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Butterfly Effects - Staffel 1 - Ein Anfang am Ende

Kurzbeschreibung
GeschichteMystery, Horror / P18 / Gen
Daryl Dixon Dr. Edwin Jenner Glenn Rhee Merle Dixon OC (Own Character) Rick Grimes
25.09.2021
22.01.2022
14
65.316
11
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Dieses Kapitel
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15.01.2022 5.799
 
Erzähler

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte der Doktor freundlich.
Mit einem einnehmenden Lächeln im Gesicht schritt er seiner Besucherin entgegen, die ihm lediglich ein skeptisches Stirnrunzeln entgegenbrachte.
„Was haben Sie herausgefunden, Doktor?“
„Das kann bis morgen warten“, versuchte Jenner sie zu vertrösten. „Sie sehen erschöpft aus.“

„Wenn es bis morgen hätte warten können, hätte ich bis morgen gewartet“, versicherte sie ihm mit geblähten Nüstern. Skeptisch musterte Jenner sie, ließ sich jedoch nicht zu einer Antwort herab. Er sah sie bloß an, von oben bis unten, wieder zurück, schüttelte schließlich den Kopf und drehte ihr seufzend den Rücken zu.
Valerias Augenbraue schnellte nach oben. Wieder trommelte sie mit den Fingern auf ihrem Oberschenkel herum, erst leicht und schnell, dann schlug sie dreimal hart darauf, atmete tief ein und streckte den Rücken durch.

„Jetzt sagen Sie schon!“, blaffte sie Jenner hinterher, der sich ein paar Schritte von ihr entfernt hatte. „Sie müssen doch irgendetwas herausgefunden haben. Arbeiten Sie wenigstens noch an einem Heilmittel?“
Der Befehlston ließ ihn innehalten. Langsam wandte er sich wieder zu Valeria um, die plötzlich breitbeinig und mit auf dem Rücken gefalteten Händen vor ihm stand. Ihre Haltung erinnerte an eine perfekte, mit dem Lineal gezogene, Linie.

„Das kann ich nicht mehr“, gestand Jenner leise, wich ihrem Blick aus, der ihn so eindringlich musterte, wie noch nie ein anderer zuvor.

„Was meinen Sie?“, fragte Valeria, die näher an ihn herangetreten war und sich nun fordernd vor ihm aufbaute. Ihre Augen bohrte sie förmlich in seine hinein, auf der Suche nach einer Antwort, von der sie nicht wusste, ob sie sie überhaupt kennen wollte.

„Die letzten Proben, die ich hatte wurden zerstört“, berichtete Jenner reumütig. Seine Gedanken kreisten, wie immer die letzten Tage, um diesen einen dummen Fehler, den er sich erlaubt hatte. Diesen einen Fehler, der ihn schlichtweg alles gekostet hatte.
Mit traurigem Blick fixierte er einen Punkt an der Wand. Er wagte es nicht einmal Valeria in die Augen zu sehen, zu schwer lastete das eigene Versagen auf seinen Schultern.


„Und bis dahin?“ Valeria musste schwer schlucken, bevor Sie diese Frage über die Lippen brachte.
„Wir…“, setzte Jenner an, zögerte jedoch weiterzusprechen. Nur Valerias drängendes Händefuchteln bewog ihn, den Satz noch zu Ende zu führen: „Wir wussten gar nichts.“

„Was soll das heißen?“ Ungläubig waren ihre Augenbrauen nach oben geschnellt. „Wurde das Enigma-Protokoll ausgeführt?“
Alarmiert riss Jenner die Augen auf. Schlagartig schlug sein Gebaren von demütigem Gestehen in einen misstrauischen Schockzustand um.
„Woher wissen Sie davon?“ Nervös knibbelte der Arzt an der Zugangskarte herum, die an der Brusttasche seines weißen Kittels hing. „Enigma ist streng geheim. Nur mit der allerhöchsten Sicherheitsfreigabe…“

„Antworten Sie einfach!“, forderte sie unwirsch und packte den Arzt bei seinem blütenweißen, gestärkten Kittelkragen.
„Nicht ohne Authorisierungscode!“, wehrte Jenner ab.
Voller Unglauben schnaubte sie ihm mitten ins Gesicht, das sie zu sich herunterzog. „Wollen Sie mich eigentlich verarschen? Denken Sie bei all der Scheiße da draußen, würde sich noch irgendjemand für die Sicherheitsprotokolle interessieren?“
Wütend stieß sie den Arzt wieder von sich weg, der sie eigentlich um mehr als einen ganzen Kopf überragte und in diesem Moment doch so viel kleiner wirkte als sie.

„Wenn Sie Enigma kennen, wissen Sie, dass darüber nur in absolut abhörsicheren Räumen gesprochen werden darf“, verteidigte der Doktor sich, zwar kleinlaut, aber dennoch vollkommen in der Überzeugung in diesem Moment richtig zu handeln.

Valeria schüttelte den Kopf, trat wieder ein paar Schritte auf ihn zu.
„Sie haben doch wohl keine Angst, dass uns die Russen belauschen, oder Doktor?“ Unverkennbare Häme schwang nun in ihrer Stimme mit. „Oder vielleicht der Iran? Nordkorea?“ Ihre Augen blitzten gefährlich zu dem Arzt in die Höhe. „Die Satelliten sind schon vor Monaten ausgefallen. Niemand wird uns hier hören.“

„Vielleicht“, gab Jenner zu, „das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Sie als Zivilistin von Enigma nichts wissen dürften.“
„Tja, ich weiß aber davon! Außerdem… Wer sagt Ihnen denn, dass ich Zivilistin bin?“, giftete sie ungehalten zurück.
„Ich habe während meiner beruflichen Laufbahn jede Menge Militärs kennengelernt“, erklärte Jenner müde lächelnd. „Ihre Haltung ist perfekt, der Befehlston makellos, aber Sie gehören nicht zum Militär. Würden Sie es tun, hätten Sie schon längst das Kommando über diese Gruppe an sich gerissen und würden sich nicht hinter einem Kleinstadtpolizisten verstecken. Also wer sind Sie?“
„Das geht Sie nichts an.“ Valeria spuckte es ihm förmlich ins Gesicht. „Sagen wir einfach ich bin eine besorgte Bürgerin, die zufällig von Enigma weiß.“
„Beweisen Sie es“, forderte der Jenner, dessen Stimme immer noch sehr ruhig klang.
„Was?“
„Dass ich hier nicht Jemandem, der absolut Nichts weiß und auch Nichts wissen sollte, streng geheime Staatsgeheimnisse anvertraue.“
Schwer seufzend ließ Valeria die Schultern sinken, trat ein paar Schritte zur Seite und stemmte sich auf eine der Arbeitskonsolen, um darauf Platz zu nehmen.

„Enigma ist eine Datenbank.“ Sie winkelte ein Bein an, stellte ihre dreckigen Boots auf der blitzend sauberen Arbeitskonsole ab. Um das Stirnrunzeln des Doktors, das ihr das einbrachte, scherte sie sich nicht im Geringsten. Den Blick starr auf ihre Knie gerichtet, fuhr sie leise fort: „Sie enthält alle Informationen zu jedem Krankheitserreger, der jemals irgendwo auf dieser Welt ausgebrochen ist, seit Beginn der Aufzeichnungen. Alle Erkenntnisse, die weltweit zu Ausbruch, Verbreitung und Behandlung gesammelt wurden.“ Sie machte eine kurze Pause, bevor sie fortfuhr, dann sah sie wieder Jenner an. „Auch über die streng geheimen, noch in Entwicklung befindlichen B-Waffen-Prototypen der amerikanischen Labore.“

Jenner hatte sich ihr gegenüber an eine Arbeitskonsole angelehnt und folgte ihren Ausführungen aufmerksam.
„Ich kann Sie beruhigen“, hakte er kurz ein. „Was auch immer das hier ist, ist nichts, was aus irgendeinem Labor der USA stammt.“
Langsam nickte Valeria und ließ den Blick wieder sinken.
„Fahren Sie fort“, bat Doktor Jenner freundlich.

„Enigma soll die Arbeit an möglichen Heilmitteln beschleunigen, indem ein Algorithmus nach Gensequenzierung der Erreger-DNA die Klassifizierung schon so weit spezifiziert, dass mit ersten, konkreten Forschungen an Heilmitteln bereits nach wenigen Tagen begonnen werden kann.“ Zum Ende hin wurde ihre Stimme immer leiser. Mit zitternden Händen massierte sie ihre Schläfen und entschied sich nach kurzem Zögern erneut zu Jenner zu blicken.

Weder der Arzt noch Valeria bemerkten das dunkle paar Augen, das am anderen Ende des Raumes hinter einer sich langsam und leise schließenden Tür verschwand und schleunigst durch die angrenzenden, dunklen Gänge huschte.

„Und genau da liegt das Problem“, ergriff nun wieder Jenner das Wort. „Das war in diesem Fall nicht möglich. Wir wissen gar nichts über diesen Erreger. Es könnte mikrobisch sein. Ein Parasit, ein Pilz, aber noch nicht einmal das können wir mit Sicherheit sagen.“

Valeria konnte nicht verhindern, dass ein leicht hysterisch klingendes Lachen ihrer Kehle entwich.
„Das ist ein schlechter Scherz, oder Doktor? Milliarden von Daten wurden in diese Datenbank eingelesen und Sie wollen mir sagen, dass das hier etwas vollkommen Neues ist, das mit absolut gar nichts was jemals existiert hat auch nur ansatzweise vergleichbar ist?“

„Entweder das oder es ist etwas, das wissenschaftlich überhaupt nicht zu erklären ist.“
Jenner hatte sich von der Arbeitskonsole abgestoßen und ging nun wieder mit auf dem Rücken verschränkten Händen auf und ab.
Fragend schaute Valeria zu dem Arzt, kniff die Augen zusammen, konnte sich aber eine weitere, lautausgesprochene Frage sparen, da Jenner schon wenig später fortfuhr: „Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten.“

„Ein Bibelzitat?“, schnaubte Valeria verächtlich. „Das ist alles? Sie sind Wissenschaftler!“
Resigniert schüttelte Jenner den Kopf. „Und was hat es gebracht? Wissenschaftler auf der ganzen Welt haben an dieser Sache gearbeitet; ergebnislos.“
„Irgendjemand muss doch eine Theorie gehabt haben!“, beharrte Valeria.
„Es gab unendlich viele Theorien. Voodoo – Priester, die die Toten wiederauferstehen lassen; das Ende der Welt, das von den Maya prophezeit wurde - witzigerweise war sogar der 21.12.12 der Tag, an dem die letzten Zeitungen gedruckt wurden…“
„Abergläubischer Humbug!“, fuhr sie ihm dazwischen. „Ich meinte wissenschaftliche Theorien!“

„Die Franzosen dachten, sie wären einer Lösung nahe“, erwiderte Jenner leise.
„Und wie lautete deren Theorie?“, hakte Valeria spöttisch nach. „Aliens vielleicht?“
„Nein!“, wehrte Jenner stöhnend ab. „Ein Zombievirus.“
„Pfff“, machte sie. „Wie kamen sie denn auf diese Idee? Viren brauchen lebende Wirte, um sich zu verbreiten. Wer hat diesen Mist denn in Umlauf gebracht? Schulkinder?“

Resigniert ließ Jenner die Schultern sinken. Er wollte nicht streiten, wollte sich mit dieser Frau nicht anlegen, da es weder ihm noch ihr irgendetwas bringen würde. „Nein, es waren tatsächlich deren führende Wissenschaftler. Wahrscheinlich haben sie sich nur auf diese Theorie gestützt, um den Menschen in ihren letzten Stunden noch ein klein wenig Hoffnung zu geben. Letzten Endes ist es nämlich vollkommen egal, was diese Seuche nun auslöst. Wir können absolut nichts dagegen tun. Innerhalb weniger Monate wird auch der letzte noch lebende Mensch tot sein.“ Langsam breitete Jenner die Arme aus. „Das ist das Ende der Welt.“

Mit geschlossenen Augen stieß Valeria die Luft aus und entfernte sich ein paar Schritte von Jenner. Sie lief ein paar Schritte die Brücke hinauf, bevor sie sich noch einmal zu Jenner umwandte. „Vielen Dank für Ihre Zeit, Doktor. Wenn ich Ihnen noch einen Tipp geben darf: Behalten Sie diese Theorien für sich, die Leute werden Sie nur für verrückt halten.“

„Hätte Ihnen noch vor einem Jahr Jemand gesagt, dass demnächst die Toten wiederauferstehen würden, hätten Sie den mit Sicherheit auch für verrückt gehalten!“, rief Jenner ihr hinterher.
Valeria hielt inne, wieder einmal stirnrunzelnd, drehte sich zu dem Arzt um und nickte langsam. „Bitte entschuldigen Sie. Es war nicht meine Absicht, Sie zu beleidigen. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden…“

„Warten Sie!“, forderte Jenner sie auf. „Ich habe Ihre Fragen beantwortet, jetzt beantworten Sie meine.“
Mit einem widerwilligen Stöhnen auf den Lippen und einem genuschelten „Na schön“ marschierte sie zu dem Arzt zurück und setzte sich wieder auf die Konsole.
„Also, was wollen Sie wissen, Doktor Jenner?“

„Sie gehören nicht zur Regierung, sonst hätten Sie mir einfach ihren Authorisierungscode nennen können“, stellte Jenner langsam fest. „Außerdem bezweifle ich, dass die Wenigen, die tatsächlich einen Code für Enigma hatten, es so kurz und prägnant auf den Punkt hätten bringen können.“
„Das sind alles keine Fragen“, warf Valeria ein und zeigte sich plötzlich brennend interessiert an ihren knapp zwanzig Zentimeter über dem Boden baumelnden Füßen.
In diesem Moment wirkte sie jung; unfassbar jung.

„Woher wissen Sie von Enigma?“, fragte Jenner, der an dem Knoten seiner Krawatte herumnestelte, um seinem Hals mehr Freiraum zu verschaffen.
Valerias Finger tanzten über ihren Oberschenkel, trippelten darauf herum, hämmerten, schlugen, kratzten, sie sah den Arzt nicht an, bis sie schließlich mit dem Kopf schüttelte und mehr zu sich selbst, denn irgendjemand anderem murmelte: „Spielt ja jetzt auch keine Rolle mehr.“
Sie stützte die Hände nach hinten ab, legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. „Sie wissen, dass Enigma nicht von der Regierung entwickelt wurde? Das es quasi als anonyme Spende, einfach eines Tages beim DOD eintrudelte? Ich…“

Kopfnickend unterbrach der Arzt ihren Vortrag.
„Ich erinnere mich an diesen Tag.“ Jenner klang aufgeregt. „Was denken Sie, was es für einen Aufruhr veranstaltet hat, dass diese nicht zurückzuverfolgende Datenbank auch Labordaten allerhöchster Sicherheitsstufen enthielt?“
„Das weiß ich.“, flüsterte sie dunkel. „Glauben Sie mir, das weiß ich.“
„Daten zu Erreger-Prototypen…, Impfstoffkandidaten aus der freien Wirtschaft…“
„Doktor!“, unterbrach sie ihn ungeduldig, da er drohte in einen endlos langen Sermon zu verfallen.
„Ja, richtig. Bitte entschuldigen Sie.“ Der Doktor sammelte sich einige Augenblicke lang, ehe er fortfuhr: „Sagen Sie mir nicht, Sie hätten diese Datenbank programmiert.“

„Was?“ Offenkundig erstaunt blinzelte sie den Arzt an, der ein seltsames Leuchten in seinen Augen zur Schau trug. „Nein… Nein, ich war bloß an der Finanzierung beteiligt.“
„Sie gehören zu VALVE.“ Wieder war es eine bloße Feststellung Jenners, dessen Gesicht diesmal ein wohlwissendes Lächeln zierte. Ihn stellte seine Erkenntnis zufrieden, während sie in Valeria etwas vollkommen Gegensätzliches auslöste.
„Woher wissen Sie davon?“, blaffte sie und drängte den Arzt mit gezücktem Dolch einige Schritte zurück. Zwischen die Klinge und Jenners Hals, hätte kein Blatt Papier mehr gepasst. Der Arzt wich instinktiv zurück, presste sich gegen eine der Konsolen hinter ihm und musterte ängstlich sein Gegenüber, das sich wie aus dem Nichts auf ihn gestürzt hatte.

„Bitte…“, stammelte Jenner. „Meine Frau hat vor ein paar Jahren mit Ihnen zusammengearbeitet, als die Schweinegrippe ausgebrochen ist. Die Regierung hat nicht so viele Gelder zur Verfügung gestellt, dass globale Forschungen möglich gewesen wären, also hat sie in einem offiziellen Aufruf um Spenden gebeten und keinen Tag später hatten wir Millionen auf unseren Forschungskonten.“
„Wir hatten weder eine Mrs noch einen Mr Doktor Jenner auf unserer Liste!“, fauchte sie ihm ungehalten entgegen.
Jenner brach nun sichtlich der Schweiß aus, er versuchte sich von ihr wegzudrücken; mit mäßigem Erfolg. Wenigstens versuchte er es. Seine Hände zitterten, als er sie mit ausgestreckten Handinnenflächen erhob.
„Meine Frau hat meinen Namen nicht angenommen“, erklärte er weiter. „Sie hieß Harper. Dr. Eunice Harper.“

Ängstlich starrte er die Frau vor sich an, die binnen weniger Sekunden von einer relativ ruhigen Gesprächspartnerin zu einer wilden Furie mutiert war. Valeria funkelte den Mann nach wie vor bedrohlich an, suchte in seinen Augen, in seinem Gesicht, nach der Wahrheit, die sie dann schließlich zu finden schien.
„Die war auf unserer Liste“, murmelte sie, nach einigen für Jenner nahezu unerträglich langen Sekunden und ließ besänftigt das Messer sinken. „Eine Koryphäe auf ihrem Gebiet, wenn ich mich recht erinnere. Was ist mit ihr passiert?“

„Sie ist tot“, antwortete er einsilbig.
„Hat Sie hieran mitgearbeitet?“
Bestätigend nickte Jenner ihr zu.
„Und selbst Sie hat nichts herausgefunden?“
„Nein“, seufzte Jenner wehmütig. „Bis zu ihrem letzten Atemzug hat sie daran gearbeitet und sogar noch darüber hinaus, aber selbst sie hat nichts herausgefunden.“

Valeria steckte ihren Dolch zurück an den Gürtel und richtete den Blick zu Boden.
„Ich bedauere ihren Verlust, Doktor“, beteuerte sie und schaute ihm noch einmal ins Gesicht. Offener und wärmer diesmal, schon fast verständnisvoll.

„Eine ganze Zeit lang hat meine Frau ständig darüber gesprochen, dass sie gerne Jemanden von Ihnen kennenlernen würde.“ Jenner machte eine kleine Pause und ging ein paar kleine Schritte auf Valeria zu, die sich schon wieder von ihm entfernt hatte. „Sie ging davon aus, dass VALVE von einer jungen Frau geleitet wurde.“
„Tatsächlich?“ Abwehrend hatte Valeria sich von ihm abgewandt.
„Ja.“ Diesmal war es Jenner der standhaft blieb und sich wieder in Valerias Blickfeld schob. „Ich glaube sie hatte Recht. Meine Frau war ziemlich schlau, wissen Sie?“
Mit einem undefinierbaren Ausdruck begegnete Valeria seinem forschenden Blick.
„Ich glaube, dass diese Frau jetzt hier vor mir steht“, brachte Jenner nun seine Vermutung hervor. „Sie hatte sogar eine Vermutung, was den Namen der Frau betrifft.“

Flink wie eine Katze schob Valeria sich an dem Arzt vorbei. Schweigend und seinem Blick ausweichend, brachte sie etwas Distanz zwischen sich.
„Sie sind es, oder?“, fuhr Jenner unbeirrt fort. „Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen, Miss…“
„Nicht!“ Ruckartig fuhr Valeria herum. „Sprechen Sie diesen Namen nicht aus!“
In wenigen Schritten war sie wieder kurz vor ihm zum Stehen gekommen und bohrte warnend ihren Zeigefinger in seine Brust.

„Verzeihen Sie, ich wusste nicht…“ Kleinlaut trat Jenner ein wenig zurück und war froh, dass ihm dieses Mal wenigstens diese Option gewährt wurde.
„Schon gut…“, stöhnte Valeria. „Es spielt keine Rolle mehr. Nichts spielt mehr eine Rolle.“ Ihre Hände zitterten stark, als sie sie um ihren Körper schlang. „Es gibt keine Hoffnung mehr, oder? Keine Chance auf ein Heilmittel? Nichts?“
Ihre Stimme bebte leicht, als sie fragte.

„Hier nicht, nein“, gab Jenner offen zu. „Wie schon gesagt: Dies ist das Ende der Welt. Nirgendwo kann es ein Heilmittel geben, weil Niemand weiß, was überhaupt geheilt werden muss. Aber es wird besser, da bin ich mir absolut sicher.“
Valeria lachte ein freudloses Lachen und ließ, von Jenner unbemerkt, seine Zugangskarte in der hinteren Hosentasche ihrer Jeans verschwinden. „Das haben Sie dem Sheriff auch schon gesagt.“
„Und ich habe es auch so gemeint“, bekräftigte Jenner nochmals.
Rückwärts ging Valeria die Brücke hinauf, stieß einen resignierten Seufzer aus und schaute sich in dem Raum um. Sie schüttelte den Kopf. Ein verzweifeltes Grinsen spielte auf ihren Lippen.
„Gute Nacht, Doktor Jenner“, verabschiedete sie sich schließlich. „Werden Sie dieses Gespräch für sich behalten?“
„Natürlich.“
Bevor sie sich in Bewegung setzte, drehte sie sich noch ein letztes Mal zu Jenner um. Eine letzte Frage musste sie ihm noch stellen.

„Doktor, wissen Sie etwas über New Dawn?“
„Auch nicht mehr als das was man den Nachrichten entnehmen konnte.“ Stirnrunzelnd sah Jenner zu Valeria auf, spielte mit dem Gedanken eine weitere Frage zu stellen, tat es schlussendlich aber doch nicht. „Soweit ich weiß, handelte es sich um ein streng geheimes Regierungsprojekt. Ich denke nicht, dass es in die Zuständigkeit der CDC gefallen wäre, sonst hätten ich oder wenigstens meine Frau sicherlich Informationen dazu bekommen.“
Seufzend nickte Valeria.
„Ich danke Ihnen für Ihre Zeit“, murmelte sie dem Doc noch zu, dann lief sie die langen Flure, die zu ihrem Zimmer führten, so schnell sie nur konnte, entlang.
Dass der Doktor ihr noch aufmunternd zunickte, bekam sie schon gar nicht mehr mit.

Ihre Zimmertür fiel mit einem lauten Scheppern hinter ihr ins Schloss. Dass sie nur noch angelehnt war, statt fest verschlossen, wie sie sie einige Stunden zuvor zurückgelassen hatte, fiel ihr nicht einmal auf.
Ihr Hinterkopf knallte hart gegen die helle Sperrholzplatte. Sie presste die Hand vor den Mund und ließ sich langsam an der Tür hinab zu Boden gleiten.
„Fuck, Fuck, Fuck!“, fluchte sie leise und puhlte einige Flusenbüschel aus dem blaugrauen Teppich unter ihr, die sie wütend in den Raum pfefferte.

Einige Minuten lang machte sie das, bis ihre hektische Atmung wieder etwas abgeflacht war. Auf Knien krabbelte sie zu dem Sofa hinüber, unter dessen mittlerem Sitzkissen sie ihr in ledergebundenes Buch geschoben hatte. Einen Stift klaubte sie sich von dem kleinen Couchtischchen zu ihrer rechten. Ihre Finger zitterten unkontrollierbar, als sie zu schreiben begann.


Valerias Tagebuch

Deswegen wollte ich nicht herkommen.
Ich wollte das nicht wissen. Verdammt!
Ich wollte das nicht!

Es ist alles…
Alles umsonst gewesen.
Die ganze Arbeit, die du und Jesse in Enigma gesteckt haben, all die Wochen und Monate, die ihr nur die Köpfe darüber zusammengesteckt habt. All die Gefahren, in die ihr euch begeben habt. Ihr und die anderen…
Es war alles umsonst, hat nichts genützt, hat die Welt nicht gerettet.
Und du bist…  
Umsonst…

Für nichts hast du gehen müssen.
Nur weil ich so dumm war.
Ich war so unglaublich dumm, Logan.
Es tut mir schrecklich leid; so schrecklich, schrecklich leid.
Ich hätte warten sollen. Ich hätte warten müssen, bis du wiederkommst, aber ich musste ja wieder meinen Dickschädel durchsetzen. Mit dem Kopf durch die Wand. Nur mit dem Abgrund, der sich direkt dahinter auftut, habe ich beim besten Willen nicht gerechnet. Dabei hast du immer behauptet, ich wäre schlau.
Bin ich nicht…

Alles was mir zu tun bleibt, ist Besserung zu geloben, Logan.
Ich werde so nicht mehr sein; mich nicht mehr von meinen Gefühlen leiten lassen, so wie damals.
Manchmal mache ich Listen, wenn ich kurz davor stehe zu vergessen darüber nachzudenken etwas zu tun, bevor ich irgendetwas tue.
Das klingt so erbärmlich…
So nach mir, oder?

Ich rede schon wieder nur über mich.
Das willst du sicherlich nicht hören.
Also, Enigma…
Wo soll ich anfangen?
Um es ganz knapp über den Daumen zu peilen: Es funktioniert nicht.
Wenigstens in diesem Fall nicht.
Dieser Erreger oder was auch immer es ist, ist nicht in der Datenbank, die du mit Jesse zusammen programmiert hast, zu finden.

Doktor Jenner glaubt an Maya-Legenden, Voodoo-Priester oder das Jüngste Gericht, nur die Theorie des Zombievirus‘ hielt er für abwegig…
Alles ist gleichermaßen schwachsinnig!

Es tut mir leid, wenn ich das ganz klar so sagen muss, aber ich denke der gute Mann hat genauso einen Sprung in der Schüssel wie ich. Vielleicht ist das normal, wenn man den Menschen verliert, der einem auf dieser Welt am meisten bedeutet?
Ich weiß nicht…

Ein kleiner Trost: Es handelt sich nicht um einen Waffenprototypen aus den amerikanischen Laboren. Dich dürfte das kaum aufmuntern, dir ging es nie vornehmlich um sie. Du wolltest immer nur für alle möglichen Fälle gerüstet sein.
Aber naja…
Wieder klingt es so erbärmlich, aber mich beruhigt es ein wenig.
Valentine ist raus…
Höchstwahrscheinlich zumindest.
Und New Dawn?
Ich habe keine Ahnung, Logan.

Wenn es dazu überhaupt irgendwelche Aufzeichnungen gibt, dann…
Dann im Schloss, aber…
Das geht nicht.
Nein, nein, nein.
Lassen wir das.

Also: Ich kam zu spät zurück.
Viel zu spät.
Ich habe gefühlte tausende Akten gewälzt.
Nachdem der Strom ausgefallen ist, sogar von Hand zu Fuß, auch umsonst.
Was nicht schlimm ist.
Ich verdiene kein Erfolgserlebnis.
Tue ich nicht.
Tue ich einfach nicht!

Die Spitze des Stiftes bohrte sich durch die Seite hindurch, die sie eigentlich bloß beschriften sollte und ritzte die letzten Worte in das dünne Papier hinein.
Sie musste ein paar Mal tief ein und ausatmen, tippte sich in einem erst schnellen, dann langsamer werdenden Takt gegen die Stirn, bevor sie weiterschreiben konnte:

Kein einziger Hinweis darauf, um was es bei New Dawn überhaupt ging.
Einen geplanten Krieg, ein Attentat, Terraforming, Weltraumforschung, Waffenprototypen…
Die Möglichkeiten sind schier endlos.
Und wir haben rein gar nichts gefunden.
Ich schätze mal Jesse war einer der Schüler, die ihren Meister niemals werden übertreffen können.
Seine Schuld ist es nicht.
Deine Hackerfähigkeiten sind – waren - einfach nicht zu übertreffen.
Sie nannten dich immerhin nicht umsonst Quickkey.

Ich erinnere mich noch an den Tag, als Jesse mit diesem Namen für dich um die Ecke kam.
Du warst so sauer.
Um ganz ehrlich zu sein, ich habe das im ersten Moment gar nicht verstanden. Ich meine, dass ein Hacker schnell tippt, ist doch logisch, oder? Bis der Groschen gefallen ist und ich gecheckt habe, dass er „Quickie“ meint…
Tut mir leid…
Wegen mir hattest du den Spitznamen weg.
Damals haben wir uns noch gar nicht lange gekannt. Du hättest mich achtkantig aus dem Haus werfen sollen, das hätte dir einiges erspart…
Die anderen haben dich danach immer mit diesem Namen aufgezogen.
Du warst nicht mal sauer auf mich.
Alles was du sagtest, war, dass du es schön fändest, dass ich ja auch Lachen kann.
Ja, das konnte ich…

Ich war richtig erschrocken, dass ich gelacht habe. Es war so lange her, dass ich mal gelacht hatte, wirklich von Herzen gelacht hatte. Ich hatte mich nicht dazu gezwungen oder nur so getan als ob.
Das war echt, wirklich echt.
Ich hatte mich so echt gefühlt, so…
Lebendig.
Diesen Tag werde ich nie vergessen.
Auch nicht, dass du Jesse, als du gedacht hattest ich würde schon schlafen, mit den Pizzaresten von vor einer Woche beworfen hast und ihn bis auf das Dach deiner Penthousewohnung gejagt hast.
Dass es dir doch was ausgemacht hat, hättest du ja vor mir nie zugegeben.
Von mir hast du nie etwas verlangt, Logan.
Du hast immer nur gegeben, selbst später als…
Es tut mir so leid…

Einige der gerade geschriebenen Buchstaben zerflossen in salzigen, kleinen Pfützen, die sich auf den leicht abgegriffenen Seiten gebildet hatten. Augenverdrehend wischte Valeria sich die stummen Tränen vom Gesicht und saugte, das sich bläulich färbende Wasser mit den Ärmeln ihrer Jacke auf. Sie wartete eine Weile, bis die Tränen versiegt waren, bevor sie weiterschrieb.  

Mit dir habe nicht nur ich etwas verloren Logan, sondern die ganze Welt.
Du fehlst mir so sehr, uns.
Ich hätte an deiner Stelle…

Nachdem du…
Nachdem du nicht mehr da warst, habe ich die Firma aufgelöst.
VALVE.
Unser Lebenswerk, oder besser gesagt deins.
Ohne dich hätte diese Firma niemals existiert, ohne dich hätte es vielleicht noch viel mehr Krieg, Hunger und Leid in dieser Welt gegeben, als ohnehin schon.
Dann bist du…

Ich habe dein Werk nicht fortgeführt, Logan.

Ich bin weggerannt, habe mich in fixe Ideen verstrickt und versteckt, doch nicht für Lange.
Vor manchen Dingen kann man einfach nicht davonlaufen.
Diese Dunkelheit, vor der ich nun schon so lange fliehe, oder es wenigstens versuche…
Sie ist schon längst in mir.

Man sagt ja, je tiefer man in einen Abgrund blicke, desto tiefer würde der Abgrund auch in einen selbst hineinblicken.
Ich frage mich, ob mein Abgrund noch irgendetwas anderes sieht als sein eigenes, schreckliches Abbild, wenn er mich ansieht. Richtig vorstellen kann ich es mir irgendwie nicht mehr.
Dieser Weg den ich gegangen bin…

Es war der dunkelste, den ich je auf mich genommen habe, ebenso der einsamste, wie auch der schmerzhafteste. Ich hätte ihn nicht nicht gehen können. Das hätte ich einfach nicht gekonnt. Es war egoistisch, das weiß ich, aber…
Ich wollte Rache.
Rache für dich und auch für mich.
Ich bin diesen Weg gegangen.
Jetzt weiß ich nicht, ob es noch einen Weg zurück gibt, Logan.
Blut klebt an meinen Händen. Nicht das Blut von Unschuldigen. Keine Kollateralschäden, keine Bauernopfer, die Methoden meiner Familie sind tabu.
Waren sie immer und das bleiben sie.
Das verspreche ich dir und auch mir.
Denn egal was aus mir wird, so wie sie, werde ich nicht.

Wobei…
Vielleicht bin ich das doch schon viel mehr, als ich mir selbst eingestehen möchte.
Ich bin feige davongerannt, habe es anderen Leuten überlassen, für meine - unsere – Sache zu kämpfen, den Mist, den ich hinterlassen habe, aufzuräumen.

Das haben sie sogar.
Obwohl ich die Firma vor Jahren aufgelöst habe, waren die meisten Leute noch da. Haben gewartet. Auf mich. So wie du es immer gesagt hast. Du meintest immer, sie würden mir genauso folgen wie sie es bei dir getan haben und das haben sie.
Jesse, Chenille, Yuri, Reno, Dante, Lennox, Zeek, Michael und all die anderen - du hast gute Leute ausgesucht, hast du eigentlich immer getan.
Nur in mir hast du dich getäuscht.
Ich war dein größter Fehler.
Dein einer fataler Fehler.

Schon wieder drifte ich ab.
Also, unsere Leute: Sie haben gewartet, eine Weile habe ich mit ihnen gearbeitet, doch dann habe ich sie weggeschickt. Die Infrastruktur war damals wenigstens noch rudimentär intakt.
Vielleicht haben Sie ja noch Jemanden finden können. Freunde, Familie, einen Ort zum Leben. Wer weiß das schon? Nur weil es für mich in dieser Welt nichts mehr gibt, muss das ja für andere Leute nicht zwangsläufig auch gelten.

Mein Leben ist wie eine Massenkarambolage auf einem Highway ohne Geschwindigkeitsbegrenzung, ein gottverdammter Alptraum, aus dem es kein Erwachen gibt…
Ich kann von Niemandem verlangen bei mir zu bleiben.
Das kann ich einfach nicht tun.
Aber irgendwie…
Irgendwie kann ich auch nicht allein bleiben.

Wer suchet, der findet, heißt es ja.
Wer aber nichts sucht, wie sollte der was finden?
Was ich eigentlich von dir wissen will, ist: Was soll ich denn jetzt tun, Logan?
Das macht doch alles keinen Sinn mehr.
Garnichts macht mehr Sinn.
Ohne dich kann ich…
Ich weiß nicht…
Nicht weitermachen, nicht leben…
Gar nichts.

Nicht einmal Rache nehmen konnte ich ohne dich.
Leute sind gestorben, jede Menge sogar, aber ob auch derjenige dabei war, der dafür gesorgt hat, dass du…
Du weißt schon…
Keine Ahnung.
Wie konntest du eigentlich jemals behaupten, dass ich was auf dem Kasten hätte?
Ich bin eine verdammt dumme, egoistische Kuh!

Als ich aufgehört habe eine zu sein, oder wenigstens damit aufhören wollte, kamen im Fernsehen schon die ersten Nachrichten von wandelnden Toten. Da ist es mir klargeworden, dass ich vielleicht etwas hätte tun können, wenn ich einfach nur hier gewesen wäre.
War ich aber nicht.
Also was auch immer das ist, was hier passiert, eine kleine Mitschuld werde ich immer tragen.

Du würdest das nicht wollen, das weiß ich.
Wenn ich so drauf war, wie ich es jetzt gerade bin, hast du mich immer am Boden gehalten. Du hast mir so unglaublich viel Halt gegeben, Logan. Im Moment fühle ich mich so, als wäre ich ein heliumgefüllter Luftballon, der einsam und allein durch die Weltgeschichte fliegt. Ohne Ziel, ohne Halt, ohne Alles, der nur darauf wartet, dass ihm die Luft ausgeht, um irgendwo abzustürzen.

Schon wieder zu viel Selbstmitleid.
Bitte sieh‘ es mir nach.
Seitdem du nicht mehr den ganzen Tag an meiner Seite bist, muss ich diesen Scheiß - verzeih mir bitte die Ausdrucksweise - in komprimierter Form irgendwo unterbringen.

Wo waren wir also stehen geblieben?

Ja, ich kam zurück, schickte die anderen weg und habe gearbeitet.
Am Anfange hatte ich noch Zugriff auf unsere Satelliten.
Ich denke sie fliegen auch jetzt noch, aber wir hatten einfach keinen Strom mehr.
Es ist so seltsam sich vorzustellen, dass diese Satelliten noch über der Erde kreisen, obwohl hier schon längst keiner mehr auf ihre Signale wartet.
Es muss friedlich sein, so weit weg von Allem.
Aber ich schweife schon wieder ab, es tut mir leid.
Ich bin übermüdet und unausstehlich, wie ich befürchte…
Ich kam zurück, habe gearbeitet und dann wurde ich angegriffen.
STYX…

Sie haben nicht explizit nach mir gesucht, waren auf der Suche nach Vorräten.
Ich glaube keiner von ihnen kannte überhaupt meinen Namen.
Dabei war der Name doch immer Programm gewesen…
Egal…

Es spielt keine Rolle mehr.
Die Welt wie du sie gekannt hast, gibt es nicht mehr.
Vieles hat sich verändert; anderes hingegen gar nicht.
Loyalität, Treue und Ehrgefühl sind für die Leute, die für STYX arbeiten nach wie vor ein Fremdwort. Kein Mensch hat sich damit auseinandergesetzt, wer ihre Leute umgebracht hat, weil es einfach Niemanden interessiert. Für einen Moment hatte ich sogar gehofft, dass sie mich suchen würden, dass ich dort weitermachen könnte, wo ich vor dem Untergang aufgehört habe.
Aber das kann ich nicht.
Und eigentlich will ich das auch nicht.
Aber ich brauche etwas. Irgendetwas.
Einen Punkt, an dem ich ansetzen kann, mag er auch noch so klein und unwichtig erscheinen.

Entschuldige…
Schon wieder…
Also: Viele von ihnen waren es nicht. Vier Mann.
Sie sind tot, ich lebe.
Es war knapp, ich wäre fast verblutet, aber Lennox und Dante haben mir eine Menge beigebracht.
Ja, ich weiß.
Du hast das nie gewollt, wolltest mich immer in Sicherheit wissen, nicht an vorderster Front, aber es ist nicht sicher, nirgendwo.
Schon gar nicht für mich.
War es früher nie und wird es vermutlich auch niemals sein.

Wenn dich das tröstet: Dante und Lennox waren schwer zu knacken.
Nimm es ihnen nicht übel, ja?
Sie waren nicht die ersten, die mir etwas beigebracht haben und sie waren auch nicht die Letzten… Einzig und allein ihre Methoden waren weitaus freundlicher, als -
Ach, lassen wir das…

Also: Natürlich hat mich Jemand gefunden.
Ein komischer Kerl namens Guilliermo.
Für einen Moment dachte ich, ich hätte es endlich hinter mir.
Wenn er einfach nicht vorbeigekommen wäre, wäre ich jetzt vielleicht…
Naja…
Bei dir.

Wieder landete ein Schwung Tränen auf den leicht vergilbten Papierseiten, die bereits eine kleine Hügellandschaft in ihren Händen formten.

Bitte verzeih mir, du würdest das nicht wollen.

Also: STYX…

Den Namen desjenigen, der dir das angetan hat, habe ich nicht herausgefunden, also habe ich mich für einen Kahlschlag entschieden. Den falschen trifft man bei dieser Firma sicherlich nicht. Eine grausige Ansammlung von Verbrechern, Triebtätern und Verrückten, die für die VVOLVES und die Loge - Gott sei Dank - immer zu blöd waren.
Und ich habe Leute engagiert, die nur wenig besser sind…
Allein der Name hätte mir schon zu Denken geben sollen, doch ich schätze mal, denken war zu dieser Zeit eine ziemlich schwierige Sache für mich.
Aber auch das spielt nun keine Rolle mehr und ist von erstaunlich wenig Belang für das was ich dir eigentlich erzählen wollte:

Ich war in unserem alten Hauptquartier, Logan.
Es ist zerstört.
Viel habe ich nicht retten können: Ein paar Akten, ein paar Erinnerungen, mich…
In einem Punkt hatte Doktor Jenner schon recht: Das ist das Ende der Welt.

Klingt dramatisch, oder?
Das dramatischste an dieser Sache aber ist, dass die Welt zwar am Ende zu sein scheint, Millionen und Milliarden von Menschen gestorben sind, ich aber immer noch hier herumlaufe…

Tja, also irgendwie bin ich bei dieser Gruppe gelandet.
Nenn‘ es ruhig Schicksal, wenn du willst. So hast du unser erstes Treffen ja auch genannt.
Eigentlich wollte ich gar nicht mit diesen Leuten mitgehen, Logan, aber dann habe ich es doch getan.
Ich war es einfach nur so verdammt leid allein zu sein.
Darüber haben wir ja schon gesprochen.
Das Einzige was ich noch hörte, waren meine eigenen Gedanken, den ganzen Tag lang, jeden Tag. Immer und immer wieder dieselben.

Jetzt lausche ich diesen Menschen, ihren Worten, ihren Gedanken, die teilweise so banal erscheinen, dass ich sie gar nicht mehr ernst nehmen kann.
Diese Menschen leben. Sie leben und sie wollen überleben, um jeden Preis. Für sich selbst, für die Menschen, die sie lieben…
Das ist so normal.
Leben ist so normal.
So normal, dass ich es kaum fassen kann.

Wirklich gelebt, ganz normal, nur für mich, habe ich nie.
Nicht einmal an deiner Seite.
Es gab immer unsere Firma, unseren Lebensauftrag.
Das war mein Zweck, meine Aufgabe.
Das Alles fällt jetzt weg.
Ich habe gar nichts mehr.
Selbst die Erinnerung an dich wird durch diesen Tag getrübt.
Für mich warst du immer das Maß aller Dinge, die Ultima Ratio…
Sich vorzustellen, dass du gescheitert bist, ist schon beinahe unerträglich.
Was bleibt also?

Mein Name?
Den will ich nicht benutzen.
Dein Name?
Den verdiene ich nicht.
Namen…
Ich hatte schon so viele in meinem Leben.
Den Neuesten kennst du noch gar nicht, oder?
Santa Muerte…

Wie ich zu diesem Namen kam, würdest du mit Sicherheit fragen, wärst du hier.
Aber das bist du nicht.
Das Alles jetzt aufzuschreiben, würde zu lange dauern.

Aber es bringt mich auf eine Idee.
Ich kann etwas tun, etwas Sinnvolles, etwas Gutes.
Die Santa Muerte wird als Schutzheilige angerufen.
Sie wird um Schutz gebeten, Unterstützung und schnelle, schmerzlose Tode.
Wir haben ein Mädchen bei uns, das gebissen wurde, Logan.

Sie hat heute alles verloren.
Ihren Dad, ihre Mum und ihren Bruder.
Alles was ihr bleibt ist Schmerz.
Ich denke, dass ich ihr helfen kann.
Niemand sollte so leiden müssen, schon gar kein Kind.

Ich denke darüber nach und meine Hände zittern.
Mir wird schlecht, wenn ich es mir nur vorstelle und doch…
Ich denke, dass ich das tun muss, dass es einfach das Richtige ist.
Bei einem Kind habe ich das noch nie gemacht, Logan.

Du musst nicht zusehen, du warst immer ziemlich zart besaitet.
Bei mir ist nicht mehr viel übrig, das kaputtgehen kann.
Wünsch mir…
Ja was denn?
Erfolg?
Glück?
Keine Ahnung…
Wünsch mir einfach nichts, Logan, so wie auch ich mir nichts mehr wünsche.

Ich weiß nicht einmal mehr, warum ich eigentlich angefangen habe zu schreiben.
Mein Hirn scheint so langsam zu funktionieren in letzter Zeit. So viele Dinge, die wichtig sind oder es einmal waren auszublenden und sich immer nur auf die Dunkelheit zu konzentrieren, die vor ihm liegt und hinter ihm und eigentlich überall…

Yuri hat mir mal ein Bild gezeigt…
Das Haupt der Medusa, hieß es glaube ich...
Damals, als wir zusammen in Frankreich waren.

Es scheint schon so unglaublich lange her zu sein…
Ein abgetrennter Kopf und jede Menge Schlangen, die sich darum ringeln.

Ist aber auch egal jetzt…
Ich habe etwas zu erledigen.
Du siehst dir das am besten nicht an.
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