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Nanamin

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Übernatürlich / P16 / Het
Kento Nanami Kiyotaka Ijichi OC (Own Character) Shoko Ieiri
15.09.2021
14.03.2022
9
23.506
8
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15.09.2021 1.928
 
Sie presste die Kopfhörer immer fester auf die Ohren. Nicht einmal die eigentlich laute Musik konnte sie mehr hören. Die Stimmen in ihrem Kopf waren heute lauter als sonst, auch hörte es nicht einfach wieder auf, wie sonst. Sie versucht zu laufen, zu entkommen, doch es war zwecklos. An einer Straßenecke kauerte das Mädchen sich kraftlos hin. Ihre Arme umschlagen ihren Oberkörper, die Hände begannen über ihre Oberarme zu streichen, bis es zu einem panischen kratzen über den Stoff der Schuluniform wurde. Sie spürte gerade gar nichts. Weder den Regen, der eingesetzt hatte, noch das zittern, dass ihren gesamten Körper erfüllte. Da waren nur die Stimmen, die ihren Kopf mit fremden Worten und Geräuschen füllten. Der Lärm schien unendlich, doch mit einem Mal verstummte er und die dröhnende Musik drang wieder an ihre Ohren. Sie erschrak als sie die eisige Kälte der durchnässten Schuluniform auf ihrer Haut spürte. Wie eingefroren war sie, bis etwas ihr die Kopfhörer von ihrem Kopf zog und woraufhin sie vollkommen verschreckt hinter sich blickte. Da waren zwei Jungen. Ein schwarzhaariger, der ihr die Kopfhörer abgenommen hatte, aber keineswegs feindselig aussah, und ein blonder, welcher gerade seine gehobene Hand zurück in die Hosentasche schob, noch etwas sprach, dass sie aber nicht verstand und sich dann scheinbar desinteressiert abwandte. Der Statur und der Schuluniform nach Oberschüler, also ein gutes Stück älter als sie.

"Geht es dir gut? Hast du dich vor dem Gewitter erschrocken?", die freundliche Stimme des Schwarzhaarigen drang an ihr Ohr. Sie blickte ihn einen Moment ungläubig an, bevor sich Tränen in ihren Augen sammelten und ihr Körper zusammen sackte.

"Ah! Verdammt! Halt doch bitte mal meinen Regenschirm! Wir können sie doch nicht auf der Straße kauern lassen.", hörte sie wieder die Stimme des schwarzhaarigen Jungen.

"Stimmt schon.", eine weitere Stimme erreichte ihr Ohr. Das musste wohl der blonde gewesen sein, der den geöffneten Regenschirm seines Freundes entgegen nahm und diesen nun etwas über ihn und das Mädchen hielt.

Sie hörte wieder! Es war wie ein Wunder. Diese beiden hatten sie vorübergehend von den Stimmen befreit,die sie fast in den Wahnsinn trieben. Kam das durch den Stress? Die neue Schule verlangte ihr immerhin einiges ab. Oder wurde sie in dieser übermäßig lauten Stadt einfach allmählich verrückt? Bei ihren Großeltern auf dem Land hatte sie so etwas doch nie gehabt.

"Dort hinten an der Ecke ist doch die Bahnstadtion, da sind wir erst mal vor dem Regen sicher.", erklärte der schwarzhaarige und zog sie vorsichtig wieder auf die Beine. Sie bekam schon allein bei dem Gedanken an eine Bahnstadtion weiche Knie. Da waren immer unglaublich viele Menschen und dort hörte sie auch häufig diese merkwürdigen Stimmen.

"Gehen wir lieber wo anders hin. Die Leute da denken bloß noch irgendwas falschen, wenn sie zwei Oberschüler mit einer hilflosen Mittelschülerin sehen.", erwiderte der Blonde und deutete in die Richtung eines kleinen Cafés in der entgegengesetzten Richtung. "Da könnten wir etwas warmes trinken, hatten wir doch eh vor oder nicht?"

War das Absicht oder wirklich bloß purer Zufall? Vollkommen egal. Bei den beiden hörte sie keine Stimmen in ihrem Kopf, dass war unglaublich angenehm. Sie hielt sich also am Arm des Schwarzhaarigen, nachdem er ihr diesen als Stütze anbot. Wie ein Schluck Wasser hing das Mädchen an ihm. Hätte er sie nicht gehalten, wäre sie freiwillig mehr als gerne an Ort und Stelle vor Scharm im Erdboden versunken. Was sollte sie ihnen denn erzählen, sollte einer der beiden fragen, was mit ihr los war? Nicht einmal ihren Eltern konnte sie das richtig erklären. Die Tür öffnete sich und sie traten ein, erst der Blonde und dann der Schwarzhaarige mit ihr am Arm.
Der verhältnismäßig kleine Verkaufsraum war zwar eng gestellt, aber keineswegs überfüllt. Es fühlte sich auch nichts überflüssig an. Jede Deko, jedes Möbelstück, jede Kuchenglocke schien an seinem Platz notwendig zu sein. Und ohne wäre das Bild mit Sicherheit nicht komplett. Es war überschaubar besucht und es herrschte ein entspannter Betrieb, was noch zusätzlich zum bleiben einlud.

Nach kurzem hin und her, zur Auswahl standen mehrere Plätze, setzten sie und der Schwarzhaarige sich an einen Tisch mit bequemen Sesseln und einer kleinen Couch, letztere beschlagnahmte sie für sich. Während dessen bestellte der Blonde mit seinem ordentlich gekämmten Haar bei einer älteren Frau am Tresen. Der Schwarzhaarige hatte ihr mittlerweile sogar die Jacke seiner Uniform gegeben, da er bemerkt hatte, wie kalt sie mittlerweile schon war.

„Ich weiß gar nicht, wie ich euch danken kann.“. erklärte sie verlegen, während sie in die Jacke schlüpfte und die Enden vor ihrer Brust überkreuzte.

„Kein Problem. Lade uns doch einfach mal ein. Wir gehen hier eigentlich jeden Tag lang, dass ergibt sich doch bestimmt“, begann der Schwarzhaarige und stockte etwas, wobei er sie an sah, „Wie heißt du denn überhaupt?“

Dem Mädchen schoss einwenig das Blut in den Kopf. „Mein Name ist Nanami Suzuki.“

„Ah, Nanami-chan.“, summte er und lachte leise.

Der Blonde war nun auch wieder bei den beiden und blickte seinen Freund irritiert an. „Keine Sorge, ich meinte nicht dich Nanami.“, erwiderte der Dunkelhaarige herzlich lachend auf seine Reaktion.

„Das hoffe ich auch für dich.“, erklärte der streng dreinblickende Nanami und setzte sich in den Sessel neben seinem Freund.

„Ich bin übrigens Yu Haibara. Um Missverständnissen aus dem Weg zu gehen, nenne ich dich lieber Suzuki-chan in Ordnung?“, fragte Haibara und blickte sie mit seinem unglaublich freundlichem Lächeln an. Suzuki nickte nur und musste auch etwas lächeln.
Für einen Moment sah sie Nanami an, in der Hoffnung er würde sich auch noch vorstellen. Dieser sah das Mädchen nur kurz an, schenkte aber direkt wieder Haibara seine Aufmerksamkeit. Dieser begann daraufhin irgendetwas zu erzählen. Sie selbst bekam irgendwann gar nicht mehr so recht mit, worum es eigentlich ging. Drohte sie etwa einzuschlafen? Vor den beiden? Das konnte sie doch nicht auch noch machen! Sie kämpfte damit ihre Augen offen zu halten und wach zu bleiben, doch nach einigen Blinzlern blieben die Augen irgendwann geschlossen.

"Hattest du geahnt, dass sie einschlafen würde?"

"Mehr oder weniger."

"Dann hätte es wirklich komisch ausgesehen, wenn wir am Bahnhof gewesen wären. Klar, dass hier sieht auch gewöhnungsbedürftig aus, aber in einem Café sind sicher auch schon andere Leute eingeschlafen!"

Die Getränke, ein Kaffee, ein Tee und ein Kakao, wurden serviert. Es kehrte einen Moment Stille zwischen den beiden ein, bis der Blonde das Wort ergriff.

"Hast du gesehen, wie viele Flüche an ihr hingen?"

"Fünf oder sechs hatten sich doch mit Sicherheit bei ihr aufgehalten. Ob sie die vielleicht gehört hat?"

"Den Donner, den du erfunden hast, wird sie wohl nicht gehört haben.", erklärte Nanami und nahm einen Schluck von seinem Kaffee. "Mich macht nur die Vorstellung stutzig, dass sie die Flüche scheinbar nur gehört hatte. Sind Flüche wenn denn nicht mit allen Sinnen spürbar?"

"Stimmt schon.“, Haibara dachte für einen Moment angestrengt nach. „Vermutlich hatte sie einfach ihre Augen geschlossen.", versuchte er es nun simpel zu erklären, während er seine Teetasse samt Untertasse etwas über den Tisch schob. "Auch wenn sie nur eine Zivilistin ist, sollten wir sie der Akademie melden. Die behalten sie sicher im Auge und können ihr helfen, bei der Menge an Flüchen, die sich bei ihr rum treiben sicher nicht die schlechteste Idee."

"Hmm. Vermutlich."
Der Schwarzhaarige blickte seinen Freund unbeeindruckt an und grinste danach breit. "Also brauchen wir ja nur ihre Daten. Nur ihr Name wird wohl nicht reichen.“

„Die wird sie doch sicher nicht einfach irgendwelchen Wildfremden geben."

"Naja, sie vielleicht nicht, aber ihr Schülerausweis ist wohl gesprächig genug.", erklärte er mit seiner üblichen freundlichen Art und deutete auf ein kleines laminiertes Kärtchen, welches durch eine kleine Kette an ihrer Tasche hing. Er nahm sich die Tasche, drehte die Karte um. Das Passbild zeigte ein Mädchen mit einem fast schon unpassend fröhlich Lächeln, wenn man sie mit ihrem jetzigen Zustand verglich. Ihr Haar, grau wie Asche, hatte zwar die selbe Länge, war beim original aber um einiges unordentlicher als auf dem Bild. Nun erst erreicht sein Blick ihren Namen. „Nanami Suzuki, 12 Jahre alt, xy-Mittelschule“ las er knapp die wichtigsten Daten vor, bevor Haibara die Daten notierte und die Tasche dann zurück zu Suzuki schob.

"Und was machen wir jetzt?", fragte der Blonde nach einer kurzen Pause und einem weiteren Schluck Kaffee.

"Wir können sie jetzt nicht einfach hier allein lassen!", stellte sein Freund direkt klar, woraufhin Nanami etwas verächtlich in seine Tasse schnaubte, "als hätte ich das vorgehabt".


Es vergingen die Tage und Wochen und Suzuki hatte sich mittlerweile angewöhnt nach der Schule auf die Beiden zu warten. Sie kamen wirklich nicht jeden Tag hier entlang, doch die Freude, darauf sie zu treffen, brachte das Mädchen einfach jedes Mal dazu hier zu warten. Die letzten Male waren sie in verschiedenen Cafés gewesen. In dieser Gegend waren überraschen viele und keines war wie das andere. Einmal waren sie sogar in einem kleinen Spielecenter gewesen. Fürs nächste Mal wollten sie die neu eröffnete Patisserie am Ende der Straße ausprobieren, jedenfalls hatte Yu das beim letzten Mal vorgeschlagen.

Sie genoss die Zeit mit ihnen und spürte, dass sie Yu und Nanami in ihr kleines Herz geschlossen hatte und am liebsten jeden Tag treffen würde. Bei den beiden war es ihr möglich Ruhe zu empfinden, egal wie belebt der Ort war, an dem sie waren.

Es verging die erste Woche, in der sie die Beiden gar nicht gesehen hatte. Ob etwas passiert war? Sicher hatten sie einfach nur eine stressige Woche und waren deswegen nicht hier entlang gekommen. Sie hatten ja erzählt, dass sie im Wohnheim direkt auf dem Schulgelände lebten, also war das hier ja keine Strecke, die sie gingen, um beispielsweise nach Hause zu gehen.

Weitere Wochen verstrichen und ihre anfängliche Freude schien sich langsam zu Frust zu wandeln. Hatte sie sich denn nicht mit den Beiden angefreundet? Hatte sie irgendetwas falsch gemacht? ... Obwohl, bildete sie sich wirklich ein, dass zwei Oberschüler Zeit mit einer Mittelschülerin verbringen wollten? Mit ihr? Einem komischen Mädchen, dass Stimmen hörte?


An diesem regnerischen Nachmittag waren diese Stimmen mit einem Mal verschwunden, während sie wie die Tage zuvor auf die Beiden wartete. Ihr Blick hob sich und sie blickte an der Kante ihres Regenschirms vorbei ins strenge Gesicht von Nanami, der wie damals wieder seine Hand in seiner Hosentasche verschwinden ließ. Es kehrte Farbe zurück in Susukis Gesicht und sogar zu einem leichten Lächeln ermutigte sie sich.

„Schön dich zu sehen! Ich freue mich wirklich riesig darauf mit euch die Patisserie auszupro-“

„Geh nach Hause. Wir werden hier nicht mehr vorbeikommen.“

„Aber... Du bist doch hier. Wir müssen doch nur auf Yu warten.“, sprach sie nun zögerlich und senkte ihre Mundwinkel.

„Genau das ist das Problem.“, erklärte der Blonde unterkühlt und ging weiter.

„Warte doch bitte! Ist irgendetwas passiert?“, fragte Suzuki und ging ihm einige Schritte nach, bis er stehen blieb und sich ein letztes Mal zu ihr wandte.

„Er ist verunglückt.“, sprach er knapp und sein scharfer Blick durchstach ihr gnadenlos das kleine Herz.

Regungslos klammerte sie sich an den Regenschirm in ihrer Hand. Sie wusste nicht, wie viel Zeit schon vergangen war, als Nanami weitergegangen war, doch sie konnte gerade einfach nicht weitergehen. Das Mädchen stand einfach nur dort im Regen und bemerkte, wie sich ihr Kopf wieder mit diesen unglaublich lauten Stimmen füllte. Unaufhörlich wurden es immer mehr. Diese ließen sie nicht einmal spüren, wie ihre warmen Tränen über die eiskalte Haut flossen.
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