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Freundschaft und Liebe

von Miss-N
GeschichteKrimi, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Alexandra Rietz Gerrit Grass Michael Naseband Robert Ritter
12.09.2021
19.09.2021
6
7.292
2
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15.09.2021 1.416
 
Sie ließen Gerrit erstmal in Ruhe ankommen.

Ruhelos tigerte er im Büro umher. Er wollte etwas tun, aber die Spurenauswertung dauerte noch an. Sie wollten alle etwas tun. Alex hatte die Bilder von der Leiche und dem Tatort in einem Umschlag in ihren Händen. Er war zuvor reingereicht worden. Sie traute sich nicht reinzusehen und schon gar nicht die Fotos aufzuhängen.
„Sind das die Bilder?“ fragte Gerrit unvermittelt, als er dem Umschlag unter anderen Blättern hervorluken sah, wo Alex ihn notdürftig versteckt hatte.
Alex schluckte und nickte.
„Gib her.“ Forderte Gerrit sie auf.
„Gerrit, ich weiß nicht…“ Sie zögerte und hielt den Umschlag weiter unter Verschluss.
„Alex, ich hab… sie schon gesehen. Miriam. Wir müssen den Kerl kriegen. Gib… mir die Bilder.“ Bat er sie mit belegter Stimme erneut.
Die Kommissarin seufzte und warf einen Blick auf Michael. Sie war unsicher, ob sie das wirklich tun sollte. Nach Michaels Bestätigung durch nicken und genauso unsicherem Schulterzucken, händigte sie ihm den braunen Umschlag aus. Sie hatte ein schlechtes Gewissen dabei, was ihre Mimik eindeutig mitteilte.
„Alex, ehrlich, das ist okay.“ Sagte Gerrit, als er seiner Kollegin den Umschlag abnahm.
Aber auch, dass er es wiederholte, machte die Sache nicht besser.
Er hätte sich freinehmen sollen. Er war emotional involviert und dürfte sich eigentlich gar nicht an den Ermittlungen beteiligen. Dass er aber genau das tun würde, war ihnen allen klar. Sie würden in so einem Fall alle dabei bleiben und helfen wollen.

Nach einem doch zögerlichen Seufzen, zog Gerrit die Fotos aus dem Umschlag und legte sie vor sich auf den Tisch.
Und doch: zum ersten Mal sah er da ganze Ausmaß des Vorfalls.

Am Tatort angekommen hatte er nur noch wahrgenommen, dass es seine Freundin war, die dort lag. Alles Weitere hatte er nahezu ausgeblendet. Das Blut hatte er gesehen, aber nicht die Verletzungen. Der Schock hatte ihn direkt umnebelt. Jetzt war er wieder klarer. Aber er war nicht weit weg vom nächsten Schock. Die Bilder knallten ihn auf dem Boden der Realität und ihm kamen Zweifel, ob er das wirklich hatte sehen wollen.
Keuchend stützte er sich auf der Tischkante ab und starrte auf die buntbedruckten Blätter vor sich.

Alex stand schnell auf und flankierte ihn zu seiner Rechten. Michael stellte sich links von ihm.
Gerrits Fingerkuppen gruben sich in die Tischplatte. Naja, wäre er nicht aus Holz, sondern aus Knete gewesen wäre.
Ein Knall ließ die Kommissare zusammenzucken. Gerrit hatte mit aller Kraft auf den Tisch geschlagen.
Michael war beinahe froh darüber, auch wenn gerade kurz vor einem Herzinfarkt stand. Gerrits Ausbruch kam so plötzlich, dass sich keiner von ihnen hatte darauf vorbereiten können. Aber immerhin schien er so langsam die Gefühle zuzulassen.

Er besann sich und entschuldigte sich kleinlaut.
Langsam schaute er jedes einzelne Foto an. Mit jedem weiteren Bild wurde er ruhiger und verschlossener. Seine Miene verhärtete sich. Der Zustand seiner Freundin ließ ihn nicht nur einmal erschaudern.

Langsam nahm er die Details wahr. Ihre Kleidung war zerrissen. Sie hatte ein Top getragen und dazu einen Rock und Nylon- Strumpfhosen. Der Gedanke, dass jemand sie vergewaltigt haben könnte, stach in sein Herz. Ihre Verletzungen waren nicht minder schlimm. Am Kopf hatte sie eine Platzwunde und er sah einen Schnitt am Hals. Beides schmerzhaft und potentiell tödlich. Ein paar blaue Flecken und Kratzer konnte er noch erkennen. Unter ihrem Kopf hatte sich eine Blutlache gebildet und an ihrem Hals war ein kleines rotes Rinnsal.
Gerrit keuchte erschüttert auf. „Wurde sie…?“ Er konnte die Frage nicht zu Ende stellen.
„Wissen wir noch nicht.“ Antwortete Michael leise. Der Bericht vom Gerichtmediziner war noch nicht angekommen.

Ein Klicken im Schloss verriet, dass sie geöffnet wurde. Die Kommissare zuckten kollektiv zusammen und schauten erschrocken Richtung Tür.
„Hey, was schaut ihr mich denn so entgeistert an? Wollt ihr den Bericht…“ fragte Doc Alsleben zuerst amüsiert. Aber sein Gesicht änderte den Ausdruck, als sein Blick auf Gerrit fiel. „Oh, Hi, Gerrit.“ Sein Blick wanderte zwischen den Kommissaren hin und her. Dass er sich unwohl fühlte war nicht zu leugnen. „Ich, ähm… hab hier den Obduktionsbericht. Hab mich extra beeilt.“ Sagte er unsicher und holte die Kladde aus seiner Tasche. Unschlüssig hielt er sie fest und überlegte, wem er sie geben sollte. So eine Situation hatten sie selten. Gott sei Dank.

„Gib schon her, Doc.“ Forderte Gerrit ihn auf und streckt ihm die Hand hin. Wie auch schon Alex warf der Doc Michael einen rückversichernden Blick zu, ob man dem Mann das wirklich zutrauen könnte. Und auch wie schon zuvor, konnte Michael nur nicken. Bevormunden wollte er seinen Kollegen auf keinen Fall. Das würde nur einen Streit vom Zaun brechen, und das war definitiv das Letzte was er wollte. Er vertraute darauf, dass Gerrit wusste, was er tut, und was er da ggf. lesen würde.
„Nun gut.“ Sagte der Doc ruhig und händigte die Mappe aus.
Einen Moment lang starrte der Empfänger das Papier an, bevor er es aufschlug und anfing zu lesen.
„Also Gerrit, um es vorweg zu nehmen: Sie ist nicht vergewaltigt worden.“ Fasste er den Teil des Berichts zusammen.
Ein Aufatmen ging durch die Reihe. Das war das wovor sie am Meisten Angst gehabt hatten. Keiner von den anderen hätte abschätzen können, die Gerrit reagiert hätte, wenn es so gewesen wäre. Vermutlich wäre er Amok gelaufen. So hatten sie eine Gefahr, ein Bedenken, weniger.

„Todesursächlich war der Schlag auf den Kopf.“ Sprach der Doc weiter. Er war es gewöhnt seine Berichte in den wichtigsten Punkten zu rezitieren. „Ich tippe auf einen Stein als Tatwaffe. Vielleicht auch der Bordstein, ein Kantstein oder etwas Ähnliches. Der Schnitt am Hals hätte tatsächlich auch tödlich sein können, allerdings war er bei weitem nicht tief genug. Und, was auf definitiv wichtig für euch ist: Derjenige, der sie mit dem Messer angegriffen hat, war Linkshänder.“
Aufmerksames Nicken bestätigte, dass ihm zugehört wurde. „Sie hatte DNA-Material unter ihren Fingernägeln, das ist noch bei der Analyse. Ich hab schon Bescheid gesagt, dass es dringend ist. Euer Täter sollte also blutige Kratzspuren irgendwo haben, sie hat sich scheinbar stark gewehrt.“ Erst im Nachhinein fiel ihm auf, was er da gesagt hatte. Natürlich gehörte das zu seinem Bericht, aber ein eventueller Todeskampf ist nichts, was ein Freund über seine verstorbene Freundin hören möchte.
„Okay, also Kratzspuren und Linkshänder.“ Resümierte Gerrit nachdenklich. „Noch was anderes?“
„Nicht viel, leider. Ich habe noch Spermaspuren gefunden, allerdings hatte sie keinen Geschlechtsverkehr und wurde auch nicht… Naja, er hat es vielleicht versucht, aber…“ Die Sache wurde für den Doc immer unangenehmer. Es war immerhin nicht irgendeine Tote, die er da auf dem Tisch gehabt hatte, sondern die Freundin eines Freundes, bzw. eines sehr guten Bekannten. „Die Analyse läuft auch noch.“ Schloss er nun seinen Bericht. Er warf noch einen Blick in die Runde und verabschiedete sich dann schnell. Er hatte das Gefühl als würde die Luft brennen.

Die Kommissare blieben mit dem Bericht zurück und lasen ihn einer nach dem anderen durch. Gerrit nahm die Fotos und hängte sie an das Whiteboard. Er versuchte seinem Kopf irgendwie klar zu machen, dass das da nur eine tote Frau war, und nicht Miriam. Würde Michael merken, dass ihm das Ganze zu sehr zusetzte würde er ihn von dem Fall abziehen und nach Hause schicken, und das würde er tun müssen. Sie alle kannten die Regeln.

Schweigend betrachteten sie die Bilder. ‚Nur eine tote Frau.‘ hallte es in ihren Köpfen wider.
Die Kartei nach dem Attribut „Linkshänder“ zu durchsuchen war wie eine Nadel im Heuhaufen. Zwar gab es da nicht sooo viele, aber immer noch mehr als genug. Und die alle auf ihre Alibis überprüfen war nur schwer möglich.
Dass sie nichts tun konnten nervte sie. Unmut machte sich breit.

„Lasst uns was Essen gehen.“ Schlug Michael vor. Er hatte selbst nicht so wirklich Hunger, aber so hätten sie wenigstens etwas Bewegung und frische Luft.
Nahezu im Chor sagten Alex und Gerrit, dass sie keinen Hunger hätten.
„Leute, ich auch nicht, aber lasst uns raus gehen. Hier rumsitzen bringt grad auch nichts. Ein bisschen den Kopf frei kriegen wird uns allen gut tun. Los, Jacken an. Das ist eine Dienstanweisung. Wir gehen raus.“
Seufzend und leise murrend nahmen sich auch die anderen ihre Jacken und schlichen hinter Michael her zum Aufzug.

Da der Flurfunk im Präsidium ausgezeichnet funktionierte, und sich ihr aktueller Fall wie ein Lauffeuer verbreitet hatte, wurde das Trio von niemandem angesprochen. Im Gegenteil, einige wechselten sogar spontan die Richtung, um nicht in die Verlegenheit zu kommen sich mit ihnen unterhalten zu müssen.

Unten angekommen atmeten alle 3 erstmal tief durch.
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