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Der soziopathische Therapeut

von Boring
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
DI Gregory Lestrade Dr. John Watson Harry Watson Mycroft Holmes OC (Own Character) Sherlock Holmes
11.09.2021
18.11.2021
9
27.340
5
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23 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
11.09.2021 2.721
 
Disclaimer: Die Charaktere gehören nicht mir, sondern Sir Arthur Conan Doyle und die moderne BBC-Version gehört Steven Moffat und Mark Gatiss. Ich verdiene mit dieser Geschichte natürlich kein Geld.

Ich weiß ehrlich gesagt noch nicht genau, wo diese Geschichte hinführen wird, aber ich bekam die Idee, Sherlock Therapeut spielen zu lassen nicht mehr aus dem Kopf…Feedback ist immer willkommen :-).



Der soziopathische Therapeut:


Wie ich Menschen hasse! Sie sind so manipuliert von Gefühlen, durchschaubar und vor allem langweilig! Dass ich aber auch immer mit den schlimmsten dieser Art zur selben Zeit am selben Ort sein muss! Schrecklich…

„…und deswegen hat mir mein Mann geraten zur Therapie zugehen. Er ist wirklich der beste Ehemann, den man sich vorstellen kann.“

Ein typisches Beispiel einer unterdrückten, dummen Frau, die einfach das offensichtliche nicht sieht: Ihr Mann liebt sie nicht. Punkt. So einfach. Langweilig!

„Sie haben eine sehr eingeschränkte Vorstellungskraft.“

„Was?!“

Die Frau (Lina?!/Lena?!?) sieht mich erschrocken und eingeschüchtert an. Und, oh Gott, sie hat Tränen in den Augen…wie ekelig! Warum nochmal tue ich mir das an?! Richtig: Ein Fall. Es ist immer ein Fall.

„Ihr ach so toller Mann hat Sie zur Therapie geschickt, damit er in der Zeit, in welcher Sie jeden Freitagnachmittag in meiner Praxis sind, Sie mit Ihrer beste Freundin betrügen kann. Oder der Nachbarin, ich glaube er variiert jede Woche. Falsch! Ich weiß es: Der Dreck an Ihren Schuhen sag es mir.“

Jetzt heult Lina/Lena richtig. Ihre Wimperntusche verschmiert sich abartig und lässt sie wie einen betrunkenen Panda aussehen. (Warum schminken sich Frauen, wenn sie doch eh wissen, dass sie bei jeder Kleinigkeit anfangen zu heulen?!) Einer der wenigen Fragen, die ich wohl nie beantworten werden kann. Eine Seltenheit…

„Aber…aber warum?! Warum sollte Mark das tun? Er liebt mich doch. Er…er hat es doch heute Morgen noch gesagt! Ich verstehe das nicht…“

„Offenkundig tun Sie das nicht. Sie sind ja noch dümmer als ich es am Anfang deduziert hatte.“

Schnief, ein weiterer Tränensturm verunstaltet ihr Gesicht.

Verzweifelt und sich endlich der Tatsache bewusst, dass es ziemlich peinlich ist heulend vor mir zu sitzen, greift sie nach einem Taschentuch, welches sich provisorisch in einer Papierbox neben ihrem Sessel befindet.                                            Sehr vorausschauend!  

Nachdem sie sich die Nase geputzt hatte und ihre Wimperntusche mit dem Taschentuch noch mehr verschmiert hatte (es war faszinierend, dass dies noch möglich war), mustert mich Lina/Lena prüfend.

„Wie kann es sein, dass Sie ein Therapeut sind, wenn Sie gleichzeitig so ein Arsch sind?!“

„Soziopath, nicht Therapeut. Und wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf: Wenn Sie sich bei meinen Kollegen beschweren, wird dieser Soziopath Ihre drei Katzen besuchen.“

Die Frau starrt mich mit Angst geweitete Panda-Augen an. Gut, sie wird mich nicht verraten. Jetzt muss ich sie nur noch loswerden, damit sie meinen Fall nicht mehr behindert.

„Und wenn ich Ihnen noch einen Tipp geben darf: Gehen Sie schnell nach Hause, bevor es bei Ihrem Mann und Ihrer besten Freundin zum Äußersten kommt. Brechen Sie Ihrem Mann die Nase und sagen Sie Ihrer besten Freundin, dass Ihr Ehemann Sie ebenfalls betrügt. Falls Sie wegen der gebrochenen Nase Ärger mit der Polizei bekommen, verlangen Sie nach Detective Inspector Lestrade mit einem schönen Gruß von mir. Er wird alles regeln.“

Wetten, jetzt kommt die Frage, wie ich das denn bloß herausgefunden hatte. Immer dasselbe. Eintönig. Vorhersehbar. Langwei…-

„Okay, mach ich!“

Das Panda-Gesicht wird entschlossen und ein Miniaturlächeln schmückt ihr Gesicht.

Das war…überraschend. Aber gut, vielleicht ist sie auch einfach leichtgläubig. Da hat sie ja Glück gehabt, dass ich ihr die Wahrheit gesagt hatte. Nächste Woche wird sie sich aber bestimmt schon wieder in einen neuen Idioten verlieben. So ticken diese Frauen nämlich. Oh, seht alle her! Sherlock der Frauenversteher! KLAPPE MYCROFT! Du  hast nichts in meinem Kopf zu suchen!!    

„Eine Sache noch, was zum Teufel machen Sie hier?! Sie können mir nicht ernsthaft sagen, dass Sie ein echter Therapeut mit einem etwas komischen Humor sind. Sie würden Ihre Patienten eher zum Selbstmord treiben, als ihnen zu helfen. Also: Wer sind Sie?!

Ich verdrehe innerlich die Augen. Doch warum sollte ich ihr nicht die Wahrheit sagen, wenn sie eh wie eine Lüge klang? Hauptsache ich konnte sie so schnell wie möglich vertreiben. Sie nervte!

„Ich bin der einzige Consulting Detective der Welt und habe einen Bruder, der die britische Regierung persönlich ist. Er hat es mir ermöglicht in dieser Praxis als ein Therapeut zu arbeiten, damit ich einen Serienmörder, der aufgrund von traumatischen Erfahrungen mit Therapeuten in seiner Kindheit gerne eben diese als Erwachsener ermordet. Ich stelle ihm quasi eine Falle, indem ich mich als sein perfektes Opfer ausgebe: Ein Mittzwanziger, gutaussehender und reicher Therapeut, welcher frisch von der Uni kommt. Ein eingebildeter Schnösel, der denkt nur, weil er Freud gelesen hat, könne er die Welt verändern. Er ist ein Idiot. Der Mörder und seine echten Opfer natürlich, nicht ich.“

Panda lächelt. Ich analysiere es sofort, vergleiche es mit lächelnden Gesichtern, die ich in meinem Gedächtnispalast abgespeichert hatte. So hat Mummy mich angelächelt, als ich mit fünf Jahren von der Schaukel gefallen war und mir den Arm gebrochen hatte… Das passte nicht. Warum sollte Lina/Lena Mitleid mit mir haben?! Doch ich lag mit meiner Analyse eigentlich nie falsch. Verwirrt runzele ich die Stirn.

„Klingt spannend“, antwortet die Frau lachend. Lachte mich aus?!

Sie muss weg von hier! Sie verwirrt mich und behindert den ganzen Fall!!

„Ich hab leider keine Zeit mehr für Sie. Muss die Welt retten, Serienmörder fangen und so…“

„Klar, kein Problem. Dann einen schönen Tag noch. Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder…man sieht sich ja bekanntlich immer zweimal im Leben!“

Gott bewahre, bitte nicht!

„Jaja, schönen Tag noch und gutes Nasenbrechen.“

Endlich steht Lina/Lena auf und stöckelt mit ihrer sperrigen pinken Tasche aus dem Sprechzimmer. Bevor sie allerdings die Glastür (wirklich dämlich eine Glastür in einer psychologischen Praxis einzubauen, da glotzen doch alle während der Sprechstunde rein. So viel zum Thema Privatsphäre!) öffnet, dreht sie sich nochmal um und sagt beinah kühl:

„Jamie war der Name. Ich glaube, der war Ihnen während unseres Gesprächs entfallen, Sherlock.“

Dann dreht sie sich endgültig um, öffnet die Tür und geht.

Jamie…

Wie konnte ich mich nur so sehr verschätzt haben?!

Egal, lösch sie, Sherlock. Du musst dich aufs wesentliche konzentrieren! Der Fall!

Ich wusste nicht, wann der Täter zuschlagen würde. Ich wusste noch nicht mal, ob er mich als sein nächstes Opfer ausgesucht hatte. Ich wusste nur, dass er schon drei junge, männliche Therapeuten in Umkreis Londons ermordet hatte. Ein Kindheitstrauma war wahrscheinlich. Ein grausamer Therapeut konnte ein ganzes Leben zerstören-ich sprach aus Erfahrung. Dazu noch eine rachsüchtige und aggressive Ader und zack, man wurde zum Serienmörder. So einfach war das.

Fast schon langweilig…

Bevor ich mich mit dem Zauberwürfel beschäftigen kann, der auf dem Tisch neben einer halb vertrockneten Pflanze lag, wird die Glastür schwungvoll aufgerissen und der Chef dieser Praxis erscheint in meinem Blickfeld. Er ist das Klischee eines komplett durchschnittlichen Mannes Anfang fünfzig: Seit 17 Jahren mit derselben Frau verheiratet, zwei Kinder (wie es sich gehört, erst Junge und dann Mädchen, mit einem perfekten Abstand von zwei Jahren), einen alten Hund, leicht übergewichtig, Problem mit dem rechten Knie und Bluthochdruck, trinkt gerne an Wochenenden doch hat das Rauchen vor fünf Jahren auf Wunsch seiner Frau aufgegeben, graue Haare und steht’s ein freundliches Lächeln auf dem Gesicht, solider Beruf mit durchschnittlichem Einkommen. Die Definition von Mittelstand. Ein eintöniges Leben. Aufstehen, Essen, Arbeiten, Essen, Arbeiten, Essen, Fernsehen, Gute-Nacht-Kuss, Schlafen…Langweilig! Ein Blick und ich wusste alles von ihm. Außer den Namen, obwohl er den sicher genannt hatte. Vermutlich hatte ich den vergessen. Namen waren unwichtig. Trotzdem ist es dann doch ganz praktisch, dass er ein Namensschild an seinem blau-karierten Hemd trägt:

Dr. Jack Smith

„Dr. Smith, was kann ich für Sie tun?“

Ich lächle ihn an und zwinge mich ihm nicht zu sagen, dass sein Mittagessen (offenkundig Nudelsalat) an seinem Hemd, unweit des Namensschildes, hängt. Würde nicht so gut ankommen und ich kann es mir leider nicht leisten rausgeworfen zu werden…

„Bitte Junge, nenn mich doch Jack. Ich fühle mich bei Dr. Smith immer so schrecklich alt!“

Weiterlächeln, ihm nicht sagen, dass er so oder so alt ist, etwas Freundliches erwidern!

„Gerne, dann Jack.“

„Sehr gut. Hören Sie, ich weiß, Sie haben bald Feierabend, aber es gibt eine Art Notfall.“

Jack kichert leicht nervös, was ziemlich kindisch klingt.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Also, ein Patient von uns befindet sich in einer ziemlich schwierigen Zeit…“

Erneutes nervöses Kichern

„Na ja, eigentlich befinden sich alle unserer Patienten in einer schwierigen Zeit. Sonst würden Sie nicht zum Therapeuten gehen.“

Er lacht, als ob er den Witz des Jahrhunderts gemacht hätte und ich wünschte mir, ich könnte ihn auf der Stelle erschießen. Oder wenigstens zum Schweigen bringen. Stattdessen lächle ich einfach weiter. Langsam tun mir meine Gesichtsmuskeln weh!

Nachdem sich Dr. Smith endlich beruhigt hatte, fährt er fort:

„Vor drei Minuten kam ein relativ neuer Patient von uns in die Praxis reingestürmt. Total aufgelöst, wirklich Sie hätten ihn sehen sollen. Er hat zwar heute keinen Termin, aber ich kann ihn so nicht nach Hause schicken, wissen Sie. Und da Jamie ja heute früher gegangen ist, hatte ich gehofft, Sie könnten sich mit dem armen Mann unterhalten. Zwar kennen Sie ihn noch nicht, aber das, was ich über Sie gehört habe lässt mich ziemlich sicher sein, dass Sie das gut hinbekommen werden.“

Mycroft hatte wirklich einen perfekten Job gemacht und mir einen komplett neuen Lebenslauf erstellt. Jetzt heiße ich Sherlock Brown, hatte in Oxford Psychologie studiert und besaß einen Doctor philosophiae Titel, welchen ich mit Bestnoten erhalten hatte. Ein Hoch auf die britische Regierung in Form eines schrecklichen großen Bruders!

Vielleicht ist dieser Mann ja der Mörder. Da es höchst wahrscheinlich ist, dass er psychische Probleme hat, passt die Beschreibung ziemlich gut. Außerdem ist dieser Mann bestimmt interessanter als ein einfacher Zauberwürfel! Egal ob Mörder oder nicht.

„Natürlich bekomme ich das hin! Sagen Sie ihm, dass ich Zeit für ihn habe.“

Dr. Smith strahlt über das ganze Gesicht. Ich glaube, selbst wenn die Welt untergehen würde, würde er lächeln, als gäbe es einen Serienmörder an Weihnachten…

„Großartig! Vielen Dank, Dr. Brown! Ich wusste, ich kann mich auf Sie verlassen.“

„Ist doch selbstverständlich! Menschen zu helfen ist mein Lebenselixier!“

Hab ich das gerade wirklich gesagt?! Ich glaub, mir wird schlecht…

„Einfach wunderbar! Ich werde dem Patienten sofort Bescheid sagen. Aber Dr. Brown, eine Sache noch: Ich weiß, Sie sind ein Meister in Ihrem Gebiet, aber dieser Mann ist wirklich ein, ähm…schwieriger Fall. Er war gerade kaum ansprechbar, starrte nur vor sich hin. Ich glaube, er hat heute etwas sehr Traumatisches erlebt. Bitte seien Sie vorsichtig und zögern Sie nicht mich sofort anzurufen, falls etwas Unvorhergesehenes geschehen sollte. Ich muss jetzt leider auch los. Meine Frau und ich haben unseren siebzehnten Hochzeitstag und ich hab eine kleine Überraschung für Sie vorbereitet!“

Ich verwette meine Leichenteile-Sammlung darauf, dass er seine Frau in dasselbe Restaurant einladen wird, in welchem sie bei ihrer Hochzeit gespeist hatten…wirklich sehr spannend!

„Das hört sich romantisch an. Dann wünsche ich ihnen viel Spaß!“

„Danke, Dr. Brown. Es wird auch romantisch werden. Aber Sie wissen ja bestimmt, wie das ist. Ich kann mir bei Ihnen nämlich ziemlich gut vorstellen, dass die Frauen Wachs in Ihren Händen sind.“

Dämliches kichern, ich glaube, mir wird wirklich schlecht…

„Nicht wirklich mein Bereich.“

„Ah, verstehe…guuuut. Ähm, ja, ich muss jetzt auch gehen, also…“

Endlich!

„Ach, fast hätte ich es vergessen: Könnten Sie bitte heute, wenn Sie fertig sind, die Praxis abschließen? Meine Kollegin ist im Urlaub und deswegen wäre es sehr freundlich, wenn Sie es ausnahmsweise übernehmen würden.“

„Natürlich. Kein Problem.“

Dr. Smith lächelt sein Zahnpastalächeln und überreicht mir beinah feierlich den Praxisschlüssel. Dann geht er aus dem Raum. Nur wenige Sekunden später kommt er erneut zurück, diesmal mit einem Mann an seiner Seite. Mein Gehirn überschlägt sich mit Deduktionen über diesen unscheinbar wirkenden Menschen:

Frisch von der Uni, hat dort einen Doktortitel in Medizin gemacht. Schwierige Kindheit (spricht dafür, dass er der Mörder ist), gewalttätige Eltern, erlebte häusliche Gewalt. Sein Bruder ist schwul, er hat deswegen große Probleme mit seinen Eltern. Wurde vermutlich von seinem Vater aus dem Elternhaus geworfen. Der Bruder wurde ein abhängiger Alkoholiker. Er liebt seinen Bruder trotzdem, obwohl er sich ständig mit ihm streitet.

Ich versuche mehr über ihn zu deduzieren. Ob er der Mörder sein kann, oder nicht. Was ihm heute zugestoßen ist und warum sein Blick so leer ist. Doch ich kann es einfach nicht sehen. Ich fühle mich wie ein Blinder in einer Bibliothek. So viele ungelesene Seiten, doch ich bin nicht in der Lage sie zu entziffern. Du siehst, aber du beobachtest nicht!

„Das ist Dr. John Watson.“

Ich lächle John an.

Guten ersten Eindruck hinterlassen und so…egal ob Mörder oder nicht, es fühlt sich einfach richtig an John anzulächeln.  

Er lächelt nicht zurück. Er schaut mich noch nicht mal an. John Watson starrt auf die halb vertrocknete Pflanze und runzelt die Stirn.

Er ist offenkundig verwirrt. Warum?  

Dr. Smith murmelt etwas von wegen, dass er gerne noch bleiben würde, aber leider weg muss und rauscht endgültig davon. Es wirkt so, als ob er vor der Situation fliehen würde. Ich widerstehe der Versuchung ihm zu folgen.

Und so bin ich nun allein mit einem eventuellen Mörder, der höchst wahrscheinlich traumatisiert ist. Ich fühle mich unwohl. Warum? Eigentlich ist das genauso eine Situation, wie ich sie liebe. Einem Mörder auf der Spur zu sein. Sich mit ihm im selben Raum zu befinden, sich mental zu duellieren. Beweisen, dass ich besser als er bin. Besser als alle anderen.  

Doch anstatt, dass Adrenalin durch meine Adern fließt, fühle ich mich unwohl.

Du bist ein Soziopath, schon vergessen. Soziopathen haben keine Gefühle!

Richtig. Soziopath. Keine Gefühle. Gut.

Johns Blick ist immer noch auf die Pflanze gerichtet. Ich räuspere mich, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Endlich schaut er auf, meerblaue Augen mustern mich prüfend. John wirkt nicht direkt ängstlich, eher vorsichtig. Als hätten ihn Menschen oft genug betrogen oder emotional verletzt, als das er so naiv wäre jemanden auf Anhieb zu vertrauen. Ich glaube ich starre ihn mit demselben Blick an.

Es könnten fünf Minuten oder auch nur fünf Sekunden gewesen sein, in welchen wir uns gegenseitig gemustert hatten. Freund oder Feind? Vertrauen oder Ermorden? Mörder, oder nicht?

Schließlich unterbricht John den Blickkontakt und setzt seine Musterung der halbtoten Pflanze fort. Ich räuspere mich ein zweites Mal und reiche dem fremden Mann vor mir meine Hand.

„Hallo, ich bin Sherlock.“

Die erste Lektion, die ich von Dr. Smith gelernt hatte, war den Patienten den Vornamen zu nennen. Persönliche Basis aufbauen und so…völliger Schwachsinn!

John Watson starrt meine Hand so an, als führe er eine innere Argumentation, ob er sie ergreifen sollte, oder nicht. Er runzelt leicht die Stirn, sein Blick verlässt nie meine Hand.

Was stimmte mit ihm nicht? War er der Mörder?! Was war John Watson schlimmes passiert, dass er sich so verhält?! Und warum, verdammt noch mal, konnte ich ihn nicht lesen? Warum konnte ich sein Geheimnis nicht deduzieren?!

Ich spüre eine fast greifbare Anspannung in dem Raum. Es scheint so, als ob sein durchdringender Blick die Luft mit Energie füllt.

Alle Fragen des Lebens wirken nun so unbedeutend. Die einzig entscheidende Frage in diesem Moment ist für mich nur: Wird John Watson meine Hand schütteln oder nicht? Es ist dämlich, ich weiß das.

Johns zur Faust geballte Hand lockert sich und…

Plötzlich geht alles viel zu schnell. Anstatt meine Hand zu nehmen oder sie endgültig zu ignorieren, kippt John Watson einfach um. Er wird vor meinen Augen ohnmächtig und ich bin zu perplex um zu reagieren. Scheiße…das ist nicht gut…Mit einem dumpfen Knall landet sein Körper auf dem Teppichboden und rührt sich nicht mehr. Wie tot.

Ich glaube ich stoße einen leisen Schrei aus, bin mir aber nicht wirklich sicher. Ich stehe komplett neben mir. Während mein Verstand tausend mögliche Ursachen für seinen Zusammenbruch liefert, schreit ein kleiner, aber unmöglich zu ignorierender Teil von mir einfach nur panisch:

Scheiße!!! Was mache ich den jetzt?!!?





   
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