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Liebe auf Umwegen

von Mujuchu
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Het
Dr. Anja Licht Franz Hubert
15.09.2021
22.09.2021
4
6.000
3
Alle Kapitel
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18.09.2021 1.703
 
Als Anja einige Tage später zu einem Tatort gerufen wurde, traf sie nur Staller und Riedl an. “Wo ist denn der Hubsi?”, fragte sie und beugte sich über die Leiche. Hansi druckste herum und stellte dann Fragen zum Toten. “Ist er krank?”, wunderte sich die Pathologin. “Nein”, sagte Hansi, “der hat Urlaub eingereicht und...”. Staller stockte und ging zum Streifenwagen. Anja blieb irritiert zurück, machte sich dann aber an ihre Arbeit. Der Hubsi und Urlaub? Sie wusste, dass er seit ihrer Scheidung keinen Urlaub mehr gemacht hatte. Sie dachte an ihr letztes Zusammentreffen. Das war echt dumm gelaufen! Warum hatte sie ihm nicht erzählt, dass sie mit Karl schon lange Schluss gemacht hatte? Seine Liebeserklärung hatte sie völlig überrumpelt und blöder hätte sie wirklich nicht reagieren können! Sie beschloss mit Hubsi zu sprechen, sobald er aus seinem Urlaub zurückkam. Vier Wochen vergingen und Anja merkte jeden Tag, wie ihr ihr Ex-Mann fehlte. Ansonsten sah sie ihn alle paar Tage automatisch, wenn sie zu einem Tatort gerufen wurde. Doch nun traf sie nur Staller an und kein Hubsi weit und breit. Eines Abends war sie sogar an Hubsis Haus vorbeigefahren, doch alles war dunkel und die Rollläden waren geschlossen. Danach probierte sie es auf seinem Handy, doch sie erreichte niemanden.

Das nächste Mal, als Staller sie zu einem Tatort rief, nahm sie ihn beiseite und fragte ihn wie beiläufig: “Du Hansi, wann kommt denn der Hubsi wieder?” Staller wurde rot und sagte dann leise: “Der kimmt nimmer, der hat einen Versetzungsantrag gestellt und sein Haus ist leer. Er macht solange Urlaub, bis der Antrag durch ist, hat er gesagt.” Anja war geschockt. “Hat er...ähm...eine neue Freundin, mit der er weg ist?”, fragte sie leise. Staller schüttelte den Kopf: “Na, der ist wegen dir weg, weil du ja jetzt den Ranzinger hast. Du, ich glaub, das kann er sich einfach nicht mit ansehen.” Anja schossen die Tränen in die Augen. “Anja”, rief Hansi bestürzt, “was ist denn los?” “Ich bin doch schon lange nicht mehr mit dem Karl zusammen. Ach Hansi, ich war so blöd.” Und dann erzählte sie dem schlaksigen Polizisten was Hubsi zu ihr in der Pathologie gesagt hatte und auch wie sie reagiert hatte. Staller stöhnte auf: “Ihr seid zwei solche Sturköpf!” “Ich muss dringend mit dem Hubsi reden. Weißt du, wo er ist?”, wollte Anja wissen. Staller zögerte, dann nickte er. “Er wollt den Kopf frei kriegen und ist in die Berge. Da hat er sich eine Hütte gemietet. Ich bring ihm am Wochenende immer Lebensmittel und so. Aber ich glaub, dem geht’s gar nicht gut. Das ist auch der Grund, warum ich dir das erzähle.” “Nimmst mich mit, am Wochenende?”, Anja sah Hansi bittend an und er stimmte zu.

Seit vier Wochen saß Hubsi in dieser Hütte. Er liebte es allein zu sein und unternahm Wanderungen zu verschiedenen Berggipfeln der Umgebung. Da er von weit oben startete, begegneten ihm wenig Leute. Eigentlich wollte er Anja hier vergessen. Er hatte gedacht, wenn er sie nicht mehr sah, dann würde der Schmerz vergehen. Aber das war nicht so. Seine Sehnsucht nach ihr wuchs von Tag zu Tag. In seinen Träumen sah er sie in den Armen des Anderen und oft wachte er tränenüberströmt auf. Sein einziger Kontakt zur Außenwelt war Staller, der am Wochenende zu ihm auf die Hütte stieg, was er ihm hoch anrechnete. Er hatte mit ihm sogar über Anja gesprochen, doch er hatte ihm nicht erzählt, was er zu ihr in der Pathologie gesagt hatte. Ihre Reaktion tat immer noch so weh. Inzwischen war es Herbst geworden. Wie viele Wochen musste er sich hier oben noch verschanzen bis der Versetzungsantrag durch war?  

Heute war wieder Samstag und Hubsi hielt Ausschau nach Hansi. Bald sah er ihn aus dem kleinen Wäldchen kommen, das vor seiner Hütte lag. Er wollte ihm gerade entgegen gehen, da sah er, dass Hansi dieses Mal nicht alleine gekommen war. Direkt hinter ihm lief Anja. Hubsis Herz hüpfte, doch seine Augen blieben ausdrucklos und er verschränkte die Arme vor der Brust. “Was willst du denn hier”, blaffte er Anja an und warf Hansi einen strafenden Blick zu. Anja schwieg und ging einen Schritt auf ihren Ex-Mann zu. Sie setzte ein freundliches Lächeln auf und meinte betont fröhlich: “Ich wollt halt mal schauen, was du so machst.” Hubsi wandte sich ab und ging in die Hütte. Von drinnen rief er: “Hansi, kommst du?” Staller grinste Anja an und trat in die Hütte. “Ja, spinnst du? Was bringst du die Anja mit hoch? Kommt der Ranzinger au glei ums Eck und wir machen einen schönen Familienausflug?” Hubsi war wütend. Da wurde es Staller zu bunt und er schrie seinen Freund an: “Jetzt hör halt mal auf mit deiner ewigen Grantelei. Die Anja wollte mit dir sprechen, das ist ja wohl noch erlaubt. Ich geh jetzt wieder runter, deine schlechte Laune tu ich mir nicht an!” Noch bevor ihn Hubsi daran hindern konnte, war Hansi im Wald verschwunden. Mürrisch trat Hubsi vor die Hütte und sah Anja an: “Wo hast denn dein Gspusi gelassen?” Anja senkte den Blick und murmelte: “Der ist schon lang nimmer mein Gspusi. Franz, ich war so blöd, da in der Pathologie.” Hubsi schluckte. Anjas Erscheinen hatte ihn kalt erwischt und er hatte seine Gefühle nur schwer im Griff. Am liebsten hätte er Anja in die Arme genommen und geküsst, aber sie liebte ihn nicht mehr. Auch wenn sie sich vom Ranzinger getrennt hatte, so würde es bald einen anderen geben. Für ihn würde es aber nie eine andere geben als Anja, da war er sich sicher.

“Anja”, sagte er schließlich, “das ändert aber nichts. Ich muss dich vergessen. Ich hab gedacht, wenn ich dich nicht seh, dann ist das leichter. Es gibt nichts mehr zu reden. Wir sind geschieden und jetzt sollten wir uns auch so verhalten und getrennte Wege gehen.” Hubsi ging zurück in die Hütte und schloss die Tür hinter sich. Doch Anja rührte sich nicht vom Fleck und wohl oder über musste Hubsi nach einiger Zeit wieder aus der Hütte treten, denn das WC-Häuschen befand sich außerhalb. Anja saß inzwischen im Gras und veranstaltete ihr persönliches Sit-in. Sie sah Hubsi amüsiert an, als er wieder aus dem WC-Häuschen kam und in seine Hütte zurückging. Langsam wurde es dunkel und Hubsi wusste, dass er Anja nicht die ganze Nacht draußen lassen konnte und zum wieder Hinuntersteigen war es alleine zu gefährlich. Deshalb kam er am Abend aus seinem Refugium und sagte barsch zu Anja: “Ich bring dich ins Tal.” Doch Anja blieb sitzen und sagte nur: “Ich geh erst, wenn mir miteinander gsprochen ham.” Hubsi seufzte, diesen Tonfall kannte er noch aus seiner Ehe. Den hatte sie immer angeschlagen, wenn er irgendein Problem in sich hineingefressen hatte und sie darüber reden wollte. Am Anfang ihrer Ehe hatte das immer geklappt und er hatte ihr seine Sorgen und Probleme mitgeteilt, doch mit der Zeit hatte sie nicht mehr nachgebohrt und er hatte von sich aus nichts erzählt. Es war ihr einfach zu anstrengend geworden.  

Hubsi sah wie Anja fröstelte und wohl oder übel musste er sie in die Hütte lassen. Der alte Holzofen wärmte das kleine Häuschen und Anja setzte sich auf die hölzerne Bank davor. Sie betrachtete ihren Ex-Mann genau. Er war schmal geworden und hatte sich seit Tagen nicht mehr richtig rasiert. Er trug eine Jeans und ein kariertes Hemd mit einem T-Shirt darunter. Im Schein des Feuers sah er verwegen aus und Anja spürte ein Kribbeln im Bauch, wenn sie den attraktiven Mann vor sich ansah. Schweigend saßen sie sich gegenüber, bis Anja das Wort ergriff: “Hubsi, ich muss mich bei dir entschuldigen. Ich war ganz überrumpelt von dem, was du mir in der Pathologie gesagt hast und ich...” Hubsi stand auf und ging wie ein Tiger im Raum herum. Er hielt es einfach nicht mehr aus. Sie war hier im Raum mit ihm. Warum war sie gekommen? Diese Frau machte ihn einfach wahnsinnig! Schließlich setzte er sich auf einen Stuhl und schaute sie an: “Warum bist du gekommen, Anja?”, unterbrach er sie. “Ich hab dich vermisst, Franz. Ich weiß nicht, was mich da geritten hat, in der Pathologie. Da hatte ich schon Schluss gemacht mit dem Karl. Ich hab gemerkt, dass des keine Zukunft hat, denn du bist mir immer noch der allerliebste Mensch auf der Welt.” Hubsi sah die Tränen in ihren Augen und es dauerte eine Weile, bis er den Sinn ihrer Worte begriffen hatte. Er räusperte sich und sagte sanft: “Anja, die Vergangenheit hat gezeigt, dass es nicht funktioniert mit uns beiden. Ebony and Ivory, das war eigentlich schon bei unserer Hochzeit klar, dass wir sehr verschieden sind. Damals haben wir noch gedacht, wir kriegen das hin. Es hat ja auch zehn Jahre lang funktioniert, aber dann war es vorbei.” Inzwischen liefen Anja die Tränen unaufhörlich über das Gesicht und auch Hubsis Augen wurden feucht. Hubsi zögerte kurz, doch dann setzte er sich neben sie auf die Ofenbank und legte seinen Arm um ihre Schultern. Sie lehnte sich an ihn und weinte, bis sein T-Shirt nass war. Hubsi spürte ihre Nähe und in ihm stieg ein Verlangen danach auf, sie zu trösten und sie zu lieben. Er wollte doch das Anja glücklich war und stattdessen weinte sie hier in seinen Armen, wegen ihm und um ihn.  

Plötzlich fing sein Herz an zu rasen und er hatte das Gefühl, dass er kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand. Ihm wurde übel und er zitterte am ganzen Leib. Erschrocken sah ihn Anja an. “Hubsi, geht’s dir net gut?” Hubsi stand auf und ging auf und ab. Er spürte eine große Hilflosigkeit in sich und wusste nicht mehr ein noch aus. Anja ging auf ihn zu und nahm seine Hand. Sie führte ihn zurück auf die Ofenbank und sprach beruhigend auf ihn ein: “Alles ist gut, Franz. Wir schaffen das schon. Schau, wir sprechen wieder miteinander, das ist ein Anfang. Wir können aus unseren Fehlern lernen. Lass es uns langsam angehen, aber wir lieben uns und wir sind es uns schuldig, dass wir es noch einmal versuchen. Ich brauch dich doch, Franz!” Langsam beruhigt sich Hubsi und erleichtert spürte Anja, dass sich sein Herzschlag normalisierte.
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