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Mörder im K11

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Alexandra Rietz Christian Alsleben Gerrit Grass Michael Naseband Robert Ritter
03.09.2021
20.10.2021
8
13.361
4
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
14.10.2021 1.849
 
Was haben diese Züge nur an sich? Lange Wartezeit und schwupps kommt ein Kapitelchen bei rum ;)
Hoffe ihr habt bei dem Schmuddelwetter eine Decke und einen leckeren Tee parat :)
Wünsche euch viel Spaß beim Lesen!
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Während sich die Lage im K11 immer weiter zuspitzte, lag Gerrit immer noch alleine in seinem Gefängnis und hatte niemanden gesehen. Als schließlich hinter Gerrit die Tür aufging und dann mit einem Klicken des Lichtschalters die Lampen über ihm brummend zum Leben erwachten, musste Gerrit angestrengt blinzeln, um sich an die neuen Lichtverhältnisse in seinem Gefängnis zu gewöhnen. Vor ihm stand eine Frau mit brustlangen Haaren, die so über ihm stand, dass sie eine Lampe direkt hinter sich hatte und Gerrit ihr Gesicht nicht sehen konnte. Das änderte sich, als sie mit ihm sprach. Ihre Stimme war eine Lage höher als gewöhnliche Stimmen, aber die Kälte in den Worten hatte Gerrit bei einer Frau selten gehört. „Na da schau an, bist du glatt vor meiner Ankunft aufgewacht. Dabei wollte ich dich doch so gerne wecken.“ Seine Wärterin kniete sich neben ihn und grinste ihn an, während Gerrit sich ihre Gestalt genau einprägte.

Blonde Haare, Grübchen und eine recht adrette Figur täuschten über die Ruchlosigkeit in den Augen der Frau hinweg. „Was wollen sie von mir? Und was haben sie mit meiner brünetten Begleitung gemacht?“, knurrte Gerrit wütend, er wollte wissen was hier gespielt wurde! Die Frau lachte hell auf, es klang als würde sie Glas zum zerspringen bringen wollen. „Ihr Männer seid doch alle gleich. Setzt man sich ne Perücke auf und klimpert ein wenig mit den Wimpern, schon haltet ihr uns Frauen direkt für eine andere. ICH war deine Begleitung. Seit du vorgestern in unser Haus gewankt bist, um Kilian zur Rede zu stellen hab ich ein Auge auf dich geworfen und du warst perfekt. ‚Lass Alex bloß in Ruhe, sonst kriegst du es mit mir zu tun!‘ Die perfekte Einleitung für meinen Plan.“ Gerrit war irritiert, doch es war als würden ihre Worte Türen in seinem Gedächtnis öffnen.

Er stand vor der Wohnung von Kilian Jobst, die Hand an der Wand, um sich gegen den Schwindel abzustützen. Die Haustür war offen und der Mann stand noch davor, Gerrit kam näher. Sie stritten sich, worüber sie argumentierten, wollte Gerrit nicht einfallen. Dann eine Tür die zufiel und Gerrits Schuh, der sie daran hinderte sich ganz zu schließen. Gerrit, wie er in der Wohnung stand und dem Mann vor ihm eine reinschlug, dass der nach hinten krachte. Seine sofortige Reue und die Wut des Geschlagenen, der sich aufrappelte und ihn anschrie. Gerrits Flucht aus der Wohnung, verfolgt von Kilian Jobst. Gerrits Fall einen Absatz Treppen hinunter und eine Frau, die ihm hoch half und ihn nach Hause brachte. Eine blonde Frau.

Gerrits Gesicht war starr, seine Erinnerungen waren wieder da. Bruchstückhaft, aber genug, um eines zu erkennen: „Sie waren am Tatabend dort! Er hat noch gelebt als ich fort bin! Haben Sie Kilian Jobst umgebracht?“

Erleichterung durchströmte Gerrit, er hatte niemanden umgebracht, er wusste nun zwar, dass er tatsächlich dort gewesen war aber als er gegangen war hatte der Mann noch gelebt! Er war also wirklich kein Mörder. Die Frau vor ihm war trotz seiner Frage ruhig, so ruhig als würden sie eben ein Pläuschchen über das Wetter halten und nicht über den Tod eines Menschen. Sie beugte sich herab und ihre Haare fielen ihr locker über die Schulter und Gerrit ins Gesicht. Unwirsch schüttelte der Kommissar den Kopf, bis die Haare zur Seite fielen und die Frau kicherte, dann packte sie ihn ohne Vorwarnung am Kiefer und drückte ihn hoch, dass Gerrit sie ansehen musste. Für so eine unscheinbare und schmale Frau hatte sie ganz schön Kraft und

Gerrit fand sich nicht in der Position sich ihr zu widersetzen, obwohl er sich nicht von ihr anfassen lassen wollte. „Schade eigentlich um dich. Hätte ich dich nur vorher kennengelernt, bevor Kilian so viel Mist gebaut hat. Wir wären ein schönes Paar gewesen.“ Unvermindert setzte sie sich auf ihn und drückte ihm ihre Brust ins Gesicht. „Und wir hätten viel Spaß miteinander haben können, meinst du nicht?“, lachte sie, bevor sie sich in einer fließenden Bewegung aufrichtete und neben Gerrit im Schrank herumfuhrwerkte. Gerrit hatte die Augen zugekniffen und den Atem angehalten und verfluchte einmal mehr seine schlechte Ausgangssituation. Von wegen viel Spaß haben. „Was soll das alles, warum bin ich hier? Lassen Sie mich doch gehen, ich bin Polizist. Sie sollten sich das gut überlegen, wenn Sie mich hier festhalten wird Sie das teuer zu stehen kommen! Meine Kollegen suchen bestimmt nach mir.“

Die Frau neben ihm schien nicht im geringsten überrascht und verhöhnte ihn mit übertrieben geschauspielerter Besorgnis. „Buhuu ich hab ja so Angst -  und jetzt erzählst du mir gleich, dass deine Kollegen in Kürze hier sein werden, oder? Mach dich nicht lächerlich. Ich habe gestern mit ihnen gesprochen. Die halten dich bei der aktuellen Beweislage garantiert für den Mörder. Immerhin habe ich laute Stimmen und eine Drohung gehört und dann einen Mann aus der Wohnung gehen sehen. Und das zum Tatzeitpunkt!“ Gerrit knirschte mit den Zähnen. Sie hatte ihn also belastet, das musste die Nachbarin gewesen sein, die Alex und Robert vor dem Haus angetroffen hatten, jedenfalls passte ihre Beschreibung der Szene mit der Aussage, die die Nachbarin Robert gegenüber getroffen hatte.
Sie hatte alles genau geplant und er hatte ihr mit seinem Verhalten direkt in die Hände gespielt. Gerrit versuchte mehr aus der Frau heraus zu bekommen und zu verstehen was sie antrieb: „Ich verstehe es trotzdem noch nicht. Wenn ich doch schon als Mörder feststehe, was soll denn dann noch passieren? Ich wandere wegen Mordes hinter Gitter und alles ist gut für Sie.“
Ihr kaltes Lachen hallte unangenehm durch den kleinen Raum. „Ach ja genau, ich lasse dich hier raus spazieren, dass du deinen Kollegen alles haarklein erzählen kannst. Träum weiter. Ich sag dir eines, für dich gibt es kein Happy End, genauso wenig wie für Kilian, diesen Mistkerl. Jedes Kind weiß, dass es für eine Verurteilung ein Geständnis braucht. Und das werde ich wohl kaum aus dir heraus bekommen. Deswegen machen wir zwei jetzt noch einen kleinen Ausflug nach oben. Und dann bekommen deine Kollegen eine kleine SMS mit einem Geständnis von dir. Dass du dich wieder erinnern kannst und einen riesigen Fehler begangen hast. Dass du keinen anderen Ausweg siehst und deswegen den Freitod wählst. Tragische Geschichte, aber so ist das Leben nun einmal. Und die Beweise sind ja wirklich eindeutig, noch dazu wenn der Mörder wieder an den Tatort zurückkehrt.“

Gerrit blieb vor Verblüffung ob so viel Dreistigkeit der Mund offen stehen. „Das ist nicht Ihr ernst, oder? Das ist verrückt, völlig verrückt! Sie werden damit niemals durchkommen! Ich werde nirgendwo mit Ihnen hingehen und Sie können Ihren Plan vergessen. Meine Kollegen fallen auf so etwas nicht herein, das ist Wahnsinn!“ Gerrit spürte Panik in sich aufsteigen, er wollte nicht sterben und schon gar nicht für einen Mord den er nicht begangen hatte Selbstmord begehen. Er sträubte sich gegen die Fesseln, zog die Hände zur Seite, versuchte mit den Zähnen an seine Handgelenke zu kommen, um das Seil aufzubeißen, doch er erreichte nichts außer dass er zu schwitzen anfing.

Seine Kerkerdame sah ihm einige Zeit dabei zu, bis sie sich desinteressiert wieder an dem Regal zu schaffen machte. Gerrit zog und zerrte in größer werdender Panik, doch seine Fesseln rührten sich kein Stück. Stattdessen spürte er plötzlich einen kleinen Stich am Oberarm und er sah, wie die Frau ihm eine Nadel aus diesem zog. „Nur, dass du mir keine Probleme machst, während wir nach oben gehen. Ich wecke dich dann wieder, keine Angst. Du sollst ja deinen großen Moment nicht verpassen.“ Ihre Stimme war kalt wie Eis und der Blick ihrer Augen ließ Gerrit schaudern. Warum musste er an eine Psychopathin geraten? Er überlegte noch, wie er seinen Kollegen ein Zeichen geben und gleichzeitig entkommen sollte, als das Mittel seinen Dienst tat und seine Augen zufielen.

Gerrit wachte nicht lange danach wieder durch Schmerzen in den Wangen auf. Er blinzelte und so langsam stellte sich sein Umfeld wieder scharf. Beziehungsweise er starrte direkt ins Gesicht seiner Entführerin, die vor ihm stand und ihm gerade erneut mit der flachen Hand ins Gesicht schlagen wollte. Dann registrierte sie, dass er wach war und sie ließ die Hand enttäuscht wieder sinken.
Gerrits Wangen brannten.
„Gut. Wird aber auch Zeit, dass du endlich wieder zu dir kommst. Ich habe beschlossen dir eine Wahl zu lassen. Entweder ich gebe dir das restliche Belladonna, was noch nötig ist, dass du hops gehst – ich habe mir sagen lassen, dass man wirklich schöne Halluzinationen haben kann, bevor es zu Ende geht - oder aber ich probiere etwas, was ich mal in einem Film gesehen habe und was wahnsinnig spannend aussah. Sterben wirst du so oder so, aber die Frage ist, ob du leiden möchtest oder nicht.“

Gerrit sah die Frau vor sich so finster an, wie er konnte, doch sie zeigte sich unbeeindruckt und wackelte stattdessen mit einem kleinen Fläschchen in der Hand vor seinen Augen herum. „Was ist denn die Idee aus dem Film? Bisher gab es noch nicht so viel zu entscheiden.“, murrte Gerrit. Ihm wurde langsam warm, der Stress machte ihn unruhig. Er sah sich im Raum um, in der Hoffnung einen Weg hinaus zu finden, doch es schien keinen zu geben. Er selbst saß mit dem Rücken zum Fenster in einem Sessel und blickte nach vorne auf eine gelb gestrichene Wand. Um zu fliehen müsste er an der Frau vorbei oder aus dem Fenster hinaus. Da er nicht wusste, wie hoch er sich befand, war es ihm nicht geheuer. Für ihn gab es keinen Ausweg.

Gerrit musste nicht lange auf Antwort warten, denn die Frau war unglaublich begeistert von ihrer Idee: „Also erstmal stellst du dich auf einen Stuhl und ich binde ein Seil um deinen Hals, dann bekommst du das Seil zwischen die Zähne und ich nehme dir den Stuhl weg. Und dann kommt es darauf an, wie viel Kraft du in den Zähnen und im Kiefer hast. Der im Film hat es ungefähr fünf Minuten ausgehalten. Das war natürlich mehr Show aber vielleicht schaffst du es ja auch so lange. Und jetzt entscheide dich schnell, ich muss schließlich noch einen Notruf absetzen, immerhin habe ich gerade gesehen, dass hier das Polizeisiegel gebrochen ist. Und deinen Kollegen habe ich deine Abschiedsnachricht auch schon überbracht - sie sind mit Sicherheit geschockt und traurig über deinen Verrat.“

Gerrit wurde wütend, richtig wütend. Aber er konnte die Frau vor sich nur böse anstarren, er hatte keine Möglichkeit zu entkommen, seine Hände waren ihm hinter dem Rücken zusammen gebunden, die Füße waren ebenfalls mit einem dünneren Seil verschnürt - immerhin hatte er gute 30 Zentimeter Beinfreiheit - und er fühlte sich etwas angegriffen. Vermutlich war es das, was sie mit ‘dem restlichen Belladonna' gemeint hatte. Sie hatte ihm bereits etwas davon verabreicht, er wusste zwar nicht genau was Belladonna für Auswirkungen hatte, aber er merkte die Effekte schon, spürte wie sein Herz schneller pumpte und sein Atem schwerer wurde. Keine der beiden Wahlmöglichkeiten gefiel ihm, aber irgendwie musste er sich entscheiden und Gerrit überlegte gründlich.
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