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Die Rückkehr der Wanderer

OneshotDrama, Freundschaft / P16 / Gen
14.09.2021
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Die Rückkehr der Wanderer

Vor vielen, vielen Monden geschah es, dass sich die Stimmung im Land änderte. Eiskalter Wind zog auf. Sie ersten Schneeflocken rieselten sanft auf das Tal hinab. Die Bauern holten eilig ihre letzte Ernte ein, bevor sie ihre Unterkünfte Frostfest machten. Die Kälte war nichts Neues für die Bewohner von Crisue, die fallenden Flocken waren ihnen wohlbekannt. Einige von ihnen bekamen sogar Namen und Definitionen, doch in Wirklichkeit waren sie alle gleich, auch wenn man von Schneeflocken gerne das Gegenteil behauptete. Der Einzug des Schnees würde nicht lange anhalten, zumindest dachte man dies. Wie falsch die Bewohner von Crisue lagen, wurde ihnen erst zu spät klar. Die Kälte war längst in ihren eisigen Herzen eingezogen und hatte sich dort breit gemacht.

Nach einer langen und beschwerlichen Reise fanden zwei Wanderer ihren Weg zurück nach Crisue. Früher hatten sie sich hier sehr wohlgefühlt. Sie verbrachten die Tage auf dem Markt, die Abende in den Tavernen und die Nächte am Lagerfeuer, an dem Geschichten ausgetauscht wurden. Dass das Tal zu dieser Zeit längst in kräftigen Grüntönen erstrahlen sollte, war den beiden Wanderern wohlbewusst.

Im ganzen Land erzählte man sich viele Geschichten um die Liebe, den Zusammenhalt und die Unterstützung, die in dem überschaubaren, aber durchaus belebten Crisue allgegenwertig sein sollte. Dass von dieser Liebe nicht mehr viel übrig war, fiel den Wanderern sehr schnell auf. Statt Zusammenhalt und Unterstützung regierten nun Kälte, Neid und Missgunst. Unter dem Deckmantel der Freundlichkeit machte man sich Komplimente über die frostdichten Häuser, während man sich nicht das Holz gönnte, mit dem das Feuer in den Stuben am Leben erhalten wollte.  

Die fallenden Schneeflocken betonten die frostige Stimmung in den Herzen der Bewohner. Den Wanderern wurde klar, dass dies nicht mehr das Crisue war, das sie kannten und liebten. Es war ein wenig so, als würde man einen Ex-Geliebten zurücknehmen, aus dessen Fängen man sich nur schwer befreien konnte, da man sich immer wieder an die guten Zeiten erinnert hatte. Die zwei Wanderer, Ryka, die Magierin und Mysam, die Kriegerin brauchten eine Unterkunft. Ryka war schon sehr müde, die Flamme in ihren Händen wurde immer kleiner und kleiner. Eine Nacht Schlaf war genau das, was die beiden brauchten. Zumindest eine Nacht mussten sie in Crisue verbringen. Am nächsten Morgen würden sie wieder weiterziehen. Crisue hatte nicht mehr viel zu geben.

Im Palast der Königin Susan fanden sie eine Unterkunft. Das Zimmer im Gästeflügel war klein, doch ausreichend. Nach der langen Reise wollten die beiden Wanderer nur noch zu Ruhe kommen. Nachdem sie ein Feuer im Kamin gemacht hatten, kletterten Ryka und Mysam ins Bett. Am nächsten Tag hatten die beiden Wanderer eine Audienz bei der frostigen Königin Susan. Um der Königin entgegen treten zu können, brauchten die Wanderer eine große Mütze Schlaf. Nach einem kleinen abendlichen Snack fielen Ryka und Mysam in einen tiefen Schlaf, gefüllt mit wunderbaren Träumen.

Die Magierin und die Kriegerin wurden am nächsten Morgen in den Thronsaal gerufen. Die Königin war nun bereit, mit den beiden Wanderern zu sprechen. Schon beim Eintreten in den Thronsaal fühlen sich die beiden Wanderer unwohl, doch sie schoben es auf die Schneeflocken und die Kälte.

„Ihr werdet euch fragen, warum ich euch habe rufen lassen.“
„Geht eigentlich“, antwortet Ryka der Königin. „Wenn jemand nachts an meiner Tür klopft, will ich auch wissen, was los war.“
„Schweig still“, sprach die Königin und machte eine Handgeste, als würde sie die Magierin wegwedeln wollen. Schneeflocken fielen aus ihrem Ärmel. „Ich habe euch eingeladen, um euch die Chance zu geben, euch zu beweisen. Geht in den Tempel am Gipfel des Berges und entzündet das Feuer von Crisue.“

Die Magierin und die Kriegerin sahen sich an. Sie zuckten mit den Schultern. Dass das Leben in Crisue neuerdings an Bedingungen geknüpft ist, war den beiden nicht vertraut. Wie sehr sich das soziale Klima mit der Temperatur des Landes geändert hat, wurde ihnen nun mehr als bewusst. Besonders viel Lust hatten sie allerdings nicht auf diese Mission.

„Kann man machen“, antwortet Ryka nickend. „Ist aber schon krass viel Arbeit.“
„Verzeiht meine Frage, euer Majestät, aber wäre es möglich, uns mit Proviant und Ausrüstung auszustatten? Wir haben leider nicht die nötigen Mittel, um den Berg bei diesem Schneesturm zu bewältigen“, fragte die tapfere Kriegerin Mysam die Königin freundlich. Dass eine einfache Frage die Augenbraue der als gerecht und hilfsbereit geltenden Königin Susan Königin derart in die Höhe treibt, hätte wohl niemand ahnen können. Die Kriegerin fuhr fort: „Wir brauchen geeignete Kleidung, um der Kälte trotzen und diese Aufgabe erfüllen zu können.“
„Genug!“, schallt die kräftige Stimme der Königin durch den Thronsaal. „Eure dreisten Forderungen könnt ihr in einem anderen Königreich stellen! Mein Dank und die Sterne am Himmel sollten euch genug Belohnung sein!“
„Aber wi-“, möchte die Magierin Ryka erklären, doch ihre vernünftigen Argumente werden im Keim erstickt. Sie seufzte und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.
„Wenn ihr nicht für das Volk seid, dann seid ihr gegen das Volk! Aus meinen Augen, ihr Schnorrer!“, schrie die Königin, was nicht nur bei den beiden Wanderern, sondern auch bei einigen ihrer Vertrauten große Verwirrung auslöste. Die Kriegerin kratzte sich irritiert am Kopf.
Der Zentaur an der Seite der Königin schnaubte. „Meine Königin, die Frage der Wanderer ist mehr als berechtigt. Der Schneesturm wird immer stärker. Wenn sie den Auftrag erfüllen und unser Land retten sollen, dann brauchen sie unsere Unterstützung. Die Schneeflocken werden unser Land ewig gefangen halten, wenn wir nicht gegen sie ankämpfen.“
„Schweig!“, rief die Königin. Auch in Richtung Zentaur wandte sie ihre wegfegende Handgeste an. Mit einem seiner Vorderhufe kratzte er über den roten Teppich. „Du kannst dich ihnen gleich anschließen und das Königreich verlassen!“
Nach einem weiteren Schnauben machte der Zentaur auch schon seine ersten Schritte. „Wenn Ihr die Helden nicht unterstützen wollt, wird es bald kein Königreich mehr geben, das wir retten könnten.“
Die Magierin zuckt mit den Schultern. „Hab ich eigentlich eh keinen Bock drauf. Bei den vielen Flocken ist es hier eh nicht mehr so cool wie früher.“
„Ja“, stimmte die Kriegerin zu. „Crisue ist wirklich nicht mehr das, was es mal war.“ Sie sah sich um. „Wir begeben uns lieber zurück auf unsere tropische Insel. Wer sich uns anschließen möchte, kann durch das Portal gehen und es sich in der wärmenden Sonne gemütlich machen. Es gibt Kokosnusscocktails, Musik und einen weißen Sandstrand.“ Einige der Vertrauten nickten. Sie waren offensichtlich nicht abgeneigt.

Ryka, die Magierin, streckte ihre Arme aus. Sie fing damit an, ihre Magie zu kanalisieren. Blaue Blitze bildeten sich über den Köpfen der Anwesenden. Nach und nach wurden es mehr und immer mehr. Sie formten sich zu einem großen Oval, das Bild einer Insel war nun zu sehen. Weißer, einladender Sandstrand soweit das Auge reicht. Türkises Wasser, das zum Schwimmen einlud. Palmen, zwischen denen Leinentücher gespannt wurden. Man konnte sehen, dass in einer der Tücher bereits ein Mensch seine Augen ausruhte. In den sanften Wellen des Wassers trieb eine Meerjungfrau ihr Unwesen. Auf der Veranda eines Strandhauses spielten zwei junge Männer ein Kartenspiel.

Die Katze, die auf der Rückenlehne des Throns saß, öffnete die Augen. Sie streckte sich genüsslich, ehe sie von dem Thron sprang. Schneeflocken mochte sie noch nie, also eilte sie auf das Portal zu. Nach einem letzten Miau verschwand die Katze mit einem Sprung im Portal. Auch der Zentaur, der mit sich mit den Schneeflocken und den unangekündigten Meinungsumschwüngen der Königin ohnehin nicht länger beschäftigen wollte, trat durch das Portal. Eine Hexe und das männliche Äquivalent, ein Hexerich, betraten ebenfalls das Portal. Die Hexe, weil ihr langweilig war und der Hexerich, weil er die Brüste der Meerjungfrau genauer begutachten wollte. Außerdem musste er herausfinden, wie viel Alkohol sich wohl in den Kokosnusscocktails befand. Ein weiser Engel, eine stille Bibliothekarin und ein frecher Geist wollten ebenfalls wissen, wie es sich anfühlt, ein Land zu besuchen, das nicht von Schneeflocken regiert wird. Auch die drei durchquerten das Portal, um an den Sandstrand zu gelangen.

„Viel Glück bei der Suche nach Verrückten, die sich freiwillig in den Tod begeben, um ein Land zu retten, dass offensichtlich nicht gerettet werden will“, verabschiedete sich die tapfere Kriegerin und verbeugte sich sarkastisch vor der Königin. Mit erhobenem Haupt verschwand sie durch das Portal.
„Na dann flockt mal alleine weiter“, sprach auch Ryka. „Vergesst nicht, Öl ins Feuer zu schütten!“

Mit einem Satz verschwand auch die Magierin im Portal, das sich daraufhin schloss. Die Königin schrie und tobte. Die Wände des Palasts erzitterten, die Dachziegel lockerten sich. Die ersten Schneeflocken traten in den Palast ein. Aus wenigen Flocken wurden mehrere, bis der Schneesturm nicht nur das Tal, sondern auch den Palast der Königin heimsuchte. Nichts würde wieder so werden, wie es war.

Und unsere Wanderer? Nun, die ließen es sich auf der nun nicht mehr ganz so einsamen Insel gut gehen. Ihr Leben wurde von nun an von guter Musik, weißen Sandstränden, leckeren Cocktails und Kartenspielen geprägt. Und Schneeflocken? Denen wird immer noch der Zutritt verwehrt.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
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