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Liebe auf Umwegen

von Mujuchu
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Het
Dr. Anja Licht Franz Hubert
15.09.2021
22.09.2021
4
6.000
3
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15.09.2021 1.252
 
Gegen Abend fuhr Hubsi mit dem Streifenwagen vor den Haupteingang des Wolfratshausener Klinikums. Er sollte sich die Videoüberwachung des Krankenhauses ansehen. Gerade als er aussteigen wollte, sah er seine Ex-Frau mit Dr. Ranzinger Arm in Arm aus dem Krankenhaus kommen. Verletzt beobachtete er, wie der Arzt Anja im Arm hielt und die beiden wie verliebte Teenager herumalberten. Hubsi spürte einen schmerzhaften Stich im Herzen und das Gefühl nahm ihm den Atem. Er blieb noch einen Moment sitzen und schloss die Augen.  Überrascht erblickten Anja und ihr Chefarzt den Polizisten: “Kann es sein, dass du uns beschattest?”, schimpfte Anja und sah ihn wütend an. “Wie kommst denn darauf?”, erwiderte er, “Völlig normale Ermittlungsarbeit.” “Um die Zeit?”, wunderte sich Anja. Hubsi öffnete die Autotür und stieg aus. Die kaputte Tür fiel aus den Angeln und blieb auf dem Pflaster liegen. “Ein guter Polizist ist immer im Dienst”, betonte er und ging an Anja und Dr. Ranzinger vorbei. “Eindrucksvoll, dein Ex”, sagte Anjas Begleitung und verließ mit ihr das Klinikgelände.

Anja und er waren seit Jahren geschieden, doch er konnte es nicht ertragen sie in den Armen eines anderen Mannes zu sehen. Schon in der Pathologie hatte ihm Anja vor einigen Tagen unter die Nase gerieben, wie glücklich sie doch mit ihrem “Schatzi” ist. Seine Laune war sofort im Keller gewesen! Zu gerne hätte er ihr “Schatzi” als Mörder verhaftet, aber leider war er unschuldig. Hubsi seufzte. Warum konnte er nicht einfach mit der Vergangenheit abschließen, Anja gelang es anscheinend auch vortrefflich. Mit schwerem Herzen erinnerte es sich an die Szene, als Anja vor seinen Augen ihren neuen Freund innig geküsst hatte. Ihm war ganz schlecht geworden und er musste sich abwenden.  

Am Abend ging Hubsi in den Keller und holte die alten Fotos hervor. Mit Tränen in den Augen sah er Anja an, die glücklich an seiner Seite in die Kamera lächelte. Traurig öffnete er eine Flasche Rotwein und dann noch eine. Er warf die leere Flasche an die Wand und sie zersplitterte in tausend Scherben. Mit geröteten Augen setzte er sich auf sein Sofa und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Das Bild, wie Anja an den Lippen des Arztes hing, hatte sich in sein Hirn gebrannt und ließ ihn nicht mehr los. Der Schmerz überwältigte ihn und er begann zu schluchzen. Die Scheidung hatte ihm das Herz gebrochen, doch die Hoffnung blieb all die Jahre, dass sie eines Tages wieder zu einander finden würden. Regelmäßig trafen sie dienstlich aufeinander, das war ihm für den Moment genug gewesen. Doch jetzt war alles verloren. Anja hatte eine neue Liebe gefunden und er wollte ja, dass sie glücklich war, notfalls eben auch ohne ihn. Aber zusehen konnte er dabei nicht. Hubsi fasste einen Entschluss. Er würde weggehen, wohin, das wusste er noch nicht. Hauptsache er musste nicht danebenstehen und sehen, wie seine Anja einen anderen Mann liebte.

Unterdessen lag Anja zu Hause im Bett. Der Abend mit Karl war schön gewesen, doch als er sie nach dem Abendessen gebeten hatte, noch bei ihm zu bleiben, hatte sie abgelehnt. Sie hatte wohl bemerkt, wie getroffen Hubsi von ihrer neuen Beziehung war und sie fühlte, dass ihr das nicht egal war. Wenn Hubsi doch nur auch eine neue Liebe finden würde, wäre manches leichter. Bei dem Gedanken begann aber auch ihr Herz sich zu schmerzen. “Schon seltsam”, dachte sie, “jetzt liege ich hier in meinem Bett nach einem wunderbaren Abend mit meinem Freund und denke an meinen Ex-Mann.” Über diesem Gedanken schlief sie endlich ein.

Einige Tage später entdeckten Hubsi und Staller eine Leiche in einem Schullandheim und er traf wieder mit Anja zusammen. Hubsi konnte sie nicht ansehen, ohne daran zu denken, wie der andere Mann sie in seinen Armen hielt. In der Pathologie riss er sich zusammen und ließ die Frotzeleien seiner Ex-Frau über sich ergehen, doch als er im Zimmer der verletzten Lehrerin Anja am Fenster stehen sah, wusste er, dass bei ihr nicht alles in Ordnung war. “Ich frag mich, wie das wär’, wenn ich da läg”, fragte Anja nachdenklich. Schon der Gedanke, Anja hilflos im Koma vor sich liegen zu sehen, ließ sein Herz verkrampfen. “Wär’ doch super, der Freund ist Arzt, da könnt’ ihr euch jeden Tag sehen”, frotzelte er. Doch Anja wandte sich traurig ab und sah aus dem Fenster. Unbeholfen versuchte er sie zu trösten, doch ein Blick in ihr Gesicht zeigte ihm, dass ihm das nicht wirklich gelang. Er machte einen Schritt auf sie zu und schaute ihr in die traurig blickenden Augen. Wut stieg in ihm auf, Wut auf den Nebenbuhler, der seine Anja unglücklich machte. Sein Herz klopfte und er wollte gerade auf sie zugehen, doch in diesem Moment erwachte die Patientin aus dem Koma und der Moment war dahin. Anja kümmerte sich um die gerade aufgewachte Frau und verließ dann das Krankenzimmer. Hubsi hatte noch ein paar Fragen an die Verletzte, deren Mann ihren Geliebten umgebracht hatte, danach machte auch er Feierabend.

In der Nacht träumte Hubsi von der Komapatientin. Doch im Bett, an all die Maschinen angeschlossen, lag Anja. Er saß mit rotumrandeten Augen daneben und fragte sich, warum er ihr nicht längst gesagt hatte, dass er sie noch immer liebte. Auf einmal gab der Monitor nur noch einen langgezogenen Piepton von sich und die Ärzte schaltete die Apparate ab. Sie deckten Anja mit einem Tuch zu und fuhren sie hinunter in die Pathologie. Hubsi sah sich alleine in dem leeren Krankenzimmer sitzen. Panisch erwachte er, sein Gesicht war tränennass.  

Anjas Beziehung mit Dr. Ranzinger hatte sich deutlich abgekühlt. Sie nannte ihn nicht mehr Schatzi, eine Tatsache, die ein Lächeln auf Hubsis Gesicht zauberte. Mehr als einmal überlegte er, ob er auf Anja zu gehen sollte, doch nie gab es eine geeignete Gelegenheit. Wieder ermittelten sie in einem Mordfall, als Anja wie immer die Polizisten nach der Obduktion in die Pathologie bestellte, um ihnen ihre Ergebnisse mitzuteilen. Doch diesmal war Hubsi alleine gekommen und sie zeigte ihm gerade, die Verbrennungsmale am Nacken des Toten, als ihre Köpfe dabei aneinander knallten. “Irgendwie schaffen wir es auch noch nach Jahren”, seufzte Anja und hielt ihren schmerzenden Kopf. “Was?”, fragte Hubsi irritiert und sah ihr direkt ins Gesicht. “Uns weh zu tun”, meinte Anja mit ungewohnt sanfter Stimme. “Stimmt”, murmelte Hubsi ohne den Blick von ihr zu wenden. Er hörte gar nicht mehr, was sie ihm über die Leiche mitteilte. Seine Gefühle und Gedanken überschlugen sich. “Anja”, begann er, “ich will und wollte dir nie weh tun. Was ist nur aus uns geworden, wir haben uns doch einmal so geliebt?” Anja seufzte und schaute in Hubsis blaue Augen: “Ich weiß es nicht.” “Ich hab dich immer noch lieb”, sprach Hubsi weiter und sah sie unverwandt an, “aber du liebst jetzt einen anderen.” Anja zögerte, dann nickte sie. “Ja, ich hab jetzt den Karl”, sagte sie mit belegter Stimme. Hubsi legte seine Hände an ihre Wangen und flüsterte mit brüchiger Stimme: “Ich wünsch dir, dass du wieder glücklich wirst.” Er küsste sie sanft und verließ die Pathologie. Auf dem Revier reichte er einen Antrag auf Urlaub und seinen Antrag auf Versetzung ein, die er beide seit Tagen vorbereitet in seiner Schreibtischschublade liegen hatte. Er gönnte Anja ihr Glück mit dem neuen Mann, aber zusehen konnte und wollte er dabei nicht. Da er seit Jahren keinen Urlaub eingereicht hatte, stimmte Polizeirat Girwidz dem Urlaubsantrag zu. Über die Versetzung entschied der Dienstherr in München, das konnte aber noch dauern. Hubsi erklärte Hansi kurz, dass er Urlaub eingereicht hatte und verließ dann das Revier.
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