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Die Auserwählten

von Hopy1x2y
GeschichteAbenteuer, Mystery / P12 / Gen
20.09.2021
18.10.2021
79
288.386
2
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14.10.2021 1.214
 
Workuta/Russische Föderation

Während Stuart im Wagen saß und auf Andropov wartete, ließ er seine Blicke über die trostlose Umgebung schweifen. Auch in den USA gab es etliche Gegenden, denen man sehr deutlich den wirtschaftlichen Niedergang ansah, aber dies hier ...

Er stieg aus dem Wagen und streckte seine Glieder. Sie waren über dreißig Stunden durchgefahren und hatten nur kurze Rastpausen eingelegt. So waren sie aber vor Sonnenuntergang angelangt und verloren keine Zeit. Andropov schien fast noch begieriger darauf zu sein, was sie wohl an ihrem Ziel finden würden. Er selbst war kein Freund davon, hundert Jahre alte Gräber zu öffnen, zumal es völlig unklar war, was wohl dort drinnen lag. Vor der Bekanntschaft mit den Auserwählten war sein Leben in relativ geregelten Bahnen verlaufen. Doch nachdem Maryse seine todkranke Tochter geheilt hatte ... Jedenfalls war er seitdem mit Dingen konfrontiert worden, die über sein Begriffsvermögen hinausgingen.

Er lehnte sich an den altersschwachen Wagen und beobachtete den Eingang des Bürogebäudes, in dem die Stadtverwaltung von Workuta ihren Sitz hatte. Eigentlich hatte er keinen Zweifel, dass Andropov die Genehmigung für das Öffnen des Grabes erhalten würde, denn Tridents Name wirkte auch hier im fernen Russland. Zudem hatten sie die finanziellen Mittel, um Personen einen 'Gefallen' zu erweisen. Andererseits waren sie in Russland und von daher musste man auf Überraschungen gefasst sein.

In diesem Moment verließ Andropov das Gebäude und nach dessen zufriedenem Gesichtsausdruck zu urteilen, war alles glatt verlaufen.

»In anderthalb Stunden werden zwei Mitarbeiter am Grab auf uns warten.«

»Wieso?«, fragte Stuart verwundert.

»Weil es kein gewöhnliches Grab mit einem handelsüblichen Sarg ist, deswegen.« Er deutete auf ein kleines, windschiefes Gebäude schräg gegenüber. »Lassen Sie uns etwas essen und trinken. Ich habe einen Bärenhunger.«

Stuart akzeptierte den Vorschlag, nahm sich aber vor, möglichst wenig zu essen. Ein gefüllter Magen an einem geöffneten Grab, das vertrug sich nicht.

*****

Die Gastwirtschaft war innen viel gemütlicher, als sie von außen gewirkt hatte. Wenigstens lenkte ihn der warme Alkohol im Magen von der trostlosen Stadt ab. Andropov störte sich nicht an Stuarts Zurückhaltung, was die Nahrungsaufnahme anging, und langte kräftig zu. Schließlich schob er geräuschvoll den Teller zur Seite und trank einen großen Schluck Bier.

»Was sind das eigentlich für Menschen, diese Auserwählten?«, fragte Andropov, nachdem er kurz auf seine Armbanduhr geblickt hatte.

Stuart zuckte nur mit den Schultern. »Sie haben ihre speziellen Fähigkeiten von einem alten Geist aus Griechenland. Viel mehr kann ich Ihnen dazu nicht erzählen. Da müssten Sie sich mit Professor Tanner unterhalten. Es ist sein Spezialgebiet.«

»Jedenfalls scheinen es sehr interessante ... Personen zu sein.«

»Und außerordentlich gefährlich, wenn man sie reizt«, ergänzte Stuart. »Wie weit ist es denn bis zum Friedhof?«, fragte er und wechselte das Thema.

Andropov deutete vage in die nördliche Richtung. »Wir müssen dazu die Stadt verlassen. Das Grab befindet sich auf dem Gelände eines ehemaligen Straflagers aus stalinistischer Zeit. Dort gibt es einen kleinen Friedhof.«

»Wahrscheinlich nicht zu klein, wenn ich die Geschichte der UDSSR richtig im Kopf habe.«

Andropov lachte meckernd. »Da liegen Sie nicht verkehrt.«

*****

Stuart liefen eiskalte Schauer den Rücken runter, als sie das Gelände betraten. Als die Filmwirtschaft noch Hochkonjunktur hatte, waren hier bestimmt einige Horrorfilme gedreht worden. Die Gebäude und Baracken waren zerfallen und es wirkte nicht so, als ob sich hier noch jemand drum kümmern würde. An vielen Stellen hatte sich die Natur bereits das Gebiet zurückgeholt und in fünfzig oder hundert Jahren wird bestimmt alles überwuchert sein.

»Dort vorne ist es«, sagte Andropov und zeigte auf ein kleines, vom übrigen Lager abgetrenntes Areal.

Passenderweise quietschte das eiserne Tor, als sie es aufstießen, um den Friedhof zu betreten. 'Fehlt nur noch dichter Nebel', schoss es Stuart durch den Kopf. Aber zumindest ließ sie der Schein der langsam untergehenden Sonne nicht im Stich und so wirkte das Gelände nicht ganz so unheimlich. Dennoch wollte er die Aktion so schnell wie möglich hinter sich bringen. Es war auch nicht beruhigend, dass die beiden Mitarbeiter, die sie nun in einer Ecke des Friedhofs auftauchen sahen, keinen begeisterten Eindruck machten. Sie konnten sich bestimmt etwas Schöneres vorstellen, als zwei Fremden bei der Exhumierung einer Leiche zu helfen.

Andropov erklärte den Männern ihre Aufgabe und gestikulierte wild dabei, wahrscheinlich, um die Wichtigkeit des Auftrags zu unterstreichen. Was auch immer er ihnen erzählte, es verfehlte seine Wirkung nicht. Missmutig stieß der größere von den beiden die Schaufel in die Erde und begann zu graben. Es war eine mühsame Plackerei, denn obwohl es Frühjahr war, war die Erde in den unteren Schichten noch gefroren. Gelegentlich hörte Stuart russische Flüche und er war froh, dass er die Sprache nicht verstand. Vermutlich bedachten sie den verrückten Amerikaner mit nicht gerade freundlichen Worten.

Schließlich stieß die Schaufel eines der beiden Friedhofsmitarbeiter auf etwas Hartes, Metallisches. Die zwei Männer hörten auf zu graben und winkten Andropov an den Grubenrand. Der sah kurz hinunter, nickte und drehte sich um.

»Kommen Sie bitte, Mr. White. Der große Moment ist da.«

Der aufgesetzt fröhliche Tonfall klang in Stuarts Ohren reichlich unecht - und das war er wohl auch, wenn man die Blässe von Andropovs Haut in Rechnung stellte. Auch Stuart selbst fühlte sich nicht besonders wohl. Er hatte zwar schon einige Leichen in seinem Leben gesehen, aber die hatten keine hundert Jahre in irgendwelchen Gräbern gelegen. Vielleicht hätte er doch besser Tanner mit der Aufgabe betraut. Als Archäologe hatte der doch bestimmt haufenweise Skelette entdeckt.

Andropov erteilte ein paar Anweisungen auf Russisch. Einer der Helfer stieg zögernd ins offene Grab und untersuchte den Sarg. Wie man Stuart mitgeteilt hatte, war es kein gewöhnlicher Holzsarg, der ja auch schon längst verrottet wäre, sondern er bestand aus Metall - höchstwahrscheinlich Blei. Zumindest passte die Farbe zu seiner Vermutung.

»Auf was wartet er?«, fragte Stuart schließlich, nachdem der Mann unten nur zögernd nach oben blickte. »Er soll ihn öffnen!«

Andropov gab barsch in russischer Sprache ein paar Anweisungen, worauf sich der Friedhofsmitarbeiter bekreuzigte und Werkzeug von seinem Kollegen in Empfang nahm. Die Kälte kroch in Stuarts Knochen, während er am Grabrand stand und dabei zusah, wie sich der Mann mit der Verschraubung des Deckels abmühte.

»Die wollten wohl damals wirklich sichergehen, dass niemand den Sarg öffnen kann«, flüsterte Andropov, der auch merklich blasser geworden war.

Stumm sahen sie dem Arbeiter weiter zu, bis er auch die letzte Schraube gelöst hatte. Zögernd setzte er das Brecheisen an und hebelte schließlich mit aller Kraft den Sargdeckel ab. Seine Augen weiteten sich, als er den Inhalt sah, und begann wie von allen guten Geistern verlassen zu schreien. Gleichzeitig kletterte er aus dem Grab und krabbelte auf allen vieren über den Boden, versuchte, möglichst viel Raum zwischen sich und dem Grab zu bekommen. Sein Kollege hatte das Werkzeug fallengelassen und starrte entsetzt in den Sarg, bevor er sich umdrehte und wie vom Teufel gehetzt vom Gelände floh. Selbst der sonst so stoische Andropov schien erschüttert zu sein. Stuart hingegen hatte beinahe erwartet, so etwas vorzufinden. Seine Vorahnungen hatten ihn bisher nur selten getrogen.

Statt eines hundert Jahre alten Skeletts sah er die Leiche eines Mannes vor sich, der kaum länger als ein paar Tage tot sein konnte. Doch das entsetzte, vor Todesangst verzerrte Gesicht dieses Toten, das würde er wohl nie vergessen können.

»Für den Rückweg nach Minsk nehmen wir ein Flugzeug«, murmelte er. »Ich habe das Gefühl, dass sich etwas sehr übles zusammenbraut.«
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