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Schritt für Schritt

von Xaghra
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Niacavaon rezo Toni Pirosa
13.09.2021
21.09.2021
6
13.822
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15.09.2021 1.613
 
Als er fertig war mit duschen, ging er leise in Tonis Zimmer, wo er sich ein Shirt und eine Jogginghose aus seinem Schrank nahm und sich anzog. Er wusste, dass das in Ordnung war, es war nicht das erste Mal, dass er die Oversize-Klamotten des Italieners trug.
Zurück im Wohnzimmer schien es, als schliefe Toni diesmal wirklich. Rezo jedoch war nicht müde. Und auch wenn er es gewesen wäre, er würde nicht schlafen können. Also setzte er sich vor dem Sofa auf dem Langfloorteppich, zog die Knie an den Körper, ließ seinen Kopf hinter sich auf das Polster fallen und schloss die Augen.
Tonis langsame, gleichmäßige Atemzüge hinter sich beruhigten ihn. Sie fuhren sein überdrehtes Gehirn langsam herunter und entspannten seine Glieder. Er streckte die Beine aus und passte seine Atmung ganz allmählich der der von Toni an.
Es würde schon werden.
Es würde wieder gut werden.
Es musste wieder gut werden…

Irgendwann musste er doch eingeschlafen sein, denn als er die Augen wieder öffnete, blendete ihn helles Sonnenlicht. Er kniff die Augen fest zusammen, als er eine vertraute Stimme sprechen hörte.
„Rezo? Hey du… wach auf!“
Vorsichtig schlug er die Augen auf. Er saß nach wie vor auf dem Teppich und hatte auch nach wie vor den Kopf auf der Couch liegen. Doch nun sah er hoch in Tonis Gesicht, dass ihn verwundert anblickte.
„Guten Morgen“, sagte der Italiener leise und zerstrubbelte ihm die ohnehin schon wirren, blauen Haare noch mehr, „hast du hier geschlafen?“
Rezo nickte verschlafen und setzte sich auf. Ein stechender Schmerz zog ihm durch den Nacken bis hinunter ins Steißbein und es schien, als wären seine Beine eingeschlafen. Er stöhnte qualvoll auf und ließ sich auf die Seite fallen, von wo er sich dann umständlich aufrappelte. Langsam kehrte das Gefühl in seine Beine zurück und er sah hinunter zu Toni.
„War keine Absicht, hm?“, Toni lächelte schwach, „tut’s arg weh?“
Rezo zog eine Grimasse, dann hievte er sich vorsichtig auf die Sofakante. Er musterte Toni.
„Wie geht es dir?“, fragte er, seine Frage ignorierend, doch äußerst bemüht, sich möglichst nicht zu bewegen.
Toni sah ihn traurig an.
„Naja, es ging mir schon besser.“
„Konntest du schlafen?“
Toni zuckte mit den Schultern. Rezo hob eine Hand, ließ sie jedoch auf halben Weg wieder sinken. Er fühlte sich wie ein alter Mann.
„So schlimm?“, fragte Toni. Er schien beinahe amüsiert.
Rezo sah ihn mit einer gekünstelt finsteren Miene an, sodass Toni tatsächlich lächelte. Dann streckte er seine Hand aus, positionierte einen Finger rechts und einen Finger links von seiner Wirbelsäule und fuhr langsam, aber mit starkem Druck seinen Rücken hinunter. Das war wahnsinnig angenehm.
Rezo ließ den Kopf nach vorne fallen und stöhnte, er konnte nicht anders.
„Jetzt wird’s bisschen sexuell, oder?“, bemerkte Toni, doch Rezo konnte an seinem Tonfall hören, dass sein Freund grinste.
Er schielte zu Toni hinüber, der das gleiche jetzt in seinem Nacken und unter den Schulterblättern wiederholte. Er biss sich auf die Zunge, um nicht zu lachen, dann warf er den Kopf zurück.
„Oh, Toni, ja, bitte, genau da!“, stöhnte er.
Toni boxte ihn in die Seite und einen Augenblick lang mussten sie beiden lachen.
Toni legte seinen Kopf auf Rezos Schulter ab und schloss die Augen. Auch Rezo wurde wieder ernst. Vorsichtig strich er über Tonis Arm.
„Wann möchtest du heute in die Klinik fahren?“, fragte er.
Toni sah hinunter auf seine Hände, dann antwortete er leise: „Ich würde gerne heute Mittag fahren. Wann musst du denn zurück?“
Er setzte sich wieder neben ihn und sah ihn fragend an.
„Naja…“, Rezo sah auf seine Uhr, „Ich muss heute um 17.00 Uhr zurück in Aachen sein. Aber solange würde ich aber gerne bei dir bleiben.“
Toni nickte nur, sah ihn aber weiter an. Rezo legte den Kopf schief.
„Brauchst du Körperkontakt?“, fragte er. Es war eine aufrichtige Frage.
„Klingt das dumm?“ Tonis stimme war kaum zu hören.
Rezo schüttelte den Kopf.
„Red keinen Schwachsinn“, erwiderte er barsch, verdrehte die Augen und dann zog er Toni in seine Arme, der sich ohne zu zögern an ihn kuschelte und den Kopf in seinem eigenen Shirt vergrub, während Rezo ihm sanft über den Rücken strich.
So saßen sie eine Weile da, doch das Schweigen war nicht unangenehm.
Irgendwann sprach Toni doch.
„Ich hab‘ einfach Angst, weißt du? Dass ich ihn nie wieder sehe. Er hat so viel geschafft in den letzten Jahren und jetzt? Jetzt weiß ich nicht, ob ich jemals wieder mit ihm sprechen werde.“
Rezo erwiderte nichts. Was hätte er auch sagen sollen?
„Ich würde mir so wünschen, dass ich später da reinkomme und Nia sitzt da und kann mich sehen.“
„Irgendwann wird er das. Bestimmt.“
Rezo sprach gegen seine eigenen Zweifel an, eigentlich log er. Doch es war ihm egal, Toni wusste selbst, wie schlecht es aussah.  Er wollte nicht derjenige sein, der die Zweifel aussprach.
„Wollen wir was singen?“, fragte Rezo leise und fuhr ihm sanft durch die dunklen Haare.
Toni antwortete nicht.
„Nicht zum Aufnehmen, nur zum Ablenken? Was hältst du davon?“
Toni schwieg noch kurz, dann stand er langsam auf und ging ins Nebenzimmer, aus dem er kurze Zeit später mit einer Akkustikgitarre kam, die er seinem blauhaarigen Freund in die Hand drückte. Er sah ihn nicht an, setzte sich aber wieder neben ihn und begann, einen Rhythmus auf der Sofalehne zu klopfen. Rezo hörte zu und wartete darauf, dass das Lied erkennbar wurde. Dann begann Toni zu singen und er nickte. Er erkannte das Lied als einen der wenigen Titel, den man von Toni auf Spotify hören konnte. I don‘t care von Ed Sheeran und Justin Bieber. Er mochte das in Tonis Version. Im Refrain kam seine raue Stimme gut zur Geltung, weshalb Rezo sich auch jetzt entschied, nur die zweite Stimme zu singen.

'Cause I don't care when I'm with my baby, yeah
All the bad things disappear
And you're making me feel like maybe I am somebody
I can deal with the bad nights
When I'm with my baby, yeah
Ooh, ooh, ooh, ooh, ooh, ooh

'Cause I don't care as long as you just hold me near
You can take me anywhere
And you're making me feel like I'm loved by somebody
I can deal with the bad nights
When I'm with my baby, yeah
Ooh, ooh, ooh, ooh, ooh, ooh


Toni schloss die Augen. Rezo mochte diesen Moment. Er kannte ihn selbst, immer wenn die Musik begann, in jede Zelle seines Körpers einzudringen und seine Emotionen zu überfluten.
Er konnte sehen, wie Toni losließ und in den Versen aufging.
Er lächelte und sang die letzten zwei Strophen mit Toni zusammen.

'Cause I don't care (Don't care)
When I'm with my baby, yeah (Oh yeah)
All the bad things disappear (Disappear)
And you're making me feel like maybe I am somebody (Maybe I'm somebody)
I can deal with the bad nights (With the bad nights)
When I'm with my baby, yeah
Ooh, ooh, ooh, ooh, ooh, ooh (Ooh, yeah, yeah)

'Cause I don't care as long as you just hold me near (Me near)
You can take me anywhere (Anywhere, anywhere)
And you're making me feel like I'm loved by somebody
(I'm loved by somebody, yeah, yeah, yeah)
I can deal with the bad nights
When I'm with my baby, yeah (Oh)
Ooh, ooh, ooh, ooh, ooh, ooh


Lächelnd legte Rezo die Gitarre zur Seite und sah zu Toni.
Der Italiener saß da, die Augen geschlossen, sodass Rezo das Instrument wieder in die Hand nahm und ein anderes Lied anstimmte.

Eine Stunde später räumten die beiden auf und machten sich auf den Weg ins Krankenhaus. Toni wirkte vergleichsweise entspannt, zumindest bis sie die Station betraten, auf der Nia lag und ihn, wie schon am Vortag, durch die Scheibe sahen.
„Alles okay?“, fragte Rezo und sah Toni aufmerksam an.
Toni sah zu Boden, während er antwortete.
„Ich habe mir die ganze Fahrt über vorgestellt, er würde da drinsitzen und wach sein.“
„Ich weiß“, murmelte Rezo, legte ihm einen Arm um die Schultern und ging mit Toni zusammen durch die Tür zu Nia.

Sie blieben etwa eine Stunde, in der auch der Arzt vorbeikam, der Nia behandelte.
„Es sieht nicht so schlecht aus, wie wir zu Beginn dachten“, erklärte er mit ruhiger Stimme, "aber eben auch nicht gut. Die Bluttransfusionen sind abgeschlossen, der Bruch am Oberschenkelhals wurde heute operiert, genau wie der Trümmerbruch am linken Arm. Auf Operationen am Schlüsselbein und den Rippen verzichten wir. Da er ruhiggestellt ist, sollte das auch so verheilen. Am Montag dann wird die Lunge operiert. Das ist kein großer, dafür aber ein sehr riskanter Eingriff.“
Rezo spürte, wie Toni zuckte.
„Gibt es… gibt es da eine Statistik oder sowas?“, fragte er.
„Ja, natürlich. Etwa 68% der durchgeführten Operationen bei gesunden Männern seines Alters verlaufen ohne Komplikationen, 4% mit leichten Komplikationen.“
Toni begann zu zittern. Wieder einmal.
„Das…das bedeutet also… 28% der Leute…“, begann Toni, doch er brach ab. Rezo sah erneut Tränen in seinen Augen.
„Ja…das ist korrekt. Wir müssen das Beste hoffen.“
Der Arzt lächelte den beiden höflich zu, dann ging er.
Toni sah hinunter zu Nia. Er sah so ängstlich aus, dass Rezo das ungestüme Bedürfnis verspürte, ihn einfach mitzunehmen. Irgendwohin, wo er keine Angst haben müsste, wo er nicht hier stehen und fürchten müsste, seinen besten Freund in wenigen Tagen zu verlieren.

„Na komm, lass uns gehen“, murmelte Rezo und ging Toni voran nach draußen in den dunklen Flur.
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