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Alles eine Frage des Namens

von Eulenauge
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteHumor / P12 / Het
24.09.2021
24.09.2021
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Dies ist mein Beitrag zum Projekt "2 Sätze".
Meine vorgebenen Sätze waren:
- Das sind keine Pfannkuchen, das sind Berliner!
- Manchmal muss der Klügere nicht nachgeben, sondern nur abwarten.


Die Tür zu Blums Bäckerei wurde bimmelnd geöffnet und ließ den Hauch eines Dufts ofenfrischer Backwaren heraus. Eine ältere Frau hievte ihre ziehbare Einkaufstasche die Stufen hoch, während sie mit einem Bein die Tür aufhielt, ihrer noch freien Hand einen klatschnassen Regenschirm balancierte und sich eine pralle Tüte unter dem Arm quetschte.
„Ach, Marlene! Lass dir helfen“, sagte Hilke Blum, die Frau hinter der Theke. Sie nahm ihr den Regenschirm ab und zog sie eilig in den warmen Raum. „Du hättest die Rampe nehmen können.“
„Da liegt ein mordsmäßiger Hundehaufen. Den kann ich nicht mal eben so überspringen. Irgendjemand hat da seinen Köter einfach machen lassen, total ekelhaft! Vom Wetter fange ich gar nicht erst an.“
„Ungemütliches Wetter heute, nicht wahr?“
„Sauwetter“, bestätigte die Kundin. „Aber ich musste raus, um noch ein Büchlein abzuholen, mein Enkel hat doch morgen Geburtstag. Die Reinigung hatte auch endlich meine Sachen bereit – ich sag dir, seit der Eigentümer gewechselt hat, ist das ein ziemlicher Saftladen geworden.“
„Wie alt denn?“
„Dieser neue Eigentümer? Woher soll ich das wissen?“
„Nein“, meinte Hilke lachend und ließ den Schirm in dem passenden Ständer neben dem Eingang weitertropfen. „Dein Enkel.“
„Ein Jahr alt wird unser kleiner Windelscheißer jetzt. Kommt mir vor, als hätte ich ihn erst neulich dort in diesem Wärmebettchen liegen sehen.“ Marlene wühlte in der Tüte.
„Hier, schau mal, das ist so ein Buch mit Tieren zum Fühlen. Ich glaube, es wird ihm gefallen. Also draußen zeigt er immer auf jedes Tier in Sichtweite.“
Nachdem sie ausführlich das Geschenk begutachtet hatten, fragte Hilke: „Was darf’s sein für dich stolze Oma? Das Übliche?“
„Ja fast, gib mir heute auch einen Kaffee zum Mitnehmen und zwei Nussecken.“
„Du hast noch Platz in den Händen für einen Kaffeebecher?“
„Für sowas hätte ich immer eine Hand frei“, erwiderte Marlene schmunzelnd.
Während Hilke noch das Geld kassierte, bimmelte die Tür erneut, als weitere Kunden aus dem Regen in den Laden strömten. Sie verabschiedete sich grinsend von Marlene und wandte sich den nächsten in der Reihe zu. Auch diese beiden kannte sie.

„Peter, euer Jannis schießt aber in die Höhe! Als ich ihn zuletzt gesehen hatte, war er nur ein laufender halber Meter oder so. Was möchtet ihr denn gern?“
„Bresl“, nuschelte der kleine Junge. Es dauerte ein paar Versuche mit wachsender Lautstärke und Deutlichkeit, bis Hilke ihn verstand, ihm seine gewünschte Brezel in die Hand drückte und dem Vater ein Mettbrötchen.
Die nächsten, ein Pärchen, gehörten nicht zu ihren Stammkunden, aber weil der Laden am Rand der Altstadt lag, die häufig von Touristen besucht wurde, verirrten die sich auch gerne hierher. Sie waren sichtlich nass vom Regen, was sie nur kein bisschen zu stören schien. Die beiden Turteltauben hielten nicht bloß Händchen, ihre Arme waren so miteinander verschlungen, dass Hilke zweifelte, ob sie es jemals schafften, sich wieder zu entwirren.
„Was darf’s sein?“
„Oh, wir überlegen noch.“ Der Mann blickte auf die Auslage. „Schatz, lieber was Süßes oder was Herzhaftes?“
Tatsächlich hatten sie es geschafft, sich problemlos voneinander zu lösen und die Frau stand jetzt ohne ihm zu antworten vor der rechten Wand. „Das sieht wunderschön aus, guck dir das an!“
Hilke lächelte. Dieses Bild hatte schon viele in den Bann gezogen. „Meine Tochter hat es gemalt“, erklärte sie den beiden. „Wo ich nur krumme Strichmännchen aufs Papier bringe, malt und zeichnet sie ganze Welten. Eines Tages dann juckte es ihr in den Fingern, die leere Wand zu bepinseln und als mein Vermieter einverstanden war, hat sie losgelegt.“
„Das erinnert mich an die Gärten englischer Cottages. Weißt du noch, Schatz, als wir im Verlobungsurlaub da waren? Die Farben, die Pflanzen – es sah genauso aus.“
„Ja, an den Urlaub werde ich mich lange erinnern und das sicher nicht wegen der hübschen Landschaft“, witzelte der Mann mit breitem Grinsen, stellte sich aber dann doch neben seine Partnerin und sagte zu Hilke gewandt: „Wir kommen aus der nächsten Großstadt, da findet man kaum solche niedlichen, alten Geschäfte und Gemälde. Eigentlich schade.“

Das Wandgemälde erzeugte den Eindruck, man könne geradewegs eine weiße Terrasse betreten, um dahinter auf grünem Rasen zwischen blühenden Büschen und Blumen zu spazieren. In der Ferne glitzerte Wasser und verschmolz in Richtung Horizont dann mit dem Blau des Himmels. Es mochte auf manche etwas kitschig wirken, jedoch passte es zu ihrem kleinen Laden in diesem verschnörkelte Eckhaus der Altstadt, dachte Hilke jedes Mal, wenn ihr Blick zu der Malerei wanderte.
„Was hättest du denn jetzt gern?“, brachte der Mann das Gespräch zurück auf Anfang. „Diese Pfannkuchen sehen lecker aus. Sind die mit Füllung? Ja? Davon nehme ich einen, du auch, Liebling?“
„Klingt gut … obwohl … Moment, es gibt hier sogar Pfannkuchen?“ Seine Verlobte wandte sich zur Theke um, als Hilke mit einer Zange die gewünschten Backwaren herausnehmen wollte, und sagte: „Moment mal, das sind doch Berliner, Schatz.“
„Von mir aus. Ich kenne sie als Pfannkuchen.“
„Ich könnte noch andere bieten; diese Pfannkuchenröllchen da links“, berichtete Hilke.
„Ja, das sind Pfannkuchen, aber nicht die Berliner“, meinte die Frau kopfschüttelnd.
Der Mann seufzte. „Ich dachte, das da wären eher Crêpes. Und als ob nicht egal ist, wie sich dieses Zeug schimpft, ich nehme einen Pfannkuchen.“
Hilke verharrte mit der Zange in der Luft. „Also diese Pfannkuchen oder die anderen?“
„Siehst du? Wenn alles nur Pfannkuchen genannt wird, ist es total uneindeutig, welche du meinst!“
„Trotzdem sind und bleiben es Pfannkuchen!“
„Ein Chihuahua und ein Bernhardiner sind auch alles Hunde, es macht aber schon einen Unterschied, von welchem ich rede“, erläuterte die Frau.
„Das ist Blödsinn. Ich will doch nur einen normalen Pfannkuchen!“, stöhnte der Mann.
„Normale Pfannkuchen sind aber diese platten Dinger mit Puderzucker oder so.“
„Deine Pfannkuchen haben doch genauso Puderzucker drauf, schau hin!“
„Ja, und? Es ist alles eine Frage des Namens. Das sind keine Pfannkuchen, das sind Berliner!“

Hilke fragte sich bereits, ob etwa die Verlobung dieses Pärchens nicht bis zur Hochzeit käme, sondern gleich hier in ihrem Laden blutig enden würde. „Also da, wo ich herkomme, nennt man die auch Krapfen“, warf sie zögerlich ein.
„Das stimmt, und hier an dem Schild steht Berliner drauf, weil es bei den meisten so heißt. Berliner. Nicht Pfannkuchen“, sagte die Frau mit Nachdruck.
„Und wenn sie Zuckerbomben mit Füllung heißen würden, könnte man sie so auch nennen“, entgegnete ihr Verlobter. „Hauptsache ist, dass ich jetzt einen bekomme. Einen Pfannkuchen.“
„Berliner!“
„Pfannkuchen!“
Hilke pochte mit der Zange auf ihren Tresen, um die Streitenden zu unterbrechen. Dann wedelte sie mit ihrem Handy. „Ich habe eben die Suchmaschine meines Vertrauens konsultiert. Die sagt, Berliner Pfannkuchen.“
„Was denn jetzt, Berliner oder Pfannkuchen?“
„Es gibt viele Namen, je nach Region, aber es sind Berliner Pfannkuchen. Berliner ist eine Art Kurzform, würde ich meinen. Meine Pfannkuchen sind jedenfalls alle köstlich. Wie wär’s? – Sie probieren einfach zwei Berliner und zwei der Pfannkuchenrollen und irgendwann, bevor Sie in die Flitterwochen aufbrechen, kommen Sie noch einmal vorbei und erzählen mir dann, was Ihnen mehr wie ein Pfannkuchen geschmeckt hat. Einverstanden?“
Während ihre beiden Kunden ihr das Geld reichten, die Papiertüte mit den Leckereien plus noch zwei weitere bestellte Becher Kakao entgegennahmen und sich schon wieder versöhnlich an den Händen fassten, lächelte Hilde stumm. Da hatte sie den zweien mehr aufgeschwatzt, als diese ursprünglich wollten. Manchmal muss der Klügere nicht nachgeben, sondern nur abwarten. Vergnügt winkte sie dem Pärchen, als dieses Hand in Hand durch den Nieselregen flanierte, der sich allmählich vor dem Sonnenschein zurückzog.
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