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Air raid siren

Kurzbeschreibung
OneshotDrama, Familie / P16 / Het
Mr. Dawson
26.09.2021
26.09.2021
1
1.774
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Disclaimer: Ich kenne keinen der vorkommenden Prominenten persönlich, habe keinerlei Rechte an ihnen oder an sonst irgendwas, das mit ihnen zusammenhängt, und selbstverständlich verdiene ich mit dieser Geschichte kein Geld. Was es hier zu lesen gibt, ist Fiktion und basiert demzufolge auch nicht auf irgendwelchen realen Ereignissen.

English Version: I do not own anyone, this is purely fictional. If you got here by googling yourself please I urge you go back now!

A/N: Hier kommt nun die neunundzwanzigste Kurzgeschichte in meiner kleinen, mehr oder weniger unzusammenhängenden Kurzgeschichten-und-Drabble-Reihe zu Christopher Nolans Film Dunkirk.
Die achtundzwanzigste Kurzgeschichte findet ihr hier: One day of peace

Ein wenig Asche muss ich hier auf mein Haupt streuen, weil mir doch tatsächlich erst jetzt wirklich aufgefallen ist, dass man gegen Ende des Films einen kurzen Blick auf Mrs. Dawson im Hintergrund in der Küche erhascht. Man muss sich diesen Film eindeutig häufiger ansehen, wenn man auch die Details entdecken möchte…

Passend zum Titel möchte ich den neugierigen Lesern unter euch folgendes Hörerlebnis via YouTube ans Herz legen: air raid siren


Ihr wisst ja, Reviews und Sternchen sind das Brot des Fanfictionautors – lasst mich bitte nicht hungern!







Air raid siren


Es war spät geworden und früh dunkel an diesem Tag. Der Wind hatte schon am Morgen aufgefrischt und Wolken heran getrieben, nur geregnet hatte es nicht und mittlerweile riss die Wolkendecke wieder auf. Er hatte es bemerkt, als er gerade die Katze zur Hintertür nach draußen gelassen hatte. Das Tier kam ohnehin nur morgens und abends für den Moment in die Küche, an dem es gefüttert wurde und manchmal auch ein Schälchen mit Wasser verdünnte Milch dazu bekam. Nur im Winter, wenn das Wetter allzu harsch war, mochte es sich länger im Haus aufhalten und dann am liebsten auch nur schlafend vor dem Ofen in der Küche, wo es kuschlig warm war. Doch soweit war das Jahr noch nicht fortgeschritten. Die ersten Winterstürme standen noch aus und die Herbststürme waren bisher nicht so arg gewesen wie sie es durchaus sein konnten.
Sorgsam schloss er die Hintertür ab. Es war besser so in diesen Tagen. Den Schlüssel legte er auf die Kommode im Flur, dorthin, wo sie ihn auch im Dunkeln sicher finden konnten. Man konnte ja kaum vorausschauend genug sein, wenn es darum ging. In der Küche hantierte Mary noch mit dem Geschirr vom Abendessen und im Grunde genommen war damit alles so wie an den meisten Abenden, seit Peter in Cranwell war. Sie wollte nicht, dass er ihr dabei zur Hand ging, denn dabei hatte er laut ihr zwei linke Hände.
Langsam ging er weiter in die Stube, ließ das Licht dort ganz bewusst ausgeschaltet und schloss sogar die Tür hinter sich, um den Schein aus der Küche auszusperren, der es bis über den Flur herüber schaffte. Die von der Regierung angeordnete Verdunklung durfte nicht vernachlässigt werden, auf gar keinen Fall. Die Missachtung oder auch nur der kleinste Fehler konnte ihrer aller Untergang herbeiführen. Die Deutschen waren nun einmal auch keine Dummköpfe. Sie wussten, dass Menschen nachts dort waren, wo Licht war, also lohnte es für ihre Kriegsführung, ihre Bomben auch dort abzuwerfen, wo sie Licht sahen, denn dort konnten sie ihre zerstörerischen Kräfte wirkungsvoll entfalten.
Im Dunkeln durchquerte er den Raum, wich dem Sessel und der Ecke des Beistelltisches aus und erreichte das Fenster. Eigentlich sollte man genau das ja dieser Tage nicht tun, ging ihm noch durch den Kopf, als er schon die Hand nach dem Verdunklungsvorhang ausgestreckt hatte und ihn zur Seite schob. Doch genauso wenig konnte er es dieser Tage ertragen, den Nachthimmel nicht zu sehen, eingesperrt und blind das zu erwarten, was von dort oben auf sie zukommen mochte. Allein der Gedanke daran verursachte ihm Beklemmungen und es half auch nichts, das vor sich selbst zu leugnen. Anderen konnte er das verschweigen, nur nicht dem eigenen Verstand.

Er war ein alter Mann und er hatte Angst.

Dieselbe pechschwarze Angst, die er während des Großen Krieges in den Schützengräben verspürt hatte, Tag und Nacht, wachend wie schlafend, unablässig. Heute befiel sie ihn – glücklicherweise – nur noch mit der hereinbrechenden Dunkelheit. Er hatte nicht geglaubt, sie je wieder zu fühlen, diesen eiskalten Griff nach seinen Eingeweiden, als wolle sie ihn Galle spucken lassen. Damals hatte er geglaubt, was man ihnen versprochen hatte, als man sie an die Front schickte, dass sie in dem Krieg kämpfen würden, der alle Kriege beenden würde.

Heute jedoch war offensichtlich, dass man sie belogen hatte.

Lautlos seufzte er. Auf der Straße vor dem Haus herrschte gähnende Leere, wenigstens war es das, was die totale Finsternis ihn glauben machen wollte. Ohne Lichtschimmer war es einfach nur unmöglich, etwas zu erkennen. Nichts weiter als das. Er stützte sich mit der freien Hand auf dem Fensterbrett ab, um einen Blick gen Himmel werfen zu können. Die Lücken zwischen den Wolken wurden größer, weiter und an einer Stelle meinte er, schon einen Stern ausmachen zu können. Früher hatte er James und Peter noch die Schönheit eines nächtlichen Sternenhimmels zeigen können, konstatierte er im Stillen. Heute wäre das unmöglich. Selbst dann, wenn sie beide noch hier wären, doch nicht einmal das waren sie und zumindest James würde es auch nie mehr sein. Er schloss für einen Moment die Augen und brauchte ein paar bewusst tiefe Atemzüge, um die Kontrolle über sich wiederzuerlangen.

Es half ja alles nichts!

Dieser Krieg würde genauso sein wie der Große Krieg zuvor. Er würde die nächste junge Generation ebenso in Tod und Verderben stürzen wie es bei seiner eigenen der Fall gewesen war und es gab rein gar nichts, was er dagegen ausrichten konnte.
Weder Verbote noch gutes Zureden noch Bitten hätten Peter dazu bewegen können, den Weg nach Cranwell nicht anzutreten, geschweige denn sich ganz allgemein fürs Militär mustern zu lassen. Sein Jüngster hatte die Uniform regelrecht herbeigesehnt, seit James in ihr das erste Mal nach Hause gekommen war. Vielleicht hatte diese Sehnsucht einen Dämpfer erhalten, nachdem James gefallen war, doch mit Georges Tod war wieder alles anders geworden, schlimmer, fassbarer und vor allen Dingen näher. George war kein Soldat, er hatte nicht einmal nennenswerte Ambitionen gehabt, eine militärische Laufbahn einzuschlagen. Er war ein Junge aus der Nachbarschaft gewesen und plötzlich, aus einer grausamen Laune des Krieges heraus war er gefallen; und Peters Aktionismus, seine Entschlossenheit hätte ihm von Beginn an zu denken geben sollen! Sie war das Gegenteil von dem gewesen, was die Nachricht von James’ Tod ausgelöst hatte.

Langsam ließ er den Verdunklungsvorhang wieder los, sperrte die lichtlose Welt wieder aus und lauschte auf die Geräusche, die aus der Küche bis zu ihm drangen, auf das Klappern der letzten Töpfe, die Mary gerade in den Schrank räumte. In wenigen Augenblicken würde sie das Geschirrtuch über den Griff des Backofens hängen, die Schürze daneben und dann in die Stube kommen. Sie würde sich auf den Sessel neben der Stehlampe setzen, diese einschalten und das Strickzeug aus ihrem Handarbeitskorb nehmen. Es würde der Moment sein, in dem er auf dem Sofa Platz nahm, das Radio einschaltete und dann seine Pfeife stopfte. Sie würden jeder ihrer eigenen Beschäftigung nachgehen, bis die Musik zugunsten der Nachrichten verstummte und sie es ihr gleichtun würden. Wenn es je eine Zeit gegeben hatte, zu der es unabdingbar war, die Nachrichten nicht nur in den Zeitungen, sondern auch im Rundfunk genauestens zu verfolgen, dann war sie jetzt.

Er machte keine Anstalten, zur Tür zurückzugehen, um den Lichtschalter daneben an der Wand zu betätigen. Mary tat das, nachdem sie wortlos die Tür wieder geöffnet hatte. Die Deckenlampe tauchte den Raum in dunkelgelbes Licht. Sie bedachten einander mit einem vagen Lächeln, aber ließen unausgesprochen, dass sie beide wussten, was in diesem Moment fehlte und was sie stattdessen umtrieb.
Schweigend wandte er sich dem Radio zu. Der große Zeiger der Uhr auf dem Kaminsims tickte unaufhaltsam der nächsten vollen Stunde und damit auch der Nachrichtensendung entgegen. Wenn er wieder mehrere Minuten brauchen würde, um das Rauschen so weit zu minimieren, dann würde es schon knapp werden, konstatierte er stumm, als er das Radio einschaltete. Mary nahm gerade den Korb mit ihrem Handarbeitszeug vom Boden auf den Schoß. Peter könne ein oder zwei Paar dicke Wollsocken mehr sicher gut brauchen, hatte sie gestern beschlossen. Selbst während der Sommermonate konnte es im Cockpit unangenehm kühl werden, hatte James ihnen einmal erzählt, also…

Langgezogenes Heulen ließ ihn schlagartig innehalten und den Kopf heben, ganz ungeachtet der Tatsache, dass man durch den geschlossenen Verdunklungsvorhang nicht nach draußen sehen konnte.

„Nun denn…“ Mary atmete hörbar aus und erhob sich wieder vom Sessel. „Dann verbringen wir den Abend also im Keller.“

„Es scheint wohl so“, pflichtete er seiner Frau bei, während er das Radio wieder ausschaltete.

Das Sirenensignal war unmissverständlich.

Wieder einmal.

Mary verließ mit ihrem Handarbeitskorb sowie dem großen, mintgrünen Kissen vom Sessel die Stube. Er nahm die aktuelle Zeitung, Pfeife und Tabak und schaltete die Deckenlampe wieder aus. Wenn sie den Abend im Keller verbrachten, brauchte das Licht hier oben nicht zu brennen. Das wäre verschwendet.

„Hast du den Petroleumkocher von der Moonstone eigentlich in den Keller gebracht?“ Mary war an der Küchentür stehen geblieben und sah ihn an. Draußen klagten die Sirenen mehrstimmig und immer lauter.

Er nickte. „Ja, und ein wenig mehr Petroleum für alle Fälle ebenso.“

„Gut“, beschloss Mary resolut, „dann kann ich uns dort unten wenigstens einen Tee machen.“

Dass es ein heikles Unterfangen war, weil sie während eines Alarms am besten weder den Schacht für die Kohlenlieferung auf der Straßen- noch das kleine Fensterchen zur Gartenseite für die Frischluftzufuhr öffneten, behielt er für sich. So schlimm würde es schon nicht werden, hoffte er insgeheim, immerhin lagen die Werftgebäude und alles, was sonst der Royal Navy zugerechnet wurde, auf der anderen Seite Weymouths, und dann bestand auch noch die Möglichkeit, dass sie auch dieses Mal gar nicht Ziel der Luftwaffe sein würden.

„Die Spielkarten, Halma und Backgammon von der Moonstone sind auch im Keller“, ergänzte er. „Mit dem Radio hat man dort unten allerdings nicht den geringsten Empfang.“

Mary öffnete die Tür, hinter der sich die Kellertreppe verbarg, und legte die freie Hand aufs Geländer. „Das einzige, was wir dort unten hören müssen, ist das all-clear-Signal, danach ist noch früh genug für die Nachrichten im Rundfunk.“

Wieder nickte er.

Dass danach nicht früh genug sein würde, wussten sie beide nur zu gut. Es war aber niemandem damit geholfen, nun die Nerven zu verlieren. Ruhig bleiben und Schutz suchen, das war die Devise, und mit Tee und Halma hatten sie schon ganz andere schlaflose Nächte durchgestanden.

Die Sirenen heulten weiterhin Fliegeralarm, als er die Kellertür hinter ihnen schloss und Mary die Treppe hinunter folgte.



***

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