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Kein Heiliger

von Secreta
GeschichteDrama / P16 / Gen
Aaron "Hotch" Hotchner Dr. Spencer Reid Penelope Garcia
15.09.2021
15.09.2021
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Kein Heiliger

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Disclaimer: Criminal Minds und seine Welt gehören Jeff Davis. Dies ist eine Fanstory. Sie dient nur zum Lesen und keinerlei kommerziellem Zweck.
Story-Art: Drama, OOC, Alternative Universe
Warnung: Kindermissbrauch (erwähnt)
Zeitpunkt: Dies ist also ein Alternative Universum One Shot. Doktor Spencer Reid gibt es tatsächlich, aber er ist nicht von Anfang an in der BAU dabei.
Beta: elli
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Kein Heiliger


"Hotel Sunny Island, Stock 3, Zimmer 311, Columbus, Ohio. Ein Paket für Agent Hotchner", war das Einzige, was Penelope Garcia als Nachricht per Telefon bekam, bevor der unbekannte männliche Anrufer die Verbindung unterbrach.

Die technische Analystin der BAU hatte keine Chance gehabt, etwas zu sagen oder gar der Sache nachzugehen. Kaum dass der Anruf beendet wurde, war das Handy ausgeschaltet worden und der Anruf war damit nicht rückverfolgbar. Ein wenig später fand man das Handy - natürlich ohne Fingerabdruck - im Mülleimer im besagten Zimmer.

+++ +++ +++ +++ +++

Etwa einen Monat später bekam Penelope Garcia in ihrer Höhle wieder einen Anruf. Es war wieder die gleiche Stimme.

"Hotel Keys Paradise, Stock 7, Zimmer 745, Keys West, Florida. Ein Paket für Agent Hotchner", sagte eine ruhige männliche Stimme sachlich. Diese Stimme erkannte Garcia sofort wieder. Es war wieder er, der schon vor einem Monat angerufen hatte. Sie fand, dass er ziemlich jung klang.

"STOP!!! … Nicht auflegen … Nicht auflegen … Wer sind Sie?", rief sie praktisch ins Mikro rein. Natürlich bekam sie keine Antwort. Penelope konnte nur seufzend feststellen, wie der Anrufer die Verbindung kappte. Auch wenn sie versuchte, den Anruf zurückzuverfolgen, war es sinnlos. Der Mann hatte das Handy ausgeschaltet. Der Anruf war wieder von einem Wegwerfhandy gekommen, aber das Handy wurde diesmal nicht im besagten Zimmer gefunden.

+++ +++ +++ +++ +++

Es folgten ähnliche Anrufe. Es lagen 27 bis 32 Tage dazwischen. Man konnte also nicht genau sagen, wann sich der Unsub wieder melden würde. Unsub war eigentlich nicht das richtige Wort, dieser tötete nicht. Im Gegenteil, seine Pakete, die er ankündigte, waren sehr wohl quietschlebendig. Natürlich am Anfang hatte man bei dem ersten Anruf nicht gewusst, um was es sich genau handelte. Die BAU verfolgte diese Linie seitdem genau.

Ab dem dritten Paket war Agent Hotchner und seinem Team der BAU eins klar, es war jemand, der auf eigene Faust auf Verbrecherjagd ging. Auch wenn die Methoden doch fraglich waren und sie sich nicht nur einmal fragten, wie ein einzelner Mann das alles schaffen konnte.

Die Pakete für das FBI bestanden darin: Dass die Polizei vor Ort immer einen halbnackten gefesselten Mann auf dem Bett fand. Am Ende des Bettes fanden sie außerdem immer schön ordentliche Stapel bestehend aus Fotos, Dokumenten, Beobachtungsmaterial und einem Hinweis, wo sie die Beweismittel in dessen Haus oder Wohnung finden konnten. Wenn sie sich nicht dort befanden, teilte ihnen der Unbekannte per kurzer Notiz mit, in welchem Schließfach sie es sonst finden würden. Meistens befanden sich die am nächstgrößeren Bahnhof.

Hotch wollte nicht wirklich genau wissen, wie der Typ das alles besorgte. Aber eins war klar, da stimmten auch die anderen Mitglieder der BAU zu, der Unsub musste damit viel Zeit verbracht haben, um alles zusammenzustellen und dem FBI zur Verfügung zu stellen. Die Beweise waren stichhaltig und wurden vor Gericht zugelassen.

Das jetzige Team der BAU bestand momentan aus ihm, Aaron Hotchner als Teamleiter, Derek Morgan, Jennifer „JJ“ Jareau, Emily Prentiss, David Rossi, der erst vor einigen Wochen zur BAU zurückgekehrt war, und die technische Analystin Penelope Garcia.

Auch wenn von dem Unbekannten kein Foto existierte, konnte man langsam aber sicher ein Profil zusammenstellen: Er war männlich, klang jung. Aber allen im Team war bewusst, Stimmen konnten täuschen. So wie dieser arbeitete und vorging bei seinem Tun, zum Beispiel die Art, wie er Beweisen besorgte und seine eigenen Spuren verwischte, sprach dafür, dass er jede Menge Erfahrung damit hatte und eine gute Beobachtungsgabe. Er war hochintelligent, ordentlich, sauber und gewissenhaft.

Gewissenhaft, da er seine Pakete nie tötete, sondern einfach mit einem gewissen Gift lahmlegte, aber so dass sie nie in Lebensgefahr schwebten, wenn die Polizei eintraf. Man gab ihm den Namen: Der Bote. Der Mann wanderte auf einem schmalen Grat zwischen richtig und falsch. Man konnte nicht sagen, dass er böse oder gut war, seine Zone war grau. Eine gefährliche Mischung, die man nicht unterschätzen durfte.

+++ +++ +++ +++ +++

Es klingelte wieder, diesmal wurde der Anruf direkt an Hotch weitergeleitet. Es war der siebte Monat. Zuvor waren also schon sechs Pakete an ihn mündlich adressiert worden. Seit der letzten Lieferung waren schon 30 Tage vergangen. Im Team war eins klar, der Unbekannte war noch nicht fertig. Er würde sich wieder melden. Und sie behielten recht.

"Hotchner", meldete sich Hotch streng.

"...", ein Moment des Schweigens folgte. Hotch horchte in den Hörer, er hatte das Gefühl, dass der Mann auf der anderen Leitung gerade überrascht wirkte.

"Hotel Cityline, Stock 3, Zimmer 323, New Orleans, Louisiana", teilte er Hotch dann ruhig mit.

"Wieso tun Sie das?", fragte Hotchner einfach. Es war eine simple Frage.

Die Verbindung wurde ohne eine Antwort unterbrochen.

+++ +++ +++ +++ +++

Als das nächste Paket für Agent Hotchner abgeliefert wurde, wie auch die dazugehörigen Beweise, saß das Team wieder am runden Tisch in der BAU und trug zusammen, was sie von diesem sonderbaren Unbekannten schon hatten.

"Fassen wir einmal zusammen, was wir von ihm wissen", sagte Hotch ruhig.

"Er ist männlich, nicht älter als 30", sagte Derek überzeugt.

"Hochintelligent, gefasst, ordentlich, sauber ...", fügte Emily hinzu und deutete auf die Fotos, die vor ihnen lagen.

"Er legt die Sachen so hin, dass wir wirklich nicht übersehen, was er uns für Beweise hinterlässt. Auch die Wegbeschreibung zu den Schließfächern ist sachlich und würde sogar jeder verstehen, der keine Ahnung von der Gegend hat", erklärte David.

"Und er liefert uns Verbrecher, deren Fälle kaltgestellt wurden, weil sie entweder nicht ernst genommen wurden oder keine Beweise vorhanden waren. Es gab für die Polizei keine weiteren Gründe, diese nachzuverfolgen", teilte Penelope ihnen mit. Sie hatte die bisherigen Pakete des Unsub in der Datenbank verglichen und das war als Ergebnis rausgekommen.

"Er hat sich also die Zeit genommen, sich um diese Fälle zu kümmern ... Die Frage ist warum?", fragte JJ in die Runde.

"Da es sich bei den meisten von ihnen um Sexualverbrecher handelt, die zuvor nicht vor Gericht gebracht wurden, müssen wir davon ausgehen, dass er selbst Opfer davon geworden ist. Er versucht, durch diese Weise wohl für sich und andere Gerechtigkeit zu üben", erklärte Hotch mit ruhiger Stimme. Er wusste sonst keine andere Erklärung dafür.

"Mehrfachvergewaltiger, er und er." Hotch deutete auf die Bilder der jeweiligen Täter. Er zählte einige weitere Beispiele auf. "Bei ihm ist der Fall seit 5 Jahren kalt, aber der Unsub hat sich bemüht, der Sache nachzugehen. Die Frage ist, wie geht er der Sache nach, wie findet er sie und wie findet er über solche Fälle überhaupt etwas heraus?"

"Es gibt mehrere Wege ...  Was ist, wenn er bei der Polizei arbeitet oder im Justizministerium?", gab Derek ihnen einen Gedankenanstoß.

Die Diskussion ging weiter, und bevor sie sich mit dem Thema weiter befassen konnten, wurden sie schon zum nächsten Fall gerufen.

+++ +++ +++ +++ +++

"Hotchner", meldete sich Hotch.

Das letzte Mal musste Penelope den Anruf wieder entgegennehmen, da Hotch in einen anderen Fall verwickelt war. Danach hatte das Team beschlossen ohne ihn an die neue Adresse zu fliegen, da diesmal ein größeres Paket abgegeben wurde für Hotch. Es handelte sich um ein Ehepaar, das tief in einen Kindesmissbrauch  verwickelt war, der vor einigen Jahren in einer Kinderkrippe seinen Anfang genommen hatte.

"...", der Mann am anderen Ende schwieg für einen Moment.

"Hotel Bellevue, Stock 4, Zimmer 432, Kansas City, Missouri", sagte er dann mit ruhiger Stimme.

"Was wollen Sie damit schlussendlich erreichen?", fragte Hotch ruhig.

"Sie sind Profiler, finden Sie es heraus", meinte die Stimme und beendet den Anruf.  

Hotch wollte diesmal nicht lockerlassen. Er rief nicht an, sondern tippte an den Unbekannten eine Nachricht. Sie haben immer noch nicht auf meine erste Frage geantwortet, schrieb Hotch.

Das System hat versagt, kam als Antwort zurück. Danach war der Teilnehmer unter dieser Nummer nicht mehr erreichbar.

Nach diesem Paket bekam das Team ein Bild, auf dem man sehen konnte, mit was der Unbekannte unterwegs war. Jetzt war klar, wieso dieser immer so schnell weg war vom Tatort und unauffindbar blieb. Dank Garcias Recherchen hatte man herausgefunden: Der Unbekannte war auf einem Motorrad unterwegs. Man sah in den einen oder anderen Überwachungsbildern nur eine schwarze Gestalt. Das Kennzeichen oder die Marke des Motorrades sah man nicht. Er benutzte wahrscheinlich für das Kennzeichen Reflektoren, welche die Kamera blendeten.

+++ +++ +++ +++ +++

"Hotchner", meldete sich Hotch wieder einmal.

"Was sagen Sie zum Ehepaar?", kam gleich die Frage von dem Unbekannten. Der Teamleiter war vor dieser Frage überrumpelt, da er nicht erwartet hatte, dass der Unsub ihn etwas direkt fragen würde.

"Sie werden vor Gericht gestellt und verurteilt, wie jeder andere auch. Nur wie sind Sie an die Beweise rangekommen? Sie müssen schon ewig daran gearbeitet haben", wollte Hotch doch gerne wissen.

"3 Jahre, 15 Wochen, 2 Tage ... Es tut mir nur leid, dass man damals den Kindern nicht helfen konnte", sagte der Mann mit Bedauern in der Stimme.

"So wie bei Ihnen?", fragte Hotch behutsam. "Sie hatten keine Hilfe bekommen", stellte er ruhig fest. Er bekam auf diese Frage keine Antwort. Dafür andere Informationen.

"Hotel Hollywood, Stock 9, Zimmer 927, San Diego, Kalifornien ...", teilte der Andere nur mit und beendete die Verbindung ohne ein weiteres Wort.

Wie das letzte Mal, schrieb Hotch ihn erneut an. Sie könnten sich uns anschließen, uns helfen ... Ich könnte jemand mit Ihren Fähigkeiten in meinem Team gut gebrauchen. Hotch meinte es ernst.

Sicher … und wenn Sie mich haben, komme ich ins Gefängnis. Ich bin nicht auf den Kopf gefallen, schrieb der Mann zurück.

Das habe ich nie behauptet, antwortete Hotch sofort. Ich kann mich darum kümmern, dass Sie aus der Sache fein raus kommen ... Sie wissen, dass ich das kann. Wieso wollten Sie es von Anfang an, dass ich immer Bescheid weiß, was Sie tun?

Darauf kam keine Antwort mehr, aber Hotch wusste, dass der Unbekannte es sehr wohl noch gelesen hatte.

+++ +++ +++ +++ +++

Genau ein Jahr später, auf den Tag genau kam der Anruf.

"Hotchner", meldete sich Hotch ruhig. Er hatte den Anruf schon erwartet.

"Hotel The Jefferson, Stock 5, Zimmer 512, Washington D.C."

Es folgte Schweigen.

"Ich bin mit meiner Aufgabe fertig. Den Rest dieses Packs überlasse ich gerne Ihnen", erklärte der Mann ruhig.

"Haben Sie über mein Angebot nachgedacht?", fragte Hotch stattdessen.

Die Verbindung wurde unterbrochen. Dafür bekam diesmal Hotch eine Nachricht mit einer E-Mail-Adresse.

Schicken Sie Ihre Bedingungen und Sonstiges an diese Adresse. Sagen Sie Ihrer technischen Analystin, sie soll es nicht nachverfolgen. Sonst wird unser Kontakt gleich nichtig gemacht.

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Aaron Hotchner fragte sich, ob der Unbekannte ihn versetzt oder sich einfach nur zurückgezogen hatte. Hin und wieder flammte ihm der Gedanken auf, ob diesem sogar etwas zugestoßen sein könnte, da er seit einigen Wochen von diesem nichts mehr gehört oder gelesen hatte. Wie der Unbekannte angekündigt hatte, gab es für ihn und das FBI auch keine weiteren Pakete mehr.

Das letzte Paket war eine große Nummer gewesen, sogar die Medien hatten sich um die Story gerissen. Ein Politiker, der für ein Abgeordnetenamt kandidiert hatte. Aber der Bote hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht, die Beweise waren überprüft und zugelassen worden. Anscheinend hatte der Bote sich das als Finale für den Schluss aufgehoben, um dann still und leise von Erdboden zu verschwinden.

Ein Blick auf die Uhr, es war über 20 Uhr. Hotch beschloss, Feierabend zu machen. Er musste sich nicht beeilen. Seit seine Frau Haley ihn verlassen und die Scheidungspapiere eingereicht hatte, beeilte er sich nicht, nach Hause zu kommen. Es würde niemand auf ihn warten. Als er seinen Aktenkoffer in seinen Wagen verstaute, summte kurz sein Handy und er sah nach.

Was sagen Sie zu einen Feierabenddrink? lautete die Nachricht.

Hotch hob eine Augenbraue aus Überraschung, der Einzige, der ihm grad in den Sinn kam, der so schreiben würde, war der Bote. Die Nummer kannte er nicht, aber er war sich sicher, wenn er sie überprüfen lassen würde durch Garcia, wäre sie wohl wieder von so einem Wegwerfhandy.

Beobachten Sie mich etwa? fragte Hotch stattdessen.

Nein, aber die Fakten besagen: Sie sind Teamleiter. Chefs arbeiten immer länger. Da ich meine Quelle habe, weiß ich, dass Sie nicht zu Hause erwartet werden. Statistiken zufolge: Geschiedene Eheleute arbeiten meistens über ihre Zeit hinaus, wenn sie zu Hause nicht erwartet werden, war die Erklärung.

Wie war noch mal das Profil? Eine hochintelligente Person. Hotch setzte sich in den Wagen und seufzte kurz. Neugierig war er schon, zu erfahren, wer derjenige war. Vor allem seitdem Hotch ihn zum ersten Mal am Telefon gehört hatte. Er hatte nicht das Gefühl, dass er sich in Gefahr bringen würde, wenn er sich mit ihm treffen würde.

Wo? schrieb Hotch entschlossen.

Überlasse ich Ihnen, aber bitte ohne Polizei und Tamtam ... Wir verstehen uns?

Das hatte Hotch nicht vor. Er schlug ihm ein Lokal vor und gab ihm eine Adresse in der Stadt durch. Es kam dann nur noch ein Symbol mit Daumen hoch als Antwort zurück.

+++ +++ +++ +++ +++

Eine Dreiviertelstunde später betrat Hotch das Lokal. Er sah sich kurz um. Es war gut besucht - aber nicht überfüllt, dafür dass es ein Wochentag war. Hotch suchte sich einen Platz aus, der ihm erlaubte die Tür im Auge zu behalten und den größten Teil des Lokals. Der Unbekannte konnte entweder schon hier sein, oder er würde noch kommen. Der Teamleiter war sich mehr als sicher, dass dieser schon hier war und ihn beobachtete, um sicher zu sein, dass dieser wirklich allein gekommen war.

Nicht einmal fünf Minuten später nippte Hotch an seinem Bier. Jemand trat vor seinen Tisch und fragte mit der ruhigen, bekannten Stimme. "Ist hier noch frei?"

Hotch hob seinen Blick und musterte den jungen Mann vor sich. Dieser konnte nicht älter als 27 oder 28 Jahre sein. Er trug eine schwarze Motorradmontur, unter seinem Arm hielt er einen Helm. In seiner anderen Hand hielt er eine Aktenmappe fest. Der junge Mann grinste schief Hotch an. Sein Gesicht wurde umrahmt von wilden braunen Locken - und seine Augen wirkten jung, aber doch ernst. Sie sprachen von viel Erfahrung. Dieser Mensch hatte schon viel in dieser Welt gesehen.

"Keine Sorge, ich bin volljährig", der Motorradfahrer setzte sich unaufgefordert Hotch gegenüber und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Er stellte den Helm auf dem anderen Stuhl ab.

"Beruhigend", meinte Hotch nur. "Ich hätte Sie älter geschätzt", gab er zu.

"Jetzt enttäuschen Sie mich, Agent Hotchner ... Sie als Profiler sollten am besten wissen, dass man auch die Jungen nicht unterschätzen darf ...", sagte der Unbekannte selbstbewusst. Er strich seine Locken zurück, die vor seine Augen gefallen waren und er sah ihn mit diesen gutmütigen Augen an. Aber Hotch wusste, die durfte man nicht unterschätzen, der junge Mann konnte auch gefährlich werden, wie ein Wolf im Schlafpelz.

"Wenn Sie schon meinen Namen wissen, darf ich den Ihren erfahren?", fragte Hotch geradeaus.

Der junge Mann bekam sein Softgetränk. Er schob dann der Kellnerin einige Dollarscheine zu, bezahlte die beiden Getränke. Danach lehnte er sich wieder auf seinem Stuhl zurück und musterte Hotch eine Weile.

"Spencer Reid, genauer gesagt Doktor Spencer Reid ...  Ihre Analystin wird sicher einiges über mich morgen zu erzählen haben", erwiderte Spencer schmunzelnd, prostete Hotch kurz zu und nahm einen Schluck. Er trank keinen Alkohol, wenn er fahren musste, da war er gewissenhaft.

"Haben Sie über mein Angebot nachgedacht, Dr. Reid?", fragte Hotch dann und musterte den anderen.

"Reid tut auch … und ja, tatsächlich habe ich darüber nachgedacht und alles gelesen, was Sie mir geschickt haben", meinte er gelassen.

"Aber?" Hotch wusste, dass hier etwas irgendwo hakte.

"FBI-Akademie besuchen? Ich fühl mich gleich sehr alt, wenn ich daran denke, die Schulbank für 21 Wochen wieder drücken zu müssen", antworte Spencer.

"Sie wissen selbst, dass wir keine Zivilisten direkt anstellen …", erklärte Hotch.

"So ein Mist auch. Ich hätte damals in der Universität über Jason Gideons Worte nachdenken sollen", sagte er grinsend.

"Sie kennen ihn?", fragte Hotch überrascht.

"Ich habe alle seine Seminare besucht", erklärte Spencer. "Er wollte mich für das FBI anwerben ... aber es gab auch andere gute Angebote ...", er zuckte mit der Schulter.

"Aber Sie wählten Ihren eigenen Weg", schlussfolgerte Hotch ruhig.

Spencer nickte.

"Und sind Sie zufrieden, über das was Sie erreicht haben?", wollte Hotch wissen.

"Ja, bin ich." Spencer beugte sich leicht vor und sah Hotch ernst an. "Und ich würde es wieder tun, wenn Sie das wissen wollen. Nun, vorweg, ich bin noch lange nicht größenwahnsinnig, wenn Sie das glauben. Ich habe getan, was nötig war, dass wenigstens einige Menschen ihre Seelenfrieden zurückbekommen", sagte er mit leiser, ruhiger Stimme.

"Wenn Sie die Fälle genauer studiert haben ... wird Ihnen sicher aufgefallen sein, dass das System bei diesen Fällen völlig versagt hat. Der Täter konnte durch ein Schlupfloch entkommen, weil man ihnen nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt hatte, oder die Opfer nicht bedeutend genug waren wegen ihres sozialen Umfeldes. Egal ob Herkunft, Hautfarbe, arm oder weil das Kind von einer alleinerziehenden Mutter aufgezogen wurde … es gibt genug andere Beispiele, aber darauf gehe ich nicht weiter ein", erklärte Spencer und lehnte sich wieder auf seinem Stuhl zurück.

"Ich schätze Sie nicht als größenwahnsinnig ein, aber wer wird mir die Garantie geben, dass Sie doch nicht einmal wieder so eine Aktion starten und zu weit gehen? Wir wissen beide, dass Sie bei einigen Paketen das Gesetz überschritten haben", sprach Hotch ruhig.

"Ich denke, es ist eine Ansichtssache. Wenn ich eins mit Bestimmtheit sagen kann: Das Gute kann ohne das Böse nicht überleben und das Böse nicht ohne das Gute", er schmunzelte. "Aber ich denke, wir sind ja nicht hier, um zu philosophieren, oder?" Spencer nahm aus der Aktenmappe etwas hervor und reichte Hotch einen Umschlag.

"Was ist das?", fragte Hotch interessiert und nahm es entgegen.

"Sie haben mir einen ellenlangen Vertrag mit Ihren Bedingungen geschickt. Ich habe sie durchgelesen und möchte, dass Sie es noch einmal ansehen. Ich habe zwei Ergänzungen hinzugefügt, die ich gerne noch angepasst haben möchte", erklärte Spencer und leerte sein Getränk.

"Und wenn sie nicht angepasst werden?", fragte Hotch.

"Ich habe genug andere Beschäftigungen, die ich nachgehen kann. Sie werden es verstehen, wenn Sie über mich mehr erfahren haben", zum Abschied nickte er ihm zu und verschwand ohne ein weiteres Wort.

+++ +++ +++ +++ +++

Am nächsten Morgen in sein Büro verlangte Hotch von Penelope Garcia diskret und auf seinen Computer Informationen über Doktor Spencer Reid. Was die Tech-Queen auch tat. Wenn der Chef sagte, sie müsste Diskretion wahren, dann würde sie es natürlich auch tun.

Als Hotch die Meldung bekam, dass er die Daten hatte, fing er an, Spencer Reids Lebenslauf zu lesen; Spencer Reid wurde am 28. Oktober 1981 als Sohn von William Reid und Diana Reid in Las Vegas geboren. Spencer hatte schon mit 12 Jahren die High-School erfolgreich abgeschlossen und besuchte danach die Universität. Sein Vater verließ seine Mutter und das Kind, als Spencer noch klein war, da William Reid nicht mehr klar damit kam, dass seine Frau an paranoider Schizophrenie litt.

Interessiert las Hotch weiter, dass Spencer ein eidetisches Gedächtnis hatte und einen IQ von 187. Was noch als sonderbare Fähigkeit von ihm erwähnt wurde, dass er 20.000 Wörter pro Minute lesen konnte. Für Hotch war es doch eine Sache, die ihn beeindruckte, aber dennoch erklärte es ihm hier noch nicht, wieso Spencer den Bote gespielt hatte. Hotch nahm einen Schluck Kaffee. Er las einige Daten und Fakten über den Verlauf von Spencer Reids Zeit an der Universität. Es wunderte Hotch gar nicht, dass Spencer geschafft hatte, drei Doktortitel zu bekommen und zusätzlich einige Bachelor abzuschließen.

Als er weiter den Lebenslauf las, musste Hotch zweimal die betreffende Stelle lesen. Der junge Mann war ein anerkannter registrierter Kopfgeldjäger. Dieser hatte in Kalifornien eine staatliche Ausbildung dafür gemacht. Er kniff die Augen zusammen, er wusste Kopfgeldjäger waren am liebsten ihre eigene Bosse und hörten nur auf ihre jeweiligen Kautionsagenturen. Hotch hoffte, dass Spencer mit ihm als Autoritätsperson kein Problem haben würde.

Diese Neuigkeit überraschte ihn. Ein Genie, das Jagd auf Menschen machte, die ihre Gerichtstermine nicht einhielten? Der nächste Abschnitt machte für Hotch aber wieder einen Sinn. Er wusste, dass Kopfgeldjäger, je nach Fang, gutes Geld verdienten. Spencer Reids Mutter war in einer privaten Nervenheilanstalt untergebracht, und Hotch wusste, solche Institutionen waren nicht gerade billig. Für Spencer schien seine Mutter die Nummer Eins in seinem Leben zu sein.

Ihm fiel noch etwas Sonderbares auf beim Lesen. Spencer war einer, der quer durch die Staaten unterwegs war. Es ergab für Hotch jetzt auch hier einen Sinn, wieso die ganzen Pakete quer durch die USA kamen. Wahrscheinlich hatte sich Spencer, wenn er nebenher für eine Kautionsagentur gearbeitet hatte, auch um seine persönlichen Projekte gekümmert. Also zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Aufmerksam las Hotch dann auch die Referenzen der jeweiligen Kautionsagenturen über Spencer Reid. Es war durchweg ein gutes Feedback. Spencer arbeitete genau, sauber, informativ und benutzte seine Waffe sehr selten. Einige Agenturen behaupteten, dass seine Waffe eher sein Mundwerk war, da er die Gesuchten gerne niederredete, bevor er sie verhaften konnte.

Eins war Hotch klar, es würde interessant werden, mit diesem jungen Mann zusammenarbeiten zu können. Was Hotch zum nächsten Punkt brachte. Er nahm den Umschlag hervor und holte das Dokument raus, welches er Spencer geschickt hatte. Er blätterte es durch, bis er gegen Ende kam. diese Dokumente hatte er von Erin Strauss und von der obersten FBI-Direktion absegnen lassen müssen. Es hatte alles genau besprochen werden müssen, wie damals bei Penelope Garcia. Nur dass ihr damals Gefängnis gedroht hatte, wenn sie nicht zugestimmt hätte, bei Spencer Reid war etwas anderes.

Bevor Hotch sich um den Papierkram kümmerte, besorgte er sich eine neue Tasse Kaffee. Er wollte das schnell erledigt haben. Er hoffte der andere hatte sich nicht einen Spaß daraus gemacht, zu viele Bedingungen oder Fragen aufzuschreiben. Der gute Mann wurde aber verschont. Erst in den letzten zwei Seiten, tauchten die zwei Punkte auf, die Spencer erwähnt hatte.

Der erste Punkt betraf: Straffreiheit - dass man ihn nicht mehr belangen konnte, wenn etwas in der Vergangenheit gewesen war. Cleverer Zug, das musste man Spencer lassen. Das hieß, wenn das FBI dieses Dokument unterschrieb, konnte das FBI Spencer für die 12 Pakete nicht mehr anzeigen oder gar eine Untersuchung einleiten. Wenn Hotch sich ehrlich eingestand, er hätte das wohl auch in die Bedingungen reingebracht und sich dadurch abgesichert.

Der zweite Punkt stimmte ihn ein wenig nachdenklich. Hier sah man, dass Spencer sehr viel Wert darauf legte, dass er jederzeit zu seiner Mutter fahren konnte. Egal wo er war und wann. Natürlich, wenn sie inmitten eines Falles waren, würde er es akzeptieren und solange bleiben, bis dieser gelöst war. Mit diesen Punkt konnte Hotch leben und würde es auch akzeptieren. Nachdem er alles beendet hatte, leitete er das Dokument weiter. Er hoffte, dass die obere Etage schnell zustimmen und unterschreiben würde, damit er zum letzten Schritt übergehen konnte.

+++ +++ +++ +++ +++

Am nächsten Tag, am frühen Abend, als er seine benötigten Unterschriften hatte, schrieb Hotch Spencer eine Nachricht. Er war überzeugt, dass die letzte Handynummer immer noch aktiv war, wie hätten sie sonst kommunizieren sollen?

Lust auf ein Feierabendbier? schrieb Hotch.

Gleiches Lokal? kam dafür eine Gegenfrage.

Hotch gab ihm eine andere Adresse. Dort kann man gut essen, kommentierte er hinzu.

Einige Zeit später kam eine Antwort mit einem grinsenden Smiley zurück: Wenn du zahlst.

Amüsiert schüttelte Hotch schmunzelnd mit dem Kopf. Ihn störte gar nicht, dass Spencer zum Du übergegangen war. Sehe ich aus wie ein Bankautomat?

Na, mit deinem Anzug siehst du aus, wie jemand das Geld hat, hinter der Nachricht war ein frech grinsender Smiley. Kurz drauf folgte eine weitere Nachricht. Werde da sein, 20 Uhr.

Okay. Reserviere Tisch auf Hotch, bestätigte der Teamleiter.

Er bekam nur noch einen Daumen hoch als Antwort.

Wie abgemacht, befand sich Hotch später in dem Restaurant und wartete an der Bar auf seine Begleitung. Von Spencer gab es bis jetzt keine Spur, aber Hotch machte sich keine Sorgen, dass dieser nicht auftauchen würde. Nicht lange und der junge Mann stand neben ihm, diesmal nicht in Motorradmontur, sondern in Schale geworfen mit Jackett, Hemd und Krawatte.

Der FBI-Agent sah musternd zu ihm. "Ich habe nicht erwähnt, dass das hier ein Vorstellungsgespräch wird", er schmunzelte.

"Ach nicht?" Spencer grinste schief.

Sie wurden kurz drauf an ihren reservierten Tisch geführt. Nachdem sie ihr Abendessen ausgesucht und die Bestellung dem Kellner mitgeteilt hatten, reichte Hotch ihm eine Mappe mit dem korrigierten Dokument. "Lass dir Zeit, du kannst es am Montag per Bote mir zustellen lassen."

"Hm ...", aber bevor Hotch noch irgendetwas hinzufügen konnte, beobachtete er, wie Spencer es aufschlug und anfing, das neue Exemplar in Eiltempo zu lesen. Hotch musste sich zugestehen, so jemanden hatte er noch nie erlebt und sein Blick musste dem anderen aufgefallen sein.

"Hey Mann, glaubt ihr echt jetzt, dass nur Streber so schnell lesen können?" Spencer sah fast beleidigt aus. Hotch grinste, wandte sein Blick ab, schaute auf sein Handy und sagte nichts, sondern ließ den anderen in Ruhe fertiglesen.

Eine Minute später setzte Doktor Spencer Reid seine Unterschrift darunter. Er war mit den Anpassungen zufrieden. "Erwartet aber nicht, dass ich ein Heiliger bin ...", schmunzelte Spencer und gab die Mappe zurück mit dem unterzeichneten Dokument. Ein Exemplar behielt er für sich.

"Niemand von uns ist ein Heiliger, sondern wir sind Profiler", war Hotch Antwort und hob sein Glas.

Zufrieden nickte Spencer und hob auch sein Glas an. "Dann auf gute Zusammenarbeit, Hotch."

"Reid", nickte er ihn zu.

Hotch wurde bewusst, auch wenn er fast ein halbes Jahr darauf warten musste, bis Doktor Spencer Reid zur BAU hinzustoßen würde: Das Warten würde sich lohnen.

Das Team würde mit ihm einen Gewinn machen.

Die BAU brauchte so Leute wie Spencer Reid. Auch wenn sie manchmal auf einem schmalen Grat unterwegs waren zwischen gut und böse.

Aber wie Hotch zuvor erwähnt hatte, niemand in der BAU war ein Heiliger. Wichtiger war es, dass sie Profiler waren und so das Böse verstehen konnten. Schlussendlich war es ihre Aufgabe, dem Bösen das Handwerk legen zu können.


+++ ENDE +++
 
 
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