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Freundschaft und Liebe

von Miss-N
GeschichteKrimi, Schmerz/Trost / P16 / Gen
Alexandra Rietz Gerrit Grass Michael Naseband Robert Ritter
12.09.2021
22.10.2021
18
23.278
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14.10.2021 1.214
 
„Es tut mir leid.“ Sagte Gerrit leise.
Alex verstand genau, was er meinte. „Nein.“ Sagte sie. „Es braucht dir nichts leid zu tun. Du hast nicht auf mich geschossen.“ Ihr tat auch etwas leid. Nämlich, dass sie ihm nahe gekommen war, obwohl sie das nicht gewollt hatte. Sie kämpfte mit sich. Gerrits Nicken bekam sie nicht mit.
„Und es tut mir leid, falls ich dich durcheinander gebracht habe. Ich werde gleich nach Hause fahren.“ Fügte er kaum lauter hinzu.
„WAS?!“ Alex fiel die Gabel aus der Hand. Überrascht sah Gerrit sie an. Mit so einer vehementen Reaktion hatte er nicht gerechnet. Vielleicht ein enttäuschtes ‚Okay‘ oder ‚Ja, ist gut.‘ oder etwas in der Richtung, wenn überhaupt, aber nichts, was eigentlich ‚Nein, bleib!‘ bedeutete.

Alex merkte, dass ihre Antwort etwas übertrieben gewesen war. Schnell überlegte sie, was sie sagen sollte. Sie hatte das Gefühl, dass ihre Freundschaft an einem Scheideweg stand. Würde sie ihn gehen lassen, wäre das ein Fehler. Sie musste ihn da behalten. „M-Michael hat gesagt, ich soll auf dich aufpassen, also musst du hier bleiben. O-Oder ich komme mit zu dir.“ Sie suchte weiter nach Gründen. Als ihr Blick auf ihren Teller fiel kam ihr eine Idee. Es war etwas gewagt, aber sie wollte es drauf ankommen lassen. Falls ihre Idee nicht wie geplant funktionierte, könnte sie es auch noch auf die Nachwirkungen des Schocks schieben. „Ich brauche deine Hilfe. Mit dem Arm geht das alles nicht so. K-Kannst du nicht heute noch bleiben?“ Ihr Herz klopfte, die fühlte es in ihrem Hals und der Rhythmus dröhnte in ihren Ohren. Sie betete, dass er es nicht hören konnte.

Gerrit Blick änderte sich von Überrascht zu Abwägend. Sollte er zustimmen? Warum wollte sie unbedingt, dass er bleibt? Ging es ihr doch nicht gut? Natürlich hatte sie mit ihrer Bitte einen wunden Punkt getroffen. Niemals würde er ihr Hilfe verwehren, wenn sie sie brauchte und ihn sogar darum bat. Aber war das jetzt das Richtige? Jetzt – in dieser Situation. An diesem Punkt an dem sie gerade standen? Sollte nicht vielleicht Michael lieber hier sein? Bei diesem Gedanken, zeigte sein Herz ihm einen Vogel. ‚Bist du irre? Auch wenn du Miriam echt gern gehabt hast… Mal im Ernst, da sitzt Alex, DIE Alex, DEINE Alex, vor dir und bittet dich, dass du bleibst UND DU ÜBERLEGST NOCH? BIST DU TOTAL BESCHEUERT?‘ schrie es ihn an. Er räusperte sich um die Schimpftirade seines Organs zu übertönen. „Ja, natürlich kann ich bleiben.“ Besänftigte er ein Innerstes und antwortete Alex gleichzeitig.
Als hätte sie die letzten Sekunden, gefühlten Minuten, die Luft angehalten, atmete Alex erleichtert aus. Jetzt hatte sie zwar das Problem, dass sie nicht wusste, wie es den Abend weitergehen sollte, aber wenigstens war sie nicht alleine.

Hilfe war auf jeden Fall nicht verkehrt. Natürlich würde sie auch alles irgendwie alleine hinkriegen, aber andererseits, warum sollte sie es sich unnötig schwerer machen. Sie durfte die Schlinge zum Duschen und Umziehen abnehmen, allerdings hatte die Kugel sie an einer ungünstigen Stelle am Deltamuskel getroffen, die jede Bewegung schmerzen ließ. Aus ihrer Hose würde sie wohl raus kommen, aber bei ihrem T-Shirt kamen ihr schon die ersten Zweifel.

Vorsichtig lächelnd nahm sie ihre Gabel wieder auf und steckte sich noch ein paar Nudeln in den Mund. „Das ist wirklich lecker. Danke.“ Das ‚Danke‘ galt auch seinem Einverständnis zu bleiben.
Gerrit lächelte zurück.

Alex Kopf zeigte ihr einen kurzen Filmzusammenschnitt des Tages. Wie er morgens im Handtuch vor ihr stand, wie sie Arm in Arm durch den Wald gegangen waren, wie besorgt und panisch er sie nach dem Hinterhalt im Auge behalten hatte, wie aufgeregt er im Krankenhaus war und zu Letzt, wie er morgens im Bett friedlich an sie gekuschelt lag. Dieser glückliche, zufriedene Ausdruck auf seinem Gesicht.
Dieser kleine Film brachte sie unbewusst zum Schmunzeln.
Langsam hob sie ihren Blick. Ein neugieriges Paar Augen wartete schon auf ihre.
„An was hast du gerade gedacht?“ fragte Gerrit sanft.  
„An dich.“ Die Worte verließen ihren Mund schneller, als sie wollte. Eigentlich hatte sie sie nur denken wollen. Zu spät. „Ähm, ich meine… also…“ Nun kam die sonst so taffe Kommissarin ins Schwitzen. Sie konnte die Worte nicht mehr zurück holen. Unmöglich. Sie hätte es womöglich getan, wenn es gegangen wäre. Auch wenn es nur 2 Worte waren, nur 6 Buchstaben, verrieten sie, gepaart mit ihrer Mimik, viel zu viel.
„An mich? So so.“ Gerrit schmunzelte über ihre dezente Panik.
„Naja, also… Ich glaube, vielleicht sollte ich mich doch wieder hinlegen.“ Versuchte sie sich aus der unangenehmen Lage zu befreien und stand auf um den Tisch zu verlassen.
„Geflüchtet wird nicht. Bleib hier.“
Mit leicht rot gefärbten Wangen setzte sie sich wieder. „Ich… es tut mir leid. Ich hätte das nicht sagen dürfen.“ Sagte die kleinlaut.
„Die letzten Tage waren ein bisschen komisch, oder?“ fragte er leise, anstatt auf ihre Äußerung einzugehen.
Komisch, merkwürdig, eigenartig, ja, das traf es genau. Sie nickte. Kurz überlegte sie, Gerrit doch wegzuschicken. Aber, nein, das würde sie nicht tun.

Gerrit rettete sie aus ihrer misslichen Lage. „Na, komm wir gehen aufs Sofa. Wir haben doch gestern die Vorschau von diesem einen Film gesehen. Was hältst du davon, wenn wir den noch gucken, bevor wir schlafen gehen?“
Die Idee war nicht die schlechteste des Tages. Alex stimmte zu. Bei einem Film brauchte man nicht reden und konnte nachdenken. Sie befürchtete nur, dass sie dabei einschlafen könnte.
Gemeinsam verließen sie den Tisch und gingen zum Sofa. Gerrit suchte und startete den Film.

„Wie geht es deinem Arm?“ fragte er beiläufig.
„Schon okay. Tut nur etwas weh.“
„Brauchst du was? Soll ich dir was holen?“
„Nein, ist okay. Wirklich. Nachher zum Schlafen nehme ich was.“ Sie suchte sich eine bequeme Position auf dem Sofa und wandte ihren Blick zum Fernseher.
Sie hoffte, dass Gerrit nun ebenso das TV-Gerät als Ziel seiner Aufmerksamkeit auswählte.

Sie schlief tatsächlich ein, wurde aber von ihrem Arm geweckt, der eine Schmerzwelle aussandte. Mit einem leisen Stöhnen öffnete sie die Augen. Sofort war Gerrit in Alarmbereitschaft. „Ich hol dir was.“ Er sprang vom Sofa auf und holte die Tabletten aus ihrer Handtasche.
Dankend nahm sie sie an.
„Lange hat dein Nickerchen ja nicht gedauert.“ Merkte Gerrit an.
„Ich wollte ja auch nicht schlafen. Ich hab nur kurz meine Augen zu gemacht.“
„Ja ja.“ Lachte er. „Ist schon okay. Wir können auch ins Bett gehen. Vielleicht tut dir das gut, du brauchst die Ruhe.“ Schlug er vor.
„Aber wir wollten doch den Film gucken.“ protestierte Alex.
„Der läuft nicht weg. Ich geh schon mal ins Bad, okay?“ fragte er. Vordrängeln wollte er sich auch nicht.
„Ja, ist okay. Geh ruhig. Ich brauche eh länger.“

Als Gerrit das Bad wieder verließ fand er eine schlafende Alex auf dem Sofa.
Ganz sanft versuchte er sie zu wecken, aber sie reagierte nicht.
So vorsichtig es ging nahm er sie auf seine Arme und trug sie ins Schlafzimmer. Nicht mal, als er sie auf dem Bett ablegte rührte sie sich.
„Danke.“ Nuschelte sie.
Er gab ihr einen Gute Nacht Kuss auf die Stirn und deckte sie zu.
Leise verließ er das Schlafzimmer und ging zum Sofa zurück. Er hielt es für besser ein wenig Abstand einzuhalten. Auch, damit er ihr nicht aus Versehen weh tat, weil er gegen ihren Arm kam.
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