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Wie Phönix aus der Asche

von Catweazle
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / Het
04.09.2021
19.09.2021
7
17.521
5
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Dieses Kapitel
5 Reviews
 
15.09.2021 3.074
 
Hi,

da ich diese Woche etwas Luft habe gibt es heute ein Kapitel.

Dankeschön euch Reviewern! Danke auch den Lesern die sich (noch?) nicht melden mögen.

Liebe Grüße
Cat
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Kapitel 5:      Mikko ist ein Mann der Taten


Sie sollten also schon zum Mittagessen kommen, hatte Jaro gesagt. So jedenfalls hatte Riku es an Mikko weitergegeben. Ein nettes Essen mit Jaros Familie. So wirkliche Lust darauf verspürte er nicht, aber noch weniger Lust hatte Mikko darauf, dass ihm Riku sonst wieder die Ohren vollgebröselte.
Mikko hatte sich auf ein Stück Mauerwerk gesetzt und rauchte gemächlich eine Zigarette während er auf Riku, der ihn abholen wollte, wartete. Die Juli Sonne schien strahlend vom Vormittagshimmel und wärmte seinen Körper auf angenehme Weise.
Langsam glitt sein Blick über sein Eigentum. Noch. Er seufzte leise und warf den Zigarettenstummel zu Boden. Wer weiß wie es aussehen würde, wenn Jessi mit ihm fertig war. Sie hatte zwar nie so wahres Interesse an diesem Haus gezeigt, aber Geld gegenüber war sie nicht abgeneigt. Dabei verdiente sie selber ja auch nicht schlecht. Sie war noch immer ein gefragtes Model, hübsch, fantastisch gebaut ... manchmal etwas zickig. Na ja, ein echtes Model eben. Und eigentlich waren doch alle Frauen irgendwie zickig.

Als er Rikus sich näherndes Auto erblickte rutschte er langsam von der Mauer und machte ein paar große Schritte. Na bitte, es ging von Tag zu Tag vorwärts, dachte er ironisch.
Gut gelaunt sprang Riku aus dem Auto, trat auf ein Steinchen und kam ins Straucheln. Es gelang ihm gerade noch sich an seinem Auto abzufangen. „Hey Mikko!“, ignorierte er seinen Beinahe-Sturz. Er zog sich die Sonnenbrille auf die Nasenspitze, schaute Mikko über den Rand der Gläser hinweg an und grinste freundlich.

„Hey“, kam es, begleitet von einem Gähnen, ziemlich gelangweilt zurück.
Mit federnden Schritten kam Riku näher und klopfte ihm auf die Schulter. Wäre doch gelacht, wenn er Mikko an so einem schönen Tag nicht gute Laune entlocken konnte! Zur Not musste er sie ihm eben auf sanfte Art heraus prügeln.

„Na, mein Freund wie geht es dir?“  Warum nur war Riku so eine unerträglich gut gelaunte Nervensäge?

„Blendend. Du siehst, ich strahle.“ Mikko zog kurz die Mundwinkel hoch und ließ für Sekunden seine Zähne sehen, bevor er wieder in seinen gewohnten, nichtssagenden Gesichtsausdruck verfiel.

„Wunderbar“, lobte Riku. „Steig ein.“ Mikko machte es sich auf dem Beifahrersitz gemütlich und legte schweigend den Gurt an. Riku stieg ein, schnallte sich ebenfalls an und startete den Wagen. Nach zehn Minuten des Schweigens fragte er: „Mikko, lebst du noch?“

„Hm?“ Der Angesprochene zuckte zusammen. „Ja.“ Riku hielt an einer roten Ampel, warf Mikko einen prüfenden Blick zu.

„Soll ich dir etwas über Jaros Familie erzählen bevor du dich mit einer dummen Bemerkung in die Nesseln setzt?“

„Ich habe nicht vor überhaupt eine Bemerkung zu machen.“
Na, das mal wieder so eine typische schlechte-Laune-Mikko-Antwort.

„Okay.“ Riku fuhr eine Weile, setzte dann zu einem Überholmanöver an während er weiter redete. „Nichtsdestotrotz weihe ich dich ein, falls du es dir doch noch anders überlegen solltest. Also, Jaro ist bereits seit Jahren Witwer. Seine Frau Nicola starb vor acht Jahren. Krebs. War ziemlich hart für Jaro. Er hat drei erwachsene Kinder. Zwei Töchter und einen Sohn. Die Zwillinge Vincent und Victoria leben ebenfalls in Lathi. Vince ist angehender Lehrer und Vi...“

„Riku!“, stöhnte Mikko gequält auf, „es interessiert mich gar nicht! Lass es einfach!“ Und um seiner Aufforderung Nachdruck zu verleihen, hielt er sich auf kindische Weise für einen Augenblick die Ohren zu.

„In Ordnung“, willigte Riku friedvoll ein, „dann nicht, aber du wirst die Drei mögen.“

„Das entscheide ich“, kam es nur tonlos zurück.

„Herrgott, bist du heute ein Stinkstiefel!“
Mikko grinste leicht.
                               
                                                                    *

„So, da wären wir“, kam es in einem munteren Ton von Riku. „Ah, da ist auch schon Jaro. Und der junge Mann neben ihm ist sein Sohn Vince“, fügte er erklärend hinzu. Direkt vor dem Haus brachte Riku das Auto zum Stehen und stellte den Motor ab.
Mikko rappelte sich auf nachdem er im Sitz so nach und nach tiefer gerutscht war, um wenigstens halbwegs bequem schlafen zu können. Gähnend und die Arme über den Kopf streckend warf er einen Blick auf Vater und Sohnemann.

„Ich dachte er hat nur einen Sohn.“

„Ja.“

„Und weshalb sagst du dann: Sein Sohn Vince? Welcher sollte es denn sonst sein?“

„Mensch, Mikko!“ Riku schüttelte den Kopf. „Seit wann bist du so ein Korinthenkacker?“ Mikko zuckte mit den Schultern.
Die Männer begrüßten sich und Jaro machte Mikko mit Vincent bekannt. Vincent – auch Vince genannt – hatte ein fröhliches, aufgeschlossenes, von unzähligen Sommersprossen übersätes Gesicht und rötliche Haare. Nichts, wovor man Angst haben musste. Er neigte schon jetzt dazu später mal eine Kugelwampe zu bekommen wenn er nicht gehörig aufpasste.

„Lasst uns ins Haus gehen“, schlug Jaro vor, „Vicky ist noch in der Küche. Sie hat es sich nicht nehmen lassen für uns zu kochen.“
Jaro führte seine Gäste ins Haus nachdem er die Glückwünsche von Riku und Mikko zu seinem Ehrentag entgegen genommen hatte. „Setzt euch doch zuerst ins Wohnzimmer“, bat er, „wir werden vor dem Essen noch so einen kleinen Appetitanreger zu uns nehmen.“

„Obwohl das ganz bestimmt nicht nötig wäre“, kommentierte Vince. „Meine Schwester ist nämlich eine ausgezeichnete Köchin.“ Sie betraten ein sonnendurchflutetes Wohnzimmer das zwar schlich, aber doch sehr geschmackvoll eingerichtet war. Mikko fühlte sich sofort wohl, ohne sagen zu können woran es lag. Die Couch zum Beispiel, die sah verdammt gemütlich aus. Er erschrak beinahe, als er sich setzte und das Gefühl hatte in einem Waschbausch zu versinken. Jaro bemerkte es und lachte.

„Ja, Mikko, sie ist schon alt, aber es gibt gewisse Dinge von denen man sich der Erinnerung wegen nur schwer trennen kann, Sie kennen das bestimmt.“ Mikko wollte gar nicht wissen was das wohl für Erinnerungen waren die Jaro mit dieser total durchgesessenen Couch – und was auch immer sich darauf abgespielt haben mochte –  verband.
„Vicky-Schatz, kommst du mal? Unsere Gäste sind da!“, rief Jaro.

„Ja!“, ertönte es zurück. Mikko hörte Schritte und erwartete mit Hinblick auf Vincents Aussehen einen weiteren Biene-Maja-Verschnitt zu Gesicht zu bekommen, doch die Frau die nun den Raum betrat sah Vince in keiner Weise ähnlich. Sie war gertenschlank, hatte schulterlanges, brünettes Haar das sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden trug. Sie hatte nicht mal die Spur einer Sommersprosse in ihrem Gesicht aus dem zwei braune Augen freundlich hervorblickten.
Satan, wie kam Jaro zu so einer bildhübschen Tochter?
Schlagartig schoss Mikkos Stimmungsbarometer um etliche Grade in die Höhe.

„Vicky! Ich freue mich dich zu sehen!“ Herzlich nahm Riku die junge Frau in den Arm. „Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Drei Jahre? Vier?“ Indes versuchte Mikko aufzustehen, was sich aber als gar nicht so einfach erwies, da Jaros Couch so weich war, das er immer tief darin versank.

„Hallo Herr Saukkonen“, begrüßte ihn die Brünette und hielt ihm die Hand entgegen. „Bleiben Sie ruhig sitzen.“ Ihre zierliche Hand verschwand in seiner und schüttelte sie herzlich. Die warmen braunen Augen strahlten ihn freudig an.

„Mikko“, schlug er vor. „Mein Name ist Mikko.“

„Victoria. Oder Vicky. Oder Vic. Je nach Lust und Laune.“ Sie lächelte Mikko äußerst geheimnisvoll an. Mikko bekam beinahe heiße Ohren. Na, Lust konnte man bei so einer Frau eindeutig bekommen! Vicky sah toll aus und hatte eine großartige Figur. Aber nein, alles Blödsinn, schöne Frauen brachten nichts als Ärger und davon hatte er dank Jessi genug.
Jaro bat alle zu Tisch und Mikko landete ausgerechnet neben der hübschen Victoria. Sie roch ziemlich gut. Zu gut. So gut, dass Mikko nun am liebsten seine Nase in ihrem Haar vergraben hätte. Oh ja, das konnte er sich lebhaft vorstellen. Und dann würde er sich langsam an ihrem Hals herab schnuppern und seine Lippen würden zärtlich ihre Haut streifen ...

„Mikko, noch ein wenig Salat?“ Er zuckte zusammen, griff nach der Schüssel die Vince ihm über den Tisch reichte.
Krampfhaft hielt er seinen Blick auf den Teller gerichtet und als Vickys Arm zufällig den seinen berührte stellten sich die feinen Härchen an seinen Armen wie Stachelschweinborsten auf. Sein Körper reagierte auf sie, zweifellos. Mikko riss sich zusammen. Nein, er wollte nicht in eine neue Beziehung hineinschlittern, ganz sicher nicht. Außerdem war Vicky viel zu nett, um sich nur mit ihr zu vergnügen. Und zu jung erschien sie ihm obendrein.

„Mikko“, wandte sie sich an ihn, „wären Sie interessiert daran nach dem Essen meine Praxisräume zu besichtigen? Du natürlich auch Riku, du hast sie ja auch noch nicht gesehen.“ Vickys bezauberndes Lächeln löste in Mikko eine Spur von Vertrautem aus. Hatte Jessi nicht auch so gelächelt?

„Praxisräume?“, antwortete Mikko, anstatt eines  Ja oder  Nein. „Was für eine Praxis?“

„Na, meine.“ Lächelnd häufte Vicky sich noch eine Portion Salat auf ihr Glasschälchen. „Ich habe mir hier mit dem Erbteil meiner Mutter eine kleine Massagepraxis eingerichtet. Seriöse Massagen“, fügte sie hinzu. „Noch zwei Wochen, dann werde ich sie eröffnen.“

„Ja, warum sollte ich sie mir nicht ansehen wollen?“, gab Mikko zurück. „Gibt es denn auch eine Gratismassage?“

Vicky sah ihn mit ihren Bambiaugen an. „Wenn Sie sich diese Massage finanziell nicht leisten können werde ich bei Ihnen natürlich eine Ausnahme machen Mikko“, versprach sie. Riku lachte leise und Mikko warf ihm einen bösen Blick zu bevor er sich zu Vicky umdrehte.

„Wie gesagt, ich heiße Mikko. Wollen wir nicht du sagen?“

„Gerne Mikko.“ Sie reichte ihm ihre Hand. „Dann noch mal: Victoria. Oder Vicky. Oder auch nur Vic.“

Nach dem Essen gingen sie zu dem Gebäude hinüber, das seitlich des Haupthauses stand.
„Das war früher mal ein Pferdestall“, erzählte Vicky, woraufhin sich Mikko sofort unbewusst am Arm zu kratzen begann. „Ist aber schon Ewigkeiten her. Nun ist alles renoviert und funkelnagelneu.“ Sie schloss auf und ließ die Männer eintreten, dann begann ihr Rundgang.
Nicht sonderlich interessiert sah Mikko sich um. Ja, das sah wirklich professionell aus und gegen so eine Massage von ihr hätte er bestimmt nichts einzuwenden, sein Körper hatte schon seit geraumer Zeit keine Frauenhand mehr gespürt. Das alles ließe sich zwar im Handumdrehen ändern, aber das wonach Mikko sich sehnte war nicht nur eine Hand die ihn verwöhnte, er brauchte eine Hand die ihn hielt, die ihm aufhalf wenn er fiel, eine Hand, die ihm auch mal den Weg wies, die ihn stoppte wenn er sich verrannte.
Kurzum: Einen Menschen wie Jessi es gewesen war. Jedenfalls für eine gewisse Zeit in seinem Leben.
Es war eine Illusion gewesen zu glauben, dass so etwas ein Leben lang hielt. Es war eine Illusion überhaupt an die Liebe zu glauben, zumindest an die, die bis zum Ende seiner Tage hielt. Er hatte daran geglaubt, war überzeugt gewesen, dass Nichts und Niemand Jessi und ihn trennen konnte.
Nun ja, manchmal lernte eben auch ein Mikko Saukkonen noch dazu.

                                                                   *

„Tja, das war es.“ Unverkennbarer Stolz lag in Vickys Stimme nachdem sie ihre kleine Führung durch die Praxisräume beendet hatte. Riku griff nach ihren Händen.

„Das ist wunderbar geworden Vicky!“, brachte er überschwänglich hervor. „Ich wünsche dir ganz viel Glück mit deiner Praxis. Ich bin mir sicher, dass dir die Patienten die Tür einrennen werden.“ Vicky wurde, angesichts der netten Worte Rikus, ganz rot. „Und wie gefallen dir die Praxisräume Mikko?“, erkundigte sich Riku.

„Ja“, sagte Mikko und fügte, weil ihm seine eigene Antwort dann selbst ein wenig seltsam erschien, noch ein „gut“, hinzu.

„Mikko ist begeistert“, dolmetschte Riku. „Er ist einfach sprachlos.“ Vicky sah Mikko an.

„Müssten Sie in Ihrem Job als Manager eigentlich nicht kommunikationsfreudiger sein?“

„Schon möglich. Aber ich bin privat hier. Außerdem, waren wir nicht schon beim du?“

„Oh ja, richtig, also dann, du.“

„Mikko ist ein Mann der Taten, richtig Mikko?“, grinste Riku und klopfte ihm freudestrahlend auf die Schulter. „Bei so einer bezaubernden Frau wie dir fehlen ihm vermutlich auch einfach die Worte, was ich nur allzu gut verstehen kann.“  Hatte Riku einen Knall? Was fiel ihm eigentlich ein sich hier wie ein Schwachkopf aufzuspielen? Idiot, dachte Mikko. Wenn Riku in der Gegenwart einer hübschen jungen Frau schon nicht in der Lage war vernünftig zu reden, so täte er gut daran sich an seine Ehefrau zu erinnern und sich mit seinen Worten auf das Nötigste zu beschränken anstatt zu Flirten.

„Dann gehen wir jetzt am besten zu meinem Vater zurück“, schlug Vicky lächelnd vor. „Ich denke, die ersten Partygäste werden bald eintreffen und ich hoffe, dass auch meine Schwester noch pünktlich sein wird, sie ist, was das betrifft, nicht so ganz zuverlässig.“

Sie gingen in den Garten, wo alles für das Fest aufgebaut war. Mikko beobachtete wie sich der Garten langsam mit Menschen füllte. Er hatte sich ein wenig zurückgezogen, weil ihm so gar nicht nach Gesellschaft war. Alleine stand er an der Mauer die Jaros Grundstück vom Nachbargrundstück trennte.
Stimmen, Gelächter, Musik. Er wagte sich vor, holte sich etwas zu trinken. Und noch mal Nachschub. Dort stand Vicky. Sie war hübsch, wirklich hübsch. Jetzt drehte sie sich um, entdeckte ihn, winkte ihm zu. Kaum merklich hob er die Hand. Er setzte das Glas an, spürt den Alkohol brennend seine Kehle hinab rinnen während alles in ihm nach Jessi schrie.

                                                                       *
„Mikko, um Gottes Willen, bist du gestürzt? Was ist passiert?“ Schon kniete Riku neben ihm am Boden und sogleich vernahm er den starken Alkoholgeruch der von Mikko ausging.
„Mein Gott, Mikko, du bist besoffen!“

„Is 'ne Party ... oder nich...hicht?“ Ein mehrfacher Schluckauf folgte, Mikko riss die Augen auf. „Geht schon wieder Ri-ku.“

„Du hast Glück, dass ich dich so gut kenne“, schimpfte Riku und bohrte ihm seinen Zeigefinger auf die Brust. „Kein Mensch hätte dich hier in dieser verlassen Ecke des Gartens vermutet. Die meisten dachten schon, du hättest dich heimlich davongemacht.“ Er sah sich um, entdeckte die zahllosen Gläser die verstreut im Gebüsch lagen. Eine Vodkaflasche. „Mikko hast du das etwa alles getrunken?“

„Jaichglaubschon. Jjjja.“ Riku schüttelte nur stumm den Kopf.

„Hör zu Mikko, du liegst schon so lange hier, es wäre echt nett von dir, wenn du dich die nächsten zwei Minuten auch nicht von der Stelle rühren würdest, okay? Bekommst du das hin?“

„Hmmm...“ Er grinste dümmlich. „Jjjja.“

„Guter Junge“, murmelte Riku und machte sich schnell auf um Jaro zu suchen. Irgendwie mussten sie Mikko ins Haus bekommen, und das möglichst unbemerkt von der noch verbliebenen Gästeschar.
Was hatte sich Mikko nur dabei gedacht? Dachte er überhaupt noch? Oder dachte er vielleicht zu viel? Es war fast unmöglich geworden zu Mikko durchzudringen. Er war noch nie der Plauderer gewesen, Mikko machte private Angelegenheiten am liebsten mit sich selbst aus, aber das hier überforderte ihn eindeutig. Vielleicht hatte der Alkohol seine Zunge ja in wenig gelockert und er würde sich noch zu dem Besäufnis äußern.
Sehr zu Rikus Leidwesen stand Jaro gerade mitten in einem Pulk von Menschen. Dafür entdeckte er Vincent. „Hey Vince, hast du mal gerade Zeit?“ Der junge Lehrer kam näher.

„Klar, was gibts denn?“

„Es geht um Mikko ...“ Schnell erzählte Riku wo, und in welchem Zustand er Mikko gefunden hatte.

„Wir können durch die Hintertür der Garage gehen, dann sind wir gleich im Haus und niemand bekommt etwas mit“, erläuterte Vincent.

„Bestens. Können wir ihn heute Nacht bei euch ... hmm ... zwischenlagern?“, bat Riku. „Ich glaube, es wäre das Beste wenn er nun seinen Rausch ausschlafen kann.“

„Sicher“, nickte Vince, „das Gästezimmer ist frei.“

„Da drüben liegt er, siehst du?“ Auch Vincents Augen musterten die Umgebung nun lebhaft, entdeckten die Überreste von Mikkos Saufgelage. Na, da hatte aber jemand mächtig Durst gehabt. Sein Blick wanderte wieder zu dem auf dem Boden liegenden Manager.

„Bist du sicher, dass wir keinen Krankenwagen rufen sollen? Wenn ich mich hier so umsehe ...“

„Nicht nötig“, wehrte Riku ab. „Ich kenne ihn schließlich, der verträgt 'ne Menge. Alles was er nun braucht ist Schlaf.  Komm Mikko“, wandte er sich an den etwas jüngeren Mann und zog ihn mit Vincents Hilfe hoch. „Wir bringen dich ins Haus.“ Gemeinsam schleppten sie ihn vorwärts. Vince öffnete die Tür zum Gästezimmer und schaltete das Licht an. Mikko zuckte zusammen.

„Hell“, murmelte er.

„Gleich wirds wieder dunkel“, tröstete Riku und ließ ihn auf das Bett fallen. „Ich mache das schon. Danke Vince.“ Riku zog Mikko die Schuhe aus und stellte sie vor das Bett, dann nahm er die Decke und breitete sie über ihm aus. Mikko öffnete ein Auge.

„Du ... du bist nicht Jessi.“

„Nein, ich bin ...“

„Dann Pfoten weg von mir!“

„Ich wollte doch nur ...“ Es war sinnlos, Mikko nahm sowieso nichts von dem auf was man ihm nun erzählte.

„Riku?“ erklang eine Stimme von der Tür her. Jaro betrat den Raum. Wieder öffnete Mikko ein Auge.

„Bist du Jessi?“, blinzelte er Richtung Jaro.

„Nein ...“

„Dann Pfoten weg!“ Und nach drei Sekunden fügte er ein: „Penner!“, hinzu. Entschuldigend zog Riku die Schultern hoch.

„Ein echter Sonnenschein eben.“

„Lass mich mal.“ Jaro beugte sich ein wenig herab. „Mikko, hören Sie mich? Können Sie mich verstehen?“

„Nein“, nuschelte Mikko in das Kissen.

„Sie vermissen Ihre Frau, nicht wahr?“ Riku hielt die Luft an. Jaro wollte doch nun wohl nicht ernsthaft den besoffenen Mikko ausquetschen!

„Penner!“, wiederholte Mikko gereizt. Plötzlich versuchte er sich aufzurichten. „Warum ist sie gegangen? Warum hat sie mich verlassen? Warum? Warum? WARUM?! Blöder Kerl, blöde Gäule, haha reiten, ja reiten, aber wie ...“ Der Rest ging in einem unverständlichen Gebrabbel unter.
Sanft drückte Riku ihn in das Kissen zurück.

„Schlaf jetzt, schlaf einfach, in Ordnung?“ Ohne Widerrede sank Mikko zurück. Leise verließen Riku und Jaro den Raum, Jaro löschte das Licht und schloss die Tür.
Mikko öffnete die Augen, wandte den Blick zum Fenster. Sein Kopf war viel zu schwer um auch nur einen halbwegs vernünftigen Gedanken fassen zu können, aber er spürte genau, dass es kein Zurück gab und dass das Leben auch für ihn noch etwas anderes zu bieten hatte. Und das war tröstlich.
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