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Nanamin

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Übernatürlich / P16 / Het
Kento Nanami Kiyotaka Ijichi OC (Own Character) Shoko Ieiri
15.09.2021
14.03.2022
9
23.506
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04.11.2021 5.472
 
Endlich war es soweit. Suzukis erster richtiger Tag als Jujuzist nach ihrem Abschluss war angebrochen. Sie hatte deshalb sogar extra ein Gespräch mit Direktor Yaga. Irgendetwas von einem neuen Kollegen war zu Letzt zu ihr durchgesickert, aber ob es stimmte, konnte sie nur spekulieren. Alles andere war eigentlich in einem bekannten Umfeld und doch war sie unglaublich nervös. Sie konnte nicht einmal überzeugt behaupten, dass dieser Umstand ihre Fluchkraft nicht beeinflussen würde. Es war lächerlich, wie unruhig sie war, während die Grauhaarige vor dem Büro des Direktors auf ihre Eintrittserlaubnis wartete. Immer wieder strich sie über den Stoff ihres schwarzen Blazers, um potenzielle Falten glatt zu streichen, oder knetete die kalten aber schwitzigen Hände. Endlich tat sich etwas hinter der Tür und sie streckte ihren Rücken und verschränkte die Arme hinter dem Rücken.


Der Direktor persönlich öffnete ihr die Tür und bat sie hinein. Das Büro hatte sich seit ihrem letzten Aufenthalt kaum verändert. Lediglich die Stapel von Unterlagen auf seinem Schreibtisch hatten eine andere Höhe. Ansonsten war alles beim Alten. Obwohl... Suzuki stutzte, als sie eintrat und schon das Schließen der Tür hinter sich hörte. Die kleine Sitzecke im Büro, welche üblicherweise leer war, beherbergte einen Gast. Ihr schnürte sich abrupt die Brust zu und es stieg augenblicklich Wärme in ihr Gesicht, als sie den blonden Mann im blauen Nadelstreifenanzug dort sitzen sah und trotz Brille wiedererkannte. Kento.


Sie kämpfte um Fassung. Wie groß war bitte die Wahrscheinlichkeit, dass der Typ, der dich freitags kotzen sieht, montags als dein neuer Kollege und Partner vorgestellt wird. Was war das für eine Situation? War sie etwa in einer schlechten Komödie gelandet? Aber eine dieser Art, die sie nach spätestens zehn Minuten ausschalten musste, weil sie es vor Fremdscharm nicht mehr aushielt.


"Ich weiß, es ist sehr kurzfristig, dass ich dir... Ihnen ihren Kollegen vorstelle, aber Ihr Einsatz als Jujuzistin wurde aufgrund der Unterbesätzung ja auch erst vor kurzem beschlossen.", begann Yaga sich ihr gegenüber zu erklären, als er von der Tür aus auf die Sitzgruppe zu kam und scheinbar gar nichts von der komischen Atmosphäre um Suzuki mitbekam oder mitbekommen wollte. Er platzierte sich schräg hinter dem Blonden, der ebenfalls etwas länger als den üblichen flüchtigen Augenblick seinen Blick auf der Frau ruhen ließ.


"Wenn ich vorstellen darf, Kento Nanami. Nach einer Pause dürfen wir ihn wieder bei uns an der Akademie begrüßen.", stellte Yaga ihn vor, wobei der Blonde sich erhob und Suzuki die Hand entgegenstreckte. "Sehr erfreut.", trug Nanami nur nüchtern zu seiner Vorstellung bei.


Suzuki reagierte zwar etwas verzögert, war aber froh, dass ihr Körper im Gegensatz zu ihrem Kopf nicht völlig die Fassung verlor. Sie ging also endlich die letzten Schritte auf die Männer zu und nahm Nanamis Hand. "Nanami Suzuki ist mein Name. Auf gute Zusammenarbeit.", erwiderte die Grauhaarige und schaffte es nun ihren Blick zu senken, um endlich dem langsam etwas zu intensiven Blickkontakt zu entgehen. War es ihm unangenehm sie zu kennen, dass er so tat, als würden sie sich nicht kennen oder war das in der Arbeitswelt üblich, ohne das Suzuki es wusste?


"Suzuki hat die Akademie frisch abgeschlossen und wurde als Rang Vier Jujuzist eingestuft. Sie hatte sich im letzten Jahr zwar vorwiegend auf die Laufbahn der Assistenten konzentriert, wird aber aufgrund des Mangels vorerst als Jujuzist eingesetzt.", erklärte Yaga dem Blonden grob Suzukis Situation.


Die Grauhaarige schluckte. Ihr war doch schon lange bewusst, dass sie keine speziellen Fähigkeiten hatte, wie Ieiri oder Ijichi, oder niemals der Kraft eines Gojos nahekam. Aber trotzdem war es jedes Mal ein Stich ins Herz. Sie müsste das irgendwie abschütteln und einfach nicht zu sehr an sich heranlassen, doch das war besonders schwierig, wie sie immer wieder spürte.


Nanami nickte nur brummend.


"Dann wären wir hier fertig.", erklärte der Direktor und ging nun hinüber zu seinem Schreibtisch. "Ihr solltet euch eigentlich zu allererst an einander gewöhnen, aber wir haben kurzfristig einen weiteren Fall bekommen. Es handelt sich um einen Fluch, der in einer Klinik das Personal angegriffen hat. Ein Pfleger und eine Ärztin kamen dabei ums Leben. Eure Aufgabe ist es den Fluch zu exorzieren."


Yaga kramte einen kurzen Moment durch seine Unterlagen, bevor er weitersprach, "Uns wird leider erst nach den offiziellen Besucherzeiten Zutritt gewährt... Allerdings hoffe ich, macht es euch nichts aus, einer Freundin an meiner Stelle einen Besuch abzustatten. Leider schaffe ich es zurzeit nicht, dabei hat sie so gern Besuch.", erklärte er mit bedauernder Miene und reichte Nanami, welcher ihm zum Schreibtisch gefolgt war, einen kleinen Zettel, auf welchem die Informationen zur Klinik und seiner Freundin standen.


"Sie mag Kamelien sehr gern. Es wäre sicher eine nette Geste ihr einen Strauß mit zu bringen.", fügte er an, worauf Nanami nur nickte und sich zur Tür umwandte. Suzuki sah dies als Zeichen für sich und folgte ihm nach einer knappen Verabschiedung aus dem Büro.


Da auch auf dem Flur das Schweigen anhielt, entschied Suzuki sich dazu einfach mitzuspielen. Der Blonde las beim Laufen flüchtig das Papier, bevor er es faltete und in die Innentasche seiner Anzugjacke schob. Als er Suzukis gespannten Blick bemerkte, zog er es noch einmal heraus und hielt es ihr unter die Nase. Die Grauhaarige war überrascht. Er war wohl eher einer der beobachtenden Sorte. Sie schmunzelte etwas und nahm den Zettel vorübergehend an sich.


„Du bist heute ruhiger als am Freitag.“, stellte Nanami fest, als die beiden schweigend den Weg vom Büro bis zum Parkplatz der Akademie zurückgelegt hatte.


„Ist das so?“, fragte sie und wusste nicht so ganz etwas mit seiner Aussage anzufangen. War das nun etwas gutes oder etwas schlechtes? Auf jeden Fall hieß es für sie, dass er nichts von dem, was passiert war, unter den Teppich kehrte.


Er sagte nichts weiter und ließ Suzuki damit vollkommen im Ungewissen stehen.


„Ähm.. Wollen sie fahren oder soll ich? Ich bin zwar noch Fahranfängerin, aber da ich ja eigentlich eine Assistentin-“, begann die Grauhaarige, doch wurde recht schnell von Nanami ausgebremst. „Ich fahre. Suche bloß einen Blumenladen und am besten gleich noch ein Café.“, instruierte er sie kurz und knapp und stieg in den Wagen.


Erneut fühlte Suzuki sich etwas stehen gelassen, aber stieg kommentarlos ein und tat wie ihr aufgetragen wurde. Die Blumen und der Kaffee für Nanami waren schnell auf dem Weg zum Krankenhaus eingesackt.


“Sie wollten nichts?”, fragte der Blonde, als Suzuki wieder ins Auto stieg und ihm den Becher reichte.

“Ah, nein. Aber danke der Nachfrage.”, versuchte sie so höflich wie möglich zu antworten und verstaute den Blumenstrauß vorsichtig vor sich im Fußraum des Autos, während er direkt weiterfuhr.


Es herrscht einen Moment schlürfende Stille.


„Äh.. Also Herr Nanami wi-“


„Lass das ‘Herr’ bitte weg. Wir waren immerhin auch schon beim Vornamen. Das ist sonst nur verwirrend.“, unterbrach er sie gnadenlos, woraufhin Suzuki erneut ansetzte.


„... weißt du eigentlich, wann die Besucherzeiten sind?“


Er wartete einen Moment, als müsste er nachdenken, doch blickte sie dann einfach kurz Kopf schüttelnd an. “Wir gehen einfach hin und wenn es noch nicht soweit ist, warten wir, ganz einfach.”, erklärte er knapp und nahm noch einen Schluck von seinem Kaffee. Die Grauhaarige legte die Hände in ihren Schoß und knetete sie. Die Haut fühlte sich irgendwie etwas stumpf an.


“Nervös?”, fragte er nur knapp. Wieder musste er ihr Verhalten beobachtet oder zumindest mitbekommen haben.

“Ja, ein wenig. Ich war schon lange nicht mehr auf einer Mission.”, erwiderte sie etwas zögerlich und versuchte ihre Hände voneinander zu lösen, fand sich aber bald in einer ähnlichen Position wieder.

“Keine Sorge.”, versuchte Nanami die Frau wohl etwas zu beruhigen, allerdings kam davon nur wenig bei ihr an. “Ich kümmere mich um den Fluch und du dich um den Papierkram, wenn wir zurück sind.”

Suzuki senkte ihren Blick auf ihre Hände. Dafür hätte sie doch auch in der Akademie bleiben können. Wenn er sie nicht dabeihaben wollte, hätte er es doch einfach sagen können. Sicher wäre es ihm so lieber gewesen, doch wollte nicht unhöflich sein. Ganz sicher wollte er sie nicht dabeihaben, immerhin war sie jedem nur ein Klotz am Bein.


“Deine Fluchtechnik”, begann der Jujuzist und zog die Grauhaarige somit zurück in die Realität, “was macht sie?”

“Ich kann Flüche sehen.”, erklärte sie es scheinbar so unspektakulär, wie nur möglich.

“Du kannst sie sonst nicht sehen?”

“Nein, meine Augen reagieren nur auf die Fluchtechnik.”

Es kehrte wieder für einen Moment Stille ein, bis Suzuki zurückfragte, “Und deine?”. Nach der fast einen Moment zu langen Pause zwischen seiner und ihrer Frage, spürte sie direkt, wie ihr die Ohren warm wurden. Wie unangenehm.

“Ich nutze die Sieben-zu-Drei Technik. Dabei ziehe ich eine Linie durch die Breite meines Gegners und lande einen kritischen Treffer, wenn ich diesen Punkt treffe.”, erklärte er ihr seine Fluchtechnik ganz sachlich und bog auf den Parkplatz der Klink.

“... Das klingt irgendwie unglaublich cool... Wie bei einem Videospiel oder in einem Anime...”, erwiderte Suzuki mit einem etwas bitteren Unterton, obwohl sie von seiner Technik wirklich beeindruckt war.

“Schon möglich, aber wäre sie so beschrieben nicht sehr kindisch?”, fragte Nanami während er das Auto einparkte und den Motor ausschaltete, als der Wagen stand.

“Auf gar keinen Fall!”, protestierte die Grauhaarige nun beinahe beleidigt und lehnte sich ihm über die Mittelkonsole entgegen, woraufhin er ihr etwas überrascht entgegenblickte. “Ich finde, so würde sie nur noch cooler klingen!”

Nanami konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen und stieg daraufhin kommentarlos aus dem Auto aus. Wieder stieg der jungen Frau Hitze ins Gesicht und erneut ließ er sie einfach so stehen, ohne, dass sie wusste, was er dachte. Etwas verzögert folgte Suzuki eilig mit den Blumen, die sie wieder aus dem Fußraum hervorgeholt hatte.


Nanami war wirklich schnell. Erst am Empfang hatte seine Partnerin ihn schon etwas außer Atem eingeholt.


„Ich hoffe, dass ist für Sie kein Problem.“, sprach der Blonde ruhig und musterte die Pflegerin hinter dem Tresen.


„Die Etage auf der Frau Yama liegt, bekommt gerade etwas zu essen.“, erklärte die junge Frau, nachdem sie auf ihre Armbanduhr schaute, „ich würde sie bitten sich ein paar Minuten zu gedulden. Ich gebe ihnen gern Bescheid, wenn sie hoch können.“


„Vielen Dank.“, erwiderte er bloß, woraufhin Suzuki an ihn heran rutschte und hineingrätschte, „Ich hoffe, wir machen Ihnen damit keine Umstände!“


Die Pflegerin wank lächelnd ab “Nein, nein, wirklich nicht!”, und widmete ihre Aufmerksamkeit nun wieder den Unterlagen vor sich.


Nanami zog Suzuki vorsichtig am Arm weg vom Tresen und mit hinüber zum Wartebereich, wobei er sie beim Gehen absichtlich nah bei sich hielt. “Wie weit reicht deine Fluchtechnik?”, fragte er leise, den Kopf leicht zu ihr gekippt.

Die Grauhaarige sah ihn kurz etwas unsicher an, wobei sich ihre Miene verdunkelte. “Ich würde vermutlich nicht mehr sehen als du.”, erklärte sie, blieb allmählich vor den aneinander gereihten Sesseln stehen und senkte den Blick auf den Blumenstrauß in ihren Händen.

Beide schwiegen einen Moment. Sie musste die zuvor noch ganz gute Stimmung gerade völlig zertrümmert haben mit ihrer Ausstrahlung.


“Willst du dich nicht vielleicht hin-”, begann der Blonde, doch wurde von einer fast schon rufenden Stimme unterbrochen.

“Nanami?”, richtete sich eine Männerstimme an die beiden Besucher. Der Blonde hatte seinen Blick schon an den Störenfried geheftet, doch konnte sich scheinbar keinen Reim draus machen. Suzuki hingegen wollte ihrem Körper jegliche Reaktion verweigern. Doch sie musste irgendetwas machen.

“Du bist es ja wirklich! Ich wusste gar nicht, dass du in der Nähe bist.”, fügte die Stimme an, als sie näherkam. Als Suzuki das dazugekommene Paar Füße dann auch in ihrem Blickfeld wahrnahm, war alles ignorieren zwecklos. Ihr Blick ging erst zum noch immer ratlosen Nanami und dann zum Neuankömmling. Ein Mann, dunkles, kurzes Haar, Anfang 30, Jeans, weißes Hemd und weißer Kittel. Zögerlich hielt Suzuki sich etwas am Arm des Blonden, welcher zwar scheinbar verstand, dass irgendetwas war, aber nicht recht wusste, wie er reagieren sollte. So wie er sprach kannten sie sich schon länger und standen sich vielleicht auch nah, doch so reagierte sie nicht.


“Lange nicht mehr gesehen Junichiro.”, ging Suzuki nun endlich auf das aufgezwungene Gespräch ein, wich allerdings nicht mehr aus, wie zuvor noch. Sie wirkte gefasst, doch der Griff an Nanamis Arm wurde gleichzeitig ein wenig fester.

“Du siehst gut aus, beim letzten Mal waren deine Haare doch noch so kurz und du warst auch so unglaublich blass, als hättest du den Tag vorher Geister gesehen oder so.”, erwiderte er lachend. Bei dieser Aussage wurde ihr Griff kurz krampfhaft, doch es legte sich schnell wieder, also blieb auch Nanami ruhig.

“Das ist doch schon fast zwei Jahre her. Wir haben uns danach gar nicht nochmal gesehen. Du warst sicher viel beschäftigt. Immerhin bist du ja renommierter Arzt und mittlerweile doch auch Vater.”, ihr Unterton war sehr zynisch, doch Junichiro schien das vollkommen zu ignorieren.

“Wir waren alle viel beschäftigt. Ich mit der Arbeit und meiner Familie. Du mit deiner religiösen Schule hier in Tokyo, weit weg von deiner Familie.”, sein Tonfall wurde bitter, doch im nächsten Moment direkt wieder zuckersüß. “Aber wir müssen ja nicht über vergangenes reden, dafür haben wir auf Mamas Geburtstag nächsten Monat noch genügend Zeit... Also du kommst doch, oder?”, wieder dieses miese Funkeln. Suzuki schluckte.

“Aber das liegt für dich sicher zu weit in der Zukunft.”, wank er breit lächelnd ab und blickte von ihr nun auf den Blonden, an dem sie die ganze Zeit hing. “Entschuldigen sie mir bitte meine Unhöflichkeit. Ich bin Junichiro Suzuki. Meine Schwester hat sicher schon viel von mir erzählt.”, sprach er weiter und reichte dem Jujuzisten die Hand. Er musste das Verhältnis der beiden missverstanden haben. Was ihm allerdings auch nicht zu verübeln war, immerhin klammerte sie sich wie ein Kleinkind an ihn. Die Grauhaarige versuchte sich von Nanami zu lösen, doch dieser hielt sie bei sich, indem er ihre Hand zwischen Brust und Oberarm festdrückte. Sofort schoss ihr Hitze in die Ohren und sie blickte von Junichiro kurz zum Blonden, doch dieser hatte nun seinen festen Blick auf den Dunkelhaarigen gerichtet.

“Mein Name ist Kento Nanami.”, erklärte er knapp und schüttelte die ihm vorgehaltene Hand.

“ Es freut mich wirklich sehr. Ich hoffe, wir sehen uns auch einmal in einem erfreulicheren Umfeld als diesem.”, erwiderte der Ältere bloß mit seinem unangenehm freundlichen Lächeln.

“Sie meinten doch schon, sie wären viel beschäftigt. Nanami und mir geht es nicht anders.”, erklärte der Jujuzist nüchtern, woraufhin er von seiner Hand abließ.

Suzuki war kurz davor zu platzen! Was war das für eine Situation? Natürlich hätte sie am liebsten weiterverfolgt, wie Nanami mit ihm umgehen würde, doch das war hier einfach nur unangebracht, oder nicht?

Nun schmiegte sich die Grauhaarige wieder etwas mehr an ihn, als eine Art Signal und sie spürte an seiner, sich ändernden Körperspannung, dass er es scheinbar irgendwie verstand.

“Was machst du überhaupt hier Junichiro?”, fragte Suzuki ihn und sah ihm fast schon an, wie ihm die stolze Nase wuchs.

“Diese Klinik hat mich für Spezialeingriff angefordert. Ein paar Tage im Monat bin ich somit hier in Tokyo. Ansonsten bin ich weiterhin in Nagoya.“, er machte eine kurze Pause, “Bis morgen bin ich noch hier. Vielleicht habt ihr ja heute Abend Zeit... Ah, entschuldigt, ihr seid ja beide viel beschäftigt. Naja, ist ja zum Glück auch nicht das letzte Mal.”, sprach er und blickte nun auf seine Armbanduhr. “Ich muss leider allmählich weiter. Ich hoffe, du bringst deinen Freund mit zu Mamas Geburtstag. Du weißt doch, wie sehr sie sich auf Enkelkinder freut.”, neckte er sie auch noch mit seiner Verabschiedung und eilte dann schnell wieder die Gänge entlang.


Die beiden Zurückgebliebenen schwiegen einen Augenblick, als müsste das Geschehene erst noch verarbeitet werden. Suzuki zog nun endlich ihren Arm aus Nanamis Falle und verbeugte sich tief vor ihm.

“Entschuldige bitte! Ich hätte dir das nach Freitag nicht auch noch zumuten dürfen! Ich werde das Missverständnis auf jeden Fall aufklären!”, erklärte die Grauhaarige und behielt den Kopf weiterhin unten. Wieder Stille.

“Entschuldigung? Frau Yama hätte nun Zeit für sie.”, rief die Frau vom Empfang zu den Beiden hinüber, woraufhin Nanami sich in Bewegung setzte. Suzuki sah, wie sich seine Füße aus ihrem Sichtfeld herausbewegte.


„Kannst du dir überhaupt vorstellen, wie scheiß egal mir das ist?“, erwiderte er auf ihre Entschuldigung hin, worauf Suzuki ihn nur ungläubig durch ihre vor dem Gesicht hängenden Strähnchen ansah. Jeder normale Mensch wäre ihr doch unglaublich böse für solch ein unnötiges Missverständnis. Er war einfach nur cool, wobei vermutlich passte ‚beeindruckend‘ besser.


“Wie lange willst du da noch stehen, komm.”, trieb Nanami seine Partnerin an, welche nur noch unverständlicher zu ihm hinübersah. Der Blonde zog bei ihrem Blick etwas den Mundwinkel hoch, “wir sollten Frau Yama nicht warten lassen”. Auch Suzuki rang sich ein erleichtertes Lächeln über die Lippen und folgte ihm, während sie den Strauß wieder mit beiden Händen ergriff.


Die grauen Gänge, die beide entlang gingen, um zum Krankenzimmer zu gelangen, waren zwar üblich belebt, doch für Suzuki unglaublich laut. Aus jeder Richtung schrien ihr Flüche entgegen, obwohl sie sich wohl in den Zimmern befinden mussten. Am liebsten hätte sie gewusst, ob es Nanami auch so vorkam oder ob es nur ihr empfinden war. Vielleicht sollte sie sich vorausschauend um Kopfschmerzentabletten kümmern. Neue Augentropfen wären sicher auch noch sinnvoll. Vielleicht sollte sie sich auch noch-


„Wo möchtest du hin?“, sprach der Blonde sie an, als sie einige Schritte an ihm und der Tür vorbei gegangen war, und zog Suzuki dadurch gedanklich zurück zu sich. Seine Stimme stach markant aus der schrillen Masse des Fluchgeschreis heraus.


„Entschuldige.“, nuschelte die Grauhaarige nur etwas beschämt und ging zu ihm zurück. Dieser Mann hatte wohl das Privileg oder wie auch immer man es nennen wollte, ihre Probleme mitbekommen zu dürfen. Für Suzuki lediglich ein Argument, weshalb sie für ihn ein besonderes unnötiger Klotz am Bein wäre.


„Falls du einen Moment brauchst, gib bescheid. Ich kann mit Menschen, die neben sich stehen nicht viel anfangen.“, sprach Nanami unterkühlt und blickte Suzuki an. Sie ihrerseits verschluckte sich beinahe an ihrer Spucke. Diese direkte Art hatte die Grauhaarige schon am Freitag mitbekommen und wusste, dass es ein Zug von ihm sein musste. Dennoch wird Suzuki noch eine gute Weile brauchen, um sich daran zu gewöhnen. Sie nickte nur bitter und stellte sich ein Stückchen hinter ihn. Der Blonde atmete hörbar aus, allerdings ließ sich daraus nicht deuten, was in ihm vorging. Beide betraten nun den Raum, nachdem Nanami die Tür geöffnet hatte und sobald diese wieder ins Schloss gefallen war, stellte Suzuki fest, dass jegliches Geschrei verstummt war. Die Atmosphäre war unglaublich ruhig und entspannt. Ihre Aufmerksamkeit zog sich erst jetzt in den Mittelpunkt dieser angenehmen Ruhe: zu Frau Yama, die in ihrem Krankenbett, umgehen von vielen Blumensträußen, saß und mit einer Brille auf ihrer Nase in einem Buch blätterte.


„Guten Tag Frau Yama.“, grüßte der Jujuzist die etwa Ende Fünfzig jährige Frau.


„Ah, Besuch. Ich grüße euch, meine Kinder.“, erwiderte sie mit einem Lächeln, dass das Herz in nur einem Augenblick erwärmte, und legte das Buch mit samt der Brille vor sich auf den Schoß.


Suzuki hielt ihr den frischen Blumenstrauß entgegen. „Wir haben Ihnen Blumen mitgebracht, hoffentlich sind es Ihnen nicht schon zu viele.“, sprach sie und Yama schüttelte eilig den Kopf. „Zu viel ist gar nicht möglich. Vielen Dank, neben dem Waschbecken müsste noch eine Vase stehen, befüll die doch bitte, mein Kind.“, bat sie Suzuki, welche sich direkt daran machte.


„Setzt euch doch bitte, nehmt euch gern eine Tasse von der Kommode. Ich habe gerade frischen Tee bekommen.“


„Vielen Dank für das Angebot, aber-„, begann Nanami, doch Suzuki hatte sich, nachdem sie die befüllte Vase abgestellt hatte, schon direkt eine Tasse genommen und sich zu der Frau im Bett gesellt, woraufhin der Blonde nicht mehr die Chance hatte, ihre Freundlichkeit auszuschlagen.


Yama konzentrierte sich nun auf Suzuki und schenkte ihr etwas von ihrem noch dampfenden Tee ein. Die Jüngere dankte und umfasste die wärmer werdende Tasse mit beiden Händen.


„Junger Mann, nimm doch auch gerne Platz. Magst du keinen Tee? Möchtest du vielleicht einen Keks oder ein Stück Apfel?“, fragte Yama weiter und versuchte Nanami davon zu überzeugen, sich zu den beiden Frauen zu gesellen.


„Entschuldigen sie bitte Frau Yama, aber wir sind leider nicht zum bloßen Vergnügen hier. Aber sie wissen vermutlich schon, wer wir sind.“, erklärte Nanami und trat einen Schritt näher ans Krankenbett.


„Masamichi schickt euchmir sicher. Er bringt mir immer Kamellien. Also werdet ihr von der Akademie sein.“, sprach sie und schenkte sich selbst nun auch etwas Tee ein.


Suzuki und Nanami blickten sich kurz an, wohl etwas überrascht darüber, dass sich Direktor Yaga und Yama scheinbar recht nah standen.


“Den Fluch, den ihr sucht, werdet ihr jetzt leider noch nicht finden.”, begann Yama zu erklären, unterbrach sich allerdings selbst, indem sie einen Schluck von ihrem Tee nahm. “Nachts, wenn keine Besucher und nur das Minimum an Personal da sind, stapft der Fluch durch die Gänge und klopft an die Türen. Auch bei mir klopft er jede Nacht und fragt, ob mir etwas fehle. Diese Klinik ist riesig und sicher gehen einige tote Patienten auf seine Kappe, aber deswegen werden Jujuzisten ja nicht aufmerksam. Für die Menschen, die sich hier an der Schwelle des Todes befinden, muss er wie Gevatter Tod vorkommen. Leider sind solche Flüche in Krankenhäusern nicht unüblich.”, erklärte sie weiter und reichte Suzuki vorsichtig ihre Tasse, damit die Grauhaarige diese neben sich auf den kleinen Tisch stellte. “Vor ein paar Nächten sind eine Ärztin und ein Pfleger während einer Kontrolle auch diesem Gevatter Tod zum Opfer gefallen. Sie müssen auf seine Worte reagiert haben.”


“Aber als Nicht-Jujutzisten können sie...”, begann Suzuki, welche ganz ruhig geworden war. Nanami seinerseits stand noch immer am Fuße des Bettes und blickte zwischen den Frauen hin und her.


“Genau, als Nicht-Jujuzisten können sie den Fluch eigentlich nicht wahrnehmen, aber wie ich schon erwähnt hatte, an diesem Ort befinden sich Menschen auf der Schwelle zum Tod. Umso näher die Menschen dem Tod sind, desto klarer können sie Flüche wahrnehmen. Diese beiden waren dem Tod an diesem Tag einfach einen Schritt zu nah gekommen und wurden von ihm verschlungen. Allerdings hat dieser Fluch damit seine Toleranzgrenze überschritten, deswegen seid ihr hier.”


“Kurz gesagt, wir sind jetzt gerade umsonst hier.”, fügte Nanami nun an und blickte Yama an, welche seinem festen Blick keinen Millimeter auswich.


“Leider ja. Allerdings habt ihr nur jetzt die Möglichkeit mit mir zu sprechen. Ich kann euch Informationen zu diesem Fluch geben.“


“In Ordnung. Was haben sie für Informationen?”, fragte der Blonde nun ohne weitere Umschweife und Yama berichtete von allem, was sie wusste: der gewöhnlichen Route und dem sonstigen Verhalten. Sie versuchte diesen Fluch so gut wie möglich zu analysieren, doch musste sich früher oder später immer wieder durch heftiges Gähnen unterbrechen.


“Ihr müsst mich entschuldigen. Ich hätte mich gerne noch etwas länger mit so liebenswerten, jungen Jujuzisten unterhalten, nur leider-”, erneut gähnte sie, “bin ich sehr Müde. Geht bitte.”


“Natürlich.”, erwiderte Nanami knapp und wandte sich in Richtung Tür. Suzuki stand nun auch auf und verabschiedete sich von Yama. Die dunkelhaarige Frau lächelte ihr müde entgegen und ergriff ihre Hand. Ein leichtes Gefühl von Wärme durchfuhr Suzukis Körper.


“Ich wünsche euch viel Erfolg.”, sprach Yama und ließ von ihr ab, woraufhin die beiden ihr Zimmer verließen. Auf dem Flur angekommen, empfing Suzuki wieder das übliche Geschrei von Flüchen, doch irgendetwas war anders. Ihr Kopf schmerzte nicht, so wie zuvor noch. Es fühlte sich auch nichts betäubt oder ähnliches an, wie wenn sie ihre starken Schmerztabletten nahm. Sie fühlte sich einfach einen Moment fast ein bisschen normaler.





Bis zur mit der Klinik vereinbarten Uhrzeit war noch mehr als genug Zeit. Die beiden beschäftigten sich mit verschiedensten Kleinigkeiten, allerdings nichts Arbeitsbezogenem, dafür sorgte Nanami. Er betete Suzuki regelrecht vor, wie wenig Lust er darauf hatte, direkt an seinem ersten Tag Überstunden schieben zu müssen. Suzuki schluckte das einfach nur. Sie war ja immerhin diejenige, die die Überstunden schieben müsste, da sie den Bericht der Mission noch nicht vorarbeiten konnte.


Zurück vor der Klinik begutachtete die Grauhaarige den dämmernden Himmel und etwas niedriger auf ihrer Ebene den beinahe komplett leeren Parkplatz. Dieses Mal wurden sie von einem Mann, der sich als jemand vom Krankenhausvorstand vorgestellt hatte, empfangen. Er sprach mit Nanami die Details ab. Suzuki ließ ihren Blick währenddessen noch etwas schweifen und versuchte ihre Energiereserven nach einem ganzen Tag mit einem Menschen erneut anzuzapfen, wobei die Zeit mit ihm keineswegs anstrengend war, aber trotzdem verspürte sie so allmählich das Bedürfnis hinter sich eine Tür abzuschließen und bis zum nächsten Morgen niemanden mehr sehen zu müssen.


„Lass uns gehen.“, sprach der Blonde sie an, nachdem der Vorstand wieder gegangen war.


Die Grauhaarige nickte ihm entgegen, woraufhin sie die Klinik erneut betrachten. Nun waren die Gänge nur noch gerade so ausreichend beleuchtet, wodurch sie etwas Schauriges hatte. Die Fluchstimmen, die Suzuki leise hörte, machten die Atmosphäre zu einem perfekten Gruselkabinett.


„Wir haben Zugang zu allen Stationen. Laut Frau Yama sollten wir in den Gängen der Intensivstation beginnen.“, erklärte der Blonde den Ablauf in groben Zügen. Suzuki nickte nur eifrig und folgte ihm, so wie ihr die Worte der Flüche folgten.


Die Intensiv war um diese Uhrzeit vermutlich die aktivste Station. Sie fanden keinerlei Hinweise auf den gesuchten Fluch und klapperten dem nach die anderen Abteilungen ab. Überall waren Flüche unruhig, aber alle waren sie harmlos und hätten niemanden töten können.


„Waren wir jetzt nicht überall?“, fragte Suzuki den Blonden leise, nachdem sie etwas an ihn heran gerutscht war.


Er blickte sie durch die getönten Gläser seiner Brille an. Einige Fluchgeister hingen an ihr. Vermutlich hatte sie die Biester gar nicht recht wahrgenommen. Er strich ihr über die Schultern und Arme, als hätte Suzuki Dreck am Blazer. Ihr wurden dabei direkt die Ohren warm. Sie ärgerte sich, dass ihr der Dreck, den sie scheinbar an ihren Sachen hatte, nicht schon früher aufgefallen war.


„Wir waren zwar auf jeden Station, aber ich würde gerne auch noch den Aufenthaltsraum des Personals untersuchen.“


„…Ah!“, staunte die Grauhaarige nach einem Moment, als sie verstand, warum er das tun wollte. „Etwa weil der Fluch nach dem Befinden der Patienten fragt?“


„Genau.“, nickte er ihr knapp entgegen und beobachtete kurz seine Kollegin, die sich scheinbar wie ein kleines Kind freute, weil sie diesen Punkt verstanden hatte. Gemeinsam gingen die beiden zu besagten Aufenthaltsraum. Auch hier war es ruhig. Fast ein wenig zu ruhig, wie Suzuki fand. Hier waren keine penetranten Stimmen, die sie ununterbrochen zu texteten. Hier war es Todstill. Vorsicht griff die Grauhaarige nach einem Zipfel von Nanamis Anzug, um ihm eine Art Zeichen zu geben. Der Blonde blickte hinter sich, als er den leichten Zug an seinen Sachen spürte und verstand allein durch das leichte Unbehagen, dass ihr Gesichtsausdruck ihm offenlegte. Sie waren hier also wirklich richtig.


Nanami öffnete vorsichtig die Tür und warf einen ersten Blick hinein. Es schien niemand hier zu sein, auch wenn alle Lichter brannten. Er schob den Türspalt weiter auf und schlupfte hinein, nach ihm Suzuki, welche die Tür leise wieder schloss. Ihr Fluchgeist konnte Sprechen und reagierte auf Gesagtes, also müsste er empfindlich gegenüber Stimmen oder Lautstärke sein. Auch Nanami war das bewusst, weshalb er zu gestikulieren begann, nachdem er die volle Aufmerksamkeit der Grauhaarigen hatte. Er tippte sich zweimal mit dem Zeigefinger unter die Augen und machte dann vor sich eine Kreisbewegung. Er wiederholte es, da er bemerkte, dass sie es scheinbar nicht auf Anhieb verstand. Aber sie verstand direkt. Er wollte, dass sie den Raum scannte. Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Es war doch klar, dass sie das machen musste, wenn sie auf einer Mission war und doch hatte sie irgendwie gehofft, ihre Fluchkraft nicht nutzen zu müssen. Ein drittes Mal setzte der Blonde zum Gestikulieren an, doch Suzuki unterbrach ihn mit einem ‘Ok’-Zeichen, woraufhin er ihr zu nickte und dann begann den Raum händisch zu durchsuchen.


Atmen. Suzuki musste atmen. Ein und Aus. Sie musste sich konzentrieren und einfach die Stimmen in ihrem Kopf ausblenden. Ein- und ausatmen. Sie suchte sich so ziemlich die Mitte des Raumes und schloss die Augen. Einfach ein- und ausatmen. Sie musste die Unordnung im Fluss ihrer Fluchkraft überwinden. Ein und aus. Ein und aus. Ein und-


“Dieser Bereich ist für Unbefugte tabu.”, ertönte hinter ihr eine Stimme, die sie heute eigentlich nicht noch einmal hören wollte. Suzuki wand sich um und sah Junichiro in Mantel und mit seiner Tasche in der Tür stehen. “...Nanami, was machst du hier?”, fragte er mit finsterem Gesicht, als sie sich umgedreht hatte und er sie erkannte. Sie überkam ein unangenehmes Gefühl, eine Art Schauer und schon tönte sich ihr Blick in ein kaltes Monochrom. Sie erblickte die dunkelrote Gestalt hinter den in grau getönten Arzt im Gang. Ihr weiteten sich die Augen vor Schreck und dann stieg dieses Bedürfnis in ihr auf, sich an Ort und Stelle zu übergeben, welches auch schon beim letzten Mal auf ihre Angst folgte. Dieser Ohnmacht gegenüber ihrer Angst konnte sie rein gar nichts entgegensetzen. Ihr Atem wurde unregelmäßiger und die Panik stieg, doch ihr Blick klebte fest an dieser Gestalt, welche weder Menschlich noch Animalisch aussah. Etwas grelles schob sich in ihr Blickfeld. Es musste wohl ein Gelbton gewesen sein. Eine Hand, so wie es sich auf ihrem Gesicht anfühlte.


“Wir suchen einen Arzt. Wir sind schon durch das gesamte Krankenhaus gegangen und haben niemanden gefunden.”, erklärte die strenge Stimme Nanamis.


“Das ist doch gar nicht möglich! … Ich suche sofort den diensthabenden Arzt.”, erwiderte Junichiro mit einer gewissen Unruhe in seiner Stimme. Scheinbar gab es etwas, dass ihn dazu bewegte die Lüge von Nanami zu glauben.


Nanami löste seine Hand von ihren Augen und blickte sie bitter an. Die Adern ihrer Augäpfel traten immer deutlicher hervor und färbten die Sklera allmählich rot. Suzuki ihrerseits verstand wohl nicht, was los war, doch ihre zuvorige Panik wurde durch Nanamis bloße Anwesenheit zurückgedrängt. Der Blonde wandte sich nun zum Fluch, welcher sich durch Junichiro scheinbar von selbst gezeigt hatte. Er zog ein breites Messer aus seinem Jackett hervor. Auch es nahm dieses angenehme Gelb an. Suzuki folgte ihm und zog zwei Klingen aus der Halterung an ihrem Steiß. Sie war überrascht, wie automatisch ihr Körper dies alles tat.


“Dein Enthusiasmus ist löblich aber bleib bitte zurück. Mit so zittrigen Händen verletzt du dich nur selbst.”, erklärte Nanami und setzte zum ersten Schlag an. Obwohl seine Statur keineswegs so wirkte, bewegte er sich sehr flüssig. Wäre es kein Kampf, könnte man fast behaupten, es wäre elegant. Mit einem Mal wurde das Grau Schwarz. War das schon die Rückkopplung ihrer Fluchtechnik?

Nein. Noch immer sah sie die gelben Farbflecken vor sich, doch das Dunkelrot war weg. Suzuki sah sich zu allen Seiten um, bis sie den roten Farbklecks am Ende eines Gangs wieder fand.


“Er versucht zu fliehen! Er ist auf dem Korridor, von dem wir kamen!”, rief Suzuki ihrem Partner entgegen, welcher sich sofort in diese Richtung bewegte. Auch Suzuki wollte ihm hinterher, doch ihr Zittern hatte nach ihren Händen, nun auch in ihren Beinen begonnen. Ihr Körper verweigerte sich plötzlich vehement ihrem Befehl Nanami zu folgen. Ihr Körper war so schwach. Er machte sie noch wertloser als sie ohnehin schon war. Sie schaffte es nicht einmal ihre Waffen ordentlich zu halten, geschweige denn zu kämpfen.


Sie hatte der Kraftlosigkeit ihres Körpers nachgegeben und war zu Boden gegangen. Der letzte leichte Schimmer von Farbe verschwamm und löste sich auf. Es folgte erst ein taubes Gefühl in ihren Gliedmaßen, ein schmerzhaftes Pochen in ihrem Kopf und dann war dort nur Dunkelheit. Nichts als unendliche Finsternis, der sich wie ein weiterer Schleier über ihren Blick legte. Sie wusste nicht, wie lange sie dort gekauert haben mochte, doch irgendwann trat jemand an sie heran.


“Kannst du aufstehen?”, klang die tiefe Stimme Nanamis durch die Wand böser Worte in Suzukis Kopf.

“...Nein.”

“In Ordnung.”, erklärte er und musste ihr scheinbar die Hand gereicht haben, doch Suzuki sah sie nicht.

“Kannst du nicht-”

“Hilf mir bitte... Kento...”, brach eine Art Schluchzen aus der Grauhaarigen heraus.

Nanami hockte sich zu ihr, verstaute ihre Messer, welche noch immer halb in ihren zu Boden gesunkenen Händen lagen, in den Halterungen an ihrem Steißbein und half ihr mit einem um sie gelegten Arm hoch. Ihr Körper hörte, einmal angefangen, nicht mehr auf zu zittern und hielt keinerlei Spannung, weshalb er sie kurzerhand auf den Arm nahm und trug.

“Entschuldige mir die Unverfrorenheit, aber ich möchte hier weg sein, bevor dieser Arzt wieder kommt.”, erklärte der Blonde und ging los.

“Entschuldige bitte die Umstände...”

“Entschuldige dich nicht immer für Sachen, die du nicht beeinflussen kannst.”, tadelte er sie, woraufhin sie einen Augenblick still wurde.

“Danke.”, sprach Suzuki leise und rang sich beinahe eine Art Lächeln ab, bevor sie vorsichtig die Arme um seinen Hals legte. Nicht weil sie Angst hatte, er würde sie fallen lassen, sondern eher aus Angst, dass er plötzlich weg sein würde, würde sie nicht aufpassen.

“Entschuldigst dich für Unnötiges und bedankst dich für Schimpfe? Aber ansonsten geht es dir gut, oder?”
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