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Project F.E.A.R.

Kurzbeschreibung
MitmachgeschichteThriller, Angst / P16 / Mix
24.09.2021
06.08.2022
12
81.061
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Sonntag, 10. Oktober 2021 - 10:30 Uhr

Der Raum wirkte sehr viel kühler als das Foyer. Während sich jemand bei diesem Mühe gegeben hatte es möglichst einladend zu gestalten, fehlte es diesem Zimmer eindeutig an Zuwendung. Die Wände waren kahl, es fehlte ein Teppich oder zumindest eine Zimmerpflanze und die Gardinen vor den Fenstern sperrten das natürliche Licht aus. Nur ein einziges rundes Tischchen stand vor ihnen.

Als sich Adrian hinter seinen beiden neuen Hauskameraden in den Raum hinein zwängten, konnte er die Abwesenheit von Möbeln plötzlich verstehen. Mit insgesamt vierzehn Personen auf einem Fleck war wohl kaum noch Platz für Dekoration. Wahrscheinlich hatten sie für ihre Ankunft Platz schaffen müssen. Oder sie hatten den Raum überhaupt erst für sie geschaffen. Wenn ihre Klienten wirklich so reich waren, bekamen sie sicher eine Sonderbehandlung und wurden direkt vor der Haustür abgeholt.

Diese Sonderbehandlung hätte er jetzt auch gerne. In der Enge fühlte sich der junge Mann zunehmend unwohl. Das waren zu viele Menschen und zu wenig Platz. Er konnte sich kaum bewegen, ohne jemanden anzurempeln und der einzige Weg nach draußen wurde von den anderen Teilnehmern versperrt. Ein unangenehmes Ziehen breitete sich in seiner Brust aus und er schickte ein Stoßgebet zum Himmel.

Lass das hier schnell vorbei sein…

Zu seiner Erleichterung räusperte Anderson sich und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf den einzigen Gegenstand im Raum: den Tisch, auf dem eine, zugegebenermaßen ziemlich hässliche, rote Vase stand. Dies musste der Portschlüssel sein. Neugierig reckte Adrian der Hals. Das Ding sah wirklich grässlich aus. Die beigen und hellbraunen Streifen wirkten furchtbar fehl am Platz und das Design entsprach ganz und gar nicht seinem Geschmack. Solange es seinen Zweck erfüllte würde es genügen.

„Dies ist der Portschlüssel, der uns in die Anlage bringen wird. Bitte verzeihen Sie die dürftige Einrichtung dieses Raumes, aber wir heißen normalerweise nicht zwölf Gäste gleichzeitig willkommen“, er lächelte entschuldigend, klatschte aber gleich darauf aufgeregt in die Hände, „Treten Sie ein wenig näher und halten sie sich an den Händen. Passen sie auf Ihre neuen Kameraden auf, wir wollen ja niemanden zurücklassen.“

„Was ist mit unserem Gepäck?“, fragte eine junge Frau mit lockigem, rotbraunem Haar, die ihm bisher noch nicht aufgefallen war. Sie musste während des spektakulären Auftritts des Chaos-Duos heimlich zu ihnen gestoßen sein.

„Miss Carvey wird ihre Habseligkeiten gleich mit einem Zauber hinterherschicken und dann zu uns stoßen. Lassen Sie ihre Koffer also beruhigt stehen. Wir werden Sie schließlich nicht ohne in den Urlaub schicken.“

Mr. Anderson lächelte versichernd und wandte sich wieder der Vase zu. So ganz vertraute Adrian ihm noch nicht. Er würde seinen Koffer weiter in der Hand behalten. Bei so vielen Taschen vergaß man schnell mal ein Gepäckstück.

Sein Herz schlug ihm mittlerweile fast bis zum Hals. Er warf Caleb und Magnus einen kurzen, fragenden Blick zu. Beide zuckten nur kurz mit den Schultern und nahmen sich an den Händen. Magnus streckte ihm seine freie Hand entgegen. Erst zögerte Adrian, doch dann ergriff er sie entschlossen.

Miss Carvey umrundete die Gruppe und stellte sicher, dass alle miteinander verbunden waren. Sie nickte ihrem Chef zu. Alle waren bereit. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Caleb trat näher an die Vase heran. Bei ihm standen Anderson, sowie eine Person aus jedem der Häuser. Sie hatten sich instinktiv bereits in ihre Gruppen aufgeteilt. Ein interessantes Phänomen. Anderson begann den Countdown.

„Drei“

Seine Handinnenfläche begann zu schwitzen. Er warf Magnus einen entschuldigenden Blick zu, der ihn mit einem aufmunternden Lächeln bedachte. Seine andere Hand verkrampfte sich um den Ledergriff des Koffers.

„Zwei“

Um ihn herum wurden nun auch einige andere nervös. Jedoch unterschieden sich die Gründe für die Nervosität deutlich voneinander. Während Filippa kaum an sich halten konnte vor freudiger Aufregung, hatten sich auf Elijahs Stirn leichte Sorgenfalten gebildet.

„Eins“

Sein Blick wanderte wieder nach vorne und fixierte die Vase. Sie war wirklich abscheulich.

Dann wurde er nach vorne gerissen. Er versank in einem bunten Strudel und verlor den Boden unter den Füßen. Die Welt um ihn herum war verschwunden und machte einem verzerrten Bild der Wirklichkeit Platz, welches sich stetig änderte. Die Fliehkräfte rissen an ihm. Er spürte, wie sich seine schweißnasse Hand von Magnus löste. Gerade als er dachte den Halt zu verlieren, zerriss das wilde Kaleidoskop um ihn herum und spuckte ihn zurück in die Welt, die er eben erst verlassen hatte.

Adrian stolperte nach vorne und stieß mit Magnus zusammen, der ebenfalls noch nach seinem Gleichgewicht zu suchen schien. Gemeinsam landeten sie auf dem harten Waldboden. Sein Kopf drehte sich und sein Magen rebellierte. Wie lange war es her, seit er das letzte Mal mit einem Portschlüssel gereist war? Jetzt stellte er fest, das dies fast noch schlimmer war als zu apparieren.

„Bei Merlin’s Bart…“, fluchte Adrian und versuchte krampfhaft seine Fassung zurück zu erlangen.

Er hätte heute morgen etwas essen sollen. Genug Zeit hatte er ja gehabt. Nun war sein Kreislauf durch Schlafmangel und Hunger am durchdrehen. Wenn er sich nicht bald wieder ein bekam, würde er sich vor allen übergeben.

„Alles okay?“

Adrian blinzelte und sah in Magnus blaue Augen. Der junge Mann hatte sich wieder aufgerappelt und hockte nun vor ihm, ehrliche Sorge im Blick. Adrian nickte schnell und bereute diese Geste sofort. Wieder fing alles an sich zu drehen.

„Mir geht's gut…“, krächzte er, „Wie es scheint muss ich an meiner Portschlüssel-Reisefähigkeit arbeiten.“

Endlich legte sich die Übelkeit und er brachte ein halbherziges Lächeln zu Stande. Magnus reichte ihm die Hand und zog ihn aus seiner Sitzposition nach oben.

„Danke!“

„Keine Ursache…“

Magnus lächelte freundlich und drehte sich wieder der Gruppe zu, die sich mittlerweile wieder einigermaßen gesammelt hatte. Allem Anschein nach war er nicht der einzige gewesen, den der Portschlüssel etwas mehr mitgenommen hatte. Besonders das Mädchen, welches ihnen von ihrer Cousine als Ally vorgestellt worden war, wirkte etwas blass um die Nase.

Adrian senkte den Kopf und atmete tief durch. Dann ließ er seinen Blick das erste mal bis hinter die Gruppe wandern. Sie standen auf einer kleinen Lichtung mitten im Wald. Um sie herum konnte er nichts anderes als Bäume erkennen. Vögel zwitscherten um sie herum, er konnte in der Ferne den Fluss rauschen hören, der das Cover der Broschüre geschmückt hatte. Die Luft war klar und kalt, roch nach Erde und Harz.

Adrian legte den Kopf in den Nacken und sah hinauf in die fernen Baumkronen. Die riesigen Kiefern hatten einen Ring um sie herum gebildet, durch den er den wolkenlosen Himmel sehen konnte. Die Sonne lugte bereits hinter den Wipfeln hervor. Sie näherte sich ihrem höchsten Punkt. Für einen Moment genoss er einfach die warmen Strahlen auf seinem Gesicht.

Viel zu schnell riss ihn die Stimme Andersons aus seinem Tagtraum ähnlichen Zustand. Der große Mann hatte sich vor die Gruppe gestellt und versuchte nun ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Einige der anderen Teilnehmer hatten sich bereits wieder in aufgeregt geflüsterte Gespräche vertieft, die nun rasch verstummten. Anderson klatschte zufrieden in die Hände, ehe er zu einem weiteren Teil seiner Rede ansetzte.

„Wir befinden uns nun bereits auf dem Gelände der Anlage. Gleich hinter diesem kleinen Hügel befindet sich das erste Ferienhaus der Siedlung, welches wir uns gleich gemeinsam von außen ansehen werden, sobald mit Carvey uns mit dem Gepäck gefolgt ist. Wir werden sie im Anschluss zu ihren eigenen Häusern bringen und sie dann in ihre wohlverdienten Ferien entlassen“, nach diesen Worten wurde Anderson plötzlich ernster, „Ich möchte sie daran erinnern, dass diese Anlage noch nicht für die Augen der Zaubererwelt geöffnet ist. In ihrem Vertrag haben sie alle eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnet. Das Einladen von Gästen, sowie das Machen und Teilen von Bildern in Sozialen Medien ist Ihnen strengstens untersagt. Sollten sie während ihres Aufenthalts oder in den zwei Monaten danach Ihren Vertrag brechen, wird dies ernsthafte Konsequenzen mit sich ziehen.“

Ein leises Raunen ging durch die Gruppe. Er war eh nicht daran interessiert Bilder zu machen. Die merkwürdige Angewohnheit der Muggel, und mittlerweile auch vieler Zauberer, jeden Moment ihres Lebens einfangen zu wollen, konnte er sich einfach nicht erklären. Sein eigenes Smartphone nutzte er ausschließlich zur Kommunikation mit bereits der Technik verfallenen Klienten.

„Gibt es hier denn überhaupt Empfang?“, fragte jemand neben ihm.

Die jungen Frau mit den kurzen Haaren hatte die Hände in die Taschen gesteckt und sah sich misstrauisch um. Wenn er sich recht erinnerte, war ihr Name Erin. Erst wollte er etwas erwidern, doch allem Anschein nach hatte sie diese Frage nicht an ihn gerichtet. Die ebenso leise Antwort ihrer Gesprächspartnerin konnte er nicht verstehen.

Vor ihnen hellte sich Andersons Miene wieder merklich auf. Er begann von der Geschichte der Anlage zu erzählen, vermutlich um die Zeit zu überbrücken die seine Kollegin brauchte. Adrian hörte nur mit einem Ohr zu. Sein Interesse galt nun erstmal seinen neuen Zimmerkameraden, die beide etwas verloren in der Weltgeschichte herum standen. Mit zwei großen Schritten war er neben Caleb. Der große, dunkelhäutige Mann versuchte allem Anschein nach Andersons Wortschwall zu folgen, schien aber kläglich zu scheitern. Nur Magnus schien gebannt den Erzählungen zu folgen. Seine Augen leuchteten förmlich, als der Unternehmer ihnen Zahlen um die Ohren warf.

„Nicht mein Ding…“, murmelte er an Caleb gerichtet.

Der junge Mann nickte kurz und seufzte leise. Dann drehte er ihm den Kopf zu und schmunzelte.

„Meins auch nicht… aber Magnus scheint wenigstens seinen Spaß zu haben.“

Adrian schüttelte verblüfft den Kopf. Diese Faszination konnte er beim besten Willen nicht verstehen. Ein sehr interessanter Charakter, aber Adrian bezweifelte, dass er viel mit ihm würde anfangen können. Auch Caleb schien ihm nicht gerade der gesprächigste Typ zu sein. Wenn einer der beiden nicht irgendwann auftaute, musste er sich wohl in einem der anderen Häuser etwas mehr Action suchen. Zumindest die anderen drei Jungs schienen etwas offener. Gerade wollte er sich nach einem von ihnen umsehen, als er aus dem Augenwinkel einen großen Haufen Gepäck erscheinen sah. Allem Anschein nach hatte es Miss Carvey geschafft ihre Habseligkeiten zu ihnen zu transportieren.

Auch die anderen hatten das plötzliche Auftauchen des Gepäcks bemerkt und einige machten sich auf den Weg um ihre Taschen einzusammeln. Mr. Anderson beendete seine Rede, als seine Kollegin neben ihm apparierte. Sie warteten noch einige Sekunden, ehe die Teilnehmer wieder mit ihren Koffern vereint waren, dann ergriff die ältere Frau wieder das Wort.

„Wenn alle soweit sind, können wir aufbrechen. Von hier haben wir ungefähr fünf Minuten Fußweg bis zu den Häusern.“

Neben sich konnte Adrian ein leises Aufstöhnen hören. Sein Blick huschte zur Seite und traf auf Naomi. Seine ehemalige Klassenkameradin hatte anscheinend nicht damit gerechnet, dass sie würden laufen müssen. Sie hatte sich herausgeputzt als wäre sie Gast auf der Fashion Week, inklusive ziemlich unbequem aussehender High Heels. So gut sie auch zu der weißen Bluse und der schwarzen Samtjacke passten, für den Waldboden waren sie sicherlich nicht geeignet. Mitleid stieg in ihm hoch. Sollte er ihr ein paar Schuhe aus seinem Koffer anbieten?

Sofort verwarf er die Idee wieder. Sicherlich hatte Naomi selbst genug Schuhe eingepackt und seine Herrenschuhe wären wahrscheinlich Meilen zu groß für ihre schmalen Füße. Er würde sich nur zum Narren machen. Sollte er anbieten sie zu tragen?

Was zum Poltergeist ist das denn bitte für eine Idee?, schallte er sich selbst, Willst du dich absichtlich so blamieren?

Adrian verzog das Gesicht. Heute war wirklich nicht sein Tag. Ehe er sich weitere Gedanken machen konnte, setzte sich die Gruppe in Bewegung. Naomi stolzierte vor ihm her, den Zauberstab erhoben und ihr Gepäck vor sich her dirigierend. Sie brauchte allem Anschein nach keine Hilfe. Adrians Gesichtsausdruck verzog sich noch etwas mehr. Er hätte sich wirklich zum Dorftrottel gemacht.

Wie kannst du auch davon ausgehen, dass sie hilflos ist?

Er musste sich bemühen diese Gedanken wieder los zu werden. Er hatte schließlich nichts getan. Doch allein der Gedanke daran sich vor Naomi zu blamieren, ließ seine Nerven Besen fliegen. Adrian atmete ein weiteres Mal tief durch und versuchte sich auf etwas anderes zu konzentrieren.

Die Bäume um sie herum ragten wie Speere aus der Erde. Der Waldboden war mit Nadeln übersät. Hier, um den Weg herum, war der Wald lichter. Es gab kaum Bodenbewuchs, keine Dickichte, in denen sich Tiere hätten verstecken können, nur wenige dünne Pflanzen. Erst einige Meter von ihnen entfernt fing es an dichter zu werden. Stachelige Brombeerranken bedeckten den Waldboden, versperrten die Sicht auf das was dahinter lag. In der Ferne wirkte der Wald düsterer, irgendwie unheimlich. Ein leichter Schauer lief ihm den Rücken hinunter. Was sich wohl alles dort versteckte. Er wollte gar nicht darüber nachdenken.

Der Weg machte einen kleinen Knick, dann ging es bergauf. Der Grad der Steigung überraschte Adrian. Alles um ihn herum wirkte so flach und eben. Einen derartig großen Hügel hatte er nicht erwartet. Schnell fingen einige Teilnehmer an zu keuchen. Adrian selbst war aufgrund seiner Arbeit ganz gut in Form, doch selbst bei ihm zerrte der Aufstieg an seinen letzten Kraftreserven. Wenn sie endlich da waren, würde er sich erst einmal eine heiße Dusche gönnen. Gleich nachdem er sein Zimmer präpariert und ordentlich gesichert hatte.

„Ich hätte nicht gedacht, dass wir noch so weit laufen müssen…“, stöhnte Liam, der etwas hinter ihm ging.

Der junge Zauberer schnaufte und kämpfte sichtlich mit dem Fußmarsch. Adrian hätte ihn aufgrund seiner Statur sehr viel sportlicher eingeschätzt, aber wahrscheinlich war er einfach den Untergrund nicht gewöhnt. Es gab einen merklichen Unterschied zwischen Asphalt und weichem Waldboden und Liam sah ihm nach einem typischen Stadtkind aus.

„Ich auch nicht“, erwiderte er, „Hoffentlich sind wir bald da. Ich brauch jetzt erstmal ne ordentliche Dusche.“

„Ich brauch noch sehr viel mehr als das… vielleicht ein ordentliches Mittagessen?“

Adrian sah nach oben. Die Sonne hatte sich seit ihrer Ankunft keinen Millimeter bewegt. Er war zwar kein Profi darin die Zeit am Sonnenstand zu erkennen, aber er vermutete, dass es noch immer später morgen war. Doch in diesem Moment kümmerte ihn dies herzlich wenig. Sein Magen knurrte sowieso schon eine ganze Weile, also wäre er der Idee das Lunch etwas vorzuziehen nicht ganz abgeneigt. Er schmunzelte.

„Da bin ich dabei!“

Liam grinste.

„Wir sollten heute Abend alle zusammen essen, uns ein bisschen besser kennenlernen“, schlug er enthusiastisch vor.

Adrian überlegte. War es dafür vielleicht ein bisschen zu früh? Die meisten wollten wahrscheinlich erstmal mit ihren Hauskameraden zurechtkommen, ehe sie sich in die große Gruppe stürzten.

„Eine Überlegung ist es auf jeden Fall wert…“

Sie erreichten den Kamm des Hügels. Vor ihnen führte der Weg nun bergab und gab zum ersten Mal den Blick auf die Häuser frei. Die leisen Gespräche verstummten und alle Blicke richteten sich gespannt auf die kleine Ferienanlage. Viel konnte man noch nicht erkennen, doch der erste Eindruck enttäuschte nicht.

Die hellgrau gemaserte Fassade des ersten Hauses hob sich deutlich vom grünen Wald drum herum ab. Bodentiefe Fenster waren in die Wände eingelassen und gaben den Blick auf das Innere frei, auch wenn sie aus dieser Entfernung noch nicht mehr erkennen konnten als das Sonnenlicht reflektierende Wasser des Pools.

Die Gespräche wurden nun wieder lauter. Aufgeregt tuschelten einige der anderen über den Anblick der Häuser. Liam hatte sich wieder mit Filippa zusammengetan, die mit leuchtenden Augen auf ihn einredete. Adrian sah sich nach seinen Hauskameraden um. Magnus hatte sich zum Anfang der Gruppe vor gekämpft und unterhielt sich angeregt mit Mr. Anderson. Dabei huschte sein Blick immer wieder zum ersten Haus. Was für ein sonderbarer Typ. Er würde ihn auf jeden Fall nachher ein wenig ausquetschen müssen. Seine Faszination musste schließlich einen Grund haben.

Generell freute er sich darauf mehr über die anderen zu erfahren. Zumindest eine kleine Vorstellrunde, während die noch im Hauptgebäude von Magication gewesen waren, hätten sie machen sollen. Aber wahrscheinlich wollten die beiden Unternehmer dies ihnen selbst überlassen. Es reizte ihn zumindest sehr nach und nach alle kennen zu lernen und sich mit ihnen zu unterhalten. Dagegen war eine einfache Runde in der jeder nur seinen Namen sagte und einen FunFact über sich erzählte doch etwas langweilig. Vielleicht sollte er sich wirklich mit Liam zusammentun und eine kleine Willkommensfeier planen. Er würde es sich überlegen.

Der Weg öffnete sich langsam zu einer Lichtung und ein weiteres Haus kam in Sicht. Es lag versteckt hinter einer langgezogenen Buschgruppe aus denen zwei Tannen und einige Kiefern hervor ragten. In der Ferne konnte er die anderen Häuser zwischen den Bäumen erahnen. Sie lagen alle einige wenige hundert Meter voneinander entfernt. Weit genug weg um untereinander die Privatsphäre zu wahren, aber nahe genug um sie bequem fußläufig zu erreichen.

Je mehr sie sich dem ersten Haus näherten, desto größer kam es Adrian vor. Das zweigeschossige Gebäude mit dem merkwürdig zackig aussehenden Dach baute sich stolz vor ihnen auf und starrte fast auf sie herab. Im hellen Licht der Mittagssonne hob sich das Bauwerk klar vom dunkelgrünen Hintergrund des Waldes ab, doch Adrian erahnte, dass es bei weniger gutem Licht und vor allem bei Nacht mit ihm verschmelzen würde.

Adrian wusste den Schauer der ihm über den Rücken lief nicht richtig zuzuordnen. War es die freudige Aufregung und Ehrfurcht die er empfand, oder die leise Stimme in seinem Unterbewusstsein, die sich vor den hohen Mauern fürchtete und sich schon jetzt eingesperrt fühlte? Was immer es war, es ließ ihn jetzt erschaudern. Selbst die Härchen auf seinen Armen stellten sich auf und kribbelten unter seinem lockeren Hemd. Das ungute Gefühl wurde langsam stärker. Er blickte sich irritiert um.

Er war fast am Ende der Gruppe und hatte einen freien Blick auf den Wald hinter ihnen. Einsam und verlassen lag der kleine Waldweg da. Die Bäume wirkten größer als noch vor wenigen Minuten, steckten hoch oben über ihnen verstohlen die Köpfe zusammen. Adrian suchte den Waldrand mit den Augen ab, konnte jedoch nichts erkennen. Es war nichts da was seine Unruhe erklären könnte. Erleichtert atmete er aus. Er bildete sich bereits wieder Dinge ein die nicht da waren.

Oder sind es Dinge, die du einfach nicht sehen kannst? Etwas anderes, unvorstellbares das auf dich lauert?

Sofort verpasste er sich eine mentale Ohrfeige. Wenn er jetzt mit solchen Gedanken anfing, dann würde er keine einzige ruhige Minute hier verbringen können. Zumindest für eine kleine Weile wollte er dem Stress entfliehen.

„Ziemlich beeindruckend, das muss ich zugeben…“

Caleb hatte sich wieder zu ihm gestellt. Die Hände lässig in den Jackentaschen und eine große Sporttasche über die Schulter geworfen schlenderte er neben Adrian her und musterte das Haus, dessen Eingang sie sich nun näherten.

„Sie haben sich auf jeden Fall Mühe gegeben“, entgegnete er.

„Das stimmt. Ich bin vor allem auf das Innere gespannt. Bilder werden der Realität meistens nicht gerecht.“

Adrian stutzte.

„Bilder?“

Caleb sah ihn erst etwas verwirrt an, dann begann er zu lachen.

„Sag bloß, du hast dir die Website nicht angesehen bevor du dich angemeldet hast.“

„Website? Ich wusste ehrlich gesagt nicht mal, dass es eine Website gab“, Adrian kratzte sich mit einem verlegenen Lächeln am Hinterkopf, „Ich hab mich spontan per Eulenpost angemeldet, als ich davon gehört habe. Generell hab ich nicht so viel mit diesem ganzen Internet Kram am Hut.“

Caleb wirkte ehrlich überrascht. Einige Sekunden schien er in seinen eigenen Gedanken zu hängen, dann brach er in schallendes Gelächter aus. Adrian blickte ihn verwirrt an und wartete darauf, dass sich der junge Mann beruhigte. Nach einigen Sekunden schien er sich ein zu bekommen.

„Das ich sowas noch mal erlebe…“

Adrian stieß einen verunsicherten Lacher aus.

„Was genau?“

„Jemanden der nicht im Internet unterwegs ist. Als jemand der in der Muggelwelt groß geworden ist, ist das einfach unvorstellbar.“

Adrian entspannte sich und fing nun auch an zu lachen. Das hatte er vollkommen vergessen. In der heutigen Zeit waren mehr und mehr der jungen Zauberer sehr viel enger mit der Muggelwelt verbunden als früher. Auch er hatte sich erst daran gewöhnen müssen ein Smartphone zu besitzen, auch wenn dieses nun tief vergraben in seinem Koffer schlummerte.

„Wenn man tagtäglich von Magie und Magischen Wesen umgeben ist, dann gerät die ganze neue Technik halt etwas in den Hintergrund. Viele meiner Klienten sind noch alte Zauberer. Die haben keine Smartphones oder Internet.“

Caleb blickte interessiert auf.

„Jetzt will ich aber wissen, was du so beruflich machst. Magizoologe?“

Adrian wollte gerade antworten, als vor ihnen die Gruppe zum Stillstand kam und sich Mr. Andersons Stimme über die leisen Gespräche erhob.

„Wir stehen nun vor Haus Amethyst, das sie schon von unserer Website kennen sollten.“

Caleb stieß Adrian scherzhaft in die Rippen und grinste über das ganze Gesicht. Adrian schob ihn mit einem übertrieben genervten Augenrollen von sich.

„Wir werden nicht alle hineingehen, aber ich werde ihnen schon einmal ein wenig über die Häuser erzählen. Haus Amethyst ist das erste, welches wir entworfen haben. Nach seinem Vorbild sind die anderen drei kleinen Villen entstanden. Wie der Name schon sagt, ist der Amethyst der Kristall, der die Farbe der Inneneinrichtung bestimmt. Alle Häuser haben einen anderen Kristall zugeteilt bekommen und sind deshalb alle ein wenig unterschiedlich, auch wenn die Grundrisse identisch sind. Wenn sie das Musterhaus studiert haben wird ihnen aufgefallen sein, dass es lediglich zwei Schlafzimmer gibt. Dieses Problem haben wir gelöst, indem das Arbeitszimmer kurzfristig umgestaltet wurde. Jeder von ihnen wird also ein eigenes Zimmer bekommen.“

Mr. Anderson lächelte zufrieden und gab an seine Partnerin ab. Miss Carvey hatte sich unbemerkt von Adrian um die Gruppe herum geschlichen und stand nun ebenfalls vor ihnen.

„Der magische 24-Stunden-Service funktioniert über die kleine Kristallbox, die sich auf der Kücheninsel befindet. Eine kleine Anleitung dazu finden sie ebenfalls dort. Der Kühlschrank wird immer gefüllt sein, sollten sie aber spezielle Wünsche haben, können sie sich diese über den Service erfüllen. So gut wie alles ist im Bereich des möglichen, aber stellen sie sich darauf ein, dass ein vollständiges Fünf-Gänge-Menü etwas länger dauern könnte als eine Packung Erdnüsse.“

Sie lächelte amüsiert. Dann wandte sie sich wieder Mr. Anderson zu.

„Gibt es noch Fragen, die wir klären müssen, bevor wir Sie zu Ihren Häusern bringen?“

Liam hob enthusiastisch die Hand, wartete aber nicht darauf aufgerufen zu werden.

„Wo bekommen wir Surfbretter her? Kann die All-you-can-eat-Box das auch?“

Adrian musste sich beherrschen um nicht zu lachen. Auch Mr. Anderson verkniff sich offensichtlich eine Reaktion, wenn auch sicherlich keine positive.

„Hinter jedem Haus gibt es einen kleinen Geräteschuppen, in dem sie alle nötige Ausrüstung für ihre Aktivitäten finden sollten. Die ‚All-you-can-eat-Box‘ ist nur für die Nahrungsversorgung zuständig. Sollte aber doch irgendetwas fehlen, zögern sie nicht uns über ihre Notizbücher zu kontaktieren. Wir werden sehen was wir tun können. Dafür sind sie schließlich hier. Um zu testen ob es an essentiellen Dingen fehlt.“

Liam schien mit der Antwort zufrieden. Er strahlte mehr Aufregung aus als Adrian in seinem ganzen Leben verspürt hatte.

Und dass sollte was heißen… der explodiert ja gleich.

„Wenn es schon kein WLAN gibt, haben wir dann wenigstens Strom?“, witzelte Filippa, die etwas weiter vorne stand.

Anderson wirkte mittlerweile als könne er sich nur mit Mühe beherrschen. Wahrscheinlich bereute er bereits, sich für ihre Altersgruppe als Testpersonen entschieden zu haben. Warum sie dies getan hatten blieb Adrian selbst ebenfalls schleierhaft.

„Sehr lustig Miss Carr. Natürlich haben sie Strom. Sie wollen schließlich weder im Dunkeln, noch im Kalten sitzen. Und selbst wir wissen, dass man mit Kerzen heutzutage nicht mehr sonderlich gut auskommt. Alle Häuser werden über eine eigene Solaranlage auf dem Dach mit Strom versorgt. Für Notfälle gibt es ein Notstromaggregat.“

„Also doch kein Candlelight Dinner…“, seufzte sie theatralisch.

„Davon hält Sie natürlich trotzdem niemand ab…“, merkte Miss Carvey mit einem Zwinkern an.

Leises Kichern war zu hören, dann räusperte sich die ältere Dame ernst.

„Aber…“, sie machte eine bedeutungsschwere Pause, „Bitte achten sie auf gewisse Etikette. Wir wissen sehr genau, dass gewisse Dinge passieren könnten, wenn zwölf junge Erwachsene unter sich sind, jedoch würden wir sie bitten Rücksicht aufeinander zu nehmen.“

Adrian nickte stumm. Er war sich durchaus bewusst, dass vielleicht bei einigen von ihnen mehr als nur Freundschaften entstehen konnten. Sie waren alle jung und auch wenn er seine vorpubertäre Macho Phase lange hinter sich gelassen hatte war er sich doch sicher, dass diese zumindest bei Leuten wie Liam gerade erst angefangen hatte.

Er wagte einen kurzen Seitenblick zu Naomi. Seine ehemalige Klassenkameradin stand am Rand der Gruppe, die Hände vor dem Oberkörper verschränkt, und sah aufmerksam nach vorn. Ihr ebenholzbraunes Haar glänzte im Sonnenlicht. War sie nicht der Grund, warum er sich überhaupt angemeldet hatte? Schnell drehte er sich wieder weg. Nein! Er war hier um sich der Herausforderung zu stellen endlich mal ein wenig zu entspannen.

Weiter vorne hob Magnus zögernd die Hand.

„Wir dürfen uns auf dem Gelände frei bewegen, wenn ich das richtig verstanden habe, aber wie sieht es denn mit dem Land dahinter aus? Dürfen wir dort wandern gehen oder gibt es hier Naturschutzgebiete?“

Diese Frage hatte sich Adrian auch schon gestellt. Er hatte gehört, dass sie sich hier isolieren und ihre Zeit allein genießen sollten, aber was sprach gegen eine schöne, ausgedehnte Wanderung? Auch wenn die Anlage und der darum liegenden Wald eine beachtliche Größe hatten, für eine richtige Wanderung würden sie etwas weiter gehen müssen.

Adrian glaubte für den Bruchteil einer Sekunde einen merkwürdigen Schatten über Miss Carveys Augen fliegen zu sehen. Eine leichte Gänsehaut bildete sich auf seinen Armen. Doch so schnell wie das ungute Gefühl gekommen war, war es auch schon wieder verschwunden. Hatte er sich das gerade nur eingebildet? Er neigte schließlich zu einer regen Fantasie.

Mach dich nicht ständig verrückt du Dummkopf. Das ist ja furchtbar!

„In einem Umkreis von 20 Kilometern können sie ohne bedenken Wandern gehen. Die Naturschutzgebiete in dieser Gegend sind für Besucher offen, solange sie keinen Müll hinterlassen und Flora und Fauna unberührt bleiben. Sollten sie also den Drang verspüren weit von hier weg zu wollen, dann können sie sich nach Herzenslust bewegen. Was wir jedoch von ihnen verlangen ist, keinen Kontakt mit der nächsten Zivilisation aufzunehmen wenn es nicht ausdrücklich notwendig ist.“

Liam sah sich um.

„Also ich seh hier keine andere Zivilisation weit und breit. Das sollten wir hinbekommen.“

„Das wollen wir hoffen. Das nächste Dorf liegt fast 40 Kilometer von hier entfernt“, ihr Gesichtsausdruck wurde wieder entspannter, „Sollte sie wirklich das Wanderfieber packen, im Schrank im Wohnzimmer finden sie eine Karte der Umgebung. Dort sind auch einige schöne Strecken und Orte eingezeichnet… Gibt es noch weiter Fragen?“

Sie klatschte erwartungsvoll in die Hände und blickte in die Runde. Niemand meldete sich.

„Dann kommen wir nun zum letzten Teil unserer Führung. Die Zuteilung der Häuser. Haus Amethyst ist der Gruppe aus Naomi Megan Riley, Alyssa Evelyn Stone und Ally Holmes zugeteilt. Sie können sich ihr Gepäck schnappen und erkunden gehen. Wir werden sie nicht weiter stören und nur nachher noch einmal vorbeischauen um sicherzugehen, dass sie sich zurechtfinden.“

Die Mädchen nahmen ihre Taschen an sich und holten sich den Schlüssel von Mr. Anderson ab, der bereits damit herumwedelte. Naomi hatte sehr offensichtlich die Führung übernommen und war die erste, die mit energischen Schritten die Stufen nach oben erklomm. Ihre beiden blonden Mitbewohnerinnen hatten Mühe mitzuhalten.

Die kleinere der beiden mühte sich mit ihrem Koffer ab und war sich offensichtlich nicht sicher, ob sie ihm die Stufen hoch bekommen würde, oder den längeren Weg über die Rampe würde nehmen müssen. Bevor ihr ihre Freundin zur Hilfe eilen konnte, hatte sich Elijah bereits aus der Gruppe gelöst und ihn ihr abgenommen. Mit einem sanften Lächeln trug er ihn für sie die Stufen hinauf. Sie bedankte sich mit gesenktem Kopf bei ihm.

Adrian hatte keine Chance sie weiter zu beobachten, denn die Gruppe setzte sich wieder in Bewegung und folgte Mr. Anderson. Die restlichen drei Mädchen verließen sie und zogen in Haus Diamant ein. Dann waren sie selbst an der Reihe.

Haus Saphir lag ein kleines Stück ab vom Weg, hinter einer dichten Baumgruppe versteckt und näher am dichten Teil des Waldes als die beiden vorangegangenen Villen. Durch die tiefen Fenster konnte Adrian sehen, wie das Licht vom Wasser des Pools reflektierte und fantastische Muster an die Wände warf. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal geschwommen war. Es musste viele Jahre her sein. Aber das klare, hellblaue Wasser ließ ihn doch an Zeiten zurückdenken, in denen er die größte Wasserratte des Planeten gewesen war. Der See hinter ihrem Haus war immer einer seiner Lieblingsplätze gewesen. Am seichten Ufer hatte er unzählige heiße Sommertage verbracht.

Abrupt riss die Erinnerung ab. Verwirrt sah er sich um und bemerkte, dass er stehen geblieben war. Die anderen waren bereits zehn Meter weiter, standen fast vor der Haustür. Er konnte sehen, wie Caleb sich umdrehte und ihn zu sich winkte.

„Hast du da vorne Wurzeln geschlagen?“, rief er lachend.

Adrian festigte den Griff um seinen Koffer und lief los um die anderen einzuholen. Schnell schloss er zu ihnen auf.

„Sorry, ich hab mir den Pool angesehen…“, entschuldigte er sich an Caleb gewandt.

„Das kannst du doch gleich in Ruhe machen. Ich will erstmal meine Tasche loswerden“, Caleb drehte sich zum Haus um, „Ich denke mal wir überlassen Magnus die Schlüssel. Der dreht ja gleich durch vor Aufregung…“

Adrian musterte den jungen Mann vor ihnen, der mit aufmerksam leuchtenden Augen versuchte durch die Fenster einen ersten Blick zu erhaschen. Er und Caleb sahen sich an und lachten leise. Adrian wurde warm ums Herz. Vielleicht waren die beiden ja doch nicht so schlechte Hausgenossen.

Mr. Anderson übergab Magnus den Schlüssel, der damit sofort die Stufen zur kleinen Veranda erklomm und ihn ins Schloss steckte. Die Türen öffneten sich ohne ein kleinstes Geräusch von sich zu geben. Adrian folgte den anderen und ließ Mr. Anderson, Miss Carvey und die letzten drei Jungen vor dem Haus zurück.

Zu ihrer linken Seite befand sich die geräumige Küche mit dunklen, fast schwarzen Holzfronten und einer Arbeitsplatte aus weißem Marmor. In einem offenen Teil der Hochschränke reihten sich verschiedenste Gläser ordentlich aneinander. Der Kühlschrank und ein zweiteiliger Ofen waren in die Schrankwand eingelassen. Die nach vorne Abgerundete Kücheninsel war komplett aus Marmor gehauen und beherbergte sowohl ein Kochfeld als auch dass, was Adrian als die sagenumwobene „All-you-can-eat-Box“ identifizierte.

Zu ihrer Rechten stand, auf einem flauschigen weißen Teppich, ein langer Esstisch aus dunklem Holz, mit einem geschwungenen Glasstreifen in der Mitte. Um ihn herum standen schwarz und blau gepolsterte Stühle.

Die Klimaanlage lief und verteilte kühle Luft im Untergeschoss. Eine sanfte Briese strich über Adrians Gesicht. Er schloss für einen kurzen Moment die Augen und holte tief Luft. Um sich herum hörte er die Schritte der anderen, die vor ihm begannen das Haus zu erkunden. Dies war also für die nächsten vier Wochen ihre Unterkunft. Er musste zugeben beeindruckt zu sein. Die Einrichtung war schlicht und stilvoll, nicht zu überladen, aber das Haus war auch nicht leer. Für eine Weile genoss er nur den ersten Anblick und ließ seinen Blick weiter durch die Gegend wandern.

Der Vorraum gab den Blick auf das Wohnzimmer frei, dessen Decke sich über beide Stockwerke des Hauses ausbreitete. Eine große, weiße Couch mit hellblauen Kissen stand vor einem riesigen Flachbildfernseher. Der Raum war ordentlich und elegant eingerichtet. Pflanzen standen in den Ecken und auf Regalen oder hingen an den Wänden. Auf einer weißen Kommode hatten zwei blaue Kristall Cluster ihren Platz gefunden. In die Wand zwischen Essbereich und Wohnzimmer war ein Kamin eingelassen. Gegenüber ging ein kleiner Gang ab, der zum Pool führte.

In diesem Flur befand sich auch die Treppe nach oben. Als er sie bemerkte kam bereits Magnus die Stufen wieder nach unten gelaufen. Er musste bereits oben gewesen sein um sich alles anzusehen. Wie lange hatte er im Eingang gestanden?

„Es ist wirklich wunderschön hier!“

Caleb hatte seine Sporttasche vor der Treppe abgestellt und sah nun seine beiden Kollegen an.

„Wollens wir schon mal die Zimmer verteilen?“

Adrian schluckte. Nun musste er sich entschieden, welches der Zimmer am sichersten war. Vermutlich das im Untergeschoss. Im Notfall konnte er schnell zur Tür gelangen und würde nicht aus dem Fenster springen müssen. Allerdings würde dort auch jeder von Außen in den Raum sehen können. Er musste sich die Räume im Obergeschoss näher ansehen bevor er eine Entscheidung treffen konnte.

„Ich will sie mir gerne erstmal alle ansehen, wenn euch das Recht ist“, erklärte er zögerlich.

Caleb nickte verstehend und folgte Magnus nach oben, der bereits wieder die Treppe erklommen hatte, vermutlich um ihnen eine kleine Tour zu geben. Adrian war sich immer noch nicht sicher wie er es in der kurzen Zeit bereits geschafft hatte sich einen Überblick zu verschaffen. Er musste ein Auge für sowas haben.

Schnell folgte er seinen Kollegen. Er wollte nur ungern in dieser fremden Umgebung allein dastehen und Däumchen drehen. Die vielen Fenster waren für ihn schon Grund genug sich unwohl zu fühlen. Auch wenn sie viel Licht ins Haus ließen, saßen sie durch sie doch wie auf dem Präsentierteller. Die anderen Teilnehmer, sowie jeder ahnungslose Spaziergänger würde ihnen hier beim Leben zusehen können.

Jetzt stell dich mal nicht so an. Hier ist sowieso niemand…

Doch die intrusiven Gedanken konnte er nicht so leicht abstellen. Sie waren mittlerweile ein Teil von ihm geworden, so sehr er es auch hasste. Wie Parasiten hatten sie sich in sein Gewissen gefressen und ließen ihn einfach nicht in Frieden.

Adrian seufzte leise und versuchte ein glückliches Gesicht aufzusetzen. Dies war ein Grund sich zu freuen. Er hatte neue Leute kennengelernt und wollte seine Zeit hier genießen, nicht Trübsal blasen. Irgendwie musste er diese verdammten Warnsignale doch abgestellt bekommen.

„Hier oben gibt es eine Tür zur Dachterrasse. Ihr glaubt ja gar nicht wie schön es da draußen ist. Und da sind die anderen beiden Zimmer. Eins geht zum Wald raus und eins zum Dach.“

Magnus deutete auf die beiden Türen die vom geräumigen Flur ausgingen. Auf der gegenüberliegenden Seite stand ein schwarzer Flügel auf einem blauen Teppich, von dem aus man freie Sicht auf die Terrasse und das Wohnzimmer unter ihnen hatte. Adrian drehte seinen Kopf wieder den beiden Türen zu. Aus praktischer Sicht war das zum Wald ausgerichtete Zimmer wohl am privatesten, jedoch war er sich nicht wirklich sicher, ob der ständige Anblick der dunklen Bäume vor seinem Fenster wirklich etwas Positives war. Andererseits würde von dort aus auch niemand sehen können, was er alles mit dem Zimmer anstellen würde um es sicherer zu machen.

„Das umgeräumte Zimmer ist etwas kleiner als die anderen. Wollen wir Streichhölzer ziehen?“

Die Entscheidung fiel mit Magnus‘ Kommentar. Ein kleineres Zimmer war besser abzusichern. Der Bannkreis musste nicht so groß sein und es würde ihn nicht so viel Kraft kosten die Zauber zu wirken. Um seine Privatsphäre würde er sich später Sorgen machen. Es gab nichts, was ein bisschen Magie nicht regeln konnte.

„Ich melde mich freiwillig! Ich brauch nicht so viel Platz…“

„Dann ist das ja schon mal geklärt“, sagte Magnus, sichtlich erleichtert von seinem Angebot, „Bleiben noch die anderen beiden Zimmer. Caleb? Oben oder unten?“

Caleb überlegte einen kurzen Moment, ehe er antwortete.

„Wenn es euch recht wäre, würde ich lieber oben schlafen. Ich will die Zeit nutzen um ein bisschen zu lernen und will euch nicht davon abhalten im Wohnzimmer laut zu sein…“

Adrian stutzte. Lernen? In seiner Freizeit? Was für eine sonderbare Art der Erholung. Er nahm sich vor seinen neuen Freund nachher ein wenig darüber auszuquetschen. Generell freute er sich darauf mehr über die beiden zu erfahren. Die Aussicht auf die ersten richtigen Gespräche vertrieb endlich die dunkle Wolke der Sorge über seinem Kopf. Er würde eine tolle Zeit hier verbringen und eine ganze Menge neuer Freunde gewinnen, schließlich waren auch die anderen Häuser voll davon. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen.

„Ich nehm gerne das Zimmer unten“, sagte Magnus.

Caleb nickte zufrieden.

„Dann wäre das ja geklärt… wollen wir erst auspacken und dann ein bisschen erkunden gehen?“

Adrian war der Idee gegenüber nicht abgeneigt. Er brannte geradezu darauf sich weiter umzusehen und die Gegend zu sehen. Der Wald, der nahe Fluss und natürlich die anderen Häuser schienen ihn magisch anzuziehen. Begeistert nickte er.

„Das klingt super! Dann treffen wir uns in einer halben Stunde unten.“

Seine beiden Hauskameraden nickten zustimmend und wandten sich um, um ihre Taschen zu holen. Adrian hatte seinen Koffer nicht aus der Hand gegeben und verschwand schnell in seinem Zimmer.

Die beiden Hosts hatten sich definitiv Mühe gegeben ein Arbeitszimmer wohnlich zu gestalten. An einer Seite der Fensterfront stand ein gemütlich aussehendes Doppelbett mit einem kleinen Nachttisch, auf der anderen ein geräumiger Schreibtisch inklusive PC. In einer Nische auf der rechten Seite hatte eine blau gestrichene Kommode Platz gefunden, über der ein großer Fernseher hing. Eine Couch war auf der gegenüberliegenden Seite an die Wand geschoben worden, davor befand sich ein gläserner Couchtisch.

Adrian stellte seinen Koffer ab und betrachtete die Einrichtung. Ganz sein Geschmack war es nicht, aber es würde reichen. Jetzt brauchte er nur noch ein wenig Zeit um es nach seinen Wünschen vorzubereiten.

Er warf seinen Koffer aufs Bett und begann mit routinierten Bewegungen alles daraus hervorzuholen was er brauchte. Bald würde er sich hier sicher fühlen…









Sonntag, 10. Oktober 2021 - 11:00 Uhr

Erin ließ sich mit einem lauten Seufzer auf ihr Bett fallen und starrte an die Decke. Ihre Tasche hatte sie neben die Tür geworfen.

Wie konnte man nur so viel Pech haben? Was hatte sie dem lieben Gott getan, dass sie ausgerechnet mit den Personen in einem Haus zusammenleben musste, mit denen sie am liebsten am Wenigsten zu tun gehabt hätte? Es musste Schicksal sein. Eine Strafe für all die Dinge, die sie in ihrer Vergangenheit versaut hatte. All die bissigen Kommentare, all die schlechten Noten und all die Enttäuschungen. Nichts anderes würde erklären, warum sie zu so einer Höllenfahrt verdammt war.

Erin schloss die Augen und atmete tief durch. Wenigstens das Bett war weich. Sie hatte sich natürlich sofort das beste Zimmer des Hauses reserviert. Sie wollte so weit weg von den anderen sein wie nur irgend möglich, da hatte sich das Untergeschoss natürlich angeboten.

Miss Crack in Person hatte sich natürlich sofort angeboten das kleinste der Zimmer zu nehmen. Sie hatte anscheinend vor so viel Zeit wie möglich außerhalb dieses Raumes zu verbringen, da war die Größe nicht wichtig. Aber tief in sich drin war sie sich sicher, dass sie sich nur bei ihnen einschleimen wollte. Sowas konnte sie nicht leiden. Aber sie hatte gelächelt und sich bedankt, wie sie dies eben immer tat wenn sie gerade kurz davor war die Augen so weit zu verdrehen bis sie nichts mehr sehen konnte.

Erin legte sich die Hand über die Augen und blinzelte ins Licht der hässlichen Deckenlampe. Wie man sowas geschmackvoll finden sollte war ihr wahrlich schleierhaft. Und dann war auch noch das ganze Haus so eingerichtet. Kein bisschen Gemütlichkeit strahlten die weißen Wände aus, alles wirkte kalt und fade. Auch wenn sie sich bewusst war, dass dies Luxus bedeutete und heutzutage quasi der Standard war, sie vermisste doch ihre rustikale, lebendige Einrichtung. Das einzige was in diesem Zimmer noch einen Hauch von Persönlichkeit hatte war die Kommode, deren Schubladen von feinen Malereien geschmückt waren. Auch dies war kein Meisterwerk und definitiv nicht von Hand gemacht, doch mehr konnte sie beim besten Willen nicht finden.

Selbst die Kristalle, die in der Schrankwand standen die das Kopfteil des Bettes umrahmten, sahen irgendwie fehl am Platz aus. Natürlich waren es keine Diamanten. Solche großen Cluster fand man davon nicht in der Natur. Es musste sich um Quarz oder Bergkristall handeln. Aber was auch immer es war, es gehörte nicht hierher. Zumindest nicht so. Kurz spielte sie mit dem Gedanken ein wenig umzuräumen. Ein bisschen mehr persönlichen Touch konnten ihre neuen vier Wände sicherlich vertragen. Sie ärgerte sich nicht mehr Dinge mitgenommen zu haben, aber wer konnte schon wissen, dass sie unbedingt im farblosesten der vier Häuser unterkommen würde? Ohne Frage war dies eine Beleidigung ihres Geschmacks. Sie könnte Magie verwenden, aber ob sie es schaffen würde am Ende des Urlaubs alles wieder so hinzustellen wie vorher bezweifelte sie.

Erin stieß ein geschlagenes Stöhnen aus und setzte sich ruckartig auf. Hier herum zu sitzen und zu meckern brachte ihr reichlich wenig. Genauer gesagt, absolut gar nichts. Eher konnte sie weiter erkunden. Vielleicht war das Badezimmer es ja wenigstens wert begutachtet zu werden.

Sie schwang sich vom Bett und stolzierte durch den Raum, vorbei am Schreibtisch, dem Sofa und der Sitzecke, auf die kleine Tür am Ende des Raumes zu. Entschlossen riss sie sie auf, trat ein und bleib für einen Moment überrascht stehen.

Tatsächlich gefiel es ihr hier um einiges besser. Eine freistehende, ovale Badewanne war der Zentrale Punkt des Badezimmers. Sie stand in einer komplett verglasten Nische, von der aus man einen wunderschönen Blick auf den Wald hatte. Erin sah sich bereits mit einem kühlen Getränk im warmen Wasser sitzen, den Blick über die Bäume schweifend. Vorsichtig ließ sie ihre Finger über den weißen Marmor streifen. Er fühlte sich kühl auf ihrer Haut an und so glatt als hätte jemand Tage damit verbracht ihn zu polieren.

Sie riss sich los von dem Anblick und zwang ihre Gedanken dazu sich auf etwas anderes zu konzentrieren. An der gegenüberliegenden Seite hatten ein paar Kabinette ihren Platz gefunden, in die ein rechteckiges Waschbecken eingelassen war. Die gesamte Wand dahinter war verspiegelt. Das dunkle Grün der Bäume ließ sie auch hier nicht in Frieden, lungerte im Hintergrund herum.

Die Toilette war mit einer Halbwand vom Rest des Bades getrennt. Ihr gegenüber befanden sich die gläsernen Türen, die zur Dusche führten. Sie war erstaunlich geräumig. Es fand sogar ein kleines Wandregal bequem darin Platz, auf dem einige Hygieneartikel standen. Duschgel, Bodylotion, Shampoo und Conditioner, sowie einige andere, unidentifizierbare Tuben. An der Wand vor der Dusche hingen zwei Bademäntel. Erin fühlte den Stoff. Er war weich und flauschig, ganz und gar nicht so kratzig wie der, den sie eingepackt hatte um auf Nummer sicher zu gehen. Schon jetzt spielte sie mit dem Gedanken ihn am Ende des Urlaubs einfach mitgehen zu lassen.

Doch sie verwarf den Gedanken schnell wieder. Wenn sie eins nicht wollte, dann war dies von einer dubiosen Ferienhaus-Firma wegen eines dummen Bademantels verklagt zu werden. Aber die Marke würde sie sich definitiv merken. Sie war erwachsen. Sie hatte sich ein eigenes Haus gekauft. Da konnte sie sich auch einen neuen Bademantel leisten, selbst wenn sich dieser so anfühlte als ob ihr gesamtes Monatsgehalt dafür draufgehen würde.

Erin machte ein paar Schritte zurück, drehte sich um und stützte sich mit den Händen auf dem Waschbecken ab. Für einige Sekunden sah sie sich im Spiegel tief in die Augen, bis sie den Blickkontakt abbrechen musste. Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte sie dem Drang zu widerstehen zuzuschlagen und den Bodes des Raumes mit tausenden von Splittern zu bedecken. Wenn Porzellanscherben Glück brachten, was taten dann Spiegelscherben?

Schnell drehte sie sich um und rannte zurück ins Schlafzimmer. Sie musste sich ablenken. Wo hatte sie nochmal ihren Koffer abgestellt? Richtig! Neben der Tür. Der weiße Hartschalenkoffer mit dem Blumenaufdruck entlockte ihr nun doch ein winziges Lächeln. Eine Künstlerin die sie kannte hatte ihn für sie personalisiert. Alle Blüten waren handgemalt. Lilien, ihre Lieblingsblumen. Der Anblick der hübschen Farben stimmte sie meistens glücklich, auch wenn sie sie viel zu selten sah. Die meiste Zeit verstaubte der Koffer auf dem kleinen Dachboden. Sie hatte viel zu wenig Zeit um zu reisen, viel zu viel zu tun als dass sie mal ein paar Tage wegbleiben konnte. Und wenn sie dann doch einmal Luft zum Atmen hatte, reichte meist ein kleiner Rucksack aus um ihre Habseligkeiten zu verstauen. Vielleicht sollte sie ihn einfach auf die Treppe stellen. Würde er wie ein Kunstwerk aussehen, oder doch wie ein Mahnmal?

Unter einem leisen Ächzen hievte sie das Gepäckstück aufs Bett. Sie hatte zu viele Bücher eingepackt. Wenigstens etwas leichter hätte sie ihn zaubern können, doch ihr Stolz hatte ihr dabei wie immer im Weg gestanden. Sie brauchte keine Magie um ein bisschen Gewicht zu stemmen. Das bekam sie noch gut alleine hin.

Mit zügigen Bewegungen öffnete sie den Reißverschluss und begann ihre Sachen auszuräumen. Wenigstens war in dem leeren Regal genug Platz für ihre Bücher. Das brachte zumindest etwas Farbe in die Trostlosigkeit.

Wenige Minuten später hatte sie alles verstaut. Zufrieden betrachtete sie den alten Plüschwolf, der es sich auf dem Bett zwischen den Kissen bequem gemacht hatte. Man sah ihm die vielen Jahre an, die er schon bei ihr war. Die unzähligen Waschgänge hatten sein Fell aufgeraut und das Leder der Nase abgerieben, aber seine Augen glänzten noch wie am ersten Tag. Fast schon verschmitzt sah er sie an, als wolle er ihr sagen, dass alles nur halb so schlimm war.

Das laute Klopfen an ihrer Tür riss sie unvermittelt aus dem Moment. Kurz überlegte sie die Büste vom Kopfende des Bettes zu nehmen und sie dem Störenfried entgegen zu werfen, besann sich dann jedoch eines besseren und atmete tief durch. Sie zwang sich zu einem Lächeln und öffnete die Tür, für alles gewappnet.

Sie hatte das, was nun vor ihr stand erwartet. Filippa stand mit aufgeregt leuchtenden Augen vor ihr, eine Karte der Umgebung in den Händen, und grinste sie an.

„Hast du Lust mit erkunden zu kommen?“

Hinter Filippa stand Aurelia, die Arme vor der Brust verschränkt und den Blick abgewandt. Sie schien ebenfalls nicht sonderlich große Lust auf einen Ausflug zu haben, hatte sich aber allem Anschein nach zusammengerissen und sich ihrem Schicksal ergeben.

Erin überlegte einen Moment, dann nickte sie schließlich.

„Klar, warum nicht…“

Wenn sie jetzt Zeit mit ihren Mitbewohnerinnen verbrachte, dann ließen sie sie vielleicht danach in Ruhe. Und wenn sie die Gegend erkundeten, war es zumindest leichter persönlichen Fragen aus dem Weg zu gehen. Ja, das war ein guter Plan. Entschlossen schnappte sie sich ihre Jacke und folgte den beiden anderen Mädchen.




Erin hatte sich geirrt. Trotz reichlichen Überlegungen und einer unfehlbaren Logik hatte sie sich geirrt und einen großen Fehler begangen. Jetzt zahlte sie den Preis dafür.

Seit geschlagenen zehn Minuten lief sie nun schon hinter Filippa her, die fast pausenlos redete und hartnäckig versuchte sie in ein Gespräch zu verwickeln. Erin war bereit zu kapitulieren, umzudrehen und sich in ihrem Zimmer einzusperren, nur um nie wieder daraus hervor zu kommen. Sie war selbst von sich angeekelt, als ihr bewusst wurde, dass sie in diesem Moment die charakterlosen Wände des Hauses vermisste und sich dahin zurück sehnte. Wenn nur endlich das Reden aufhören würde.  

Sie musste sich selbst eingestehen, dass die Menge an Konversation, die von ihrer Mitbewohnerin ausgingen durchaus normal war, doch in ihrem derzeitigen Zustand hätte sie wahrscheinlich sogar ihre taubstumme Nachbarin von gegenüber genervt. Die Offenheit des Mädchens war genauso bemerkenswert wie gruselig. Sie redete über ihre Familie als wären sie alle bereits seit Jahren befreundet und stellte so viele Fragen, dass ihr bereits der Kopf brummte.

„Jedenfalls hat meine Nonna mich dann einfach angemeldet, sonst hätte ich hiervon nie im Leben erfahren. Aber ich bin so glücklich darüber, dass sie an mich gedacht hat, das glaubt ihr gar nicht. Es ist wirklich wunderschön! Oder?“

Erin war sich nicht sicher, ob diese Frage rhetorisch gemeint war, antwortete aber vorsichtshalber mit einem halben Lächeln und zwang sich so gut gelaunt wie möglich zu klingen. Sie war selbst erschrocken darüber wie gut ihr dies gelang.

„Ja, das kannst du laut sagen. Allein der Wald ist die Reise wert gewesen.“

„Auf jeden Fall! Und wartet bis wir an den Fluss kommen. Ich hab ja nur Bilder von oben gesehen, aber er soll wirklich wunderschön sein. Ob wir zu dieser Jahreszeit wirklich noch darin schwimmen können? Der muss doch furchtbar kalt sein…“

Sie fröstelte sichtlich und schlang die Arme um ihren Körper. Dann lamntd sie ein Stück voraus, drehte sich zu ihnen um und lief rückwärts weiter, die Arme weit ausgestreckt.

„Ich muss dringend ein paar Bilder machen! Egal ob wir sie benutzen dürfen oder nicht. Meine Nonna muss einfach sehen wie es hier aussieht.“

Sie drehte sich wieder um und lief enthusiastisch weiter. Erin warf einen Seitenblick auf Aurelia, die schweigend neben ihr her lief. Irgendetwas an ihr störte sie massiv. Sie hatte diesen durchdringenden Blick, als würde sie ihr direkt in die Seele schauen. Ihr lief es kalt den Rücken hinunter. Diese Art mochte sie gar nicht. Wenn sie wirklich so aufmerksam war wie es ihre Augen verrieten, dann würde sie früher oder später hinter ihre Fassade kommen und das durfte auf keinen Fall passieren.

Du wirst uns nicht durchschauen! Niemals. Und wenn doch, wird dir nicht gefallen was du finden wirst…

Erin wandte den Blick schnell wieder ab und hoffte, dass er unbemerkt geblieben war. Das Letzte was sie wollte, neben einer Klage wegen Bademantel-Diebstahls, war beim Starren erwischt zu werden. Das würde die Situation nur noch schlimmer machen.

Stattdessen steckte sie die Hände in die Jackentaschen und folgte Miss Crack weiter den Weg entlang. Sie waren nun auf Höhe des anderen Mädchenhauses. Sogar von hier konnte sie sehen, dass die pinken Akzente in der Einrichtung das Haus sehr viel freundlicher machten. Sie sollte ihren Zauberstab nehmen und Haus Diamant in Haus Smaragd oder Haus Rubin verwandeln. War das verboten? Wahrscheinlich…

Sehnsüchtig versuchte sie einen Blick ins Innere zu erhaschen. Ob Alyssa gerade ebenfalls mit ihren Kameradinnen unterwegs war? Ein leichtes Ziehen begann sich in ihrer Brust auszubreiten. Sie hatte sich gut verstanden mit der freundlichen Künstlerin. Mit ihr wäre sie sehr viel lieber in einem Haus gelandet, aber sie musste ja mit Miss Crack und Miss Psycho zusammengesteckt werden. Ob Alyssa sich mit den anderen beiden Mädchen verstand? Was für eine Frage, natürlich tat sie das. Sie war Alyssa, Fröhlichkeit und Offenheit in Person. Wahrscheinlich hatte sie sie schon wieder vergessen.

Bitterkeit stieg in ihr auf. Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen als sie das Gesicht wieder nach vorne wandte, doch sie bezweifelte damit großen Erfolg zu haben.

„Wir sollten heute Abend zusammen essen!“, schlug Filippa begeistert vor.

Erin hatte ihrem letzten Schwall Worte bis zu diesem Punkt nicht zugehört. Sie hatte keine Ahnung wie sie darauf kam und so genau wollte sie es auch nicht wissen.

Was für eine bescheuerte Idee… jetzt will die, dass wir zusammen essen. Wahrscheinlich will sie auch noch dass wir dabei reden und uns über unsere Leben austauschen. Kennenlernen! Ugh…

Erin wollte die Stimme abstellen, doch sie laberte einfach weiter. Super, jetzt fühlte sie sich noch mieser als vorher.

„Kann einer von euch kochen? Oder wünschen wir uns einfach Pizza?“

Erin wechselte einen fragenden Blick mit Aurelia. Diese schüttelte sofort energisch den Kopf.

„Ich hasse Kochen, also bin ich da definitiv raus. Ihr könnt euch von mir aus aber gerne in die Küche stellen.“

Felippa lachte laut und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.

„Also, ich hab ja auch nicht so viel mit Kochen am Hut… wie sieht’s bei dir aus Erin?“

Sie überlegte für einen Moment. Sie konnte kochen, das war klar, auch wenn sie sehr viel lieber backte, aber wenn sie dies jetzt sagte dann würde sie vermutlich den ganzen Urlaub lang den Küchendienst übernehmen müssen. Ihr widerstrebte es sehr sich von dem magischen Service abhängig zu machen, aber genauso wenig wollte sie jeden Tag die Hausfrau spielen und stundenlang in der Küche rumstehen. Also schüttelte sie langsam den Kopf.

„Nudeln in heißes Wasser werfen geht noch, aber ansonsten bin ich nicht sonderlich gut darin. Ich würde passen.“

„Dann ist es beschlossen. Wir probieren die All-you-can-eat-Box aus.“

Filippa schien nicht sonderlich traurig darüber zu sein, dass sie keine kulinarischen Superstars unter ihren Hauskameraden hatte. Wahrscheinlich hatte sie insgeheim gehofft die dumme Box benutzen zu können. Der Name, den der zweite Crackhead der Gruppe dem Gadget gegeben hatte, nervte Erin furchtbar.

All-you-can-eat-Box… wie lächerlich.

„Dann überlegt euch auf dem Weg schon mal was ihr essen wollt. Ich hätte ja große Lust auf Italienisch. Wir könnten nen Pizza Abend machen und uns alle auf die Couch setzten und Filme gucken.“

Erin war überrascht wie wenig sie diese Idee störte. Wenigstens konnten sie während eines Filmabends nicht so viel reden, auch wenn sie sich sicher war, dass Filippa einer von den Menschen war die alles kommentierten was sie sahen. Aber zumindest persönliche Fragen würden so erstmal herausgezögert.

„Die Idee find ich gut. Die Frage ist nur ob der Fernseher überhaupt eine Mediathek hat. Schließlich haben wir kein WLAN…“

Filippa zuckte nur mit den Schultern und lief unbekümmert weiter.

„Das ist ein Problem für unsere zukünftigen Ichs. Mein Gegenwarts-Ich wird sich jetzt erstmal darauf freuen.“

Erin musste dem Drang widerstehen sich die Hände vors Gesicht zu schlagen. Neben ihr hörte sie Aurelia kichern. Hatte sie das gerade wirklich lustig gefunden?

Wahrscheinlich lacht sie gerade über dich und deine Dummheit… natürlich funktioniert der Fernseher! Was soll schließlich ein Fernseher bringen, den man gar nicht benutzen kann. Sie muss dich wirklich furchtbar amüsant finden. Wie weit sie dich wohl schon durchschaut hat?

Erin’s Hände begannen leicht zu zittern. Wut stieg in ihr auf und brodelte gefährlich unter der Oberfläche. Diese Gedanken frustrierten sie. Sie sollten aufhören!

Was fällt ihr eigentlich ein dich so zu verurteilen! Sie hat kein Recht dazu sich in deine Angelegenheiten einzumischen! Wenn sie uns nur einen Schritt näher kommt, wird sie es bereuen…

„Ich kann den Fluss schon hören!“

Filippas begeistertes Quieken ließ Erin zusammenzucken. Wie weit waren sie bereits gelaufen? Verwirrt drehte sie sich um. Sie hatten die Häuser hinter sich gelassen und waren auf einen kleinen Pfad eingebogen, der durch die hohen Kiefern führte. Der Boden federte unter ihren Schuhen und die trockenen Nadeln knirschten bei jedem Schritt. Sie hatte sich wieder einmal viel zu sehr in ihre Gedanken reingesteigert. Die Stimme sollte ihre verdammte Klappe halten, sonst rannte sie noch gegen einen Baum.

Tatsächlich hörte sie nun neben dem Rauschen der Blätter und dem leisen Gezwitscher der Vögel das Brausen des Flusses. Er konnte nicht mehr weit von ihnen entfernt sein. Filippa hielt die Karte mit beiden Händen und zog das Tempo an.

Gleich fangen wir an zu rennen… wir sind hier nicht bei einem Marathon!

Erin ignorierte das unzufriedene Murren der Stimme und folgte Filippa den Weg entlang. Er begann nun kleine Schlangenlinien zu machen, umging dichte Baumgruppen und Gestrüpp. Je näher sie dem Fluss kamen, desto grüner wurde der Wald. Auch der Bodenbewuchs nahm stetig zu, die dornigen Brombeerbüsche wichen Farnen, Gräsern und Moos, sowie Schlingpflanzen, die sich an den Bäumen hochhangelten.

Hier konnte man es aushalten. Die veränderte Landschaft ließ in ihr den Wunsch aufkommen, alles um die Häuser herum zu erkunden, allein und nur mit einem Rucksack ausgerüstet. Ob sie die anderen in Ruhe lassen würden? Wahrscheinlich nicht. Filippa würde sich ihr vermutlich sofort anschließen wollen. Ihr Bewegungsdrang war bemerkenswert. Und Aurelia hätte sicherlich auch ihre Meinung dazu, wenn sie allein losziehen würde.

Am Besten ging sie wohl bei Nacht, oder am frühen Morgen los, oder wartete bis ihre beiden Mitbewohnerinnen selbst gegangen waren. Dann war sie ungestört und konnte ohne verurteilende Blicke ihren Weg antreten. Nur musste sie auch irgendwie dafür sorgen, dass ihre Abwesenheit nicht negativ auffiel.

Ein winziger Gedanke schob sich in den Vordergrund. Vielleicht hatte ja Alyssa Lust sie zu begleiten. Erin hatte das Gefühl, dass sie sie nicht nerven würde und wenn jemand sie begleitete, würde sich auch niemand Sorgen um sie machen. Sie sollte einfach fragen. Ja! Sie würde fragen!

Mit neuem Mut stapfte sie weiter, atmete tief die Waldluft ein und konzentrierte sich wieder auf das Rauschen, das stetig näher kam. Wenn sie über den nächsten Hügel hinweg waren sollten sie den Fluss sehen können. Der Wald wurde nun wieder etwas lichter, ließ mehr der Sonnenstrahlen auf den Weg fallen. Es raschelte im Gras. Ein Eichhörnchen schoss aus einem großen Büschel hervor, huschte über den Weg und verschwand wenige Sekunden später auf der anderen Seite eines Baumes.

Hinter sich hörte sie Aurelia stehenbleiben. Sie drehte sich um und sah sie an. Das Mädchen hatte den Kopf in den Nacken gelegt und beobachtete allem Anschein nach das Tier, welches sich weit nach oben in die Baumkronen zurückgezogen hatte. Erin folgte ihrem Blick. Tatsächlich war das Eichhörnchen einige Meter über ihnen wieder aufgetaucht und saß nun auf einem niedrigen Ast, eine Walnuss in den kleinen Pfoten. Erin stutzte.

Wo hat es die denn herbekommen?

Sie sah sich um, konnte jedoch weit und breit keinen Laubbaum entdecken, geschweige denn einen Walnussbaum. Ob einer der anderen es gefüttert hatte? Vielleicht gab es in der Nähe einen Teil des Waldes in dem andere Bäume wuchsen. Sie wollte nicht weiter darüber nachdenken, denn Filippa war mittlerweile hinter dem kleinen Hügel verschwunden. Wenn sie sie nicht verlieren wollte musste sie sich beeilen. Aurelia konnte gut selbst auf sich aufpassen.

Erin fiel in einen lockeren Trab und folgte dem Weg den die Jüngere soeben gegangen war. Hatte sie noch nicht bemerkt, dass sie beide zurückgeblieben waren? Erin schüttelte entgeistert den Kopf. Wie konnte man sich nur so sehr in eine Karte vertiefen?

Doch als sie den Kamm des Hügels erreichte, konnte sie auch Filippa wieder sehen, die zielstrebig dem Fluss entgegen lief. Erin konnte ihn nun auch durch die Bäume hindurch sehen. Die Wellen spiegelten das Sonnenlicht. Das schäumende Wasser glitzerte und glänzte zwischen den dünnen Stämmen hindurch.

Lange konnte sie sich nicht mit dem Anblick aufhalten, denn Filippa hatte ihr zurückfallen endlich bemerkt und winkte ihr aufgeregt zu.

„Beeilt euch mal, oder wollt ihr da vorne Wurzeln schlagen?“

„Wir kommen ja schon!“

Aurelia lief mit schnellen Schritten an ihr vorbei. Erin musste sich anstrengen mit ihr mitzuhalten. Gemeinsam liefen sie den kleinen Hügel hinunter und schlossen schnell zu Filippa auf, die bereits ungeduldig auf sie wartete.

„Was habt ihr denn da vorne gemacht? Blümchen gepflückt?“, fragte sie mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht.

„Eichhörnchen beobachtet…“, erwiderte Erin beiläufig.

„Awwww, wie süß!“

Erin seufzte. War für sie eigentlich alles ein Grund sich zu freuen?

„Naja, jedenfalls sind wir gleich da. Also los! Ich will endlich meine Füße ins Wasser halten…“

Diesmal rannte sie los. Ihre langen braunen Haare wehten hinter ihr her und Erin brauchte einen Moment um zu realisieren, dass sie ihr würde folgen müssen. Mit einem genervten Stöhnen setzte sie sich in Bewegung und folgte, Aurelia ihr dicht auf den Fersen.

Als sie den Wald verließen und auf den kleinen Strandabschnitt trafen, stand Filippa bereits bis zu den Knöcheln im Wasser und warf kleine Steinchen in den Fluss. Erin musste sich eingestehen, dass es wunderschön war. Auch wenn der Sand eher eine Mischung aus verschieden großen Kieselsteinen war, die bunten Farben machten alles wieder wett. Der Fluss war hier an diesem kleinen Abschnitt etwas ruhiger als weiter oben, wo er Wasserfallartig über eine kleine Steingruppe fiel. Das Wasser bewegte sich schnell, aber es schien seicht genug um sicher darin zu stehen und nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Trotzdem konnte sie sich nicht vorstellen, jemals darin schwimmen zu wollen. Das Flussbett war mit Steinen gefüllt, von denen einige ziemlich scharfkantig aussahen und die Klarheit verriet ihr, dass es unfassbar kalt sein musste.

Filippa drehte sich grinsend zu ihnen um und winkte sie zu sich. Erin sah Aurelia zögern. Das Mädchen war neben ihr wie angewurzelt stehen geblieben und bewegte sich auch jetzt keinen Schritt weiter. Sie war kein Experte in Körpersprache, doch auch sie merkte, dass sie sichtbar angespannt war.

„Ich bleib lieber hier. Sieht furchtbar kalt aus…“, rief sie Filippa über das Rauschen zu.

„Ach komm schon! Ein bisschen Eiswasser hat noch nie jemanden geschadet…“

„Nein danke, ich passe.“

Filippa zuckte mit den Schultern und wandte sich Erin zu.

„Wie sieht es mit dir aus? Auch Angst vor nassen Füßen?“

Was fällt ihr ein das über dich zu behaupten! Sie weiß gar nichts!

„Ähm… nein, ich komme.“

Erin lächelte unsicher, beugte sich dann aber nach unten um ihre Schuhe und Socken loszuwerden.

„Passt du drauf auf?“, fragte sie Aurelia. Diese nickte nur abgehackt und lächelte halb. Erin runzelte die Stirn. Was war nur los mit ihr? Hatte sie einen Geist gesehen?

Sie schüttelte den Kopf, als wolle sie den Gedanken loswerden und lief vorsichtig auf Filippa zu. Die Steine unter ihren Füßen waren glatt, kalt und ein wenig rutschig. Zu ihrem Glück hatten sich keine Algen auf ihnen gebildet, sonst wäre sie wahrscheinlich schon längst hingefallen. Bis zum Wasser waren es nur wenige Meter und schon stand sie neben ihrer Mitbewohnerin. Der Fluss war wirklich eiskalt. Es fühlte sich an als würden tausend Eiskristalle auf einmal auf ihren Knöcheln schießen und versuchen sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Die Kälte kroch ihre Beine hoch und weiter an ihrem Körper entlang, bis sie zu zittern begann.

„Meine Güte ist das Kalt!“, keuchte sie und machte wieder einen Schritt rückwärts, zurück auf den steinigen Uferabschnitt, „Da bringen mich keine zehn Pferde wieder sein.“

Filippa lachte schallend und folgte ihr aus dem Wasser.

„Du hast recht, es ist wirklich verdammt kalt. Aber den Fluss runter soll es noch einen kleinen See geben, der etwas aushaltbarer sein soll. Steht zumindest auf der Karte.“

Erin machte ein paar Schritte auf Filippa zu und warf ihrerseits einen Blick darauf. Tatsächlich war einige hundert Meter weiter einen kleiner See eingezeichnet. Er musste gleich hinter der Flussbiegung liegen. Sie wollte gerade etwas sagen, als sie Stimmen hinter sich hörte.

„Da ist er ja! Wow ist das hier schön!“

Erin wäre am liebsten auf der Stelle im Boden versunken als sie die Stimme erkannte. Das konnte doch nicht wahr sein. Hatte sie ihr Glück zuhause vergessen? War es ihr auf dem Weg hierher aus der Tasche gefallen? Sie atmete tief durch und brüstete sich für die Ankunft des Horrors. Mit einem fröhlichen Lächeln auf den Lippen drehte sie sich um und winkte den Jungen zu, die gerade die kleine Anhöhe hinab gewandert kamen. Angeführt wurden sie vom Teufel persönlich, dem Mr. Crack zur Miss Crack, niemand geringerem als Filippas neuen besten Freund: Liam.

Filippa war sofort hellauf begeistert als sie die drei auf sie zulaufen sah.

„Hiiiii!“, rief sie enthusiastisch und begann wie wild zu winken.

Erin hätte ihr am liebsten die Arme hinter dem Rücken zusammengebunden und ihren Kopf in den Fluss getaucht. Konnte sie ihre Aufregung nicht mal für ein paar Minuten für sich behalten? Ihre Augen huschten hinüber zu Aurelia, die sich die ganze Zeit keinen Schritt bewegt hatte. Ihre Blicke trafen sich. Erin lief es kalt den Rücken hinunter und ihre Fassade begann zu bröckeln.

Was zum Teufel starrt die denn schon wieder so? Sie soll sich gefälligst auf ihren eigenen Kram konzentrieren.

Es gelang ihr nur mit Mühe ihr Lächeln aufrecht zu erhalten und das Zittern ihrer Mundwinkel in den Griff zu kriegen. Wie weit war Aurelia schon in sie vorgedrungen? Wie viele Barrieren hatte sie schon durchbrochen? Sie wusste es selbst nicht. War sie vielleicht sogar bereits durchschaut worden? Das konnte nicht sein! Das durfte nicht sein!

Was fällt ihr eigentlich ein? Sie hat sich nicht einzumischen!

Erin wandte den Blick ab und konzentrierte sich auf die ankommende Gruppe. Liam hatte seine beiden Mitbewohner im Schlepptau, die beide sehr viel glücklicher über den Ausflug aussahen als sie und Aurelia.

„Wir wollten gerade zum See laufen. Der Fluss ist viel zu kalt zum Schwimmen. Kommt ihr mit?“

Liam nickte bereits begeistert bevor er antwortete.

„Klar! Wir wollten uns sowieso die Umgebung ansehen.“

Entscheiden die beiden jetzt für uns alle oder was? Hat jemand mal an den Rest der Gruppe gedacht?

Erin war sich nicht sicher ob sie wirklich noch weiter laufen wollte, vor allem nicht bei der Aussicht auf eine so große Gruppe. Aber vielleicht würde das zumindest Miss Crack beschäftigen und mit etwas Glück würde sie auch irgendwie Aurelia loswerden. Sie konnte ihren wertenden Blick schon wieder auf sich spüren.

„Klingt nach ner guten Idee!“, rief sie mit so viel Begeisterung wie sie aufbringen konnte.

Auch Liam’s Kollegen nickten in Zustimmung. Filippa nahm die Karte wieder zur Hand und deutete am Flussufer entlang.

„Wenn wir dem Fluss folgen sollten wir in ein paar Minuten da sein…“

Einer der Jungen, deren Namen sich Erin nicht gemerkt hatte, warf einen prüfenden Blick auf die Karte und nickte.

„Jep! Das sollte stimmen. Also los Leute! Keine Müdigkeit vortäuschen!“

Die Gruppe setzte sich in Bewegung. Sie folgten einem schmalen Pfad der Flussabwärts führte, direkt am Wasser entlang. Das Rauschen ging ihr mittlerweile ziemlich auf die Nerven, aber zumindest die Gespräche wurden dadurch gedämmt. Filippa hatte sich mit Liam an die Spitze der Truppe gesetzt, während sich die anderen beiden jungen Männer kurz hinter ihnen locker miteinander unterhielten. Nur sie und Aurelia blieben stumm, liefen nebeneinander her als wären sie Unbekannte.

Erin versuchte krampfhaft beschäftigt auszusehen, indem sie in der Gegend herum guckte und Aurelias Blicken auswich. Sie wollte Konversation so gut es ging vermeiden und hatte bisher Erfolg damit. Sie suchte das andere Ufer mit den Augen ab. Es sah haargenau so aus wie ihre Seite. Hohe Kiefern, dichtes Gestrüpp und grüne Pflanzen überall. Das Flussbett war hier weniger gut zu sehen. Große Steine lagen im Wasser und wühlten es auf, sodass man den Grund nicht mehr sehen konnte. In diesen Stromschnellen konnte man sicherlich gut Kajak fahren, wenn man denn vorsichtig genug war. Die Strömung sah tückisch aus, die Abstände zwischen den Steinen waren klein. Es würde eine ganze Menge Übung nötig sein um es hindurch zu schaffen.

Erin ließ den Blick weiter wandern. Vor ihnen wurde der Fluss immer schneller, bis er schließlich abrupt endete. Verdutzt sah sie nach vorne. Er verschwand einfach im Nichts. Ein Wasserfall! Dieser musste in den See führen, den Filippa auf der Karte gefunden hatte. Der Weg führte nun weg von Fluss und einen kleinen Pfad hinunter. Beeindruckt sah Erin dabei zu, wie die Wassermassen ein paar Meter in die Tiefe fielen und schäumend in einem kleinen Teich landeten. Dahinter lief der Fluss sehr viel ruhiger weiter, plätscherte friedlich vor sich hin und verschwand in der Ferne hinter den Bäumen.

Sie stutzte. Wo war der See? Dieser kleine Teich konnte doch nicht der ganze See sein. Doch Filippa und Liam führten sie weiter stetig den Weg entlang. Und dann sah sie es. Ein kleines Rinnsal spaltete sich von dem Tümpel ab und lief in eine andere Richtung als der Rest des Flusses. Leise bahnte sich das Wasser seinen Weg durch einen schmalen Bach und weiter in den Wald hinein. Zwischen den Bäumen konnte sie bereits die schimmernde Oberfläche des kleinen Sees erkennen. Wenige Minuten später standen sie davor.

All ihre schlechte Laune verflüchtigte sich beim Anblick der sich ihr bot. Der See lag in einer kleinen Kuhle. Auf der anderen Seite, wo das Terrain höher gelegen war, fiel eine scharfkantige Felswand zum Wasser hin ab und bildete eine natürlich Barriere. Einige Meter weiter konnte sie eine flache Stelle mit einem kleinen Sandstrand erkennen. Richtiger Sand, den jemand dort aufgeschüttet haben musste. Sie spürte schon jetzt die feinen Körner zwischen ihren Zehen. Das war der richtige Ort zum entspannen. Nur war er leider nicht ihrer allein.  

Beim Anblick des Ufers musste sie ein Stöhnen unterdrücken. Eine dritte Gruppe hatte es sich anscheinend ebenfalls nicht nehmen lassen die Gegend zu erkunden und war vor ihnen am See angekommen. Die drei jungen Männer liefen den Weg zum Strand hinab und unterhielten sich lachend. Als sie sie bemerkten Winkten sie fröhlich. Liam und Filippa winkten zurück.

Erin gab sich geschlagen. Ihre Ruhe konnte sie vorerst vergessen. Jetzt musste sie sich zusammenreißen und sich ins Getümmel stürzen…








Jetzt darf ich endlich offiziell sagen: Willkommen in Kliff-Forest-Park. Auch an alle die nur mitlesen und keinen eigenen Charakter im Rennen haben. :D

Unsere Teilnehmer haben es also endlich geschafft. Sie sind im Ferienparadies gelandet, auch wenn nicht alle zufrieden mit ihren Mitbewohnern sind. Jetzt haben sie sich aber erstmal eine kleine Auszeit verdient. In den nächsten Kapiteln werden sie sich ein wenig erholen und kennenlernen können. Wenigstens ein bisschen Ruhe haben sie sich schließlich verdient. Ein kleines bisschen Ruhe vor dem Sturm. ^^

Ich hoffe euch hat das erste Kapitel innerhalb des Parks gefallen. Für alle die das Musterhaus auf der Website noch nicht entdeckt haben, ist hier der direkte Link dahin. Ich wünsche euch viel Spaß beim Erkunden. :)

Liebe Grüße,
Silver :3
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