Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die Farben des Phönix

von Ancarda
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Romance / P18 / Het
Ben Beckman der Rote Shanks Marco der Phoenix Puma D. Ace / Gol D. Ace Thatch Whitebeard alias Edward Newgate
01.10.2021
24.11.2022
40
297.415
199
Alle Kapitel
618 Reviews
Dieses Kapitel
18 Reviews
 
 
24.11.2022 11.294
 
Hallöchen meine Lieben!

Ich hoffe doch sehr, ihr hattet eine schöne Zeit, seid alle gesund und wohlauf? :)

*seufz* Ich fühl mich im Augenblick leider eher nicht so prickelnd. Keine Ahnung, woran es genau liegt, aber… mein geistiger Zustand in letzter Zeit lässt sich wohl am ehesten vergleichen mit dem angebrannten, traurigen Rest vom Mittagessen, den keiner mehr haben will, aber trotzdem noch hartnäckig in der Pfanne klebt. *melodramatisch auf dem Boden rumlieg und im Sumpf des Selbstmitleids blubber* Gefühlt krieg ich im Augenblick aber auch wirklich so gar nichts gebacken; ich hab es ja noch nicht einmal geschafft, eure wunderbaren Reviews zu beantworten!! Ein ganz, ganz dickes SORRY deshalb, aber das wird todsicher nachgeholt, versprochen!! Auch die ein oder andere ausstehende PN… Ich bin echt überall im Rückstand und extrem froh, dass ich von diesem Kapitel hier wenigstens ein paar Szenen bereits vorgeschrieben hatte, sonst wäre das hier wohl so schnell nichts geworden. v.v
Ein dickes Bussi an dieser Stelle für Sherry, die mir hier bis spätnachts tatkräftig unter die Arme gegriffen hat, damit es noch fertig wird!!

Aber genau darum werd ich hier jetzt wohl doch leider wieder eine Pause einlegen müssen, vielleicht sogar eine Längere, weil der Weihnachtsstress ja auch ansteht und ich wirklich überhaupt nicht abschätzen kann, ob und wann ich in nächster Zeit wieder so richtig zum Schreiben komm. :((
Es tut mir ehrlich wahnsinnig leid; aber ihr kennt mich ja inzwischen und wisst, wie furchtbar ich das selber finde und wie lang es prinzipiell dauert, bis ich mich überhaupt dazu durchringen kann. Aber die Geschichte soll darunter nicht leiden – ich will auf keinen Fall, dass die Qualität von Junie nachlässt, nur weil ich grad ein unkreatives Wrack bin. Also hoffe ich sehr, dass ihr mir nicht böse seid, auch wenn der nächste Upload auf sich warten lässt und ich diesmal nicht mal genau sagen kann, ob ich einmal oder zweimal aussetzen muss… *ganz liebe, traurige Hundeaugen mach*

Ein ganz, ganz kleines Trostpflaster könnte ich euch zur Überbrückung der Wartezeit aber anbieten:
Das hier ist ja eigentlich gar nicht meine erste OnePiece-Geschichte; ich hatte ursprünglich mit einer ganz anderen angefangen, bevor mir die Idee zu Junie gekommen ist. Es ist eine Reallife-Story über Marco und eine OC namens Sina. Seitdem schreib ich immer nur zur Entspannung an dieser kleinen Feelgood-Lovestory weiter – aber falls ihr Lust habt (und weil ich diesbezüglich schon ein paar Anfragen bekommen hab), kann ich sie hier nach und nach hochladen, soweit sie eben geschrieben ist (24 Kapitel sind es aktuell). Da wird es dann nur eben keine regelmäßigen Uploads geben, wenn die fertigen Kapitel aus sind; daran schreibe ich nämlich wirklich nur ganz stressfrei nach Lust und Laune.
Würden euch meine Schreibanfänge denn überhaupt interessieren oder eher nicht? ;) Schreibt mir gern eure Meinung dazu!

Jetzt hab ich aber genug geschwafelt, ich krieche jetzt zurück in meine imaginäre Höhle und lasse euch endlich, endlich nach dem bösen Cliffhanger von letztem Mal weiterlesen. :D
Ich wünsche euch ganz, ganz, ganz viel Spaß und eine richtig gute Zeit… ich hoffe sehr, wir lesen uns hier möglichst bald und mit gewohnter Energie wieder!! Fühlt euch alle fest gedrückt, ich hab euch wirklich lieb! <3

GLG
Ancarda

P.S.: Habt ihr mein neues Profilbild gesehen?! Ein neues, großartiges, umwerfend-fantastisches Werk der unglaublichen Künstlerin Bonsai-Book!!! Ich liebe es ja wirklich abgöttisch, vielen lieben Dank dafür!!


•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~


„Also schön… rette mich, mein Held und streich mich bitte von dieser Speisekarte… und kein Wort zu Ace, klar?!“, murrte sie ein wenig kleinlaut, woraufhin der Phönix nun doch losprustete - und eine überraschend elegante Verbeugung in ihre Richtung machte.
„Wie Ihr wünscht, Prinzessin…“
Junie verdrehte die Augen und seufzte. Ganz eindeutig hatte der Vogel zu viel Zeit mit Thatch verbracht...


Aber Himmel Herrgott, bei allem, was da hätte Jagd auf sie machen können:
Warum musste es ausgerechnet ein gigantischer, sandfarbener EGEL sein?!
Mit seinen kleinen Verwandten hatte sie ja durchaus ihren Frieden geschlossen, aber was sich da grade ohne jede Eile auf sie zuschob… war ein locker zehn Meter langes, wurmähnliches Ungetüm, das den Umfang eines kleinen Turms besaß. Genau wie kleine Blutegel besaß es einen grauenhaft kreisförmigen Schlund mit drei riesigen Kiefern voller kleiner Calcitzähne, in das sie aufrecht gehend reinspazieren hätte können, ohne sich Gedanken um ihre Frisur machen zu müssen.
Und zu ihrer allergrößten Freude war er nicht allein, denn auch aus anderen Richtungen spürte sie nun sich nähernde Präsenzen. Ekel kroch in ihr hoch und schüttelte sie kurz, aber heftig durch. Bah, das war ein Albtraum!
„Versuch es positiv zu sehen: Du bist wirklich ganz tapfer… Ace wäre jetzt schon ohnmächtig, yoi?“, neckte Marco sie, doch seine kleine Spöttelei verlor ziemlich an Biss, weil sie seine leise Besorgnis spürte - und seine mitfühlende Absicht, sie damit aufzumuntern. Was er auch erreichte, wenngleich auch nicht ganz so wie geplant.
Junie lächelte breit.

„Naw… also das finde ich richtig süß von dir, ehrlich!“, erwiderte sie und entlockte ihm damit ein ergebenes Seufzen.
„Das macht es irgendwie unlustig…“, brummelte er ein wenig pikiert und brachte sie nun doch zum Lachen.
„…weil es dein Image als knallharter Pirat untergräbt oder an deinem Ego kratzt?“, stichelte nun sie – und kassierte prompt eine liebevolle Kopfnuss.
„Kein Wort bezüglich der Zuhilfenahme von Gewalt bei fehlenden Argumenten, yoi? Sonst überdenke ich nochmal, wie weit von dir entfernt ich die Dinger angreife“, warnte er sie direkt und mit genügend spürbarem Nachdruck in der Stimme, sodass sie demonstrativ den Mund verschloss und entwaffnend ihre Hand hob. Sie hatte keinerlei Bedarf daran, nähere Bekanntschaft mit diesen… Tieren zu schließen.
Schmunzelnd hauchte Marco ihr einen letzten Kuss auf die Stirn, ehe er seine Teufelskräfte beschwor und die Gestalt wechselte. Der erste Egel war nun wirklich nahe genug; er hatte keineswegs vor, ihn noch dichter an Junie ranzulassen.

Kraftvoll stieß er sich vom Boden ab und stieg hoch in die Luft, um sich kurz einen genaueren Überblick über die Lage zu verschaffen. Aus drei Richtungen näherten sich acht weitere Egel, alle zwar etwas kleiner als der Vorderste, aber trotzdem noch zwischen sechs und neun Meter lang. Dass so viele von ihnen kamen, unterstrich Junies These, dass die Viecher instinktgesteuert waren und rein auf Reize reagierten. Vermutlich verteilte sich ihr Netzwerk samt Klebefallen wie ein Spinnennetz quer über die Wüste; geriet etwas in eine der Fallen, erzeugte das einen Impuls, auf den alle Egel so lange zukriechen würden, bis er verstummte – weil die Beute von dem gefressen war, der am nächsten gewesen war. Je länger sie also hier waren, desto mehr von ihnen würden noch auftauchen… er musste folglich möglichst schnell herausfinden, wie er Junie da rausbekam und dann schleunigst von hier verschwinden. Immerhin bewegten sie sich alle nur sehr gemächlich vorwärts; wohl aber nur, weil sie ihre Beute wehrlos in der Klebefalle vermuteten und keinerlei Eile notwendig war. Marco ahnte jedoch, dass sich ihr Verhalten ändern würde, sobald er einen von ihnen angriff – ihre winzigen Verwandten zumindest waren durchaus schnell und wendig. Als Arzt wusste er zum Glück einiges über medizinische Egel, blieb nur zu hoffen, dass gewisse Ähnlichkeiten vorhanden waren, auf Basis derer er eine Lösung für ihr Problem finden konnte.

‚Also schön… dann schauen wir euch mal näher an!‘, dachte Marco entschlossen und schoss pfeilschnell auf den ersten Egel herab. Er rammte ihn mit Wucht seitlich am Kopf, was das riesige Vieh meterweit gegen eine Sanddüne krachen ließ. Doch ernsthaft verletzt schien es dank seiner nicht vorhandenen Knochen und der zähen, widerstandsfähigen Haut nicht zu sein. Es richtete sich augenblicklich wieder auf, wirbelte überraschend schnell zu ihm herum und spuckte ihm etwas entgegen. Flink wich der Phönix aus – zum Glück, denn ein Blick auf die im Sand zerplatzte Substanz zeigte, dass es sich um das fiese Klebezeug handelte. Dem sollte er wohl besser aus dem Weg gehen... sonst steckten sie am Ende tatsächlich noch in Schwierigkeiten.
‚Aber dafür müsstest du leider schneller sein, Kumpel‘, grinste der Phönix in sich hinein und stieg wieder etwas höher, um eine bessere Angriffsposition zu finden. Wenn die Haut des Biestes zu dick war, um sonderlich viel Schaden durch seine Attacke zu erleiden, musste er seine Taktik ändern.
Der Egel kam nun mit schlängelnden Bewegungen auf ihn zugekrochen und spie weitere Klebekugeln auf ihn, denen er jedoch mit geschickten Manövern entging. Erneut flog Marco pfeilschnell auf ihn zu, nahm kurz vor ihm seine Hybridform an und verpasste dem Biest einen wuchtigen, hakiverstärkten Tritt direkt neben den weit geöffneten Schlund, wo sich nach seiner Vermutung nach die Kiefernplatte befinden müsste. Ein befriedigendes, knirschendes Geräusch erklang, gepaart mit einem schauerlich-schrillen Laut. Diesmal eindeutig verletzt wankte der sichtlich deformierte Kopf hin und her, was Marco für einen weiteren, tödlichen Tritt gegen dieselbe Stelle nutzte und so mit den Splittern der Kiefernplatte seine Innereien durchbohrte. Mit einem gewaltigen Krachen schlug der leblose Torso auf dem Wüstenboden auf, wo er zuckend liegenblieb.

Junie verzog das Gesicht.
„Einer geschafft, bleiben noch… warte. Zwölf…? Oh man, es werden immer mehr!“, rief sie ein wenig nervös, auch wenn sie sich wirklich Mühe gab, ruhig zu bleiben. Der Anblick des sich noch immer bewegenden Körpers vor ihr machte es ihr aber nicht grade leichter.
Marco, der neben dem Kopf landete, schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln.
„Dachte ich mir schon, yoi? Es werden vermutlich immer mehr kommen, je länger du unaufgefressen in dieser Falle hockst…“, antwortete er und beugte sich über den Kadaver, den er mit kritischem Blick untersuchte. „Keine Augen, sie orientieren sich wohl rein über Sinnesorgane auf der Haut…“
„Hm… normale Blutegel spüren die Bewegungen ihrer Beute im Wasser und schwimmen drauf zu. Gute möglich, dass die hier Unregelmäßigkeiten in der Luftströmung wahrnehmen“, vermutete Junie und rief sich den genau beobachteten, kurzen Kampf ins Gedächtnis. „Ja, ich glaube, er hat auf den Wind von deinen Flügelschlägen reagiert! Es leben eine Menge großer Vögel an den Küsten, es ist sehr wahrscheinlich, dass sie auch auf diese Art jagen. Du stehst also auch auf ihrer Speisekarte, mein Lieber. Sie sind es nur nicht gewöhnt, dass ihre Beute ihnen den Kiefer zerschlägt…“ Spitzbübisch grinste sie ihn an und brachte ihn damit zum Lachen.
„Tja, dieser Vogel wird ihnen den Appetit ganz schnell verderben, yoi?“, schmunzelte er und riss ohne eine Miene zu verziehen ein großes Calcitstück aus dem Maul des Egels, um es genauer zu betrachten. „Die Zähne sind ganz schön stumpf… nicht scharf und spitz wie ihren Artgenossen…“

Junie zuckte angeekelt mit den Achseln.
„Müssen sie ja nicht sein, oder? Ihre Beute ist viel kleiner, da braucht es keine scharfen Zähne, um die Tiere zu zerteilen…“, erwiderte sie, was Marco mit einem vagen Nicken quittierte. Er hatte da einen anderen, unangenehmeren Verdacht, doch ehe er ihn äußern konnte, tauchten in etwas Entfernung nacheinander zwei weitere Egel auf und krochen mit etwas Abstand zueinander auf sie zu.
Ah, das konnte er doch nutzen!
„Halt mal eine Weile ganz still und versuch, möglichst wenig Reize zu erzeugen. Bin gleich wieder da!“, wies er sie an, was Junie mit einem knappen Nicken quittierte. Sofort schwang er sich wieder als Phönix in die Luft, packte mit seinen Klauen das Kieferstück und nahm es mit. Doch statt direkt zu einem der Egel zu fliegen, drehte er ein Stück vor ihnen seitlich ab hinter eine Düne. Von den Biestern abgewandt wirbelte er mit seinen Flügeln erneut dicht über dem Boden den Sand auf, bis er eine weitere, verräterische Erhebung fand, neben der er landete. Er verwandelte sich wieder zurück und wartete noch einen Augenblick, bis die Egel etwas nähergekommen waren, dann warf er das Calcitstück schwungvoll in die klebrige Pfütze. Sofort hielten die Kreaturen inne und wandten sich dann wie erwartet dem näher gelegenen Reiz zu.

„Sehr schön… kommt schon her, yoi?“, murmelte er zufrieden und rüttelte vorsichtig an dem feststeckenden Ding, um weitere, stärkere Impulse zu erzeugen als die, die vermutlich weiterhin durch Junies Herzschlag und Atmung entstanden. Wenn sie recht hatte mit den Sinnesorganen, dann sollten sie gar nichts von ihm bemerken, wenn er sich nur langsam bewegte – denn da keiner von beiden in irgendeiner Form auf den Todesschrei ihres Artgenossen reagiert hatte, lag die Vermutung nahe, dass sie nicht nur blind, sondern auch taub waren.
Es dauerte nicht lang, dann war der erste Egel da. Marco trat beiseite und sah dicht neben ihm zu, wie sich das gigantische Maul über die Pfütze stülpte. Fast eine Minute verharrte er dort völlig reglos, nur ein seltsames Glucksen und Tröpfeln war zu hören. Dann begannen deutlich sichtbar die Muskeln rund um seinen Schlund zu arbeiten. Wellenförmig von außen nach innen, was seinen Verdacht bestätigte – und er fühlte prompt Junies Misstrauen, als sie seine seltsame Gefühlsmischung aus Bedauern, Mitleid und Belustigung wahrnahm. Mit verdächtig zuckenden Mundwinkeln beobachtete er, wie der zweite Egel kurz hinter dem ersten innehielt, sich dann abwandte und seine vorherige Richtung wieder aufnahm. Sofort stieß sich der Phönix mit aller Kraft vom Boden ab und verwandelte sich so hoch wie möglich, um mit seinen Schwingen keinen verräterischen Wind zu erzeugen.

Ein Blick über ihre Umgebung offenbarte eine sich rasch zuspitzende Lage. Jetzt waren es schon vierundzwanzig Egel in Sichtweite; wenn er die Geschwindigkeiten richtig einschätzte, dann würden innerhalb der nächsten drei Minuten vier Egel Junie erreichen – den Kumpel des bereits fressenden Egels nicht mitgerechnet. Er würde in weniger als drei Minuten als erster bei ihr sein… also war das die Zeitspanne, in der er Junie von seinem Plan überzeugen musste.
Erneut war er ausgesprochen dankbar für ihre emotionale Verbindung; auf diese Weise würde sie hoffentlich weiterhin merken, dass er sie wirklich aufrichtig liebte…
In schnellem Sturzflug schoss er zu Junie hinab – und musste sich beherrschen, um bei ihrem misstrauischen Blick und den drohend zusammengekniffenen Augen nicht sofort loszulachen.
„Spucks aus… was planst du?“, begrüßte sie ihn ohne Umschweife trocken, woraufhin er beschwichtigend die Hände hob.
„Nichts, was dir gefallen wird, yoi? Nimms mir bitte nicht übel, aber… ich fürchte, du musst dich fressen lassen“, erklärte er direkt. Junies Gesichtszüge entgleisten.

„Bitte WAS?! Bist du bescheuert?“, stieß sie fassungslos hervor und er konnte FÜHLEN, dass sie ihn für verrückt hielt. Nein, es sogar HOFFTE. Das entlockte ihm nun doch ein kurzes Prusten, was ihre Hoffnung auf seine Unzurechnungsfähigkeit noch verstärkte. Doch da musste er sie leider enttäuschen.
„Tut mir leid, ich mein es ernst. Die Zähne der Viecher sind deshalb stumpf, weil sie nur zum Festhalten gedacht sind – nicht zum Reißen, Beißen oder Kauen. Ich habs grade ausprobiert; sie stülpen das Maul um diese Pfütze und lösen den Schleim auf, vermutlich sondern ihre Speicheldrüsen statt Gerinnungshemmer etwas Lösendes aus. Danach wird die Beute im Ganzen verschluckt und direkt in den Magen transportiert“, erklärte er so schnell wie möglich und hielt ihrem entsetzten, flehenden Blick stand. Es tat ihm ja wirklich leid, aber eine andere, schnelle Lösung sah er nicht. „Du musst dich also mit einer Hakischicht schützen und zulassen, dass sich einer der Egel über dich stülpt. Ich halte den Rest inzwischen Fern von dir bis ich spüre, dass du dich wieder bewegen kannst - dann reiße ich das Vieh sofort von dir runter und wir hauen hier ab, so schnell es geht, yoi?“
Junie stieß ein wehleidiges Ächzen aus und fuhr sich mit ihrer freien Hand fahrig durch ihr blasses, leicht grünlich angehauchtes Gesicht. Sie hörte den Ernst in seiner Stimme und verstand auch die Logik dahinter, aber… aber… aber… BAAAAHHHH!!
„Womit hab ich das verdient…“, jammerte sie und schüttelte sich erneut vor Ekel; allein bei der Vorstellung kam ihr das kalte Grausen! Sanft, aber bestimmt umfasste Marco ihr Kinn und drückte es hoch, sodass er ihr in die Augen sehen konnte.

„Das packst du, Junie. Denk dran, das Wetter ist wieder gut und sobald wir hier weg sind, werden wir innerhalb kürzester Zeit die Ruinen auf der anderen Insel finden, da bin ich sicher. Wir müssen nur Ausschau nach der vertrockneten Oase halten, yoi? Also ist das hier das letzte Hindernis zwischen uns und hoffentlich einigen Antworten… das schaffen wir doch jetzt auch noch, oder?“, fragte er sie entschlossen und versuchte so viel Ruhe und Zuversicht auszustrahlen, dass sie davon angesteckt wurde. Mit Erfolg, sie gewann ihre Fassung wieder einigermaßen zurück. Seufzend und mit einem eher gezwungenen Lächeln sah sie ihn an.
„Sag mir, dass ich mich immer noch besser schlage als Ace…“, schniefte sie gespielt. Ein bisschen geschwisterliches Konkurrenzdenken half im Augenblick vermutlich am besten; das hier wäre wohl die ultimative Mutprobe gewesen. Marco verpasste ihr grinsend einen Kuss auf die Stirn.
„Für Ace hätten wir uns spätestens jetzt wohl einen Nachruf ausdenken müssen!“, entgegnete er belustigt und erhob sich gezwungenermaßen, denn der Egel hatte sie fast erreicht. „Denk dran, ich pass auf dich auf, ja?“

Junie seufzte – sehr, sehr tief.
„Ja… weiß ich… hilft aber grade nicht so wirklich“, murmelte sie deprimiert, den Blick auf das Monster gerichtet, in dessen Schlund sie gleich stecken würde. „Warum gerate ich eigentlich immer an die Typen, die mich wahlweise in einen Egelteich schmeißen oder mich von einem riesigen Egel fressen lassen?“
Der Phönix schnaufte empört, während sich seine Arme in Flügel verwandelten.
„Hey, ich mach das doch nicht, um dich zu ärgern! Alternativ kann ich dir auch anbieten, dass ich hier ein Massaker anrichte, aus den Kadavern die Speicheldrüsen entferne und dich so lange damit einreibe, bis sich der Schleim gelöst hat. Das könnte dann aber ein paar Stunden dauern, yoi?“, entgegnete er vollkommen ernsthaft, doch diese Vorstellung war auch nicht wirklich sehr viel besser… denn obwohl es sich um riesige, widerliche Monster-Egel handelte, war sie nach wie vor kein Freund von unnötigem Blutvergießen. Und er hatte recht, das würde auch noch verdammt lang dauern.
„Das weiß ich zu schätzen, aber… bleiben wir bei deinem grausigen ersten Plan und bringen es schnell hinter uns. Ich bin ein tapferes Mädchen und beiß die Zähne zusammen…“, antwortete sie und lächelte leidend, was Marco ein Glucksen entlockte.

„Gut, dann machen wir es so. Und nochmal lass ich kein Vieh so nah an dich ran, versprochen!“ Er strich mit seinem Flügel zärtlich über ihre Wange, ehe er sich notgedrungen abstieß und sich zu den anderen, sich nähernden Monstern begab, um sie von Junie fernzuhalten. Es tröstete sie, dass sie spürte, wie verdammt ungern er sie in dieser Situation allein ließ und dass er sich höchst wachsam und besorgt auf ihre Gefühle konzentrierte.
Was aber schon im nächsten Augenblick wieder vergessen war, als das sandfarbene Ungetüm sich vor ihr aufbaute.
„Oh mein Gott… OhmeinGottOhmeinGottOhmeinGOTT!“, jammerte sie und hüllte sich augenblicklich in eine starke, dicke Hakischicht. Verdammt, sie hätte dran arbeiten sollen, sie genauso schwarz zu färben, wie normales Rüstungshaki! Dann müsste sie jetzt nicht zusehen, wie sich der riesige Schlund langsam näherte. „Oh Gott…“ Hastig kniff sie die Augen zusammen, hielt automatisch die Luft an und kauerte sich panisch zusammen, als das Maul sich über sie stülpte und alles um sie herum dunkel wurde.

Kraftvolle Kiefer klemmten sie augenblicklich direkt über der Klebefalle von drei Seiten ein und drückten zu; ihre Schutzhülle hielt jedoch und außer einem unangenehmen Druckgefühl spürte sie davon nichts. Die eigentliche Tortur begann einen Moment später: denn ganz wie Marco gesagt hatte, begann der Egel ganz merkwürdig zu glucksen… und plötzlich rann literweise widerlich zäher, warmer Speichel an ihr herab.
Es war das mit Abstand ekelhafteste, furchtbarste Gefühl, das sie jemals gehabt hatte.
BAH!!!
Übelkeit stieg in ihr hoch; Junie hätte sich wirklich gern übergeben, aber dazu hätte sie den Mund öffnen müssen – und das war das allerletzte, das sie tun wollte. Also beschränkte sie sich auf ein ersticktes Wimmern und hielt weiterhin völlig verkrampft den Atem an. Eine Minute… sie musste das nur eine Minute ertragen… nur eine einzige Minute…
Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis sich das Klebezeug durch den Speichel mehr und mehr verflüssigte. Zuerst war ihre endlich wieder ihre Hand frei, dann ließ sich langsam auch wieder ihr Bein bewegen… und kaum war die Pfütze vollständig flüssig, ging plötzlich ein heftiger Ruck durch den Egel. Junie wurde jäh von hellem Licht geblendet, das durch ihre geschlossenen Lider drang, als sie samt dem Biest, das sie ja noch immer gepackt hielt, herumgeschleudert wurde. Nur den Bruchteil einer Sekunde später wurden nacheinander alle drei Kiefer neben ihr zerschlagen, vertraute Klauen schlossen sich um ihren starren Körper… und schon pfiff ihr der Wind um die Ohren, als sie dem Himmel sei Dank endlich abhoben - begleitet von dem schauerlichen Todesschrei des Egels.

„Alles gut, yoi? Du hast es überstanden… würdest du jetzt bitte endlich wieder atmen?“, drang Marcos Stimme zu ihr durch, doch sie schüttelte entsetzt den Kopf.
Hatte er denn noch alle Tassen im Schrank?! Sie war über und über mit dem Sabber bedeckt; weder würde sie die Augen öffnen noch den Mund oder sonst irgendwas!! Sie war dank Namur eine gute Taucherin und konnte die Luft locker ein paar Minuten lang anhalten, bis sie hoffentlich die Küste erreichten.
Marco grollte etwas Unwirsches, wechselte in seine Vollgestalt und legte einen ordentlichen Zahn zu. Noch bevor Junies Lungen protestierten, hörte sie das Rauschen des Meeres… und landete gleich darauf knietief im Wasser. Zu ihrer Überraschung nicht mal allein, denn bevor sie selbst irgendwas tun konnte, waren es Marcos Hände, die sie mit sanfter Gewalt runterdrückten und ihr dann eilig mit dem erfrischend kühlen Meerwasser das Gesicht abwusch, bis er das Zeug zumindest von dort restlos entfernt hatte. Als sie daraufhin endlich nach Luft schnappte, atmete auch er erleichtert aus. Heftig blinzelnd rieb Junie ihre Hände sauber und wischte sich das Salzwasser aus dem Gesicht.

„Oh Gott… ernsthaft, das war… fürchterlich! FÜRCHTERLICH!! Das will ich nie… nie… NIE wieder erl…“, schimpfte Junie los, wurde jedoch jäh unterbrochen, als sich Marcos Lippen fest über ihre legten und sämtliche weitere Wörter erstickten. Obwohl er sich damit selbst mit dem ekligen Zeug beschmierte, zog er sie fest an sich und küsste sie mit einer Vehemenz, die ihr erneut den Atem raubte.
Als er sich schließlich schwer atmend von ihr löste, war sein Blick stechend scharf.
„Da sind wir schon zwei, yoi? Auch wenn ich wusste, dass dieses Vieh dich nicht ernsthaft verletzen kann… es hat mich wahnsinnig gemacht, tatenlos dabei zuzusehen, wie du in diesem Maul verschwunden bist!“, knurrte er eindeutig aggressiv, strich aber im krassen Kontrast dazu überaus sanft ihren Kiefer entlang, was ihr eine Gänsehaut bescherte. Seine Mundwinkel zuckten leicht hoch. „Ich hab übrigens doch ein kleines Massaker angerichtet…“
Was er eindeutig nicht bedauerte, wie Junie fühlte. Nach dem soeben Erlebten hielt sich aber auch ihr Mitleid stark in Grenzen; mal ganz abgesehen davon, dass es ihr ein ausgesprochen warmes, kribbelndes Gefühl im Magen bescherte, wie besitzergreifend und beschützend seine Emotionen waren. Was ihm ebenfalls nicht entging und ihm nun doch ein gefälliges Schmunzeln entlockte.

„Ja, ich steh da wirklich drauf…“, nahm sie ihm lächelnd die Feststellung ab und küsste ihn erneut – ihre strapazierten Nerven brauchten das grade wirklich dringend. Er lachte leise und hielt sie fester.
„Mhm… ich merks. Gefällt mir aber sehr!“, murmelte er zufrieden und genoss gemeinsam mit ihr die frische Meeresbriese und die sprichwörtliche Ruhe nach dem Sturm, bis sie beide wieder zu ihrer gewöhnlichen Gemütsruhe zurückgefunden hatten. Was faszinierenderweise relativ schnell ging; dank ihrer Verbindung ließen sich ihre aufgewühlten Gefühle sehr viel leichter in den Griff bekommen. „Na komm, gib mir den Rucksack und wasch dich erst mal richtig ab. Wenn wir uns beide umgezogen haben, fliegen wir weiter, yoi?“
Mit einem zustimmenden Nicken löste sich Junie von ihm.
„Gute Idee… ich muss unbedingt den Schmodder loswerden…“, grummelte sie und betrachtete mit gerümpfter Nase die Speichelfäden, die sich zwischen sämtlichen Körperteilen spannten. Als Marco breit grinste, warf sie ihm einen drohenden Blick zu. „Wehe… WEHE dir, wenn du mich jemals damit aufziehst, mein Freund!! Du bist sowas von tot!“

Nun lachte er wirklich laut auf, schnappte sich den Rucksack und watete die wenigen Schritte an Land, um endlich aus dem für ihn unangenehmen Meerwasser zu entkommen.
„Hatte ich zwar nicht vor, aber jetzt reizt es mich doch irgendwie herauszufinden, wie genau du mich um die Ecke bringen willst…“, frotzelte er, packte sein schmutziges Hemd ein und zog seine und ihre Wechselwäsche hervor, während Junie ihre versauten Klamotten ohne viel Federlesen direkt seebestattete. Sie warf ihm einen finsteren Blick zu, ehe sie kurz untertauchte, um sich den Schmodder auch aus den Haaren zu waschen. Als sie wieder auftauchte, lächelte sie unheilvoll.
„Och, ich bezweifle nicht, dass ich nötigenfalls auch dir eine Lektion erteilen könnte… da müsste ich vermutlich nur sehr viel tiefer in die Trickkiste greifen als bei meinen Lieblingen aus Worlds Ass. Von daher: überlegs dir lieber zweimal, ob du es riskieren willst!“
Noch während er sich seine frische Hose anzog, grinste er breit.
„Oh, ein weiteres Kräftemessen zwischen dir und mir? Könnte interessant werden, yoi?“, gab er mit einem herausfordernden Glanz in den Augen zurück, woraufhin Junie bedeutungsvoll die Brauen hob.
„Wie gesagt… überleg es dir gut. Meine Kreativität beschränkt sich nicht nur auf zeremonielle Teestunden…“

~•~•~•~•~•~•

„Also hier sind wir definitiv richtiger… Schau, da ist wieder ein Nomadenlager!“, rief Junie eine gute Stunde später und spähte konzentriert nach unten. Der Phönix, auf dessen Rücken sie inzwischen im Tiefflug über die zweite Wüsteninsel flog, klapperte zustimmend mit dem Schnabel und warf einen aufmerksamen Blick zur Seite, wo sich in einiger Entfernung tatsächlich die Silhouetten einiger Zelte vom Sand abhoben. Auch zwei dünne Rauchsäulen stiegen in den Himmel auf, was er mit einem zufriedenen Laut quittierte. Ja, ganz eindeutig war das hier die richtige Insel; das war schon das vierte Lager, das sie entdeckten; und auch sonst war diese Wüste sehr viel lebendiger als die Erste. Da waren Karawanen und kleine Oasen gewesen, Kamele und andere Tiere. Und am allerwichtigsten: sie konnten keinerlei Präsenzen irgendwelcher Egel spüren. Jetzt mussten sie also nur noch den richtigen Ort finden… deshalb überflogen sie die Insel nur wenige Meter über dem Boden spiralförmig von der Küste aus immer tiefer ins Landesinnere hinein, weil Marco sich nicht erinnern konnte, an welcher Stelle er damals auf der Insel gelandet war.

Die Sonne begann jedoch schon unterzugehen und sie hielten bereits Ausschau nach einem geeigneten Lagerplatz, als sie unversehens doch noch fanden, was sie suchten. Überrascht hielt Marco mitten in die Luft inne, als sie zwischen mehreren hohen Dünen hindurchflogen und sich plötzlich mehreren vertrockneten Palmen gegenübersahen.
Er landete auf dem heißen Sand und Junie sprang von seinem Rücken, damit er sich zurückverwandeln konnte.
„Ja, ich glaub, das hier ist es…“, sprach Marco Sekunden später das Gefühl des Wiedererkennens aus und sah sich um. Mit pochendem Herzen stellte sie sich neben ihn und betrachtete die Umgebung. Ganz wie er es beschrieben hatte, befanden sich rund um ein etwas abgesenkten Areal die Überreste vieler toter Bäume und Sträucher, sodass es wohl wirklich vor langer Zeit einmal eine Oase gewesen sein musste. Direkt neben ein paar toten Gehölzen erhob sich eine hohe Düne, die Junie sofort ins Auge fiel, weil sie dort irgendwie ein wenig fehl am Platze wirkte – keine andere Düne war so nahe an der noch schwach erkennbaren Uferlinie des Sees, der hier einmal gewesen war. Und außerdem war sie seltsam unförmig.

„Lass mich raten, diese Düne da bist du damals hochgeklettert, oder?“, vermutete sie vollkommen richtig und erntete ein Nicken.
„Ja, sie lag am nächsten… ich wollte mich von oben umsehen, yoi?“, bestätigte er, betrachtete sie jedoch genauso nachdenklich wie sie. „Was auch immer sich da für eine Ruine drunter verbirgt, sie ist auf jeden Fall absichtlich in dieser Oase gebaut worden…“
„…und zwar wohl eher nicht von den hier lebenden Nomaden“, fügte Junie hinzu und legte grübelnd den Kopf schräg. „Außer natürlich sie haben vor Jahrhunderten anders gelebt… ODER es hat hier zuvor ein anderes Volk gelebt!“
„Finden wirs raus, yoi? Schauen wir mal, ob wir den Eingang finden… ich würde ungern nochmal durch die Decke krachen, nicht, dass wir noch mehr beschädigen!“
„Seh ich auch so. Wenn hier schon an einer Oase gebaut wurde, dann liegt der Eingang vermutlich in Richtung des Wassers… also wenn wir es hinbekommen, vom ehemaligen See aus größere Mengen Sand wegzupusten, sollte das doch ein Kinderspiel sein, oder was meinst du?“, schlug Junie mit vielsagendem Blick auf seine Arme und einem verschmitzten Grinsen vor, was ihn amüsiert schnauben ließ.
„Wenn du mich nicht hättest…“, schmunzelte er und beschwor seine Teufelskräfte. Sie lachte unbekümmert auf.

„…dann würde ich jetzt buddeln müssen. Danke, dass du mir das ersparst!“, entgegnete sie ehrlich und sah mit glänzenden Augen dabei zu, wie er sich in seiner Hybridform vom Boden abstieß und hoch in den Himmel flog, um Schwung zu holen. Dann schoss er in atemberaubendem Tempo hinab, bremste sich nur wenige Meter vor dem Boden mit einer eleganten Drehung aus und schlug seine Flügel mit der geballten Wucht seiner Geschwindigkeit in Richtung seines Ziels. Die dadurch erzeugte Druckwelle fegte haufenweise Sand durch die Luft und ließ die Vorderseite der Düne sichtlich schrumpfen. Zu sehen war jedoch nichts, also wiederholte er das Manöver, bis Junie nach dem dritten Mal ein triumphierendes „HA!“ ausstieß. Tatsächlich zeichnete sich etwas Festes unter dem Sand ab.
Schnell lief sie darauf zu und wischte mit den Händen die letzte Schicht beiseite.
„Eine Mauer! Und da… siehst du das da an der Seite? Das könnten Türscharniere sein! Wir lagen fast richtig mit unserer Vermutung“, rief sie aufgeregt und begann sofort, auch dort den Sand zu entfernen. Marco kam ihr zur Hilfe, und so legten sie gemeinsam langsam eine Tür frei. Sie war gut Zweimeterfünfzig hoch, halbrund geformt und augenscheinlich aus einer Art gelblichen Sandstein gefertigt, genau wie die Mauer. Der Türrahmen war mit rötlichem Sandstein eingerahmt und schien früher einmal Muster enthalten zu haben, doch die Wüste hatte ihn im Laufe der Jahrhunderte glattgeschliffen. Nur an wenigen Stellen waren noch ein paar undefinierbare Erhöhungen und Vertiefungen übriggeblieben. Dennoch, sie konnten anhand der perfekten Verarbeitung bei Tür und Mauerwerk noch immer sehen, dass man hier sehr viel Mühe und Sorgfalt hatte walten lassen.
Marco besah sich den vertikalen, steinernen Griff genauer, der gut erhalten schien und in den stilisierte Flammen eingearbeitet waren.

„So weit, so gut… versuchen wirs, yoi?“, murmelte er, packte den Griff mit beiden Händen und zog vorsichtig daran. Zunächst rührte sie sich allerdings nicht; es brauchte einiges an Muskelkraft, bis ein schauerliches Quietschen und Knirschen erklang und die uralte Tür sich widerwillig öffnen ließ. Kühle Dunkelheit schlug ihnen entgegen, sodass Junie zuallererst eine Fackel aus den Rucksäcken zog und sie anzündete, während Marco es sich einfach machte und schlichtweg seinen Körper entflammen ließ.
Im flackernden Licht erkannten sie, dass sich vor ihnen eine Art vier Meter langer und drei Meter breiter Vorraum befand, an dessen Ende zwei schlanke Säulen einen Torbogen bildeten. Fasziniert strich Junie über die glatte, kunstvoll bearbeitete Wand, die gut vier Meter über ihnen in einer eleganten Wölbung endete.
„Wow… das ist hervorragend verarbeitet… und vollkommen unversehrt! Hier ist sogar noch Farbe zu sehen, schau mal!“, flüsterte sie ehrfürchtig. Auch Marcos Blick glitt aufmerksam über die verblasste und rissig gewordene, aber dennoch gut erkennbare Bemalung der Wände.
„Eine Landschaft, yoi? Blumen… und Bäume. Aber siehst du das? Es sind Laubbäume, keine Palmen… und da unten ist Gras…“, bemerkte er was die beiden zu demselben Schluss führte.
„Wer immer früher hier gelebt hat, kam also wirklich nicht von hier“, sprach Junie nachdenklich aus und inspizierte nun die Säulen, deren Sockel mit geschwungenen, flammenähnlichen Mustern verziert waren. „Diese Ruine ist das einzige steinerne Gebäude, das wir auf beiden Inseln gesehen haben, deren Bevölkerung aus Nomaden besteht. Natürlich könnte sich das in den Jahrhunderten verändert haben, aber dann müsste es mehr Überreste vergangener Kulturen geben! Der Sand hat das hier zwar komplett bedeckt, aber es ist nahezu unmöglich, dass das mit allem so passiert ist!“

„Sehe ich genauso. Dann wollen wir mal nachsehen, ob wir mehr über die mysteriösen Bewohner dieses Ortes herausfinden können“, stimmte Marco zu und nahm ihre kalte Hand behütend in seine. Er spürte natürlich, wie nervös und angespannt sie war, was ihn aber nicht weiter überraschte. Viel überraschender war, wie ruhig und gelassen ER sich fühlte, obwohl das Erlebnis hier nun auch nicht grade zu seinen schönsten Erinnerungen gehörte. Das lag wohl an seiner bezaubernden Begleitung… er erlaubte sich ein kurzes Lächeln und trat dann gemeinsam mit Junie durch den Torbogen.
Dahinter befand sich ein längerer, sehr breiter Gang, der in seinen Ausmaßen beinahe selbst wie ein eigenständiger Raum wirkte. Das rechte Ende war von hier aus nicht zu sehen, so weit reichte der Lichtkegel ihres Feuers nicht. Links konnten sie ein Stück entfernt einen weiteren Torbogen an der gegenüberliegenden Wand erkennen. Der Großteil dieses Ganges – und damit alles, was sich in ihm befunden hatte - lag jedoch unter einem großen Haufen Sand begraben.
„Ah… hier muss ich eingebrochen sein, yoi?“, bemerkte er halb seufzend, halb grimmig und warf einen Blick zurück zum Eingang. „Irgendwie ein Hohn zu wissen, dass der Ausgang so nah gewesen ist… ich bin genau in die falsche Richtung gegangen. Nur von hier aus und fast ohne Licht sahen alle Richtungen gleich aus…“
„Mag sein, aber auch die richtige Richtung hätte dir nichts gebracht. Du vergisst, dass du damals erst zwölf warst, dir den Arm gebrochen hattest und diese Tür nur unglaublich schwer nach Außen aufgegangen ist – und da eine Menge Sand davor gelegen hat. Auf diesem Weg wärst du nicht rausgekommen, du wärst nur vor einer verschlossenen Tür gestanden“, erinnerte Junie ihn vollkommen zu Recht besänftigend und kämpfte sich vorsichtig durch den Sand nach links zu dem Torbogen an der gegenüberliegenden Seite.

Da hatte sie wohl recht… wie fast immer. Schmunzelnd folgte Marco ihr in den nächsten Raum, angesteckt von ihrer ungeduldigen Neugierde. Dieser hier war deutlich kleiner als der Gang, rechteckig und die hohe Decke war genauso elegant gewölbt wie im Vorraum.
„Eine… Küche…?“, stellte Junie leicht erstaunt fest und ließ ihren Blick über die steinernen Anrichten und Arbeitsflächen auf der linken Seite gleiten. Sie waren alle dick unter Staub begraben, genau wie der Herd. „Ich glaube… als du gesagt hast, dass der Raum, in dem du gelandet bist, auf dich gewirkt hat wie eine Wohnung, die man in eine Grabkammer umgebaut hat… da hattest du absolut recht! Das hier scheint wirklich einmal einfach nur ein großes Haus gewesen zu sein! Keine heilige Stätte oder Grab, hier hat jemand gewohnt. Jemand, dem dieser Ort nach seinem Tod als letzte Ruhestätte gedient hat…“
Nachdenklich nickend ging er in die Knie, wischte etwas Staub von einer der Theken und musterte die aufwändige Verzierung an den Griffen, die wie Federn geformt waren.
„Und es war kein armer Mensch. Nicht nur die ungewöhnlich robuste, aber trotzdem elegante Baukunst ist bemerkenswert, auch die Säulen sind verziert, die Wände von künstlerisch begabten Malern veredelt… selbst die Griffe an Türen und Schränken sind aufwändig gearbeitet, yoi?“ Vorsichtig zog er an dem Griff und war wenig überrascht, dass sich die Schranktür mit einem knirschenden, etwas quietschenden Geräusch noch immer öffnen ließ. Er enthielt sogar noch Geschirr; ordentliche Stapel an Tellern und Schüsseln. Eine davon hob er hervor und musterte sie im bläulichen Licht seines Feuers. „Unglaublich, das verwendete Metall der Scharniere ist nicht mal rostig! Und schau dir die Teller an, sie haben goldverzierte Ränder…“

„Oh Gott… Marco…?“
Noch vor Junies geflüsterten Worten sprang er - von dem plötzlichen Entsetzen in ihr - alarmiert auf und trat neben sie. Ihr starrer Blick war auf die Überreste eines Holztisches und dreier Stühle gerichtet, an denen die Jahrhunderte doch nicht spurlos vorbeigegangen waren; sie waren zusammengebrochen, vielleicht von Tieren angenagt. Ein Stuhl stand jedoch noch, denn er war aus Stein gefertigt. Er wirkte im krassen Gegensatz zum Rest der Dinge hier schlicht, schmucklos und… fast schon wie in aller Eile hergestellt, denn man sah trotz der dicken Staubschicht noch Spuren von Hammer und Meißel. Das war es jedoch nicht, was Junie erschreckt hatte…
Sondern die Fesseln.
An den Armlehnen, an den Stuhlbeinen, auf Hüfthöhe und sogar dort, wo sich der Hals befand, waren dicke, metallene Fixierungen angebracht.
„Was um alles in der Welt hat das zu bedeuten?“, flüsterte sie entsetzt; unwillig, sich dem Ding zu nähern. Besorgt legte der Phönix einen Arm um sie und hielt sie eine Weile einfach nur fest, weil es genau das war, was sie im Augenblick brauchte. Der Anblick hatte sie vermutlich unweigerlich an ihre Zeit auf Fought erinnert, als man SIE gefesselt hatte… erst als er spürte, dass sie sich wieder beruhigt hatte, ließ er sie vorsichtig los und trat näher an das Ding heran, um ihn mit grimmiger Miene zu untersuchen.

„Ich weiß nicht, was das zu bedeuten hat… aber es passt überhaupt nicht zum Rest, yoi?“, murmelte er misstrauisch. Beklommen nickte Junie und strich sich fröstelnd über den Arm.
„Stimmt. Alles hier ist so schön und liebevoll gestaltet… es strahlt noch immer Behaglichkeit und Wärme aus. Aber das da… es… es ist anders. Spürst du das auch?“ Nervös ausatmend näherte sie sich dem Stuhl und berührte vorsichtig die Armlehne, zuckte jedoch sofort wieder zurück und keuchte erschrocken. Auch Marco holte scharf Luft; durch ihre Verbindung hatte auch er die unnatürliche, beißende Kälte des Steins gefühlt.
Kälte und… Hass.
Als wären sie dort für alle Ewigkeit eingebrannt. Und das Schlimmste daran war, dass sich diese Gefühle auf geradezu unheimliche Weise vertraut anfühlten.
„Das hast du gefühlt, als du von dem schwarzen Phönix geträumt hast…“, interpretierte Marco ihre Gefühle vollkommen richtig und fuhr sich mit grimmigem Blick über die Brust, wo sich die Präsenz SEINES Phönix aufgebracht und unruhig wand. Seine Ablehnung gegen diese Emotionen war überdeutlich und rief einen regelrechten Fluchtinstinkt in ihm hervor, den er nur mit Mühe unterdrückte.

Junie lauschte diesem inneren Kräftemessen bekümmert.
„Er fürchtet sich vor diesen Gefühlen. Dein Phönix will nicht so sein – und wollte es ganz sicher auch nie…“, flüsterte sie niedergeschlagen, was Marco mit einem unwirschen Grollen bestätigte.
„…aber ganz offensichtlich wurde er so. Ich fürchte, das hier ist der Beweis, dass es den schwarzen Phönix wirklich gegeben hat… und folglich auch die Möglichkeit besteht, dass es wieder passieren kann, yoi?“, beendete er ihren Gedankengang ausgesprochen widerwillig. Er hatte wirklich, wirklich gehofft, dass dem nicht so wäre… dass es nicht wahr war, was Junie von dieser Aluyse erfahren hatte. Er hatte die Worte noch ganz genau im Kopf:
Seine goldenen Flammen färbten sich tintenschwarz. Sein Feuer heilte nicht länger, es brannte kalt wie der Tod - und den brachte er über das Volk. Er verlor den Verstand und tötete alle, die ihm begegneten, vom Greis bis zum Säugling.

Die Vorstellung, dass sich seine Kraft tatsächlich derart zerstörerisch auswirken könnte, wie in diesem blöden Märchen beschrieben, beunruhigte ihn doch mehr als er erwartet hatte. Im selben Moment spürte er auch schon Junies Reue und den starken Drang, sich zu entschuldigen – und verschloss ihren Mund augenblicklich mit seinem, um die unnötigen Worte schon im Keim zu ersticken. Empört schnaufte sie aus, doch es war bloß eine Frage weniger Sekunden, bis dieser Kuss alles andere vorerst beiseiteschob und sie sich dankbar an ihn schmiegte.
Doch, diese Verbindung erwies sich immer häufiger als außerordentlich praktisch.
„Ich habs dir schon mal gesagt: es gibt keinen Grund, dass es dir leidtut, yoi? Im Gegenteil: Wissen ist immer besser als Unwissenheit, das weißt du doch am besten…“, murmelte er schließlich gegen ihre Lippen und hauchte ihr einen weiteren, kurzen Kuss darauf, ehe er sie ernst ansah. „…zumal noch gar nicht klar ist, wie das überhaupt passieren kann. Du fühlst es selbst: das scheint ganz offensichtlich ein völlig widernatürlicher Zustand für den Phönix zu sein, den ich vermutlich maximal nur sehr schwer herbeiführen könnte. Falls es überhaupt erneut möglich ist. Da fehlen noch ein paar ganz entscheidende Puzzlestücke, um das ganze Bild betrachten und einschätzen zu können, yoi?“
„Du hast ja recht… ach verdammt, ich hatte nur genau so sehr gehofft wie du, dass es den schwarzen Phönix nicht gibt! Dass er nur eine Art Metapher oder eine ausgedachte Angstfigur ist… aber so, wie sich das hier anfühlt… ganz genau so war es in meinen Träumen und deckt sich auch noch mit der Geschichte dieses Mädchens. Also hat er tatsächlich existiert… wer auch immer die Teufelsfrucht vor dir hatte, wurde zu einem schwarzen Phönix – und er saß genau hier!“, erwiderte Junie und stieß frustriert den Atem aus, während sie dem steinernen Stuhl einen weiteren, schmerzlichen Blick zuwarf.

Marco nickte langsam und ließ sie wieder los, um erneut näher an das unheilvolle Möbelstück zu treten und es genauer zu inspizieren. Als seine Finger die Fesseln berührten, wurde es schlagartig dunkler im Raum, weil nur noch Junies Fackel Licht spendete.
„Seestein“, stellte er wenig überrascht fest und zog nach kurzem, prüfendem Tasten die Hand wieder zurück, sodass er seine Kräfte erneut beschwören konnte. Aber etwas war ihm aufgefallen. „Aber auch wenn dieser Stuhl offenbar in Kürzester Zeit angefertigt worden ist: die Kanten der Fesseln sind sehr glatt und weich abgeschliffen, und etwas Faseriges ist bei meiner Berührung an der Innenseite abgebröckelt. Als wäre die Fessel gepolstert gewesen. Zusammen mit dieser Umgebung hier… hab ich nicht den Eindruck, dass man dem Phönix hier wirklich wehtun wollte, yoi?“
Stirnrunzelnd das Junie ihn an und dachte über seine Worte nach.
„Dann… hm… was hat das zu bedeuten? Außer… könnte dann auch der Teil der Geschichte wahr sein, dass der Nutzer der Phönixfrucht aus irgendeinem Grund tatsächlich den Verstand verloren hat? Und man ihm helfen wollte, indem man ihn… an einen abgeschiedenen, aber vertrauten Ort gebracht hat?“, mutmaßte sie langsam und fühlte dabei Marcos Zustimmung zu ihrem Gedanken – das klang nicht nur nach einer schlüssigen Vorgehensweise, es würde auch zu dem bisher Gesehenen passen.
„Klingt zumindest sehr nach deinen Ahnen… wenn sie so waren wie du, hätten sie natürlich versucht ihm zu helfen. Komm, schauen wir uns weiter um. Vielleicht finden wir irgendwelche Hinweise darauf, woher sie gekommen sind… oder was wirklich passiert ist!“ Er fasste nach ihrer Hand und zog sie sanft zurück in den sandgefluteten Gang, wo sie sich nun nach rechts wandten.

Beim Durchqueren betrachtete Junie ihre Umgebung. Auch hier waren die Wände bemalt gewesen, aber im Gegensatz zum Vorraum konnte man nicht mehr viel erkennen… vermutlich durch die zeitweilig eindringende Witterung, die durch Marcos Sturz hereingekommen war. Zumindest, bis der Sand das Loch wieder verschlossen hatte. Es hatten auch Möbel hier gestanden; hier und da lugte eine Kante oder ein abgebrochenes Stück Holz aus dem Sand, das vielleicht ein niedriger Tisch oder ein Regal gewesen war. Am Ende des Ganges befand sich erneut ein Torbogen, über dem eine gerade Stange mit einigen Ringen hing. Hier hatte es wohl einmal ein Vorhang gegeben, der aber längst zu Staub zerfallen war.
Anhand von Marcos leichter Unruhe schloss sie, dass das der Raum war, in dem er die Teufelsfrucht gefunden hatte. Damals hatte er wegen der Dunkelheit kaum etwas erkennen können… hoffentlich enthielt er Antworten! Tief durchatmend warfen sie sich einen kurzen, bedeutungsvollen Blick zu und traten ein.

Junies Augen weiteten sich staunend.
Dieser Raum war eindeutig der Größte bisher; selbst mit ihrer Fackel und Marcos Flammen blieben die gegenüberliegenden Ecken dunkel. Aber er war… wunderschön. Hier waren die Wandmalereien erhalten geblieben: sie zeigten leicht verblasst eine weite Berglandschaft mit schroffen Felswänden, schneebedeckten Gipfeln, kleinen und großen Wasserfällen und blühenden Wiesen. Die vier Säulen in den Ecken waren wie Bäume gestaltet, deren Äste sich über die ganze Decke erstreckten und dazwischen den blauen Himmel durchscheinen ließ.
Die ganze Kammer war an den Wänden entlang vollgestellt. Kommoden und Regale voller Kleinode; Bilder, Statuetten, Figuren, Schmuck, Vasen, Kelche, Becher, Kästchen, Schüsseln… auf den ersten Blick wirkte es unordentlich, wie die Auslage eines Ramschladens, doch auf den zweiten Blick…
„Grabgeschenke…“, flüsterte Junie verstehend und sah auf den riesigen Sarkophag, der in der Mitte des Raumes aufgebahrt lag.
„Eindeutig, yoi? Und sieh mal…“ Marco griff vorsichtig nach einem kunstvoll gearbeiteten Bronzeschnitt und hielt ihn ihr hin. Es zeigte einen Phönix, der mit ausgebreiteten Schwingen über stürmische See flog. Fasziniert betrachtete Junie es und ließ ihren Blick gleich darauf über die anderen Sachen hier gleiten – und auf fast allen war der brennende Vogel, Flammen oder Federn zu sehen. Was nur einen Schluss zuließ… „Das hier ist also wirklich das Grab des schwarzen Phönix…“
„…und sein Tod wurde betrauert!“, fügte Junie ernst hinzu und sah Marco gleich darauf bedeutungsvoll an. „Deine Sinne haben dir damals keinen Streich gespielt… man kann die Trauer hier drin tatsächlich fühlen. Ich glaube… das geht von dem Grab aus… spürst du das?“

In stillem Einvernehmen traten sie näher an den schwach golden schimmernden Sarkophag heran, der etwas breiter aussah als üblich und von einer dicken Staubschicht bedeckt war.
„Ja… ich fühls wirklich! Wie ist das möglich? Warte mal, halt kurz die Luft an…“ Marco verwandelte seinen rechten Arm in einen Flügel und fegte mit einem kräftigen Schwung den Dreck von der Oberfläche weg. Mit ungeduldiger Neugierde beugte sich Junie vor, kaum dass sich der Staub einigermaßen gelegt hatte… und stieß den Atem geräuschvoll aus. Auf dem Sarkophag war mit sichtlicher Sorgfalt ein aufwändiges, unglaublich detailgetreues Bild eingearbeitet. Es zeigte eine lachende Frau mit bronzefarbenem, langem Haar, deren Arme in goldene Flügel verwandelt waren. Sie schien vom Himmel herab auf einen schwarzhaarigen Mann zuzufliegen, der ihr lächelnd einen Arm entgegenstreckte. Seine andere Hand wurde von einem rothaarigen, kleinen Mädchen gehalten.
„Eine Frau… der letzte Phönix war eine Frau…“, flüsterte Junie ergriffen. „Sie war wunderschön. Und sie hatte eine Familie…“ Unwillkürlich streckte sie ihre Finger aus und strich vorsichtig über ihr Gesicht. In dem Moment, in dem sie das Bild berührte, flutete eine schier unendlich Menge an Trauer und Schmerz durch sie hindurch – aber mindestens genauso viel unendlich tiefe Liebe. Bestürzt keuchend zog sie die Hand zurück; auch Marco hatte unwillkürlich heftig die Zähne zusammengebissen und schnaufte heftig.

„Das… ist unglaublich, yoi?! Die Emotionen… sind bis heute in dem Sarkophag gespeichert?“, stieß er fassungslos hervor und rieb sich erneut unwillkürlich leise fluchend über die Brust, wo die Präsenz des Phönix aufbegehrt hatte. Das Fabelwesen fühlte sich wirklich unwohl hier, das teilte er ihm ziemlich deutlich mit.
„Ich… hätte nicht gedacht, dass das möglich ist…“, hauchte Junie vollkommen überwältigt. Heftig blinzelnd wandte sie sich ab und wischte sie sich über die Augen; diese überwältigenden Gefühle hatten sie hart getroffen und ließen sich nur schwer wieder abschütteln. Dabei fiel ihr Blick jedoch auf die Längsseite des steinernen Podestes, auf dem der Sarg aufgebahrt lag. „Marco! Schau mal, da ist eine Inschrift!“
Aufmerksam bückte sich der Angesprochene und warf einen kritischen Blick auf den mit filigraner, geschwungener Schrift beschriebenen Stein.
„Sogar eine ganze Menge… ich kanns allerdings kaum lesen. Tust du dich da leichter?“, brummte er mit zusammengekniffenen Augen, denn die Buchstaben waren nicht nur sehr klein, sondern teilweise auf recht ungewöhnliche, sehr gewöhnungsbedürftige Weise geschrieben. Junie nickte; ihr Köpfchen tat sich da eindeutig leichter mit dem Entziffern.
„Ja, kann ich…“, antwortete sie leise, holte tief Luft und begann laut zu lesen:
„Ich gebe auf.
Allein das Denken dieser Worte bricht mir das Herz, aber ich habe jede Hoffnung verloren.
Ich gebe wahrhaftig auf.
Ich gebe DICH auf, Madea…
Zweihundert Tage lang habe ich wirklich alles versucht, um dich zurückzuholen. Habe verzweifelt versucht, irgendetwas von dem Menschen, der einst in diesem Körper lebte, zu finden. Den Menschen, den ich mehr als mein Leben liebte. Ich habe um dich gekämpft, Madea… so sehr gekämpft. Obwohl du doch eigentlich immer die Kämpferin von uns beiden warst, nicht wahr? Deine Energie, deine Entschlossenheit und deine Hingabe, mit der du unser Volk immer beschützt hast, haben mich von je her an dir fasziniert. Schon immer hattest du dieses Feuer in dir; man konnte es zu jeder Zeit in deinen wunderschönen Augen lodern sehen… ganz gleich, ob du kämpftest, lachtest, weintest oder liebtest. Es war stets dort und brannte voller Leidenschaft für uns alle.
Doch nun… ist es fort.
Und sogar ich muss nun begreifen, dass es nicht wiederkommen wird. Das, was ich nun in meinen Armen halte, ist nurmehr dein sterbender Körper. Eine leere Hülle ohne Gefühl und Erinnerung, ohne Gedanken und Persönlichkeit. Obwohl du mich ansiehst… erkennst du mich nicht mehr. Als hätte es unsere gemeinsamen Jahrzehnte nie gegeben. Als wäre ich ein Fremder… ein Fremder, den du töten willst. Kein Funken Liebe ist da mehr in dir, kein Hauch von Mitgefühl, nicht einmal der allerkleinste Hoffnungsschimmer. Es ist alles fort. Alles, was dich ausgemacht hat… alles, was ich geliebt habe… ist fort.
DU bist fort… und du wurdest mir entrissen auf eine Weise, deren grenzenlose Grausamkeit ich mir bis vor einem Jahr nicht einmal in meinen schlimmsten Albträumen hätte vorstellen können.
Aber es ist geschehen.
Ich habe so sehr um dich gekämpft, Madea… und ich habe verloren.
Wie so unfassbar viele von uns. Das Einzige, das ich nun noch für dich tun kann, ist dich endlich gehen zu lassen, meine wunderschöne Flamme. Ich quäle dich nicht länger mit dem Weiterleben… denn nichts anderes ist es: eine einzige Qual. Ich wollte es lange nicht sehen, ich habe mich verzweifelt an die Hoffnung geklammert, dich mit genügend Zeit und all meiner Liebe zu dir heilen zu können… doch nun sehe ich der bitteren Wahrheit ins Gesicht. Das bist nicht mehr du, Madea… du hast die kalte Zelle, in die dieses Monster dich gesteckt hat, nicht mehr verlassen – du bist dort gestorben, qualvoll und sinnlos, zusammen mit unserer wunderbaren, kleinen Tochter… die nun mit vielen anderen ihre letzte Ruhe in den Bergen unserer Heimat gefunden hat.
Ich habe ihren Verlust doch schon kaum ertragen… sonst warst DU immer die Starke von uns, Madea, und nun wollte ich es für dich sein. Ich habe es auch wirklich nach Kräften versucht, aber… ich kann es nicht. Ich ertrage es nicht! Wie kann ich mein Kind beerdigen - und meine Frau?!
Aber was bleibt mir für eine Wahl…
Deine Schwingen waren die letzten, die sich je in den Himmel unserer Heimat erhoben haben… eine Heimat, die nun in Schutt und Asche liegt. Dein warmes, tröstliches, heilsames Gold wurde zu gnadenlosem, kaltem, verzehrendem Schwarz. Mit dir endet die Ära unseres Volkes… denn sie werden uns nicht in Ruhe lassen, bis auch der Letzte von uns dir folgt. Das Sundown, das wir kannten, existiert nicht länger.
Und zusammen mit dir endet nun auch meine Zeit.
Ich kann es fühlen… mein Herz schlägt nun stetig langsamer. Die Kraft verlässt mich, genau wie die Hoffnung, wenigstens noch ein letztes Mal die tiefe, warme Verbundenheit zwischen uns spüren zu können. Es ist so kalt allein… so einsam… darum hat der Gedanke an das Sterben für mich sogar etwas Friedliches.
Mir bleibt nur die Hoffnung, dich irgendwann wieder zu sehen – sei es im jenseitigen Leben oder in einem Neuen. Für jetzt kann ich nichts weiter tun, als dich im Arm zu halten… und es ist ein letzter, tröstlicher Gedanke, dass wir zumindest gemeinsam sterben können.
Wir sind nun allein, Madea… nur wir beide. Ich werde meine letzten Minuten dazu nutzen, an unsere gemeinsame Zeit zu denken. An all das Schöne, das wir gemeinsam erlebt haben… jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und jede Sekunde… ich bin so unendlich dankbar dafür! Jede Einzelne davon war es wert, überhaupt gelebt zu haben. Du hast mich so glücklich gemacht, meine Flamme… etwas Besseres als dich hätte mir gar nicht passieren können.
Danke, Madea.
Danke, dass es dich in meinem Leben gegeben hat… mein wundervoller Phönix!“


Die Stille, die Junies Worten folgten, war drückend.
Sie beide hatten Mühe, das Geschriebene zu verdauen. Junies Sicht verschwamm immer wieder, und auch ein zittriges Durchatmen half erst einmal nicht viel. Es war einfach so grausam… jetzt zu den heftigen Gefühlen auch noch die Geschichte dahinter zu kennen, war beinahe zu viel für sie. Vor allem weil… sie diese Gefühle kannte. Diese Liebe, diese intensive Nähe… unwillkürlich sah sie hoch und fing Marcos betroffenen Blick auf. Es brauchte keinerlei Worte zwischen ihnen; sie beide fühlten jäh den selben Schrecken in sich aufblitzen bei der unwillkürlichen was-wäre-wenn-Vorstellung.
Was wäre, wenn ihnen das passieren würde? KONNTE ihnen das passieren? Was würden sie tun, wenn einer von ihnen so gebrochen wäre…?
Mit einem unwirschen Knurren zog der Phönix Junie an sich und hielt sie fest.
„Darüber will ich nicht nachdenken, yoi?? Das wird nicht passieren, versprochen…“, grollte er mit einer so wilden Entschlossenheit, dass sie ihm einfach glauben musste. Angestrengt fasste er sich mit Daumen und Zeigefinger an die Nasenwurzel und atmete tief durch; es war seine aufkommende, jahrelang antrainierte Ruhe in Stresssituationen, die auch Junies aufgewühlte Gedanken nach und nach wieder besänftigten. „Also gut… gehen wir das langsam durch. Der letzte Phönix war also eine Frau namens Madea. Das Märchen dieses Kindes hatte recht damit, dass sie mit ihrer Teufelskraft eine Art Wächterin ihres Volkes gewesen sein muss, das auf einer Insel namens Sundown gelebt hat, yoi? Und sie hat sich tatsächlich in einen schwarzen Phönix verwandelt, die Beschreibung hier stimmt mit der in dem Märchen überein…“, begann er langsam, und seine beherrschte, sachliche Betrachtung half ihr ebenfalls ungemein dabei, wenigstens einigermaßen analytisch an die Sache ranzugehen.
„Stimmt… aber sie wurde es nicht einfach so…“, führte Junie leise fort und wischte sich mit leicht bebenden Fingern über die Augen, ehe sie mit dem Finger auf die entsprechende Textzeile tippte. „Da steht was von einer Zelle, in die sie geworfen wurde… samt ihrer Tochter. Und zumindest Letztere hat sie nicht mehr lebend verlassen. Was den Schluss nahelegt…“

„…dass sie das kleine Mädchen vor den Augen ihrer Mutter getötet haben. Wenn sie nicht sogar vorher noch gequält oder gefoltert wurde…“, beendete Marco grimmig ihren Satz und zog sie unwillkürlich an sich, weil er spürte wie sie bei der Vorstellung erneut mit den Tränen kämpfte. „Das wäre dann auch eine hinreichende Erklärung für Madeas Verwandlung. Sie muss… also wirklich den Verstand verloren haben, yoi? So, wie ihr Mann ihren Zustand beschreibt, könnte das hinkommen; wenn sie sich zuletzt an nichts mehr erinnert hat und einfach nur alles töten wollte, dass sich ihr nähert…“
Junie brauchte einige Augenblicke, um sich wieder zu fangen und drückte ihr Gesicht fest an Marcos beruhigend warme Brust. Ließ sich von seinem ruhigen Herzschlag und seiner bloßen Gegenwart trösten. Aber Himmel, diese Geschichte ging ihr so verdammt nahe! Erst recht, weil sie die Emotionen von Madeas Mann so intensiv hatte fühlen können… dieser unermessliche Schmerz, die Verzweiflung und Trauer… aber eben auch all diese bittersüße Liebe. Er hatte seine letzten Zeilen ernst gemeint und sich in dem Moment, in dem er seine Gefühle - wie auch immer - in den Stein übertragen hatte, an die schönen Zeiten mit ihr erinnert. Und bei allem Schmerz, den er empfunden hatte… da war tatsächlich kein noch so kleiner Funken von Bedauern oder Reue gewesen. Es war genau so, wie er es geschrieben hatte: die gemeinsame Zeit war ihm jeden Schmerz wert gewesen.

„Sie tun mir so leid… Madea und ihr Mann… ihre Tochter! Wenn es wirklich wahr ist, was du vermutest… dann hätte das wohl die meisten Menschen gebrochen. Und ihre Heimatinsel scheint auch verwüstet oder gar zerstört worden zu sein. Ach, gottverdammt… ich hätte nicht gedacht, dass in diesem blöden Märchen doch so viel wahr ist!“, stieß sie ein wenig verzweifelt hervor, sodass Marco sie automatisch noch fester an sich zog, weil er ihre zunehmende Niedergeschlagenheit fühlte. „Wir sind wieder nur ein winzig kleines Stück weitergekommen. Weder wissen wir, WARUM das alles überhaupt passiert ist, noch haben wir sonst irgendwelche brauchbaren Hinweise über die Eigenarten meiner Abstammung bekommen oder sonst irgendwas nützliches gefunden!“
„Na, ganz so ist es auch nicht, yoi?“, wandte Marco entschieden ein und hob ihr Kinn ein wenig, sodass sie ihn ansehen musste. „Wir haben das Grab des schwarzen Phönix gefunden – und wir wissen jetzt, dass das kein böser Dämon ist, in den auch ich mich aus blödem Zufall verwandeln kann. Dazu braucht es offenbar eine unvorstellbare Menge Grausamkeit. Du hast also immerhin keinen Grund mehr, dich vor deinem Albtraum zu fürchten, denn du weißt jetzt, dass sich dahinter einfach nur eine gebrochene Frau verbirgt. Und hey: seit wann bist du so pessimistisch? Wir haben uns hier noch gar nicht richtig umgesehen, also woher willst du jetzt schon wissen, ob wir nicht doch noch was über dich rausfinden?“ Auch ohne die Verbindung konnte er sie verstehen… es frustrierte sie unheimlich, mühsam nach Antworten zu suchen, aber immer nur kleine, noch dazu auch noch so schreckliche Bruchstücke davon zu finden. Und der Nachhall des gefühlten Leids setzte ihr auch noch immer zu, das spürte er. Zärtlich und tröstend begann er, ihr Gesicht zu liebkosen; glitt mit seinen Fingern sanft über Stirn und Wange, dann über ihre Nase und Lippen bis hinunter zum Kinn, um die düsteren Gedanken zu verjagen.

Junie seufzte, schloss die Augen und genoss einfach nur seine Berührungen. Ließ sich davon einlullen und hielt sich dabei an ihm fest. Sie war so froh, dass er da war… und so dankbar für die ruhige Stärke, die er nahezu immer ausstrahlte. Das war eins der vielen Dinge, die sie schon von Anfang an zu ihm hingezogen hatten… einfach weil es genau das war, das sie in ihrem Leben so dringend brauchte: das Gefühl von Geborgenheit. Beschützt zu werden… jemanden zu haben, auf den sie sich in jeder Situation verlassen konnte. Dieses Gefühl hatte sie auch bei Pops – und Ben. Aber bei Marco war es am stärksten.
„Seltsam… ein ähnliches Gefühl gibst du mir auch, yoi?“, murmelte Marco plötzlich, der ihren Emotionen still gelauscht hatte. Überrascht blinzelnd sah sie zu ihm hoch, doch es stimmte – als er sich mehr darauf konzentrierte, fühlte sie es ebenfalls in ihm. Er lächelte. „In gewisser Weise… fühl ich mich auch sicher bei dir. Auf eine andere Art wie du bei mir, aber… nicht weniger intensiv…“
Nun lächelte sie ebenfalls, streckte ihre Hand aus und legte sie an seine Wange. Ihre Augen leuchteten, als er sich leicht an sie schmiegte.
„Wir passen aufeinander auf… das ist schön…“, flüsterte sie und zog ihn für einen langen, sehr zärtlichen Kuss zu ihr, den sie mit allen Sinnen genoss. „Und du hast recht… es ist zu früh, um pessimistisch zu sein. Schauen wir uns um, ob wir nicht doch noch was Brauchbares finden!“

Zufrieden damit, dass er sie erfolgreich beruhigt hatte, ließ Marco sie los und nickte.
„Tun wir das. Und dann schlagen wir im Vorraum unser Nachtlager für heute auf und essen was, yoi? Der Tag war anstrengend genug… zu Sabél fliegen wir morgen zurück!“
In stiller Absprache teilten sie sich auf, um die Sachen hier schneller durchsuchen zu können. Als Junie jedoch zur rechten Seite des Raumes ging, hielt sie vernutzt inne. Da war noch ein Torbogen, der in der Dunkelheit bisher unsichtbar gewesen war.
„Hier geht’s noch weiter“, informierte sie den Phönix, der den soeben angehobenen Kelch sofort wieder abstellte und zu ihr kam. Gemeinsam warfen sie einen Blick hinein – und in beiden Augen erwachte gleichzeitig das Interesse.
„Ein Arbeitszimmer! Na, das sieht doch vielversprechender aus, yoi?“, kommentierte er und ließ seinen Blick über die verstaubten Schränke und den massiven, steinernen Schreibtisch mit den verrotteten Überresten eines Stuhls gleiten. Es gab Bücher hier und Papiere, die allerdings mehr als zerbrechlich aussahen. „Durchsuch du die Schränke, ich nehm mir den Schreibtisch vor!“

„Aye, Kommandant…“, erwiderte Junie mit hörbarem Eifer und nahm sich direkt den ersten Schrank vor. Er war groß und wuchtig und seine Türen waren aus dickem, staubigem Glas, die sich ebenfalls nur geräuschvoll und widerwillig öffnen ließen. Er enthielt Bücher, sowie einige Skulpturen und Kleinode, die sorgfältig arrangiert dort ausgestellt waren. Fasziniert und sehr behutsam zog sie ein Buch nach dem anderen hervor, schlug sie jedoch nicht auf, weil sie sich doch sehr brüchig unter ihren Fingern anfühlten. Sie wollte nichts zerstören. „Das sind Bücher über Botanik und Kunst… scheint ein Hobby von Madea oder ihrem Mann gewesen zu sein. Vielleicht hat einer von ihnen die Wände selbst bemalt…“
Marco nickte abwesend, er durchsuchte gerade mit spitzen Fingern einen Stapel Papiere, die trotz aller Vorsicht stark bröckelten. Noch dazu war die Schrift stark verblasst und genauso schwer zu lesen wie die Inschrift unter dem Sarkophag, aber langsam gewöhnte er sich an die fremde Schreibart.
„Passt zu der Staffelei, die hinter mir steht…“, erwiderte er, ehe sein Blick auf einem etwas besser erhaltenen Schriftstück hängen blieb. „Ein Brief… viel kann ich nicht lesen, nur das: ‚…Lage ist katastrophal. Ich wünschte, ich könnte Dir etwas anderes schreiben, mein Bruder, aber damit würde ich dich nur belügen. Jeden Tag vergehen weitere Leben, und wir können nichts tun, als dabei zuzusehen. Die Trauer und der Schmerz hier sind kaum aufzufangen, aber wer dazu in der Lage ist, gibt sein Bestes, um Hoffnung und Trost zu spenden. Was von unserem Rat noch übrig ist, zerbricht sich den Kopf darüber, wie es weitergehen soll. Wenn sie etwas entschieden haben, werde ich dich informieren. Mit Sicherheit kann ich nur sagen, dass das Monster Dernoth und das, was von seiner Streitmacht noch übrig war, geflohen ist und so schnell sicher keinen Fuß mehr auf Sundown setzen wird. Ein Trost ist das allerdings nicht, der Schaden ist schon angerichtet… ich weiß nicht, wie…‘. Den Rest kann ich nicht mehr entziffern. Nachdem hier aber etwas von Streitmacht steht, scheint also keineswegs nur der schwarze Phönix das Verderben über deine Ahnen gebracht zu haben, yoi?“

Junie ballte unwillkürlich die Fäuste und biss sich leicht auf die Lippen.
„Das wundert mich nicht… passt zur Weltregierung, dieses kleine Detail auszulassen und den Untergang eines ganzen Volkes dem Phönix in die Schuhe zu schieben. Das dramatisiert es ja viel besser…“, fauchte sie unwirsch und stellte die Bücher wieder zurück. Sie würde wirklich niemals verstehen, wie man absichtlich so viel Leid über andere Menschen bringen konnte. Wie man so gewissenlos und grausam sein konnte… geräuschvoll stieß sie den Atem aus und betrachtete dabei unglücklich eine vergoldete Skulptur, die neben einem Buch über Wüstengewächse stand. Es war die Aufwändigste, die sie bisher gesehen hatte; zwei hohe Tannen aus angelaufener Bronze rahmten eine vergoldete Sonne mit kunstvoll ausgearbeiteten Strahlen aus dünnem, geflochtenem Golddraht ein. An einer der nach unten scheinenden Strahlen war die Silhouette eines ebenso goldenen Phönix zu sehen, der ihr scheinbar entgegenflog. ‚Sundown‘ stand auf dem Sockel, der wie ein wurzelbewachsener Fels aussah. „Sie haben ihre Heimat auf jeden Fall sehr geliebt…“, fügte sie bekümmert hinzu und hob die Skulptur an, um sie sich genauer anzusehen. Als sich dabei jedoch unerwartet der Sonnenstrahl mit dem Phönix bewegte, stellte sie es hastig wieder hin. Erst jetzt sah sie die kleine Öse, an der er im Gegensatz zu den anderen, befestigten Strahlen hing. Sie lächelte leicht über die beeindruckende Handwerkskunst; es sah nämlich sehr hübsch aus, wie der kleine Phönix nun herumzufliegen schien. Spielerisch stieß sie ihn etwas fester an – und stutzte, als sie ihn beobachtete.

„Marco? Komm mal her…“, bat sie leise und hielt ihn wieder an.
„Was entdeckt?“, fragte er gespannt und stellte sich neben sie. „Das sieht schön aus…“
„Ja, aber schau mal genau hin…“, forderte sie ihn auf und gab dem Phönix erneut einen kleinen Schubs Richtung Schrankwand. Gemeinsam sahen sie zu, wie das Fabelwesen herumschwang – und dabei langsam die Richtung änderte. Statt zur Schrankwand schlug es zunehmend nach links aus. Erneut bremste Junie ihn und stieß ihn gleich darauf wieder nach hinten an… mit demselben Ergebnis. Marcos Augen weiteten sich, als sein Blick über die Inschrift wanderte und ihn eine Ahnung beschlich.
„Ich fass es nicht… könnte das… eine Art frühzeitlicher Eternalport sein? Ein Eternalport nach Sundown?!“, stieß er ungläubig hervor. Auch Junie sah vollkommen gebannt auf die Skulptur – aber es war tatsächlich die naheliegendste Erklärung.
„Ich glaube, ja! Und es ist nur logisch, schließlich haben sie ja gehofft, Madea heilen zu können und wären dann natürlich wieder zurückgegangen – sie müssen also einen Eternalport gehabt haben!“, ächzte sie aufgeregt und strich sich fahrig durchs Gesicht, ehe sie ihn strahlend ansah. „Ich glaubs nicht, vielleicht können wir wirklich die Insel finden! Da muss es einfach Antworten geben, wenn nicht dort, wo denn sonst?!“

Unwillkürlich schmunzelnd über ihre jähe Begeisterung schüttelte er noch immer überrumpelt den Kopf. Bei allem, was er hier zu finden gehofft hatte – das nicht. Aber Junie hatte vollkommen recht, auch wenn die Insel zerstört worden war, irgendwas musste dort noch zu finden sein, das ihnen weiterhalf. Die Chancen dafür standen dort zumindest am höchsten.
„Na also, damit war unsere Mission doch ein voller Erfolg, yoi? Wir nehmen das Ding mit und zeigen es Vater – und entweder fahren wir dann gemeinsam dorthin oder wir brechen nochmal allein auf, ich glaub nämlich nicht, dass die Insel allzu weit von hier entfernt ist. Irgendwas muss von den Menschen, die dort gelebt haben, noch übrig sein, das uns ein paar echte Antworten verschafft!“, entgegnete er zuversichtlich und lächelte ihr zu. „Ich hab doch gesagt, dass es zu früh für Pessimismus ist…“
Junie lachte und umarmte ihn so stürmisch, dass ihm geräuschvoll die Luft entwich.
„Ja, das hast du… du bist der Beste! Ich kann dir gar nicht genug dafür danken, dass du mit mir hergekommen bist!!“, rief sie übermütig. Dieser Fund versetzte sie wirklich in Hochstimmung. Endlich hatte sie eine richtige Spur zu ihrer Abstammung! Mit einem breiten Grinsen fuhr Marco seiner aufgedrehten Liebsten durchs Haar und drückte sie an sich.
„Gern geschehen… und jederzeit wieder“, antwortete er aufrichtig und küsste sie liebevoll auf die Stirn, ehe sein Grinsen verschmitzt wurde. „Also haben wir jetzt noch Zeit, um unsere Flitterwochen zu genießen, oder?“

Junie lächelte breit – und glitt mit ihren Lippen über die empfindliche Haut seitlich an seinem Hals.
„Mhm… die haben wir auf jeden Fall…“, raunte sie glücklich und entlockte ihm damit ein angetanes Brummen. Genießend strich er mit der Nasenspitze über ihre Stirn.
„Dann lass uns jetzt erst mal ein Lager aufschlagen und was essen, yoi? Am besten direkt hinter der Eingangstür, dann haben wir Frischluft und morgen früh auch wieder Sonnenlicht…“
Sein Vorschlag hörte sich wunderbar an; denn jetzt, wo sie die Gewissheit hatte, dass ihre Mission hier wirklich erfolgreich gewesen und sie wieder ein Stück vorangekommen war, bekam sie die Auswirkungen dieses mehr als ereignisreichen Tages deutlich zu spüren.
„Ohja, essen klingt verdammt gut… und schlafen. Ich glaub, bin ein ganz kleines bisschen fertig…“, seufzte sie und rieb sich müde über die Augen. Marco schmunzelte nachsichtig.
„Ist berechtigt, wenn man halb verdaut wurde…“ Mit einer schnellen Bewegung fasste er ihr unter die Kniekehlen und hob sie in seine Arme. Junie japste erschrocken und hielt sich an ihm fest.

„He! Ganz so dramatisch meinte ich das aber nicht!“, protestierte sie augenblicklich, doch er lachte nur und machte sich mit ihr zusammen auf den Rückweg; den Eternalport konnten sie morgen noch holen.
„Weiß ich, yoi? Aber nachdem ich heut ein eher zweifelhafter Held war, sollte ich den Tag wenigstens noch ein bisschen heldenhaft zu Ende bringen…“, erwiderte er mit einem verschmitzten Grinsen, bei dem sie schmunzelnd die Augen verdrehte – und sich behaglich an ihn lehnte.
„Auch wieder wahr… da hast du heut wirklich keine allzu gute Figur gemacht – eine Ballade über den Helden, der seine Prinzessin von Riesenegeln fressen und ausspucken lässt, wird’s wohl eher nicht geben. Aber das hier hast du echt drauf!“
Der Phönix schnaubte ungläubig und warf ihr einen schiefen Blick zu.
„Eine rhetorische Meisterleistung, mir erst einen verbalen Tritt ins Gemächt zu verpassen und gleich darauf mit einem Lob zu verhindern, dass ich dich auf der Stelle fallen lasse…“, gab er trocken zurück. Junie sah ungetrübt strahlend zu ihm hoch.
„Ich bin eben ein bezauberndes, einzigartiges Genie und du liebst mich dafür!“

„Mhm… und damit hätte sich auch die Frage geklärt, ob mein Ego ansteckend ist, yoi?“



•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~•~


Noch eine Frage des unkreativen Autors:

Was würdet ihr euch wünschen, wie es im nächsten Kapitel weitergeht? Ich bin so vollkommen planlos… wollt ihr noch ein bisschen Allein-Zeit zwischen Marco und Junie bei Sabél, Saku und Scarlett? Oder lieber mit kleinem Zeitsprung zurück auf die Moby zu ihren wett-wütigen Brüdern und auf nach Sundown? Oder ganz andere Vorschläge? xD Ihr seht, es steht schlimm um mich… aber vielleicht könnt ihr mir ja diesmal etwas unter die Arme greifen und über den toten Punkt hinweghelfen. :-*
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast