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Chefsache

von Sassie
GeschichteHumor, Romance / P18 / Het
Felix Edel OC (Own Character) Sandra Starck
23.09.2021
26.11.2021
60
219.842
7
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Dieses Kapitel
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25.11.2021 3.024
 
Sandra hatte kein einziges Wort gesagt, bis sie im Wagen saßen. Aber als Felix den Motor nicht anließ, sondern auf dem Fahrersitz saß und sie nur ansah, drehte sie ihren Kopf zu ihm und legte sich eine Hand auf den Bauch. „Auch wenn du es noch nie offen ausgesprochen hast; mir ist durchaus bewusst, dass du mich schonen willst. Aber meinst du denn wirklich, dass es mich auch nur in irgendeiner Form kalt lässt, wenn ich zusehe wie mein Ex dir die Fresse halb einschlägt?“
„Die Fresse halb einschlagen?“, erwiderte Felix und lachte kopfschüttelnd auf. „Der hat kaum getroffen, Sandra“
„Darum gehts doch jetzt gar nicht!!!“, fuhr sie auf und schloss dann kurz die Augen, atmete tief durch.
Felix sah sie besorgt an und schluckte.
Sie öffnete die Augen wieder und schnaufte. „Es war unnötig“
„Er hat deinen Bauch angefasst, Sandra. Sei froh, dass ich ihn nicht umgebracht habe.“, antwortete Felix nur und ließ den Wagen an.
Die junge Anwältin schüttelte den Kopf. „Fahr nach Hause. Ich will nicht mehr essen.“
„Gut“, gab der Angesprochene zurück und drückte auf das Gaspedal. Er fuhr mit solchem Tempo vom Gerichtsgelände, dass der Kies Staub hinter ihnen aufwirbelte. Als er auf die Straße hinaus gefahren war, atmete er tief durch. „Ich wollte dich nur beschützen. Euch.“
„Das weiß ich, Felix, darum geht es auch gar nicht“
„Worum dann? Denkst du ernsthaft ich sag nur bitte bitte, wenn er schon zum dritten Mal versucht dich anzupacken?“
„Nein“, antwortete Sandra seufzend. „Aber ich will nicht, dass du dich meinetwegen in Schwierigkeiten bringst“
„Du weißt, dass ich dich liebe und respektiere. Aber für dich und unsere Tochter würde ich auch jemanden umlegen und das kann ich nicht ändern. Das ist einfach so.“, meinte Felix.
Sandra sah zu ihm hinüber, schmunzelte, und schob ihre Hand auf seinen Oberschenkel. Der Anwalt erwiderte ihren Blick und war erleichtert zu sehen, dass sie offenbar doch nicht so stinksauer war, wie es vermuten hatte lassen.
„Gehts dir denn gut?“, fragte er leise und schaute kurz auf ihren Bauch.
„Ja, alles in Ordnung. Und dir?“
„Ich hab nur einen Kratzer auf der Stirn. Das Weichei hat seine Krallen ausgefahren wie ein Mädchen.“, antwortete Felix augenrollend. „Warum bist du eigentlich reingekommen? Ich dachte wir treffen uns am Wagen.“
„Es war zu heiß draußen“, antwortete Sandra. „Aber die wirklich wichtige Frage ist; was hat er da gemacht?“
„Wir haben gegeneinander verhandelt“
„Oh. Und ich nehme an du hast gewonnen?“
„Klar hab ich das“, meinte Felix selbstsicher.
„Na, das erklärt wenigstens Martins miese Laune“, seufzte Sandra. „War das die Vertragssache?“
„Ja“
„Und wieso hast du mir nichts gesagt?“
„Weil ich dich nicht aufregen wollte. Und weil es ja nicht geplant war, dass ihr euch über den Weg lauft! Ich hätte dich jetzt einfach mit zum Essen genommen und dir erzählt, wie ich ihn in die Pfanne gehauen hab und wir hätten darüber lachen können. Aber du willst jetzt ja nicht mehr essen.“
Sandra setzte an zu antworten, schwieg dann aber einen Moment, und zuckte unschuldig die Schultern. „Na ja, zumindest keine herkömmliche Nahrung“
„Wie darf ich das denn verstehen?“, fragte Felix irritiert, ehe er leise seufzte. „Oh Sandra, bitte nein. Bitte nicht schon wieder irgendwas in den Mixer. Was war das letztens? Eiscreme, Erdnussbutter, und Kekse?“
„Oh Gott, ja…“, gab sie in Erinnerungen schwelgend zurück, riss sich dann aber wieder zusammen und räusperte sich. „Aber es handelt sich gerade nicht um Eiscreme, an der ich lutschen will…“
Felix sah sie an und mittlerweile kannte er diesen dunklen Blick. Er grinste und atmete tief durch. „Schatz… ich glaube ich bin nicht bereit, dass diese Schwangerschaft in gut drei Monaten schon endet.“
„Dann genieß es noch“, antwortete sie und ihre Hand auf seinem Oberschenkel wanderte höher. „Und fahr schneller. Ich muss deine Stirn verarzten. Und dann den Rest.“

Sandra blieb vor der Wohnungstür stehen und gähnte. Sie wollte nicht unbedingt, dass Felix mitbekam wie erschöpft sie war, denn er hätte es bestimmt missverstanden. Er war heute am frühen Nachmittag zu einer Verhandlung gefahren und hatte sich den Rest des Tages freigenommen – nachdem er Sandra schon tausendmal gefragt hatte, ob das in Ordnung war. Sie liebte es wieder in der Kanzlei zu arbeiten, mit Kollegen Fälle durchzugehen, Mandantengespräche abzuwickeln, zu verhandeln… aber mittlerweile, und das musste sie sich selbst eingestehen, wurde es zunehmend anstrengender. Sie war in der 26. Schwangerschaftswoche und langsam aber sicher wurde alles etwas beschwerlicher. Sie wurde schnell müde, das Bücken wurde schon richtig anstrengend, und sie fühlte sich generell etwas träge, aber hätte sie das je vor Felix zugegeben, hätte er sie sofort nach Hause geschickt und sie vermutlich mit Maschendraht von der Kanzlei ferngehalten… und ihm dann noch zu erklären, dass das ganz normale Symptome waren, die rein gar nichts mit der Arbeit zu tun hatten, das wäre definitiv unmöglich gewesen. Sandra streckte sich leicht durch und kramte nach ihren Schlüsseln. Sie hatte einen Mordshunger und konnte es kaum erwarten etwas zu essen… irgendwas, Hauptsache das Knurren in ihrem Magen hörte endlich auf.
Doch als sie die Tür öffnete, kam ihr nicht etwa der Geruch von etwas Essbarem entgegen, sondern ganz im Gegenteil; ein fast etwas beißender Gestank, den sie so nicht erwartet hatte, bohrte sich in ihre Nase und Sandra hielt für einen kurzen Moment die Luft an. Dann allerdings registrierte sie, dass ihr dieser Geruch bekannt vorkam und war etwas irritiert. Farbe. Das war eindeutig Wandfarbe.
Sie legte ihre Klamotten ab, stellte ihre Aktentasche ab, und krempelte die Ärmel ihres Pullovers etwas hoch, bevor sie in Richtung Büro ging – denn von da waren deutlich Geräusche wahrzunehmen. Vorsichtig schob sie die Tür auf und schmunzelte. Zwei der vier Wände waren in einem hellen Zartrosa gestrichen, auf eine dritte weiße Wand pinselte er im selben Ton gerade die letzten paar Ausläufer des Buchstaben A. Sandra schwieg und wartete, bis er fertig war, zurücktrat, und sein Kunstwerk begutachtete. In wunderschön geschwungenen Lettern stand nun ‚Ella‘ an der Wand – der Name, den sie für ihre Tochter ausgewählt hatten.
Sandra schob unwillkürlich eine Hand über ihren Bauch, als sie die fertig aufgebaute Wickelkommode und das kleine Gitterbett mit dem weißen Himmel sah. Der Schrank stand halbfertig in der Ecke, die sie dafür ausgewählt hatten. Sandra konnte nicht anders, als zu lächeln.
Felix summte leise, nickte zufrieden über sein Werk, und drehte sich um, um den Farbeimer wieder zuzumachen, zuckte dann kurz zusammen. „Gott, Sandra“
„Sorry“, lachte sie leise und ließ den Blick wieder durch den Raum schweifen.
„Wieso hast du denn nichts gesagt?“, fragte Felix und legte den Pinsel beiseite, ehe er auf seine Frau zuging.
„Das ist wunderschön“, gab sie nur ruhig zurück.
Felix sah sich kurz um und lächelte. „Gefällts dir?“
Die Angesprochene nickte.
„Na ja, den Schrank hab ich noch nicht ganz fertig aufgebaut, der muss ja noch an die Wand und die ist erst morgen trocken, und wenn ich ihn jetzt schon ganz zusammengezimmert hätte, dann…“ Der Satz brach ab, da Sandras Lippen auf seinen landeten. Er schloss die Augen und genoss den zärtlichen Kuss, schlang einen Arm um ihre Taille, und mit der anderen Hand fasste er sanft in ihren Nacken, streichelte mit dem Daumen ihre Wange.
Als sie sich wieder voneinander lösten, lächelte die beiden sich an.
„Ich freu mich schon so sehr auf sie“, flüsterte Felix leise und das Strahlen in seinen Augen war unbezahlbar.
Sandra schmunzelte. „Ich mich auch“
Der Anwalt stellte sich neben seine Frau, legte ihr einen Arm um die Schulter, und zog sie zu sich.
„Sag mal… noch etwas Klischeebelasteteres als zartrosa hättest du nicht gefunden, oder?“, grinste Sandra.
„Ich dachte es gefällt dir?“
„Ja, tut es ja auch, aber… rosa…“
„Schatz, wir bekommen ein Mädchen. Eine kleine Prinzessin.“, lächelte Felix stolz.
„Eher eine Räubertochter“
„Prinzessin“
„Felix!“
„Sandra!“
Die beiden schmunzelten sich an.
„Mir egal, was du sagst“, zuckte Felix die Schultern und nahm seinen Arm wieder runter, damit er endlich den Farbtopf zumachen konnte. „Sie wird meine kleine Prinzessin sein“
Sandra seufzte und blickte auf ihren Bauch hinab. „Hast du das gehört, kleine Maus? Du hast deinen Vater jetzt schon um den Finger gewickelt und er hatte dich noch nicht mal im Arm.“
„Da hat sie ja was mit ihrer Mutter gemeinsam, die hat das damals nämlich auch geschafft“
Sie sahen sich an und grinsten dann um die Wette.

Gisela hing suchend über ihrem Adventskalender und schmunzelte zufrieden, als sie die Zwölf gefunden hatte. Sie zog das kleine Kläppchen auf, drückte die Schokolade heraus, und schob sie sich zufrieden in den Mund. Sie konnte nicht leugnen, dass es ruhiger war, seit sie zwei weitere Sekretärinnen eingestellt hatten und auch wenn es die ersten zwei Wochen ungewohnt gewesen war nicht jede Minute quer durch die Kanzlei zu schießen, Dinge einzusammeln, nebenbei das Telefon abzunehmen, und Felix zwischendurch noch mit Kaffee zu versorgen, so genoss sie es jetzt umso mehr. Sie war nun wirklich fast nur noch für ihre Chefs verantwortlich – so wie es ja auch eigentlich sein sollte – und tatsächlich fand auch sie jetzt oft eine halbe Stunde, in der sie gemütlich etwas auf dem Computer tippen und ein Tässchen Kaffee trinken konnte. Gisela hatte immer geglaubt den Stress zu brauchen, hatte jetzt aber deutlich gemerkt, dass dem nicht so war – sie war es einfach nur gewohnt gewesen. Sie liebte den frischen Wind, den Sandra in die Kanzlei gebracht hatte. Die junge Anwältin war zwar nicht weniger ehrgeizig als ihr Ehemann und auch nicht weniger darauf bedacht, dass gewissenhaft, schnell, und präzise gearbeitet wurde, aber sie war einfühlsamer und herzlicher und das auch noch ohne sich den Respekt der Mitarbeiter zu verspielen und irgendwie hatte Gisela das Gefühl, dass das genau das war, was eine Chefin brauchte. Sie und Felix ergänzten sich perfekt und auch wenn letzterer die ganze Kanzlei fabelhaft aufgebaut hatte, so hatte Gisela doch insgesamt den kleinen Verdacht, dass das alles jetzt komplett war. Jetzt war es so, wie es sein sollte. Eine gute Mischung aus familiärer aber trotz allem höchst professioneller Ebene, auf der sich alle, wie es schien, enorm wohlfühlten. Sie hatte das Gefühl, dass es in letzter Zeit kaum Tage gegeben hatte, wo mal jemand schlecht gelaunt gewesen war und dass alle mit frischem Elan und Motivation ans Werk gingen. Das merkte man auch an den Zahlen; die Kanzlei Edel & Partner hatte noch nie an Mandantenmangel gelitten, denn ihr Ruf war unumstritten, aber vor drei Wochen war es das erste Mal passiert, dass sie einem Mandanten hatten absagen müssen, weil restlos alle Anwälte völlig zu waren mit Terminen… und das war in der Regel das Zeichen, dass man es absolut geschafft hatte.
Gisela konnte nicht sagen, ob es daran lag, dass Sandra nun auch Chefin war, oder daran, dass sie Felix in so vielerlei Hinsicht einfach ein wenig verändert hatte. Er verhielt sich den Angestellten gegenüber nicht merklich anders, und trotzdem hatte die Chefsekretärin das Gefühl, dass er ausgeglichener und sanfter geworden war und dass sein Herz einfach ein Stückchen weicher schien. Was sie am meisten verblüfft hatte war, dass für Felix auch gleich klar gewesen war, dass er sich die meiste Elternzeit nehmen würde. Er hatte zwar so getan als bräuchte Sandra noch jegliche Erfahrung, die sie kriegen konnte, aber insgeheim wusste Gisela, dass es ihm einfach darum ging so viel Zeit wie möglich mit seinem Baby zu verbringen. Sie hatte sich immer gefragt, wie es wohl werden würde, wenn Felix eigene Kinder bekam; mit Jonathan war er immer liebevoll gewesen, ein perfekter Vorzeigeonkel, aber trotz allem hatte in seinem eigenen Leben die Kanzlei die größte Rolle gespielt und er hätte sie um nichts in der Welt „vernachlässigt“. Aber Sandra hatte seine Prioritäten offenbar um hundertachtzig Grad gedreht und Gisela mochte es, was sie aus Felix machte.
Das Telefon klingelte und die Chefsekretärin nahm noch einen Schluck Kaffee, ehe sie abhob. „Kanzlei Edel & Partner, Roth am Apparat, was ka…“
„Gisela?“
Die Angesprochene zog stutzig die Augenbrauen hinab. „Sandra, alles okay?“
„Kannst du mir sagen wo… aua… hmm… wo mein Mann ist?“, murmelte die junge Anwältin und wirkte äußerst angespannt.
„Bei Gericht, der hat gerade Verhandlung“, antwortete Gisela. „Was ist denn los?“
„Er nimmt nicht auf dem Handy ab und im Gericht häng ich in der Warteschleife…“, kam es leise zurück, ehe ein unterdrücktes Stöhnen zu hören war. Dann atmete Sandra kurz tief durch und sprach ruhig weiter. „Ich wurde gerade in die Charité eingeliefert. Meine Fruchtblase ist geplatzt.“
Gisela spuckte fast den Kaffee aus und warf einen nervösen Blick auf die Uhr an der Wand. Die Verhandlung hatte grade begonnen, da ging er bestimmt nicht mehr an sein Handy, auch wenn man tausendmal durchklingelte.
„Bei Gericht hat keiner abgehoben, sagst du?“, fragte die Sekretärin noch einmal nach und erhob sich mit dem Telefonhörer in der Hand.
„Nein…“
„Gut. Überlass mir das. Halt nur noch kurz durch, meine Süße. Ich beschaff dir deinen Mann.“ Gisela warf den Hörer auf die Gabel und stürmte aus dem Büro.
Sie riss ihren Mantel vom Garderobenhaken, und rief ein kurzes ‚ich muss eben weg‘ über ihre Schulter, bevor sie aus der Kanzlei düste und man sie schon die Treppe hinablaufen hörte, als die Tür noch nicht mal ganz ins Schloss gefallen war.

Felix verdrehte die Augen und sah seine Kollegin genervt an. Er konnte diese schnöselige Kuh grundsätzlich nicht ausstehen und dass sie hier auch noch herum stakste und so tat, als wäre sie klar im Vorteil, ging dem Anwalt zusätzlich gegen den Strich.
„Frau Kollegin“, unterbrach er sie gelangweilt. „Wir können auch übers Wetter reden, das trägt genauso viel zu der Sache bei wie Ihr Ger…“
„Herr Doktor Edel“, ermahnte Richter Hartmann den Anwalt.
Felix hob nur abwehrend die Hand und lehnte sich wieder zurück.
„Wenn der Herr Doktor mich auch mal aussprechen lassen würde…“, fuhr Rechtsanwältin Schnüll mit vor Sarkasmus triefender Stimme fort.
Der Anwalt zog unbeeindruckt eine Augenbraue hoch und lächelte seinem Mandant beruhigend zu. Er tippte mit seinem Stift auf der Akte herum und atmete tief durch. Irgendwie war er nicht ganz bei der Sache, wahrscheinlich aber auch, weil dieser Fall so banal war, dass er nicht kapierte, warum er seine Zeit hier verschwendete. Felix’ Wichtigkeiten hatten sich in den letzten Monaten deutlich verschoben. Er hatte gemerkt wie wertvoll und wichtig ihm die Zeit zu Hause mit seiner Frau war und wie sehr er sich nach Familie sehnte. Er liebte es, dass er abends für sie kochen konnte, sie bei guter Musik gemeinsam am Tisch saßen und über ihren Tag redeten – etwas, das in seinen früheren Beziehungen nie vorgekommen war, weil ihm insgeheim immer gegraut hatte vor dieser Vorstellung des „spießigen kleinbürgerlichen Familienalltags“. Aber mit Sandra war es schön, natürlich, und normal. Sie war die erste Frau, die ihm nicht das Gefühl gab, dass die einfachen Dinge zu wenig waren. Mit seinen Ex-Freundinnen war er von einer Kunstausstellung zur nächsten gejagt, hatte Weltreisen gemacht, Shoppingtrips, und sonst noch jeglichen anderen Zirkus veranstaltet und jetzt im Nachhinein wurde ihm bewusst warum; nicht etwa, weil er so kultiviert war, dass er das Gefühl gehabt hatte keine Kulturveranstaltung auslassen zu können, aber weil er immer nach etwas gesucht hatte. Nach irgendwas, das ihm das Gefühl gab, dass dieses Beziehungen ein Kick waren. Dass sie echt waren. Er hatte immer irgendwo sein müssen mit diesen Frauen, denn der traurige Fakt war; wenn sie alleine bei ihm zu Hause gewesen waren, hatten sie meistens ohnehin nicht gewusst, was sie sich sagen sollten. Mit Sandra war das anders, es gab kaum eine Minute wo ihm kein Gesprächsthema eingefallen wäre, er liebte es stundenlang mit ihr zu diskutieren und zu quatschen, liebte es, sie im Arm zu halten und mit ihr über Raumforschung oder Fußballergebnisse zu reden. Zugegeben, bei letzterem war er besser informiert als sie, aber es gab nichts, über das er geschwiegen hätte in ihrer Gegenwart. Er lächelte kurz verträumt und atmete tief durch. Ja, alles war perfekt.
Er ahnte nicht, dass in diesem Moment seine Sekretärin draußen vor der Saaltür bremste, und den Sicherheitsmann schwer atmend ansah. „Ich müsste hier bitte rein“
„Nicht während eines laufenden Verfahrens“, brummte dieser.
Gisela schnaufte. „Es ist dringend“
Sie versuchte sich an ihm vorbeizuschieben, aber er schob sie an der Schulter zurück. „Sie können die Verhandlung jetzt nicht stören, werte Dame“
Die Chefsekretärin hatte weder Lust noch Zeit auf solche Spielchen und funkelte ihn wütend an. „Jetzt hör mal zu, du Fatzke, wenn du mich nicht augenblicklich durchlässt, dann fang ich an hier wie am Spieß zu schreien, und dann wird die Verhandlung noch viel lauter unterbrochen, als wenn du mich da jetzt einfach ruhig reingehen lässt, klar?“
„Drohen Sie mir etwa?“
„Komm, verzieh dich“ Sie schob ihn unwirsch zur Seite und er war so perplex, dass er es übersah, dass Gisela die Tür aufriss und in den Saal trippelte.
Felix hob den Kopf und riss die Augen auf, als er seine Chefsekretärin sah und der Kommentar, ob sie eigentlich völlig den Verstand verloren hatte hier einfach reinzuplatzen saß ihm im ersten Reflex auf der Zunge, aber er kam gar nicht dazu ihn loszulassen, denn Gisela lief auf ihn zu und beugte sich zu ihm.
„Entschuldigen Sie, wer sind Sie bitte?“, fragte Richter Hartmann ärgerlich und warf einen Blick zum Sicherheitspersonal.
„Felix, Sandra liegt in den Wehen. Charité.“, zischte Gisela nur.
Er sprang so abrupt auf, dass der Stuhl umfiel, klopfte noch einmal auf die Hosentasche, um sich zu vergewissern, dass seine Autoschlüssel da drin waren, und lief dann ohne ein Wort in solcher Windeseile aus dem Gerichtssaal, dass ihm fast die Füße durchgingen auf dem frisch gebohnerten Boden.
Der Richter blickte ihm kurz mit offenem Mund hinterher und warf dann die Arme in die Luft. „Was ist das denn für ein Kasperletheater hier heute? Würde mich BITTE mal jemand aufklären?“
„Herr Doktor Edel hat einen äußerst wichtige Zwischenfall“, meinte Gisela entschuldigend.
„Und wer sind Sie?“
„Seine Sekretärin“
„Gut, dann richten Sie ihm aus, dass er für die Kosten aufkommen muss. Ich muss jetzt die ganze Verhandlung verschieben und alles neu ansetzen.“, regte der Richter sich auf.
Gisela seufzte nur. „Ja ja. Es gibt Wichtigeres.“
Mit diesen Worten drehte sie sich um und eilte wieder aus dem Saal und der Angesprochene starrte auch ihr hinterher und schnaufte nur leise. „In dieser Kanzlei sind ja wohl alle verrückt…“
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