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Abseits ausgetretener Wege

von renawitch
OneshotAllgemein / P12 / Gen
Joe / Yusuf ibn Ibrahim ibn Muhammad ibn Al-Kaysani Nicky / Nicolo di Genova
29.09.2021
29.09.2021
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Nicolo warf einen prüfenden Blick auf den Stand der Sonne und konnte ein gelöstes Lächeln nicht unterdrücken. Es war später Nachmittag und sie hatte das Hauptportal von Florenz gerade hinter sich gelassen.
Drei Tage noch, wenn sie sich beeilten. Nur diese drei Tage, dann wären sie endlich am Ziel.
Zuhause. Nach mehr als vier Jahrzehnten zurück in Genua.
Yusuf schloss zu ihm auf. Die Stimme des Orientalen riss Nicolo aus seinen Gedanken.
„Es ist nicht mehr weit. Noch eine Stunde etwa, bis wir Giulias Gasthaus erreichen. Ich freue mich jetzt schon auf das hervorragende Brot, den Käse von Vincenzo und auf die kleine Kammer unter dem Dach.“
Das Lächeln auf Nicolos Zügen wandelte sich in ein breites Grinsen.
„Sofern sie noch lebt, Yusuf. Sie war bei unserem letzten Besuch schon fast vierzig Jahre alt. Vielleicht führt ihre Tochter Giovanna jetzt das Haus. Ich hoffe, dass es überhaupt noch steht. Die Zeiten sind schwierig in Florenz, nach allem, was man hört.“
Yusuf nickte bedrückt, schluckte trocken und sah sich bekümmert um, bevor er zu einer Antwort ansetzte.
„Ja, die verdammten Intrigen der Bankiers, Geldverleiher und Großhändler werden die Stadt früher oder später ins Verderben führen.“
„Ich fürchte, das sind Dinge, die wir nicht ändern können, Yusuf.“
Sein Gefährte nickte betroffen und zog den Wollumhang etwas fester um seine Schultern.
„Du hast recht. Wir bleiben nur diese eine Nacht in Florenz und ziehen dann am besten weiter nach Westen. Immerhin regnet es nicht mehr. Die letzten Tage Dauerregen haben mir wirklich gereicht. Ich könnte den restlichen Tag dazu nutzen, um neue Stiefel …“
Abrupt verstummte er mitten im Satz, zügelte sein Pferd und horchte argwöhnisch auf.
Nicolo brachte seinen Rappen ebenfalls zum Stehen.
„Was ist los?“
„Hast du das nicht gehört? Es klang wie zänkisches Geschrei.“
Der Angesprochene schüttelte verneinend den Kopf, spitzte nun jedoch ebenso die Ohren. Zunächst war nichts zu hören, bis auf das leise Rascheln des Windes. Nicolo war gerade im Begriff, sein Pferd erneut anzutreiben, als auch er Teile des Disputes hörte.
Er vernahm die ärgerliche Stimme eines Jünglings und kurz darauf die etwas tiefere eines weiteren.
Auch wenn er nicht verstehen konnte, was die Ursache ihres offensichtlichen Streites war, hörte er zweifelsfrei den Zorn in den Worten.
Yusuf hob fragend eine Augenbraue.
„Das klingt ernst, nicht wahr? Wir sollten vielleicht …“
Schon nickte sein Gefährte zustimmend und setzte sein Pferd in Bewegung, ohne Yusuf ausreden zu lassen. Wortlos lenkte Nicolo das Tier in die Richtung, in welcher der Disput wohl ausgetragen wurde.
Schon nach kurzer Zeit klangen beide Stimmen so nahe, dass die Männer von den Pferden stiegen, sie am Wegesrand anbanden und sich vorsichtig in Richtung des Flussufers schlugen.
Vor ihnen floss der Arno nach dem ausgiebigen Regen der letzten Tage sprudelnd und recht schmal für einen solch großen Strom dahin.

Am Ufer auf der anderen Flussseite stritten sich lautstark zwei Jünglinge. Sie mochten vielleicht an die vierzehn oder fünfzehn Jahre alt sein.
„Wenn du meiner Schwester noch ein einziges Mal zu nahe kommst, Cazzo, dann ersäufe ich dich wie ein junge Katze im Fluss!“
Der Kleinere lachte laut auf, bevor er eine spöttische Geste mit der rechten Hand machte.
„Aber warum denn nur, Vieri? Viola schienen unsere Treffen durchaus gefallen zu haben.“
Das war wohl der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Schimpftiraden verstummten, als beide mit Fäusten aufeinander losgingen.

Einen kurzen Augenblick sahen sich Yusuf und Nicolo mehr amüsiert als besorgt an, entspannten sich und behielten die beiden weiterhin im Auge. Offensichtlich ging es hier um die typischen Probleme junger Burschen.
Schnell wurde den Männern jedoch klar, dass die handfeste Auseinandersetzung deutlich mehr zu sein schien, als ein einfacher Streit zweier Jünglinge um ein Mädchen.
Der Schlagabtausch wurde von beiden mit großer Verbissenheit geführt und jener, der offenbar Vieri hieß, schien in seinem kleineren Kontrahenten einen Gegner gefunden zu haben, der ihm körperlich durchaus gewachsen war.
Von einem kräftigen Faustschlag hart an der Wange getroffen, stürzte er zu Boden und blieb einen kurzen Augenblick lang benommen liegen.
Yusuf wirkte beeindruckt und nickte anerkennend. Er erstarrte jedoch, als Vieri sich erhob und sein Blick auf dessen rechte Faust fiel.
Energisch zog er an Nicolos Ärmel, brüllte zeitgleich dem Jungen laut entgegen: „Heda! Lass den Stein fallen, und zwar augenblicklich!“
Beide Kontrahenten erstarrten einen Moment und wandten sich ihnen zu. Nicolo setzte sich in Bewegung und betrat den feuchten Sand des Uferbereichs. Die nächste Brücke war viel zu weit entfernt Er machte sich bereit, den Fluss zu durchqueren, sollte die Schlägerei mit dem Stein als Waffe fortgesetzt werden.
Die Burschen fingen sich schnell wieder, ignorierten Yusuf und Nicolo und setzten ihren Kampf fort. Vieri scherte sich nicht im Geringsten um Yusufs Anweisung und behielt den Stein in der Hand, um sich durch ihn einen handfesten Vorteil in der Konfrontation zu sichern.

Es bedurfte keiner weiteren Worte. Sie mussten sofort handeln.
So sehr es ihm auch widerstrebte, sich in das kalte, reißende Hochwasser des Flusses zu begeben, folgte Yusuf Nicolo dennoch. Der stand schon bis zur Hüfte in den Fluten und stürzte sich nun mit einem Hechtsprung in den Arno, um das gegenseitige Ufer erreichen zu können, bevor dieser Vieri dem anderen Jungen mit dem Stein am Ende noch den Schädel einschlug.
Sie erreichten die gegenüberliegende Seite des Flusses nahezu zeitgleich, hechteten den beiden Kontrahenten entgegen.
Im gleichen Augenblick, in dem Yusuf Vieri erreichte und ihn am Saum seines Obergewandes zurückzuzerren versuchte, nahm dieser den rechten Arm zurück und schleuderte den Stein in seiner Hand in die Richtung des anderen Jungen.

Als der schwere Kiesel den Jüngling an der Schläfe traf, gab dieser ein keuchendes Geräusch von sich, stolperte benommen einige Schritte zurück und noch bevor Nicolo nach ihm greifen konnte, stürzte er in den gurgelnden Fluss.
Einer spontanen Eingebung folgend, eilte Nicolo ihm nach, sprang erneut in die Fluten und kämpfte die aufkommende Panik nieder, als der Bursche nicht wieder auftauchte.
So sehr er sich auch umsah, er konnte ihn nicht entdecken.
„Yusuf!“
Der Angesprochene reagierte augenblicklich auf den drängenden Ruf, löste den Griff um Vieris Handgelenk und wandte seine ganze Aufmerksamkeit Nicolo zu.
„Ich kann ihn nicht sehen! Ich sehe den Jungen nicht!“
Yusuf hechtete an den Uferbereich. Einige Fuß weit flussabwärts konnte er mit etwas Mühe dunklen Stoff im Wasser erkennen. Er deutete wild gestikulierend in diese Richtung, bevor auch er sich in den Hochwasser führenden Arno stürzte, um den ertrinkenden Jüngling einzuholen.

Es war Nicolo, der ihn zuerst erreichte und an das Ufer zerrte.
Der Gerettete regte sich nicht, aber er atmete regelmäßig, stellte Nicolo erleichtert fest. Helles Blut rann nicht nur an des Jungen Schläfe herab, wo Vieris Stein ihn getroffen hatte, es färbte auch den Sand unter seinem Kopf. Vorsichtig begutachtete der hinzugeeilte Yusuf die Verletzungen.
„Er hat noch eine weitere Platzwunde am Hinterkopf.“
Sein Gefährte nickte zustimmend.
„Ja, ich glaube, er hat sich auch an den Felsen im Fluss den Kopf angeschlagen.“
Sie sahen sich stumm und betroffen an und befürchteten das Schlimmste. Sollten die Schläge auf den Kopf dauerhaften Schaden angerichtet haben, würde der Junge es schwer haben, sofern er überhaupt überlebte. Nicolo schüttelte bedauernd den Kopf und seufzte bedrückt.
„So schlimmes Unheil wegen einer scheinbaren Kleinigkeit. Er wäre ertrunken, wenn wir nicht zufällig hier vorbeigekommen wären und den Streit mitangehört hätten.“
Yusuf nickte zustimmend und wusch dem Verletzten das Blut aus dem Gesicht, während Nicolo mit einem nassen Stoffstreifen versuchte, die Blutung an der Stirn zu stillen.
Der Orientale war schon gewillt, ihre Pferde zu holen, um geeigneteres Material zur Wundversorgung zur Hand zu haben, als der Jüngling sich zu regen begann und endlich die Augen aufschlug. Yusuf ging neben ihm in die Hocke.
„Ah, da ist er ja wieder. Willkommen zurück im Leben, Bursche.“
Der Angesprochene blinzelte benommen und runzelte verwirrt die Stirn.
Nicolo begegnete ihm mit einem freundlichen Lächeln.
„Mein Name ist Nicolo. Das ist Yusuf. Kannst du mir sagen, was passiert ist?“
Die Antwort kam leise und unsicher über die Lippen des Jünglings.
„Vieri hat mir aufgelauert und es kam zu einer Schlägerei. Er hat mich schon wieder mit einem Stein beworfen.“
Nicolo nickte zustimmend.
„Ja, der Kiesel traf dich an der Schläfe. Du bist in den Fluss gestürzt und hast dir im Wasser den Kopf an einem Felsen angeschlagen. Siehst du Doppelbilder oder verschwommen?“
Der Junge richtete sich zögerlich auf und griff mit schmerzverzerrter Miene an den Hinterkopf.
„Nein, ich sehe alles so, wie sonst auch. Dieser verdammte Cazzo! Oh, mein Kopf dröhnt.“
Nicolo lachte leise auf. Mit dem Jungen schien bis auf ein paar Blessuren und die Platzwunden alles in Ordnung zu sein. Er würde einige Tage ordentliche Kopfschmerzen haben, aber wohl keine bleibenden Schäden von diesem Abenteuer davontragen.
„Du solltest dich ausruhen und dich von den Schlägen auf den Kopf erholen. Auch wenn dieser Vieri das Weite gesucht hat und du ihm wohl nicht mehr über den Weg laufen wirst, solltest Du mit diesen Kopfverletzungen nicht alleine umherziehen. Wir sind auf dem Weg in das Stadtzentrum und können dich nach Hause begleiten.“
Der Junge schüttelte unnachgiebig den Kopf und erhob sich mühsam.
„Danke, das wird nicht notwendig sein.“
Schon nach zwei Schritten strauchelte er und Yusuf verhinderte nur durch einen beherzten Griff, dass er stürzte.
„Ja sicher,“ spottete der Orientale. „Du bist absolut dazu in der Lage alleine und zu Fuß zurück nach Hause zu gehen.“
Der Bursche presste einen Fluch zwischen den Lippen hervor und hob trotzig das Kinn.
Nicolo schenkte ihm ein mildes Lächeln.
„Wie gesagt, wir sind Yusuf und Nicolo und auf dem Weg ins Zentrum. Vielleicht könntest du uns den schnellsten Weg zum Marktplatz zeigen? Wir waren lange Jahre nicht mehr hier und wollen nur noch so schnell wie möglich in eine Herberge oder in ein Wirtshaus, um uns von der Reise zu erholen.“
Die Züge des Jungen wurden weicher, letztlich rang er sich ein schmales Lächeln ab, griff aber erneut an seinen schmerzenden Kopf.
„Ich weiß, was ihr vorhabt. Verkauft mich nicht für dumm, meine Herrschaften. Ich kann euch den schnellsten Weg zum Markt zeigen. Vielleicht profitieren wir am Ende alle davon, wenn wir doch zusammen reisen.“
Die Männer nickten zustimmend und Nicolo musterte den Jungen anerkennend. Dumm war er nicht, das musste man ihm lassen. Auf die vorgeschlagene Art und Weise wahrte jeder von ihnen sein Gesicht, ohne auf die Vorteile der Reisebegleitung verzichten zu müssen.
„Gut, wir würden uns freuen. Hättest du noch die Freundlichkeit, uns deinen Namen mitzuteilen?“
Der Junge grinste jetzt breit und streckte ihm seine Hand entgegen.
„Mein Name ist Ezio. Ezio Auditore.“
„Gut Ezio, ich freue mich, dass du uns die örtlichen Schleichwege zeigst. Einige Reisen gestalten sich angenehmer, wenn man nicht die ausgetretenen Wege nutzt.“
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg stromaufwärts, um die Pferde zu holen.
Sie ließen die stark frequentierten Straßen hinter sich, wählten einsame Gassen und verlassene Wege.
Sie erreichten das Zentrum gemeinsam und von anderen nahezu ungesehen, als die Sonne hinter Florenz unterging.
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