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Petrichor

OneshotFreundschaft / P12 / MaleSlash
Reno Rod
15.09.2021
15.09.2021
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3.485
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Diese Geschichte basiert auf Final Fantasy VII von 1997, sowie der restlichen Compilation (1997 – 2019), inklusive Final Fantasy VII Remake (2020), entnimmt aber auch ein Detail aus meinen eigenen Fanfictions (Red Chocobo & Black Chocobo) – diese Geschichten muss man zum Verständnis nicht lesen. Es geht lediglich um die Bezeichnung „Neo Midgar“. Dabei handelt es sich um das, was rauskommt, wenn Edge wieder weiter ausgebaut wird und zurück zum Status einer „Großstadt“ heranwächst.

*


Alles Gute zum Geburtstag, meine geliebte petal! Wie bereits 2020 habe ich auch dieses Jahr zum Anlass genommen, um dir eine (hoffentlich!) kleine Freude zu machen! Anders als im letzten Jahr vorgeschlagen (noch eine Tsonru-Story oder Renoru/Rureno), habe ich mich für Renorod entschieden – auch auf die Gefahr hin, dass es dann außer dir keiner Lesen wird, muhaha. Soll ja auch für dich sein!

In Line habe ich dir ja bereits das Wichtigste geschrieben, aber damit es die Welt auch noch mal weiß: ICH LIEBE DICH UND DU BIST MIR WICHTIG UND AWESOME (und ihr alle anderen, geht und lest petals Geschichten!).


***


Eigentlich war der Sommeranfang nicht mehr fern, das Wetter in Neo Midgar spielte allerdings bereits seit Tagen verrückt. Noch einmal bäumte sich der launische Frühling auf und übergoss die geschäftigen Bürger in der letzten Woche immer wieder mit literweise Regen. Obwohl wir vom kühlen Nass noch verschont blieben, zischte der Wind beißend durch die Gassen der Slums – der Abendhimmel war bedeckt von dickbäuchigen, grauen Wolken.
    Sogar das Wetter wollte mir verdeutlichen, dass heute ein Scheißtag werden würde.

Die Luft war so feucht, dass sich meine Haare trotz Pflegewachs an den Spitzen leicht kräuselten. Normalerweise war ich ziemlich eitel, was mein Aussehen anging, aber gerade plagten mich ganz andere Probleme.  
    Und zwar mit meinem Vorgesetzten.

Griesgrämig überblickte ich das Szenario und schüttelte noch einmal den Kopf – und als ob ich es so nicht bereits deutlich genug gemacht hatte, stampfte ich mit dem rechten Fuß auf den harten Betonboden. Dreckiges Wasser aus der Pfütze spritzte mir fast bis hinauf zum Knie.
    Er grinste mich einfach nur bescheuert an und sofort bereute ich meine offensichtliche Reaktion, doch sobald der Typ seine schlanken Beine einfach um mein geliebtes Motorrad schwang, fiel es mir schwer meinen Missmut auch nur irgendwie zu verbergen.

»So haben wir das aber nicht abgemacht…«, knurrte ich. In der Dämmerung konnte ich mein Baby nicht so eindringlich begutachten, doch wenn ich auch nur irgendeinen Fleck auf dem matt-schwarzen Lack entdecken würde, wäre mir sein Status vollkommen gleichgültig. Nur, weil er mein Vorgesetzter war, durfte er nicht einfach tun wozu er Bock hatte!
    »Wir haben gar nichts abgemacht, Schwachkopf. Ich hab‘ hier das Sagen«, erinnerte er mich spöttisch und tätschelte mit seinen blassen Fingern das Stückchen Sitzpolster hinter seinem eigenen Platz.
    »Eli- … mein Motorrad ist nicht für zwei Personen konzipiert…« Es war eine Lüge und ich brachte sie nicht einmal sonderlich selbstbewusst über die Lippen, weil ich wusste, wie dämlich es klingen musste. Sein flacher Hintern saß doch gerade auf dem Sessel mit reichlich Platz für einen Mitfahrer. Zumindest dann, wenn man kein Problem mit ein bisschen Körperkontakt hatte.
    Alleine bei dem Gedanken daran, wollte ich kotzen.

Dieser ganze Auftrag hatte sich nun in eine komplett unvorhergesehene Richtung entwickelt. Ich konnte nicht behaupten, dass es mich zufrieden stellte. Oh nein, ganz und gar nicht.
    Schnaubend stapfte ich näher heran und funkelte ihn mit leicht zusammengekniffenen Augen entgegen. Er ließ sich davon nicht beeindrucken, sondern schnalzte nur mit der Zunge.
    Nach all den Jahren hatte ich sein Gesicht nicht vergessen und er hatte sich auch ehrlicherweise kaum verändert. Um seine Augen bildeten sich mittlerweile nicht plötzlich Fältchen und auch sein Haar kolorierte er noch immer in einem stechenden Rot, mit dem er aus der Masse herausstach, wie ein goldenes Chocobo in Sams Stall.
    Gun hatte mir einmal gesagt, dass Reno und ich uns ähnlich waren und deswegen nicht miteinander funktionieren konnten. Vor dieser Wahrheit hatte ich meine Augen stets verschlossen und es auf triviale Gemeinsamkeiten, wie unsere Haarfarbe bezogen. Seins fast Rubinrot, meins von natürlicher Färbung – aber was uns verband reichte tiefer. Denn unser Temperament war feurig und wir hatten beide diese Art zu reden…

»Respektlos.«

»Komm runter da!« Es sollte wie eine Bitte klingen, doch mein Gemüt sagte mir, dass es sich um eine Drohung handelte…
    Reno steckte gerade eine Zigarette in seinen Mundwinkel. Gierig zog er daran, bevor er endlich mit mir sprach. »Ich werd‘ diese Dreckskiste schon nicht kaputtfahren!«

Mir klappte der Mund entsetzt auf und ich schüttelte meinen Kopf wieder, wobei es diesmal aus Unglauben war. »Wir mussten gerade fünf Blocks zu meinem Bike latschen, weil du den Firmenwagen gegen eine Mauer befördert hast«, erinnerte ich ihn schnippisch.
    Lauthals lachte er los, winkte die Sache dann aber ab – schon jetzt hatte er seine Kippe zur Hälfte inhaliert. »Vergiss die Vergangenheit…« Auf einmal zeichnete sich in seinem Gesicht Ernst ab. Seine blauen Augen verdunkelten sich und selbst das Lächeln auf den Lippen, machte seinen Ausdruck nicht gerade freundlicher. Eher noch gefährlicher. »Wir müssen diese Wichser auffliegen lassen, bevor sie sich auf und davon machen. Sonst macht Rufus aus dir eine Fußmatte. Und zwar keine Hübsche.«

Wahrscheinlich hatte er Recht.
    Dies war mein erster Auftrag von Präsident Shinra höchstpersönlich und anfänglich hatte ich mich darüber gefreut endlich wieder wichtigere Aufgaben zugetragen zu bekommen. Aber warum hatte er mich ausgerechnet diesem arroganten Drecksack unterstellt? Vielleicht war es ein Test, weil er wusste, wie schnell wir aneinander eckten?

»Steig schon auf«, ermahnte er mich und schnippte den glühenden Stummel weg. Zischend erlosch er in einer Pfütze.
    Hätte er mir nicht wenigstens eine abgeben können? Meine Nerven lagen blank und ich berührte das Sportmotorrad andächtig. »Wenn ihr etwas passiert, bring ich dich um…«
    Von seiner Seite kam erst nur ein Lachen, dann tätschelte er den gerippten Griff unter seiner Hand. »Ist wohl die einzige Lady die du besteigen darfst, was?« Ehe ich etwas entgegnen konnte, schnitt er mir das Wort ab. »Jetzt halt dich fest - keiner will deinen Matsch aufkratzen, wenn du runterfällst.«
    Um einen Helm zu holen blieb anscheinend kleine Zeit, weswegen ich mich selbst auf den Sitz schwang, aber zwischen unseren Körpern einige Zentimeter Abstand beließ. Trotzdem stiegen mir vertraute Gerüche in die Nase – Zigarettenrauch und Bergamotte.

»Wie damals.«

Plötzlich packte Reno mich am Arm und zog mich näher an sich. »Festhalten hab‘ ich gesagt…«, brummelte er. Widerwillig hielt ich mich an seiner Taille fest und rutschte dichter an seinen Rücken. Sein roter Schweif kitzelte mich an der Nase und ich stellte erschrocken fest, dass ich mich auch an den Duft seines Shampoos noch erinnerte.
    Sandelholz.

Ich hielt die Augen geschlossen als wir davonbrausten und von den teils kaputten Straßen der Slums bald auf den Highway fuhren. Normal genoss ich jede Sekunde, die ich auf einer Schnellstraße verbringen konnte, doch mein Herz schlug wie eine Trommel, weil ich mich ständig um mein treues Gefährt sorgte. Weder gefiel mir, wie kräftig er an der Bremse zog, noch mochte ich, dass er den Motor aufheulen ließ, wann immer wir ohne Gefahr beschleunigen konnten.
    Viele Fahrer protzten mit einem brummenden Untersatz und nutzen jede Ampel, um noch einmal das Getriebe aufheulen zu lassen – aber so gut war dies für die Maschinen gar nicht. Allerdings passte der Fahrstil zu Reno.
   
»Rücksichtslos.«

Bei der Fahrtgeschwindigkeit war es unmöglich ein Gespräch zu führen, also gab ich ihm mein Missfallen zu verstehen, indem ich meine Arme fester um seine schlanke Figur presste. Da ich uns ungern umbringen wollte, lockerte ich den Druck irgendwann wieder und verfluchte, dass ich nicht so eine alberne Schutzbrille als Accessoire mit mir rumtrug, wie er es tat. Sie kam ihm jetzt ziemlich Recht.
    Gerade war ich ihm vollkommen ausgeliefert – ich konnte meine Lider wegen dem Gegenwind nicht öffnen, meine Hände und Ohren wurden kalt. Was wir taten war nicht nur gesetzeswidrig, sondern auch gemeingefährlich, obgleich mich dieser Gedanke innerlich zum Lachen brachte. »Du bist Turk – Gesetze sind dir egal, Gefahr ist dein zweiter Vorname.«

Als wir von der Autobahn abfuhren, konnte ich meine Augen allmählich wieder öffnen, da man auf den Straßen der Innenstadt langsamer fahren musste. Auch jetzt waren die Leute noch unterwegs, trotz der Witterung.
   Bunte Lichter schlierten vor meinen Augen.
   Hier war es ganz anders als in den Slums am Rande der neuerrichteten Stadt und ich kam nur hierher, wenn es irgendetwas mit den Turks zu tun hatte, weshalb mich der Anblick immer wieder faszinierte. Hier herrschte das Leben, welches ich mir irgendwann mal gewünscht hatte. Diese Zeit lag jedoch äußerst lang zurück – jetzt fühlte ich mich einfach nur unwohl und fremd.
     War es vielleicht einfach an der Zeit Neo Midgar zu verlassen?

Das Schnurren des Motors verebbte als wir vor einem großen wutainesischen Restaurant Halt machten. Goldene Leviathan-Skulpturen schlängelten sich das Treppengeländer empor und vor dem überdachten Eingang lag ein smaragdgrüner Teppich ausgelegt. Auf mich wirkte der Laden ein bisschen prätentiös, aber unsere Auftragspersonen sollten sich genau da drin befinden.
     Genaue Details blieben mir, auf Grund meines niedrigen Rangs bei den Turks, verborgen – solange ich meine Mission verstand, waren mir die Einzelheiten allerdings auch völlig egal. In dieser Hinsicht konnte man mich „einfach gestrickt“ nennen. Sicherlich ein Grund, warum ich mich ausgezeichnet als Lakai für Shinra machte. Viele Fragen stellte ich nicht und wenn doch, dann nur um mein Ziel besser erreichen zu können.

Reno trug da weitaus mehr Verantwortung, davon sah ich nur nichts – zumindest redete ich es mir ein. Tief im Inneren wusste ich, dass er ein ausgezeichneter Turk war und es schon einen Grund gab, warum er den Titel als zweiter Befehlshaber inne hatte. Tseng war eine ganz andere Hausnummer, deshalb unterschätzten manche Reno schlichtweg, was ihnen später zum Verhängnis wurde.
     Lässig stand er neben mir, mit den Händen in den Taschen seines maßgeschneiderten Sakkos. Da er die Knöpfe des darunterliegenden Hemds nicht ganz geschlossen hatte, konnte ich die Gänsehaut auf seiner halbnackten Brust sehen. Wenn meine Hände und Ohren nun schon taub waren, wie musste er sich dann wohl fühlen? »Nicht dein Problem, Rod…«

Seufzend tat ich es ihm gleich und versenkte die geballten Fäuste in meinen Taschen.
    »Gibt’s irgendein Problem?«
    Zwar erzählte mein Gesicht eine komplett andere Geschichte, aber ich schüttelte langsam den Kopf. »Nein...«
    Seine Hand landete auf meiner Schulter – ein kleiner Blitz durchzuckte mich, der bis in meine Zehen reichte. Fest biss ich die Zähne zusammen, funkelte ihn aber aus dem Augenwinkel heraus an. Entweder er verstand nicht oder er provozierte mich absichtlich, denn seine Finger schlossen sich kurz fester.
    »Dann weißt du also, was wir zu tun haben?«, wollte er wissen – sein Griff löste sich endlich wieder und ich entspannte sofort.
    »Kein Aufsehen erregen?«
     Reno lachte wieder einmal. Diesmal so stark, dass kleine Tränen in seinen Augenwinkeln glitzerten und er sich diese erst einmal mit dem Ärmel abwischen musste. »Oh nein… wir gehen da rein und räumen auf.«
     Mit hochgezogener Braue blinzelte ich ihn an. »Ist das dein Ernst?«
     Er entblößte seine Zähne, so breit grinste er. »Klar. Ich hätte Lust auf ‘ne kleine Party.«
     »Na dann… hoffentlich komm ich auch in Feierstimmung.« An meinem Mundwinkel zupfte ein Lächeln, welches ich noch versuchte zu unterdrücken.

Reno hob seine Faust in meine Richtung und ich schlug mit meiner kurz dagegen – unsere Knöchel berührten sich hart.

»Dann mal los… Partner.«

Gun hatte Recht.
    Wir waren uns ähnlich.
    Selbst nach all den Jahren noch.

*


Schniefend lag ich mit dem Oberkörper halb auf dem Tresen und wartete auf mein achte Glas Wodka mit Cola. Tifa war bereits ein bisschen besorgt, doch Reno nickte nur und versprach, dass er darauf Acht geben würde mich in einem Stück Zuhause abzuliefern.
    Anders als meine geliebte Elizabeth!

Ich konnte noch immer nicht glauben, was geschehen war…
    Alles war so gut gelaufen: Nur ein paar Schrammen hier und da, eine kleine Platzwunde an der Unterlippe bei ihm und ein Veilchen an meinem rechten Augen.  Unsere Zielpersonen saßen im VIP-Bereich des Restaurants und ihr Interesse galt weniger dem angereichten Essen, sondern den illegalen Geschäften, die sie hinter den Rücken Shinras machten, um dessen Macht allmählich wieder auszuhebeln. Schon einmal war der Konzern tief gefallen, doch nach allem standen sie langsam wieder an der Spitze der Hierarchie. Natürlich konnten wir nicht zulassen, dass sich an diesem Status quo etwas änderte.
    Aber warum hatten wir mein geliebtes Motorrad da mitreinziehen müssen? In einem winzigen Moment Unachtsamkeit war einer der Gauner im Trubel aus der Lokation entflohen und hatte mein Sportmotorrad als gute Fluchtmöglichkeit erkannt. Kein Wunder: Der Schlüssel steckte schon,  wie auf dem Präsentierteller, in der Zündung.
     Ein guter Bürger würde niemals auf die Idee kommen auf offener Straße ein geparktes Bike zu stehlen, doch wir hatten es hier nicht mit einem guten Bürger zu tun, sondern mit einer miesen Ratte…

»Warum hassu den Schlüssel stecken lassen?«, wollte ich zum fünften Mal an diesem Abend wissen und schüttelte seine Hand ab, die bis eben auf meinem Oberarm gelegen hatte.
    »Na, ganz einfach: Weil wir auch hätten fliehen müssen? Ich kann ja nix dafür, dass einer von denen auch auf die Idee kommt!« Keinerlei Schuldbewusstsein schlummerte in seinen Worten und er unterstrich diese Gelassenheit auch noch mit einem lockeren Schulterzucken. »Hättest du ihn nicht entwischen lassen…«
    »Ich?« Schwankend wirbelte ich herum. Einer der Barhocker flog krachen zu Boden und ich zog somit die Aufmerksamkeit der Gäste des Seventh Heaven auf mich, was mir aber egal war. »Ich?«, wiederholte ich wütend. Vom Alkohol brannte meine Kehle. »Bissu nicht der große Macker und has‘ alles immer im Griff?« Um nicht umzukippen, hielt ich mich an der Kante des Tresens fest. »N Scheiß hassu! N SCHEIß!«
    Gerade öffnete Reno seinen Mund, um etwas zu erwidern, da ertönte ein lauter Knall. Wütend hatte Tifa ihre Hand auf die Theke geknallt und funkelte uns beide mit ihren rotbraunen Augen erzürnt an. »Ihr solltet jetzt gehen… Sofort.«
      »Pft…« Die abfällige Beleidigung verkniff ich mir und taumelte dann nach draußen.

Mittlerweile regnete es leicht. Petrichor lag in der Luft und ich schloss die Augen, um mein Gesicht gen Himmel zu strecken. Kaltes Regenwasser linderte das Pochen in meinem Schädel und belebte zeitgleich meinen angetrunkenen Verstand ein Stückchen wieder.
    Unrecht hatte Reno nicht.
    Mal wieder.
    Hätte ich besser aufgepasst, dann wäre uns dieser eine Kerl nicht entwischt. Oder ich hätte einfach den Schlüssel abziehen können, aber ich war so heiß auf den Auftrag gewesen, dass ich nicht einmal mehr an das Motorrad gedacht hatte. Endlich wieder auf der Piste… es endlich wieder mit Reno krachen lassen. Obschon es viele Differenzen zwischen uns gab, ähnelte sich unsere Vorliebe für den Nervenkitzel. Wir liebten die Gefahr, wie wilde Behemoth auf der Jagd nach Beute – irrelevant, wer unsere Gegner waren, wir würden es mit ihnen aufnehmen.

Als seine Hand jetzt auf meinem Oberarm landete, fehlte mir die Kraft, um mich dagegen zu wehren. Außerdem machte sich der Wodka immer deutlicher bemerkbar und ich konnte seine Stütze gut gebrauchen. Wortlos liefen wir eine Weile nebeneinander her. Bis zu meiner Wohnung waren es noch gut fünf Kilometer.
    »Wir finden dein Motorrad schon… is‘ nicht so, als wäre es vor unseren Augen in die Luft gegangen!«
    Wenn er gerade versuchte mich aufzumuntern, schlug es fehl. Wie wahrscheinlich war, dass mein armes Schätzchen unbeschadet aus der Sache entkam? Höchstwahrscheinlich lag sie bereits in irgendeinem Graben.
    »Und wenn der Kiste was fehlt, dann wird Rufus dafür aufkommen! Du hast heut‘ echt gut gearbeitet… ich setz mich für dich ein!« Jetzt legte er seinen Arm locker um mich, mein Körper gab unter seinem Gewicht leicht nach.

Selbst in dieser Sache waren wir uns ähnlich… Reno war nur ein paar Zentimeter größer als ich und wir hatten eine ähnliche Statur. Trainiert, aber so schlank, dass man die feinen Muskeln unter dem Anzug kaum erahnen konnte. Beide blaue Augen, auch wenn meine dunkler waren und in manchem Licht fast anthrazitgrau aussahen.
     
Warum mussten wir uns so ähnlich sein?
    Immer, wenn ich mich mit ihm abgab, hielt ich mir indirekt einen Spiegel vor Augen.
    Könnte ich in zehn Jahren dort sein, wo er bereits heute war?
    Oder würde ich ewig als unterbezahlter Untergrund-Turk versauern?

Jene Gedanken wurden abgeschnitten, als Reno mich dichter an sich zog, wodurch es schwerer wurde voran zu kommen.
    »Was soll das?«, presste ich hervor.
    »Dir ist kalt, du Memme!«
    In Gedanken versunken, realisierte ich gar nicht, dass ich unter dem kalten Regen zitterte. »Deswegen mussu mir nich‘ auf die Pelle rücken!« Gegensätzlich meiner Worte tat ich nichts, um wieder Abstand zwischen uns zu bringen – ich lehnte meinen Kopf sogar leicht an seine Schulter, weil mein Schädel sich so schwer anfühlte.
    Bedächtig rutschte seine Hand an meinem Körper herab, bis er meine Hüfte umfasste. Von dort schwand die Kälte fast augenblicklich. »Darf ich mit dir reinkommen?« Schelmisch hauchte er mir ins Ohr – sein Atem brach sich an meiner Haut.

Nun fand ich die Kraft ihn mit Bestimmtheit von mir zu drücken.
    »Du has‘ dich kein bisschen geändert!«, maulte ich ihn an und knallte fast gegen die nächste Straßenlaterne, an die ich mich stattdessen hilflos klammerte. Dennoch schaffte ich es irgendwie ihn bitterböse Blicke zu entgegnen. »Willsu mich wieder ficken und dann nich‘ anrufen?«
    Völlig Perplex blinzelte er mich an. »Du hättest mich auch anrufen können, nach allem was passiert ist!?«
    Entgeistert starrte ich ihn an. »Ich…?«

Unser letzter gemeinsamer Coup war über zehn Jahre her und damals war mir nicht in den Sinn gekommen diesen Scheißkerl anzurufen. Nach einem unserer Aufträge waren wir noch zu mir gegangen; angetrunken und wegen des Erfolgs bei guter Laune. Erfahrung mit Männern hatte ich zu dem Zeitpunkt kaum welche gehabt. Ein Handjob hier, ein bisschen Knutschen dort – mehr nicht. In dieser Nacht war es weitergegangen und zu meiner Überraschung war Reno in dieser Sache kein bisschen respekt- oder rücksichtslos.
    Am nächsten Morgen eskalierte dann aber alles.
    Scham, weil ich mit einem Mann geschlafen hatte, holte mich ein.
    Scham, weil dieser Mann mein Vorgesetzter war.
    Scham, weil er sich am Morgen an mich geschmiegte und irgendwas von „Frühstück“ murmelte.
   
Im Bruchteil eines Moments scheuchte ich ihn unter einer Tirade an Beleidigungen fort – und irgendwie hatte ich trotzdem erwartet, dass er sich nach mir erkundigen würde. Stattdessen kreuzten sich unsere Wege eine halbe Ewigkeit nicht mehr und die Dinge, die ich alle vergessen (oder verdrängt) hatte, kehrten genauso in mein Leben zurück, wie er es jetzt tat.
    Reno harrte noch immer verwirrt vor mir aus, stand aber bereit um mich abzufangen, falls ich nach vorne überkippen sollte.

»Du bis‘ ‘n Penner!« Hilfesuchend streckte ich meinen Arm nach ihm aus und er nahm wieder seine stützende Position ein.
    Lediglich ein paar Sekunden blieb er still. »Darf ich nun mit reinkommen?«
    Genervt schnaubend rollte ich mit den Augen, ließ aber kein Wort mehr fallen bis wir fast eineinhalb Stunden nach Aufbruch endlich vor meiner Haustür angekommen waren. Reno hingegen hatte immer etwas zu erzählen und berichtete von seinen Schurkentaten, die er alle im Namen Shinras ausgeführt hatte voller Stolz. Sicher war einiges davon auch ein bisschen ausgeschmückt, damit er in einem noch glorreicheren Licht dastand.

Mein Apartment lag in einem heruntergekommenen Wohnkomplex im zweiten Stockwerk. Ausnahmsweise lungerte immerhin kein Junkie vor der Treppe rum, um irgendwas anzubieten. Ungestört stiegen wir träge die Stufen hinauf, die Klamotten vollgesogen mit Regenwasser und die Kälte nagte mittlerweile merklich an uns beiden.
    Ungeschickt fummelte ich meinen Schlüsselbund aus der Hosen, die durch die Nässe praktisch an meinem Körper klebte. Reno war ungefragt mit nach oben gekommen und pfiff leise, um die Zeit zu überbrücken in der ich versuchte den scheiß Schlüssel ins dafür vorhergesehene Loch zu stecken. Wenn man alles leicht verschwommen sah und zitterte, war es gar nicht so einfach…

Klickend sprang die Wohnungstür auf und urplötzlich schrie mein Körper fast schon nach einer heißen Dusche und dem warmen Bett. Nicht jedoch nach Reno. Gefasst, wie möglich, drehte ich mich zu ihm um. »Du darfst mit rein, wenn du meine Elizabeth zurückgeholt hast.« Flüchtig nur landeten meine Lippen auf seinem Mund und dann knallte ich ihm lachend die Tür vor der Nase zu.

Wir waren uns ähnlich.
    Und deswegen wusste ich, dass er Spielchen mochte.
    Und er mochte es zu gewinnen.
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