach.»
Ein zufriedenes Lächeln fand den Weg auf meinen Lippen, als ich schon nur ‘ja’ gehört hatte. Ich durfte zu ihm, ihm beistehen.
Ein kurzer Seitenblick zu Abby genügte, um zu erkennen, dass ihr glasklar war, wer zu Tony gehen würde. Erleichtert, dass sie damit einverstanden war, setzte ich schon zum Gehen an, wurde aber noch mit einer stoppenden Handbewegung aufgehalten.
«Da wäre noch etwas.», fügte Doktor Ash leicht zögerlich hinzu und verunsicherte uns innerhalb von einer Sekunde aufs Neue.
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