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Die Botmutter vs. Aliens vs. Predator

GeschichteSci-Fi, Action / P16 / Gen
04.09.2021
27.11.2021
12
54.540
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04.09.2021 6.074
 
"Wir sind da", weckt mich eine sanfte, weibliche Stimme. Die Schmerzen tun ihr übriges - mein Körper ist noch immer übersät mit grünen und gelben Flecken, die einst blau und lila waren.

"Geht es dir gut?", fragt mich der kleine, insektenartige Roboter, der auf meinem Schoß sitzt.

Itsy - er ist gewachsen, seitdem ich ihm den Namen gegeben habe. Auch das Raumschiff Headache ist gewachsen, während ich die letzten Wochen vor mich hin dämmerte. Faszinierend. Als wir losgeflogen sind, habe ich kaum Platz in ihr gefunden, jetzt hat sie sich zu einem geräumigen Raumschiff entwickelt.

Headache zeigt auf dem großen Bildschirm unseren Standort an: Die Erde vor dem schwarzen Weltall füllt das Bild fast ganz aus.

"Welches Jahr haben wir?", frage ich.

"2013", antwortet das Schiff. "Möchtest du noch weiter zurück?"

Das sind zwei Jahre nach meiner Entführung durch die Decepticons. Ein Jahr nach meiner Flucht von Cybertron. Mein vergangenes Ich ist in diesem Moment auf dem Weg durch das Weltall zur Erde und wird in etwa 300 Jahren den Kuiper-Gürtel erreichen. Kein Maschinenwesen rechnet hier mit meiner Anwesenheit. Niemand sucht nach mir.

"2013 ist perfekt."

"Wo soll ich euch absetzen?"

Ich zeige zum Kontinent links im Bild. "Dort drüben. Aber ich möchte einwerfen, dass ich nicht meine Zustimmung zu Primus' Planänderung gegeben habe."

"Ich habe meine Befehle", erwidert Headache ungerührt. Sie hat eine Stimme und kein Herz. "Anschnallen zum Landeanflug."

Ich klammere das kleine Roboterwesen auf meinem Schoß schützend an mich.



Immer noch erzürnt über die ruppige Behandlung - Headache hat mich förmlich rausgeworfen und ist sofort abgeflogen - tappe ich ziellos über Felder und durch Brachland, bis ich auf eine Straße stoße und ihr folge. Erst als ich im nächsten Ort eine Zeitung aufschlage, kommen mir Freudentränen. Headache hat mir meinen größten Wunsch erfüllt und mich nach Hause gebracht, in meine Welt, zu meiner Zeit. Stumm danke ich ihr.

Nach der Stille der letzten Monate empfange ich wieder die Nachrichten der Decepticons auf der allgemeinen Frequenz. Es scheint gerade friedlich zu sein, denn sie tauschen sich nur über Alltagsfragen aus. Hin und wieder beschweren sie sich über die unterentwickelten Kreaturen, die den Planeten bevölkern.

Glücklicherweise ist niemand dabei, den ich kenne. Möglicherweise haben die meisten von ihnen lediglich von mir gehört. Solange ich mich unauffällig verhalte, sollte ich keine Probleme haben.

Irgendwie haben sie mir gefehlt. Die Funkstille im Weltraum und auf Planeten, auf denen sich keine Cybertronier aufhalten oder wo sie nicht wagen, kabellos zu kommunizieren, hat etwas Verlassenes, etwas Bedrohliches.

"Hörst du sie?", frage ich Itsy, als wir in meiner Wohnung unter uns sind. Hören ist vielleicht nicht das richtige Wort, vielleicht passt lesen besser. Er versteht, was ich meine.

Der insektenartige Roboter der auf seinen sechs Beinen aufgerichtet etwa zwei Handbreit hoch ist, flüstert auf Cybertronisch: "Ja."

"Sie dürfen nicht wissen, dass ich hier bin, daher werde ich niemals senden und du darfst mich nur im allerdringendsten Notfall darüber kontaktieren. Aber du darfst ihnen Hallo sagen, wenn du willst."

Ich kann mein voriges Leben wieder aufnehmen, ohne dass es jemanden verwundert, nur die Menschen werden Notiz von mir nehmen. Hm, vielleicht sollte ich sicherheitshalber meinen Namen ändern, nur für den Fall der Fälle.

Allerdings erinnere ich mich an die Worte von Lopez, als er meine Identitätsangaben mit denen der Erde abglich: "Eine Person diesen Namens wurde vor über 300 Jahren auf der Erde als vermisst gemeldet." Nun bin ich wieder hier. Hätte er mein Auftauchen nicht auch in der Datenbank sehen müssen, gegeben dass das hier die Vergangenheit meiner Zeitlinie ist? Zeitreisen sind verwirrend. Kein Wunder, dass die Cybertronier den Menschen diese Technologie nicht zumuten.

Itsy schaut mich zögerlich an und reagiert nicht.

Ich füge hinzu: "Wenn ich einmal nicht mehr bin, sind die Decepticons vielleicht deine Familie, wenn du möchtest. Autobots ... Ich denke nicht, dass du zu ihnen willst, aber wenn dir nichts anderes übrig bleibt ..."

Ich kann Itsys Abstammung nicht leugnen. Alle seine Geschwister haben diese typische Abneigung Menschen gegenüber gezeigt. Die roten optischen Sensoren sprechen für sich. Haben wir die Wahl, auf wessen Seite wir stehen wollen oder ist es vorherbestimmt? Mir erscheint die Decepticon-Natur angeboren, doch ich habe auch Meinungen gehört, die besagen, es wäre eine Wahl.

Itsy fängt an zu weinen und ich eile, um ihn zu trösten. Nach allem, was wir zusammen durchgemacht haben, ist er nicht bereit, sich mit meinem Tod abzufinden. Ich hoffe, dass uns genug Zeit bleibt, um ihn an den Gedanken zu gewöhnen. "Schau mal, mein Gesundheitszustand ist nicht der Beste, aber abgesehen davon: Menschen werden höchstens hundert Jahre alt. Du bist eine Maschine und kannst Millionen von Jahren existieren. Sei nicht traurig, okay? Wir haben noch genug Zeit, schöne Momente miteinander zu erleben."

"Ich kann mir nicht vorstellen, ohne dich zu existieren."

Ich seufze und tätschle ihn. "Ich habe dich aus meinem Spark gezogen. Du bist mein Sohn. Ich werde immer bei dir sein. Stell dir vor, ich bin eines Tages irgendwo an einem anderen Ort, wo du mich nicht besuchen kannst, aber es geht mir gut und ich möchte, dass es dir auch gut geht." Itsy tritt nervös von einer Seite auf die andere. Oh je. Vielleicht war es ein Fehler, Itsy unter diesen Umständen zu erschaffen. Aber ich hatte keine Wahl.

"Ich habe dich lieber als Person bei mir."

"Ich passe auf mich auf. Versprochen."

Wie auch immer. Ich werde meinen Fehler durch sorgfältige Erziehung wieder gut machen.



Manchmal, wenn ich nicht wusste, was zu tun war, erzeugte ich im Zusammenspiel meines menschlichen Gehirns und meines maschinellen Prozessors eine Simulation des Geschehens, in der ich agieren konnte, ohne dass es Auswirkungen auf die Realität hatte. Abgesehen davon, dass ich etwas Wichtiges daraus lernte.

Diesmal besuchte ich einen altbekannten Ort. Wie lange war ich nicht mehr hier gewesen? Die letzten Male war es auch nur in Simulationen.

Ich kehrte in die ruhige Nebenstraße in Sassaheim ein. Das Haus war leicht zu erkennen, denn sein Zaun, der von blühenden Rosenranken umwachsen war, war der schönste in der Straße. Ich spähte hinüber. Eine alte Frau in Hosenanzug mit Strohhut arbeitete im Garten, der mit Tulpen und Lavendel bewachsen war. Sie jätete Unkraut.

Es sah so vertraut aus, aber auch so fremd. Die Rosen am Zaun wuchsen nun in drei Farben und die Ranken waren dicker und zahlreicher als ich sie in Erinnerung hatte. Die Beete im Garten waren nun sauber abgegrenzt und ein Weg aus Steinplatten war gebaut worden. Der Flieder im Vorgarten war verschwunden. Die Simulation wurde ähnlich wie Träume aus meinem Unterbewusstsein gefüttert, trotzdem oder gerade dadurch, passierten manchmal Überraschungen.

Auch die Gegend hatte sich deutlich verändert. Das Haus der einen Nachbarn war zu einer Ruine verkommen. Die Tannen im Garten eines anderen gab es nicht mehr, stattdessen wuchsen junge Kirschbäume gegenüber.

Die alte Frau bemerkte mich und unterbrach ihre Arbeit. "Kann ich Ihnen helfen?"

Ich riss meine Gedanken zusammen und bemerkte, dass ich umher gestarrt hatte. "Oh ... ähm, nein. Ich habe hier mal gewohnt und wollte sehen, wie es heute aussieht."

Sie stand dort mit gekrümmtem Rücken, drückte eine Hand in das Kreuz gegen die Schmerzen. Für ihr Alter wirkte sie noch äußerst fit. "Das kann nicht sein. Ich habe schon immer hier gelebt."

"Dann ... habe ich mich wohl in der Adresse geirrt. Entschuldigen Sie die Störung."

Ich wich zurück, wandte mich zum Gehen, doch sie rief: "Warten Sie." Sie zog ihre Gartenhandschuhe aus und kam zu mir an den Zaun. Mehrere Momente lang betrachtete sie mein Gesicht - vielleicht war sie kurzsichtig - doch da war kein Erkennen. "Wie ist Ihr Name?"

"Se-eldra Sadr'khor", gab ich meinen neuen Namen an.

"Hm, den Namen habe ich noch nie gehört", gab sie zu. "Möchten Sie auf einen Tee reinkommen? Erzählen Sie mir von dem Haus, das Sie suchen, vielleicht kann ich Ihnen helfen."

Tee, super. Ich hatte so lange keinen mehr gehabt. Dankend nahm ich an.

Im Haus beherrschte mich das gleiche Gefühl von Vertrautheit gemischt mit Befremdlichkeit. Die Tapeten im Flur waren nun zartrosa gestrichen. Die Hälfte der Bilder war verschwunden und hatte rechteckige, helle Flecken an den Wänden zurückgelassen. Man sah die Frau in verschiedenen Jahren, mit ihrer Tochter, ihren eigenen Eltern, auf Geburtstagen, Einschulungen, Familienfeiern. Keine mit ihrem Ehemann.

Ich betrachtete eins der Fotos genauer. Das Mädchen, die Tochter, war hübsch mit ihren saphirblauen Augen und den goldbraunen Haaren, so auffallend mit ihrem Muttermal auf der linken Wange, das ihre Schönheit noch unterstrich. Viel zu auffällig. Im Kontrast dazu blickte ich in den Spiegel, der ebenfalls im Flur hing. Mein Gesicht sah nach nichts aus, perfekt symmetrisch, nichts Besonderes daran, damit man es leicht vergaß - genau wie beabsichtigt. Die Augen ein undefinierbares blau-grau-grün, die Haare irgendwas zwischen blond und braun. Die 21 Jahre, die ich laut meinen neuen Unterlagen alt war, erschienen realistisch. Könnten auch fünf mehr oder weniger sein. Wenn man Leute fragen würde, wie ich aussah, würde mich jeder anders beschreiben.

Die Frau bemerkte mein Zurückbleiben. "Meine Tochter Sara - sie müsste jetzt 51 sein, ich feiere jedes Jahr ihren Geburtstag. Sie ist vor vielen Jahren verschwunden, seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört. Sie hat sich oft draußen herumgetrieben, daher hoffe ich irgendwie, dass sie noch lebt. Dass sie eines Tages wieder vor meiner Tür steht. Dass sie auf einer langen Reise war, geheiratet hat, Kinder bekommen hat, vielleicht schon Enkel. Dass sie nur vergessen hat, sich zu melden. Daher kann ich hier nicht wegziehen, sonst findet sie mich nicht mehr." Nein, ich war keine fünfzig, aber Zeit war eine seltsame Sache in diesem Universum.

Ich stellte mir vor, wie ich umarmend auf sie zustürmte und ihr alles erzählte, die ganze Geschichte: Aber nicht mal in einer Simulation war ich verrückt genug, es zu sagen, nicht meiner Mutter, nicht Itsy. Niemals durfte es irgendjemand erfahren. Schlimm genug, dass Optimus es wusste - ein unglückliches Versehen.



Am Rande des Bewusstseins nahm ich Itsys Stimme aus der Realität wahr: "Mama? Geht es dir gut? Lässt du mich alleine?"



Ich kehre zurück in die Wirklichkeit, in meine Wohnung.

Itsy steht neben meinem Smartphone, das ich ihm zum Üben gegeben habe, damit er lernen kann, sich mit Computern zu verbinden und sie zu steuern.

Ich lache hilflos. "Aber ich bin doch hier."

Itsy schweigt unentschlossen. Ich muss daran denken, wie ich die letzten Wochen verletzt und halb bewusstlos im Raumschiff lag - das war sozusagen das zweite Mal innerhalb kurzer Zeit, dass Itsy auf sich alleine gestellt war. Doch meine Simulationen sind etwas anderes. Er sollte lernen, dass alles in Ordnung ist, auch wenn ich für einige Minuten oder Stunden reglos daliege.

"Möchtest du sehen, wo ich hingehe?", frage ich.

Itsy nickt auf niedliche Weise mit seinem ganzen Körper.

Ich kontrolliere, dass die Vorhänge blickdicht zugezogen sind, dann fahre ich meinen langen, dünnen Roboterschwanz aus, lasse die Spitze in feinste Drähte auseinanderfädeln. "Ich werde mein System an deinem Nacken mit deinem verbinden, dadurch kann ich dir die Sinneseindrücke direkt einspeisen. Es wird aussehen, als wären wir an einem anderen Ort, aber in Wahrheit sind wir immer noch hier. Möchtest du immer noch?"

Itsy nickt und gibt ein aufgeregtes Quieken von sich.

Ich bringe uns zur Eingewöhnung in meine Haussimulation, wie ich sie nenne.



Wir fanden uns an einem Strand wieder. "Einst hatte ich geträumt, die Welt wäre nur eine Insel, doch das wollte ich nicht wahrhaben und ging durch das Wasser. Dort fand ich die nächste Insel und die nächste, schließlich fand ich diesen Strand", erzählte ich. "Dieser Ort erinnert mich daran, dass es hinter dem Horizont immer weitergeht, dass es im Leben immer neue Dinge zu entdecken gibt. Außerdem, dass andere Leute manchmal keine Ahnung haben und Unsinn reden." Ich grinste.

Abgesehen davon war es ein schöner, entspannender Ort. An den weißen Sand brandete Wasser, das vom Licht der tiefstehenden Sonne in Pastellfarben getaucht wurde. Den Nebel, durch den die Sonne schien, erfüllte ich gelegentlich mit Input der Wirklichkeit, um auch in der Simulation meine Umgebung wahrzunehmen.

Itsy schaute mich erst leicht verunsichert an. Dann begann er, den Sand versuchsweise herumzuschieben. Ich fing die Befehle seines Prozessors ab, die er an seine Kolben sandte, daher konnte er mit der Simulation interagieren.

Ich zeigte hinaus auf das Wasser. "Wenn es mir besonders schlecht geht, dann ertränke ich mich im Meer. Danach erscheinen mir meine Probleme nicht mehr so schlimm. In Simulationen stirbt man nicht."

Itsy spielte eine Weile mit dem Sand, dann schaute er sich weiter um. Sein Blick fiel landeinwärts. Ich hob ihn auf, damit er besser sehen konnte.

Anfangs gab es dort nichts als einen Wald aus schwarzverbrannten Bäumen und Gestrüpp. Seit langem stand dort außerdem ein metallisch glänzendes, wie ein Kristall in mehreren Türmen abstehendes Gebäude.

"Früher haeb ich dort Primus angetroffen, den Gott der Cybertronier", erklärte ich. "Aber seit ich den Allspark nicht mehr habe, steht das Gebäude leer." Ich könnte es aus der Simulation entfernen, doch ich habe entschieden, es als Erinnerung zu behalten.

Itsy verstand kein Wort.

"Ich zeige dir alles. Achtung, wir wechseln den Ort."



Nun standen wir in einer Stadt auf der Erde am Fluss, zurück an jenem schicksalshaften Abend, der Himmel bedeckt von dunklen Wolken und der Wind zerrte an uns. Über den Gebäuden vor uns hing eine Wolke besonders tief. Man sah es ab und an blitzen. Manchmal gab die Wolke den Blick auf den einen oder anderen Kampfroboter frei, der sich sofort wieder in die Wolke stürzte, in der der Kampf tobte.

"Siehst du sie? Da kämpfen die Autobots und die Decepticons um den Allspark."

Wir schauten ihnen eine Weile zu. Ich versank in Gedanken, bis mich eine Bewegung am Rande meines Gesichtsfeld aufmerken ließ. Mit einem lauten Platschen landete es im Wasser.

Wie damals auch suchte ich mit den Augen das Wasser ab, doch es war aufgrund seines Gewichts rasch versunken. Minuten später schleppte sich der schwer beschädigte Autobot ans Flussufer. Ich lief die Treppe zum Wasser hinunter.

Der Autobot erblickte mich, streckte einen Arm nach mir aus. In der Hand hielt er einen Würfel. "Bitte, hilf uns. Bring dies zu Optimus Prime."

Ich setzte Itsy auf meine Schulter, um die Hände frei zu haben, und nahm den Allspark entgegen. Fasziniert betrachtete ich die alienhaften Symbole auf seiner Oberfläche.

"Lauf", sagte der Autobot und ich sah bereits die bedrohlichen, dunklen Schatten von fliegenden Decepticons über das Wasser auf uns zusteuern.

Stattdessen kündigte ich laut den nächsten Ortswechsel an.



Jetzt standen wir auf Cybertron - ohne den Würfel - am Rande einer Straße. Diese Straße war eine von vielen, die sich in der Ebene zu einer gigantischen Wabe verbanden. An den Ecken standen Gebäude, die Streben des Planeten, die alle Ebenen der Wabenstruktur miteinander verbanden. Man könnte bis zu Cybertrons Kern hinunterschauen, wäre die Luft nicht von den unzähligen Schlachten stark verschmutzt.

"Das ist der Planet deiner Vorfahren", erklärte ich Itsy. "Er ist verfallen, da ihm die Energie aus dem Allspark fehlt."

Die Stadt war ein unheimlicher Anblick. Rostflecken breiteten sich über Straßen und Gebäude aus. Beschädigungen aus den Kämpfen waren teilweise mit unpassenden Platten abgedeckt worden. An einer Stelle in der Ferne war eine Straße komplett durchgerostet, zerrissen und bog sich hinab zur Ebene darunter.

Itsy fragte: "Gehen wir hierhin?"

"Nein. Ich bin da nicht gerne gesehen wegen der Sache mit dem Allspark. Die Decepticons sagen, ich hätte ihn gestohlen und Cybertron würde verfallen, weil ich ihn nicht zurückgebe. Du kannst ohne mich hinreisen, wenn du groß bist."

Ich drehte mich um und zeigte auf eine kleine Hütte, die außen an einem Gebäude angebaut war. "Da ist das Labor, in dem der Doktor versucht hat, den Allspark aus mir herauszubekommen, nachdem dieser mit mir verschmolzen war. Die Wände dort sind noch mit meinem Blut bespritzt, daher gehen wir da nicht rein. Oh, davor liegt M-426237."

Mein Unterbewusstsein hatte meinen früheren Aufpasser überraschenderweise an die Stelle vor dem Labor platziert, wo ich ihn zuletzt gesehen hatte. Tausend Jahre hatte ich gebraucht, um seinen Namen zu lernen - wie peinlich. Der orange Decepticon lag dort am Boden, rührte sich nicht.

Ich zögerte mit der Erklärung. "Ich habe ihn in eine Art Simulation gebracht, wo er ein Lied hört. Aber ich habe vergessen, sie zeitlich zu begrenzen."

Mir wurde schlecht, als ich daran dachte, was ich ihm angetan hatte. Als quasi-unsterbliche Maschine war er verdammt dazu, das gleiche Lied immer und immer wieder zu hören, mit dem ich seinen Arbeitsspeicher belegt hatte. Für alle anderen erschien er wie im Koma oder Stasis-Lock, wie es bei Cybertroniern hieß. Zwar lebendig, doch leblos. Vielleicht wussten die anderen nicht mal, was mit ihm los war. Das hatte er nicht verdient.

Mir verging die Lust am Simulieren. Ich brachte uns zurück in die Wirklichkeit.



In der Wohnung löse ich meine Schwanzspitze von Itsys System. "Den Rest zeige ich dir ein andermal, okay?" Ich ziehe mich vor Schande zusammen, umarme meine Beine. Margret, M-426237, was habe ich nur getan. Ich war in Panik und hatte mich nicht unter Kontrolle. Das darf mir nie wieder passieren. Jetzt kann ich nicht mal nach Cybertron zurückkehren, um meinen Fehler wieder gutzumachen und ihn aus seiner Welt des Schreckens zu befreien.

Itsy, der mein Unwohlsein bemerkt, krabbelt an meine Seite und lehnt sich an mich, um mir Trost zu spenden.



Bei der nächsten Gelegenheit betrete ich einen Kiosk, kaufe mir eine Postkarte und ziehe mich in eine Ecke zum Schreiben zurück. Mit dem Stift über der Karte schwebend formuliere ich die Worte im Kopf. Ohne Namen, aber eindeutig genug, dass die Empfängerin Bescheid weiß. "Hallo. Ich wollte dir nur sagen, dass ich lebe und es mir gut geht. Gut ist relativ. Ich bin in ein paar Schwierigkeiten geraten und muss mich daher verstecken. Ich kann nicht nach Hause kommen und ich konnte mich nicht früher melden. Das ist das erste und letzte Mal, dass ich dir schreibe, da mir das Risiko zu groß ist, dadurch aufgedeckt zu werden. Mach's gut. Hab dich lieb. P.S. Bitte behalte diese Nachricht für dich."

Doch während der Stift über dem Papier schwebt, verlässt mich der Mut. Was, wenn es jemand liest, der das merkwürdig findet? Warum soll ich das Risiko eingehen? Meine Mutter ist eine Tratschtante. Sie hat all die Jahrzehnte bis jetzt ausgehalten, dann wird sie es auch weiterhin tun. Falls sie noch lebt und noch an der alten Adresse wohnt - das müsste ich erst auf elektronischem Wege nachprüfen und würde weitere Spuren hinterlassen. Falls mich ein Maschinenwesen mit meiner jetzigen Identität entdeckt - mich, die ihnen den Allspark 'gestohlen' hat, okay, das ist dann Pech, aber dass sie meine frühere auch aufdecken? Das Risiko ist es nicht wert.

Unverrichteter Dinge lasse ich die Postkarte dort liegen und verlasse das Geschäft.

An meiner Wohnungstür schaue ich nochmal durch das Treppenhaus und lausche. Niemand ist da, daher nehme ich Itsy, den ich als dicke Halskette getarnt trage, von meinem Hals. Das habe ich ihm als Erstes beigebracht, bevor wir die Zivilisation betreten haben. "Öffne die Tür."

Er hat einige Schwierigkeiten und jemand betritt unten das Treppenhaus, daher schließe ich selbst auf und lasse Itsy von drinnen weiterüben. Er gibt sich Mühe. Ich mache es einmal vor, dann hat er den Dreh schnell raus.

Als wir wieder alleine und ungestört sind, fragt Itsy: "Was hast du im Laden gemacht?"

"Ich wollte meiner Mutter eine Karte schreiben, aber ich habe es mir anders überlegt."

Das macht ihn neugierig. "Vermisst sie dich? Willst du nicht zurück? Warum schreibst du keine elektronische Nachricht, geht das nicht schneller?"

Ich seufze. "Ja, sie hat mich sehr geliebt. Das andere ... das ist schwer zu erklären. Und gefährlich. Ich möchte lieber nicht darüber reden. Aber nein, ich kann nicht zurück und ich kann ihr auch nicht schreiben."

"Wenn es dich tötet, wenn du es mir sagst, will ich es nicht wissen." So lieb ist er, der Kleine.

Ich, für meinen Teil, beschließe, keine Simulationen über meine ferne Vergangenheit mehr zu besuchen, damit sie keine unangebrachten Gefühle in mir wecken.



Da es nur eine Sache gibt, in der mir niemand etwas vormacht, besorge ich mir einen gut bezahlten Job in einer großen IT-Firma.

Halb gelangweilt lasse ich mir am ersten Tag die Systeme zeigen und erklären. Da ich eine halbe Maschine bin, erschließt sich mir deren Funktionsweise, sobald ich mich mit ihnen verbinde. Doch das kann ich hier nicht machen.

Itsy trage ich wie üblich als Halskette mit mir, da kann er alles sehen und hören. Nach dem, was ich getan habe, habe ich mir geschworen, ihn nie mehr alleine zu lassen. Oder wenigstens nicht ohne triftigen Grund, und Arbeit ist kein Grund, um ein Baby stundenlang alleine zu lassen.

Lustlos richte ich mir als Alibi meinen Arbeitsplatz ein und gebe mich beschäftigt, während ich darauf warte, dass die anderen das Büro verlassen. Mit diesen stupiden Systemen zu arbeiten betrachte ich als Zeitverschwendung.

Zur Mittagszeit fährt ein Snackwagen durch das Büro. Ich könnte in die Kantine ins Erdgeschoss gehen, doch ich bin nicht bereit, mich den Kommentaren zu stellen, wenn ich die Rohkostbeilagen abbestelle. Vielleicht morgen.

Der Snackwagen bietet Salat - ausgeschlossen. Belegte Brötchen, schön mit Salatblatt für das Gewissen - nein. Thunfisch-Sandwich - das Richtige, um in Erinnerungen zu schwelgen, aber das kann ich leider nicht essen. Schokoriegel, eingeschweißt und einigermaßen steril. Ich nehme einen.

Danach schaue ich mir meine Tickets an, ein paar einfach zu erledigende Aufgaben für den Anfang. Ich bereite sie auf meinem inneren System innerhalb weniger Minuten vor und fühle mich unterfordert. Ich könnte so viele wunderbare Dinge für sie tun. Doch ich lege mir die Regel fest, erledigte Aufgaben erst kurz vor ihrem Fälligkeitsdatum abzugeben, um nicht aufzufallen.

Ich hole mein Smartphone hervor, das ich als Krücke gekauft habe, wenn ich doch mit der Außenwelt elektronisch kommunizieren muss und tue, als würde ich Musik hören. Eine Hand halte ich an der Tastatur und schaue ab und an auf den Monitor. In Wahrheit baumelt der Stecker meiner Kopfhörer lose herum und das Kabel vom Smartphone führt zu meiner Brust, wo ich es durch den Schlitz in meiner Haut an mein internes System angeschlossen habe.

Ich versuche, das Smartphone dazu zu bringen, Decepticon-Radio zu empfangen und zu entschlüsseln. Leider besitze ich das Programm von Carla nicht mehr und versuche es zu rekonstruieren als Backup für den Fall, dass meine Systeme ausfallen, was öfter vorgekommen ist. Das Empfangen und Anzeigen der Signale ist kein Problem. Doch das Entschlüsseln der komplexen, teilweise sich in mehreren Strängen überlagernden Signale bereitet dem System Schwierigkeiten. Als ich keine Lust mehr habe, entscheide ich, dass es halbwegs ausreicht.

Während ich das Internet nach Alienmeldungen absuche, schaue ich mich im Büro um.

Manche der Kolleginnen und Kollegen arbeiten still, andere besuchen einander an ihren Plätzen, um Aufgaben zu besprechen.

Manchmal sehe ich Leute vom Management durch das Büro gehen, allen voran den Abteilungschef. Der Chef ist ein gut aussehender Mann, um die Dreißig, sauber glatt rasiert mit perfekt zurück gegelten Haaren im Business-Anzug. Man könnte ihn jederzeit für einen Katalog oder für unsere Homepage ablichten.

"Kommen Sie klar?"

Ich fahre erschrocken herum. Die Kollegin, die mich heute morgen herumgeführt hat, schaut auf meinen Bildschirm.

"Oh ja, ja." Ich reiße die Kopfhörer heraus. "Ich bin noch dabei, mich in die Aufgaben reinzudenken, bevor ich anfange."

Das ist kein Problem, oder?

Sie erklärt: "Du kannst auf unsere Systeme auch per Smartphone zugreifen, wenn du es an unser internes W-LAN anschließt. Warte, ich zeige es dir."

Ja, cool, damit könnte ich den Code von meinem internen System über das W-LAN meines Smartphones direkt auf unsere Server spielen. Nicht. Zwar klingt die Möglichkeit verlockend, doch das ginge mir zu schnell.

"Danke." Ich tue, als würde ich mich mit den neuen, mobilen Oberflächen der Systeme vertraut machen und stöpsle die Kopfhörer wieder ein, als Zeichen, dass ich nicht gestört werden will.

Ich warte bis Feierabend. Die Kollegin kommt nochmal vorbei, um mich darauf hinzuweisen, dass nicht von mir erwartet wird, dass ich an meinem ersten Tag Überstunden anhäufe. Dann warte ich, bis nur noch ein, zwei Workaholics am anderen Ende des Großraumbüros sitzen, von wo aus sie meinen Platz nicht einsehen können. Ich fahre meinen Schwanz aus, stöpsle ihn an meinen Rechner und überspiele die erledigten Aufgaben innerhalb weniger Sekundenbruchteile. Dann erhebe ich mich und mache mich auf den Weg nach Hause.



So verlaufen meine Arbeitstage. Am folgenden Tag sitze ich jeweils ruhig an meinem Platz, lade die fälligen Aufgaben hoch, kopiere Kommentare und Dokumentation an die gewünschten Stellen, um einen normalen Arbeitsprozess vorzutäuschen. Während ich die meiste Zeit damit verbringe, Nachrichten im Internet zu lesen und die Bilder von Webcams in der Umgebung nach verdächtig aussehenden Fahrzeugen abzusuchen. Ich versuche mir ein Bild davon zu machen, wo sich die Autobots und Decepticons im Moment aufhalten, doch ich finde außer den offiziellen Bildern, in denen die Cybertronier absichtlich vor Kameras treten, nichts.

Oh Moment, da gibt es eine Nummer der Regierung, unter der man "Alien-Aktivitäten" melden kann. Vermutlich meinen sie Decepticons. Dann ist es kein Wunder, dass sie im Radio so friedlich wirken - sie halten sich zurück.

Gerade kommt der Chef vorbei, wie ich aus dem Augenwinkel bemerke. Schuldbewusst blicke ich von meinem Smartphone auf in sein freundlich lächelndes Gesicht, das mir unpassend erscheint. "Kommen Sie bitte kurz in mein Büro."

Ups, bekomme ich Ärger? Hastig stöpsle ich mein Smartphone aus und folge ihm.

Wir nehmen voreinander Platz. Schuldbewusst mache ich mich klein und erwarte eine Rüge für meine Arbeitsweise, doch noch immer lächelt er. "Sie haben Ticket 3798 gestern Abend innerhalb einer halben Stunde erledigt. Das ist unglaublich. Wie haben Sie das gemacht?"

Ich versuche mich zu erinnern und schaue ihn nur fragend an. Gestern Abend habe ich mehrere Aufgaben bearbeitet, aber ich habe noch keine von ihnen abgegeben? Vermutlich meint er das, das zu morgen fällig ist.

"Das sollte zu morgen fertig werden, oder?"

"Das Ticket wurde seit Monaten herumgeschoben, weil niemand Zeit hatte, sich darum zu kümmern. Wir haben nicht erwartet, dass Sie das schaffen."

"Ähm, tut mir leid?" Ich merke mir, dass ich die Fälligkeitsdaten bei Erhalt einer Aufgabe hinterfragen muss.

Er schüttelt sachte den Kopf. "Nicht so schüchtern. Es sah aus, als würden Sie den ganzen Tag lang nichts tun, also habe ich mir Ihre Aktivitäten angesehen. Sie sind wohl sowas wie ein Genie, aber Sie brauchen Ruhe, um sich zu konzentrieren, habe ich nicht recht? Das erinnert mich an mich früher. Schrecklich der Lärm im Großraumbüro, ständig schaut einem jemand auf den Bildschirm."

Ich zwinge mich zur Ruhe und danke ihm insgeheim für die Steilvorlage. "Ja, ich mag nicht, wenn mir andere Leute bei der Arbeit zuschauen."

Er nickt wohlwollend. "Sie können morgens gerne später ins Büro kommen, wenn Sie sich sowieso nicht konzentrieren können. Hauptsache die Arbeit wird erledigt."

Ich danke ihm, aber werde das Angebot wohl nicht in Anspruch nehmen. Keine Ahnung, wie ich meine Zeit zu Hause besser nutzen könnte. Im Büro habe ich rasend schnelles Internet und kann alles tun, was ich will.

Der Chef zeigt auf meine Halskette. "Ist die von Ihrem Freund?"

Ich bin etwas irritiert. Ich und eine Beziehung, tz, nie im Leben. Doch das sieht man mir ja nicht an. Stumm schüttle ich den Kopf.

Er fährt fort: "Gehen Sie heute Abend mit mir essen?" Als mein Blick verwundert runterrutscht zum Ehering an seiner Hand, ergänzt er: "Lassen Sie uns über Ihre Arbeitsweise reden. Vielleicht finden wir noch mehr Dinge, die wir gemeinsam haben und wie wir die Prozesse optimieren können."

"Okay." Wenn es rein geschäftlich ist, sehe ich da kein Problem. Auch wenn die Frage nach meinem Freund etwas anderes vermuten lässt.

"Danke. Mehr wollte ich nicht."

Er entlässt mich und ich begebe mich zurück an meinen Arbeitsplatz.



Der Chef holt mich noch vor Feierabend an meinem Arbeitsplatz ab, sodass ich keine Zeit habe, an meinen neuen Aufgaben zu arbeiten, doch er sagt, dass ich diese Woche bereits so viel erledigt habe, dass ich mir darum keine Gedanken zu machen brauche.

Kurz bevor wir das Gebäude verlassen, setze ich meine Kapuze auf.

Als ich merke, dass der Chef inne hält und mich fragend anschaut, erröte ich beschämt. "Ich mag es nicht, wenn andere Leute mich anschauen." In Wahrheit ist es für den Fall, dass sich jemand in der Nähe herumtreibt, der mein Gesicht kennt. Die Stadt ist voller Autos und an jeder Ecke sind Überwachungskameras befestigt. Mit der Kapuze minimiere ich das Risiko, durch Zufallsbegegnungen entdeckt zu werden.

"Wie Sie möchten. Wenn Sie sich damit besser fühlen." Er scheint sich langsam an meine Eigenarten zu gewöhnen.

Er fährt mich in seinem Porsche zu einem etwas abgelegenen, aber sehr hochwertigen Restaurant, wo ich mir mit meinem Business-Casual-Look und meiner fetten Halskette etwas deplatziert vorkomme, doch niemand anders stört sich daran. Fern von jeglicher Überwachungskamera und dem Trubel der Straße nehme ich meine Kapuze ab. Am Eingang begrüßt mich ein Kellner höflich und führt uns zu unserem Tisch.

Als ich die Karte studiere, bin ich etwas überfordert. Den Gerichten sieht man den Gargrad nicht an.

Steak, hm. Wäre es ein Problem, wenn es nur medium gegart ist? Besser kein Risiko eingehen. Vielleicht nehme ich einfach eine Portion Nudeln.

Ich frage den Kellner: "Ist da Rohkostsalat bei? Den für mich bitte nicht. Ich darf nur gut Durchgegartes essen." Er lächelt freundlich. Salat ist überall dabei.

"Möchten Sie einen Wein dazu?"

"Nein danke, ich vertrage keinen Alkohol. Nur ein Wasser, bitte." Oh Primus. Mir ist es peinlich, all diese Sonderwünsche vorzutragen. Warum habe ich nur zugesagt?

Mein Chef bestellt sich ein Steak und ein Glas Rotwein und klappt die Karte zu. "Gut. Dann erzählen Sie mir, wie arbeiten Sie? Wie gehen Sie vor, wenn Sie Code schreiben?"

"Warten Sie, das kann ich ihnen zeigen."

In meiner Vorstellung klingt alles logisch. Mal schauen, ob er es auch so sieht. Ich hole mein Smartphone heraus. Eins der Programme, an denen ich gestern gearbeitet habe, zeige ich als Signalmuster und zoome heraus.

"Hier, der Codeabschnitt verbindet sich zur Datenbank und fragt ein paar Kundendaten ab. Sie unterteilen die Aufgabe vermutlich in Teilschritte, bis sie für jeden Schritt den Befehl angeben können, der ihn ausführt, richtig? Aber schauen Sie das so an. Sehen Sie hier im Signal, der Verbindungsaufbau sieht aus wie ein Händeschütteln. Die Datenbank sieht hier aus wie ein Schlüsselloch. Der Code erzeugt ein Signal, dass sich wie ein Schlüssel in das Signal fügt, sehen Sie das?" Ich fuchtle mit dem Smartphone vor seinem Gesicht herum und wische weiter. "Hier ist die Darstellung der Daten, die sehen aus wie Bausteine, wie merkwürdig geformte Legosteine. Nein, wie Tetrissteine. Wie eine Mischung aus Lego und Tetris. Und die Anfrage zeigt, wie sie zusammengebaut werden müssen. Sehen Sie das? Sehen Sie das?"

Der Chef betrachtet fasziniert den Bildschirm. Doch in seinem Lächeln sehe ich kein Erkennen. Enttäuscht ziehe ich schließlich das Smartphone zurück.

Er fragt: "Also ist das so eine Art Synästhesie? Sie sehen Bilder vor sich, wenn Sie Code sehen?"

"Nein, sehen Sie doch." Ich fahre mit dem Finger den Umriss des Schlüssels entlang. "Hier ist der Schlüssel. Schauen Sie genau hin."

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das ist keine Synä-irgendwas. Das Signal hat wirklich Formen.

Doch er schüttelt nur freundlich, unverständlich den Kopf. Er fährt fort: "Faszinierend. Ich stelle mir vor, dass ein Transformer so arbeiten würde wie Sie."

Er ergreift meine Hand und ich fühle sein warmes Fleisch, während er meins spürt. Meine Tarnung ist perfekt. Doch ich weiß nicht, was diese Geste bedeuten soll. Außerdem bin ich noch immer leicht verstimmt davon, dass er mich nicht versteht und diese Mischung aus Gefühlen und Signalen verwirrt mich.

"Ähm, vielleicht fragen Sie einfach einen, ob er bei ihnen arbeiten will?"

"Das ist nicht möglich, nach dem, was in Chicago vorgefallen ist."

Ich schaue ihn verständnislos an. Bevor ich nachfragen kann, fügt er hinzu: "Oh, in Chicago gab es einen Angriff der Transformer. Letztes Jahr, haben Sie das nicht mitbekommen?"

Verlegen ziehe ich meine Hand zurück und lächle entschuldigend. "Da habe ich außerhalb der Welt meiner Bücher nichts mitbekommen."

"Sie müssen nicht schüchtern sein. Wir können über alles reden. Hier."

Er holt seine Karte heraus, schreibt etwas darauf und schiebt sie mir über den Tisch.

"Das ist meine private Nummer. Wenn Sie irgendwas brauchen, jemanden zum Reden, dürfen Sie mich jederzeit anrufen. Jederzeit."

"Danke." Ich werfe einen Blick darauf, als mir was Wichtiges einfällt. "Oh, ich ... ich telefoniere nicht. Ich schreibe Sie dann an, wenn das in Ordnung ist."

Er schaut mich wieder leicht befremdlich an. "Manche Dinge lassen sich im Gespräch leichter klären. Sind Sie sicher?"

Ich laufe rot an und ärgere mich, dass ich das angesprochen habe. "Sie dürfen mir Sprachnachrichten schicken, wenn das leichter für Sie ist, aber ich spreche nicht am Telefon. Bitte akzeptieren Sie das."

"Gut." Er zuckt mit den Schultern. Dann hält er inne, als ihm etwas einfällt. "Haben Sie Angst, dass Sie abgehört werden? Von der Regierung oder einem Geheimdienst? Ich habe gewisse Verbindungen. Wenn es Ihnen hilft, tätige ich ein paar Anrufe."

"Nein danke, das ist es nicht."

Er wirkt leicht verwirrt. Er versucht, sich einen Reim auf mein Verhalten zu machen, doch die einzige Erklärung, die bleibt, ist, dass es sich um eine Marotte handelt.

Als der Kellner die leeren Teller abräumt, bietet er Nachtisch an: Schokomousse.

"Ja gerne." Ich strahle voller Vorfreude.

Doch mein Chef fragt: "Ist das mit rohen Eiern gemacht?"

Oh, Mist. Da habe ich nicht dran gedacht.

Der Kellner bejaht.

"Dann für meine Begleiterin bitte die hausgemachten Waffeln mit warmer Schokosoße."

Als der Kellner gegangen ist, sage ich: "Danke. Sie haben mir das Leben gerettet."

"Was würde passieren, wenn Sie das essen würden?"

"Das war mein Ernst."

Betretenes Schweigen macht sich breit. Okay, ich könnte mich im Notfall ins Krankenhaus bringen lassen, doch das eröffnet weitere Wege zu sterben. Ich habe dem nichts hinzuzufügen.

Die leckeren Waffeln heben meine Stimmung wieder.

Nach dem Essen bietet er mir an, mich nach Hause zu fahren, doch ich lehne dankend ab.

"Es ist dunkel und gefährlich draußen. Ich muss darauf bestehen, Sie nach Hause zu fahren. Wenn nicht, dann lassen Sie mich Ihnen ein Taxi rufen."

Oh Primus, das ist mir unangenehm. Ich will ihn nicht bei mir zu Hause haben. Auch nicht vor der Tür.

"Dann nehmen Sie mich wenigstens bis zum Büro mit. Von da wäre ich sowieso gelaufen."

Ich meine damit, dass ich den öffentlichen Nahverkehr benutzt hätte.

Er konsultiert die Karte auf seinem Navigationsgerät. "Das ist ein Umweg. Bis zu Ihnen nach Hause ist es kürzer."

"Okay." Ich gebe mich geschlagen. Aber in meine Wohnung darf er nicht.

Glücklicherweise ist er ganz der Kavalier und fragt nicht danach. Er wünscht mir eine gute Nacht und lässt mich vor meiner Haustür stehen.

Ich frage laut: "Wie findest du ihn?" Ich wohne in einer Gegend, die nicht den besten Ruf genießt. Nachts treibt sich hier selten jemand herum. Die Miete ist günstig.

Meine Halskette antwortet auf Cybertronisch, was für Umstehende wie Hintergrundgeräusche klingen würde: "Ich mag ihn nicht." Schwer zu sagen, ob es an persönlichen Gründen liegt oder ob da die Abneigung spricht, die allen innewohnt, die mit Decepticon-Naturell geboren wurden.

"Ich weiß nicht, ob er nur freundlich ist oder ob er mich flachlegen will."

"Was ist flachlegen?"

Ups. "Erzähle ich dir, wenn du groß bist."
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