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Kyourandotou - Zeit des Aufruhrs

von Vangueis
Kurzbeschreibung
GeschichteÜbernatürlich, Historisch / P18 / Gen
OC (Own Character)
25.09.2021
28.05.2022
20
26.018
4
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Dieses Kapitel
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24.10.2021 1.344
 
Das Mädchen stand vor der offenen Tür des Elternhauses. Es war zierlich, fast wie eine gut gepflegte Blume, doch wenn man es genauer betrachtete, erkannte der Gärtner, dass es keine gewöhnliche Blume war, sondern Dornengestrüpp, dass sich nur mit schönen Blüten zierte, um sich zu tarnen. Azusa hatte schon seit längerer Zeit damit gekämpft, nicht überzukochen. Sie hasste ihr Leben. Sie hatte kaum dreizehn Sommer erlebt und hatte die Entscheidung, dass sie nicht mehr wollte, bereits getroffen. Sie hasste ihre Mutter dafür, dass sie ihren Kindern keine Liebe schenkte und den ganzen Tag nur im Bett lag. Das Mädchen namens Azusa verstand ‘Wahnsinn’ nicht. Sie hasste ihren Bruder dafür, dass er den ganzen Tag außer Haus war und sie mit ihrer Mutter alleine ließ, nur um im Wald mit Stöcken zu fuchteln. Das Mädchen namens Azusa verstand ‘Träume’ nicht. Sie hasste sich selbst, dass sie nicht in der Lage war, ihren Unmut auszusprechen. Denn eine Sache verstand das Mädchen namens Azusa: Hass schloss Liebe nicht aus und sie liebte ihre Familie innig, sodass sie sich lieber verstellte, anstatt die Frau, die sie zur Welt gebracht hatte, zu vernachlässigen oder ihren Bruder zu verletzen. Ihre Mutter war jetzt allerdings tot. Getötet von den Dörflern, die Azusa noch mehr hasste als alles andere. Ihr Bruder war schwer verletzt wurden. Vermutlich auch von den Dörflern, die Azusa so sehr hasste, dass sie es nicht mehr ertragen konnte. Sie blickte ihren Arm an, der eigentlich gebrochen sein sollte. Er war nun rot wie die Blüte einer Spinnenlilie und Flammen züngelten sich um ihn - Flammen, die ihren eigenen Hass verkörperten. Ihr Körper war geheilt wurden, von den Schutzgeistern, die der Priester zu ihrer Unterstützung geschickt hatte. Während sie geheilt worden war, hatte der Priester zu ihr gesprochen - nicht direkt, aber sie hatte ihn in ihrem Kopf hören können. Es sei in Ordnung, ihren Hass zu äußern, hatte er gesagt. Er würde ihr Kraft schenken, ihre angestaute Wut auf die Dörfler, die sie und ihre Familie wie Luft behandelt hatten, freien Lauf zu lassen. Der ängstliche Dörfler, der Angst davor gehabt hatte zu töten und es dann dennoch getan hatte, starrte sie entgeistert an. Azusa hob ihren rot gefärbten Arm und die Flammen des Hasses züngelten wie eine Pranke eines Ungeheuers um den Dörfler. Sie schleuderte ihn jedoch nicht weg, wie den Einhändigen vorhin. Der Daumen der Flammenhand legte sich an den Kopf des Dörflers und bewegte sich nach oben, wie als würde jemand den Korken aus einem Krug lösen. Es knackte und der Kopf fiel reglos zur Seite und baumelte von der Leiche des Angsthasen. Azusa musste Lächeln, auch wenn sie nicht ganz verstand, wieso. Es war irgendwie befreiend, endlich das tun zu können, was sie sich schon länger ausgemalt hatte, mit den Dörflern zu tun, auch wenn sie das immer als seltsame Gedanken abgetan und aus ihren Kopf vertrieben hatte. Der Dörfler, der am meisten dazu bereit gewesen war andere zu töten, solange er selbst leben würde wandte sich an den Priester.

“Was soll das!? Du sagtest, wenn wir die Frau töten würden, würden wir leben--! Warum--!?” sagte der Mann panisch, doch der Priester blickte ihn nur gleichgültig aus seinen dreipupilligen Auge an.

“Oh, ich sprach nur davon, dass ICH Ihnen das Leben gewähren würde. Ob Sie dann jemand anderes tötet, liegt nicht in meiner Hand, guter Mann.” sagte der Priester süffisant. “Außerdem haben Sie doch die Mutter des Mädchens dort getötet. Ist es dann nicht recht und billig, dass sich das Mädchen an Ihnen rächen möchte?”

Mit diesen Worten verzog sich das Gesicht des Priester zu einer hässlichen Fratze, da er nun hemmungslos lachte. Der Dörfler stolperte ungläubig von dem Priester davon, nur um seinen Kopf zwischen den lodernden Fingern der Flammenhand wiederzufinden. Der Kopf platzte unter dem Druck der monströsen Finger wie eine Waldbeere. Azusa schritt auf den Priester zu und blickte ihn aus Augen an, die denen einer Katze nicht ungleich waren. Auf ihrer Stirn drehte sich in drittes Auge zwischen zwei Hörnern, die genau wie ihr Arm und andere Markierungen an ihrem Körper rot waren.

“Herzlich Willkommen in deinem neuen Leben.” sagte der Priester zu ihr. “Du bist nun kein Mensch mehr, sondern etwas, was den Hass der Leute in sich trägt. Hast du nicht Angst davor, das Menschsein hinter dir gelassen zu haben, kleine Blume des Bösen?”

Azusa legte den Kopf schief und wirkte verwirrt.

“...wovor soll ich Angst haben..?”

Der Priester schmunzelte.

“Entschuldige die dumme Frage.” Er streckte seine mit Chitin gepanzerte Hand aus und tätschelte den Kopf des Mädchens. “Das Mädchen namens Azusa ist heute Nacht gestorben. Ibaraki Douji, das Kind des Dornstrauchs wurde geboren.”

Der Priester drehte den Kopf und blickte Tsunemaru an, der alles hatte mit ansehen müssen, doch aufgrund der klaffenden Wunde in seinem Bauch sich kaum noch regen konnte.

“Azu..sa…” presste der Junge hervor und streckte schwach seine zittrige und mit Blut besudelte Hand aus. Er verstand nichts. Azusa, ein schüchternes und liebevolles Mädchen - und vor allem seine hilfsbereite Schwester, die ohne zu murren Mutter gepflegt hatte obwohl das sicher nicht leicht war - hatte voller Genuss Menschen getötet, nachdem der Priester irgendetwas mit ihr gemacht hatte. Natürlich hatten die Dörfler schreckliches getan, aber auch sie hatten nur überleben wollen, genau wie er und Azusa. Was war also geschehen? Er war zu schwach, um klar zu denken und sein ohnehin schon getrübtes Sichtfeld schwand nun ganz. Der Junge hörte nur noch die Stimme des Priesters:

“Du kannst stolz sein, großer Bruder. Deine Schwester ist nun stark genug, auf sich allein aufzupassen und nichts hält sie mehr davon ab. Ist das nicht schön? Was für eine prachtvolle Blume des Bösen sie doch ist. Du hingegen bist verwelkt. Schlaf nun… so friedlich, wie du nur kannst…”


_____



Etwas kitzelte seine Nase, sodass Tsunemaru seine Nase rümpfte. Es kitzelte erneut und er schlug die Augen auf. Ein junger Mann mit einem fuchsartigem Gesicht und seltsam weißen Haar war über ihn gebeugt und piekste mit einem dünnen Ast die Nase des Jungen.

“Oh, guten Morgen.” sagte der Weißhaarige vergnügt. “Gut ausgeschlafen?”

Tsunemaru starrte den jungen Mann verdattert an. Wer war der Kerl? Und war eigentlich Azusa? Plötzlich kamen die Erinnerungen an die Nacht zurück.

“Hat dir mein Aussehen die Sprache verschlagen? Das ist nur verständlich. Wenn man so einen heißen Feger wie mich direkt am Morgen sieht, könnte ich auch nichts hervorbringen.”

Tsunemaru hörte gar nicht, was für selbstverliebten Unsinn der Weißhaarige von sich gab, da er sich blitzschnell aufrichtete und seinen Bauch abtastete. Er fand keine klaffende Wunde, weshalb er an sich hinunter blickte. Dort, wo der Priester seinen Körper durchbohrt hatte, war nun eine Narbe.

“Unmöglich…” murmelte Tsunemaru. Eine solche Wunde konnte sich doch unmöglich über Nacht geschlossen haben, geschweige denn verheilt sein.

“Was ist unmöglich?” fragte der Weißhaarige, woraufhin Tsunemaru ihn nun endgültig anblickte.

Der Kerl war in die Kleidung eines Pilgers gehüllt und das unnatürlich weiße Haar war wild und wuschelig, machte aber zur selben Zeit einen seltsam geordneten Eindruck, wie als wäre die Frisur mit Bedacht penibel so hergerichtet wurden.

“Wer bist du überhaupt?” fragte Tsunemaru nun, der immer verwirrter wurde. Die schreckliche Nacht, seine seltsam verheilte Wunde und nun dieser Fremde. Die Gedanken des Jungen kamen einfach nicht hinterher.

“Oh, wo bleiben meine Manieren.” fing der Weißhaarige an. “Man nennt mich Haruakira. Mein Familienname lautet Abe und mein Hofname lautet Seimei. Ich bin Gelehrter, Berater und Onmyouji am Hofe des Tenno.”

Tsunemaru klappte ungläubig der Mund auf. Ein Mitglied des kaiserlichen Hofes? Er war nun völlig überfordert von allem was Geschehen war und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.

“Haru.” ertönte eine mahnende Stimme. “Lass ihn doch erstmal zu sich kommen. Das was er hier erlebt hat, muss schon genug gewesen sein. Deine… schillernde Persönlichkeit ist selbst unter anderen Umständen erdrückend.”

Tsunemaru drehte sich zu der Quelle der Stimme, während Haruakira eine Schimpftirade startete. Ein weiterer junger Mann in einer feinen Samurairüstung stand auf dem Dorfplatz. Das lange, zum Zopf gebundene dunkle Haar des Samurai wehte im Wind, als Tsunemaru das Wappen auf dem Brustpanzer erkannte: eine stilisierte Darstellung des Herbstenzian - das Wappen der Genji.
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