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Monacofreuden III – Roadtrip-Edition

von lasdalias
Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P16 / Het
05.09.2021
03.08.2022
15
50.357
9
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05.09.2021 3.850
 
Aloha und Hello Again,

schön, dass ihr in diese Achterbahn reinklickt, obwohl schon die KB nur so vor *insert adjective* trieft ;)

Ihr findet euch hier in der Fortsetzung zu zwei Teilen Monacofreuden wieder, müsst die aber ehrlich nicht gelesen haben.
Hier irren einfach ein chaotisches Hippie-Huhn, ne quirlige Hobbypsychologin und zwei Münchner Anwälte mehr oder weniger diskutierend durch die Staaten ;)

Beware: Das hier wird (wieder) eine chaotische Liebeskomödie mit Seifenoper-Potenzial, wobei der Kitsch sich in Grenzen halten wird. (Ehrenwort.)

Regelmäßige Updates gibt es leider vorerst keine, aber mir war spontan einfach danach, mal gleich das nächste Jahrhundert-Projekt zu beginnen ^^

As usual:
Alle Ähnlichkeiten zu lebenden Personen und realen Handlungen sind rein zufällig und die Geschichte liest sich vermutlich am besten mit einem Augenzwinkern.
Und was muss, das muss – die Herren Anwälte, die hier mitspielen, raten dazu ;)
© Alle Rechte vorbehalten. Wer gegen das Urheberrecht verstößt (z.B. Texte unerlaubt kopiert), macht sich gem. §§ 106 ff UrhG strafbar, wird zudem kostenpflichtig abgemahnt und muss Schadensersatz leisten (§ 97 UrhG).

Wenn euch das Ganze ein wenig unterhält und ihr mir eure Eindrücke dalassen wollt, würde ich mich tierisch freuen. Mir bedeutet auch jedes Sternchen und jeder Favorit die Welt, also lieben Dank euch für jegliches Lebenszeichen!

Cover hier, Pinnwand da.

In diesem Sinne – willkommen (zurück) an Bord und hoffentlich ganz viel Spaß ;)

xx

Dalia


☼☼☼




Ich sag Ihnen jetzt mal, wer wirklich für den Erfolg einer Kanzlei schuftet.

Wir Refas.

An der verglasten Tür steht vielleicht in schönen Lettern ‚Fiona Nowak‘, ich habe mein eigenes Büro – aber es ist echt nicht alles Gold, was glänzt.

„Fiona?“ Ein Ruf vom Kopierraum …

Der reinste Stress ist das hier. Ich bin gewissermaßen emsig wie Emily und gleichzeitig bissig wie Miranda Priestly. Seit Jahren, und schon mit Anfang dreißig, verflucht nochmal …

Die Anwälte hier hätten aber ohne mich gar nix im Griff. (Echt nicht.) Ja, sie sind vielleicht eloquent und können ihre Wirbelsäule verbiegen wie ein windschnittiges Frettchen, um auch ja jedem gleichzeitig recht schönzutun, aber hinter so ziemlich jeder Wende-Wirbelsäule steht eine Rechtsanwaltsfachangestellte mit eiserner Arbeitsmoral und verdammt guter Haltung.

In meinem Fall jedoch eher im übertragenen Sinne. Jahrelang in Pumps zur Arbeit stöckeln hinterlässt seine Spuren. Und das Gewicht der Welt auf meinen sehr schmalen Schultern tut das Übrige …

„Fiona?“ Wieder ein Ruf vom Kopierraum …

Sneakers hat mir Cem neulich mal vorgeschlagen. Klar … Ich werd grad noch zum Bleistiftrock in Turnschuhen andackeln. Und was kommt als Nächstes? Birkenstocks? Crocs zur wattierten Weste? Soweit kommt’s noch …

Nein. Donna Paulsen und Rachel Zane aus Suits haben sich auch immer auf Jimmy Choo durch New York gequält, da werd ich’s ja wohl noch auf Peter Kaiser durch München schaffen …

Kennen Sie Suits denn? Falls nein: Es handelt sich um die Serie, in der Meghan Markle noch mitgespielt hat, bevor sie den ultimativen Flex dieses Jahrhunderts aus dem Ärmel geschüttelt und sich Prince Harry geschnappt hat.

Ganz ehrlich, so toll Lady Di auch war, den Jüngsten hätte ich wirklich nicht gewollt. Nur Flausen im Kopf. Und William ist wiederum so bierernst. Kate aber auch … Die haben bestimmt nie Spaß. Eigentlich sind die Royals alle bierernst und Meghan hat den Laden so gut aufgemischt, dass man jetzt nicht mal mehr genau sagen kann, ob sie ein Mastermind der Manipulation oder eine fies gemobbte Prinzessin ist.
Wobei ja Prinzessin sein schon für recht viel entschädigt, wenn Sie mich fragen … Ich verzettle mich, obwohl ich dafür eigentlich gar keine Zeit habe, vergessen Sie’s.

„Fiooonaaa“, höre ich es nämlich schon wieder vom Drucker jammern.

Ja was denn?“, rufe ich entnervt in den Flur Richtung Kopierraum.

„Ich war nur kurz im Archiv und jetzt geht gar nix mehr!“

Himmel, Münchner sind so verdammt ungeduldig, wäre ich nur in Nürnberg geblieben … Ich sammle noch die diktierten Schriftsätze zusammen, weil ich auf den erwähnten 12 cm Absätzen sicher nicht zweimal gehen werde, da erklingt schon wieder Alex’ weinerliche Stimme.

Meine Güte! Ich eile ja schon!

„Ich krieg gleich nen Tobsuchtsanfall, Fiona. Wenn dieses Scheißteil nicht sofort tut, wofür es hier so brettelsbreit in der Gegend rumsteht –“

„Euch haben Sie doch im Studium ins Hirn geschissen“, knurre ich und drücke ihm die Schriftsätze in die Hand, bevor ich ihn vom Drucker wegscheuchen kann. Ich will schon zur Tat schreiten, da drehe ich mich doch noch mal um und stemme die Hände in die Hüften. „Sieh gut zu! Das ist Büro-Einmaleins und nur, weil du ein guter Rechtsverdreher mit bombigem Honorar bist, heißt das noch lange nicht, dass es akzeptabel ist, wenn man nicht mit einem Drucker umgehen kann! Ich bin nicht euer Depp vom Dienst, ihr müsst schon auch mal was selbstständig hinkriegen!“

Er atmet tief durch, maximal unzufrieden mit der Gesamtsituation.

„Also, Herr Raschauer“, beginne ich dennoch meine Unterweisung, „woran könnt’s denn liegen, dass das Scheißteil nicht tut, was es soll?“

Entgeistert starrt er mich an. „Wenn ich das wüsste, hätte ich dich ja nicht aufgeweckt –“

„Ich spring dir gleich ins Gesicht, Alex“, warne ich fahrig und strecke ihm meinen Zeigefinger unter die Nase, „verkneif dir solche Sprüche heute, wenn du leben willst!“

Herrlich, wie er immer im Angesicht langer, künstlicher Nägel ganz klein mit Hut wird. Die machen ihm seit Jahren Angst, seiner Ex-Freundin Vickie sei Dank …

„Was hast du denn machen wollen?“, frage ich jetzt hämisch erfreut, aber dennoch analytisch professionell weiter.

„Dieses beschissene Buch von Gerichtspost scannen, während ich im Archiv –“

„Nie unbeaufsichtigt lassen! Die Dinger riechen das und dann gibt’s Papierstau! Zu 99 Prozent ist es Papierstau.“

Ein paar Klickgeräusche, ein bisschen Magie meiner Hände und siehe da …

„Guck hin! Hier – Papierstau! So sieht das aus, Alex. Komm her und entfern das Blatt selbst, ich lehre dich hier Fischen, damit du langfristig was davon hast.“

Missmutig tut er, wie ihm geheißen.

„Fein“, lobe ich ihn dann, als der zerknitterte Übeltäter von ihm glatt gestrichen wird. Ich lächle unnötig breit. „Machst du sehr gut. Improvise. Adapt. Overcome.“

„Wieso bist du heute noch giftiger als sonst, Frau Nowak?“, echauffiert er sich unvermittelt, dann mustert er mich plötzlich mit so putzig viel Einfühlungsvermögen, dass selbst mein Herz aus Eis ein bisschen auftaut. „Legt dir wieder jeder absolut alles hin?“

Ich muss beinahe schniefen, so verstanden fühle ich mich plötzlich. Und ich will ihn eigentlich weiterhin für eine Lappalie ausschimpfen, weil es einfach eine wunderbare Affektabfuhr ist und er es verträgt. Aber im Grunde sind es Rückfragen wie diese, die mir immer wieder beweisen, dass er eigentlich ein viel zu guter Kerl für Affektabfuhr ist …

Wissen Sie, Alex spinnt halt ein wenig. Das nette Gesicht mit den dunklen Knopfaugen täuscht am Anfang immer noch ein wenig darüber hinweg, dass er ein goschelnder Neurotiker mit Waschzwang und Dr.-House-Nicht-Humor ist, aber die Fassade bröckelt eben spätestens dann, wenn er bei Handschlägen mit Unbekannten schluckt und hinterher heimlich Desinfektionsgel auspackt …

Er ist allerdings ebenso wahnsinnig wie genial. Cleveres Kerlchen, immer auf Zug und erbittert ehrgeizig wie kein Zweiter. (Brettspiele mit Alex sind schlimmer als Psycho-Thriller.) Er kramt zur Not aber vor Gericht verstaubten Charme der ganz alten Schule raus und kommt damit allermeistens auch durch, weil er ihn mit verdrehter und über acht Ecken ausgelegter Paragraphenreiterei spickt.

Sie haben jahrelang Steuern hinterzogen und Marktabsprache betrieben und die Klagen fliegen nur so ins Haus? Kommen Sie zu Raschauer & Kollegen! Junior Alex macht aus Ihnen die Duchesse of Sussex der Situation.
Sie möchten Ihrer Belegschaft ehrlich und offen mit einer erpresserischen Kündigungswelle und hinterher Neueinstellungen zu mieseren Konditionen drohen, weil sie gefälligst nicht in die Gewerkschaft zu gehen hat? Kein Ding. Alex lässt sie vor Gericht dastehen wie die lediglich missverstandene Mutter Teresa der Unternehmerlandschaft, weil sie der Trulla aus Ihrer Buchhaltung vor vier Jahren mal einen IHK-Ausbilderschein bezahlt haben.
Sie sind der nervigste Mensch der Welt und haben jemanden am Telefon auf Schwäbisch beleidigt und werden jetzt tatsächlich deswegen vor Gericht gezerrt? Alexander Raschauer sorgt ziemlich sicher auch noch geplagt von Husten und Schnupfen dafür, dass die Kosten des Verfahrens und die notwendigen Auslagen der Staatskasse zur Last fallen.
Fast wie Harvey Specter. Nur insgeheim eben doch viel mehr wie Monk.
(Und – unter uns – auch nicht so breitschultrig wie Harvey. Alex’ Sporteinheiten wurden in den letzten Jahren tendenziell eher auf Denksport reduziert …)

Und normalerweise kann er auch Drucker bedienen. Er ist eigentlich kein vollkommener Theorie-Idiot – aber ich bin heute eben einfach sauer …

„Seelsorge Raschauer hat selbst ein wenig Stress“, informiert er mich schließlich. „Wenn du also lästern willst, bitte alsbald.“

Ich schließe verschwörerisch die Tür des Kopierraums.

Das habe ich übrigens auch mal vor Jahren bei einer Weihnachtsfeier getan, als wir beiden noch gewissenhaft gearbeitet haben, während die anderen schon rotzevoll in den Gängen rumgestrahlt sind.
Ich war noch nicht lange in der Kanzlei und Alex sah einfach unverschämt überrascht aus, als er meine rote Spitzenwäsche unter der Bluse bemerkt hat. Irgendwie gab eins das andere und plötzlich haben wir richtig profund kopiert … War auch Affektabfuhr. Wir haben das zwar nie wiederholt, aber ich finde, seitdem arbeiten wir echt eingespielt miteinander. War eben das ultimative Team-Event.

„Erzähl …“, sagt er und sieht mich auffordernd an. „Wen willst du töten? Mich und wen noch?“

„Jo schickt mir permanent seine Schreiben auf dem falschen Geschäftspapier, ich weiß nicht, wie oft ich es noch sagen soll! Und Simon will den ganzen Tag nur quatschen –“

„Ich hasse Simon“, stöhnt er. „Der schaut schon immer so dämlich.“

„Oder?“, hauche ich entnervt und fahre fort. „Cem legt permanent mehrere Termine auf denselben Time-Slot und wundert sich dann, wenn drei Mandanten gleichzeitig auftauchen, zumal er zurzeit auch noch zu müde für Sex ist –“

„Ehrlich, Fiona, ich kann das total verstehen –“

„Ist Mara auch ständig zu müde?“, frage ich überrascht.

„Nein“, erwidert er gequält, „ich bin‘s! Stress macht das mit einem …“

Ich nicke vermeintlich beeindruckt, selbst wenn meine Missachtungs-Augenbraue sich bereits gen Decke verabschiedet. „Vielleicht ja auch eine Erfindung des Patriarchats.“

„Das Pendant zu eurer Migräne, ganz sicher“, schießt er zurück und grinst. „Weiter im Text?“

„Wanda fragt mich alle drei Minuten was zu ihrem ersten Outlook-Update in zwei Jahren, Heiko meint, Reisekostenabrechnung sei nach wie vor mein Job und gleichzeitig will er, dass ich seinen neuen Porsche beklatsche, den ich ihm ja wohl mindestens zur Hälfte mitverdient habe und Marlon reißt nur noch Witze über Chihuahuas, wenn er nicht gerade wie wahnsinnig neue Stempel sucht. Und Joachim –“

„Ja, erzähl mir mehr“, wirft er interessiert ein.

„Ja, dein lieber Vater meint, der Obstkorb neulich und die Tatsache, dass Wanda sich jetzt um Visitenkarten kümmert, rechtfertigen, mir noch das Info-Postfach aufs Auge zu drücken, das ich ja nur drei, vier Mal täglich einsehen muss …“

„Den Obstkorb mit Fruchtzucker hast du doch gar nicht selbst gegessen“, mutmaßt Alex und ist gerade wirklich meine liebste Lästerschwester auf der Welt. „Und Visitenkarten sind zweimal alle Schaltjahre ein Thema – soll dir das Kapazitäten freimachen oder was?“

„Scheinbar!“ Ich zucke überfordert mit den Schultern.
Und ich bin nie überfordert. Ich beschwere mich nie! Ich beiße die Zähne zusammen wie Alex und ziehe es einfach durch, bis ich vor Hunger, Durst, Pipi-Müssen und Stress hyperventiliere. Aber heute ist einfach einer dieser Tage …

Ich stöhne auf und brumme noch hinterher: „Und mein Laptop läuft ständig heiß. Der klingt, als wollte er ins Weltall abheben, meine Unterarme sind schon förmlich dran angeschmort …“

„Hat Joachim jetzt ernsthaft immer noch keinen Ersatz ausgelöst?“, fragt Alex perplex. „Ich dachte, das hatten wir vor zwei Wochen schon mal?“

Ich schüttle den Kopf. „Keine Chance. Er meinte jetzt doch, der sei noch gut … Ach, Alex … Als er noch Zwangspause hatte, war hier alles leichter. Du warst ein besserer Chef. So leid’s mir auch tut, Joachim wird alt.“

Er seufzt und nickt. „Ich will ihn auch täglich vier Mal abwatschen.“

„Es passt ihm auch gar nicht, dass inzwischen alle dich fragen, wenn was entschieden werden soll.“

„Sein linkes Auge zuckt da immer – du musst mal drauf achten“, lacht er in sich hinein und ich muss ebenso glucksen.

„Zurück zum Scan“, sage ich dann. „Irgendwo ist bestimmt noch eine Klammer drin.“

„Kann nicht sein, ich hab geschaut und –“

„Hier ist sie“, sage ich nach kurzem, aber routinierten Blättern. „Wegmachen.“

Ich reiche ihm die zwei Seiten, weil ich mir sicher nicht meine Nägel dafür ruinieren werde. Er bohrt kurz daran rum, dann gibt er sie mir zurück – mit einer stillen Bitte in seinen Augen, die ich ihm einfach nicht abschlagen kann.

„Ist ja gut, ich mach‘s“, seufze ich und sehe ihn schief an. „Gut, dass du neulich mein Gehalt erhöht hast, Alex, ehrlich … Ich war kurz davor zu –“

„Ich weiß“, sagt er schnell. „Dass du den Job für die Schwerpunkte allein machst ist auch nicht mehr tragbar. Sobald Joachim die Schnauze voll hat, ziehe ich dich auf Simons Stufe hoch und lass dich eine weitere Person suchen. Wanda ist wie unsere Mama, aber sie arbeitet zu langsam, als dass sie dir eine Hilfe wäre und das ist mir bewusst.“

Ich verziehe gespielt gerührt das Gesicht, dann kneife ich ihm in die Wange und schniefe. „Junganwalt-Gehalt?“

„Revolución“, erwidert er mit imitierten Cuba-Akzent. „Du bringst mehr als Simon und der kriegt von mir beim nächsten blöden Witz ne Kündigung aus innerbetrieblichen Gründen. Und weil er ständig Vergleiche vergeigt. Aber ich bekomm beides mit Joachim noch nicht durch –“

„Er hat Simon damals ausgesucht, ich weiß“, seufze ich.

Er nickt genervt. „Du musst noch ein bisschen Geduld haben, ja?“

„Alles gut. Aber dass du’s weißt – von jedem anderen würde ich mir was schriftlich geben lassen.“

„Ich weiß noch ganz gut, was passiert, wenn dir was nicht passt, Fiona. Keine Sorge, ich bin konditioniert.“

Sehen Sie? Unser Team-Event und dessen Konsequenzen hinterher – ich bin etwas ungemütlich geworden und habe ihn hier und da diffamiert, aber lassen wir das Thema – war einfach sinnvoll.

Ich grinse und schiebe ihn schon deutlich weniger frustriert aus dem Kopierraum.

Lästern reinigt einfach die Seele, wenn sie eh schon nicht mehr zu retten ist.

„Ach Alex, vergiss nicht, dass Frau Seidler in einer Viertelstunde zu dir kommt.“

„Frau Seidler?“ Gequält starrt er mich an und bewegt sich auf einmal gar nicht mehr. Wie erstarrt. „Heute noch?“

„Ja, das war doch so kurzfristig, sie ließ sich nicht abwimmeln …“

„Verdammt“, brummt er.

Frau Seidler ist ihm immer furchtbar unangenehm. Aber die gute Dame jenseits der sechzig mustert ihn auch immer so unverblümt, dass man direkt ahnt, wie sie sich warme Gedanken macht …

„Na gut, okay. Ich nehme mein Schicksal an.“ Er findet sich nach kurzem Durchatmen damit ab und zieht dann wie immer zügigen Schrittes von dannen.

Und ich mache mich direkt ans Scannen und trommle beim Einzug der ersten Seiten mit meinen Nägeln auf die Schriftsätze.

Die Schriftsätze, die er natürlich nicht mitgenommen hat.
Ach, verdammt!

„Hey! Alex! Warte, die Schriftsätze!“

Ich eile ihm hinterher, doch er hat sich längst in die Küche verkrümelt.
Das weiß ich, weil ich ihn daraus schon wieder goscheln höre …

„Welcher elendige Schwachmat hat jetzt schon wieder den Kaffee leer gemacht?“

Der Archetyp eines grantigen Krauterers. Und ich weiß genau, er hasst sich selbst dafür, aber die anderen hasst er gerade trotzdem noch mehr.

„Echt, welcher Volldepp“, ruft er weiterhin getriggert ins Universum, „nimmt sich aufs Hofrechte die letzte Tasse und setzt dann keine neue Kanne auf? Wer das war, den soll der Blitz dreifach beim –“

„Ach, Raschauer, iss ein Snickers“, stöhne ich und stöckle hinterher in die offene Küche. „Und sei ein großer Junge. Drück aufs Knöpfchen an der riesigen Maschine direkt daneben und mach dir nen Cappuccino. Du solltest sowieso weniger Filterkaffee reinballern …“

„Ich drücke nicht auf Knöpfchen, Fiona, ich ekle mich vor ihnen“, echauffiert er sich. „Und ich will auch keinen Cappuccino, ich will schwarzen, starken Filterkaffee und brauche –“

„Urlaub?“, schlägt jetzt Marlon vor, der gerade glucksend vorbeiläuft und sich auch noch zu uns in die Küche gesellt.

Ich grinse direkt und drücke Alex in dem Zuge endlich auch wieder die Schriftsätze in die Hand.

„Für dich. Und ich bitte dich …“ Mit nur so halb gespieltem Ernst sehe ich ihn an. „Nimm den Urlaub. Wir alle gönnen dir, und uns, von Herzen drei Wochen Abwesenheit.“

Beleidigt sieht er mich an. „Grade eben sagst du doch noch, dass ich das alles hier ganz gut mache und –“

„Die offizielle Version wird immer sein, dass du mir tierisch auf den Keks gehst“, unterbreche ich ihn, während ich mir – wo wir schon bei Keksen sind – an den kalorienfreien Crackern im Küchenschrank zu schaffen mache.

„Ach, iss doch mal was Ordentliches“, brummt Alex prompt besorgt, „die Dinger erinnern mich immer an Rigipsplatten …“

„Ich weiß, das sagst du ständig“, erwidere ich ungerührt und beiße demonstrativ ab, „aber ich mag sie. Toll zum Abnehmen. Hab sie neulich erst Mara empfohlen …“

„Ja, danke auch – sie halbiert sich momentan wie bei ihrer missglückten Auswanderung“, seufzt Alex wehmütig.

Er wird’s aber überleben, so verschossen, wie er in sie ist – mit und mit ohne üppige Kurven.

„Vielleicht wandert ihr ja jetzt einfach im Zuge eures Urlaubs gänzlich in die Staaten aus und nehmt gemeinsam zu“, gluckst Jo, als er sich auch noch dazugesellt. „Du bist seit Wochen wie eine gestresste Mariah Carey, Alex, du brauchst echt ne Auszeit.“

„So ist es, du Diva“, flüstere ich und zwinkere ihm zu.

Marlon deutet inzwischen müde lächelnd auf die Kaffeekanne. „Und nur zur Info – Joachim war’s. Ich hab’s genau gesehen. Aber, Hasi, er ist dein Vater, da musst wenn dann mal du ein Wörtchen mit ihm reden.“

„Wörtchen reichen bei ihm nicht“, erwidert Alex gereizt. „Was macht er denn überhaupt schon wieder hier? Ich dreh ihm jetzt einfach den Hals um, Spatzi!“

Das muss ich kurz erklären, denke ich.
Marlon und Alex lieben sich nur platonisch. Wirklich. Sie sind die besten Freunde, die man sich nur vorstellen kann, aber seit sie mal (mehr oder weniger versehentlich) auf der Rosa Wiesn gelandet sind, nennen sie sich gelegentlich Hasi und Spatzi. Aber dass Marlon ihn jetzt nicht mehr vorbeirauschen lässt, damit er seinen Plan mit dem umzudrehenden Hals in die Tat umsetzen kann, lässt sich Alex trotzdem nicht bieten.

„Lass gut sein, sonst kriegt er nur nochmal einen Herzinfarkt und wir kommen nie in die Staaten …“

„Halt, halt, halt, wir?“, frage ich entsetzt. Meine Kinnlade klappt förmlich runter. „Marlon Witte kommt mit? Alex, weiß Mara davon?“

Er legt stöhnend den Kopf in den Nacken und atmet einfach tief durch.

Natürlich weiß Mara noch nichts davon.
Wie soll er ihr denn auch verklickern, dass Marlon exakt den Urlaub sprengt, den sie sich als romantischen Ritt in den Sonnenuntergang vorstellt?
Es wird ganz sicher haarig, ihr das beizubringen, und er weiß es genau.

Er will gerade einen Schluck Kaffee zur Beruhigung nehmen, da erinnert ihn wohl die gähnende Leere in seiner Tasse wieder daran, dass er endgültig implodieren oder explodieren muss. Der fehlende Kaffee ist offenbar paradoxerweise der berühmte Tropfen …

Glauben Sie mir, wenn ich sage, dass der Kaffee nicht wirklich das Problem ist. Das Problem ist … alles hier. Geht mir ja auch so! Die letzten Wochen in dieser verdammten Familienkanzlei waren wirklich die reinste Hölle.

„Soll ich dir auf den Knopf vom Cappuccino drücken?“, bietet plötzlich Wanda an, wo auch immer die gerade herkam.

„Das … wär echt lieb“, sagt Alex kleinlaut. (Besser Cappuccino als gar kein Kaffee.)

„So so!“, hören wir jetzt aber auch wie aus dem Nichts noch eben jene Person, die diese Misere zu verantworten hat. Und Alex’ Vater Joachim erdreistet sich nicht glatt nach unzähligen Wochen intensivster Überarbeitung zusätzlich zu höhnen: „Machen wir gerade ein kleines Gruppen-Päuschen zusammen, mh?“

„Um Gottes willen“, hauche ich und atme tief durch, weil ich genau weiß, dass das endgültig zu einer Katastrophe führt.

„Du wagst es“, flüstert Alex theatralisch. „Joachim, ich …“ Er atmet tief durch, und vielleicht erklärt er Ihnen ja eines Tages noch selbst, weshalb er seinen Vater beim Vornamen nennt – oder Sie lesen es hier nach, aber im Moment … Er muss offensichtlich vorrangig dem Drang widerstehen, ihm nicht ins Gesicht zu springen.

Wanda stellt sich indes daneben und will Alex den Cappuccino reichen, da freut sich Joachim direkt und stibitzt ihn förmlich aus ihrer Hand, weil er die Situation völlig missversteht.

„Danke, Wanda, das war ja quasi Telepathie!“

Sie lacht nervös und ich schüttle einfach nur ungläubig den Kopf, als er einen Schluck nimmt.

Au weh. Alex scheint so sauer, dass er nicht mal mehr seinen Unmut verbalisiert bekommt. Und das will was heißen. Er verbalisiert tagtäglich hochtrabenden Unmut im Rahmen der abstrusesten strafrechtlichen Zusammenhänge …

„Herr Pohl hat übrigens angerufen“, steckt Joachim ihm dann unbedarft, nachdem er die Tasse halb leer gelitert hat. „Er will sofort mit dir besprechen, wie er das Anlagevermögen von der GmbH in die AG –“

„Das weiß ich“, schneidet er ihm grantig das Wort ab. „Aber ich hab zig andere Dinge zu tun, die noch dringender sofort sind. Einen Termin in fünf Minuten beispielsweise. Und was machst du überhaupt schon wieder hier? Heute ist dein Pause-Tag!“

Joachim hebt die Brauen und zuckt mit den Schultern. „Geht doch dich nix an …“

Es ist allmählich etwas … verfahren … zwischen den beiden. War es eigentlich schon immer, aber die letzten Wochen setzen irgendwie allem die Krone auf.

„Oh doch, und wie – das geht uns alle was an“, widerspricht Alex und verschränkt die Arme. „Wir alle hier …“ Er nickt in die Runde. „Wir verbringen aktuell etwa 70 % unseres Lebens in diesem Glaskasten mit Vitra-Einrichtung, was wirklich haarig ist – aber wenn du wieder ausfällst, weil du dir zu viel zumutest, und wir wieder kurzfristig auch noch deine Arbeit aufteilen müssen, vergesse ich mich.“ Er schüttelt mit dem Kopf wie eine gestresste Mutter, die ihre Kinder nach ewig langem Stehen im Stau vom Fußballtraining abholen muss. „Das ist nervlich echt nicht noch mal drin, Joachim. Also achte gefälligst auf dich, ja?“

„Immer nennt der mich beim Vornamen, Wanda, hörst du das?“

„Äh …“ Wanda nickt beklommen, ihre Brillenkette wippt direkt mit. Sie ist die mütterliche, gute Seele dieser Flure, aber ihre charmante Unsicherheit hat sie auch nach Jahrzehnten am Empfang nicht abgelegt. „Also … Ich hör’s, ja. Aber das macht er doch schon seit Jahren, oder nicht?“

„Das ist es ja gerade“, bestätigt Joachim und stützt inzwischen sogar die Ellbogen auf dem Stehtisch in der Küche auf. „Ich bin sein Vater und seit er 17 ist, nennt mich mein Junior stoisch beim Vornamen.“

„Junior“, wiederholt Alex entnervt, noch immer – oder wieder? – kopfschüttelnd.

„Passt’s dir nicht, wenn ich das sage, Alexander?“

Wenn es physisch möglich wäre, würden seine Augen jetzt sicher vor lauter Verdrehen sein Hirn inspizieren.

„Also, erzähl“, fängt Alex alledem zum Trotz wieder an, „wieso bist du da? Wir hatten uns doch darauf geeinigt, dass du es ruhiger angehst und jetzt stehst du trotzdem an einem Freitag hier und reißt in aller Herrgottsfrühe schlechte Witze … Finde den Fehler!“

„Ja lass mich doch nach dem Rechten sehen“, singt Joachim gespielt empört. „Mir war jetzt eben danach, ich –“

„Chef?“

Gleichzeitig sehen Joachim und Alex die auf ihr Tablet eintippende Wanda an und sagen wie aus einem Munde: „Ja?“

Beklommen hält sie inne und sieht auf. Als Erstes kurz zu Alex, dann zu seinem Vater und wieder zum Sohn.

Es wird nicht besser. Joachims linkes Auge zuckt – jetzt sehe ich es auch …
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