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Lebendige Noten

KurzgeschichteFantasy / P6 / Gen
21.09.2021
21.09.2021
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Für alle Kinder, die Instrumente spielen und nicht gerne üben (und macht euch keinen Kopf, ich gehörte da auch dazu)

„Ich mag aber jetzt nicht üben!“, schimpfte Samira und stampfte mit dem Fuß. Auch wenn Samira eigentlich schon zu alt dafür war, wie ein bockiges Kleinkind mit dem Fuß zu stampfen, in diesem Moment war es ihr egal. Samira spielte gerne Klavier – wenn da nur das Üben nicht wäre, an das ihre Mutter sie gerade erinnert hatte. Am liebsten wäre es ihr, wenn ihr ihre Stücke, ohne groß darüber nachzudenken, aus den Händen fließen würden, aber das war ohne Üben Wunschdenken.

Vor allem die neue Sonatine nervte – jede Hand einzeln ging ja, aber sobald sie mit beiden Händen spielen sollte, funktionierte es nicht und es dauerte ewig, bis ihre Hände zueinanderfanden. Und es wurde und wurde nicht besser und es machte keinen Spaß zu üben. Vor allem, wenn das ihre Mutter mitbekam und sie zum Üben aufforderte.

Frau Majer, ihre Klavierlehrerin, war bislang immer verständig gewesen, seufzte nur und spielte trotzdem mit ihr die Stücke durch. Sie ließ sie Tonleitern spielen, etwas, was Samira trotz allem immer konnte. C-Dur, G-Dur, D-Dur, A-Dur, E-Dur, H-Dur, Fis-Dur, F-Dur, B-Dur, Es-Dur, As-Dur, Des-Dur, Ges-Dur (auch wenn das wiederum Fis-Dur war). Sie nahm manchmal ein Heft mit vierhändigen einfachen Stücken zur Hand und spielte mit ihr die einfachen Stücke – nur damit Samira nicht die Lust am Klavierspielen verlernte.

Samira spielte weiter – aber übte nach wie vor wenig – sie hatte Spaß am Klavierspielen, aber einfach keine Lust zum Üben. So übte sie – die Klavierstunde war am Dienstag – nie am Mittwoch, sondern fing gewöhnlich frühestens samstags damit an, übte dann noch etwas länger am Sonntag, hauptsächlich übte sie am Montag und Dienstag nach der Schule vor der Klavierstunde.  

Schließlich platzte ihrer Mutter der Kragen und sie sagte zu Samira: „Wenn du weiterhin nicht übst, bezahle ich deine Klavierstunden nicht mehr – die kosten schließlich auch Geld!“. Samira war traurig – eigentlich wollte sie schon Klavier spielen, wenn eben nur das Üben nicht wäre.

So weinte sie abends in ihre Kissen – sie hoffte, dass ihre Mutter es sich noch anders überlegen würde und sie weiterhin Klavier spielen ließ, ansonsten würde ihr wirklich etwas fehlen.

Plötzlich hörte Samira ein Rascheln – es kam aus der Richtung ihrer Klaviertasche – machte sich da jemand an ihren Noten zu schaffen? Samira stand auf und lief in Richtung der Klaviertasche – tatsächlich, da kam das Rascheln her. Samira klappte die Tasche auf und tatsächlich, im Innenraum der Tasche war etwas – sie schaltete das Licht an, um sich das genauer anzusehen zu können. Vermutlich war es eine Maus, die sich in ihre Tasche verirrt hatte und nun nach einem Unterschlupf suchte, den es in Samiras Sachen wohl kaum geben konnte.

Aber es war keine Maus! Es war eine kleine Frau mit Flügeln, wenn man Samira fragen würde, hielt sie das für eine Fee – sollte es die nicht nur in Büchern oder Märchen geben?

Sie schaute noch einmal genau hin und zwickte sich in den Arm, nur um zu schauen, dass sie nicht träumte. Und tatsächlich da stand tatsächlich eine Fee, glitzernd und mit Flügeln in Samiras Klaviertasche.

„Hallo“, flüsterte Samira – sie wollte nicht, dass ihre Eltern aufwachten und sie mit der Fee sahen. Die Fee sah von den Noten auf, die sie gerade herausgezogen hatte und grüßte zurück: „Hallo Samira! Tut mir leid, dass ich jetzt so total zerstreut bin, aber ich hatte gedacht, dass ich noch etwas länger Zeit habe, bis du aufwachst. Ich bin Clarissa, die Musikfee und ich habe dich weinen gehört – du willst weiter Klavier spielen, auch wenn du nicht gerne übst? Dann werde ich dir helfen“

Samira wollte ihren Ohren nicht trauen, das dort war die Musikfee, die ihr jetzt tatsächlich dabei helfen wollte, dass ihr Klavierspiel besser wurde? Aber wie wollte sie das tun, schließlich hatte sie nichts dabei, womit sie Samira unterrichten konnte.

Als Samira das Clarissa fragte, lachte diese nur: „Wie gesagt, wir kommen da schon noch dazu – ich brauche eben noch ein bisschen, bis ich alles aufgebaut habe!“, währenddessen war die kleine Fee im Zimmer umhergeschwirrt und hatte sämtliche Noten mit ihren Händen berührt, sie glitzerten, als hätte Clarissa sie mit einen Pulver – es musste Feenstaub sein – bestäubt.

Aber schließlich hatte Clarissa alle Noten mit dem Feenstaub bestäubt und meinte nur noch: „Fertig! Komm mit, wir üben jetzt - schließlich ist deine Klavierstunde nächten Dienstag!“ Samira starrte auf die Tür, sie wollten doch nicht jetzt etwa ins Wohnzimmer, wo das Klavier stand, gehen und ihre Eltern wecken.

Aber Clarissa hatte offensichtlich andere Pläne, denn sie flog vor Samira her und führte sie zum Fenster. „Spring!“, rief sie. „Aber ich werde doch fallen, wir sind hier im vierten Stock!“ „Du wirst schon nicht fallen – komm vertrau mir, ich fange dich auf! Du wirst wie fliegen wie ich!“. Samira seufzte, was hatte sie schon zu verlieren, so ließ sie sich fallen. Und tatsächlich sie schwebte – ohne Flügel wie Clarissa sie hatte.

Nun flog Clarissa vor ihr her – durch Samiras Heimatstadt, vorbei an dem dunklen Park,  wo die Bäche im Mondlicht glänzten. Vorbei an den Hochhäusern, vorbei an der Stadtbücherei, vorbei an der Klinik und schließlich auch vorbei am Industriegebiet – das man von oben gut an den Lichtern erkennen konnte. Über Felder und Wiesen, bis Clarissa stoppte. Sie standen nun vor einem alten Gebäude – vermutlich ein alter Konzertsaal, der selten genutzt wurde, der Samira aber bekannt vorkam.

Sie erinnerte sich vage daran, dort vor Jahren schon einmal gewesen zu sein: Im Rahmen eines Konzerts der Musikschüler, als sie noch kein halbes Jahr Klavier gespielt hatte. Es war ihr erstes und einziges Konzert gewesen – danach hatte Frau Majer eingesehen, dass sie nicht auftreten wollte.

Mit einem Wink von Clarissas Hand öffnete sich die Tür und so gingen sie gemeinsam in den Konzertsaal. Und da stand er der Flügel, auf dem Samira damals ihr erstes Konzert gegeben hatte. Samira näherte sich ihm ehrfürchtig, aber Clarissa hatte schon die Abdeckung zurückgeschlagen und den Deckel geöffnet. Dann legte sie die Noten auf den Notenständer und wies Samira an, auf dem Klavierhocker Platz zu nehmen.

„Los, fang an! Ich würde mal sagen, wir starten mit der Sonatine, die du nicht magst – dann können wir uns bis zum Schluss vorantasten“, begann Clarissa. Samira verzog das Gesicht – genau damit wollte sie eigentlich nicht anfangen, denn die Sonatine konnte sie immer noch nicht anständig spielen.

„Muss das sein?“, fragte sie daher. Aber Clarissa lachte nur: „Samira, irgendwie soll das ja klappen, glaub mir, du wirst meine Methode mögen!“ Also setzte sich Samira ans Klavier und kaum hatte sie die Finger auf die Tasten gelegt, sah sie, dass die Noten zu tanzen begannen. Sie tanzten auf die Tasten und tanzten Samira die Bewegungen vor.

Samira musste ihnen nur folgen und so machte ihr das Spielen, zunächst langsam, dann immer schneller deutlich mehr Spaß – sie konnte zwar Noten lesen, aber vor allem im Bassschlüssel musste sie länger überlegen, welche Taste der Note entsprach.

So funktionierte das Spielen der Sonatine deutlich besser als früher und schon bald erklärte Clarissa die Übung für beendet und holte das nächste Stück heraus – auch hier tanzten die Noten den Weg vor. Samira hatte sogar Spaß dabei und spielte fröhlich das Menuett – genauso wie es gehörte.

Schließlich hatte sie das letzte Stück erreicht, eine Bearbeitung des Liebestraums für wenig erfahrenene Spieler. Auch hier tanzten die Noten den Weg vor, aber hier mussten sie es kaum mehr tun, Samira kannte das Stück schon gut genug. So spielten sie eine ganze Weile, bis schließlich Clarissa meinte: „Das reicht für heute, Samira – du kannst das jetzt schon ganz gut!“

So machten sie sich wieder auf den Rückweg und Samira legte sich wieder in ihr Bett. Am nächsten Morgen wusste Samira nicht wirklich, ob sie das nur geträumt hatte – aber als sie sich aus Neugier ans Klavier setzte, merkte sie, dass sie deutlich besser geworden war.

In der nächsten Nacht erwartete sie wieder Clarissa, die Musikfee. Samira und sie übten mit den tanzenden Noten weiter bis zum Dienstag – Samiras Klavierstunde.  Frau Majer war fasziniert und meinte: „Hast du etwa Pillen genommen, die dich fleißig machen und gut üben lassen?“ Samira lachte nur: „Nein, ich habe eben geübt!“

Ab jetzt wurde Samiras Klavierspiel immer besser – Clarissa nahm sie jeden Abend mit in den Konzertsaal und die tanzenden Noten zeigten ihr jeden Abend, wie die Stücke zu spielen waren. Samira schaute erst ständig, dann immer weniger auf die tanzenden Noten und konnte die Stücke bald schon ohne Probleme spielen – die tanzenden Noten durften bald Pause machen und sich wieder auf die Notenzeilen setzen.

Samira spielte und spielte im leeren Konzertsaal – Clarissa hatte sich mittlerweile ins Publikum gesetzt und hörte einfach nur noch zu – nachdem Samira die Sonatine, das Menuett und den Liebestraum beendet hatte – klatschte sie.

„Samira, du brauchst mich jetzt nicht mehr – du kannst mich natürlich jederzeit rufen, wenn du mich brauchen solltest – aber du kommst gut klar“, meinte Clarissa dann.

Samira musste ihr zustimmen – denn auch wenn sie die tanzenden Noten fantastisch fand, wusste sie doch, dass sie auch selbst ein bisschen lernen musste, wie sie sonst am besten zurechtkam – auch ohne tanzende Noten, die ihr den Weg durchs Stück zeigten.

Clarissa und Samira flogen zurück in Samiras Zimmer und Samira schlief friedlich ein. Am nächsten Morgen übte sie sogleich die Stücke – sie waren perfekt geworden, so wie es auch bei Clarissa gewesen war.

Als sie die in der Klavierstunde bei Frau Majer vorspielte, fehlte dieser erst einmal die Worte: „Fantastisch, Samira! Ich habe da auch ein neues Stück für dich!“ Als Frau Majer die Noten holte und zu spielen begann, wusste Samira, was es war – das Stück, das sie schon immer einmal spielen wollte – der erste Satz der Mondscheinsonate von Ludwig van Beethoven.

Nachdem Frau Majer geendet hatte und fragte: „Ist das Stück in Ordnung für dich, Samira?“, konnte Samira nicht anders und sie antwortete strahlend: „Ja, Frau Majer, das Stück wollte ich schon immer einmal spielen, das ist perfekt!“ Als Samira die Finger auf die Tasten legte, um die rechte Hand auszuprobieren – erinnerte sie sich an Clarissa, die Musikfee und musste lächeln.

Später, nach einer Weile Geübe und einer schmerzenden linken Hand – die ganzen Oktaven waren wohl eher für Menschen gedacht, die größere Hände hatten – rief Samira zum ersten Mal nach Clarissa.

„Clarissa, ich möchte mich bedanken, darf ich wieder in den Konzertsaal?“. So flogen sie gemeinsam in den Konzertsaal, Samira setzte ihre Klaviertasche ab, klappte den Deckel des Flügels hoch und begann zu spielen. Die Melodie klang durch den Saal - eine melancholische, aber zugleich wunderschöne Melodie, wie Mondschein in einer dunklen Nacht. Die Oktaven links als Begleitung links, die Melodie rechts und die Noten tanzten zur Melodie im Mondlicht. Als der Schlussakkord erklang, klatschte Clarissa laut und rief dann: „Genau das wollte ich immer erreichen.  Du liebst es, es ist nicht etwas, was du nur tust, weil es deinen Eltern gefällt.  Daher werde ich dich immer hierher bringen, wenn du das möchtest und dich etwas spielen lassen.“

Samira freute sich sehr darüber und würde von dem Angebot in den nächsten Jahren immer wieder gerne Gebrauch machen. Sie lernte noch viele Stücke bei Frau Majer, aber keins lag ihr so am Herzen wie der erste Satz der Mondscheinsonate.  Sie spielte ihn immer nach dem Üben und jede Vollmondnacht rief sie Clarissa und sie spielte es im leeren Konzertsaal im Mondlicht.

Vielleicht kommst du ja in einer Vollmondnacht einmal in die Stadt und hörst Clarissa spielen. Denn alle, die ihr Spiel gehört haben, sind sich zumindest in einem Punkt einig: Es ist wunderschön.
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