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Kyourandotou - Zeit des Aufruhrs

von Vangueis
Kurzbeschreibung
GeschichteÜbernatürlich, Historisch / P18 / Gen
OC (Own Character)
25.09.2021
28.05.2022
20
26.018
4
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
20.11.2021 1.727
 
2. Jahr der Anwa-Ära, Provinz Shinano


Das gelbliche Papier war straff und stand aufrecht wie die Borsten eines Wildschweins. Tsuna hielt den kleinen Fetzen Pergament zwischen den Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand und ließ ihn durch Fluchkraft gerade stehen. Es war nun schon ein paar Tage her, seitdem er mit Raikou und Haruakira aus seiner verwüsteten Heimat aufgebrochen war. Haruakira hatte Tsuna die Grundprinzipien von Jujutsu widerwillig beigebracht, wann immer sie gerastet hatten. Tsuna konnte zumindest mittlerweile seine Fluchkraft sammeln, wenn er sich konzentrierte. Tropfen von Wasser sammelten sich zu den Füßen von Tsuna und stiegen wie von Zauberhand nach oben.

“Ob man das trinken kann?”

Die Worte von Haruakira brachen die Konzentration von Tsuna und das Papier erschlaffte, wie die Tropfen zu Boden fielen.

“Oder sich damit waschen? Du stinkst nämlich ganz schön.”  fuhr der Weißhaarige fort. “Immerhin kannst du deine Fluchkraft nun immer länger ansammeln. Es wäre nur gut, wenn du es langsam unterbewusst könntest.”

“Tut mir ja leid.” entgegnete Tsuna genervt. “Es wäre allerdings leichter zu lernen, wenn ein gewisser jemand keine Kommentare ablassen würde, die meine Konzentration brechen.”

“Oh, du hast endlich den Zweck meiner Worte erfasst! Ich bin so stolz auf dich, dass du trotz deiner Ungebildetheit den Sinn dieser Übung erkannt hast.” lachte Haruakira ihn an.

Tsuna’s Augenbraue zuckte genervt unter den Worten des Jujutsuisten.

“Ich bin nicht dumm, klar?” sagte der Junge gereizt zu dem Weißhaarigen.

“Das habe ich auch nicht behauptet. Intelligenz und Bildung haben nicht unbedingt etwas miteinander zu tun. Du kannst klug sein wie du willst, wenn du über eine gewisse Sache nicht gebildet bist, kannst du sie trotzdem nicht wissen. Daher gibt es sicher Dinge, in denen du gebildet bist und ich nicht.”

“Wenn das so ist, warum ‘bildest’ du mich nicht darin, was es mit diesem Wasser auf sich hat, dass sich jedes Mal sammelt, wenn ich meine Fluchkraft sammle?”

“Kann ich nicht.” entgegnete Haruakira knapp und hob sofort abwehrend die Hand, als Tsuna den Mund öffnete. “Ahahaha! Nicht so schnell, ich kann es dir begründen. Erstens kann man sich nur selbst bilden. Das einzige was man teilt, ist Wissen. Was man mit diesem Wissen anfängt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Zweitens ist das sicherlich deine angeborene Fluchtechnik - oder eine vererbte. Solange du nicht wie von alleine eine stabile Menge Fluchkraft aufbauen kannst, brauchen wir uns erst gar nicht überlegen, wie wir die richtig angehen.”

Haruakira hob die Hand und sagte: “Komm.”

Wie auf Befehl manifestierte sich ein kleiner Fluchgeist, den man wie Tsuna mittlerweile wusste ‘Fliegenkopf’ nannte, auf der Handfläche des weißhaarigen Mannes.

“Eine angeborene Fluchtechnik ist für den Besitzer einzigartig. Eine vererbte wird sich innerhalb einer Blutlinie von Jujutsuisten geteilt. Meine angeborene Technik habe ich Jurei Seigyo getauft. Sie erlaubt es mir, niedere Fluchgeister zu befehligen. Stell es dir so vor, wie wenn du einen Hund abrichtest. Deine angeborene Fluchtechnik wird etwas vollkommen anderes sein. Wilde Idee, aber vermutlich etwas mit Wasser.”

Während die beiden sich unterhielten erschien Raikou bei ihnen und setzte sich auf einen Stein. Von seiner Schulter baumelte ein toter Hase, den der Samurai nun vor sich nahm und fest hielt. Mit einem ‘Ratsch!’ zog er in einer flüssigen Bewegung dem Tier das Fell über die Ohren und machte sich mit einem kleinen Messer daran, den Hasen auszuweiden. Haruakira starrte den Samurai angewidert an, während dieser den Darm und andere Eingeweide aus dem Hasen herauszog und übe die Schulter warf.

“Musst du das unbedingt hier machen? Wir hatten gerade so ein schönes Gespräch geführt und dann platzt du rein und verstümmelst gewaltsam diesen Hasen. Ist ja ekelhaft.”

“Tsuna.” sagte Raikou knapp und reichte dem Jungen den Hasenpelz, während er gekonnt Haruakira ignorierte. “Wasch den Pelz am Fluss aus. Wir kommen morgen gegen Abend in der Kokufu von Shinano an. Ich werde den Provinzverwalter einen Besuch abstatten müssen, sieh zu, dass du in der Zeit von dem Pelz und auch dem der letzten Tage ein Heft für dein Schwert in Auftrag gibst. Geld wird dir Haruakira dafür zur Verfügung stellen.”

Tsuna nickte zustimmend, während Haruakira sich streckte und dabei schmatzte, wie als wäre er ein alter Mann.

“Wir werden morgen also zur Abwechslung mal wieder auf einem Futon schlafen und nicht wie ein paar Wilde vor dem Feuer auf dem Waldboden? Dann habe ich morgen gar keinen Grund mich zu beschweren, wenn das in Aussicht steht~” sagte Haruakira selbstgefällig.

Tsuna stand auf und ging in Richtung des Flusses in der Nähe, um den Hasenpelz auszuspülen. Er hatte schon oft Pelze gereinigt, weshalb er keine sonderlichen Probleme damit hatte, kleine Fleischreste an der Innenseite des Pelzes mit einem angespitzten Knochen zu lösen und den Pelz von Schmutz und Ungeziefer zu befreien. Als er zu seinen Reisegefährten zurückkehrte, hatten diese bereits ein Feuer entfacht und der mittlerweile zerteilte Hase brutzelte über dem Feuer. Tsuna nahm ein Seil aus seinem Beutel, den er von Amakuni Yasutsuna in jener Nacht bekommen hatte und spannte das Seil zwischen zwei Bäumen auf. Er hängte den Pelz über das Seil, sodass die Wärme des Feuers ihn bis zum nächsten morgen trocknen würde.

Nachdem sie zu dritt den Hasen verspeist hatten, übte Tsuna noch einmal Schwerthiebe. Raikou hatte ihm aufgetragen, nach jeder Mahlzeit fünfzig Hiebe zu üben, nachdem er ihn angeleitet hatte. Zu Tsunas Stolz hatte sich der Samurai erstaunt gezeigt, dass Tsunas Schwertführung bereits sehr gut war, dafür, dass er doch nur mit ‘Stöcken im Wald gespielt’ hätte. Mit dem fünfzigsten Hieb ronn ihm der Schweiß über das Gesicht und er streckte sich noch einmal, wodurch er plötzlich herzlich gähnen musste.

“Ich werde mich mit Haru bezüglich der Feuerwache ablösen.” bestimmte Raikou. “Du ruhst dich aus Tsuna.”

“Aber…” setzte der Junge an, doch Raikou unterbrach ihn.

“Kein ‘Aber’. Du bist das reisen nicht so sehr gewöhnt wie wir. Du hast bisher gut mitgehalten, wir müssen morgen allerdings früh aufbrechen, wenn wir bis Abend in der Kokufu sein wollen. Also, ruh dich aus.”


_____



Als Tsuna die Augen öffnete graute der Morgen und Nebel stieg langsam aus dem Wald empor. Er hörte das laute Schnarchen von Haruakira, der mit seinem Kopf auf der Hand abgestützt eingeschlafen war.

“Hehehe… Riko, deine Kissen sind immer noch die weichsten…” brabbelte der Jujutsuist im Schlaf.

“Träumst du schon wieder von deiner Frau, du geiler Bock..?” flüsterte Tsuna und setzte sich auf.

Das Lagerfeuer war erloschen und Raikou war weit und breit nicht zu sehen. Vermutlich war der Samurai sich am Fluss waschen oder das Frühstück ‘besorgen’. Tsuna nahm den mittlerweile getrockneten Hasenpelz vom Seil und Band ihn mit eben diesem zu einem Bündel zusammen. Er blickte noch einmal Haruakira an, der mittlerweile lüstern im Schlaf sabberte.

“..heute Nacht lass ich dich nicht schlafen… Riko…”

Tsuna’s Augenbraue zuckte kurz. Er wollte gar nicht wissen, von was für Sachen der Jujutsuist da träumte. Der Junge entschloss sich dazu, sich auch zu waschen und den Weißhaarigen für einen Augenblick mit seinen Träumen allein zu lassen. Er musste nicht noch mehr Details über den Körper von Haruakiras Frau Riko erfahren, wir er durch die Prahlereien des Jujutsuisten in den letzten Tagen ohnehin schon hatte. Der Junge ging wieder zum Fluss in der Nähe, um sich selbst zu waschen. Das Gewässer war noch nebelverhangen. In Ufernähe lag die Rüstung und Kleidung von Raikou fein säuberlich zusammengelegt, was Tsuna’s Vermutung, dass der Samurai sich wusch, bestätigte. Tsuna löste seinen Gürtel um sich auch zu entkleiden, doch als er dabei aufblickte hatte sich die Nebelbank ein wenig bewegt und gab nun Ausblick auf die Mitte des seichten Flusses. Eine junge Frau stand in völliger Blöße und wusch ihre geschmeidige Haut. Tsuna hatte diese Frau noch nie gesehen, doch das lange, dunkle Haar und das Profil ihres Gesichts kamen ihm seltsam vertraut vor. Wie als ob sich ein Schalter umlegen würde, wurde ihm plötzlich bewusst, dass diese Frau Raikou war. Sein Mund klappte auf, doch bevor ein Geräusch herausdrang, legte sich eine Hand über seinen Mund und Haruakira beugte sich vor. Der Weißhaarige legt sich einen Finge vor den Mund und wies Tsuna an, zu schweigen. Die Augen des Jujutsuisten waren weiter geöffnet als sonst und Tsuna sah, dass Haruakira eine unnatürlich violette Iris besaß, die von weißen Pupillen in Form eines fünfzackigen Sterns geziert waren. Der Weißhaarige bedeutete Tsuna, zum Lagerfeuer zurückzukehren. Als sie ein Stück gegangen waren, löste Haruakira die Hadn von Tsunas Mund, woraufhin ihn der Junge leise und ungläubig fragte:

“War das da gerade etwa Raikou??”

Haruakira blickte Tsuna lurz aus seinen violetten Augen an, bevor er sie wieder zu seinen typischen schmalen und fuchsartigen Schlitzen verengte und er lächelte.

“Es war nur eine Frage der Zeit, bis du herausfinden würdest, dass der junge Herr in Wahrheit eine junge Dame ist. Sie hat allerdings ihre Gründe, sich in der Öffentlichkeit als ein Mann auszugeben. Dass du das nun bemerkt hast war unvermeidlich, so eng wie wir immer beisammen sind… Hmmm. Sprich sie- ihn am besten nicht darauf an. Wenn der junge Herr möchte, wird er dir schon verraten, warum er eigentlich eine Frau ist aber als Mann lebt.”

“Ich… ich glaube aber nicht, dass ich so tun kann, als hätte ich nichts gesehen.” sagte Tsuna zaghaft und errötete leicht.

“Das musst du auch nicht. Ich bin mir recht sicher, dass Raikou uns bemerkt hat.”

“Was!?”

Haruakira begann zu lachen und klopfte sich auf die Brust, als er sich an seinem eigenen Lachen verschluckte.

“Haaah… du wirklich köstlich, Tsuna. Nun, du bist schließlich auch gerade in dem Alter. Sei unbesorgt, der junge Herr hat uns schon nicht bemerkt. Dafür habe ich gesorgt. Als Mann muss man hin und wieder einen solchen Anblick genießen, findest du nicht auch?”

Tsuna zuckte wieder die Augenbraue hoch, als er diese Worte vernahm.

“Ich dachte du hättest eine Frau, perverser Sack.”



_____




Wissen zur Heian-Zeit


Shinano:
Eine der historischen Provinzen Japans. Die heutige Präfektur Nagano. Shinano grenzt im an Echigo und diente im Sengoku Jidai als Stützpunkt des Kriegsherren Takeda Shingen, dem Erzrivalen von Uesugi Kenshin, dem Drachen von Echigo. Shinano war seit ihrer Gründung ein wichtiger Handelsknotenpunkt, da durch sie die größte Verbindungstraße zwischen Norden und Süden des Landes verlief.


Kokufu:
Eine Provinzhauptstadt im historischen Japan. Kokufu dienten der Unterbringung der Kokushi, den Provinzverwaltern. Von den Kokufu aus wurde die einfache Bevölkerung nach den Gesetzen des Tennou oder später Shogun regiert. Die Kokufu von Shinano befand sich dort, wo man heute die Stadt Matsumoto findet.
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