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Das Buch der Schlange

von Feoras
Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P16 / Het
Eomer Eowyn Théoden Théodred
03.09.2021
20.04.2022
6
24.356
3
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16 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
20.04.2022 4.113
 
Hallo zusammen!
An dem Kapitel hier habe ich etwas länger gefeilt. Es ist ja schon längst fertig, aber manche Stellen gefielen mir auch nach dem dritten Lesen noch nicht so richtig. Ich hoffe, dass es jetzt besser ist und es sich einigermaßen lesen lässt. ^.^
Ein ganz herzliches Dankeschön geht noch an Celebne und Therondir für die lieben Worte zum letzten Kapitel und die mir damit eine große Freude gemacht haben.
Und nun wünsche ich allen, die mit dabei sind viel Spaß, mit dem neuen Kapitel.♥


☆ ★ ☆


Was im Süden geschieht | Kapitel 6


„Hast du denn völlig den Verstand verloren?!“

Théodens zornige Stimme erfüllte Meduseld und hallte in ihr wider, wie ein Echo in den Bergen. Grimmige Falten zeichneten sich auf seiner Stirn ab, während er mit den Zähnen knirschte und seine Nichte bitterböse anstarrte. So außer sich war er ihretwegen noch nie gewesen und gewiss hätte es ihm längst leidgetan, stünde es derzeit nicht so schlecht um die Besatzung seines Landes.

Éowyn wollte ihm antworten, öffnete den Mund um zu sprechen und schloss ihn dann wieder, da ihr die Worte, die sie sich zurechtgelegt hatte im nächsten Moment schon wieder vollkommen dumm vorkamen. Ihr Herz war so schwer und doch war sie der felsenfesten Überzeugung, dass sie das Richtige getan hatte, auch wenn sie damit alleinstand.

Als sie nichts weiter dazu sagte, fuhr ihr Onkel in barschem Ton fort: „Wie kommst du nur dazu, Théodred zu bitten, deinem Bruder zur Hilfe zu eilen, obwohl dir nicht einmal klar ist, ob dies von Nöten ist?! Théodred ist mit seiner kompletten Éored losgeritten! Hast du mal daran gedacht, was ich tun soll, wenn ich ihn nun anderswo brache?! Dann jagt er irgendwo einer Bande Orks hinterher, die es womöglich nicht einmal gibt, während andere ihr Leben lassen müssen!“

Der König war völlig außer sich und er hatte Recht. Das sah auch Éowyn ein. Sollte es zu Angriffen in der Westfold kommen, dann mussten erst Reiter ausgesandt werden, ihren Vetter Théodred zurück zu holen, was unweigerlich bedeuten würde, dass wertvolle Zeit verstrich, bevor er helfen konnte. Ein fürchterlicher Fehler, der allein ihr zuzuschreiben war und genau das würde sie den Familien erklären müssen, die von den Verlusten betroffen sein würden. Da kamen ihr beinahe noch die Tränen, denn das hatte sie damit gewiss nicht bezwecken wollen. Und doch bereute sie nicht eine Sekunde, was sie getan hatte.

„Ihr habt Recht“, gab Éowyn nun kleinlaut zu, wobei sich ihre Stimme fast vollständig in der großen Halle verlor. „Es ist meine Schuld und ich habe nicht eine einzige Sekunde darauf verwendet, über die Folgen meines Handels nachzudenken. Ich habe mich von meinen Befürchtungen leiten lassen, von meinem eigenen Wunsch, meinen einzigen Bruder nicht zu verlieren. Das war egoistisch von mir. Sehr egoistisch, wenn Ihr so wollt und dennoch muss ich Euch gestehen, dass ich meine Entscheidung noch immer als richtig erachte. Vielleicht mag Euch das falsch erscheinen, doch wisst Ihr genau, dass mir nur noch mein Bruder geblieben ist und das ist der Grund, weshalb ich bereit bin alles zu tun, damit er mir nicht auch noch genommen wird.“

Ihre Stimme wurde nun immer fester, da sie entschlossen war, nur ihr Herz sprechen zu lassen und sich darauf besann, zu dem zu stehen, was sie getan hatte und was sie tief in ihrem Inneren fühlte.

„Wenn ich damit etwas Furchtbares angerichtet habe, so tut es mir unendlich leid, doch kann ich nicht einsehen, dass es ein Fehler war. Es war das einzig Richtige, aus meiner Sicht, dass ich in diesem Augenblick tun konnte. Wenn Ihr mir nun die alleinige Schuld dafür geben wollt, so mag Euch das zustehen, doch besinnt Euch auch darauf, dass Euer Sohn meiner Bitte nicht nachkommen musste. Ich habe ihn weder mit dem Messer bedroht, noch habe ich ihn bestochen um mein Ziel zu erreichen. Théodred ist aus freien Stücken losgeritten und es war auch seine Entscheidung, alle Reiter mitzunehmen. Von solch strategischen Vorgehensweisen scheine ich ja nichts zu verstehen, jedenfalls ist es das, was Ihr mir stets zu sagen pflegt. Daher hätte es wohl keinen Sinn gemacht, ihm davon abzuraten, da ich als Frau von solchen Dingen nichts verstehe. Sollte uns also Schaden aus dieser Sache entstehen, so will ich mit allen Konsequenzen dafür geradestehen und mich für mein Verhalten entschuldigen, doch eines, Onkel, dürft Ihr von mir nicht verlangen; Einsicht. Denn meine Meinung dazu werde ich nicht ändern können, die werde ich beibehalten, egal was Ihr darüber auch denken mögt.“

Als Éowyn ihre Erklärung beendet hatte war es Théoden selbst, dem die Worte fehlten. Seine Augen blickten sie verblüfft an, während er nach Worten suchte. Éowyn schlang die Arme um sich, um ihres wildpochenden Herzens Herr zu werden. Sie musste jetzt standhaft und unbeirrbar sein in dem, was sie getan hatte. Sollte Théoden doch zornig auf sie sein, so würde sie auch das auf sich nehmen. Es mochte ihr nicht leichtfallen, aber untätig zu bleiben wäre für sie schlimmer gewesen. Alles was sie wollte war, dass ihre schreckliche Vergangenheit nicht auch noch ihre Zukunft schreiben würde. Dieser Umstand war auch Théoden bewusst und er verstand ihre Denkweise sogar, was es ihm kaum möglich machte, länger verärgert zu sein.

Schließlich wurden Théodens Gesichtszüge wieder weicher, die Wut wich der Mine eines Onkels, dem seine Nichte unendlich leidtat, für die er voller Verständnis war und auf die er einfach nicht böse sein konnte, selbst wenn es nun angemessen wäre. Mit langsamen Schritten kam Théoden die steinernen Stufen seines Throns herab, um Éowyn eine Hand auf die Schulter zu legen und sagte nun in einem ruhigen Ton: „Das weiß ich doch. Ja, ich weiß, was es für dich bedeuten würde und ich kenne dich. Das sollte ich zumindest. Mein Herz hätte Gewiss nicht anders handeln wollen, als deins, doch kann ich es mir nicht erlauben, meine Entscheidungen nur von meinem Herzen treffen zu lassen. Éowyn, so sehr ich es mir auch wünsche, es gibt Dinge, die selbst ein König nicht tun kann, die er nicht tun darf und solche unüberlegten Handlungen wie die deinen gehören dazu. Ich kann kein Volk regieren, wenn ich meine Befehlsgewalt nur dafür nutze, meine eigenen Interessen zu vertreten und deshalb muss ich mich in diesen Dingen viel zu oft von meinem persönlichen Empfinden lösen. Ich werde nicht von dir verlangen, dass du das genauso tust, aber es wäre ratsam, du würdest es wenigstens versuchen. Derlei Entscheidungen werden noch oft vor uns liegen und wir dürfen nicht immer so handeln, wie unser Herz es wünscht.“

Dabei blieb es, denn der Worte war genug gesprochen und so ging jeder seiner Wege. Im Augenblick konnten sie bloß abwarten und hoffen, dass es sich nur um eine Hand voll Orks handelte, welche schnell vernichtet waren und die Reiter geschwind zurückkehren ließen, um den unschönen Vorfall möglichst bald vergessen zu machen. Doch die Erwähnung, dass sie sich am Tage bewegten und Éomers zweifelnder Gesichtsausdruck ließen ihr keine Ruhe, gleich, was sie sich auch versuchte einzureden.



Auf der weiten Ebene kamen die Reiter, welche mit Théodred ritten ohne Schwierigkeiten voran. Das Wetter machte ihnen zu keiner Zeit zu schaffen und von ungebetenen Eindringlingen oder hinterhältigen Angriffe blieben sie verschont. Es war fast ein gemütlicher Tagesausritt, würde Théodred sein Pferd nicht derart antreiben, als seien sie vor einer unbekannten Bosheit auf der Flucht. Gewiss war ihm bekannt, was sein Vater von diesem Unterfangen halten würde, weshalb er Éomer so schnell wie möglich einholen wollte, die vermuteten Orks, von denen sie Bericht erhalten hatte, vernichten und schnellsten nach Edoras zurückkehren, wo ihn wohl ein Gewitter von Anschuldigungen und Vorwürfen empfangen würde. Und dann wäre die Sache endlich aus der Welt.

Das hoffte er jedenfalls, denn so war in der Regel der gewohnte Verlauf. Sein Vater war streng, aber nicht ungerecht und er war nicht besonders gut darin, seinen Liebsten Strafen aufzuerlegen. Sanftmut und die Erinnerungen an seine eigene Kindheit hielten ihn zurück, denn wie Théodred von seiner Tante wusste, war Théoden ein Rotzlöffel sondergleichen gewesen. Oft wohl hatte Großmutter Morwen verlauten lassen, dass ein solcher Flegel vielleicht auf die Felder gehörte, um mit harter Arbeit seine Flausen auszutreiben, jedoch nicht in die Goldene Halle um König zu werden. Da sie ansonsten aber nur Töchter hatte, waren alle Aussichten auf einen besser geeigneten König dahin. Heute hatte er seine Rolle gut angenommen, doch hin und wieder, wenn er nicht von seinen Pflichten überhäuft wurde, dann saß ihm der Schalk noch genauso im Nacken wie in früheren Zeiten.

Hinter den nächsten Felsen aber, machte Théodred endlich die Reiter aus, nach denen er gesucht hatte. Geschwind überwand er die letzte Distanz und begab sich stürmisch an Éomers Seite, wobei er sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen konnte.

„Éowyn hat dich geschickt, nicht? Ich fasse es nicht, dass du auf sie gehört hast“, gab Éomer ihm ohne jede Begrüßung und ohne ihn auch nur eines einzigen Blickes zu würdigen zur Antwort. „Du müsstest es noch besser als ich wissen, dass eine winzige Ork-Horde kein Grund ist, sie mit 240 Reitern zu überrennen.“

„Das mag stimmen, aber ebenso müsstest du es noch besser als ich wissen, wie hartnäckig deine Schwester sein kann und hätte ich ihre Bitte nicht ernst genommen, hätte sie sicher ein Schwert hervorgezogen und mich solange bedroht, bis ich einwillige“, sagte Théodred und lag mit seiner Vermutung wahrscheinlich gar nicht mal so falsch.

„Nun, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich nun annehmen, dass du Angst vor meiner Schwester hast“, sagte Éomer leichthin, ohne sich anmerken zu lassen, dass er diesen Gedanken ziemlich amüsant fand. Vielleicht sollte er auch froh darüber sein, dass Théodred auf sie gehört hatte. Er fürchtete, dass Éowyn am Ende selbst losgeritten wäre, hätte sie nirgends Gehör gefunden und dieser Gedanke beunruhigte ihn noch viel mehr.

„Wer fürchtet deine Schwester nicht? Sie kämpft grimmiger als die meisten Reiter meines Trupps. Vielleicht sollte ich öfters mit ihr an meiner Seite in die Schlacht reiten“, lachte Théodred, doch hatte er nicht bedacht, dass Éomer derlei Scherze gar nicht mochte.

„Untersteh dich!“, drohte Éomer ihm augenblicklich und seinen Augen war es deutlich anzusehen, dass er seine Worte ernst meinte.

„Schon gut, schon gut“, sagte Théodred sofort und hob entschuldigend die Hände. „Das würde ich mir im Traum nicht einfallen lassen. Außerdem hatten wir dieses leidige Thema ja erst und bevor du fragst; nein, das hat mich nicht zum Umdenken bewogen. Aber verrate mir doch wenigstens eins: wieso habe ich dich so schnell eingeholt? Die Männer sagen stets, was für ein schneller Reiter du bist und nun hole ich dich nach einem halben Tag ein. Findest du es bei deinem Ruf nicht ein bisschen erbärmlich?“ Théodred gluckste um nicht loszulachen.

Éomer versuchte, nichts von seinem Gemütszustand durchblicken zulassen, bevor er ihm eine Antwort gab. „Für eine Hand voll Orks treibe ich mein treues Ross doch nicht so an. Dein Hengst würde es dir danken, wenn du ihn auch mal durchatmen ließest.“

Darauf entgegnete Théodred ihm erst mal nichts und lachte lediglich ein wenig in sich hinein. Es stimmte schon irgendwie. Éomer besaß in seinen Zwanzigern schon viel mehr Ruhe und Gelassenheit als Théodred in seinen Dreißigern. Woran dies wohl liegen mochte? Vielleicht war es die Verantwortung für die kleine Schwester, die er mit dem Tod der Eltern übernommen hatte, doch konnte man andererseits nicht behaupten, dass Théodred damals nicht so etwas wie der große Bruder für die Geschwister geworden wäre. Trotzdem blieb ihre Bindung natürlich eine ganz andere.

Während sie nebeneinanderher ritten und ihre Éored sich miteinander vermischt hatten, beobachtete Théodred Éomer hin und wieder aus dem Augenwinkel, sah, wie er sich die Augen rieb oder angestrengt versuchte, nicht einzuschlafen. Dann wischte er sich wieder über die Augen und tat als habe ihn bloß das Sonnenlicht geblendet. Théodred erinnerte sich, dass Éowyn so etwas in der Art verlauten ließ, bevor er losgeritten war. Éomer war sich dessen wohl nicht bewusst, wie genau er dabei beobachtet wurde. Immer öfter hielt er die Augen für ein paar Minuten geschlossen, was ihm offensichtlich nicht half, denn nachdem er sie wieder öffnete, blickten sie fast noch müder. Eine Weile noch sah Théodred dies mit an, bevor er ihn fragte: „Was hast du letzte Nacht bloß getrieben, dass du so unfassbar müde bist? Wir gingen doch gemeinsam heim. Ich erinnere mich nicht an irgendeine Schönheit, welche dir den Schlaf hätte rauben können.“

„Das war auch nicht der Fall, nur war die Nacht ein wenig kurz“, gestand Éomer ihm. „Und was du Éowyn letzte Nacht sagtest, hat sie ziemlich wütend gemacht. Da platzte sie heute Morgen herein und hat mich regelrecht rausgeschmissen. Sie hätte es dir antun sollen, immerhin hast du ihr gesagt, dass sie nur so wütend wäre, weil sie kein Mann geworden sei.“

Théodred musste laut loslachen. „Was, deswegen war sie immer noch verärgert? Da kann ich ja fast von Glück sprechen, dass sie sich Sorgen um dich gemacht hat. Ich hatte mich schon ein wenig gewundert, dass sie mich vorhin nicht zuerst versuchte in den Dreck zu werfen. Ich wollte mich ja sowieso noch bei ihr entschuldigen, aber dazu kam es dann nicht mehr und was soll ich dazu auch großartig sagen? Ich bin eben auch ein wenig betrunken gewesen.“

„Ich fürchte, dies ist für sie keine gute Entschuldigung“, sagte Éomer. „Du kannst nur hoffen, dass sie es vergessen hat, bis wir wieder zurück sind, sonst wird sie dir die gleiche Ansage verpassen, die ich heute Morgen bekommen habe und das mit diesen entsetzlichen Kopfschmerzen.“

Es war ein kleiner Funken von Schadenfreude auf Théodreds Gesicht zu erkennen. Dass Éowyn an diesem Abend so zornig wurde lag schließlich daran, dass Éomer sie beim Kartenspielen, ziemlich schlecht hatte aussehen lassen. Wäre dies nicht vorausgegangen, so hätte sie zu späterer Stunde sicher nicht wütend und beleidigt vor der Goldenen Halle gestanden und sich mit ihm gestritten. Aus Théodreds Sicht war ganz klar, dass die alleinige Schuld bei Éomer lag und somit hatte er Éowyns unfreundliche Weckmethoden durchaus verdient.

Dann wurde er aber noch einmal ernst und meinte: „Éowyns Bedenken sind doch verständlich. Selbst du hast gesagt, dass dir die Meldung des Kundschafters merkwürdig erscheint. Wahrscheinlich ist sie das auch. Im Grunde können wir nicht wissen, was uns dort erwarten wird.“

„Verständlich schon. Aber nicht gerechtfertigt. Wir wären mit denen schon fertig geworden“, entgegnete Éomer kurz und knapp, als hätte er wenig Interesse daran, wieder über dieses Thema zu sprechen. Auch er verstand sie. Er fühlte schließlich ähnlich wie sie. Sie waren Geschwister und hatten nur noch einander. Eine besondere Verbindung zweifelsohne, doch hatte er auch schnell lernen müssen, dass Gefühle manchmal zurückgesteckt werden mussten. Da er dies so gut wusste und es in seiner Position verheerend sein konnte, wenn er durchblickten ließ, dass er genau so handeln würde, wie seine Schwester, schrieb er sich mehr Vernunft zu, als er in so einem Moment aufbringen konnte.

Théodred kamen diese Worte ziemlich bekannt vor und sprach es daher unbedacht aus. „Das hat dein Vater auch immer gesagt, wenn er losgeritten ist.“

Ein nicht sonderlich freundlicher Blick traf ihn, kaum dass er seinen Mund wieder geschlossen hatte. Das war nicht, was Éomer hatte hören wollen und er fand schnell deutliche Worte dafür. „Mein Vater ist grundsätzlich hoffnungslos unterbesetzt losgeritten, was du mir nicht unterstellen kannst, also wage nicht zu glauben, ich hätte aus seinem Fehler nicht gelernt, den er eines Tages mit dem Leben bezahlte!“

Von da an wurde nicht mehr gesprochen. Beide ritten stumm neben einander her. Es war nicht leicht, darüber zu reden, denn bis heute sprach Éomer nicht gern von seinem Vater, obwohl er ihm nichts vorwarf. Er hatte nie aufgehört ihn zu bewundern und nie hatte er die Schuld für die dunklen Jahre bei ihm gesucht, obwohl sein Tod der Anfang von viel Leid gewesen war. Es war der Schmerz, der seine Lippen vor seinem Erwähnen verschloss. Éomer war nicht von dem Schlag, der offen über das sprechen mochte, was in ihm vor sich ging.



Die Sonne stand hoch am Himmel und brannte in unerträglicher Hitze auf sie herab, als sie in einiger Entfernung auf der Ebene einige Reiter zu erblicken glaubten, die sich nicht mehr vorwärts zu bewegen schienen. Schnell galoppierten sie zu ihnen herüber und trafen auf Imrahil und seine Kinder. Welch eine Überraschung sie zu finden und welch Verwunderung darüber in Éomer aufkam.

„Wieso seid ihr erst bis hier gekommen?“, fragte Éomer, doch wurde er ebenso irritiert angeblickt, wie er sie wohl grad selbst anschaute.

„Wir hatten eine lange Rast eingelegt, weil es uns so heiß geworden war. Wir fürchteten, dass unsere Pferde einen so langen Ritt sonst nicht überstehen würden, wenn wir sie weiter so antreiben. Außerdem stießen wir auf Spuren, die uns seltsam vorkamen, die wir aber nicht genau überprüfen konnten. Jedenfalls wurden wir von vielen Dingen aufgehalten, doch ich verstehe die Frage nicht recht und genauso wenig verstehe ich, wieso ich euch hier wieder begegne“, sagte Imrahil und wartete auf ihre Erzählung.

„Dann kann hier ganz eindeutig etwas nicht stimmen. Irgendjemand spielt hier ein ganz falsches Spiel und ich wage nicht zu vermuten, um wen es sich dabei handeln könnte“, seufzte Éomer. „Théoden erhielt Nachricht. Einer unserer Kundschafter kam eilig herbei geritten und berichtete uns, dass ihr bis zum südlichen Durchlass der Weißen Berge vorgedrungen wärt, wo ihr auf eine Horde Orks gestoßen sein sollt, die sich bei Tageslicht fortbewegen konnten. Diese Geschichte wollte ich von Anfang an nicht glauben und nun erfahre ich, dass sie in der Tat erfunden ist.“

Nachdenklich senkte Imrahil seinen Blick. „Ja, dies ist in der Tat sehr eigenartig. Nun unter diesen Umständen will auch ich in Erfahrung bringen, was hier vor sich geht und weshalb jemand in meinem Namen eine falsche Botschaft nach Edoras bringt. Diesen Kundschafter möchte ich ja gerne mal in die Finger bekommen, doch eins nach dem anderen. Wenn nichts dagegenspricht, so würden wir uns euch anschließen.“

Dieses Angebot lehnten sie gewiss nicht ab. Es war stets ein großer Vorteil, jemanden vom Volk der Dúnedain bei sich zu wissen, nicht nur wegen ihrer Begabungen als Waldläufer, sondern auch wegen ihrer Heilkünste, die nach einer Schlacht eigentlich unverzichtbar waren, doch waren in Rohan die wenigsten mit medizinischer Versorgung vertraut und es gab dort nur wenige Heiler.


Als sich der Himmel verfinsterte und es unmöglich wurde, in der Dunkelheit noch weiter zu reiten, suchten sie sich einen geeigneten Ort für ein Nachtlager und fanden es in einer kleinen, von Büschen umrankten Senke, von kleineren Felsbrocken ein wenig geschützt.


Am Morgen ritten sie dann schnell weiter gen Süden, doch schien jeder Tag noch unerträglicher zu werden, als der vorherige. Nach vier Tagen war das Gebirge nicht mehr fern und Imrahil und seine Kinder hatten schon so manche Spur wahrgenommen. Eins stand also fest. Orks gab es in dieser Gegend tatsächlich und niemand schien davon etwas bemerkt zu haben. Es war so verblüffend, wie es erschreckend war. Nun mussten sie noch herausfinden, weshalb diese Halbwahrheiten gesprochen worden waren.


Als die Abenddämmerung schon weit fortgeschritten war, waren in der Ferne die ersten Ausläufe der Berge deutlich zu sehen, an deren Fuß kleine Siedlungen standen und wo Felder und Weiden dicht an dicht zu erkennen waren und als Éomer und Théodred genauer hinsahen, machten sie einige schwarze Punkte aus, welche wie Ungeziefer über die Weideflächen schwärmen. Dies mussten die Orks sein, nach welchen sie auf der Suche gewesen waren, doch offensichtlich waren es weniger, als sie erwartet hatten. Éowyns Befürchtungen hatten sich also nicht bestätigt. Zwar richteten sie bereits einigen Schaden an, aber man brauchte nicht fürchten, dass Éomer damit nicht selbst fertig geworden wäre. Dennoch zog auch Théodred sein Schwert, denn wenn er schon einmal dabei war, würde er auch einige dieser Kreaturen selbst zur Strecke bringen.

Nun da Schwert und Speer gezogen waren, trieben die Eorlingas ihre Pferde mit tosendem Gebrüll, welches einem jeden der ihnen gegenübertreten musste, fürchterliche Angst eingejagt hätte, den Hügel hinabreitend zu den Feldern und Weiden, wo sich die Orks zusammenrotteten, sobald sie die Reiter erblickt hatten. Wie eine schwarze Wand, aus der spitze Dornen ragten, stellten sie sich den Reitern gegenüber, doch würden die Rohirrim nicht einfach frontal auf sie zugestürmt kommen. Als sie den halben Hügel überwunden hatten, teilten sich die zweihundertvierzig Reiter in der Mitte, machten je zur Linken und zur Rechten einen weiten Bogen und trafen dann von beiden Seiten auf die krummbeinigen Orks.

Die ersten Schwertklingen trafen aufeinander, die Schläge von Metall auf Metall waren über das gesamte Schlachtfeld zu hören, lautes Kampfgeschrei der Rohirrim übertönt die grunzenden Geräusche der Orks. Wiehernde Pferde und Hufgetrappel zog wie ein Gewitter über die langarmigen schwarzen Gestalten, die vollkommen unvorbereitet keine Zeit fanden, sich recht zu organisieren. Die langen Speere spießten sie auf, durchbohren ihre lederartige Haut. Dass die Rohirrim verlieren könnten war ausgeschlossen, denn die Orks hatten das Nachsehen, noch bevor die Schlacht richtig begonnen hatte.

Vom Pferd aus und mit ihren langen Speeren und Schwertern hatten die Eorlingas leichtes Spiel mit ihnen und so lichtete sich das Schlachtgetümmel schon sehr bald wieder. Aber Théodred blieb ein beunruhigender Umstand nicht verborgen, denn immer wieder sah er die viel langsameren Bewegungen als gewöhnlich von Éomer. Es brauchte kein Kennerauge um zu sehen, dass etwas nicht stimmte und er kannte ihn besser, so fiel ihm jede Veränderung sofort auf. Sie konnten nur von Glück reden, dass die Orks in der Tat nicht zahlreich erschienen waren, denn sonst würde Éomer hier in ziemliche Schwierigkeiten geraten.

Plötzlich aber ertönte von den Hügeln ringsum ein Orkhorn. Fast augenblicklich kamen die Kampfhandlungen zum Stillstand und alle spähten in die verschiedensten Richtungen, als über die ersten Kuppen schon eine weitere Schar herüberkam, die in der fortgeschrittenen Dunkelheit immer schwerer zu erkennen waren. Das Schlachtfeld der Rohirrim befand sich in einer weitläufigen Senke, fast schon war es ein Tal, welches von allen Seiten von Hügeln eingekesselt war und nun tauchten von Süden, Osten und Westen her über all diese abartigen Kreaturen auf. Mit einem Mal erschienen zweihundertvierzig Mann lächerlich gegen das, was ihnen gegenüberstand. Die Orks kamen mit lauten, trampelnden Schritten zu ihnen hinab gelaufen, die Schwerter bereit, die Pfeile an die Sehnen gelegt. Kurz bevor die Schwertkämpfer sie erreichten, ging ein gewaltiger Pfeilhagel über sie nieder und riss viele Reiter samt Ross zu Boden. Nur Vorsicht und hohe Kampfkunst konnte die umzingelten Eorlingas jetzt retten.

Was dann geschah dauerte kaum mehr als ein paar Wimpernschläge.

Einer der Orks visierte einen der Reiter mit seinem Pfeil an, schoss ihn ab und traf Éomers Schulter. Die Spitze bohrte sich tief hinein und die Wucht des Aufeinandertreffens hätte ihn fast vom Pferd gerissen. Théodred war dies nicht entgangen, so eilte er zu dem Ork, der bereits den nächsten Pfeil an die Sehne gelegt hatte und Éomer erneut anvisierte, doch ehe er zum Abschuss kam, hatte Théodred der schleimigen Kreatur den Kopf vom Hals geschlagen. Sofort suchten seine Augen wieder nach Éomer, der sich den Pfeil bereits mit einem lauten, wütenden Aufschrei aus der Schulter gezogen hatte, um ungehindert weiter zu kämpfen.

Imrahil war sofort an seiner Seite und versuchte ihn dazu zu bringen, ihn sich die Wunde wenigstens schnell ansehen zu lassen, doch lehnte Éomer ab und bestand darauf, dass sie unbeirrt weiterkämpfen mussten. Sie konnten nicht riskieren, dass ein paar Reiter sterben mussten, nur um ihnen Deckung zu geben. Er würde es schon aushalten, da war er sich sicher.

Elphir und Amrothos gelang es, sich ein wenig vom Getümmel zu lösen. Sie ritten einen weiten Bogen und konnten die Orks des westlichen Hügels von hinten angreifen. Mit ihren gewaltigen Schwerthieben räumten sie beinahe die komplette Anhöhe leer, während sich einige Rohirrim ebenfalls absetzen konnten, um den östlichen Hügel zu bekämpfen. Vor allem ihre Bogenschützen mussten sie erwischen.


Unterdessen hatte Éomer mit seiner schmerzenden Schulter reichlich zu kämpfen. Das Blut quoll aus der Wunde, es zog und riss unerträglich, sodass er sie kaum bewegen konnte. Den Feinden entging nicht, dass sie es hier mit einem leichten Opfer zu tun hatten. Plötzlich standen drei Orks von ungewöhnlicher Größe um ihn herum, die gelben Augen starrten ihn mordlustig an.

Eine Weile konnte Éomer ihnen standhalten, doch war der Schmerz in der Schulter zu groß, er konnte seinen Schild nicht halten und mit einem Mal hatte ihn das Schwert eines Orks knapp oberhalb der Hüfte erwischt und riss ihn vom Pferd. Éomer fand sich auf dem Erdboden wieder, konnte sich grade noch vor einem Schwerthieb eines weiteren Orks in Sicherheit bringen. Ihm kam der Gedanke, dass es nun vorbei war, denn nun hatten sie ihn. Er konnte sich kaum mehr bewegen und die Orks mussten nur noch einmal zustechen.


☆ ★ ☆


Hach... Ich bin echt unsicher, was die Darstellung der Kämpfe betrifft. Ist das zu verwirrend? Kann man da noch folgen? Ich hoffe, euch hat das Kapitel trotzdem gefallen. Danke für’s Lesen und bin gespannt auf eure Meinung. :)
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