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Wo Vergangenheit und Zukunft sich treffen

OneshotSchmerz/Trost / P12 / MaleSlash
Andrew Minyard Neil Josten
04.09.2021
04.09.2021
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Wo Vergangenheit und Zukunft sich treffen


Neil schmeckte Salz auf seiner Zungenspitze. Wellen brachen sich am Ufer in einem stätigen Rhythmus. Eine kühle Brise tanzte durch die Luft wie der Atem eines Geistes.

Es triggerte tausend versteckte Erinnerungen und Gefühle in ihm, die er sorgfältig weggesperrt hatte. Tief genug, um sie nie wieder hervorholen zu müssen.

Der Rauch der Zigarette, die zwischen seinen Fingern steckte, war fast zu viel um ihn ertragen zu können.

Neil schloss die Augen. Atmete ein. Atmete aus. Flammen tanzten hinter seinen geschlossenen Augenlidern. Er konnte die sengende Hitze auf seiner Haut spüren.

Ein Auto verbrannte zu Asche. Ein Körper verbrannte zu Asche. Seine Mutter verbrannte zu Asche.

Seine Kehle verengte sich. Er konnte nicht atmen. Der Rauch war so dick, dass er drohte, zu ersticken. Er musste hier weg. Er musste –


Eine Hand legte sich in seinen Nacken. Das vertraute Gewicht zog ihn aus seinen wirren Gedanken heraus und Neil öffnete die Augen, um in dunkelstes Braun zu blicken – doch Andrew sah ihn nicht an. Sein gelangweilter Blick war auf das Meer gerichtet, aber seine Taten verrieten, was wirklich hinter seiner unbeteiligten Maske steckte.

Neils Unbehagen war ihm mehr als bewusst und er bot ihm auf seine ganz eigene Art und Weise Halt. Da waren keine behutsamen Worte oder Mitleidsbekundungen. Beides war ihm vor langer Zeit genommen worden und Andrew wusste am besten, wie wenige solche Dinge bedeuteten. Er ertrug sowas vermutlich noch weniger als Neil.

Andrews Hand wanderte von seinem Nacken zu seinem Rücken. Er übte so viel Druck aus, dass nichts Sanftes in dieser Geste lag, aber es hatte dennoch eine beruhigende Wirkung. War ein Zeichen dafür, dass er da war. Unumstößlich.

Dabei sagte er kein einziges Wort. Stand einfach nur neben ihm und nahm hier und da einen Zug von seiner Zigarette, während er scheinbar unbeteiligt das Meer beobachtete.


Es war Neils Idee gewesen herzukommen. Mittlerweile war es fast vier Jahre her und er hatte zwar nicht das Gefühl, bereit dafür zu sein, aber vermutlich würde er das niemals sein.

Heute war der Geburtstag seiner Mutter. Neil wusste nicht einmal, warum er sich überhaupt daran erinnerte. Sie hatten nie irgendetwas gefeiert, da andere Dinge wichtiger gewesen waren, aber er hatte dennoch Blumen gekauft. Einen farbenfrohen Strauß mit verschiedensten Blumenarten, von denen er die Hälfte nicht einmal benennen konnte und Neil wusste, wie sehr seine Mutter das gehasst hätte. Vielleicht hätte sie ihn sogar dafür geschlagen, dass er Geld für etwas so Unnötiges wie tote Blumen ausgegeben hatte, aber Neil versuchte, ein normaler Mensch zu sein und normale Leute kauften ihrer Mutter Blumen zum Geburtstag. Zumindest tat Neil Josten das.

Doch er war nicht hier, um ihr Blumen zu bringen. Nicht wirklich zumindest. Es steckte mehr dahinter. Ein plötzlicher Drang, den er sich selbst nicht so richtig erklären konnte.

Neil wusste, dass er sie wiedersehen musste. Den Ort sehen, wo er sie begraben hatte. Aber vor allem wollte er, dass Andrew es sah.

Es war ein weiterer Teil seiner Vergangenheit. Eine weitere Wahrheit, die Neil ihm geben konnte und vielleicht sogar die schmerzhafteste von allen. Selbst jetzt noch machte sie ihn schrecklich verletzlich und angreifbar. Legte seine Nerven blank, sodass jede scheinbare Kleinigkeit sich wie Salz in in seine Wunden fresse konnte und ihn aus der Bahn warf, wenn er nicht aufpasste.

Vielleicht war es selbstsüchtig, dass er Andrew mit hierhergebracht hatte. Vielleicht hätte er es alleine nicht gekonnt.  

Alleine schon seinen allgegenwärtigen Fluchtinstinkt zu unterdrücken war ein Kraftakt. Es war zu viel. Die Wellen, der Sand, der Rauch, alles war zu viel und seine jahrelang eingesperrten Gedanken und Gefühle drohten ihn jeden Moment zu überwältigen. Unwillkürlich zerdrückte er die Stängel der Blumen zwischen seinen Fingern. Langsam wurden sie schon taub.

Der Schmerz war unerträglich. Ein Messer zwischen seinen Rippen. Säure in seinem Magen. Feuer auf seiner Haut.

Dabei war es merkwürdig, dass der Tod ihn überhaupt noch auf diese Weise berühren konnte. Er hatte in der Vergangenheit bereits so viele leblose Körper gesehen, dass es ihn nicht mehr weiter kümmern sollte, aber für die meiste Zeit war seine Mutter die einzige Konstante in seinem Leben gewesen. Die Einzige, an der er sich festhalten konnte. Die Einzige, auf die er sich verlassen konnte. Die Einzige, die er lieben konnte.

Ihr Verlust würde immer schmerzen und genau deswegen war er heute hier. Mit Andrew. Sie war immer noch zu wichtig, würde immer zu wichtig sein und aus diesem Grund sollte sie über ihn Bescheid wissen – und umgekehrt.

Es war ein bescheuerter Gedanke. Neil glaubte weder an Gott, noch an Wunder oder an ein Leben nach dem Tod, aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass er das tun musste. Den wichtigsten Menschen seiner Vergangenheit mit dem wichtigsten Menschen seiner Zukunft verknüpfen.


„Ich weiß nicht mal, wo ich hinmuss“, durchbrach Neil nach einer gefühlten Ewigkeit leise die Stille. Er fühlte sich vollkommen verloren. Die Hand auf seinem Rücken war der einzige Anker, den er hatte.

Die Erinnerungen waren noch immer klar wie Kristall. Die Flammen. Der Rauch. Die Hitze. Die kalten Knochen, die er in den Rucksack gestopft hatte, nachdem das Feuer erloschen war. Das Knirschen des Sandes unter seinen Sohlen als er den Strand entlanggelaufen war, um die Überreste seiner Mutter zu begraben. Aber wohin war er gelaufen?

Er hatte nicht die leiseste Ahnung und je stärker er versuchte, diese Erinnerung wachzurufen, desto mehr entglitt sie ihm. Seine Gedanken begannen sich zu drehen, in wirren, verschwommenen Bahnen. Ein widerliches Gefühl kroch seine Wirbelsäule hinauf. Sein Herz begann unerträglich schnell zu schlagen, schien ihm förmlich aus der Brust springen zu wollen, ehe es sich schmerzhaft fest zusammenzog, doch Andrews Stimme war ein Ruhepol im Sturm, der in seinem Inneren tobte.

„Links“, sagte er mit einer Gewissheit, die keine Zweifel erlaubte. „Du rennt immer nach links, wenn du am Durchdrehen bist.“ Andrew schnippte ungerührt seinen Zigarettenstummel weg, so, als ob es nichts Besonderes war, dass er das wusste. Für ihn war es das vermutlich auch nicht.
Er erinnerte sich viel zu oft an Dinge, ohne sich bewusst dafür zu entscheiden, aber Neil war dennoch immer wieder überrascht, wie viel Aufmerksamkeit Andrew ihm eigentlich schenkte – selbst bei Dingen, die ihm selbst nicht einmal bewusst waren. Und das hier war nicht nur irgendein nüchterner Fakt. Es war eine Beobachtung, die er über längere Zeit gemacht hatte.

Verwunderung war überraschend wirksam gegen aufsteigende Panik, wie Neil feststellen musste.
Er blickte zu Andrew, ohne so recht zu wissen, was er sagen sollte. Es fühlte sich so an, als ob er gerade aus einem ziemlich zermürbenden Albtraum aufgeschreckt war, der immer noch an den Rändern seines Bewusstseins lauerte, aber für den Moment hatte er es geschafft, sich davon loszureißen, um Andrew einfach nur anzustarren.

Andrew war unbeeindruckt wie immer. „Weniger starren, mehr Laufen, Josten“, sagte er und nickte in die genannte Richtung. Nebenbei fischte er sich eine weitere Zigarette aus seiner Packung und sobald sie angezündet war und zwischen seinen Lippen steckte, kehrte der beständige Druck auf Neils Rücken zurück.

Doch Andrew drängte ihn nicht dazu, loszulaufen. Er wartete darauf, dass er sich von selbst bewegte, ganz gleich, wie lange es auch dauerte. Selbst, wenn er sich dazu entschloss, einfach hier stehen zubleiben wäre es Andrew vermutlich egal. Er würde einfach ruhig neben ihm stehenbleiben und ihm weiterhin seine stumme Unterstützung geben.

Das war genug, damit Neil sich in Bewegung setzen konnte.


Schweigend liefen sie am Strand entlang, nur begleitet vom Rauschen der Wellen und dem Schrei einer einsamen Möwe in der Entfernung.

Neil fühlte nichts. Er setzte einfach nur einen Schritt vor den anderen und versuchte verzweifelt den überwältigenden Drang niederzukämpfen, jede Sekunde loszurennen. Wegzurennen.

Doch dem hier konnte er nicht entkommen. Ganz egal, wohin er auch rennen würde.

Nach einer Zeitspanne, die sich irgendwo zwischen Sekunden und Stunden ansiedeln mochte, begann Neil aus einem unbestimmten Gefühl heraus seine Umgebung genauer in Augenschein zu nehmen. Er versuchte, einen Hinweis zu finden. Etwas, was ihm half, sich an den richtigen Ort zu erinnern, doch der Strand gab ihm keine Antworten. Hier war nichts außer Sand, Steine und von den Wellen angespülter Unrat.

Was, wenn sie bereits vorbeigelaufen waren? Was, wenn sie wortwörtlich darüber laufen würden? Der Gedanke hinterließ ein widerliches Gefühl in seiner Magengegend.

Abrupt hielt Neil an. „Ich kann mich nicht daran erinnern, wo ich sie begraben habe“, gab er zu, die Stimme belegt von etwas, was er nicht genauer erklären konnte. „Es könnte überall sein. Ich habe nicht – ich wollte nur – ich war wie auf Autopilot. Ich habe ihre Knochen in meinen Rucksack gepackt und bin einfach losgelaufen, bis ich meine Beine nicht mehr spüren konnte. Was, wenn…“ Neil schluckte gegen den Kloß in seinem Hals. „Wenn ich gerade ohne es zu merken auf ihrem Grab stehe?“

Andrew warf ihm einen kurzen, scheinbar desinteressierten Seitenblick zu. „Sie ist tot. Es könnte ihr nichts egaler sein.“

Die Worte waren wie ein Schlag in seine Magengrube. Natürlich war Neil sich dessen voll und ganz bewusst, aber seine Nerven waren bis zum Zerreißen angespannt und er hasste es bis aufs Blut, wie verletzlich ihn das machte. Wie irrational. Wie schwach.

Doch Andrew war nicht grausam. Er betrachtete die Dinge einfach nur nüchtern und war brutal ehrlich. Ähnlich wie Neil bedeutete der Tod ihm nicht viel, ganz besonders, wenn es um den Tod einer Mutter ging – und man konnte ihm wahrlich keinen Vorwurf daraus machen. Er hatte nie die leidenschaftliche und einzigartige Liebe gespürt, die eine Frau ihrem Kind entgegenbringen konnte. Doch nur, weil Andrew sich nicht um seine tote Mutter scherte, hieß das nicht, dass es ihm egal war, wie es Neil damit ging.

Braune Augen nahmen ihn genauestens ins Visier, ohne den Blickkontakt auch nur für eine Sekunde abbrechen zu lassen. Andrew ließ seine Hand zu Neils Schulter wandern und drückte fest genug zu, um ihn im Hier und Jetzt zu halten. Er ließ nicht zu, dass Neil sich von seinen wirren, unsinnigen Gedanken mitreißen ließ. War sein Anker, stark und unverrückbar. Die Konstante in seinem Leben.

Das Atmen fiel ihm plötzlich wieder ein wenig leichter, aber Neil fühlte sich immer noch nicht wohl bei dem Gedanken, möglicherweise auf den Knochen seiner Mutter zu stehen.
Andrew war jedoch bereits einen Schritt weiter und hatte einen flachen Felsen ins Visier genommen, der in wenigen Metern Entfernung aus dem Sand herausragte. Er warf Neil einen knappen, aber eindringlichen Seitenblick zu und Neil bejahte die stumme Frage mit einem Nicken.

Schweigend ließen sie sich auf dem grauen Stein nieder, der von der Sonne über den Tag aufgewärmt worden war. Er war überraschend glatt unter Neils Fingerspitzen, die er gedankenverloren über den Fels gleiten ließ.
Er dachte an jedes Versprechen, dass er seine Mutter gegeben hatte und wie er sie eins nach dem anderen gebrochen hatte – und doch saß er heute hier. Lebte, statt nur zu überleben und rannte nicht mehr davon.

„Schau nie zurück.”

„Werde niemals langsamer.”

„Vertraue niemandem.“

„Sei jeder, aber niemals du selbst und nie für zu lange Zeit.“



Andrew warf ihm einen knappen Blick zu und Neil bemerkte erst in diesem Moment, dass er es laut ausgesprochen hatte.

»Das waren ihre Regeln«, erklärte er, den Anflug eines wehmütigen Lächelns auf den Lippen. Oder vielleicht lag auch eher etwas Zerrissenes darin. »Ich habe auf ganzer Linie versagt, mich daran zu halten.«

»Wie passend. Bescheuerte Regeln für einen bescheuerten Junkie.«

»Sie hat mir verboten Exy zu spielen«, widersprach Neil. Der bloße Gedanke verursachte ihm Phantomschmerzen. Er konnte sich bildlich vorstellen, wie sie ihn anschrie und ihm diese Idee wortwörtlich aus dem Kopf schlug.

»Ja. Faszinierend, wie du das überlebt hast.«

Das war es tatsächlich, aber aus tausend anderen Gründen als der Abwesenheit von Exy in seinem Leben.

Dennoch sorgte Andrews leichter Spott dafür, dass die Anspannung aus seinen Schultern verschwand und sich etwas Echtes in seinen kläglichen Versuch eines Lächelns hineinschlich.

»Keine Sorge, das Risiko werde ich nicht nochmal eingehen«, versicherte Neil, was Andrew nicht als einer Antwort würdig erachtete – abgesehen von einem ausdruckslosen Seitenblick. Einem eindeutig genervten, ausdruckslosen Seitenblick. Neil zählte das als Sieg. Jede noch so kleinste Reaktion in Bezug auf Exy war in seinen Augen ein Sieg.


Andrew war der Erste, der den Blickkontakt schließlich abbrechen ließ, um eine Flasche aus seiner Tasche zu fischen. Billiger Whiskey oder Rum, vermutete Neil. Was auch immer ihm zuerst in die Hände gefallen war.
Er nahm einen Schluck, bevor er die Flasche wortlos an Neil weiterreichte.

Er zögerte aus Gewohnheit. Konnte erneut das wütende Brüllen seiner Mutter durch seine Gedanken hallen hören, laut und eindringlich, weil es seinen Kopf vernebeln würde und ihn damit zu einem leichteren Ziel machte. Andererseits wäre der Alkohol wohl sein kleinstes Problem, wenn sie wirklich hier wäre und ihn zusammen mit Andrew sehen würde. Das wäre unverzeihlich.

»Sie würde das hier nicht gutheißen«, teilte Neil seinen Gedanken und meinte alles damit. Dennoch nahm er die Flasche entgegen und betrachtete das Etikett. Es war Whiskey. Bevor er jedoch einen Schluck nahm, sprach er einen stummen Toast auf sie aus und hoffte, dass sie glücklich über den Weg wäre, den er eingeschlagen hatte – trotz all der gebrochenen Versprechen.

Der Alkohol brannte in seiner Kehle. Neil nahm einen weiteren Schluck und genoss den leichten Schmerz.

»Sie wäre so sauer auf mich, wenn sie wüsste, dass ich dich mit hierhergebracht habe. Wenn sie das mit uns jemals herausgefunden hätte, hätte sie mich grün und blau geschlagen.«

Andrew ließ das ›uns‹ unkommentiert, aber etwas an ihm veränderte sich. Eine bedrohliche Dunkelheit schlich sich in seine Augen, die einen starken Kontrast zu seiner sonst unbeeindruckten Miene bildete.

»Ich hätte ihr nicht geraten, es zu versuchen – gesetzt dem Fall, ihr lag etwas an ihrem Leben«, sagte er mit erschreckender Ruhe.

Es war nicht Neues für Andrew, dass eine Mutter ihren Soh schlug. Dass sie seinen Bruder schlug. Doch das hier war grundlegend anders als Aarons Situation mit Tilda.
Neils Mutter hatte hinter allem gute Intentionen gehabt. Hatte sogar ihr Leben aufgegeben, nur, um ihn zu beschützen. Doch selbst, wenn er das Andrew sagte, würde er ihm vermutlich nicht glauben.

Neil musste es trotzdem versuchen.

»Es war kein böser Wille. Sie wollte mich nur beschützen. Wollte, dass wir überleben.«

Andrew schnaubte und schnappte sich die Flasche aus Neils Händen. Sein Griff war dabei so stark, dass die Knöchel Weiß hervortraten.

»Ich meine das Ernst. Alles, was sie getan hat, egal, wie hart oder grausam es auch erschien... sie hat es getan, um mich zu beschützen. Sie ist wegen mir vor meinem Vater weggerannt. Niemand hat sie dazu gezwungen. Aber sie wollte, dass ich lebe...«

Neil verstummte. Die Wahrheit seiner eigenen Worte fühlte sich wie ein Felsbrocken in seinem Magen an, schwer und niederdrückend.

Und plötzlich wurde der Verlust unerträglich.
Der Schmerz übermannte ihn wie ein Tsunami, unaufhaltsam und zerstörerisch. Schlug seine Klauen tief in sein Herz hinein und riss es auf. Dunkles Herzblut topfte auf den Boden. Er wollte darin ertrinken. Seine Trauer ertränken. Den Schmerz ertränken.

Neil hatte nie eine Träne angesichts ihres Todes vergossen und war auch jetzt weit entfernt davon. Er konnte sich nicht einmal daran erinnern, wann er das letzte Mal aus Trauer geweint hatte. Selbst als Kind hatte er das recht früh abgestellt. Sein Vater hatte keine Tränen toleriert, also hatte Neil gelernt, sie zurückzuhalten.

Aber mit oder ohne Tränen, gerade war die Trauer überwältigend. Normalerweise kam es in Wellen, die ihn mit gnadenloser Brutalität mit sich rissen, aber ihre Häufigkeit war über die Zeit deutlich zurückgegangen. Meist verblasste das Getose recht schnell zu einem leisen Echo, das irgendwo in seinem Hinterkopf verblieb. Niederdrückend, aber erträglich.

Gerade fühlte es sich jedoch so an, als ob er gar keine Fortschritte gemacht hatte, sein Kummer eine  unüberwindbare Kraft, die ihn auf den Boden rang und jeden Atemzug mit tintenschwarzem Schwermut füllte.

Neil konnte sich nicht daran erinnern, ob er sich jemals zuvor erlaubt hatte, derart viel zu fühlen. Es war reine Gewohnheit, reiner Überlebensinstinkt, diese Dinge so schnell wie möglich wegzudrücken, um weiterhin funktionieren zu können, doch jetzt gab es keine Ausflüchte. Keinen Grund, sich zu verstecken oder davor wegzulaufen.

Und es tat weh, so unfassbar weh, aber gleichzeitig war es seltsam befreiend. Vollständig davon eingenommen zu werden, nur, um am Ende endlich loszulassen. Und vielleicht konnte er das wirklich. Einen Teil seiner knochentiefen Traurigkeit hierlassen. Es gemeinsam mit seiner Mutter begraben.


Irgendwann nahm er neben sich eine Bewegung wahr. Neil bemerkte es kaum durch den Nebel seines Kummers hindurch, doch er spürte es. Spürte, wie Andrew näher an ihn heran rutschte. Wie sein Körper ihn berührte.

»Lehn dich an.« Es war mehr eine Aufforderung als ein Vorschlag.  

Neils Blick löste sich von den Blumen in seinem Schoß und richtete sich stattdessen auf ihn, doch Andrew hatte die Augen stur auf das Meer gerichtet. Den Kopf hatte er jedoch leicht zur Seite gekippt, sodass genug Platz für Neil war, um seinen Worten Folge zu leisten.

Als er das Angebot schließlich annahm und sich langsam zu Andrew herüber lehnte, war da sogleich eine bestimmende Hand, die sich auf seinen Hinterkopf legte und ihn mit sanfter Gewalt zur richtigen Stelle führte.

Neil nahm einen tiefen Atemzug, dankbar für Andrew unverrückbare Präsenz. Geübt begannen Andrews Finger sich durch seinen roten Haarschopf zu bewegen. Malten sanfte Muster auf seiner Kopfhaut, die ein angenehm warmes Kribbeln hinterließen.

Dass Andrew den Körperkontakt tolerierte, war ein großer Vertrauensbeweis, nach dem Neil nie gefragt hätte, aber er war dankbar über den Halt, den er ihm bot. Es machte es einfacher, mit alldem umzugehen, was in ihm wütete und tobte und zerrte.

Andrew sagte kein weiteres Wort. Stattdessen nahm er einen nächsten Schluck und streckte ihm die Flasche erneut entgegen, aber akzeptierte es, als Neil mit einem Kopfschütteln verneinte. Als er ihm alternativ eine Zigarette anbot, nahm Neil sie ohne zu zögern an. Es war noch mehr Salz in seinen aufgerissenen Wunden und Neil hieß den Schmerz willkommen, während er die Zigarette zwischen seinen Fingern abbrennen ließ, ohne einen einzigen Zug zu nehmen. Gere wollte er nur den Rauch einatmen. Die Erinnerungen einatmen.

Doch als er seine Augen schloss, waren da nicht mehr nur die Flammen und das brennende Auto und die unerträgliche Verzweiflung. Da waren auch ein Dach und angenehme Stille und geteilte Zigaretten und Andrew.

Etwas löste sich in seinem Brustkorb. Die Vorstellung, dass Andrew so tun würde, als ob er es hasste, wenn Neil ihm diesen Gedanken laut mitteilte, ohne dabei auch nur eine Sekunde von ihm abzurücken, war fast genug, um ihn zum Lächeln zu bringen.

Neil lehnte sich noch ein wenig stärker gegen ihn, ein sanftes Seufzen auf den Lippen. Andrews Antwort folgte sogleich: Er nahm seine Hand, um ihre Finger zu einer untrennbaren Einheit zu verbinden. Andrew würde es zwar niemals so nennen, nicht einmal zugeben, dass sie genau das waren, aber Neil gefiel diese Vorstellung. Und allein schon, dass Andrew gerade hier war, bewies, dass es stimmte.


Eine gefühlte Ewigkeit lang saßen sie einfach nur so da, stumm und jeder in seine eigenen Gedanken versunken, doch das war okay. Es war genau das, was Neil gerade brauchte. Einfach aufs Meer zu blicken, mit Andrew an seiner Seite und dem Wissen, dass es okay sein würde. Er würde okay sein. So okay, wie jemand wie er sein konnte.

Als die Sonne dabei war unterzugehen, schien der Himmel in Flammen zu stehen, doch das Feuer tat ihm nicht mehr weh. Neil war merkwürdig ruhig, wenn überhaupt nur ein wenig erschöpft. Die Trauer war kein niederdrückendes Gewicht mehr, das ihm jeden Atemzug schwermachte, sondern ein sanftes Flüstern der Melancholie, die er wie einen alten Freund begrüßte.

»Wir sollten langsam zurückgehen«, sagte Neil leise. Sie hatten keine Taschenlampen dabei und ihre alten Handys wären in der hereinbrechenden Dunkelheit keine wirkliche Hilfe. Außerdem hatte er das Gefühl, dass es okay war.

Andrew unterzog ihn einer genauen Musterung. Suchte etwas in seinem Gesicht, was Neil nicht benennen konnte, doch er äußerte keine Einwände. Stattdessen nahm er noch einen letzten Schluck Whiskey, ehe er die Flasche verstaute und sich von dem Felsen herunterschwang.

Doch Neil zögerte, als seine Augen ein weiteres Mal an den Blumen hängenblieben. Er wusste immer noch nicht, was er mit dem bunten Strauß machen sollte. Es gab kein Grab, keinen Ort, wo er sie hinlegen und sicher sein konnte, dass es der richtige Platz war.
Vielleicht sollte er sie einfach ins Meer werfen. Dann konnten die Wellen sie davontragen, doch er entschied sich aus einem unbestimmten Gefühl heraus dagegen und wählte stattdessen den flachen Felsen.

Vorsichtig kniete er sich in den dunklen Sand und legte die Blumen davor ab. Andrews Blick spürte er dabei deutlich in seinem Rücken. Eine beruhigende Präsenz, vom Anfang bis zum Ende.

»Alles gute zum Geburstag«, flüsterte Neil, mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen. Es war ebenso traurig wie ehrlich.

Ein paar Minuten lang nahm er sich Zeit, um auf die Blumen herabzuschauen und sich im Stillen zu verabschieden. Es war nicht leicht. Es war nicht schwer. Es war okay.

Und dann, als er wieder auf die Beine kam, war Andrew sofort an seiner Seite. Warf ihm einen eindringlichen Blick zu, dem Neil sich nicht entziehen konnte, ehe er sich abrupt abwandte. Gleichzeitig griff er erneut nach seiner Hand, bevor sie den gemeinsamen Rückweg antraten.

Neil konnte nicht anders, als zu lächeln. Der Kummer darin wurde von etwas abgelöst, dass er gelernt hatte als Zuneigung zu benennen.

»Sieh mich nicht so an«, warnte Andrew ohne es wirklich zu meinen.

»Danke«, antwortete Neil schlicht und drückte seine Hand, um zu signalisieren, wie viel es ihm bedeutete. Das alles hier.

Andrew warf ihm einen gelangweilten Blick zu, ehe er sich dafür entschied, ihn zu ignorieren und den Kopf wieder abwandte, doch Neils Augen blieben auf ihn gerichtet.

»Ihr hättet euch gehasst«, sprach er einen flüchtigen Gedanken laut aus und wusste in dem Moment, wo er es sagte, wie recht er damit hatte.

Neil wusste nicht wieso, aber das Lächeln auf seinen Lippen wurde noch eine Spur breiter. Der Gedanke, dass Andrew und seine Mutter sich treffen würden, war so surreal, dass er nicht anders konnte, als sich darüber zu amüsieren. Irgendwie. Denn falls sie sich wirklich jemals gegenübergestanden hätten, wäre es vermutlich ziemlich hässlich geworden.

»Hass würde voraussetzen, dass es mich kümmert«, sagte Andrew ungerührt, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen.

Neil sagte nichts dazu und behielt sein Lächeln bei, wohlwissend, dass es so war. Es kümmerte Andrew so verdammt sehr, dass es manchmal fast schon schmerzte, weil er sich selbst gegenüber so gleichgültig war.

Und während sie über den schwarzen Sand liefen, Hand in Hand, bei jedem Schritt, den sie tätigten, dachte Neil, dass seine Mutter vielleicht sogar glücklich gewesen wäre, wenn sie ihn gerade so sehen könnte. Unter all ihrer Wut und dem Geschrei und den Vorhaltungen hätte sie sich tief in ihrem Inneren aufrichtig für ihn gefreut.

Und das war genug für Neil, um endlich seinen Frieden damit zu finden.
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