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Papierprinz und Zinnsoldat

von Bido
GeschichteFantasy, Erotik / P18 / MaleSlash
14.09.2021
14.09.2021
1
1.866
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14.09.2021 1.866
 
Hier noch einmal der Hinweis: Dies ist eine D/s aber keine S/M-Geschichte, auch wenn das erste Kapitel stark den Eindruck erweckt. Hab etwas Geduld, lieber Leser. Ich versuche einen glaubwürdigen Dom und Sub zu schreiben, mit einem Seitenblick auf die Psychologie und Dynamik der Beziehung.  (Anderseits mag der Realismus besonders in Bezug auf Praktiken manchmal zu kurz kommen, auch was Dinge wie physische Vorbereitungen, Absprachen und Safewords betrifft. Hier mischt sich „Fantasie“ ins Schreibgenre Fantasy. Bitte denkt daran, wenn ihr Kritik äußert.)
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Rauchen war eines der wenigen Laster, dem Rowan mit Sicherheit nicht verfallen würde. Aber das war wohl dem Umstand geschuldet, dass er Zeuge gewesen war, wie sein Zwilling sich im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode gehustet hatte. Ersticken war kein angenehmer Tod.  

Rowan nahm eine Zigarette aus dem Etui. Nachdem er sie angezündet hatte, sog er den Rauch nur in den Mund. Er nahm einen tiefen Atemzug durch die Nase und ließ ihn mit dem Rauch zusammen entweichen. Während er augenscheinlich beobachtete wie der Rauch mit Regen und Dunkelheit verschmolz, musterte er tatsächlich die Umgebung.

Nur zwei Kutschen holperten über das vor Nässe glitzernde Kopfsteinpflaster, keine wurde langsamer oder hielt. Er hörte laute Stimmen vom Wirtshaus am anderen Ende der Straße, sah aber keine Huren in den anderen Hauseingängen vorm Regen Schutz suchen. Dies hier war der äußerste Rand des Vergnügungsviertels, die Straße zählte schon kaum mehr dazu. Hinter der Fassade der heruntergekommenen Läden und Kanzleien mochte sich vielleicht noch das eine oder andere illegale Wettbüro befinden, vielleicht ein Boxring im Keller. Die tatsächlichen Geschäfte und Amtsstuben waren aber schon seit vielen Stunden geschlossen, die Straße so gut wie verwaist. Ein etwaiger Verfolger müsste schon sehr geschickt sein, um sich hier ungesehen verbergen zu können.

Trotzdem wurde Rowan das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden. Es waren lediglich seine Nerven, entschied er. Wenn er noch länger warten würde, wäre das keine Vorsicht, sondern Feigheit. Rowan warf die ungerauchte Zigarette fort, trat aus dem Hauseingang und ging die letzten paar Schritte bis zu seinem eigentlichen Ziel.

Die Lampe vor dem Etablissement war so schummrig, dass ihr Licht kaum ausreichte, die Gravur auf der Messingplatte neben der Eingangstür zu erkennen. Club de noeud, las er.

Rowan zog die Kapuze seines Capes noch tiefer ins Gesicht, trat die Stufen hinauf und betätigte den Klopfer. Es dauerte nicht lange, bis eine dürre Gestalt in rot-goldener Livree ihm die Tür öffnete.

„Guten Abend“, wünschte der Mann mit geschult ausdruckslosem Gesicht. Er fragte nicht nach den Wünschen oder der Identität des vermummten Besuchers, sondern bedeutete ihm lediglich einzutreten. „Willkommen im Club de noeud.“

Rowan betrat das Vestibül. Abgesehen von ihm und dem Diener war es menschenleer und Rowan wusste nicht, ob ihn das erleichtern oder beunruhigen sollte. Wie viele Besucher hatten sie an einem frühen Samstagabend?

„Darf ich um den Clubbeitrag bitten?“, fragte der Concierge, der hinter den Empfangstisch getreten war.

Rowan hatte in dem zufällig belauschten Gespräch im Bordell nicht nur von der Existenz des Clubs selbst erfahren, sondern zum Glück auch die Höhe des Betrages mitbekommen, den dieser für seine besonderen Dienstleistungen verlangte und musste nicht nachfragen.

Er nahm einige Scheine aus der Tasche und legte sie auf die polierte Mahagoniplatte des Tresens. Der Bediensteten notierte etwas in ein Buch und begann die Scheine zu zählen – was zeigte, dass dies hier trotz allem kein Club war, sondern ein Etablissement, das sich nur den Anschein von Seriosität gab.

Sein Blick huschte durch den großen, halbdunklen Raum. Gemälde, Sessel, Bücherregale und Zeitungsständer. Nichts, was nicht in jedem Herrenclub auch zu finden wäre.  Die Lampen waren  so platziert, dass sie die großen, klassisch erscheinenden Ölgemälde gegenüber des Eingangs bestrahlten.

„Sie sind zum ersten Mal bei uns?“

Rowan nickte angespannt. Woran merkte man das? Verhielten sich die Kunden normalerweise anders?

„Wie ich feststellen konnte, haben Sie unsere Dekoration bereits bewundert. Die Sujets korrelieren mit den Präferenzen unserer Gäste. Die Flure beider Gebäudeflügel führen in die entsprechenden Abteilungen. Dort werden Sie weitere Einweisungen empfangen.“

Als er sicher war, dass der Concierge nichts weiter hinzufügen würde, durchquerte Rowan die Halle.

Die Bilder rechter Hand zeigten antike Kaiser, Feldherren, Götter. Die Gemälde zur Linken, Szenen wie Sklavenauktionen auf orientalischen Märkten, Kriegsgefangene, die in Ketten hinter den Streitwägen der Sieger mitgeführt wurden, mittelalterliche Szenarien von Ketzern an Schandpfählen und Käfigen. Er wandte sich nach links.

Ein Vorhang wurde bei seinem Näherkommen zur Seite geschoben. Ein livrierter Jugendlicher, nicht älter als vierzehn oder fünfzehn, nickte Rowan zu. Er trug eine Pluderhose aus hauchdünnem rot-goldenen Stoff, der selbst im schwachen Licht offenbarte, dass er darunter nichts weiter anhatte. Er war barbrüstig bis auf ein ebenfalls rot-goldenes Samthalsband mit einem kleinen Glöckchen daran.

Er schien die Worte des Concierge mitgehört zu haben, denn er erklärte: „Ich bringe Sie zu Ihrem Zimmer, das Ihnen für diesen Abend zur Verfügung stehen wird.“

Das Glöckchen um den Hals des Jungen klingelte leise, als er durch den Gang schritt, die Pailletten an den Säumen und dem Bund seiner Hose fingen das wenige Licht und warfen es zurück. Rowan starrte wie hypnotisiert darauf. „Die Clubregeln sind das erste Mal und jedes weitere Mal auszufüllen, wenn sich Ihre Wünsche ändern“, erklärte der Junge weiter, „Ihr Bogen wird vervielfältigt, einer Nummer zugewiesen und dann den Mastern zur Einsicht zur Verfügung gestellt.“

Der Junge blieb vor einer Tür stehen und fügte mit gesenktem Blick hinzu: „Ihnen steht eine Auswahl an Annehmlichkeiten zur Verfügung. Sollten Sie etwas vermissen, notieren Sie Ihre Wünsche und legen Sie diese zusammen mit dem ausgefüllten Regelwerk auf die Konsole vor Ihrem Zimmer. Der Club wird versuchen, es Ihnen zur beschaffen. Der Empfang beginnt um zehn Uhr. Stellen Sie sich dazu auf den Gang, wenn das Signal ertönt. Sie werden dann Ihre Nummer zugewiesen bekommen und sich im Empfangssaal präsentieren.“

Der Bedienstete öffnete die Tür und blieb abwartend stehen, wie um zu sehen, ob der Gast weitere Fragen hatte. Rowan nickte nur. Er betrat das Zimmer, dessen Tür lautlos hinter ihm geschlossen wurde. Es war eine mehrräumige Suite wie in einem gehobenen Hotel - mit einem Ankleidezimmer, einem Bad und einem großen Schlafzimmer. Oder vielmehr einem Raum, der unter anderem ein Bett enthielt - geschlafen wurde in diesem wohl eher nicht.

Rowan starrte auf die Ketten an den Bettpfosten. Zum ersten Mal an diesem Abend beschleunigte sich sein Pulsschlag, aus einem anderen Grund als Nervosität.  

Er fand die Clubregeln auf dem Tisch nebst Füllfederhalter, Mappe und Couvert. Ein Überfliegen der Bögen ergab, dass es sich bei der Bezeichnung um einen Euphemismus handelte. In Wahrheit war es einen Fragebogen zu seinen Vorlieben und Abneigungen. Rowan fand eine Flasche hochwertigeren Gins in der gut gefüllten Schrankbar, füllte ein Glas und setzte sich schließlich, um den Bogen auszufüllen.      

Zögernd kreuzte er einige Aussagen auf dem Formular an. Manche Fragen ließen ihn angeekelt das Gesicht verziehen und mit fest aufgedrücktem Stift bei der Auswahl ‚Nein‘ ankreuzen. Dass hier Handlungen angeboten wurden, von denen er nicht einmal im Traum gedacht hätte, dass irgendein Mensch sie freiwillig ausführen oder an sich vollziehen lassen würde, hielt ihm vor Augen, wie wenig er von diesem Milieu eigentlich wusste.

Andere Optionen ließen ihm das Blut in die Lenden schießen, aber gleichzeitig frustriert Flüche murmeln. Knebel, Augenbinden und Fesseln waren Dinge, die in seinen Phantasien selten fehlten. Aber er traute in der Realität niemandem so weit, dass er zulassen konnte, so etwas angelegt zu bekommen.

Nach langem Zögern kreuzte Rowan bei vielen dieser Optionen ebenfalls ‚Nein‘ an.

Er starrte auf das freie Feld, in dem er eigene Wünsche eintragen konnte, ließ es schließlich frei und erhob sich, um die Seiten in die Mappe und diese auf die Konsole im Gang zu legen, bevor er Zeit hatte seine Meinung noch einmal zu ändern.  

Eigentlich machte er sich keine große Hoffnung. Es würde nicht mehr geschehen, als bei seinen Ausflügen davor in immer verruchtere Bordelle, die mehr anboten als den üblichen Verkehr mit Frauen. Wenn er viel Glück hatte, wäre das beste Auskommen, dass er expliziteres Material für zukünftige Fantasien bekäme.

Rowan leerte das Glas in einem Zug und ging ins Ankleidezimmer, das rundum von Schränken gesäumt war. Diese enthielten eine so große Auswahl an Kostümierungen, dass sie einem Schaustellerfundus zu Ehren gereicht hätten. Von Augenmasken, wie sie üblicherweise bei Kostümbällen getragen wurden, über plastische Halbmasken aus Pappmaché bis hin zu welchen, die den gesamten Kopf des Träger bedeckten, war alles vorhanden. Auch ein Tisch mit Schminkutensilien fehlte nicht für diejenigen, die sich optisch in eine Frau verwandeln wollten.

In den offenen Schränken hingen dazu passende Kleidungsstücke. Daneben gab es alles Erdenkliche von Dienstbotenkleidung über Sträflingsanzüge bis hin zu undefinierbaren Lumpen, die absichtlich ungewaschen schienen.

Rowan entschied sich für eine Fuchsmaske aus Pappe und Filz, die nur Kinn und Mund freiließ. Nach etwas zu suchen, was seine auffällige Haarfarbe verbarg, wäre ohnehin vergebliche Liebesmüh, da seine Körperbehaarung sie ohnehin verriet. Seine alte Amme hatte immer gesagt, dass man betonen solle, was man nicht verbergen kann.

Rowan ging ins Badezimmer, um sich die Pomade aus den Haaren zu waschen. Aus der eng anliegenden Frisur mit Seitenscheitel wurden wieder seine natürlichen Locken, die er in der Öffentlichkeit nicht mehr getragen hatte, seit er aus kurzen Hosen herausgewachsen war. Niemand würde sie mit ihm in Verbindung bringen. Zusammen mit seinem unrasierten Gesicht musste das genügen.

Die Auswahl des Kostüms fiel ihm schwerer als die der Maske. Aber das war vielleicht gut, denn so war er bis zehn Uhr beschäftigt.

Rowan schob Bügel nach Bügel zur Seite, bis sein Blick auf etwas fiel, was ungetragen kaum als Kostüm zu erkennen war, da es quasi nur aus zusammengenieteten Lederstreifen bestand. Er musste es vom Bügel nehmen, um zu erkennen, dass es sich um Teile eines Art Harnischs handelte. Das eine Teil wurde über Brust, Rücken und Schultern gezogen. Auf die Lederstreifen waren Ösen genäht, an denen Seilen oder Ketten befestigt werden konnten. Das Gegenstück bestand im Grunde nur aus einem Gürtel, an dem mit Nieten beschlagene, sich überlappende Lederstreifen bis zur Mitte der Waden hinabhingen und eine Art Schurz bildeten. Vervollständigt wurde das Set von  Ledermanschetten für Hand- und Fußgelenke, ebenfalls mit Ösen versehen.  

Rowan zog seine Straßenkleidung aus. Den Harnisch ignorierte er und streifte nur den Schurz über. Er mochte das Gefühl des Leders auf seiner bloßen Haut. Dann griff er nach den Manschetten und schloss die Riemen um Handgelenke und Beine. Sie lagen so eng an, dass es dem Empfinden gefesselt zu sein nah genug kam, um ihm eine Erektion zu bescheren.

Doch dann machte er den Fehler, sich in dem mannshohen Spiegel zu betrachten. Er wandte sich mit einer Grimasse ab. Ein gut sitzender Anzug erweckte noch die Illusion, er sei in Form, mit schmalen Hüften und breiten Schultern. Aber nackt war selbst im Halblicht die Wahrheit erkennbar. Wohlwollende Tanten würden es wohl Babyspeck nennen, wäre er noch zehn statt zwanzig. Das wenige, was er in der königlichen Militärakademie an Muskeln aufgebaut hatte, war lange wieder verschwunden. Er war aufgedunsen durch das viele Trinken, das ihm bereits einen erkennbaren Bauchansatz verpasst hatte.  

Der Erkenntnis zum Trotz füllte Rowan sein Glas erneut und stürzte den Inhalt herunter. Er war erleichtert, als ein tiefer Gongschlag zur vollen Stunde ertönte.

Zehn Uhr.
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