Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Begegnungen

GeschichteAbenteuer, Drama / P16 / Het
OC (Own Character) Thomas Wächter
21.09.2021
21.10.2021
21
86.490
1
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
14.10.2021 4.191
 
Die beiden Notärzte tauschten ohne weitere Worte die Blicke untereinander aus. Lucia sah gar nicht gut aus und wahrscheinlich hatte sie sich auch übergeben müssen. „Kannst du denn fliegen?“ wollte Ralf wissen. „Klar, gebt mir ein paar Minuten. Dann läuft der Lambo wieder.“ „Sag Bescheid, wenn du was brauchst,“ sagte Karin unbeobachtete sie beim raus gehen. Die Italienerin hatte sich ein wenig an die frische Luft gesetzt und betrachtete ihren Ring, in Gedanken war sie noch ganz bei gestern Abend und Nacht. Sie musste fast schon schmunzeln, wenn sie daran dachte, wie Karin die beiden erwischt hatte. Beide waren so miteinander beschäftigt, dass sie sie kaum wahrgenommen hatten. Die Sonne schien ihr direkt ins Gesicht und sie musste ein wenig die Augen zusammenkneifen, aber die Strahlen waren so schön warm. Sie zog die Beine ein bisschen an sich und trank ihren Kaffee. Langsam verging auch die blöde Übelkeit und ihr Magen beruhigte sich wieder. Die anderen wollten bestimmt losfahren zur Basis, Karin war lieber immer etwas früher dort. Sie schrieb zwar immer noch am gleichen Tag die Berichte und hatte eigentlich nie so richtig viel zutun, aber so war sie eben. Sie hielt sich noch ein wenig den Bauch und überprüfte ob es ihr wirklich schon wieder gut ging. Wahrscheinlich hatte sie nur was Falsches gegessen und sollte heute ein wenig langsamer machen.

Ralf lächelte sie an, als sie zu ihnen kam. Etwas Farbe war in ihr Gesicht zurückgekehrt, sie sah nicht mehr ganz so schlimm aus, dennoch vielleicht ein bisschen blass. Er wusste das sie noch nicht 100% auf den Beinen war, dafür war er schon viel zulange im Job, dass ihm so etwas entgehen würde. „Alles gut?“ Sie lächelte. „Motor läuft wieder langsam an.“ Sie schnappte sich eine Banane und einen Apfel und stopfte die in ihre Tasche. Was Gesundes würde ihr bestimmt guttun. „Na dann können wir ja los,“ meine Karin und tauschte wieder besorgte Blicke mit Ralf aus. Lucia hatte ihre Sonnenbrille aufgesetzt und die kurze Fahrt bis zur Basis keinen weiteren Ton von sich gegeben. Ihr Blick war starr auf die Straße gerichtet, sie fühlte sich nicht besonders gut, gab aber die Schuld dem Rotwein. Naja immerhin sollte sie sich eigentlich freuen, sie hatte sich gestern verlobt. Gleich würde sie das alles abstreifen müssen, sich zusammenreißen und einfach ihren Job machen, dass wofür sie bezahlt wurde und sich einfach nicht anmerken lassen, dass es ihr nicht so besonders gut ging.
Ralf und Karin checkten ihre Tasche, während sich Lucia in der Umkleide umzog. Ihr wurde schon wieder furchtbar flau im Magen und sie machte ein wenig langsamer. Bevor sie wieder rauskam, wusch sie sich nochmal das Gesicht und machte sich ein wenig frisch. Im Spiegel sah sie wirklich aschfahl aus, wenn das überhaupt bei der bräune ihrer Haut möglich war. „Oh Mädchen, du siehst scheiße aus,“ sagte Jens als er in die Umkleide kam. „Danke dir auch einen schönen Tag,“ brummte sie. „Hey ich dachte wenn man frisch verlobt ist, würde man irgendwie auf Wolken schweben und so.“ Ihrem Gesichtsausdruck zufolge, erkannte sie das er nur Witze machte. „Es war auch wunderschön.“ „Aber?“ „Naja heute ist mir bloß nicht wirklich gut. War wohl zu viel Rotwein.“ Jens grinste. „Na dann will ich mal nicht den Zukünftigen Bräutigam sehen.“ Lucia hob eine Augenbraue und verschränkte die Arme und musste grinsen. „Naja dem gings auch nicht so besonders heute Morgen. Allerdings muss ich brav arbeiten gehen.“ Jens lachte. „Mach das Beste draus. Ich werde jetzt nachhause fahren und erstmal die Füße hochlegen, heute Morgen war viel los.“ „Dann wünsche ich dir einen schönen Feierabend,“ sagte sie und schnappte sich ihre Lederjacke.
„Hey, wenn es dir nicht gut geht, wir müssen am Sonntag nicht in die Berge,“ sagte Ralf, als sie in den Aufenthaltsraum kam. Die Italienerin lächelte. „Mir geht’s schon besser. Ich will das unbedingt ausprobieren,“ spielte sie seine Besorgnis weg. Karin beobachtete sie trotzdem noch eine ganze Weile. „Ok, dann ist das ja geklärt,“ gab er von sich und lächelte. Gegen Abend fühlte sich die Pilotin tatsächlich wieder besser, sie hatte etwas gegessen und viel getrunken. Wenn sie auch bei den ersten Einsätzen ganz schön die Zähne zusammenbeißen musste.

Die Rettungsleitstelle gab eine übergreifende Meldung heraus, das Licht blinkte rot. Über die Lautsprecher im Aufenthaltsraum kam eine Warnung rein. „Leitstelle an alle Medizinischen Einrichtungen und Rettungsstützpunkte. Bitte liebe Kollegen seit wachsam. Entflohener Sexualstraftäter und Psychopath mit sadistischer Neigung, Milan Cornitov, ist aus einer Einrichtung für Psychotherapie entflohen. Er ist gefährlich und alle Rettungskräfte sind in Gefahr, wir haben jedem Stützpunkt einen Steckbrief per Email geschickt. Ich wiederhole, seid wachsam und informiert sofort die Polizei, wenn der Mann gesichtet werden sollte! Es ist möglich, ich wiederhole, es ist möglich, dass er Richtung Österreich unterwegs ist. Die Kollegen sind verstärkt an der Grenze unterwegs und kontrollieren. Rettungsleitstelle Ende.“
Die Kollegen sahen sich besorgt an. Ralf ging sofort zum Computer und druckte die näheren Informationen aus. Lucia googelte nach dem Mann und hielt sich die Hand vor dem Mund. „Oh mein Gott, dass war dieser Typ der einen Rettungswagen überfallen hatte und den Notarzt schwer verletzte.“ Da stand noch viel mehr, dass er den Sanitäter an das Fahrzeug kettete und diesen zu Tode damit schliff. Die Richterin konnte anhand der schweren psychischen Störung und den Drang andere zu verletzten keinen normalen Vollzug anordnen, so wurde er in eine Hochsicherheitseinrichtung gebracht und verbrachte dort bereits 3 Jahre. Ihm gelang es zwischen der Therapiesitzung und dem Einschluss irgendwie aus der Einrichtung zu fliehen. Dort stand das er einen Wärter lebensgefährlich verletzte und einen Polizisten schwer verletzte als er auf ihn traf. Der Polizist habe ausgesagt, dass er seinen Anblick nie vergessen werde und ihm direkt in die Augen sehen konnte. Allein dieses Psychologische Gutachten war einfach schon zu lesen wie eine Horrorstory. „Das ist widerlich. Ich hoffe die kriegen dieses Dreckschwein,“ sagte Ralf und las sich weiter durch seinen Ausdruck. Lucia hatte bereits aufgehört in dem Artikel zu lesen und starrte das Bild dieses Mannes an. Ihr zog sich alles zusammen, sie hatte das Bedürfnis sich wieder übergeben zu müssen.

Karin saß Gedankenverloren in der Ecke sie rieb sich die Arme und zitterte ein wenig. Sie hatte bereits so eine Erfahrung machen müssen mit einem wahnsinnigen, der sie sogar bei sich zuhause entführt hatte und sie mit Säure töten wollte. Wäre Michael und die Jungs nicht eingeschritten und hätten sie gefunden, so wäre sie wahrscheinlich tot. Diese schrecklichen Ereignisse wollten nun wieder nach oben kommen und rissen eine Wunde auf, die schon seit Jahren irgendwo unter ihrer Maskerade versteckt war. Natürlich verlangte Medicopter das sie zunächst zu einem Psychologen gehen sollte und über dieses Trauma reden musste. So ganz wird, sie das wohl nie vergessen können. Sie war total in ihren Gedanken versunken und bemerkte nicht einmal wie Ralf sich ihr gegenüber auf die andere Couch setzte und sie besorgt ansah. Er war damals bei der Rettungsaktion dabei und sah es mit eigenen Augen. Karin hatte unglaubliches Glück, dass Jenny damals ihr Auto entdeckt hatte und sofort die anderen alarmierte. Nicht auszudenken, was dieser Kerl mit ihr gemacht hätte. Er berührte vorsichtig ihre Hände, die leicht zu zittern begonnen. Sie schreckte für einen kurzen Moment zurück als würde sie ihn nicht erkennen. „Hey ich bins, alles gut. Der Typ ist eingesperrt,“ sagte er leise. Karin schüttelte den Kopf. „Ich mag nicht mehr daran erinnert werden,“ flüsterte sie. „Ich versteh das, hey du bis hier und das zählt, ok?“ fragte er.

„Äh was ist denn los?“ fragte Lucia und sah besorgt zu der Notärztin, die komplett weiß wie eine Wand war. Sie kam zu ihnen rüber und kniete sich vor sie an die Couch und nahm ihre Hände. Ralf sah Karin die Augen, sie nickte leicht. „Ok vor ein paar Jahren wurde Karin von so einem Kerl der aus dem Gefängnis entkommen war zuhause entführt. Michael und Thomas haben sofort die Polizei gerufen als sie es bemerkten,“ fing er an. „In unserem Zuhause?“ fragte sie mit weit aufgerissenen Augen, dass hatte sie noch nie gehört. Die Jungs erzählten ihr so einige Dinge, aber das müssen sie wohl ausgelassen haben. Ralf nickte. „Ja in der Villa.“ Karin stieß kurz einen fast weinerlichen Ton aus als sie versuchte zu antworten. „Durch Jenny konnten wir erfahren wo sie war. Sie hatte das Auto an einem verlassenen Hotel gesehen und uns sofort alarmiert. Ohne viel zu überlegen sind wir in das Hotel gestürmt. Thomas, Michael, Peter, ich und Biggi ist geflogen.“ „Er…. Er….. hatte… er hatte mich in eine Badewanne gefesselt und wollte mich mit Säure töten,“ sagte sie leise. Lucia streichelte sanft ihre Hände und konnte gar nicht fassen was die hörte. „Wir konnten nicht rein in das Zimmer und haben uns entschieden von draußen aus mit der Winde rein zu gehen. Michael war nicht mehr zu halten. Thomas und ich haben derweil versucht rein zu kommen und ihn abzulenken. Michael ist durch das Fenster und hat ihn überwältigen können. Karin konnte sich Gott sei dank in letzter Sekunde selbst befreien.“ Sie atmete auf und schloss kurz die Augen um sich wieder sammeln zu können. Einen Moment würde sie brauchen um sich wieder einigermaßen fangen zu können. „Oh mein Gott Karin, dass habe ich nicht gewusst,“ sagte Lucia leise. „Schon gut, er ist ja wieder eingesperrt. Das Ganze hat mich nur ganz schrecklich an ihn erinnert.“ Sie schloss nochmal die Augen und setzte wieder ihr Lächeln auf. Man konnte ihr ansehen das sie etwas durcheinander war. „Wir müssen eben vorsichtig sein und auch privat, zweimal hinter uns sehen,“ sagte sie.

Ralf hatte die Meldung an alle Kollegen weitergeschickt, dass sie auch alarmiert waren und keiner von ihnen in Dienstkleidung allein unterwegs war. „Na ich hoffe die finden den Typen bald und sperren den wieder weg,“ sagte Lucia. Sie war etwas besorgt darüber und versuchte das aber nicht an sich heran zu lassen. Sie saß draußen in der Sonne und sah wie Max fluchend versuchte irgendwas an der Elektronik zu reparieren. „Alles gut Max?“ rief sie dem Mechaniker rüber. „Alles gut. Dieses verdammte Bauteil passt net!“ brummte er. Sie stand auf und ging zu ihm, sah sich das Teil an und grinste. „Naja das ist ja auch noch verpackt,“ sagte sie und zog die Sicherheitsfolie ab und steckte die neue Platine an ihren Platz. „Oh mei bin ich deppert,“ stieß er hervor und fuhr sich mit der Ölverschmierten Hand durch die Haare. „Keine Ursache,“ sagte sie und lächelte ihn an. „Du bist halt doch mein kleiner Engel,“ sagte er und machte eine Verbeugung. „Danke. Ich stell mir das jedenfalls lebhaft vor, wie das Steuerelement so eingepackt da drinnen funktionieren würde.“ „Och du bist gemein,“ sagte er und tat gespielt beleidigt. Er fasste sie ans Herz und tat als würde er vor ihr dahin schmelzen. Lucia musste lauthals loslachen, Max war einfach ein Unikat. Gina kam grinsend zu ihnen. „Oh lässt du wieder die Männer für dich auf die Knie fallen?“ fragte sie frech und zwinkerte. „Ja, ja ich wieder,“ sagte sie und streckte der kleineren Mechanikerin die Zunge raus. Irgendwie mochte sie sie, aber da stand immer noch das Problem mit Mark im Raum, dass alle ein bisschen nervte.

Die restliche Schicht verlief sehr ruhig, wahrscheinlich auch, da die Geschichte von dem Ausbruch direkt ins Fernsehen und Radio kam. Die Polizei hatte ihre Streifen verdoppelt und fuhren auf den Hauptstraßen entlang, selbst an den Grenzen wurden die Kontrollen verdichtet. Auf dem Nachhause weg, sah es fast aus als würden sie durch eine Geisterstadt fahren. „Puh die haben sich wohl alle drinnen verkrochen,“ sagte Lucia und sah nach draußen. „Naja klar, wenn der Ausbruch bereits in den Medien ist,“ meinte Ralf und fuhr weiter. „Ich hoffe sie finden ihn schnell.“ Karin sagte die ganze Fahrt nachhause überhaupt nichts und ließ ihre Gedanken kreisen.

Selbst als Michael sie umarmen wollte, wirkte sie fast wie ein Roboter. Er merkte das diese ganzen Ereignisse wieder in ihr hochkamen und behandelte sie behutsam. Er machte ihr einen Tee und setzte sich mit ihr in die Küche und wartete bis sie etwas sagte. Sie lächelte ihn nur abwesend an und dankte ihm. Sie saßen eine ganze Weile dort und schwiegen sich einfach nur an. Hauptsache, war einfach das sie nicht allein war mit ihren Gedanken und Michael um sich hatte, der ihr den nötigen Halt geben konnte. Es war vollkommen egal wie lange er da war und nichts sagte, aber er war die genau da wo sie ihn brauchte. Irgendwann brach sie ihr Schweigen und war einfach nur froh, dass sei in dem Moment nicht allein war. Ein paar Tränchen kullerten ihr über die Wange. „Hey, alles ist gut. Er ist nicht hier, ok? Ich pass immer auf dich auf,“ sagte er leise und strich ihr mit einem Taschentuch vorsichtig über die Wange. Sie schenkte ihm ein Lächeln. „Danke,“ sagte sie leise und schmiegte sich an seine warme Hand an. „Geht’s denn wieder?“ „Ja. Geht schon wieder. Kamen nur schreckliche Dinge wieder hoch. Ich dachte eigentlich, dass ich das verarbeitet hätte.“ Er setzte sich wieder neben sie. „Hey, weißt du ich nage heute noch an solchen Sachen. Weißt du noch als ich angeschossen wurde? Ich zucke heute noch heftig zusammen, wenn jemand eine Waffe abfeuert, weißt du solche Dinge machen uns noch viel stärker. Es ist nicht das, wie wir unsere Traumata überwinden, es ist wie wir nach wie vor damit leben,“ sagte er mit seiner bestimmenden Doktorstimme. Karin musste immer wieder grinsen, wenn er das tat, manchmal hörte er sich einfach zu gerne reden, aber das was er sagte stimmte. Manche Einsätze ließen sie eben nie ganz los, mit dem Psychologen reden, war manchmal auch nicht so einfach. Diese Leute wurden zwar von Medicopter eingesetzt um monatliche Gespräche bei riskanten Einsätzen zu führen. Ohne diese, bekamen sie keine Freigabe mehr und wurden weiterhin aus dem Dienst genommen. Normalerweise musste Michael das melden, dass es Karin Unbehagen bereitete. Als Leitender Arzt, der Basis war das nun leider seine Pflicht, dass er sich um das Personal kümmerte, dass auf die Einsätze ging. „Ich weiß, dass du jetzt in der Zwickmühle steckst,“ sagte sie. Karin wusste genau, dass er das melden musste und sie zum Psychologen schicken musste. „Was für einen Vorfall, du hattest doch nur Kopfschmerzen, oder?“ fragte er und grinste. Natürlich würde es das nicht weitergeben, alles mussten die oberen Bosse auch nicht wissen.

Lucia sah nach Thomas der langsam wieder unter die lebenden trat. Er kam wohl den ganzen Tag nicht aus seinem Zimmer heraus. „Hey,“ brummte er, als sie sich neben ihn setzte. „Oh je.“ „Was? Sei leise ich hab Kopfschmerzen,“ brummte er. „Ach so redet man jetzt mit seiner Verlobten?“ Es setzte sich kurz auf um sie im halb dunkeln zu betrachten. „Natürlich nicht, Frau Wächter,“ sagte er und grinste. Sie lächelte ihn ebenfalls an. „So ist das Herr Wächter?“ fragte sie. „Duschen?“ fragte er. „Hmm. Eigentlich war ich vorhin schon auf der Basis. Sag mal hast du auch die Warnung bekommen?“ „Das da ein Irrer rumrennt, der Uniformierte abschlachtet? Ja hab ich, kein schönes Ding.“ „Ja wir müssen eben vorsichtig sein. Bei Karin hat das wohl heftige Erinnerungen ausgelöst,“ meinte sie. „Oh Scheiße, ja. Da war das mit dem Irren aus der Anstalt. Der hat sie direkt aus unserem Garten entführt und die Polizei war super dämlich, die haben erst Stunden später irgendwas übernommen. Da wo wir schon längst fertig waren,“ erinnerte er sich. „Ich kann das gar nicht fassen, dass solche Leute einfach freikommen.“ „Naja der Typ hatte nen Vollknall, der hat mich mit einem Messer bedroht das ich ihn ausfliege. Dann hat er mich niedergeschlagen und ist abgehauen. Irgendwie ist der uns dann gefolgt, oder wars Zufall keine Ahnung.“

Am nächsten Morgen war geplant, dass Ralf und Lucia in die Berge gehen. Sie würden direkt den Einstieg in der Nähe nehmen. Thomas war nicht allzu begeistert, als er davon hörte, dass sie es trotzdem durchziehen wollten. „Ihr wisst schon das da draußen ein Irrer unterwegs ist?“ fragte Thomas. „Ich hab nicht vor in meinem Overall klettern zu gehen,“ meinte Ralf cool und lehnte sich in seinem Stuhl ein wenig zurück. Irgendwie war er sich seiner Sache viel zu sicher. Das gefiel dem Piloten überhaupt nicht und seine Verlobte saß da und freute sich wie ein kleines Kind. Sie hatte ihre Wanderstiefel an und trug eine Kombi aus langer Hose und langem Shirt mit einer dünnen Jacke drüber. Auf dem Küchentisch hatte Ralf die Gurte ausgebreitet, die sie beide absichern sollten. Er war da immer sehr akribisch und checkte sämtliche Stellen und Karabinerhaken einzeln. „Keine Sorge, wir sind vorsichtig,“ sagte Lucia und lächelte ihn an. „Mann darum geht’s doch gar nicht.“ „Ich weiß das du dir Sorgen machst, aber das würde ich ganz ehrlich auch, wenn du aus einem Flugzeug springst und dein Fallschirm Ding durchziehst,“ sagte sie und verschränkte ihre Arme. „Ich sehe schon, da kommen wir nicht weiter,“ sagte er und ging Richtung Garage. „Na klasse, jetzt ist er sauer auf mich,“ brummte sie. Ralf sah zu ihr rüber und lachte. „Kriselt es etwa in den Rosawolken?“ fragte er. „Naja wir sind ja öfters mal nicht der gleichen Meinung. Heißt nicht, dass wir streiten,“ sagte sie und stand auf. „Ah ok, ihr führt also eine super Beziehung.“ „Richtig.“
Thomas war auch nicht in der Garage als sie raus gingen und die Sachen ins Auto brachten. Sein Auto stand auch nicht dort, wahrscheinlich war er ein bisschen unterwegs. Ralf meinte noch sie solle sich keine Sorgen machen, er würde sich schon wieder einkriegen und einsteigen. Kami sprang hinterher auf den Rücksitz und bellte kurz. Sie fuhren an einen Berg der in der Nähe von der Basis war. Über diesen waren sie schon unzählige Male geflogen. Ralf erklärte ihr alles und spannte Kami in das Geschirr ein um mit ihr hoch zu klettern. „Also ich klettere vor und sichere dich, du kletterst genau den Weg nach, den ich nach oben bin, ok?“ fragte er. Lucia nickte und sah nach oben. „Ach und alles was du machst, schau nicht nach unten. Wenn du runter schaust, kann es manchmal sein das du in Panik verfallen könntest.“ „Wegen der Höhe?“ Ralf nickte. „Manche verkraften das plötzlich nicht unbedingt, so an der Wand sieht das schon ein bisschen anders aus.“ „Ok. Wie lange brauchen wir da rauf?“ „Wenn du gut bist maximal eine Stunde,“ sagte er und lächelte. „Und wenn nicht?“ „Dann auch eine Stunde, das ist erstmal eine leichte Wand.“ „Und Kami macht das mit?“ „Naja da wir später wieder runter laufen hat sie noch genug Auslauf. Sie ist das gewohnt, ein Rettungshund eben,“ sagte er und tätschelte den Kopf der Hündin.

Sie kamen relativ gut voran. Lucia schien euch Spaß zu machen, es war einfach mal etwas anderes als den Berg hoch zu joggen oder Crosstraining. Die beiden erreichten relativ schnell eine Anhöhe, auf der sie pausierten. Es ging ein kleiner Pfad in den Wald hinein und Kami schnüffelte ein wenig. „Wenn wir da lang gehen, kommen wir auf die Hauptroute und dann oben zur Wagneralm,“ meinte Ralf. „Ja und dahinter ist die Seilbahn,“ sagte Lucia. Den Weg kannte sie schon und war ihn schon mal gelaufen. Im schnellen Tempo brauchten sie ungefähr nochmal eine Stunde und eine Halbe Stunde um wieder unten zu sein. „Und was sagst du jetzt zum Thema klettern?“ fragte er gespannt. „Naja interessant, eine Abwechslung zum Laufen,“ sagte sie und lächelte. Ralf gab ihr eine Wasserflasche. Karin hatte ihnen ein paar Sandwiches gemacht, manchmal war sie einfach wie eine Mama für ihre Kollegen und Freunde. Schade nur, dass Michael immer noch nicht den nächsten Schritt gemacht hatte. Lucia wusste, dass er Flugtickets für die Malediven hatte und das alles schon vorhatte. Allerdings kam dann ein schwieriger Einsatz dazwischen, wo alle wirkliche Hilfe des Psychologen brauchten. Eigentlich schade darum, dass er es nicht wieder versucht hatte. Aber sie wollte sich keinesfalls in die Beziehung der beiden einmischen, die ja auch bestens zu funktionieren schien, auch ohne verheiratet zu sein.

Kami kam wieder, aus dem Wald gestürmt und versuchte Ralf mit ihrem Bellen aus etwas aufmerksam zu machen. „Hey ist vielleicht nur ein Eichhörnchen,“ meinte Lucia. „Glaube ich nicht, sie ist trainiert darauf anzuschlagen, wenn was ist,“ sagte er und stopfte alles wieder zurück in den Rucksack. „Ok, wenn du das sagst.“ Die Hündin drehte sich mehrfach im Kreis bevor die beiden überhaupt aufstanden und bellte Schwanzwedelnd. Sie preschte wieder in den Wald und blieb mehrfach stehen um ihr Herrchen wieder ein wenig aufschließen zu lassen. Sie kamen an eine Lichtung mitten im Wald, etwas steinig. Kami blieb schlug an einer Stelle an, wo sie sich steif hinsetzte und wartete bis Ralf kam. „Scheiße, sie hat jemanden gefunden, da muss jemand liegen,“ rief er und rannte dort hin. Er wirkte wie versteinert als er an die Stelle geklettert war. Lucia kam ihm nach und hielt sich vor Schreck den Mund zu. „Oh mein Gott, ist sie?“ fragte sie schockiert. Ralf schüttelte den Kopf und kletterte zu der Frau rüber. Es war kein schöner Anblick, dass was er allerdings sehen konnte, war das sie wohl bei der Polizei war, laut ihrer Uniform. Vor ihnen lag eine Frau mit weit aufgerissenen Augen, blutüberströmt. In ihrem verzerrten Gesichtsausdruck konnte man ihre Angst sehen, sie musste schrecklich gelitten haben. „Ist nichts mehr zu machen, ist tot,“ sagte er und senkte seinen Blick. „Wie kommt sie hier rauf?“ fragte Lucia, die versuchte weg zu sehen. Ralf sah sie an. „Wahrscheinlich über die Seilbahn, oder vielleicht mit einem Quad, dass bieten die hier auch an. Wir sollten zusehen, dass wir hier wegkommen,“ meinte er und sah sich um. „Wir müssen die Polizei informieren,“ sagte sie und zog ihr Handy aus dem Rucksack. „Das wird dir hier nichts nutzen, wir sind zu nahe an den Felsen. Die stören den Empfang.“ Sie sah sich überall um und versuchte die Umgebung ein bisschen zu überblicken. Rings herum alles nur Bäume, wenn er noch hier war konnte er sich überall verstecken.

Ralf zog sie mit sich, das Gebiet in dem sie sich befanden wurde steiler und unebener, da sie sich weit von den ausgewiesenen Pfaden entfernt hatten, mussten sie sich nun querfeldein durchschlagen. „Haben wir irgendwas um uns gegebenenfalls zu wehren?“ fragte sie und kramte in ihrem Rucksack herum. Thomas hatte ihr vor ein paar Monaten ein Klappmesser geschenkt, dass sie sonst immer in ihrem Overall in der Beintasche mit sich rumtrug. „Ich habe nur meinen Hammer und Steigeisen,“ meinte Ralf. Lucia merkte wie ihr Puls stieg und ihr wieder ein bisschen übel wurde. „Ist alles gut bei dir? Du siehst ein bisschen blass aus,“ sagte er und sah sie besorgt an. „Mich schauderts nur, ich hab noch nie eine Leiche gesehen. Naja Tote gehören zum Geschäft dazu, aber noch nie eine aus einem Gewaltverbrechen,“ sagte sie und rieb ihre Arme. Er berührte sie an der Schulter. „Tief durchatmen, ja so was ist hart. Aber versuch nicht dran zu denken. Ich bin für dich da, wir müssen jetzt zusehen, dass wir hier runterkommen,“ sagte er und zog sie mit sich. Lucia versuchte seinen Ratschlag anzunehmen und an irgendwas Schönes zu denken.

Kami schnüffelte weiter und lief ein wenig Abseits von ihnen an der Waldgrenze. „Ist da etwa noch was?“ fragte sie besorgt. „Kann schon sein, wenn sie wieder anschlägt, werden wir es erfahren.“ Auch er sah besorgt zu ihr rüber, sie war einfach darauf trainiert ihm alles zu melden. Wenn sich dort Menschen aufhielten, würde sie die finden. Er hoffte es zwar nicht, aber nach der Polizistin war alles möglich. Vielleicht hatte dieser kranke Typ sie auch bis dorthin gejagt, wer weiß was er sich für kranke Spielchen ausgedacht hatte.

Zuhause sah Thomas immer wieder auf die Uhr, normalerweise mussten sie jetzt schon an der Station angekommen sein. Er wusste das es da oben fast keinen Handyempfang gab. Er sah immer wieder auf sein Handy, keine Nachricht. Vielleicht auch nicht, da sie ja heute Morgen nicht unbedingt gut auseinander gegangen sind. Er tippte nervös mit dem Finger auf der Tischplatte in der Küche umher. Karin und Michael kamen vom spazieren gehen wieder. „Hey,“ sagte der Notarzt und setzte eine frische Kanne Kaffee auf. Karin setzte sich zu ihm an den Tisch. „Alles klar?“ fragte sie und lächelte ihn an. „Ich weiß nicht, Lucia geht nicht an ihr Handy. Und eigentlich müssten sie jetzt schon auf dem Rückweg sein,“ sagte er. „Du weißt doch selber, dass da oben kaum Empfang ist,“ sagte Michael und nahm neben Karin Platz. „Ja mein Bauchgefühl sagt mir, da stimmt irgendwas nicht. Keine Ahnung warum, aber ich denke ich werde Jens anrufen.“ „Um was zu machen?“ fragte Michael und sah von seinem Kaffeebecher auf. „Um mal drüber zu fliegen und ein Auge drauf zu werfen, ob die Jungs vielleicht was sehen,“ meinte er. „Hey es ist gerade mal Mittag, wenn wir bis heute Nachmittag nichts hören, verspreche ich dir, dass wir da rauf fliegen, ok?“ Er wusste das er seinen besten Freund beruhigen musste, sonst würde der selbst zur Basis fliegen und den Heli da rauf fliegen um selbst nachzusehen. Michael wusste, dass er es ohnehin nicht zuhause aushalten würde und er ihn noch etwas bei Laune halten musste. „Ok,“ brummte er und tippte weiter auf der Tischplatte herum.
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast