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Kyourandotou - Zeit des Aufruhrs

von Vangueis
Kurzbeschreibung
GeschichteÜbernatürlich, Historisch / P18 / Gen
OC (Own Character)
25.09.2021
28.05.2022
20
26.018
4
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Dieses Kapitel
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26.11.2021 1.308
 
Verwelkte Blume
Die Blüten liegen im Dreck
Daneben grünt Gras

Der Mann tupfte seinen Schreibpinsel ab und legte ihn sanft in die Schatulle zurück, nach dem er den letzten Strich seines Haiku gezogen hatte. Er blickte auf und über seinen Steingarten hinweg und bemerkte, wie sich die Sonne setzte. Er setzte sich auf und rückte seine Gewänder zurecht. Die Leute belächelten ihn immer, dass er über seiner normalen Beamtentracht drei Schichten eines Junihitoe - dem zwölfschichtigen Gewand der Fürstenfrauen und Hofdamen - trug. Er schritt gemächlich durch sein Anwesen während die feine Seide des Junihitoe über den Boden glitt. Mit einem Lächeln schob der junge Mann die Tür zum Empfangssaal auf, während seine zu einer Schleife zusammengebunden Haare und seine Talisman-Ohrringe baumelte. Als der Mann den Raum betrat verbeugten sich die dort versammelten Menschen. Es waren zwei Händler, ein Gastwirt und… das Lächeln des Mannes wurde breiter und seine gelben Augen verengten sich.

“Der Kokushi ist nun anwesend! Bitte tragen sie ihre Anliegen der Reihe nach vor!”

Kaum hatte sich der Kokushi gesetzt und seinen Junihitoe geglättet, kniete der Gastwirt demütig vor ihm.

“Werter Kokushi! Es geht um-”

“Ihre Tochter?” schnitt der exzentrische Beamte in den Damengewändern seinem Bittsteller das Wort ab. “Ich verstehe ihr Leid, ich habe allerdings keine Mittel dazu, mich um die Banditen zu kümmern. Ich habe bereits Männer dafür abgestellt - gute Männer obendrein - und sie verloren. Der Verlust ist tragisch, das ist mir wohlbewusst. Verstehen Sie allerdings auch meine Position, dass ich nicht alle Ressourcen für nur ein Mädchen einsetzen kann. Ich weiß, das ist harsch, aber ich muss mich um das Wohlbefinden der ganzen Provinz kümmern und nicht nur um eine einzelne Familie.”

“Aber verstehen Sie denn nicht-”

Der Kokushi hob abwehrend die Hand.

“Ich verstehe sehr wohl. Und Sie müssen verstehen, dass nicht nur sie Kinder an diese Barbaren verloren haben. Nur weil sie ein wenig besser verdienen als der gemeine Pöbel kann ich Sie nicht bevorzugen. Der Nächste bitte!”

Der Gastwirt wolle noch etwas sagen, aber zwei Wachleute trugen ihn nach draußen. Sein Bitten und betteln erhört zu werden, ignorierte der Kokushi gekonnt. Er blickte sich im Saal um und stellte fest, dass die zwei Händler in Gespräche mit den anderen Verwaltungsbeamten verwickelt waren - was bedeutete, dass der ungewöhnliche Gast zu ihm kam. Das distanzierte Lächeln des Kokushi wurde breiter, als sich der Samurai, der ihm bei betreten des Saals in Auge gefallen, sich vor ihm hinhockte. Der Samurai deutete eine Verbeugung an und setzte sich gerade hin. Das Wappen der Genji auf der Brustplatte und der Eboshi auf seinem Kopf zeugten von seiner hohen Stellung.

“Verzeiht das eben, hehe…” lachte der Kokushi, als die Wachmänner den Gastwirt aus dem Gebäude entfernten. “Was verschafft dem Kokufu von Shinano die Ehre, dass uns jemand aus dem Hause Minamoto besucht?”

“Ich bin mit zwei Gefährten auf Durchreise und plane zwei Nächte in der Kokufu zu rasten. Als Vertreter des Tennou wollte ich Ihnen einen Besuch abstatten, werter Kokushi.” sagte der Samurai förmlich.

“Ihr möchtet also hier rasten… darf ich Euch dann als Gast in meinem Privatanwesen begrüßen? Jemand von Ihren Stand wird wohl kaum in einem Gasthaus für das gewöhnliche Volk nächtigen wollen.”

“Ich nehme die Einladung dankend an.” sagte der Samurai förmlich und sah den Kokushi kurz an. “Ich höre mir Ihre Bitte dann bei Ihnen zu Hause an, ja?”

“Hehehehe… da habt Ihr mich durchschaut!” lachte der Kokushi Minamoto no Raikou an und wies auf die Schiebetür hinter sich. “Holt Eure Gefährten zu Euch und tretet durch diese Tür. Meine Diener werden Euch geleiten und ich werde alsbald folgen.”



_____



Tsuna saß neben Haruakira an einer langen Tafel und blickte sich mit großen Augen um. Die Feuerstelle war groß und Edel angerichtet. An der Wand hingen überall dekorative Schwerter und Fächer. An einer der Wände saß ein schönes Mädchen mit schneeweiß geschminktem Gesicht, das melancholisch an einem Instrument zupfte, dass Tsuna noch nie gesehen hatte.

“Das ist eine Biwa.” kommentierte Haruakira, der Tsuna belustigt beobachtete

Tsuna wollte etwas erwidern, als sich eine Tür auftat und ein junger Mann hineinschritt. Der Mann hatte leicht gebräunte Haut und langes, olivgrünes Haar, dass in seinem Nacken zu einer Schleife zusammengebunden war. Seine Augen waren gelb und halbverengt, sodass sein Blick etwas prüfendes an sich hatte, doch sein sanftes Lächeln dazu ließ ihn sogar ein wenig zynisch wirken. Von seinen Ohren baumelten pergamente Talismane, wie jene, die Haruakira herstellte um Raikou Fluchgeister sehen zu lassen. Die Erscheinung wurde jedoch noch ein wenig seltsamer, da der junge Mann über seiner sachlichen, dunklen Beamtenkleidung, weite Damenkleider in mattem rot und kräftig kirschblütenfarben Trug. Auf der kirschblütenfarbenen Gewandung, die die äußerste Schicht darstellte, war mit goldenem Faden ein Drache gestickte. Eine wahrlich schillernde Erscheinung, die Tsuna den Atem raubte und Haruakira ein Lachen unterdrücken ließ. Ein scharfer Blick von Raikou ließ den Weißhaarigen verstummen. Der Mann in Damenkleidern deutete eine Verbeugung an.

“Erlaubt mir, mich Euch richtig vorzustellen: Mein Name lautet Kiyomasa Hyoga und ich bin der Kokushi von Shinano. Mit wem habe ich heute das Vergnügen zu speisen, werte Mitglieder der Genji?”

Raikou deutete ebenfalls einen Knicks an und öffnete den Mund.

“Mein Name lautet Minamoto no Yorimitsu. Ich bin der älteste Sohn von Minamoto no Mitsunaka. Meine Begleiter sind der Hofberater und Gelehrte Abe no Seimei…”

Haruakira bedeutete bei diesen Worten ebenfalls einen leichten Knicks.

“...und mein Schüler Echigo no Tsuna. Wir bedanken uns für Ihre Gastfreundschaft, werter Kokushi.”

Tsuna machte auch einen Knicks, auch wenn er das ganze Prozedere nicht wirklich verstand. Ihm war aber auch klar, dass Raikou schlecht dastehen würde, wenn einer ihrer Untergebenen sich nicht benahm… ihrer. Tsuna musste verdrängen, dass er Raikou nackt gesehen hatte und ihr Geheimnis erfahren hatte. Sie hatte mit ihm nicht darüber gesprochen, als sie heute zur Kokufu von Shinano gereist waren, was vermutlich bestätigte, dass Haruakira nur seine Späße mit ihm getrieben hatte, als er meinte, Raikou habe sie bestimmt bemerkt.

Kiyomasa klappte kurz der Mund auf, bevor er wieder lächelte. Er ließ sich bedächtig am Kopfende der Tafel nieder.

“Ich hatte zwar gewusst, dass meine Gäste etwas was besonders sind, aber den ältesten Sohn des Chinjufu Shogun und den obersten Berater seiner kaiserlichen Majestät hatte ich nicht erwartet, hehe!” Er packte einen formellen Fächer aus, klappte ihn und wedelte sich Luft zu. “Bevor wir zu Speis und Trank greifen, komme ich gleich zu meiner Bitte, wie Ihr bereits durchschaut habt, Yorimitsu-dono.”

“Ich schätze es geht um die Banditen, denen ihr nicht Herr werdet.” sagte Raikou trocken.

“Hehe… so kann man es auch ausdrücken.” sagte Kiyomasa gereizt. Raikou hatte wohl einen wunden Punkt getroffen. “Die Sache ist die… das, was die Leute hier entführt sind keine Banditen.”

“Aha, solche Banditen also. Das kann ja lustig werden.” sagte Haruakira.

“Ihr müsst verstehen, dass ich meinem Volk nicht einfach sagen kann, dass ihre Söhne und Töchter von etwas entführt werden das weder sie noch ich sehen können. Ich kann mich glücklich schätzen, von der Existenz der Fluchgeister überhaupt zu wissen.”

“Wie könnt Ihr aber davon ausgehen, dass wir davon wissen? Ich meine wir tun es. Und meine Wenigkeit ist Experte auf dem Gebiet.” sagte Haruakira. “Ihr habt allerdings nur den jungen Herrn getroffen. Warum dachtet Ihr, wir können helfen?”

“Ich hatte da so ein Gefühl.” sagte der Kokushi. “Ich habe gute Menschenkenntnis, wisst Ihr? Hehe.”


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Wissen zur Heian-Zeit


Chinfuju Shogun:
Ein Titel der einem militärischen Kommandeur zuteil wurde, der gegen das Volk der Ezo im Norden Honshuus oder gar in Hokkaido zu Felde zog oder den nördlichen Rand des Kaiserreichs gegen diese Verteidigte. Der Titel übersetzt sich in etwa zu „Oberbefehlshaber des zentralen Friedenssicherungshauptquartiers“ ist aber häufiger als “Oberbefehlshaber der Verteidigung des Nordens” dargestellt.


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Das anfänglich benutzte Haiku stammt vom Verfasser Entropy und wurde auf haiku-kurzgedichte.de gepostet (Link: http://www.haiku-kurzgedichte.de/haiku/index3.php [Letzter Aufruf: 26.11.2021 18:40 Uhr])
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