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Polarlichtromantik

OneshotRomance / P6 / Het
Bog King Marianne
14.09.2021
14.09.2021
1
2.210
 
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I want auroras and sad prose
I want to watch wisteria grow right over my bare feet
because I haven't moved in years
And I want you right here

The Lakes - Taylor Swift

für chrisii, weil sie schöne dinge verdient ♡

                                                                                             



„Es ist viel zu kalt“, sagt Marianne, während sie ihre Hände tiefer in ihre Parkataschen steckt. „Ich weiß nicht, warum ich mich von Dir dazu habe überreden lassen, hierherzukommen.“

Sie dreht sich nicht um, um ihn mit einem verurteilenden Blick zu fixieren.

„Das siehst Du schon“, antwortet Bog verschmitzt und Marianne denkt, dass sie alles tun würde, um ihm das Grinsen aus dem Gesicht zu wischen – und endlich wieder warm zu werden. Sie sind noch nicht lange hier draußen, sind ja gerade erst einmal vor zwei Stunden mit der Fähre angekommen – Bog hat sie noch nicht einmal auspacken lassen –, aber alles an ihr fühlt sich halb erfroren an und sie ist sich nicht sicher, ob die Kälte jemals wieder aus ihren Knochen vertreiben können wird. (Wie soll sie eine ganze Woche hier überleben? Bog wird sich einiges einfallen lassen müssen, um das wiedergutzumachen.)

Seine Fußspitzen treffen auf ihre Fersen und seine Arme winden sich um ihre Hüfte, umschließen ihren ganzen Oberkörper und ziehen sie so nah, dass sie irgendwo zwischen ihrem und seinem Parka verschwindet.

„Es wird bald dunkel“, murmelt Bog in ihr Haar, das Kinn sanft an ihren Hinterkopf anlehnend, und Marianne lacht.

„Es ist fünfzehn Uhr“, erwidert sie, aber während sie es ausspricht, entdeckt sie, dass die Sonne sich irgendwann in der letzten Stunde dem Horizont nicht nur genähert hat, sondern bereits halb dahinter verschwunden ist. „Oh, mein Gott.“ Ihr Lachen wird ungläubig.

„Um diese Zeit“, sagt Bog, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, „gibt es nur ein paar wenige Stunden am Tag Sonne. Bald ist durchgehend Nacht, aber dann sind wir schon wieder weg.“

Marianne versucht, ihren Kopf in seine Richtung zu drehen und ihn anzusehen, aber egal, wie sehr sie ihren Nacken streckt, sie kann höchstens einen Teil seines Kinns sehen, und sie ist sich ziemlich sicher, dass er das mit voller Absicht macht. Er versucht vor ihrem eindringlichen Blick zu flüchten.

„Und wir hätten nicht im Sommer kommen können?“

Bog zuckt mit den Schultern. „Nicht mit Deinem Schichtplan. Außerdem denke ich, dass es Dir gefallen wird.“

„Den ganzen Tag im Dunkeln rumsitzen“, sagt Marianne skeptisch, „klingt nach dem größtmöglichen Spaß. Ich werde vermutlich absolut begeistert sein.“

Statt auf ihre sarkastische Bemerkung einzugehen, presst er einen Kuss auf ihr kaltes Haar und zieht sie noch näher an sich heran. Natürlich könnte sie anfangen, mit ihm zu diskutieren, aber jetzt sind sie sowieso hier und sie wird ihn wohl kaum dazu überreden können, mit ihr wieder zurück nach Hause zu fahren. Kälte und Schnee liegen ihm so viel mehr als ihr.

Sie verlagert ihr gesamtes Gewicht auf ihre Fersen und lässt sich halb in seine Umarmung fallen, um die erdende Konstante seiner hageren Brust an ihrem Rücken zu spüren. Irgendwann in den vergangenen Jahren hat sie jegliche Sorge, dass er wie ein Ästchen im Wind einfach brechen könnte, verloren und ruht sich stattdessen bei jeder sich bietenden Gelegenheit in seinen Armen aus, als könnte sie das Gewicht, das sie aufgrund der vielen Verantwortung, die sie tagtäglich auf sich laden muss, nicht mehr stemmen. Er ist so gut darin, sie mit seinen unnachgiebigen Armen für ein paar Momente vergessen zu lassen, dass sie tausend Dinge hat, um die sie sich Gedanken machen müsste.

Wenn Bog seine Arme um sie legt und seinen Kopf auf ihren legt, dann ist das wie abtauchen in Seifenblasen, die Welt verzerrt und unwirklich außerhalb von Bogs fester, aber sanfter Umarmung, und es ist wie eine Gewichtsdecke, die sie um ihre Schultern legen kann, um die Welt draußen zu halten.

Die Sonne senkt sich immer weiter und es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis das sanft glühende Rot ihres Untergangs dem Tiefschwarz der Nacht platzmacht und sie in vollkommener Dunkelheit mitten in der Einöde stehen, vermutlich ohne Taschenlampe und mit einem Wagen, mit dem Marianne sich ja gerade einmal bei Sonnenschein zu fahren traut, weil sie die glatten Straßen nicht gewohnt ist und absolut keine Erfahrung mit Schneewehen hat, die jederzeit drohen, sie aus der Bahn zu werfen.

„Du fährst zurück“, sagt Marianne leise, flüstert beinahe, weil sie sich nach so langer Stille kaum traut, die Stimme mehr zu erheben. Ihr ist immer noch nicht warm, aber sie fühlt sich mit Bog um sie herum und die Abwesenheit jeglicher städtischen Infrastruktur so ruhig, wie sie sich seit Wochen nicht mehr gefühlt hat. Vermutlich sogar Monaten. Und mit jedem bisschen, das ihre Schultern sich aus ihrer gestressten Anspannung lösen, ebbt das Zittern in ihren Gliedmaßen ab, bis sie beinahe im Dunkeln stehen, der Atem vor ihren Mündern kondensierend, und sie endlich aufhört zu zittern.

„Was anderes hab ich gar nicht in Erwägung gezogen“, flüstert Bog zurück, als würde er sich auch davor scheuen, die Stille zu brechen. „Im Beifahrerfußraum liegt eine Thermos mit Punsch.“ Der Themenwechsel bringt sie wieder dazu, ihn ansehen zu wollen, aber wieder kann sie sich nicht weitgenug drehen, und inzwischen ist es vermutlich auch zu dunkel, als dass sie Einzelheiten in seinem Gesicht ausmachen könnte.

„Warum hast Du Punsch dabei?“, fragt Marianne ungläubig. „Ich werde hier nicht mehr ewig herumstehen, damit Du’s weißt.“ Dann hält sie einen Moment inne. „Wann hattest Du überhaupt die Zeit, Punsch zu machen?“

Sie kann sich genau vorstellen, wie er einen Moment verlegen zur Seite schaut, bevor er sagt: „Es wäre möglich, dass sich Schmuggelware in einem unserer Koffer befunden hat.“

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass das illegal ist“, sagt Marianne, aber sie kann auch das Lachen nicht aus ihrer Stimme heraushalten.

Bog zuckt die Achseln. „Deswegen ist es ja Schmuggelware.“ Der Griff seiner Arme verstärkt sich. „Willst Du nun Punsch oder nicht?“

Sie hat nicht das Herz, ihm noch einmal zu verdeutlichen, dass sie nicht lange genug hier herumstehen wird, als dass es sich lohnt, den Punsch herauszuholen und es sich gemütlich zu machen. (Sie bezweifelt sehr stark, dass es überhaupt möglich ist, es sich hier bequem zu machen. Hat sie schon erwähnt, wie unfassbar kalt es ist? Wenn ihre laufende Nase irgendwann halb eingefroren Eiszapfen ausbildet, dann wäre sie nicht überrascht. Rein gar nicht.)

„Nein“, sagt sie also und versucht noch mehr von ihrem Gewicht auf ihn zu verlagern, aber ihre Zehenspitzen stehen dadurch halb in der Luft und sie ist sich nicht sicher, ob sie dadurch noch schneller kalt werden oder nicht. Kein Schnee zumindest, denkt sie, während sich die Naht, die ihren Stiefelschaft an der Schuhsohle hält in ihre Ferse bohrt. „Aber Danke.“

Die letzten Sonnenstrahlen fallen auf die Erde und der Schnee am Horizont glüht beinahe im Sonnenuntergangsrot, und mit dem Licht verschwindet die wenige Wärme gleich mit. Übrig bleibt ein zart-blauer Horizont, ein klarer, tiefschwarzer Nachthimmel, an dem der ein oder andere Stern leuchtet, und ein harscher Wind, der an Mariannes Kleidung rupft und sich seinen Weg unter ihren Schal und in ihre Ärmel bahnen will.

Mit einem ergebenen Seufzen schließt Marianne ihre Augen und legt ihren Kopf in den Nacken, sodass Bogs Kinn in ihrem Haaransatz zur Ruhe kommt. Jedes Mal, wenn er ausatmet, trifft warmer Atem ihre Stirn, und jedes Mal, wenn er einatmet, wird ihr ein wenig kälter. Ein gleichbleibend ruhiger Rhythmus, der sie beinahe vergessen lassen könnte, dass sie mitten im Nirgendwo in Island im Dunkeln steht, weil das anscheinend Bogs Vorstellung von Romantik ist. (Vielleicht muss sie ihn bei ihrem nächsten Urlaub an den heißesten Strand entführen, den sie finden kann, damit er einfach schmilzt und mit der nächsten Welle weggetragen wird. Vielleicht kann sie, wenn sie es sich nur stark genug vorstellt, den Strand und die heißen, sommerlichen Temperaturen so zu visualisieren, dass sie placeboeffektiv zu frieren aufhört.)

Für einen Moment kneift sie die Augen fest zusammen, bevor sie sie wieder entspannt, im Versuch, die Müdigkeit aus ihnen zu vertreiben, und sie seufzt noch einmal, vielleicht ein wenig melodramatischer als vorhin.

Sanft, aber unerwartet, hebt Bog seinen Kopf an und beugt sich dann tief genug über sie, um leise direkt neben ihrem Ohr sagen zu können: „Du verpasst noch alles.“

„Was soll ich verpassen?“, fragt Marianne, maßgeblich genervt davon, dass er gewagt hat, sich zu bewegen, weswegen die Hälfte ihres Hinterkopfes nicht mehr in seinem Schal vergraben ist.

Er lacht leise. „Das, wofür wir gekommen sind. Na los, öffne die Augen.“

Ganz kurz zieht Marianne in Erwägung, die Augen geschlossen zu halten und sich weiter ihren eskapistischen Phantasien von Sandstränden und Kokosnusscocktails hinzugeben, aber dann entscheidet sie sich doch dazu, ihm noch eine letzte Chance zu geben, und öffnet langsam ihre Augen, als könnte hinter einer ihrer Wimpern ein Schreckmoment lauern.

Stattdessen erstreckt sich über den gesamten Himmel grünes Licht, das ihr für einen Moment den Atem raubt.

Zenit-gerichtete, pulsierende Strahlen, die Marianne auf zahlreichen Photographien gesehen hat, von denen Marianne aber auch dachte, dass sie sie niemals im echten Leben würde sehen könnte; von denen Marianne irgendwann beiläufig gesagt hatte, dass sie wünschte, sie könnte auch ein einziges Mal darunter stehen und das Spektakel auf sich wirken lassen. Sie hätte nicht einmal gedacht, dass Bog sich daran erinnern würde, dass sie eine Dokumentation zusammen gesehen haben, in der für vielleicht fünfzehn volle Sekunden die Polarlichter zu sehen gewesen waren, und Marianne gesagt hatte: „Oh, die sind so schön, findest Du nicht? Wäre es nicht der Hammer, da mal drunter zu stehen?“ Und Bog hatte die Achseln gezuckt, weil er sich immer noch nichts aus Großartigkeiten macht. (Bog pflanzt Petersilie und erntet Liebes, Bog stellt Insekten- und Vogelwasserbäder auf, obwohl ihm die Flatterviecher alle Beeren von den Büschen rupfen, Bog dreht Pennys auf der Straße um, wenn sie mit der Kopfseite nach unten liegen, damit sie dem nächsten Menschen, der sie findet, Glück bringen können, Bog schickt ihr Photos von Schnecken, die er auf dem Weg findet, mit dem Kommentar spritzig, weil es sie jedes Mal aufs Neue zum Lachen bringt, und Bog plant einen ganzen Urlaub um einen beiläufig geäußerten Wunsch, weil er weiß, dass er Marianne damit eine Freude machen kann.)

„Du bist unglaublich“, sagt sie fassungslos. Nicht, weil er so lächerlich groß und so peinlich berührend liebevoll ist, obwohl es eigentlich sogar genau das ist, wenn sie ehrlich ist. Er ist so peinlich berührend liebevoll und sie weiß nicht, wie sie ihm jemals zurückgeben soll, was er ihr jeden Tag gibt.

Sie kann das Grinsen spüren, das sich auf seinen Lippen breitmacht und vermutlich beinahe sein Gesicht in zwei Hälften teilt, weil sie bis gerade eben noch bereit war, ihre komplette Reise ein klein wenig beleidigt mit ihm zu sein, weil er sich so ein Reiseziel gewünscht hat; und weil sie bis gerade eben noch ganz groß darin gewesen ist, sich über die Kälte und die Dunkelheit und ihre gesamte verflixte Situation zu beschweren, und dass alles ein bisschen vergessen ist, weil die Polarlichter sich über ihnen erstrecken wie eine kosmische Lichterkette – oder vielleicht eher ein Knickleuchtstäbchen in ihren erwartungsvoll gespannten Händen.

„Gut?“, fragt er trotzdem und sie versucht ihm ihren Ellenbogen in die Seite zu rammen, aber die dicken Jacken und ihre Position halten sie davon ab, es tatsächlich tun zu können. Sie hat noch nicht einmal Worte für ihn, weil sie ihre Augen einfach nicht von dem grünen, pulsierenden Licht abwenden kann, und das Bedürfnis, sich in seinen Armen umzudrehen und ihn zu küssen, heftig mit der Notwendigkeit kämpft, jeden visuellen Eindruck in sich aufzusaugen, weil sie schließlich nicht wissen kann, wann sie je wieder in diesen Genuss kommen wird.

„Ich glaube“, sagt Marianne langsam, statt ihm zu antworten, während sie die kalte Luft einatmet, „ich nehme einen Punsch.“

„Okay“, sagt Bog, weil sie es nicht ausbuchstabieren muss, weil er auch so versteht. „Lass mich Dich noch einen Moment genießen, Liebherz.“

Wärme breitet sich irgendwo zwischen und über und unter ihrem Zwerchfell aus und ihre Mundwinkel zucken überfordert nach oben, während sie Sterne und Lichter und die ein oder andere Schnuppe mit den Augen abtastet, als müsste sie später photorealistische Darstellungen davon anfertigen.

(Bog zu lieben, ist so unfassbar einfach, so lächerlich simpel und erschreckend leicht. Bog zu lieben, ist wie Atmen und Blut durch ihren Körper transportieren lassen und Proteine spalten. Bog zu lieben, ist eine Unabwendbarkeit; Marianne wüsste nicht, wie sie damit aufhören sollte. Und wenn er dann mit ihr mitten in der Einöde unter den Polarlichtern steht und seine Arme fest um sie gewunden hat, dann denkt sie, sie könnte so ewig mit ihm verharren, dass Glyzine über ihre Füße wuchert und sie gemeinsam zum Baumkuss verholzen, über den anstrebende Dichtende schmerzlich-schwermütige Gedichte dichten, weil sie nicht sehen werden, dass irgendwelche Gottheiten dort oben Bog und Marianne gesehen und ihre Liebe verzwieselt haben, und göttliche Gnade manchmal verwechselnd ähnlich aussieht wie Wut.)

Sie beißt sich auf die Zunge und sagt schließlich in viel zu sanfter Stimme, Zuneigung kaum versteckt: „Es ist immer noch viel zu kalt.“
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