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Die Engel der Klingen

GeschichteDrama, Horror / P18 / Mix
OC (Own Character)
15.09.2021
16.09.2021
2
2.048
 
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15.09.2021 880
 
13. November 1957

Früher machte es mich sehr traurig, wenn ich Mütter mit ihren neugeborenen Kindern sah. Sie flanierten auf dem Boulevard mit ihren Kinderwägen, voller Stolz das kleine Leben bewundernd, dass ihr Körper ihnen geschenkt hatte. Mein eigener Körper Indies beschenkte mich nicht. Männer kamen, die Lebensjahre vergingen. Was nützt es, wenn im Herzen einer Frau so unendlich viel Platz ist für die Liebe zu eigenen Kindern, diese aber niemals geboren werden, niemals aufwachsen, niemals die Leere füllen können?

Schatten füllen dieses Herz, Schatten die Hoffnung durch Verzweiflung, Freude durch Trauer und Mut durch Angst ersetzen.

Mutter Miranda verstand dies rasch und machte der Frau mit den vielen Schatten im Herzen ein Geschenk. Ein Geschenk das Hoffnung, Freude und neuen Mut versprach. Drei der Zahl sollten es sein. Ich wählte unter der Dienerschaft die geeignetsten Kandidatinnen aus. Die Älteste, Teona, geboren am 28.08.1937 in Isla, Siebenbürgen. Die Jüngste, Fabia, geboren am 15.02.1940 in Topana, Große Walachei. Und Sânziana, geboren am 03.11.1939, in Kalusch, Moldau.

Ich inszenierte am Abend im Schloss eine kleine Festlichkeit und ließ Ihnen reichlich Wein ausschenken. Sie tranken in Dankbarkeit und wurden schon bald vom Geist des Weines in süße Benommenheit geschickt. Ihre Körper sind in der Nacht in einen Nebenraum des Weinkellers gebracht worden. Dies erschien mir der geeignetste Ort. Die Leiber wurden direkt auf schweren Holzpritschen mit Lederriemen fixiert. Noch in der Nacht überreichte Mutter Miranda Ihnen ihr Geschenk. Cadou, ein Parasit, der viele Formen annehmen kann und das Leben in seiner Form verändert, es aufschwingen lässt um über den normalen Leben zu stehen, näher an der Überwelt.

Mir trug Sie noch einmal die möglichen Konsequenzen meines eigenen ganz persönlichen Geschenkes an. Ich entschied mich aber dafür, wohlwissend, dass meine Schwäche auch die des neuen Lebens sein kann. Mit der Klinge strich ich über meinen Unterarm und beobachtende, wie sich ein blutroter Fluss auf der Oberfläche meiner Haut bildete. Ich hielt den Arm über die erste und sprach: >>Blut von meinem Blut<<, wiederholte diesen Satz einmal in meinen Gedanken. Dann drehte ich den Arm um und ließ die Tropfen in den geöffneten Mund von Teona fallen. Die gleiche Gabe lies ich Fabia und Sânziana zukommen

>>Blut von meinem Blut<<, sprach ich noch einmal. Dann stellte ich mich wieder zu Mutter Miranda und sah, dass es gut war.  


14. November 1957

Der Morgen graute schnell. Die drei jungen Frauen machten noch den Eindruck unverändert zu sein. Doch lies in der Nacht die Umarmung des Weins nach und Sie schauten voller Entsetzen auf mich. Das Geschenk bemächtigte sich ihrer Körper und nahm ihnen auch die Fähigkeit zur Lautartikulation. Nur stumme Schreie verließen ihre Münder.

Am Nachmittag hörten auch ihre letzten Bewegungen auf. Ein einzelnes Insekt, eine Fliege, verließ den starr geöffneten Mund von Teona. In mir machte sich Bitterkeit einen Platz. So oft ich den Tod schon lächeln sah, ich mochte ihn nicht.


15. November 1957

Als ich am Morgen nachschaute, waren die Körper übersät mit Fliegenmaden, unzähligen. Sie wandten sich über die Körper und nährten sich vom Fleisch. Ein leicht süßlicher Geruch tat sein Übriges, ich hielt es nicht lange in diesen Raum aus. Im Augenwinkel dachte ich, eine Bewegung eines der Körper wahrzunehmen. Wo hielten sich diese drei auf, zwischen Leben und Tod?


16. November 1957

Die Fliegenmaden hatten in der Nacht ihre erste Metamorphose hinter sich gebracht. Als ich den Raum betrat schienen die Wände zu Leben. Auch bedeckten unzählige von ihnen die Körper. Der Geruch brachte mich an den Rand des Vomierens, also öffnete ich ein Fenster. Die Kalte, frische Luft ließ die Insekten weichen, schien sie gar zu schwächen. Ich schloss das Fenster und verließ den Raum.


17. November 1957

Ich fand unzählig tote Insekten vor. Die, die noch lebten bildeten jeweils eine massive Ansammlung, erinnerten aber nur schwerlich an einen Menschen. Als ich mich der Pritsche nährte, auf der einst der Körper von Teona lag, ging ein synchroner Schlag der Flügel wie ein Rück durch die Legion der Fliegen. Sie schienen meine Anwesenheit zu spüren.


18. November 1957

Die uferlose Schar der Insekten formten nun die exakten Konturen menschlicher Leiber. Auch scheinen manche eine Art von farblicher Morphose zu durchlaufen. Ihre Verschmelzung war an manchen Stellen schon nahezu perfekt.


19. November 1957

Ich betrat angespannt den Raum. Alle Insekten waren verschwunden und an ihrer Stelle lagen nackten Körper auf den Pritschen. Drei, gleichmäßig atment, so als ob die letzten Tage aus dem Verlauf der Zeit gestrichen waren und niemals passierten.

Am Morgen erwachte die erste, die Älteste. Ihre Augen blickten auf mich, als sahen Sie noch nie etwas anderes. Ich hab gab ihr den Namen  Bela. Mein Herz. Denn Sie ersetzte meine Angst durch neuen Mut. Am Mittag erwachte die Zweite. Der Blick wie ein Wiegenkind. Dieser, gab ich den Namen Cassandra. Meine Beschützerin. Sie ersetzte meine  Verzweiflung durch neue Hoffnung. Am Abend erwachte die dritte, die Jüngste. Der Blick voller Neugier. Dieser, gab ich den Namen Daniela. Meine Offenbarerin. Sie ersetzte  meine Trauer durch neue Freude.

Die Gefühle von Nähe und Verbundenheit wogten in mir in einer unbeschreiblichen Intensität. Diese drei, es waren meine drei Kinder, meine Töchter. Blut von meinem Blut, und ich sah, dass es gut war.
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