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Schattentanz

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P18 / Het
Fabeltiere & mythologische Geschöpfe Kobolde & Feen Zauberer & Hexen
13.09.2021
11.01.2023
75
235.304
6
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13.09.2021 989
 
„Ihr solltet aufhören.“

Auf den Ratschlag kam keine Reaktion.

„Muirgheal, ich bitte Euch! Dieser Zauber zerrt an Euren Kräften und zeigt seit Tagen keinen Erfolg mehr.“

Die angesprochene Magierin öffnete für einen kurzen Moment die Augen, um dem besorgten Blick ihrer Begleiterin mit einem Lächeln zu begegnen. „Mein Herz ist noch nicht bereit aufzugeben. Gewähre mir einen letzten Versuch für heute, meine Liebe“, sagte sie leise und konzentrierte sich dann wieder auf ihre Suche.
Die Suche nach einem Lebenszeichen einer ganz bestimmten Person. Der Aura ihrer Seele, einem starken Gefühl oder einem Hauch Magie. Irgendetwas. Ein letzter Funke Hoffnung darauf, dass der von ihr gesuchte Mensch noch immer am Leben war.

Es gab genug Gründe, genau das nicht mehr anzunehmen …

Sie sah alles noch immer vor sich. Mitten in der Nacht hatten die Geister sie geweckt. Panisch schreiend hatten sie ihr von dem Überfall berichtet, dem vielen Feuer und den Toten. Nur Momente später kam dann auch der Hilferuf ihres Schützlings. Ihr sicheres Versteck war aufgeflogen. Sie war überfordert, nicht in der Lage, die Situation zu kontrollieren und ging deswegen dem Protokoll entsprechend vor. Das bedeutete: ein Hilferuf, dann verschiedene Schutz- und Bannzauber und schließlich versuchen, das eigene Leben zu retten. Sobald sie in Sicherheit war, sollte sie sich melden. So war es ihr seit ihrer Geburt für genau solche Momente eingebläut worden.

Nach dem Bannzauber war Stille eingetreten. Die Verbindung zu ihrem Mündel, die sie seit über fünfundzwanzig Jahren wie selbstverständlich gespürt hatte, war abgerissen. Ihr Schützling hatte seine Pflicht erfüllt, alles sicher versiegelt und versteckt. Der Schatz, den sie bewachte, war seither unauffindbar, genau wie ihr Schützling selbst.

Bis heute hatte sie sich nicht gemeldet und die alte Magierin glaubte den Grund zu kennen. Die Flucht war nicht gelungen. Ein erster Besuch der Unglücksstelle hatte diese Vermutung nicht bestätigt, jedoch auch nicht widerlegt. Mit ihrer Begleiterin war sie durch die Ruinen gewandert. Sie fanden nur Asche, noch ein paar kleine Brandherde, jede Menge Schutt und zahllose Leichen. Doch keine davon war die ihres Mündels.

Sie hatte sich also auf die Suche gemacht, indem sie darauf gesetzt hatte, dass die Verbindung zu ihrem Schützling nicht vollkommen gerissen war. Es hatte sie einiges an Anstrengung und Geduld gekostet, doch sie war fündig geworden. Es gelang ihr, die Seele ihres Mündels zu berühren. Was sie in diesen wenigen Minuten, manchmal sogar nur Sekunden, spürte, war ein Schmerz, der sie zutiefst schockierte und sie seitdem nachts nicht mehr schlafen ließ.

Es war jedes Mal eine Tortur. Sie fühlte den Schmerz und die Qualen, die ihr Mündel durchlitt. Dann riss der dünne Faden auch schon wieder ab. Wo auch immer ihr Schützling gefangen gehalten wurde, sie wurde auf magischem Wege gut abgeschirmt. Es war unmöglich ihre Position zu bestimmen.

Muirgheal Lebekier hatte die Augen wieder geschlossen und war erneut auf der verzweifelten Suche nach einer Verbindung. Die Kontakte wurden immer weniger. Zuletzt hatte sie vor fünf Tagen die Seele ihres Mündels spüren können. Seitdem war es still.

Sie sprach den Zauber nun schon das vierte Mal und wollte bereits aufgeben, als sie doch noch für ihre Hartnäckigkeit belohnt wurde. Ein Zucken lief durch ihren Körper und Kälte breitete sich aus. Sie keuchte erschrocken.

„Muirgheal?“, fragte ihre Begleiterin besorgt.

„Da ist so viel Trauer und Verzweiflung. Sie haben sie gebrochen, Gwyn“, beschrieb Muirgheal ihren ersten Eindruck flüsternd. „Oh mein Kleines …“, hauchte sie und fühlte, wie die Qualen ihres Mündels ihr das Herz brachen. „Spürt sie, dass Ihr da seid?“, wurde Muirgheal gefragt und die alte Magierin schüttelte leicht den Kopf.
„Ich denke nicht. Ihr Zustand ist schlecht. Sie hat aufgegeben. Wir sollten uns darauf gefasst machen, dass wir sie nicht rechtzeitig zu uns zurückholen können.“

Muirgheal sank in sich zusammen und seufzte. Ihr blieb nichts, als den Zauber so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, in der Hoffnung, dass ihr Mündel doch noch spürte, dass nach ihr gesucht wurde. Dass sie vermisst wurde. Doch Muirgheal glaubte nicht daran.

„Ihr werdet immer blasser, Muirgheal. Der Zauber schwächt Euch zu sehr“, wurde sie erneut erinnert, gerade als sie einen stechenden Schmerz in der Brust spürte. Es fühlte sich an, als hätte man sie mit eiskaltem Wasser übergossen. Sie begann zu zittern.

„Muirgheal!“

Sie heulte auf und ignorierte die Versuche ihrer Begleiterin, sie zu drängen, den Zauber zu beenden. Etwas stimmte nicht und sie musste wissen, was geschah. Hilflos bemühte Muirgheal sich, die Konzentration der Magie und damit den Zauber aufrechtzuerhalten, doch sie spürte bereits ihre eigenen Kräfte schwinden. „Nein... bitte noch nicht“, flüsterte sie und versuchte den Zauber noch einmal von vorn zu sprechen, als ein leises Wimmern sie ablenkte.

Ihr Herz wurde schwer und Muirgheal spürte, wie ihr die Tränen kommen wollten.

Sie öffnete die Augen und sah sich um. Kerzen brannten. Der Ritualkreis um sie herum leuchtete. Ihre Begleiterin starrte mit Entsetzen in dieselbe Richtung wie Muirgheal. Sie waren nicht mehr allein in ihrem Versteck.

„Nein“, flüsterte sie heiser, als sie außerhalb des Ritualkreises die kleinen Wesen entdeckte, die ihren Schützling als Geister begleitet hatten. „Nein … ihr könnt nicht hier sein.“

Erneut ein Wimmern, bevor leises Wehklagen einsetzte.

Die Verbindung zu ihrem Mündel riss vollständig ab.

Das Leuchten des Ritualkreises erlosch.

Muirgheal starrte fassungslos vor sich hin, lauschte den Wehklagen und bekam kaum mit, dass Gwyn sich erschrocken die Hände vor den Mund schlug. Die Zeit schien stehen zu bleiben. Sie war wie erstarrt. Die ersten Tränen lösten sich aus ihren Augen.

Das Klagelied der Geister, wenn ihre Herrin starb, war unverwechselbar und auch wenn es nur kurz andauerte, gab es keinen Zweifel, an dem, was geschehen war.

„Muirgheal, was bedeutet das?“, wurde sie atemlos gefragt. Gwyn starrte an die Stelle, an der sich die Geister gerade wieder in Luft auflösten.

„Sie hat den Kampf verloren. Ihr Herz hat aufgehört zu schlagen“, flüsterte Muirgheal und nachdem sie es nun laut ausgesprochen hatte, riss der Schmerz über den Verlust sie aus ihrer Starre. Kraftlos sank sie in sich zusammen und begann haltlos zu weinen.
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