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Kyourandotou - Zeit des Aufruhrs

von Vangueis
Kurzbeschreibung
GeschichteÜbernatürlich, Historisch / P18 / Gen
OC (Own Character)
25.09.2021
28.05.2022
20
26.018
4
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Dieses Kapitel
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13.10.2021 1.294
 
Das Surren von hunderten scharfer Flügel erfüllte die kühle Nacht mit einem schrecklichen Crescendo, das einen bis auf die Knochen erzittern ließ. Die angsterfüllten Schreie der Bewohner, die von übergroßen Wespen gestochen, gigantischen Hundertfüßern umschlungen und von monströsen Zikaden lebendig verspeist wurden, steuerten den Gesang zu dieser gottlosen Symphonie bei, die sich für immer in die Erinnerungen des jungen Tsunemaru einbrennen würde. Seine zwei Jahre jüngere Schwester Azusa fest an der Hand, rannte der fünfzehnjährige Junge mit dem silbrigen Schwert und dem seltsamen Beutel des Alten Nukesaku zurück zu seinem Haus und wehrte die höllischen Insekten zu seinen besten Fähigkeiten ab. Er führte das Schwert ein wenig ungeschickt - schließlich hielt er es nur mit einer Hand und es war schwerer als die Stöcke, mit denen er geübt hatte - aber es reichte, um die Insekten vor ihm zu zerteilen. Er wusste ehrlich gesagt nicht, was er eigentlich tat. Er wusste nur, dass er nicht sterben wollte. Er wollte auch nicht, dass Azusa etwas geschah. Die anderen Dörfler waren ihm eigentlich egal.

Er hörte ihre Schreie nicht.

Er sah ihre zerfleischten Leiber nicht.

Er spürte die Leichen unter seinen Füßen nicht.

Er wollte nicht hören.

Er wollte nicht sehen.

Er wollte nicht spüren.

Er wollte nur, dass er und seine Schwester leben würden.

Sie hatten bisher alles gemeinsam überstanden - eine Kindheit, ohne einen Vater den sie nicht kannten. Eine Mutter, die immer mehr dem Wahnsinn verfiel und sie gar nicht wahrnahm. Die Dörfler, die zwar freundlich zu ihnen waren, die aber definitiv immer auf sie herab gesehen hatten. Sie würden auch das überstehen. Dafür würde Tsunemaru mit aller Macht sorgen. Solange er und Azusa zusammen blieben, konnten sie alles schaffen. Ehe er sich versah, stolperten die beiden durch die Tür in ihr heruntergekommenes Haus.

“Azusa! Alles in Ordnung!?” keuchte der Junge und blickte seine Schwester an.

Sie wirkte ein wenig ramponiert, aber ansonsten wohlauf. ‘So ein Glück.’ dachte Tsunemaru bei sich. Sie lächelte ihn zaghaft an, doch die Angst war ihr deutlich anzusehen, sodass er nicht anders konnte, als seine kleine Schwester in den Arm zu nehmen. Er spürte, wie die plötzlich hervorquellenden Tränen von Azusa seine Kleidung nässten.

“Alles wird gut. Wir schaffen das.” raunte Tsunemaru, obgleich er wusste, dass er eine solche Aussage nicht mit Sicherheit treffen konnte.

Als er durchgeatmet und seine Schwester schützend an sich gedrückt hatte, fiel dem Jungen auf, dass das Surren der unzähligen scharfen Flügel verstummt war. Seine Schwester immer noch im Arm haltend wagte er sich zaghaft zu einem der Fenster ihrer Hütte und blickte vorsichtig hinaus. Die Insekten waren gelandet und verharrten leise, nur hin und wieder mit den Gliedern und Flügeln zuckend. Überlebende Dorfbewohner standen verängstigt im Kreis der monströsen Insekten und wussten nicht was sie tun sollten. Den alten Nukesaku konnte er nirgendwo erblicken, doch seine Suche nach dem Alten wurde abrupt beendet, als sein Blick auf den Priester fiel, der nun auf die Dorfbewohner zu schritt. Dieser Mann hatte die Insekten auf das Dorf losgelassen. Dieser Mann hatte den Dorfvorsteher und die anderen getötet. Tsunemaru kannte die Gründe dafür nicht, aber die waren ihm auch egal. Dieser Mann würde Azusa nicht verletzen, dafür würde er sorgen. Er fixierte den Priester und stellte fest, dass sich ein gewaltiger Hundertfüßer wie eine Schärpe um das Gewand des Priesters gewickelt hatte und sein Haupt wie einen zweiten, abstoßenden Kopf neben dem des Mannes platziert hatte. Der Priester selbst hatte welliges, anthrazitfarbenes Haar, das sein rechtes Auge verdeckte, und ein spitzes, glattes Gesicht, dass eigentlich normal wirkte, wenn da nicht dieses glühend gelbe Auge wäre.

“Seid gegrüßt, liebe Leute.” sagte der Priester mit einer unnatürlich wohlklingenden Baritonstimme. “Verzeihen Sie, falls ich Sie unangenehm geweckt habe und so eine Sauerei angestellt habe. Als Entschädigung haben Sie wenigen Ausgewählten eine Möglichkeit hier noch lebend herauszukommen.”

Der Mann hob den Arm, sodass seine Robe zur Seite rutschte und Ausblick auf einen schwarz glänzenden Panzer gab. Der Arm des Priesters sah in seiner Form und Struktur menschlich aus, jedoch bestand er aus Chitin wie bei einem Käfer. Die Finger waren langgliedrig und Spitz und die einzelnen Abschnitte des Armes waren deutlich sichtbar voneinander getrennt. Es wirkte so, wie als hätte jemand aus den Überresten von Insekten einen Menschen nachbauen wollen. Einer der Finger hob sich zittrig und deutete direkt auf die Hütte, in der sich Tsunemaru, seine Schwester und seine Mutter befanden.

“Tötet die Frau, die in diesem Haus lebt, nur wegen ihr bin ich schließlich hier und habe dieses Unheil über Sie gebracht, liebe Leute. Wenn Sie dies tun, gebe ich Ihnen freies Gewähr.”

Während die Dorfbewohner unruhig vor sich herstammelten, rasten Tsunemarus Gedanken. Mutter war der Grund für das Erscheinen dieses Mannes? Wieso? Was hatte sie getan? Wer war dieser Mann überhaupt? Er konnte sich keinen Reim darauf machen und hatte auch gar keine Zeit dafür, da mit einem erschrockenen Geräusch von Azusa die Tür der Hütte aufgestoßen wurde und die Dörfler hineinschritten. Sie trugen ihre Werkzeuge und Geräte für Feldarbeit und die Angst stand ihnen ins Gesicht geschrieben.

“Oh nein…” stammelte einer der Dörfler. “Ihre Kinder.. sind hier..”

“Egal. Oder willst du sterben? Der Priester hat gesagt dass wir leben würden.” sagte ein anderer. “Dieses Weib hat doch dieses Unheil herbeigeführt. Du hast den Priester doch auch gehört.”

“Wo ist eure Mutter?” fragte ein nächster.

Tsunemaru starrte die Dorfbewohner fassungslos an. Er war wie eingefroren und wusste nicht, was er tun sollte. Er spürte bloß, wie sich Azusa von ihm riss und sah, wie sich mit ausgebreiteten Armen schützend vor die Schiebetür zum Hinterzimmer stellte.

“Bitte!” schluchzte sie “Mutter ist doch alles was wir noch haben..! Warum macht ihr das? Ich verstehe das nicht. Warum? Warum? Warum?”

Azusa war völlig aufgelöst und dennoch so mutig, ihre Mutter zu beschützen. Die Dörfler gingen auf sie zu und der erste stammelte wieder “W-wir wollen das doch auch nicht! Wir wollen bloß nicht sterben. Ihr versteht das doch, oder? Oder? Die anderen sind alle weg. Ich will nicht sterben. ich will nicht sterben.”

“Aus dem weg, Gör.” sagte der Nächste und ohrfeigte Azusa, sodass sie zu Boden stürzte sich aber sofort wieder aufrappelte und die Tür versperrte. “Du kleine--!” setze er an und holte erneute aus, doch seine Hand fiel mit einem schmatzenden Geräusch zu Boden.

Tsunemaru hielt das Schwert fest in seinen Händen, während das Blut des Dörflers von der Klinge auf seine eigenen Hände floss.

“Rühr meine Schwester nicht an.” sagte der Junge kühl und ausdruckslos, während der Dörfler schmerzerfüllt kreischte und sich an den blutenden Armstumpf griff.

“Interessant.” ertönte die Stimme des Priesters, der nun im Türrahmen stand. “Sie hat also tatsächlich Blumen gepflegt.”

Das sichtbare Auge des Mannes verengte sich vergnügt und Tsunemaru erkannte, dass die gelbe Iris des Priesters mit drei Pupillen verziert waren.

“Liebe Leute, tötet die Frau. Ich kümmere mich um ihre Kinder.”

Tsunemaru wollte etwas tun, doch der Hundertfüßer der sich um den Priester gewickelt hatte bewegte sich blitzschnell auf ihn zu und umschlang ihn  so, dass er sich nicht rühren konnte. Die Dörfler stießen Azusa zur Seite und trampelten Panisch über sie hinweg. Ein lautes knacken ertönte und unter einem erstickten Schrei sah Tsunemaru, wie der zierliche Arm seiner Schwester unnatürlich unter dem schweren Schritt der Dörfler verdreht wurde und brach.

“Menschen sind schreckliche Tiere,” sagte der Priester selbstgefällig. “Sie sind das einzige Tier, was nur konsumiert und nicht produziert. Egoistisch und verdorben tun sie alles, um zu überleben, wie sich hier gerade so schön zeigt. Und inmitten von Menschen hat meine Tochter zwei Blumen gepflegt. Doch mit einem Nährboden wie diesen ist es egal, wie sehr man die Blumen pflegt, sie werden immer zu Blumen des Bösen heranwachsen.”

Er schnippte mit den Fingern seiner insektenähnlichen Hand und wie aus dem nichts legten sich riesige Motten auf die weinende Azusa.
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