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Heimlich Still

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Het
Rechtsmediziner Professor Karl Friedrich Boerne Rechtsmedizinerin Silke Haller
12.09.2021
19.09.2021
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15.09.2021 1.832
 
Professor Boerne saß am Schreibtisch und stellte fest, dass seine Hände ganz entsetzlich zitterten. Zum Glück hatte er heute keine Leiche mehr zu sezieren, dennoch musste er sich ganz dringend wieder beruhigen. Er nahm einen tiefen Atemzug, von dem ihm leicht schwindlig wurde.

Er war so aufgewühlt, so vollkommen durcheinander, er kannte sich so gar nicht. Trotzdem fühlte es sich besser an als jeder Rausch, den sein Rotwein ihm verpasste. Er hatte eine furchtbare Nacht gehabt, kaum geschlafen, sich komplett seinen Befürchtungen hingegeben. Er hatte sogar geweint, wie ein kleines Kind, das Angst hatte, das Wichtigste für immer verloren zu haben.

Es hätte ja alles Mögliche passieren können. Dass sie ihm einfach ins Gesicht gelacht hätte angesichts des absurden Gedankens, sie könnte das nochmal mit ihm tun wollen. Dass sie gleich mit ihrer Kündigung in der Hand vor ihm gestanden hätte.

Was, wenn er ihr so wehgetan hätte, dass sie sich vor ihm fürchtete?

Ihm war am Abend ziemlich schnell klar geworden, dass es kein Zurück mehr gab. Sein ganzes, sorgfältig errichtetes Kartenhaus war um ihn herum zusammengefallen, und plötzlich waren all die Gedanken zurückgekehrt, die er sich jahrelang eisern verboten hatte: dass er sie auf Händen tragen, alles für sie tun, immer und überall vor ihr auf die Knie gehen wollte, damit sie spürte, wie groß sie für ihn war, dass sie sein ganzes Herz in ihren Händen hielt, nur zudrücken musste, um ihn für immer auszulöschen. Er hatte mit offenen Augen dagelegen und von ihr geträumt, von den unaussprechlichen Dingen, die sie ihm erlaubt hatte, von ihrer samtweichen Haut, diesen atemberaubenden Küssen…

Noch jetzt konnte er sich kaum auf etwas anderes konzentrieren, nur auf sie, auf seine Erinnerungen, es war zum Wahnsinnigwerden. Er schaute auf die Uhr- wie wichtig war es ihr, dass er den Plan einhielt, genau zum vereinbarten Zeitpunkt bei ihr war? Er fühlte sich so tief unsicher, lieber nichts riskieren. Und doch: wenn sie ihn tief in ihrem Inneren nicht gewollt hätte, hätte sie ihm von dem Ferienhaus einfach nichts erzählen müssen. Er hätte nicht gewusst, wo sie war, sie hätte das ganze Wochenende allein verbringen können, absolut sicher vor ihm. Sie aber hatte es ihm sofort gesagt, mehr noch: sie hatte ihn offen eingeladen.

Er schaute in seinen Terminkalender, auf ihre feingliedrige, präzise Handschrift, mit der sie ihm die Adresse notiert hatte.

Wärme breitete sich in seinem Inneren aus.

Sie hatte ihn eingeladen, ihn zu sich gebeten. Sie wollte mit ihm schlafen, und ihren Abschiedsworten nach hatte ihr gefallen, was beim ersten Mal zwischen ihnen passiert war.

Er erschauderte. Nie, nie zuvor in seinem Leben hatte er etwas auch nur annähernd Vergleichbares getan. Er hatte nicht einmal gewusst, dass er so empfinden, so vollkommen außer sich geraten konnte, dass ihm solch eine verzehrende Leidenschaft möglich war.

Wie sollte er jemals einem Menschen erklären, was er fühlte? Er hatte solche Angst vor den Blicken, den Sprüchen, aber auch vor dem, was von seinem Leben übrigbliebe, wenn sie sich doch entschließen würde, zu gehen. Dann hätte er nichts mehr, und das konnte er nicht zulassen.

Nein, er konnte das niemandem sagen. Aber verzichten- das konnte er auch nicht.

Er schaute erneut zur Uhr, wollte nicht mehr warten, fühlte ein Drängen in sich, es hielt ihn kaum auf seinem Stuhl.

Als zwei Stunden vergangen waren, legte er seinen Kittel ab, zog das Jackett an und griff nach seinen Autoschlüsseln. Er musste noch schnell nach Hause, um zu packen, und dann würde er sich endlich, endlich auf den Weg machen.

Zu ihr.

*

Silke wartete.

Sie war nervös und ungeduldig zugleich, ihr Körper veranstaltete merkwürdige Dinge, und sie wurde sich schnell mit sich selbst einig, dass sie einfach viel zu lange gezögert hatte. Nie mehr.

Sie würde ihn nicht mehr aus ihren Klauen lassen, das konnte er vergessen. Er hatte ihr gesagt, dass er sie liebte. Unglaublich.

Der Vormittag fühlte sich noch immer komplett surreal an, wie eine Geschichte, die man sich anhörte und die mit einem selbst rein gar nichts zu tun hatte. In hundert Jahren hätte sie nicht glauben wollen, dass er aus ihrer gemeinsamen Nacht genau diese Schlüsse ziehen würde. Die Verblüffung trug sie mit sich wie einen Schatten, sie kam einfach nicht darüber hinweg. Wirklich glauben würde sie es wohl erst, wenn er in einer Stunde hier auftauchte- oder in zwei, falls das Packen etwas länger gedauert hatte.

Das Haus war ein kleiner, moderner Glaskasten, eher ein Loft mit Doppelbett, Kochnische und Sitzecke, luftig und minimalistisch, ideal für zwei Personen, die sich vor der Welt verstecken wollten.

Sie seufzte. An und für sich hatte sie nicht das geringste Bedürfnis, sich zu verstecken, aber er war da ganz anders. Das Unbekannte würde ihm Angst machen, er kämpfte einen andauernden Krieg gegen seine eigenen, überstarken Gefühle: welche von ihnen konnte er gefahrlos zulassen, welche musste er verbergen, welche nur vor anderen- und welche auch vor sich selbst? Der ganze Mann war ein Minenfeld, und wenn man es nicht schaffte, hinter die Fassaden und Mauern zu blicken, ging er einem in kürzester Zeit einfach nur noch gnadenlos auf die Nerven. Sie hatte nie Schwierigkeiten damit gehabt, ihn zu durchschauen, und deshalb war er zu ihr oft besonders gemein.

Sie ging in die Küche und schaute aus dem Fenster, das Wetter war nicht besonders gut heute, ein Sturm zog auf. Der Wind peitschte das Meer zu hohen, weißgesäumten Wellen auf, es war ein faszinierendes Schauspiel, und sie sah ein bisschen zu im verzweifelten Versuch, ihre Nerven zu beruhigen. Als es gerade richtig anfing, zu dämmern, hörte sie ein leises Klopfen an der Tür.

Ihr Herzschlag startete ein gefährliches Manöver, sie spürte das Pochen bis in die Kehle. Sie versuchte einen tiefen Atemzug und ging dann zur Tür.

Sein Blick war ein wenig… atemlos. Dann zog er die Stirn in Falten.

„Ist das mein Hemd, dass sie da tragen?“

Er hatte recht. Sie hatte es ihm auf einem Kongress geklaut, er hatte sogar noch danach gesucht.

„Ja.“, sagte sie mit klopfendem Herzen.

„Sie haben mir mein Hemd gestohlen?“

Sie sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Verklagen Sie mich.“

Er warf seine Taschen in die Ecke und ging vor ihr auf die Knie.

*

Was war nur los mit ihm?

Er hatte doch 22 Jahre lang recht gemütlich an ihrer Seite gearbeitet, ohne großes Herzflattern, sie hatte sein Gleichgewicht nie erschüttert. Jetzt war es, als hätte er nie eins gehabt, als wäre die Welt plötzlich brandgefährlich und uferlos geworden, es gab nichts Sicheres mehr außer dem warmen Platz bei ihr. Er zog ihren kleinen Körper in seine Arme und vergrub seine Lippen an ihrem Hals, fühlte sich schüchtern und verzweifelt, weil er nicht wusste, was sie wollte, was sie sich von ihm wünschte. Er wollte ihr alles, alles geben, nur wie? Er kannte sich selbst nicht mehr.

Sie bog seinen Kopf zurück, für so ein kleines Persönchen hatte sie erstaunliche Kraft.

„Ich verschweige das hier für Sie,“, sagte sie leise und fast ein bisschen gefährlich, „aber hier drin mache ich allein die Regeln.“

Sie biss ihm ganz sanft in die Unterlippe, und er verstand.

Er riss ihr das Hemd vom Leib, die Knöpfe verursachten ein leichtes Klackern auf dem Parkett, wie heftiger Regen. Seine Klamotten waren deutlich störrischer, er fluchte, weil der Stoff nicht so wollte, wie er befahl, seine Hände waren klamm und steif.

Sie half ihm, öffnete mit ruhigen Fingern die Krawatte, dann die Knöpfe an seinem Hemd. Sie musste ihn gar nicht berühren, um ihn aus der Fassung zu bringen, als sie seinen Gürtel öffnete, hatte er längst eine Erektion, die ihn heftig schmerzte. Er stöhnte wie ein verletztes Tier, als sie ihm die Hose herunterzog. Als sie endlich beide nackt waren, griff er nach ihr und hob sie auf seine Arme, das Bett war nur wenige Schritte entfernt, er ließ sich mit ihr auf die Matratze fallen. Als er genau hinsah, entdeckte er die Hämatome auf ihren Hüften, ihren Oberschenkeln- Spuren seiner Finger, man konnte genau sehen, wo er zugegriffen hatte. Einen Augenblick schämte er sich bitter, dann sah er ihr in die Augen.

„Machen Sie mir mehr davon.“, hauchte sie, und er war außerstande, Nein zu sagen.

Er spreizte ihre Beine mit festem Griff, sie war fieberheiß, und als er sich nach unten beugte und seine Lippen um ihre empfindlichste Stelle schloss, spürte er die Lust genauso intensiv wie sie. Sie spannte ihren Körper an, schob ihre Hände in sein Haar, jede Berührung war wie ein Stromschlag, seine Haut brannte. Er drang mit der Zunge in sie ein, rieb fest mit seiner Oberlippe an dem kleinen Nervenbündel, bis sie am ganzen Körper bebte. Kurz bevor sie endgültig in den Abgrund fiel, schob er sich nach oben und glitt in einer fließenden Bewegung in sie hinein, tief und voll, er spürte, wie er sie dehnte, als wäre er gemacht für ihren Körper. Sie kam sofort, er schluckte ihre Schreie, konnte seine Lippen nicht von ihren lösen, wollte sie auffressen, Küsse reichten schon lange nicht mehr.

Der Hunger war so groß, er konnte das unmöglich lange durchhalten, also tat er auf der Stelle, was sie wollte, gab ihr, was er hatte. Er würde definitiv am nächsten Tag einen gewaltigen Muskelkater haben, aber für den Moment war ihm das egal, er stieß mit ganzer Kraft, so schnell er konnte, ihre heftige Reaktion war ihm Belohnung genug. Durch die leidenschaftliche Begegnung gestern versagte er immerhin nicht komplett, und als er sich schließlich nicht mehr zurückhalten konnte, war sie bereits durch und durch befriedigt. Also gab er nach, bog seinen Körper, um ihre Lippen erreichen zu können, und schrie seine Ekstase in ihren Mund. Sie zerkratzte ihm mit ihren Fingernägeln den Rücken, der leichte Schmerz machte ihn wahnsinnig, er ergoss sich heftig in ihr und brauchte eine Ewigkeit, um sich danach einigermaßen wieder einzukriegen.

Dass Serotonin flutete sein System dermaßen überreichlich, dass er innerhalb von Sekunden nur noch verschwommen sah. Er rollte sich zur Seite, spürte ihre heißen Lippen auf seinen und stöhnte mit letzter Kraft, dann schalteten die Hormone ihn aus wie eine Taschenlampe.

*

Silke konnte ewig lange nicht schlafen. Sie sah ihn an, berührte sein Gesicht, immer noch unschlüssig, ob er tatsächlich da war oder nur eine Erfindung ihrer überaktiven Fantasie.

Erneut spürte sie ihn überall, und sie war sich ziemlich sicher, dass sie von diesem Gefühl nie satt werden würde. Vor den Fenstern tobte ein Sturm, das Meer konnte sie in der Dunkelheit nicht sehen, nur hören. Zwei Tage. Sie hatten zwei Tage miteinander, und sie würde diese Zeit mit jeder Faser genießen.

Sie hatte keine Ahnung, wie er sich den Alltag in Münster vorstellte, wie lange sie beide es ohne das hier aushalten konnten, ob sie am Ende in ungemütlichen Stundenhotels landen würden, nur, damit das Umfeld des Professors nichts von ihnen erfuhr. Sie wusste nicht, wie lange er von ihr erwarten würde, dass sie ihn selbst im Bett noch siezte. Im Moment hatte es etwas von Mittelalter- Rollenspiel, da konnte sie mit leben.

Irgendwann würde es Montag sein. Und was sie dann fühlen würde- das wusste sie nicht.
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