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Die Eigene Welt

OneshotDrama / P16 / Gen
05.09.2021
05.09.2021
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Hallo meine lieben Leser! :D

Da bin ich wieder mit einer Story und diesmal auch mit einer kleinen Premiere. ^^
Die folgende Geschichte ist nämlich meine Allererste in der Kategorie Freie Arbeiten. :)

Entstanden ist sie zu dem vorgegebenen Prompt der letzten Woche, im Projekt „Wochen-Challenge“, von Sira-la, aus dem Forum.

Die Vorgehensweise bei diesem Projekt ist wie folgt:

Sira-la postet jeden Samstag einen Prompt unterschiedlichster Art für die nächste Woche, zu dem man dann genau eine Woche Zeit hat, Etwas dazu zu schreiben und am folgenden Samstag dann hochzuladen.

Da ich gestern den ganzen Tag arbeiten musste, konnte ich die Story erst heute Online stellen.

Die Vorgabe zur vergangenen Woche lautete wie folgt:

Kalenderwoche 35:
Es gibt nichts Schöneres, aber auch nichts gefährlicheres, als völlig in einer fremden Welt zu versinken.

Ich hoffe, es sei mir verziehen, dass ich die Vorgabe ein wenig anders interpretiert habe. ;)


Nun aber genug der langen Vorrede!
Ich wünsche viel Spass beim Lesen! :D



Vlg Lady Duchess



Titel: Die Eigene Welt

Sie war so schön.
Ihr Lachen so glockenhell und klar.
Die riesige Blumenwiese, in der sie in diesem roséfarbenen Kleid stand und den gepflückten Strauß in den Händen hielt, ein wunderschöner Hintergrund.
Eine sanfte Brise fuhr ihr durchs Haar und ließ dieses ein wenig fliegen.
Einfach nur wunderschön.
Warum war ihm nicht früher aufgegangen, dass sie das schönste Wesen auf der Welt war?
Und noch weniger: wieso hatte er es ihr nicht öfter gesagt und gezeigt?
Aber er war blind für so etwas gewesen.
Einfach, weil er in seiner eigenen Welt lebte, die er so liebte und ihr damit zusätzlichen Kummer und Sorgen bereitet hatte.
Auch, wenn sie es nie sagte.
Dazu war sie einfach zu gutmütig und sanft vom Charakter.

Ein lautes Lachen von ihr riss ihn aus diesen Gedanken und ohne ein zweites Mal darüber nachzudenken, lief er lachend zu ihr hinüber, um ihr zu zeigen, dass sie ihm besonders wichtig war.
Nämlich als die Frau, die er wirklich und wahrhaftig liebte.



Surr.

Das vertraute, lange Summen des Türschlosses, dass an manchen Tagen wie ein eher genervtes Brummen klang, öffnete die schwere, metallene Gittertür, die er routiniert zurückzog, anschließend hindurchging und sie sich dann automatisch hinter ihm schloss.
Normaler Alltag.

Den nur zu gut bekannten Weg fortsetzend, folgte er diesem kalten, steinernen und kargen Flur und kam nur wenig später an einem in die Wand eingelassenen, kleinen Fenster, aus Panzerglas, vorbei.
Dahinter saß einer der Wachleute, blickte kurz von seiner vor ihm liegenden Tageszeitung auf, nickte ihm mit einem grimmigen Gesichtsausdruck kurz grüßend zu und senkte dann wieder seine Augen auf das geschriebene und gedruckte Wort vor ihm.

Diesen kurzen Gruß mit einem knappen Nicken erwidernd, schritt er ohne stehen zu bleiben, weiter den trostlosen und kahlen Flur hinunter, der nun einen Knick nach links machte und folgte ihm bis zum Ende, welches eine Sackgasse markierte.

Schon aus einiger Entfernung sah er zwei der hier angestellten Pfleger, die man eher als Türsteher oder Rausschmeißer vor einem angesagten Club erwartete, stehen, und wie sie sich mit einer weiteren Person, einer Ärztin und seine Kollegin, unterhielten.

Dr. Newton war eine Kapazität auf ihrem jeweiligen Fachgebiet und damit auch spezialisiert auf solche schwierigen Fälle, wie er im nahegelegenen Zimmer 1263, untergebracht war.
Sein Patient.
Er war der behandelnde Arzt dieser bemitleidenswerten und traumatisierten Person.
Aber trotz anfänglicher Hoffnung und leichtem Optimismus waren sie bei ihm seit dessen Einlieferung keinen Schritt vorangekommen.
Etwas, was ihn selbst am Meisten wurmte.
Dabei schien der Fall seines Patienten eindeutig zu sein.

Rasend und außer sich, hatte es zwei Rettungswagen-Besatzungen bedurft, um ihn zu beruhigen, schließlich zu betäuben, ihn medizinisch erst zu versorgen und dann unverzüglich hierher in diese Einrichtung zu bringen.

Es war inmitten seiner Nachtschicht gewesen, als dieser Fall eingeliefert worden war.
Mit der Maximaldosis an Beruhigungsmitteln im Blut und an der Trage fixiert.
Laut Auskunft der ihn einliefernden Kollegen hatte nicht viel gefehlt und sie hätten ihm eine Zwangsjacke anlegen müssen.

Er war in den zehn Jahren seiner Berufserfahrung schon mit vielen, unterschiedlichen und schwierigen Fällen konfrontiert gewesen, aber so Einen hatte auch er noch nicht gehabt.

Auch jetzt, nach über sechs Wochen hier in der geschlossenen Psychiatrie, war noch immer keine eindeutige Diagnose erstellt wurden.
Dies war zum Teil dem Umstand geschuldet, dass sein Patient keinerlei oder kaum Reaktion auf ihn, das Personal oder auch sein Umfeld, zeigte.
Somit war ein Teil der Patientenanamnese lückenhaft und ein guter therapeutischer Ansatz schwierig.

Sein Patient war in seiner eigenen Welt gefangen.
Vermutlich eine heile, fröhliche und glücklichere Welt, wo die harte Realität und das tragische Schicksal seiner Frau ihn nicht erreichte.
Und ohne Hilfe von außen, würde er auch vermutlich nie wieder dort herauskommen.

Er war selten ein Pessimist, was seine Patienten anging, aber in diesem speziellen Fall hegte er nicht viel Hoffnung auf Besserung, geschweige denn Heilung.
Eine traurige Prognose.


„Dr. Sage!“, riss mich der Ruf meiner Kollegin aus meinen Gedanken und ging die letzten Schritte auf sie zu.
Die beiden Pfleger blickten dadurch ebenfalls zu mir, nickten mir kurz freundlich zu und noch bevor ich bei Dr. Newton ankam, gingen beide wieder zurück an ihre Arbeit.

„Wie weit sind Sie bisher mit Patient 1263 gekommen?“, kam meine Kollegin auch gleich und direkt zur Sache.

Auch, wenn diese eine erstaunliche Koryphäe auf ihrem jeweiligen Fachgebiet war, war zwangloser Small Talk und auch Geduld keine ihrer herausragenden Stärken.
Immer nur wollte sie schnellstmöglich Erfolge oder Ergebnisse sehen.
Aber so war es ja immer: auch große Persönlichkeiten hatten ihre Schwächen.

Aus diesem Grund entgegnete ich nun mit einem leichten Grinsen und nur so von Sarkasmus durchtränktem Ton: „Auch Ihnen einen wunderschönen, guten Morgen, Dr. Newton!“

Selbst wenn sie eine sehr gute, fachliche, Kollegin und so etwas wie meine Vorgesetzte war, der ich regelmäßig Rechenschaft über meine Diagnosen, Behandlungen und Therapievorschläge, ablegen musste, heißt das nicht, dass ich vor ihr wie ein unterwürfiger, dressierter Hund, agiere.
Trotz allem war der Bewohner von Zimmer 1263 immer noch mein Patient.
Was hieß, dass vorwiegend ich für ihn verantwortlich bin. In allem was dazu gehört.

Ihr Blick auf meine sarkastisch- schnippische Antwort sprach Bände.
Doch es war mir relativ egal.

Den Blickkontakt noch einem Moment lang haltend, nahm ich dann meine Akte, die ich bisher unter meinem linken Arm geklemmt hatte, hervor, schlug sie auf und überflog den letzten Bericht.
Dann erläuterte ich knapp: „Immer noch reagiert der Patient gar nicht oder selten auf etwaige Ansprachen oder andere Reize, was weiterhin eine eindeutige Diagnose und die damit dringend notwendigen Behandlungs- und Therapieschritte, erschwert.
Eine positive Entwicklung ist jedoch bei der Dosierung des Beruhigungsmittels zu verzeichnen. Dabei konnten wir die tägliche Dosis um 0,20 mg, senken.
Ansonsten ist der Zustand von Patient 1263 unverändert.
Er hat sich in seine eigene Welt zurückgezogen und alle bisherigen Versuche ihn dort irgendwie zu erreichen, sind gescheitert.“

Ich schloss die Akte wieder und sah dann mit neutralem Gesichtsausdruck erneut meine geschätzte Kollegin an und erwartete ihre Reaktion.

Ihr Gesichtsausdruck war eine undurchdringliche Maske.
Einzig ihr leicht verkniffener Mund drückte ihre Missbilligung über diese äußerst geringen Fortschritte von Patient 1263, aus.

Eine kleine, angespannte Stille trat ein, wo wir nichts weiter taten, als uns ein Blickduell zu liefern.
Schließlich sagte sie nach kurzem Nachdenken, kühl: „Okay. Ich würde vorschlagen, Dr. Sage, dass Sie es einmal mit ein paar anderen, eher unkonventionellen Methoden, die nicht unbedingt im Lehrbuch stehen, versuchen! Irgendetwas muss es geben, womit wir zumindest eine kleine Reaktion aus Patient 1263 herausholen können, und sei sie noch so gering.
Wenn Ihr Patient sich nicht bald wieder der Realität, in welchem Umfang und mit welchen Methoden auch immer, bewusst wird, und sei es auch noch so wenig, sehen die Prognosen äußerst schlecht aus, um ihm zu helfen.
Ich denke, dass wissen Sie.“

Dr. Newton unterbrach sich, ehe sie in einem eher neutralen, wenn auch mit leicht aggressivem Unterton durchsetzter Stimme noch hinzufügte: „Ich erwarte Ihren Bericht über Ihre unternommenen Schritte und möglichen Ergebnisse, in spätestens zwei Wochen auf meinem Schreibtisch!
Und nun entschuldigen Sie mich!“, schloss sie, warf mir noch einen eindringlichen Blick zu, bevor sie sich abwandte und schließlich ihrer Wege ging.


Nachdenklich, und dennoch mit einer leichten Verärgerung sah ich ihrem Abgang hinterher.
Diese Frau war mir teilweise immer noch ein Rätsel. Und manchmal unglaublich anstrengend.

Innerlich leise aufseufzend, wandte ich mich um und überwand nun die letzte Distanz zu meinem eigentlichen Ziel, dem Zimmer 1263, mit meinem Patienten.

Kurz lugte ich in das oben in der Tür eingelassene, runde Fenster, ehe ich in meiner rechten Arztkitteltasche nach meinem Schlüssel suchte, diesen hervorzog und schließlich das besagte Zimmer aufschloss.

Ich trat ein, schloss die Tür wieder hinter mir und erblickte fast sofort meinen schwierigsten Fall.

Er saß in der linken Ecke des Raumes, in der typischen, weißen, hiesigen Klinikkleidung auf dem Boden, mit angezogenen Knien und darauf abgelegten Händen.

Als ich mich ihm näherte, fiel mir auf, dass er still, aber glücklich vor sich hinlächelte.
Versunken in seine eigene Welt und sich jeder Realität verschließend.

Ihn für einen kurzen Moment still beobachtend, unterdrückte ich ein resigniertes Seufzen.
Nichts hatte sich geändert.
Und trotz, dass ich zukünftig nun einen ganz anderen Ansatz verfolgen musste, um ihm vielleicht so helfen zu können, meldete sich wieder das stetige Unbehagen, was mich seit dessen Einlieferung begleitete.
Meine selbstgemachte Vorhersage bezüglich ihm, schien langsam, aber stetig zu zu nehmen und mit jedem weiteren Tag mehr einzutreffen.
Diesem Patienten, dem das Schicksal so übel mitgespielt hatte, konnte ich nicht helfen.
Egal, was ich womöglich noch probieren würde, es schien für ihn keine Heilung zu geben.

Schweigend starrte ich meinen ‚Fall‘, Patient 1263, einfach nur an und bezweifelte zum allerersten Mal in meinem Leben meinen selbstgewählten Traumberuf und deren, bisher, leidenschaftlichen Ausübung als Psychiater.
Und ganz leise flüsterte mir in genau diesem Moment eine innere Stimme zu, dass mit diesem Patienten, egal, wie es nun tatsächlich mit ihm ausging, es nie wieder wie vorher werden würde.



-Ende-
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