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Chefsache

von Sassie
GeschichteHumor, Romance / P18 / Het
Felix Edel OC (Own Character) Sandra Starck
23.09.2021
21.10.2021
25
96.036
4
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14.10.2021 4.411
 
Die Weihnachtsfeiertage waren wie immer zu schnell vergangen, aber Felix hatte es wirklich geschafft abzuschalten. Er hatte die meiste Zeit bei seiner Schwester und seinem Neffen verbracht und die paar Tage, die Sophies Mann Sebastian da gewesen war, waren auch enorm spaßig gewesen, denn er und Felix interessierten sich für dieselben Konsolenspiele und dieselbe Musik und Sophie war jedes Mal augenrollend abgedampft, wenn die beiden Herren der Schöpfung wieder das Wohnzimmer belagert hatten. Das Jonathan dann auch noch bei Papa und ‚Onkel Felits‘ hatte bleiben wollen, weil ihm die Musik offenbar auch gefiel, hatte Sophie meist nur ein theatralisches Stöhnen entlockt, ehe sie sich verzogen hatte.
Felix hatte wieder gemerkt wie wichtig ihm seine Familie war und unterschwellig auch, wie sehr er sich selbst eine wünschte… oder zumindest immer gewünscht hatte. Im Moment wusste er kaum, was er wollte, aber auch das war okay. Er hatte die Zeit genossen und jetzt hieß es wieder arbeiten. Und morgen nach Brüssel fliegen.
Am späten Nachmittag entschied Felix sich mal einen Blick in die Küche zu werfen, denn erstens wollte er sich dringend die Beine vertreten, und zweitens wusste er, dass Frau Doktor Weber eine begnadete Bäckerin war und bis jetzt jedes Mal nach dem Weihnachtsurlaub eine leckere Torte mitgebracht hatte – immer für jeden ein Stück, mit Namensverzierung und allem Pipapo.
Im Empfangsraum war es ruhig und Felix wanderte den Flur entlang und betrat die Küche. Frau Berger drehte sich um und lächelte. „Oh, Herr Doktor Edel, guten Tag. Ich hatte mich schon gewundert, dass Sie noch keine Torte gegessen haben.“
Der Angesprochene grinste und zupfte einen Teller aus dem Hängeschrank, bevor er nach dem Tortenheber griff und stutzte. Da lag noch ein Stück außer seinem und natürlich waren  mit Zuckerguss wie immer in fein säuberlicher Schrift die Namen zu lesen.
Felix wandte sich wieder an seine Mitarbeiterin. „Frau Berger, mag Frau Starck keine Torte?“
Julia sah ihn an und zuckte dann lächelnd die Schultern. „Ich denke sie hat sie noch gar nicht gesehen. Sie war nur heute Mittag mal ganz kurz in der Küche, um sich Kaffee zu holen, aber sie arbeitet wohl ziemlich hart im Moment. Hatte auch erwähnt, dass sie nicht viel vom Urlaub gehabt hätte, aber dass sie das nicht stören würde, weil sie gerne hier arbeitet.“
„Ach…“, meinte Felix und schluckte, ehe er sich schnell wieder zur Theke drehte.
„Ja. Schon witzig, wenn man bedenkt, dass sie sich nur wegen Herrn Fischer mit hier beworben hat und jetzt ist sie noch hier und Herr Fischer… na ja.“ Julia grinste breit und räusperte sich dann. „Ich muss auch wieder zurück an die Arbeit. Lassen Sie sich die Torte schmecken!“
„Danke, Frau Berger!“ Felix hörte, wie die Tür zuging und atmete tief durch. Sie hatte also auch den ganzen Weihnachtsurlaub über geschuftet, über die Feiertage. Er konnte sich nur zu gut vorstellen, wie sie bis Spätabends an ihrem Schreibtisch gesessen und sich den Kopf zerbrochen hatte – vermutlich genau wie er die Wochen zuvor. Nur, dass er schon wesentlich mehr Erfahrung mit solchen Dingen hatte und sofort gewusst hatte, dass der Fall eigentlich aussichtslos war.
Felix schnappte seinen Teller und stob aus der Küche, eilte in sein Büro hinauf und ließ sich auf den Stuhl sinken, bevor er die Karteikarten auf seinem Tisch zu sich zog. Ab morgen war er weg, dann konnte er nichts mehr ausrichten. Er konnte sie nicht rauswerfen, er konnte sie beruflich nicht ruinieren, nur weil er sich nicht unter Kontrolle hatte. Und was hatte er am Ende von seinem vermeintlich genialen Plan? Er würde Sandra trotz allem nicht ins Bett kriegen, würde eine geniale Anwältin verlieren, sie würde das größte Fiasko ihrer gesamten Karriere erleben, und Felix’ Kanzlei würde auch noch dastehen wie der größte Haufen an Dilettanten. Nein, so funktionierte das alles nicht.
Er tippte die Nummer des Mandanten des Wolff-Falles in sein Telefon und wartete geduldig, bis er abnahm. Felix erklärte ihm, dass er sich das alles nun über Wochen angesehen hatte, es aber einfach nicht gut aussah und er maximal einen Vergleich ansteuern konnte. Auf eine Verhandlung bräuchten sie es aber gar nicht ankommen lassen, sie würden durch die Finger schauen. Der Mandant war verständnisvoll und bedankte sich aufrichtig bei Felix für die Ehrlichkeit und den Versuch die Höhe der Zahlung so gering wie möglich zu halten, und sie verblieben dabei.
Als Felix wieder aufgelegt hatte, kaute er noch für einen Moment auf seiner Unterlippe und schüttelte dann den Kopf. Gut, dieser eine One Night Stand mochte etwas holprig verlaufen sein, aber nur weil er so unerwartet passiert war. Wenn er Hormonstau wegen Sandra hatte, dann musste er diese Hormone schlicht und ergreifend an anderen willigen Frauen abbauen, selbst, wenn das nie seine Art gewesen war. Aber wenn es die einzige und schonendste Lösung war, dann nahm er sie in Kauf.
Erneut nahm er den Hörer ab, drückte die Durchwahltaste, und lauschte kurz. „Frau Roth? Ich bräuchte Sie bitte für einen Augenblick.“
Er schob die Torte beiseite und wartete. Eine Minute später vernahm er das Geräusch von Giselas Schuhen auf der Treppe. Die Sekretärin betrat das Büro und sah ihn fragend an.
„Schließ die Tür, bitte“, meinte Felix leise.
Gisela zog eine Augenbraue hoch und tat wie ihr geheißen, ehe sie auf den Schreibtisch ihres Chefs zuging.
„Gisela, du musst mir jetzt ganz genau zuhören, ja? Ich bin ab morgen in Brüssel für anderthalb Wochen.“
„Ja, ich weiß“
„Gut“ Felix atmete tief durch und sah sie durchdringend an. „Frau Starck wird dir in den nächsten Tagen eine Klageschrift ins Büro bringen. Die nimmst du bitte und packst sie in ein großes Kuvert.“
„Felix, ich mache meinen Job schon lang genug“, grinste Gisela.
„Hör mir zu“, schnaufte er. „Dieses Kuvert bringst du hier hoch. Du öffnest die oberste Schublade meines Schreibtisches mit dem Ersatzschlüssel dafür, und nimmst den Umschlag, der darin liegt, raus. Da drin ist ein Vergleich für den Fall Wolff. Den schickst du bitte bis spätestens 12. Januar ab. Spätestens, hörst du? Sonst verstreicht die Frist. Und Frau Starcks Klageschrift kommt in die Schublade.“
Gisela sah ihn an und zog die Augenbrauen hinab. „Felix… du meinst ich soll Frau Starcks Arbeit gegen deine austauschen…? Findest du nicht, dass das…“
„Frau Roth, das war keine Frage, das war eine Anweisung. Bekommen Sie das hin oder muss ich jemand anderen bitten?“, meinte Felix mit festem Blick.
Gisela schnaufte und presste die Lippen zusammen, ehe sie den Kopf schüttelte. „Nein, Herr Doktor Edel. Verstanden.“
„Und kein Wort zu Frau Starck oder sonst jemandem, das dürfte aber selbstverständlich sein.“, fügte Felix hinzu.
„Natürlich, Herr Doktor“ Gisela drehte sich auf dem Absatz um und verließ das Büro wieder.
Felix sprach äußerst ungern in diesem Ton und auf diese Art und Weise mit ihr, weil sie grundsätzlich immer respektvoll war und seine Entscheidungen guthieß, oder zumindest respektierte, aber er hatte diese Zweifel in ihrer Stimme gehört und das Letzte, was er jetzt brauchte, war eine Moralpredigt darüber, dass dieser Plan von Vorneherein der letzte Müll gewesen war, das wusste er nämlich selbst. Schadensbegrenzung. Mehr konnte er jetzt nicht mehr machen. Bezüglich des Falles und bezüglich Sandra.

Drei Tage später warf Rainer einen Blick auf seinen Arbeitslaptop, als eine E-Mail herein flatterte. Das passierte in letzter Zeit häufiger, da Felix’ Nachrichten auch zu ihm umgeleitet wurden, denn der Chef hatte wahnsinnig viel zu tun in Brüssel und keine Zeit für Schriftverkehr. Rainer war das als Seniorpartner aber gewöhnt und wusste auf neunundneunzig Prozent der Fragen eine Antwort. Die anderen musste er wohl oder übel vertrösten.
Er warf einen Blick auf den Absender und atmete tief durch. Der Wolff-Fall. Er hatte Felix davon abgeraten ihn anzunehmen, denn andere große Kanzleien hatten sich bereits die Zähne daran ausgebissen und noch dazu war der Brüssel-Aufenthalt nicht hilfreich. Das waren anderthalb Wochen Arbeitszeit, die ihm für diesen Fall fehlten, und hier war wirklich jede Minute von größter Wichtigkeit.
Er seufzte und öffnete die E-Mail, überflog den kurzen Text und zog die Augenbrauen hinab.
‚Sehr geehrter Herr Doktor Edel,
würden Sie mir bitte noch die E-Mail-Adresse von Frau Starck übermitteln?
Ich hätte da noch ein Anliegen an Sie bezüglich ihres Anrufs.
Mit freundlichen Grüßen,
F. Wolff’
Rainer las die E-Mail wieder und wieder und versuchte in seinem Kopf zusammenzukriegen was Felix ihm bezüglich dieses Falls alles erzählt hatte. Hatte er Frau Starck auch nur mit einem Wort erwähnt? Nein. Definitiv nicht. Aber dass sie sich da einfach so eingemischt hätte, glaubte er auch nicht. Und alle anderen Kollegen wussten ja nicht mal was von dem Fall, wieso also genau das Kanzleiküken?
Rainer rückte geräuschvoll mit seinem Stuhl zurück und begab sich auf den Flur. Er brauchte Antworten und das schleunigst, denn wenn hier irgendwas hinter ihren Rücken vorging, dann musste er Konsequenzen treffen – egal ob Felix hier war oder nicht.
Er klopfte an Sandras Tür und es dauerte eine Weile, bis er ein leises ‚Ja‘ vernahm. Er öffnete die Tür und trat ein. „Guten Tag, Frau Starck“
„Herr Doktor Schwarz“, lächelte sie überrascht. „Kann ich Ihnen helfen?“
„Sie mir nicht, aber… ich Ihnen vielleicht?“, gab er freundlich zurück und ging auf den Schreibtisch zu.
Die junge Anwältin sah ihn irritiert an. „Bitte?“
Jetzt musste Rainer sich weit aus dem Fenster lehnen. „Sie bearbeiten doch gerade den Wolff-Fall“
Er sah, dass Sandra etwas nervös auf die Unterlagen vor sich starrte, und dann leicht nickte. „Ja…“
„Kann man Ihnen dabei irgendwie behilflich sein?“ Rainer merkte, wie sich in seinem Inneren alles anspannte.
„Oh“ Sandra schmunzelte und schüttelte den Kopf. „Nein, vielen Dank, ich denke ich bin soweit durch. Und Herr Doktor Edel hat mir den Fall bewusst gegeben. Ich denke, wenn er das Vertrauen in mich hat, dass ich das hinkriege, dann wird da schon ein Gedanke dahinter stecken.“
Rainer nickte. „Natürlich“
Mehr kriegte er nicht mehr raus, denn ihm schlug das Herz fast bis zum Hals. Er drehte sich um und verließ den Raum, bevor er in sein Büro zurück stob. Wieso arbeitete sie an diesem Fall? Wieso ausgerechnet sie? Gut, er hatte sich die Unterlagen angesehen und relativ schnell den Kopf eingezogen, auch wenn er Seniorpartner war, aber warum die Starck? Sie hatten Fachanwälte für Wirtschaftsrecht in dieser Kanzlei sitzen, die zumindest mehrere Jahre Berufserfahrung hatten. Und was hatte Sandra? Ja, ein schönes Paar brauner Augen, mit denen sie Felix offenbar regelmäßig bezirzte aber definitiv nicht das nötige Knowhow, um diesen Fall zu irgendeiner Form von positivem Ausgang zu leiten.
Rainer nahm sein Telefon ab und tippte Felix’ Handynummer viel zu fest in die Tasten, ehe er sich den Hörer ans Ohr presste.
Da der Anwalt wusste, dass sein Seniorpartner ihn nur in äußersten Notfällen bei Auslandsterminen anrief, dauerte es nicht lange, bis er abnahm. „Rainer“
„Felix. Ich denke du hast mir was zu erklären.“, donnerte Rainer und schnaufte. „Ich bin dein Partner, oder?“
„Worauf willst du hinaus, Rainer, ich hab hier nicht ewig Zeit? Wo brennt die Hütte?“ Felix klang nervös.
„Ich hab dir gesagt wir sollten den Wolff-Fall ganz lassen. Klar, der Fall ist an Lukrative kaum zu überbieten, aber nur, wenn man da halbwegs glimpflich rauskommt und das haben schon unzählige größere Kanzleien vor uns versucht und sind mit Bomben und Granaten untergegangen. Und bei uns? Bei uns sitzt das Küken am Schreibtisch und blättert fröhlich in ihrer Neuauflage des StGB, ehe sie mir erklärt, dass DU ihr den Fall zugeteilt hättest. Sag mal, willst du uns ruinieren? Was hat die Starck mit alledem zu schaffen?“, polterte Rainer ins Telefon.
Er hörte Felix schnaufen. „Hör zu, das ist alles schon geklärt…“
„Geklärt? Hier ist überhaupt nichts geklärt. Du vereinbarst irgendwelche halsbrecherischen Dinger hinter meinem Rücken! Am liebsten würde ich den Wolff jetzt anrufen und das Mandat niederlegen!“, war Rainers aufgebrachte Antwort.
„Stopp“, kam es deutlich zurück. „Du tust gar nichts. Du lässt Frau Starck in Ruhe. Es ist mein Fall und er unterliegt meiner Zuständigkeit. Ich würde nichts tun, was meiner Kanzlei schadet, das weißt du. Es ist alles geregelt und du mischst dich da jetzt nicht ein. Du – tust – nichts. Verstanden?“
Rainer kannte diesen Unterton und obwohl er als Seniorpartner einiges zu sagen hatte, wusste er, dass er nach solchen Ansagen die Füße stillzuhalten hatte, auch wenn es ihn fast umbrachte.
Er stimmte zu und die beiden Anwälte legten auf. Rainer starrte auf den Laptop und schüttelte den Kopf. Er brauchte jetzt erst mal Kaffee. Nein… was er eigentlich gebraucht hätte, wäre Schnaps gewesen. Aber es gab hier nur Kaffee.

Sandra hatte Magenschmerzen. Seit dem Moment, an dem sie die Klageschrift an Gisela überreicht hatte, und es hatte sich nicht gebessert. Vom Gericht war noch immer keine Rückmeldung gekommen, morgen kam Herr Doktor Edel zurück, und vermutlich musste sie ihm gestehen, dass sie es versaut hatte. In ihrer Vorstellung war es zu schön gewesen mit ihm Seite an Seite vor Gericht zu kämpfen – denn sie war sich sicher gewesen, dass er sie nicht alleine gelassen hätte, und das nicht, weil er es ihr nicht zugetraut hätte, aber weil sie ein Team waren und gemeinsam bestimmt einschüchternd gewirkt hätten auf diesen großen Gegner. Ja, sie hatte sich in ihrer Klageschrift weit aus dem Fenster gelehnt, aber wenn man nicht kämpfte, dann hatte man erst recht schon verloren. So hatte sie das zumindest letzte Woche noch gesehen. Nun wurde sie mit jedem Tag nervöser, checkte alle halbe Stunde ihren E-Mail Posteingang und hatte Gisela heute schon dreimal gefragt, ob Post gekommen war.
Wenn sie diesen Fall versaut hatte, dann konnte sie ihre Sachen packen und das wusste sie. Er hatte ihr vertraut, so sehr, dass er ihr dieses große Ding gegeben hatte und wenn sie jetzt versagte, dann war das ihr Ende in dieser Kanzlei. Und vielleicht das ihrer gesamten Karriere. Sandra begann sich langsam darüber bewusst zu werden, dass sie sich vielleicht übernommen hatte und vielleicht hätte sie ihm einfach sagen sollen, dass sie der Sache so noch nicht gewachsen war. Schon gar nicht alleine. Abgesehen davon, dass dieser Fall sie körperlich beansprucht hatte – denn viel Schlaf hatte sie nicht abbekommen die letzten Wochen – hatte sie sich auf gefühlt wie in einem Kokon. Sie hatte mit niemandem darüber reden können und der einzige, der davon wusste, war in Brüssel und hatte keine Zeit. Sie hatte tatsächlich überlegt Doktor Schwarz noch einmal um Rat zu fragen, aber was hätte das für ein Bild vor ihrem Chef gemacht? Zuerst großkotzig annehmen und dann winselnd zum Seniorpartner rennen und die Händchen zusammen patschen, damit er ihr half? Wohl kaum.
Es gab hier nur zwei Möglichkeiten; entweder sie würde auch vor Gericht noch einmal brillieren müssen, oder es kam innerhalb der nächsten Tage ihr Todesstoß per Post. Und beides davon machte sie nervös. Sie war froh, wenn Felix morgen wieder hier war. Vielleicht sollte sie doch nochmal mit ihm reden, auch wenn es jetzt bereits zu spät war.

Felix hatte Gisela am Morgen nur mit einem ‚Alles in Ordnung?‘ begrüßt, und sie hatte die Frage verstanden und genickt. Der Anwalt hatte erleichtert gelächelt und sich dann erst mal in sein Büro begeben, um unbeantwortete E-Mails und die Post durchzugehen, Mandaten zurückzurufen, und wichtigere kleine Dinge aufzuarbeiten. Wenn er so lange weg war, dauerte es meist zwei bis drei Tage, bis alles wieder in Ordnung war oder er zumindest einen Überblick hatte.
Er hatte während seines Aufenthalts noch einmal mit Rainer telefoniert und sie hatten nicht mehr über den Wolff-Fall gesprochen, aber Felix wusste, dass er sauer war. Damit konnte er allerdings leben und diese Stimmung würde sich legen, wenn der Anruf vom Anwalt der Gegenseite kam. Felix war in der Hinsicht relativ entspannt und sah nun auch der Situation mit Sandra wieder etwas positiver entgegen. Auch, wenn er kein Typ für One Night Stands war, waren sie doch ein relativ kleiner Preis um Sandra als Anwältin behalten und den guten Ruf seiner Kanzlei und seiner Professionalität aufrecht erhalten zu können. Und vielleicht traf er ja auch auf die Frau – die Frau, die ihn umhaute und ihn emotional völlig abholte. Man konnte ja nie wissen. Er hatte sich in den letzten Jahren auch einfach zu wenig umgesehen, weil sein Kopf immer in den Arbeitswolken geschwebt hatte.
Er ahnte nicht, dass einen Stock tiefer ein nervliches Wrack in seinem Büro saß, und im Laufe des Tages fast eine ganze Tafel Schokolade verputzt hatte. Sie hatte mittlerweile das Gefühl, als machte sich der Anwalt der Gegenseite oder das ganze Gericht nur noch lustig über sie und ihre Klageschrift, denn für gewöhnlich dauerte es doch nie so lang, bis Rückmeldung kam. Sie wollte einen Prozess. Schlicht und einfach, da musste nichts mehr besprochen oder geklärt werden – sie würde die Gegner vor Gericht schleifen. Was dauerte da so lange? Vorladung, Termin, aus.
Sandra hatte schon mit dem Gedanken gespielt Gisela zu fragen, ob sie die Klageschrift auch wirklich versandt hatte, wollte sich deren Zorn aber nicht auch noch auf sich ziehen. Sandra war absolut ratlos und Julia hatte ihr in der Mittagspause nahegelegt, dass sie gar nicht versuchen brauchte mit Felix über irgendwas zu reden, wenn er von einem Außentermin dieser Größenordnung zurückkam. Er war dann meistens tagelang damit beschäftigt Dinge aufzuarbeiten und schätzte es nicht, wenn man ihn dabei störte. Natürlich hatte Sandra Julia nicht sagen können, dass es sich hier um eine äußerst wichtige „Störung“ handelte. Mittlerweile hatte sie Bammel. Sie hatte Schiss, dass es vielleicht sogar noch schlimmer kam als erwartet. Dass sie einen Fehler gemacht hatte. Natürlich hatte sie die Klageschrift gefühlte fünfhundertmal kontrolliert, durchgelesen, ausgebessert. Aber was, wenn sie was übersehen hatte? Einen Denkfehler gemacht hatte nach den unzähligen halb schlaflosen Nächten? Es gab tausend Möglichkeiten dieses Ding einfach in den Sand gesetzt zu haben und sie ärgerte sich, denn wenn es so war, dann hatte sie Felix’ berufliches Vertrauen einfach zur Gänze verspielt. Er würde ihr nie wieder etwas geben, außer kleine Verkehrssünder und Gütertrennung.
Sandra stützte ihren Kopf in ihre Hände und strich über ihr Gesicht. Sie war so unfassbar müde. Sie brauchte Schlaf und ruhigere Nerven. Der Kaffee auf ihrem Schreibtisch war kalt, trotzdem nahm sie einen Schluck.
Sie arbeitete halbherzig an ein paar Akten, setzte ein paar E-Mails auf, und werkelte weiter vor sich hin, bis sie irgendwann mitbekam, wie die ersten Kollegen aufbrachen. Zeit für Feierabend. Und wieder keine Rückmeldung. Sandra erhob sich und schnappte einige Unterlagen, die noch verschickt werden mussten, bevor sie müde ins Sekretariat wanderte. Gisela war nicht da, dafür Frau Müller, die jüngste und vermutlich freundlichste der Sekretärinnen.
„Oh, Frau Starck“, lächelte sie. „Haben Sie noch was für mich?“
„Ja, aber eilt nicht. Kann auch morgen raus. Sie haben dann ja auch Feierabend.“, antwortete Sandra schmunzelnd.
Frau Müller kräuselte leicht die Nase und blickte auf ihren Bildschirm zurück. „Oh, übrigens. Ein Kollege im Fall Wolff hat vor zehn Minuten angerufen.“
Sandra war auf der Stelle hellwach. Sie schluckte. „Und?“
„Ich soll ausrichten, dass sie den Vergleich erhalten hätten und einverstanden sind. Die Details würden dann in den nächsten Tagen schriftlich per Post kommen.“, lächelte Frau Müller.
„Vergleich…?“, wiederholte Sandra irritiert.
„Ja. Der Vergleich.“, bestätigte die Sekretärin. „Alles in Ordnung, Frau Starck?“
„Ja ja…“, gab sie nachdenklich zurück.
„Brauchen Sie noch was?“
„Nein, nein“
„Gut. Dann mach ich Feierabend.“
„Ja. Genießen Sie ihn.“ Sandra drehte sich grübelnd um, und wanderte zurück in ihr Büro, ließ sich auf ihren Stuhl fallen und überlegte.
Ein Vergleich. Sie hatte in keinem einzigen Wort einen Vergleich erwähnt. Es war eine Klageschrift gewesen, definitiv, auch wenn sie jetzt das Gefühl hatte, dass sie damit wahrscheinlich nicht weit gekommen wäre. Ein Vergleich. Das war womöglich doch die klügere Option. Hatte sie darüber eigentlich länger als zwei Minuten nachgedacht?
Sandra schob sich noch ein Stück Schokolade in den Mund und kaute nachdenklich darauf herum. Dann blinzelte sie leicht. Konnte es womöglich sein, dass Felix sie gerettet hatte? Sie hatte ihm eine kurze SMS auf das Arbeitstelefon geschickt mit der Information, dass die Klageschrift fertig war, hatte aber nie eine Antwort erhalten und angenommen, dass er sie nicht gelesen hatte. Was, wenn er doch noch einmal selbst über dem Fall gebrütet und sich dann dazu entschieden hatte, dass ein Vergleich die wohl schonendste Variante war?
Sandra merkte, dass ihr ein riesengroßer Stein vom Herzen gefallen war. Ja, vermutlich hätte sie vor Gericht gestanden und hätte nicht gewusst, wie sie gegen so einen Gegner ankommen sollte. Sie hatte blind gehandelt in ihrem ersten Stolz darüber, dass ihr dieser Fall anvertraut worden war. Jetzt im Nachhinein musste sie sich eingestehen, dass er alleine nicht zu stemmen gewesen wäre.
Sandra wartete noch eine halbe Stunde, bis sie sicher war, dass alle weg waren, dann erhob sie sich wieder von ihrem Stuhl und trat auf den Flur hinaus. Sie stieg die Treppe hoch und hörte an dem Geräusch des Druckers, dass Felix noch da sein musste.
Die Tür stand offen, trotzdem klopfte sie und lächelte, als er den Kopf aus dem Konferenzraum steckte. „Frau Starck, Sie sind noch da?“
„Das wundert Sie jetzt aber nicht wirklich, oder?“, gab sie zurück und machte zwei Schritte hinein. „Willkommen zurück“
„Danke“, antwortete der Anwalt und verschwand noch einmal kurz, bevor er mit einem Stapel Unterlagen wieder aus dem Raum kam, sich vor seinen Schreibtisch stellte und irgendwelche Papiere sortierte.
„Frau Müller hat mir mitgeteilt, dass der Vergleich angenommen wurde“, meinte Sandra und ging noch ein paar wenige Schritte weiter.
Felix hob den Blick kurz ein Stückchen, und nickte dann. „Gut“
„Ja, sehr gut. Nur hab ich gar keinen Vergleich eingereicht, sondern eine Klage.“, antwortete sie.
Der Anwalt schwieg und sortierte weiter, bis er ihre Schuhe im Augenwinkel wahrnahm und sich aufrichtete. Er rechnete damit, dass sie sauer sein würde, aber ihn empfing nur ein süßes Lächeln, als er sie ansah und er war über alle Maßen irritiert.
„Sie haben mich gerettet“, meinte Sandra nickend.
„Ich? Wie kommen Sie darauf, dass ich…“, setzte er an.
„Außer Ihnen, Doktor Schwarz, und mir wusste niemand von dem Fall und Doktor Schwarz war es mit Sicherheit nicht“, antwortete sie augenblicklich.
Felix schwieg, nickte dann kurz und konzentrierte sich wieder auf seinen Schreibtisch.
„Danke“, meinte sie leise.
„Frau Starck“ Sein schlechtes Gewissen meldete sich und erneut blickte er auf. „Es war ein wahnsinnig heikler Fall, ich hätte Sie damit nicht alleine lassen sollen. Und ich habe nicht Sie per se gerettet, sondern das Ansehen dieser Kanzlei.“
„Ich weiß. Und trotzdem auch mich.“, gab sie zurück und kam ihm wieder näher.
Er atmete tief durch und schüttelte leicht den Kopf. Wenn sie doch nur geahnt hätte, dass sie ohne ihn gar nicht erst in dieser Misere gesteckt hätte.
„Ich hab mir Nächte um die Ohren geschlagen und einfach nicht gemerkt, dass ich damit noch ein wenig überfordert war. Verzeihen Sie mir diese Ehrlichkeit. Ich weiß, Sie hatten große Hoffnung in mich gesteckt.“, sprach sie weiter.
Felix atmete tief durch. „Ich hätte Sie damit nicht alleinlassen sollen. Andere Kanzleien haben sich daran schon die Zähne ausgebissen.“
„Sie haben mich doch letzten Endes nicht alleine gelassen“, meinte sie. „Danke“
„Das sagten Sie bereits“
„Macht nichts“ Sie sah ihn an und spürte sie, diese Anziehung. Diese Schmetterlinge im Bauch. Als er seinen Blick noch einmal kurz hob, fuhr sie sich durch ihr Haar und merkte, dass seine Aufmerksamkeit an ihr hängenblieb.
Er betrachtete sie und schmunzelte kurz. „Haben Sie Schokolade gegessen?“
„Wieso?“
„Sie haben da was“ Völlig unbedarft hob er seine Hand und wischte mit dem Daumen knapp unter ihrer Unterlippe ein wenig von der Leckerei weg, ehe er merkte was er tat und in seiner Bewegung erstarrte.
Sie lächelte ihn an und er wusste, er hätte den Körperkontakt beenden müssen, aber er konnte nicht. Seine Hand schob sich in ihren Nacken, seine Fingerspitzen in die Ansätze ihres Haars. Er sah sie an und merkte, dass sie ihm gefehlt hatte. Während seiner ganzen Zeit in Brüssel hatte es ihm gefehlt sie anzusehen.
„Um Ihre Frage zu beantworten“, flüsterte sie, während sie ihm tief in die Augen sah. „Ja, ich habe Schokolade gegessen. Und Sie sind schuld daran.“
„Weil ich Sie mit dem Fall betraut habe?“, gab er genauso leise zurück, während sein Daumen über ihr Ohrläppchen strich und er seinen Kopf näher an ihren schob.
„Nein. Sie haben mir die Schokolade doch geschenkt.“, antwortete sie etwas perplex.
Er lächelte. „Stimmt. Und Sie haben mir noch nicht mal welche angeboten.“
„Macht nichts“, gab sie zurück und es war so leise, dass er sie kaum noch verstehen konnte. „Ich schmecke bestimmt noch danach“
Er verstand die Aufforderung, zog sie enger zu sich mit der Hand im Nacken, schloss die Augen. Als seine Unterlippe zart ihre Oberlippe berührte, merkte er, dass er hier gerade dabei war sich wieder zu verlieren, sich erneut einen wahnsinnigen Übertritt zu erlauben. Er löste seine Lippen wieder von ihren und lehnte seine Stirn gegen ihre, atmete mit geschlossenen Augen tief durch und entfernte sich dann einige Zentimeter von ihr, um ihr in die Augen sehen zu können – dieses tiefe Braun, in dem er sich so gern verlor.
Seine Stimme war leise, als sein Daumen noch einmal über ihre Wange streichelte und er schluckte. „Sandra. Es geht nicht.“
Er zog seine Hand aus den Ansätzen ihres Haares und machte zwei Schritte zurück, sah ihr wieder in die Augen und erkannte die Traurigkeit und den Schmerz darüber gerade abgewiesen worden zu sein.
„Ich kann das nicht“, setzte er ruhig aber bestimmt hinterher, auch wenn es ihn fast umbrachte, da sie offenbar beide dasselbe Verlangen spürten, aber es einfach nicht sein durfte.
Sandra blinzelte leicht, als er sich wieder zu seinem Schreibtisch umdrehte und machte dann einen Schritt zurück.
Gut. Er hatte es deutlich ausgesprochen. Damit war es für sie klar. Er konnte es offenbar wirklich nicht. Sie hatte diesen Blick gesehen, diese stille Entschuldigung dafür, dass er nicht aus seiner Haut konnte, dafür, dass er trotz allem vorrangig noch Chef dieser Kanzlei war und sich so einen Übertritt einfach nicht erlauben konnte und sie verstand es. Sie kapierte, dass sie nicht groß genug dafür war, dass er hier in Verruf geriet, dass er hier all seine jahrelangen Prinzipien so mir nichts dir nichts über Bord warf. Es schmerzte und es zupfte und zog an ihrem Herzen, und trotzdem konnte sie es nachvollziehen.
„Es tut mir leid, Sie… Sie haben bestimmt noch zu tun“, meinte sie leise und drehte sich zum Gehen. „Schönen Abend noch, Herr Doktor Edel“
Er hörte, wie ihre Schritte sich entfernten und presste die Augen zusammen. Und Sandra stieg die Treppe hinab in der tragischen Gewissheit, dass sie sich Hals über Kopf in einen Mann verliebt hatte, den sie nie würde haben können.
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