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Wenn sich Vergangenheit und Zukunft treffen

von MarieSol
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / Het
OC (Own Character) Riku Rajamaa
13.09.2021
25.10.2021
19
25.360
6
Alle Kapitel
28 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
20.09.2021 1.651
 
… ihr macht mich sprachlos… glücklich sprachlos... Danke!



Am Sonntag wurden sowohl Aurora als auch Riku von ihren Freunden mit dem Telefon aus dem Bett herausgeklingelt. Sie mussten detailliert berichterstatten, was in der Bar passiert war, wie es zu Auroras dicker Lippe kam und warum Riku beinahe auf ihren Arbeitskollegen losgegangen wäre.

Beide versuchten versteckt, aber wenig erfolgreich ihre Freunde über den anderen auszuhorchen. Beide bekamen aber nur den Hinweis, dass sie das den anderen schon selbst fragen müssten. Mika meinte einfach als es ihm zu viel wurde „Ich bin nicht die Auskunft Riku, rede selbst mit ihr“. Das war aber für ihn gar nicht so einfach. Und auch Aurora hatte so ihre Probleme damit, ihn so mir nichts, dir nichts gerade heraus zu fragen, was das Leben so mit ihrem ehemaligen Partner angestellt hatte. Also begannen beide am Nachmittag das Internet zu durchforsten um möglichst viel über die letzten 18 Jahre im Leben des anderen herauszufinden. Dass das eine ganzschön lange Zeit war, bemerken sie spätestens dann, als sie auch unter der Woche eigentlich in jeder Pause von der Arbeit im Profil des anderen stöberten. Aurora wusste, dass er Erfolg mit der Musik hatte, wie er es sich gewünscht hatte, wie er es liebte. Das Ausmaß aber war ihr nicht bewusst gewesen. Ebenso hatte sie von der Trennung der Band in China nichts mitbekommen. Auf seinem Account gab es herzlich wenig Privates, sie war also am Ende der Woche nur wenig schlauer als vorher. Schlussendlich blieb sie am Rasur-Post hängen und war versucht darauf zu reagieren, ließ es aber schließlich doch. Fragen über Fragen entstanden, auf manches Verhalten oder die eine oder andere Anspielung konnte sie sich nun einen Reim machen, aber vieles blieb offen. Riku ging es kaum anders, er wusste jetzt, dass ihr Aufenthalt in China tatsächlich kein Urlaub war, sondern viel mehr eine verdammt lange Geschäftsreise. Dass sie gut war, bei dem was sie tat, wusste er ebenfalls. Sie hatte früher schon ein ausgeprägtes Auge für gutes Design und ein extrem glückliches Händchen, wenn es darum ging solche entstehen zu lassen. Aber was er da in ihrem Profil an Auszeichnungen fand, damit hatte er im Leben nicht gerechnet: zum einen die Masse, die sie ihr eigen nennen durfte, dann waren es Preise, die landes-, europa- und sogar weltweit verliehen wurden und zum anderen auch, die Summen, mit denen sie dotiert waren. So beeindruckend die ganzen Bilder auch waren, von der Frau dahinter erfuhr er trotzdem nur sehr wenig. Blieb wohl doch nur der direkte Weg, das Gespräch.

„Feierabend! Feiiiiiiieraaaaaaaaaaabend!“ sang Aurora vor sich hin und fuhr den Computer herunter. Es war bereits später Freitagnachmittag und eigentlich rechnete sie mit niemandem als es plötzlich klingelte. Aurora beeilte sich humpelnd zur Wohnungstür zu kommen. Nach dem stundenlangen Sitzen musste sie ihr Bein erst wieder aus seinem Dornröschenschlaf „aufwecken“. Vor der Tür stand ein etwas verlegen wirkender Riku „Stör ich Dich?“ „Nein, komm rein.“ Von den alten Nachbarn, die vor 18 Jahren hier lebten, war heute keiner mehr hier, sie musste also nicht mit Klatsch und Tratsch rechnen. Noch im Flur griff Riku in seine Hosentasche „Ich habe es neulich einfach eingesteckt.“ und streckte ihr gerade das Rasiermesser seines Opas entgegen. Doch Aurora schob seine Hand nur wieder sanft zurück und schüttelte den Kopf „Das ist auch deins, also alles in Ordnung. Aber deshalb bist du nicht hier oder?“ Sie spürte seinen Blick in ihrem Rücken überdeutlich als sie Richtung Küche ging „Kaffee?“ fragte sie über die Schulter.

Mit zwei großen Tassen landeten sie auf dem Balkon. Überrascht schaute Riku sich um, der Balkon war schon fast ein kleiner Garten: links an der Wand war eine Art Regal angebracht, in dem alle möglichen Kräuter zum Kochen wuchsen und vor sich hindufteten, an der Brüstung entlang hatte sie in mehreren großen Kübeln viele kleine Naschpflanzen stehen: Tomaten, Paprika, Erdbeeren und auch Dinge, die er auf den ersten Blick nicht benennen konnte. Rechts an der Wand stand ein kleines Sofa und ein Tischchen davor. Sie musste hier gern am Abend sitzen, die Lichterkette an der Brüstung und das große Windlicht auf dem Tisch sprachen da eine recht eindeutige Sprache und wenn er sich nicht irrte, war eines der Fotos auf ihrem Profil hier entstanden. „Erzählst du mir von China?“ fragte er und nippte an seinem heißen Kaffee. Ein sanftes Lächeln glitt über ihre Züge, also musste sie Gutes mit dem Land verbinden. „China…“ begann sie „da wollte ich eigentlich nie hin und doch hatte ich richtig gut fünf Jahre dort.“ Sie überlegte kurz mit was sie beginnen sollte. „Am Anfang war es echt hart, alles war so komplett anders. Als ich dort ankam, hat es mir regelrecht den Boden unter den Füßen weggezogen. Shanghai und ich, eine mehr als gewöhnungsbedürftige Kombi. Naja, wir haben das Beste daraus gemacht, aber ich war trotzdem froh, als es nach Peking weiterging. Dort war ich auch die längste Zeit.“ sie lächelte versonnen „Ich hatte diesen kleinen Sprachkurs im Vorfeld, der mir helfen sollte und doch völlig am Ziel vorbei ging… aber mit Englisch kam ich meistens ganz gut durch, bis ich mich wirklich reingekniet habe die Sprache zu lernen. Die Menschen dort haben es mir leicht gemacht, in allen Belangen. Noch nie habe ich so viel echte Freundlichkeit, soviel Respekt, soviel Herzlichkeit erlebt. Ich habe mich wirklich verliebt…“ Riku schluckte trocken „… das Land, die Menschen dort, das Essen, die Landschaften, die Städte jetzt nicht so, aber das Umland, die Strände und auch die Berge, die Dörfer dort, die Reisfelder und Bambuswälder – das wird ewig einen Platz in meinem Herzen haben.“ Erleichterung machte sich in ihm breit, er hatte schon mit einem Mann gerechnet. Doch hatte ausgerechnet er ein Recht, Erleichterung zu fühlen? „Wenn du irgendwann einmal die Gelegenheit hast, besuch eines der vielen Kirschblütenfeste dort, das war jedes Jahr einer der magischsten Augenblicke.“ Sie drehte sich in Rikus Richtung und winkelte ein Bein an „Ich habe die Zeit genossen, sie hat mich bereichert. Am Anfang dachte ich, ich sterbe vorlauter Heimweh. Heute möchte ich diese Jahre nicht mehr missen und ich würde jedem empfehlen, sich auf dieses Abenteuer einzulassen.“ schloss sie, vorerst war sie genug in Erinnerungen geschwelgt. Riku drehte sich ebenfalls weiter in ihre Richtung und fragte einfach weiter „Gut, jetzt weiß ich so ein bisschen wie es dort war, aber nicht, warum du dort hingegangen bist. Dass du Vertretungen für eure Agentur dort erschlossen hast, habe ich gesehen, aber da hätte ja sicher auch jemand anderes gehen können. Du warst ja auch nicht in Südamerika oder Indien.“ „Sicher, …. da gab es mehr als einen, der sich die Finger danach leckte, diesen Posten zu bekommen. Aber“ sie wurde von einem fiesen Brummen unterbrochen und lächelte entschuldigend „Tut mir leid, mir ist die Arbeit heute extremgut von der Hand gegangen. Mittagessen hab ich vergessen.“ Rikus Magen antwortete scheinbar ihrem. „Soll ich uns schnell was zu Essen machen?“ die Worte glitten ihr schneller aus dem Mund, wie sie darüber nachdenken konnte. Und erst jetzt fiel ihr zusätzlich auf, dass sie nicht aufstehen konnte, ohne wegzuhumpeln. Außerdem wie käme sie denn bitteschön dazu hier den Kochlöffel zu schwingen, diese Zeiten waren schonlange vorbei. ‚Elende Vertrautheit, nimm gefälligst deine Finger aus dem Spiel!‘ zischten ihre Gedanken. Doch Riku reagierte anders, als er es früher getan hätte „Musst du nicht. Wenn du immer noch gerne Lachsnudeln isst, würde ich schnell welche an der Ecke holen.“ bot er an.

Bis er wieder zurück war, hatte sie eine Flasche Weißwein geöffnet, zwei Gläser eingegossen und zwei große Pastateller bereitgestellt. Lächelnd stellte er fest „Wie früher…“. Das Ro konnte er gerade noch so schlucken, zehn gemeinsame Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen und er schob schnell „… du isst immer noch lieber aus richtigem Geschirr als aus Take-away-Behältern.“ hinterher, um dem ganzes etwas Unverfänglicheres zu geben.

Die Sonne ging langsam unter, sie redeten noch immer auf dem Balkon über China. Aurora stand ohne groß nachzudenken auf, um aufs Klo zu gehen und verfluchte sich gleich darauf dafür. Es fühlte sich so normal an mit ihm hier zu sitzen, dass mehr als 18 Jahre zwischen ihren guten Zeiten und heute lagen hatte sie irgendwie geschafft auszublenden, genau wie die Gründe, warum die guten Zeiten zu Ende waren und was darauf folgte. Sie bemerkte Rikus Blick, der sagte jedoch zuerst nichts.

‚Er wird es nie erfahren, haha, so viel zum Thema‘ dachte sie bitter im Bad als sie sich die Hände wusch. Mittlerweile war ihr linkes Bein wieder normal zu benutzen und sie konnte unauffällig zurück auf den Balkon gehen und sich zu Riku aufs Sofa setzten. „Was ist mit deinem Bein?“ fragte der auch prompt sobald sie saß. „Die Narben habe ich schon letztens im Bad beim Rasieren gesehen, kann mir aber keinen Reim drauf machen.“ gab er zu. Aurora seufzte „Das ist eine verdammt lange Geschichte. Die werde ich aber heute nicht mehr anfangen.“ Und in Gedanken setzte sie hinzu ‚… und hoffentlich auch nie dazu kommen, sie zu beginnen.‘

Riku gähnte und streckte sich auf dem kleinen Sofa „Nach der Flasche Wein, die wir jetzt hatten, werde ich wohl besser heimlaufen. Fahren will ich so nicht mehr.“ Bisher hatten sie nur über Aurora geredet, deshalb fragte sie nun „Wo ist daheim?“ Es stellte sich heraus, dass er im Nachbarstadtteil wohnte „Seit ungefähr zehn Jahren habe ich da eine kleine Wohnung. Nichts Besonderes, aber es reicht.“ Sie überschlug schnell den Weg in Gedanken und meinte dann „Zu Fuß ist das jetzt aber bestimmt eine dreiviertel Stunde, ich habe ein Gästezimmer, wenn du magst.“ ‚Huch, ich muss mir echt angewöhnen zuerst zu denken und dann zu sprechen, wer weiß, wo das sonst noch endet…‘ ermahnte sie sich innerlich. „Lass mich raten, wenn das Musikzimmer zum Arbeitszimmer wurde, dann ist das, was wir mal als Kinderzimmer vorgesehen hatten zum Gästezimmer geworden.“ Gleich nachdem er den Mund wieder zu hatte, hätte er sich am liebsten die Zunge abgebissen. Allerdings lächelte Aurora nur schulterzuckend und nickte.
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