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Schattentanz

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P18 / Het
Fabeltiere & mythologische Geschöpfe Kobolde & Feen Zauberer & Hexen
13.09.2021
24.11.2022
71
221.770
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24.11.2022 4.464
 
„Es ist Auslegungssache.“ Sie notierte sich einen Gedanken und rollte die alte Schriftrolle vorsichtig wieder ein.

„Es ist eine Ungenauigkeit in der Übersetzung“, antwortete Patrick Norris, der an seinem Laptop die übersetzten Texte abtippte.

„Es ist Auslegungssache“, wiederholte Liora und warf ihm einen warnenden Blick zu. Norris erwiderte ihn ernst und die beiden starrten sich einen Moment schweigend an, bevor sie fast gleichzeitig zu grinsen begannen. „Willst du mir ernsthaft unterstellen, meine Übersetzungen seien ungenau?“, empörte Liora sich gespielt beleidigt. „Nein, ich möchte nur andeuten, dass es eventuell möglich ist, dass du dich vielleicht – nur vielleicht – in der Vokabel geirrt hast“, erklärte er und duckte sich dann hinter seinen Bildschirm.
„Frechheit! Du kannst deine Übersetzungen gleich wieder alleine machen“, antwortete Liora und räumte vorsichtig die Pergamentrolle an deren angestammten Platz im Regal des Archivs zurück. Erst dann zog sie die schützenden, weißen Stoffhandschuhe aus, die sie beide trugen, wenn sie mit den alten, teilweise zerbrechlichen Schriften des Instituts arbeiteten. Norris sah wieder hinter seinem Bildschirm hervor und lächelte milde.
„Tu mir das nicht an. Es war einsam ohne dich hier unten und wir kommen zu zweit um einiges schneller voran. Schau mal, was wir heute schon geschafft haben“, sagte er und zeigte auf die fünf Rollen, die sie unter größter Sorgfalt gesichtet und übersetzt hatten. Damit hatten sie ihren persönlichen Rekord aufgestellt, was Produktivität anging. Liora nickte zustimmend und betrachtete die Rollen mit einem zufriedenen Lächeln. „Es hat wirklich Spaß gemacht, aber eine weitere schaffe ich nicht. Mir fehlt die Konzentration. Wie weit bist du mit dem Text?“, wollte sie wissen und schlenderte zu ihrem Kollegen hinüber, um ihm über die Schulter zu schauen. Norris speicherte die Datei und zeigte ihr dann, woran er saß. „Ich habe alles mitgeschrieben, was du vorgelesen hast. Jetzt bringe ich das Ganze noch in eine ansehnliche Form, überarbeite ein paar Formulierungen und passe die ein oder andere Fußnote an. Eventuell auch die, dass die Übersetzerin eine Ungenauigkeit durch individuelle Auslegung toleriert“, zog er sie erneut auf und Liora, die hinter ihm stand, gab ihm einen leichten Stoß gegen die Schulter. „Du bist frech“, bemängelte sie und als er zu ihr hochsah, zwinkerte sie ihm zu, „Das gefällt mir. Warum die gute Laune?“
„Du meinst, abgesehen davon, dass meine Projektpartnerin sich dazu herabgelassen hat, wieder mit mir zu arbeiten? Private Erfolgserlebnisse.“ Norris legte die Hände wieder auf die Tastatur und Liora kehrte langsam an den Tisch zurück, auf dem ihr Notizblock und ihre Zeichenutensilien lagen. „Private Erfolgserlebnisse? Was soll das denn bedeuten?“, fragte sie nach und setzte sich. Für sie war der anstrengende Teil der gemeinsamen Arbeit erledigt. Sie blieb noch, um für Rückfragen oder private Gespräche zur Verfügung zu stehen. Um sich die Zeit zu vertreiben, begann sie, wie so häufig in letzter Zeit, ihre Stifte auszupacken und schlug dann das zugehörige Skizzenbuch auf. „Es bedeutet, dass eine langjährige, sehr liebe Freundin endlich mehr als das ist“, erzählte Norris und klang dabei erleichtert. Neugierig hob Liora den Kopf und musterte ihn. „Langjährig? Wie lange warst du denn hoffnungslos in sie verliebt?“, fragte sie und hielt sich dann erschrocken eine Hand vor den Mund. Überrascht sah Norris zu ihr hinüber. „‘Tschuldigung, das war zu privat. Ich vergesse manchmal, dass du einer meiner Dozenten bist. Vergiss die Frage, es geht mich nichts an“, entschuldigte sie sich sofort, doch Norris deutete ein Kopfschütteln an. Seine Überraschung wich einem Schmunzeln. „Es muss dir nicht leidtun. Ich habe immerhin selbst mit dem Thema angefangen und muss dann auch mit Nachfragen rechnen. Außerdem bist du hier am Institut angestellt und somit eher eine Kollegin, als eine Studentin“, antwortete er und zwinkerte ihr verschmitzt zu.
Liora strich sich verlegen eine Strähne hinters Ohr und drehte den Kohlestift zwischen ihren Fingern. „Ich bin eine studentische Aushilfe, also gerade mal die bezahlte Version einer zu eifrigen Studentin, mehr nicht“, relativierte sie seine Aussage, doch das ließ Norris nicht gelten. „Du vergisst dabei, du bist die studentische Aushilfe von Alexis Felton, also bist du keine gewöhnliche Aushilfe. Und was auch immer ihn dazu bewogen hat, dich einzustellen, ich bin dankbar dafür“, sagte er und wandte sich dann wieder seinen Texten zu.
‚Diarmad Johnstone hat mich foltern lassen, Alexis hat mich gerettet. Damit Diarmad mich nicht noch einmal bis in den Tod foltert, hat Alexis mich erst zu seiner Novizin gemacht und mich dann hier im Haus untergebracht. Das hat ihn dazu bewogen! So bin ich vorerst sicher, aber wir wissen nicht, wie lange das gut geht. Ich befürchte, Diarmad glaubt noch immer, ich hätte geheime Superkräfte vor ihm verborgen.‘, brüllte ihre innere Stimme, doch Liora lächelte lediglich, amüsiert über seine Formulierung. Ob ein Mann wie Patrick Norris vom Stuhl kippte, wenn sie ihm die wahre Geschichte hinter ihrem Aufenthalt erzählte? „Lieb, dass du das so sagst“, antwortete sie stattdessen.
„Ist nur die Wahrheit. Alexis hat tausende Bewerbungen ignoriert, darunter auch bereits fertig ausgebildete Heiler, die mit ihm arbeiten wollten. Aber so ist er nun mal. Als Heiler ein Genie und im Umgang mit seinen Patienten vorbildlich, doch alles, was darüber hinausgeht, ist ihm zuwider. Wenn er dich eingestellt hat, dann hat das einen Grund. Und, bevor es untergeht, es waren zwei Jahre. Ich habe sie zwei lange Jahre still und heimlich verehrt, aber alles Weitere bleibt vorerst ein Geheimnis. Wir wollen erst einmal testen, ob das mit uns funktioniert“, kam Norris wieder auf das vorherige Thema zurück. „Dann gratuliere ich dir und der unbekannten Dame. Erzählst du mir irgendwann wer es ist?“, wollte Liora wissen und er nickte lächelnd. „Du wirst eine der Ersten sein, die offiziell informiert werden, versprochen.“

Zufrieden mit dem Verlauf des Abends, begann Liora an ihrer Skizze weiterzuarbeiten. Sie zeichnete im Moment viele Szenen und Gesichter. Die Vorlagen fand sie in ihrem Gedächtnis. Manches Motiv erschien ihr im Traum, manch anderes schwirrte in ihren Gedanken umher und wollte sie nicht loslassen. Es zu zeichnen war ihre Art, ihre Gedanken zu sortieren und auch einen Teil ihrer Ängste zu verarbeiten. Sie brachte es zu Papier, blätterte dann weiter und schloss so mit der Szene oder dem Gedanken ab. Ihr Stift glitt flink über das Papier, während sie die letzten Minuten Revue passieren ließ. Der Abend hatte ihr, auch wenn er lang gewesen war, gutgetan. Patrick Norris hatte sich sehr darüber gefreut, als sie ihm mitgeteilt hatte, dass sie ihre abendlichen Termine wieder wahrnehmen wollte. Wie arg auch sie die Zeit mit ihm vermisst hatte, war ihr erst im Laufe des Abends klar geworden. Er hatte ihr gefehlt. Als Gesprächspartner und anscheinend auch als eine Art Freund. Zwar würde sie nicht behaupten, dass das zwischen ihnen bereits eine richtige Freundschaft war, doch seine offene und herzliche Art machten ihr Hoffnung darauf, dass es in Zukunft so sein könnte. Sie hatten sich schließlich von Anfang an gut verstanden und da sie begonnen hatten über Privates zu sprechen, waren die ersten Hürden genommen.
Liora blätterte in ihrem Skizzenbuch um und begann eine neue Zeichnung. Sie stützte sich mit dem Ellbogen ab und hatte den Kopf auf ihrer Hand abgelegt, während sie mit der rechten Hand nachdenklich begann Linien zu ziehen. „Patrick, darf ich dich etwas fragen? Über Alexis?“, erkundigte sie sich, denn wenn es einen guten Zeitpunkt für dieses Gespräch gab, dann jetzt. Immerhin hatte Norris von sich aus Alexis‘ Eigenheiten im Umgang mit Menschen erwähnen. „Ich kann dir aber keine zufriedenstellende Antwort garantieren“, antwortete er und tippte ohne Unterbrechung weiter. Anscheinend erwartete er bereits, dass er nicht helfen konnte, weswegen er sich auf seinen Text konzentrierte. „Ich habe in letzter Zeit viel gelesen. In der Zeitung. Seit die Angriffe der Schatten sich häufen, fällt auch immer wieder Alexis‘ Name im Zusammenhang mit Diarmad Johnston“, begann sie in einem neutralen Tonfall und bemerkte im Augenwinkel, wie Norris seine Arbeit nun doch pausierte und zu ihr hinübersah, „Laut dem, was ich gelesen habe, war die Familie Johnstone schon immer verrufen und das zurecht. Sie gehören zu den Verstoßenen, genau wie die de Gassauds.“ Sie schwieg einen Moment und überlegte, wie sie ihr Anliegen diplomatisch formulieren sollte, doch Norris kam ihr zuvor: „Du fragst dich, warum ein intelligenter und reflektierter Mensch wie Alexis sich nicht schon vor Jahren von ihnen distanziert hat?“
„Ja“, flüsterte Liora und sah zu ihrem Kollegen hinüber.
Norris atmete tief durch und lehnte sich dann in seinem Stuhl zurück. „Das ist eine berechtigte Frage, die immer wieder gestellt wird. Dazu muss man weit in die Vergangenheit zurückgehen. Ich nehme an, Alexis spricht mit dir nicht über diese Art privater Angelegenheiten, deswegen verzeih, wenn ich es ebenfalls etwas allgemein halte, um seine Privatsphäre zu wahren. Ich bin der Meinung, es sollte ihm überlassen sein, über die damit einhergehenden Details zu sprechen – wenn ihm jemals danach sein sollte“, sagte Norris und Liora nickte verständnisvoll.
Der braunhaarige Zauberer verschränkte die Arme vor der Brust und runzelte die Stirn, als er nachdachte. „Weißt du, Alexis‘ hat seine Eltern recht früh verloren. Robert und Elodie Felton starben bei einem Unfall, als er noch ein kleiner Junge war. Gerade alt genug, um zu verstehen, dass sein Leben in der bisher behüteten Umgebung zu Ende war. Bereits damals wurde spekuliert, ob seine Eltern Opfer eines Anschlages wurden, doch bewiesen wurde es nie. Zurück blieb ein trauerndes Kind, das herumgeschubst und mit Verschwörungstheorien konfrontiert statt getröstet wurde“, begann Norris zu erzählen und Liora ließ den Stift sinken, um ihn betroffen anzusehen. Ihr war bewusst gewesen, dass es einen Grund dafür gab, dass Alexis Diarmards „Ziehsohn“ war und der Tod seiner leiblichen Eltern war der naheliegendste, doch danach gefragt hatte sie ihren Mentor nicht. Jetzt die Bestätigung zu haben, ließ sie für einen Moment bestürzt den Blick senken.
„Gab es denn niemanden, der sich um ihn gekümmert hat? Andere Verwandte?“
Norris schüttelte den Kopf. „Nein, denn sowohl Robert als auch Elodie waren Einzelkinder. Die Generation der Großeltern war ebenfalls schon gestorben. Alles, was Alexis hatte, waren die Freunde seiner Eltern und da speziell eine gute und langjährige Freundin seines Vaters. Mairead Macaire. Sie und Robert Felton waren sowohl als Ratsmitglieder, als auch privat gute Freunde. Mairead war für den jungen Robert bereits wie eine Ersatzmutter gewesen und später eine wichtige Mentorin und Wegbereiterin. Sie haben gemeinsam mit einer Hand voll anderer für die Modernisierung des Rates gekämpft, Reformen durchgesetzt und einander dabei unterstützt, Rassismus und Korruption zu bekämpfen. Mairead hat Robert blind vertraut und umgekehrt war es sicher auch so. Deswegen war es für Mairead selbstverständlich, dass sie den Sohn der Feltons unter ihre Fittiche nahm. Sie hat den Antrag noch am Tag des Unfalls beim Rat eingereicht, um Alexis schnellstmöglich ein Zuhause und Raum für seine Trauer zu geben.“
„Du sagst das mit einer so traurigen Stimme, dass ich das Schlimmste befürchte“, murmelte Liora und zog die Augenbrauen zusammen. Dass Mairead Macaire nicht Alexis‘ Vormund wurde, war ja offensichtlich. Doch warum?
„Wenn ich mich recht erinnere, zeigte Alexis schon früh eine außerordentliche magische Begabung und sicher hätte man dieses Talent gerne in den Händen einer fähigen Magierin wie Mairead gesehen, dazu kam es aber nicht. Diarmad Johnstone tauchte aus dem Nichts auf und beanspruchte die Vormundschaft für sich.“
„Aber wie konnte es geschehen, dass er sie auch bekam? Mairead wäre als Vormund perfekt gewesen!“, sagte Liora und spürte, dass das Thema sie aufwühlte. Mit Mairead Macaire als Vormund, hätte Alexis ein traumhaftes Leben geführt!
„Was geschehen ist, meine Liebe, ist ein bedauernswertes Überbleibsel aus alten Zeiten. Johnstone beanspruchte die Vormundschaft entsprechend der Gesetze und Bräuche als Alexis nächster noch lebender Blutsverwandter“, erzählte Norris und als Liora ihn unterbrechen wollte, bat er sie mit einer Geste aussprechen zu dürfen, „Ich weiß, das erscheint dir ungerecht, doch es ist leider noch lange üblich gewesen, verwaiste Kinder zu ihren nächsten Blutsverwandten zu geben – sollten diese darauf bestehen. Eine alte Praxis, um die Reinheit der Blutlinien zu garantieren und Erbfolgen nicht zu beeinflussen. In Alexis‘ Fall wurde mit ein paar Tropfen Blut von jedem Beteiligten nachgewiesen, dass Alexis und Diarmad etliche Generationen zurückliegend die gleichen Vorfahren haben. Ich kenne keine Namen und bin noch nicht einmal sicher, ob Alexis jemals nachgeforscht hat, doch die Beiden sind verwandt. Johnstone hat daraufhin klare Ansprüche gestellt und Mairead hatte keine Chance mehr. Der Rat hat entschieden und Diarmad Johnstone hat Alexis wie seinen eigenen Sohn aufgezogen.“
Sie starrte ihre Skizze an, sah sie jedoch nicht wirklich. Mit jedem Wort war ihre Wut größer geworden. Die Wut auf das veraltete, korrupte System. Die Wut auf die Menschen, die damals blind den Regeln folgend über das Schicksal eines Kindes entschieden haben, statt darauf zu achten, was für diesen kleinen Jungen das Beste gewesen wäre. Wie konnten vernünftige Menschen blind solchen steinzeitlichen Regeln folgen? Für Liora war die Situation unvorstellbar. Sie stellte sich vor, wie ein dunkelhaariger, verängstigter Junge erst seine geliebten Eltern verlor und dann in einen kalten und vermutlich grausamen Haushalt wie den von Diarmad Johnstone abgeschoben wurde. Wie er in einem dieser Zimmer saß und weinte. Eines dieser dunklen Zimmer, in denen Johnstone Jahrzehnte später sie und vermutlich viele andere hat foltern lassen.  
„Sag mir, dass er dort nicht lange bleiben musste“, flüsterte Liora betroffen und als sie hinüber zu Norris sah, starb ihre Hoffnung auf ein schnelles Ende dieser kalten Kindheit. Ihr Kollege hatte die Stirn in Falten gelegt und schüttelte den Kopf. „Er blieb dort bis zu seiner Volljährigkeit. Der einzige Lichtblick war der, dass Mairead ihn mit Unterstützung des Rates schon sehr früh ans Institut nach St. Leopold geholt hat. Sie hat darauf bestanden, dass Roberts Sohn eine exzellente Ausbildung erhält und auf Druck des Rates hin musste Johnstone ihm das gewähren. So hat Mairead dafür gesorgt, dass Alexis bereits mit sieben in den Unterkurs kam. Nach langen Diskussionen hat sie es sogar geschafft, ihn zumindest zum Ende des Mittelkurses auf der Insel zu halten“, erzählte Norris und runzelte dann die Stirn. „Ich bin nicht sicher, ob das alles nicht schon zu privat ist. Eigentlich sollte Alexis dir das selbst erzählen“, murmelte er mit einem schlechten Gewissen. „Das würde er nie und du weißt das. Hilf mir, ihn zu verstehen, Patrick. Bitte“, antwortete Liora und sah ihn so flehend an, dass er mit einem Seufzen weitererzählte. „Also gut, aber dieses Gespräch hat nie stattgefunden und ich werde selbst unter Folter alles leugnen! Wo waren wir? Ach ja, Alexis zog ins Internat und so konnte Mairead ebenfalls Einfluss auf ihn nehmen. Sie hat ihn gefördert und dafür gesorgt, dass er nicht auf die schiefe Bahn geriet. Ich glaube auch, dass sie es war, die ihn in Kontakt mit der Kaste brachte, aber das ist nur eine Vermutung. Nachdem er dann für sein Studium und die ersten Jahre seiner beruflichen Tätigkeit als Heiler das Institut und sogar das Land verlassen hatte, fand sie eine Möglichkeit, ihn wieder zurückzuholen und ihn diesmal auf unbegrenzte Zeit ans Institut zu binden. Sie hat ihm eine Aufgabe gegeben, die ihn komplett vereinnahmt. Sie hat es ihm überlassen, die Klinik neu aufzubauen und sich hier frei zu entfalten. Also ist er geblieben und zumindest im Erwachsenenalter konnte er Johnstone so entkommen.“
„Da war der größte Schaden aber schon angerichtet. Kein Wunder, dass Alexis für sein Studium weit weggegangen ist. Die magische Welt hatte nichts Gutes für ihn übrig, also ist er zu den Menschen geflohen“, kommentierte Liora leise. Sie kannte das Gefühl. Erinnerungen aus ihrer eigenen Kindheit kamen hoch und für einen Moment fühlte sie eine tiefe Verbundenheit zu ihrem Mentor.
„Vermutlich war Johnstone einer der Gründe, aber sicher nicht der ausschlaggebende“, sagte Norris und setzte sich wieder aufrecht hin. Er kratzte sich am Kopf und wollte sich erneut an seinem Laptop zu schaffen machen, als er Lioras fragenden Blick bemerkte. „Was? Sag mir bitte nicht, dass du es nicht weißt! Du hast wirklich nichts von all dem mitbekommen, was in den letzten Jahrzehnten in der magischen Welt passiert ist, oder?“, wollte er fast ein wenig zerknirscht wissen. Liora deutete ein Kopfschütteln an und Norris seufzte gequält. Was kam den jetzt noch? „Oje, ich will eigentlich nicht derjenige sein, der dir das erzählt. Hör zu, ich versuche es kurz und neutral zu machen, denn ich schätze Alexis als Kollegen und habe Respekt, vor dem, was er in seinem Fach leistet. Bitte recherchiere die Details also selbst oder frag Mairead, okay?“
„Versprochen“, antwortete Liora.
„Gut. Diarmad Johnstone war schon immer in dubiose Geschäfte und finstere Machenschaften verwickelt gewesen. Das war nie ein Geheimnis und schockierte auch niemanden. Man nahm es zur Kenntnis, denn viele einflussreiche magische Familien waren von ihm abhängig und trieben Handel mit ihm. Wenn die Kuratoren also seine Betriebe und Lagerhallen durchsuchten, dann gehörte das fast schon zum guten Ton. Sie fanden sowieso nie etwas Nennenswertes. Kleinigkeiten, die mit Geld und schmutzigen Deals aus der Welt geschafft wurden. Doch dieser eine Fall war anders. Ein langjähriger Geschäftspartner und dessen Familie verschwanden von heute auf morgen. Sie wurden erst Tage später gefunden, offensichtlich gewaltsam getötet. Man könnte auch sagen, dass es eine mafiaähnliche Hinrichtung war. Natürlich geriet Diarmad sofort in den Fokus der Ermittlungen, doch ihm konnte nichts nachgewiesen werden. Die Kuratoren haben daraufhin auch Diarmads Umfeld untersucht und Alexis, der kein Alibi hatte und zu diesem Zeitpunkt … nennen wir es … labil … ja, labil und in einer Sinnkrise war, wurde verdächtigt. Diarmad setzte alle Hebel in Bewegung, um zu verhindern, dass Alexis offiziell festgenommen und angeklagt wurde. Die Geschichte endete damit, dass es keine handfesten Beweise gab. Weder für Diarmads Schuld, noch für Alexis‘. Ein Großteil der magischen Gesellschaft war dennoch davon überzeugt, dass Johnstone die Morde begangen hatte und glaubt es auch heute noch. Alexis wurde aus Mangel an Beweisen schließlich in Ruhe gelassen, doch die Geschichte wird auch heute gerne noch ausgegraben, wenn Alexis‘ Name irgendwo fällt. Als Konsequenz hat Alexis sich komplett zurückgezogen und für Jahre von der magischen Welt distanziert. Er ist komplett in seiner Tätigkeit als Druide und seiner Arbeit in der nicht-magischen Welt abgetaucht. Der Vorfall hat seinem Ruf nachhaltig geschadet und es hat lange gedauert, bis nicht mehr getuschelt wurde, sobald er einen Raum betritt. Die noble magische Gesellschaft hat ihn zwar weiterhin gemieden, doch Mischlinge und magische Wesen wie Kobolde wandten sich nach und nach an ihn. Er war einer der wenigen Heiler, die sich aufopfernd und ohne Vorurteile um diese bisher diskriminierte Gruppe in der magischen Gesellschaft kümmerten. Das sprach sich schnell herum und so wurde Alexis nach und nach zum Anlaufpunkt für diejenigen, die in der Heilkunde keine Lobby hatten. Dieser Erfolg als Heiler in beiden Welten, sein konsequenter Einsatz für die Schwächsten und auch seine Fähigkeiten als Druide haben ihn schließlich in unserer Welt rehabilitiert.“
Sie schwiegen beide. Norris, weil für ihn alles gesagt war. Liora, weil sie endlich einen Blick hinter die Kulissen erhaschen und die Verhaltensweisen ihres Mentors für sich neu deuten konnte. Jetzt ergab die Fürsorge der Dekanin Sinn und auch Alexis‘ strikte Distanz zu anderen Menschen konnte sie sich erklären. Allein die Frage, warum er seiner Familie die Treue hielt, konnte sie nicht beantworten.
„Beschäftigt dich das Gehörte so sehr?“, riss Norris sie aus ihren Gedanken und Liora sah sich nach ihm um. „Sicher, denn es erklärt so viel“, sagte sie leise. Ihr Kollege neigte den Kopf zur Seite und deutete ein Grinsen an, als sie betrübt die Schultern hängen ließ. „Nun werd‘ aber nicht sentimental, Liora. Alexis hat eine bewegte Vergangenheit, ja, aber er ist durchaus in der Lage sich zu behaupten und seinen Sturkopf durchzusetzen. Er braucht kein Mitleid, schon gar nicht von dir. Es ist mittlerweile allein seine Entscheidung, Menschen nicht zu mögen und weiterhin Distanz zu wahren. Genauso wie es seine Entscheidung ist, ein launenhafter und pedantischer Sonderling zu sein. Lass dich davon nicht beeinflussen und mache deinen Job weiterhin mit so viel Hingabe und Freude wie bisher.“

Mit einer Menge neuer Erkenntnisse kehrte Liora spät in der Nacht durch das Institut zurück zu Alexis‘ Wohnung. Sie hatte noch eine Weile mit Patrick Norris gesprochen und es in dieser vertraulichen Atmosphäre gewagt, ihn auch über seine eigene Vergangenheit auszufragen. Interessiert hatte sie gelauscht, als er davon berichtete, dass seine Eltern beide Begabte waren, die bereits in der zweiten Generation in der nicht-magischen Welt lebten. Für die Beiden war es eine Überraschung gewesen, dass ihr Sohn sich als talentierter Zauberer entpuppte. Für Norris war es eine Willensprüfung gewesen. Er war mehr als ein Jahrzehnt älter als Alexis und hat in seiner Schulzeit durch die sogenannten reinblütigen Schüler einiges an Diskriminierung aufgrund seiner Herkunft erfahren. Begabte galten zu dieser Zeit zwar offiziell schon als gleichberechtigte Angehörige der magischen Gesellschaft, doch das war in den traditionellen Familien noch nicht angekommen. Norris‘ Frage nach ihrer Herkunft war Liora ausgewichen, indem sie ein Gähnen vorgetäuscht und sich mit Müdigkeit herausgeredet hatte. Norris hatte sich vertrösten lassen, doch für kommende Abende musste sie sich überlegen, wie viel sie bereit war preiszugeben.
Als sie nun die Wohnungstür leise hinter sich schloss, rechnete sie damit, niemanden mehr anzutreffen. Alexis zog sich in letzter Zeit entweder sehr früh zurück oder kam sogar noch später als sie nach Hause. Es wirkte fast so, als wollte er vermeiden, ihren Weg in seiner Freizeit zu kreuzen. Heute war es jedoch anders. Als sie sich umsah, war das Feuer im Kamin schon fast heruntergebrannt und die Wohnung überwiegend dunkel. Der verbliebene Schein reichte ihr gerade, um die Bewegung am anderen Ende des Wohnzimmers zu bemerken. Alexis trat aus dem Schlafzimmer. Langsam und mit bereits unordentlichen Haaren, als hätte er sich wach gehalten und auf ihre Rückkehr gewartet, kam er ein paar Schritte auf sie zu. Die Hände in den Taschen seiner Jogginghose, trug er ein schlichtes, leicht knittriges T-Shirt. Er war schon im Bett gewesen und hatte vermutlich nur auf das Geräusch der Wohnungstür gewartet. Seine Augen hingen trotz der offensichtlichen Müdigkeit jedoch aufmerksam abwägend an ihr. „Guten Abend, Alexis“, grüßte sie leise und lächelte vorsichtig. „Liora“, er nickte ihr knapp zu und fixierte sie weiterhin, als würde er nach etwas suchen. Unsicher, weil sie sein Verhalten nicht deuten konnte, streifte Liora ihre Schuhe ab und versuchte es mit einem lockeren Plauderton. „Es tut mir leid, sollte ich dich geweckt haben. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass du schon heute Abend wieder kommst. Übernachtest du nicht bei Fräulein Wenger?“, wollte sie wissen, schien damit allerdings einen Nerv getroffen zu haben, denn er wich ihrem fragenden Blick sofort aus, um den Kamin zu fixieren. Im verbliebenen Feuerschein wirkten seine Gesichtszüge angespannt und voller Sorge. „Heute nicht. Sie hat Migräne und deswegen um etwas Ruhe gebeten. Ich sehe morgen noch einmal nach ihr“, antwortete er leise und Liora hob stumm die Augenbrauen. Im Vergleich zu sonst, war das ein fast schon intimer Einblick in seine Beziehung mit Mealla Wenger. Liora hatte damit gerechnet, dass er wie gewohnt die Antwort verweigerte. Sie durchquerte das Wohnzimmer und beeilte sich, ihr Skizzenbuch in ihr Zimmer zu legen. „Oje, Migräne ist wirklich fies. Ich hoffe, es geht ihr bald wieder gut. Richte ihr bei Gelegenheit gute Besserung aus“, antwortete sie und kam dann zurück in den Wohnraum. Ihr Mentor hatte die Stirn gerunzelt und sah unzufrieden aus, doch die Ursache dafür konnte sie auf die Schnelle nicht entdecken. Irgendwas beschäftigte ihn und sie fragte sich, ob es etwas mit ihr zu tun hatte. „Warum bist du noch wach? Normalerweise schläfst du schon, wenn ich von den Abenden mit Patrick zurückkomme“, wollte sie deswegen wissen und kam näher, um ebenfalls dabei zuzusehen, wie die letzten winzigen Flammen verzweifelte Versuche unternahmen, sich in die Höhe zu strecken. Alexis zuckte mit den Schultern und atmete tief durch. „Ich schlafe nicht gut, wenn sich gewisse Prozesse, wie die Sorge für deine Sicherheit, meinem Einfluss entziehen. Es ist das erste Mal seit drei Wochen, dass du zu so später Stunde außerhalb der Wohnung unterwegs bist. Ich wollte sicher sein, dass du unversehrt wiederkommst“, antwortete er überraschend ehrlich und Liora brauchte einen Moment, um die Antwort zu verdauen. Irgendwas musste vorgefallen sein, anders konnte sie sich sein Verhalten nicht erklären. „Patrick war bei mir. Wir haben ein paar alte Schriften übersetzt. Es wäre schon nichts geschehen“, flüsterte sie, um ihn zu beruhigen und Alexis nickte bestätigend. „Das ist mir in rationalen Momenten auch bewusst. Dennoch bin ich für dich verantwortlich und in letzter Zeit fällt es mir schwer, echte von eingebildeten Bedrohungen zu unterscheiden“, entgegnete er und überrumpelte sie erneut mit so viel Ehrlichkeit. Hatte sie etwas verpasst? Lauerte vor den Toren des Institutes eine akute Gefahr? „Das ist … Das ist wirklich fürsorglich von dir“, sagte sie und konnte kaum verhindern, dass sie dabei ein wenig gerührt klang. Alexis bemerkte den veränderten Tonfall und wandte sich ihr mit erhobener Augenbraue zu. Sein Blick war skeptisch, wurde jedoch weicher, als er feststellte, dass sie ihre Aussage vollkommen ironiefrei genauso meinte. Dieses ständige Misstrauen und die Skepsis, wenn es um Emotionen ging …
Liora dachte daran, was dieser Mann in seinem Leben vermutlich schon alles durchlebt und erlitten hatte, wobei sie sicher war, dass das, was sie heute erfahren hatte, nur die offizielle Version war. Alexis war unter Diarmad Johnstones Fittichen sicher durch die Hölle gegangen und wenn sie sich richtig erinnerte, war auch seine Zeit als Novize eher negativ behaftet. Er war von den Menschen in seinem Umfeld immer wieder verletzt und enttäuscht worden. So häufig, dass er als Erwachsener von vornherein auf Distanz bestand. Dennoch war er nicht herzlos. Im Gegenteil, Alexis sorgte sich um seine Mitmenschen, unabhängig von deren Herkunft oder ihrem gesellschaftlichen Status. Und besonders sorgte er sich um sie, obwohl er sie kaum kannte und sich vermutlich selbst damit in Gefahr brachte.
Ohne ihn vorzuwarnen, kam sie einen Schritt näher und schlang die Arme locker um Alexis‘ Oberkörper. Der Impuls, seine Nähe zu suchen, kam plötzlich und ihr Körper hatte sich schon in Bewegung gesetzt, bevor ihr Gehirn dazu in der Lage war, die Entscheidung zu reflektieren. Er verspannte sich augenblicklich und Liora vermied es deswegen, sich allzu fest an ihn zu schmiegen. Alexis bewegte sich dabei nicht und machte auch keine Anstalten, die Umarmung zu erwidern. Er ließ es einfach über sich ergehen. „Danke, Alexis. Für all das, was du für mich tust“, ließ sie ihn leise wissen und zog sich dann schleunig wieder zurück. Ihr Mentor schien sich unwohl zu fühlen und das war nicht ihre Absicht.
Misstrauisch sah Alexis sie an und zog zumindest die Hände aus den Hosentaschen, um sie als klare Grenze vor der Brust zu verschränken. Fast wirkte es, als würde er hinter ihrem Verhalten eine Falle vermuten und das ließ Liora leise seufzen. „Interpretiere nicht so viel hinein. Du sollst nur wissen, dass ich all das, was du für mich tust, schätze. Trotz unserer gelegentlichen Differenzen. Gute Nacht“, erklärte sie mit einem vorsichtigen Lächeln und ging dann zu ihrem Zimmer. Als sie die Tür schloss und einen kurzen Blick zurück wagte, stand Alexis noch immer an Ort und Stelle. Den Ausdruck in seinem Gesicht konnte sie in der Sekunde, die sie ihn sah, nicht deuten.
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