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Das Buch der Schlange

von Feoras
Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P16 / Het
Eomer Eowyn Théoden Théodred
03.09.2021
20.04.2022
6
24.356
3
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Dieses Kapitel
3 Reviews
 
24.09.2021 4.203
 
Hallo zusammen!
Zuerst noch der kleine Hinweis, dass ich das dritte Kapitel noch einmal ganz leicht überarbeitet habe. Ihr müsst es aber nicht erneut lesen, um das neue verstehen zu können. Ich habe lediglich die Anreden noch einmal überarbeitet, um es weniger umgangssprachlich klingen zu lassen und einige Formulierungen umgestellt. Danke an Luminella für diesen Hinweis. Mir war es tatsächlich nicht mehr aufgefallen. Und auch die Dopplung mit den Dúnedain ist verschwunden. Dafür ein liebes Danke an Celebne. Ich bin wirklich froh, so aufmerksame Leser zu haben, die mir helfen, an dieser Geschichte noch mehr zu feilen.♥
Und nun wünsche ich allen, die sich hierher verirrt haben viel Vergnügen mit den Feierlichkeiten in Endoras!


☆ ★ ☆


Das Herz einer Kriegerin| Kapitel 4


Schon vor der Mittagsstunde war Meduseld voller Menschen, die schon lange nicht mehr gefeiert hatten und sich noch ausgelassener gaben, als sie es für gewöhnlich taten. Die Männer waren eindeutig in der Überzahl und dies trug unweigerlich zur vorherrschenden Lautstärke bei. Fast durfte man sagen, es gehöre gewissermaßen zum rohirrischen Kulturerbe, dass rund 20 Mannen beisammensaßen, wild durcheinander sprachen und das ohne, dass einer von ihnen zuhörte. Doch um inhaltsreiche Gespräche ging es heute niemandem, bloß um ein paar unbeschwerte, humorreiche Stunden in angemessen stimmungsvoller Gesellschaft bei ein paar Schlucken Met.

In regelmäßigen Abständen wurden die leeren Fässer aus der Halle gerollt und frisch gefüllte kamen wieder herein. Die winzige Brauerei hatte so viel zu tun, dass sie sich noch zwei Leute hinzuholen mussten, um den geforderten Ansprüchen gerecht zu werden und sie kamen ganz schön ins Rotieren. Glücklicherweise gab es auch für sie eine Ablösung und sie konnten sich ebenfalls, wenn auch nur für wenige Stunden, unter die Feiernden mischen. Die Klänge der Musik schallten bis weit über die Stadtmauern von Edoras hinweg und selbst diejenigen, die nicht mehr in die Halle gepasst hatten, tanzten ungewohnt unbeschwert vor ihren Häusern. Da mochte man meinen, dass hier etwas viel Größeres bejubelt wurde, als die Vernichtung einer einzelnen Ork-Horde, aber das war der viel zu langen Abstinenz solcher Anlässe zuzuschreiben.

In Meduseld wurden unterdessen die Leute nicht müde, sich die Geschichte vom Sieg über die Orks berichten zu lassen, so, wie Théodred sie zu erzählen pflegte. In dessen Ausführungen nämlich, war die Wahrheit nichts weiter, als ein Leitfaden, an dem es noch vieles auszuschmücken gab. Bald schon wurde die Geschichte von Mann zu Mann weitererzählt und es dauerte nicht lange, bis die Anzahl der Orks fast dreimal so hoch wie in Wirklichkeit war und schnell war nicht mehr die Rede davon, dass Éomer es mit drei Orks gleichzeitig aufgenommen hatte, sondern da waren es plötzlich fünf. Im Getuschel der Menge konnte man immer wieder Éomers Beinamen deutlich heraushören, den er vom Volk schon vor ein paar Jahren bekommen hatte; Éadig. In der Sprache der Rohirrim bedeutete es so viel wie ‚der Glückliche’ und das war sicher nicht seiner Lebensgeschichte entsprungen, sondern dem glücklichen Händchen im Spiel und im Kampf. Dennoch beschlich ihn ein ungutes Gefühl, weil ihnen einige ihrer Angreifer entkommen waren und sie diese nicht weiterverfolgt hatten. Doch davon sprach Théodred nicht.

Auch heute tönten wieder viele, dass Éomer die meisten Orks besiegt hätte, doch gab er selbst sich ganz bescheiden mit der Behauptung, dies sei so, weil er zuerst angegriffen worden war. Bei all dem, was hier gesprochen wurde, lag die Ironie darin, dass der Einzige, der diesen Beinamen niemals verwenden würde, Éomer selbst war. Es brauchte für ihn ein bisschen mehr, als Kampfgeschick und da war ein gefüllter Krug Met schon ein recht guter Anfang. Vom Zapfhahn aus hatte er die Menge gut im Blick und zu seiner großen Erleichterung war von Gríma weit und breit nichts zu sehen. Das überraschte ihn nicht im Geringsten, denn in seinen Augen sah der Schleimer nicht wie jemand aus, der zu solchen Feierlichkeiten eingeladen wurde, sondern wie jemand, der stets davon ausgeschlossen wurde. Und selbst wenn er sich hier irgendwo im Schatten verbarg, so würde er darauf bedacht sein, unentdeckt zu bleiben, denn er schien hier mit niemandem viel gemeinsam zu haben.

Seltsam erschien es ihm, dass ausgerechnet er zum Berater des Königs aufgestiegen war. Er wollte, er könnte Théoden warnen, bloß wovor? Würde er ihm nicht sagen, dass dies seiner Abneigung gegen ihn entsprang, weil Gríma seiner Schwester schöne Augen machte? Sein Onkel schien weniger bedenken zu haben, obwohl der vorherige Berater weder krank noch gebrechlich gewesen war, als er verschied. Die Menschen munkelten noch immer über diese mysteriösen Umstände doch ihr König schien davon nichts zu hören. Für ihn passte all das nicht recht zusammen, nur fehlte ihm eine Idee, wie er der Sache auf den Grund gehen könnte.

Éomer hatte sich grade an ein paar Männern vorbei gedrängt, als Théodred ihn erblickte und ihn aufgeregt zu sich herüberwinkte. Er saß mit Gamling, Háma, Elphir, Erchirion und Amrothos gemeinsam an einem runden Eichenholztisch, die Hände und Köpfe mit einem Kartenspiel beschäftigt. Das ließ Éomer sich fragen, weshalb Théodred dann wollte, dass er herüberkam, denn bekanntlich verlor dieser ständig gegen ihn, doch nun, da sie einander angesehen hatten, konnte er ihn auch schwerlich ignorieren, also setzte er sich zu ihnen.

„Was ist los, möchtest du wieder verlieren?“, fragte Éomer seinen Vetter, dem das Grinsen jedoch nicht aus dem Gesicht wich, als er schnell den Kopf schüttelte.

„Wo denkst du hin? Keineswegs. Aber ich habe eine kleine Wette mit unseren Gästen ausgehandelt“, gab Théodred bekannt und schien sich diebisch darüber zu freuen, dass es nun wohl auch ganz so aussah, als könne er endlich mal eine Wette gewinnen.

Éomer ahnte schon, wo das hinführen sollte. „Das hast du nicht wirklich getan.“

„Doch“, sagte Théodred begeistert. „Ich habe ihnen gesagt, dass niemand dich schlagen kann. Nun, das haben sie mir natürlich nicht geglaubt“, begann sich der Königssohn zu erklären.

„Warum tust du mir das an?“, fragte Éomer. In seinen Augen konnte Théodred ein unerträglicher Angeber sein und dummerweise gab er nicht selten mit den Stärker anderer an, als mit seinen eigenen.

„Ganz einfach, weil es beeindruckend ist“, erklärte Théodred kurz und knapp. „Jedenfalls habe ich ihnen gesagt, dass ich es ihnen beweisen werde, wenn du auftauchst. Tja, und nun bist du hier. Also, fangen wir gleich an?“

Éomer unterdrückte seinen Unmut darüber. Würde er jetzt aufstehen und gehen, würde man ihm nachsagen, dass er ein Feigling sei und so kam er aus dieser Nummer nun sowieso nicht mehr raus, ganz gleich, was er versuchte. Das hatte Théodred geschickt angestellt. „Also gut. Spielen wir.“


Während die Männer ihr Spiel begannen, hatte Éowyn sich lange Zeit mit ein paar Frauen unterhalten, doch erschien ihr dies nicht sonderlich interessant zu sein, also sah sie sich nach anderen Gesprächspartnern um. Es war schwer hier jemanden zu finden, der sich nicht entweder Chancen bei ihr ausrechnete oder weit weg von ihrem Alter war. So war es ihr nur recht, als sie Lothíriel erblickte, die sich hier scheinbar auch ein wenig verloren vorkam und ging zu ihr herüber.

„Es ist nicht ganz leicht unter so vielen Männern jemand Gleichgesinnten zu treffen“, sagte Éowyn, als sie sich zu ihr auf eine der Bänke setzte.

Lothíriel lächelte. Das kannte sie nur zu gut. Sie war ein wenig jünger als Éowyn und auch ein bisschen stiller. Doch bot sie ihr auch schnell einen Grund, ein bisschen neidisch zu werden. In ihrem Gespräch stellte sich heraus, dass Lothíriel sehr wohl schon Kamperfahrung hatte und ein bisschen stolz ließ sie Éowyn auch ihr Schwert betrachten. Durch ihre Brüder hatte sie eine Menge gelernt und auch von ihrem Vater, der die Männer- und Frauenrolle anscheinend nicht so eng sah, wie man das in Rohan tat. Sie war sogar in der Lage Spuren zu lesen und besaß ein paar Heilkräfte. Sie wusste unheimlich viel über Pflanzen und bald fühlte Éowyn sich ein bisschen elend. Warum konnte sie nicht dasselbe tun? Warum musste sie daheimbleiben und sich langweilen, wenn sie doch ebenso gut reiten und kämpfen konnte. Als Lothíriel aufstand um sich noch weiter umzusehen, blieb Éowyn etwas traurig zurück. Gab es denn keine Möglichkeit für sie, sich irgendwie durchzusetzen, irgendwie das zu tun, was sie tun wollte?

Ihr Blick schwebte durch die Halle. Überall vergnügten sich die Männer, während sie dasaß und sich in Anstand üben sollte. Davon hatte sie genug. Sie erblickte Théodred und seine Runde und kam hastig zu ihnen herüber. Hier konnte sie am besten beweisen, dass sie auch einiges konnte. Die Runde war grade vorbei und den staunenden Blicken zu urteilen konnte Éomer nur wieder gewonnen haben. Sehr gut. Dann konnte sie direkt mit einsteigen. Mit vor der Brust verschränkten Armen tauchte sie neben Théodred auf.

„Wie ich sehe habt ihr noch einen Platz frei“, sagte sie unbefangen in die Runde hinein und blickte sie erwartungsvoll an, während ihr irritierte Blicke zugeworfen wurden.

„Was soll das Éowyn?“, wollte Éomer von ihr wissen. Ihm schien dieser Gedanke nicht besonders zu gefallen. „Kannst du dich nicht irgendwo unterhalten?“

„Was glaubst du, was ich die ganze Zeit tue? Oder hast du Angst gegen mich zu verlieren?“, fragte Éowyn herausfordernd.

„Warum sollte ich das? Du hast in deinem ganzen Leben noch nie gespielt“, gab Éomer zurück. Viel mehr wollte er nicht, dass sie sich vor versammelter Runde blamierte, aber das konnte er ihr schlecht sagen. Er wusste, wie sie das aufnehmen würde und wollte sich nicht wieder mit ihr streiten.

„Dann kann ich ja ruhig mitspielen“, sagte sie. Davon würde sie nun kein Stück mehr abrücken.

Wenig begeistert nahm Éomer dies hin und Éowyn setzte sich zu ihnen. Die Regeln hatte Théodred ihr schnell erklärt, doch hätte er ihr wohl auch dazu sagen müssen, wie rum man die Karten hält, denn die musste ihr Bruder ihr erst mal korrigieren, doch fuhr sie ihn an, dass er ihr bestimmt nur ins Blatt schauen wollte, also ließ er es sein, ihr weitere Ratschläge zu erteilen. Zunächst schlug sie sich auch gar nicht so schlecht. Sie erwischte vier unschlagbar gute Blätter hintereinander und führte ihre kleine Runde rasch an.

„Du solltest aussteigen, Éowyn, du hast vier Runden gewonnen“, riet Éomer ihr leise, damit es die anderen nicht hörten. Er wollte nicht, dass die Fürstensöhne gering von seiner Schwester dachten.

„Du hast bloß Angst, dass ich dich blamiere!“, schimpfte Éowyn empört zurück. Musste er ihr denn immer alles verbieten wollen?

Éomer seufzte und sie fuhren fort.

Auch die fünfte Runde konnte sie noch für sich entscheiden. In der sechsten schlug sie sich zwar gut, verlor aber dennoch und ab der siebten Runde wurde deutlich, dass sie noch nie zuvor gespielt hatte. Sie verlor das Spiel und zwar mit riesigem Abstand. Sie war ein bisschen schockiert und das Grinsen in den Gesichtern der Männer machte es nicht erträglicher für sie.

„Ein guter Spieler weiß, wann er aufhören sollte, Éowyn“, sagte Éomer, in der Hoffnung, dass sie diese Lektion jetzt verstanden hatte, aber dieser Satz machte es nicht besser – im Gegenteil.

Éowyn warf ihrem Bruder einen bitterbösen Blick zu. „Musst du dich unbedingt noch über mich lustig machen?“

„Was? Nein. Aber ich hatte dir gesagt, dass das keine gute Idee ist“, antwortete er und war selbst aufgebracht über die uneinsichtige Art seiner Schwester. Schließlich hatte sie ihn selbst bekniet mitspielen zu dürfen.

„Weil ich eine Frau, nicht?“ Sie schien verletzt zu sein. Einmal mehr fühlte es sich an, als könnte niemand sie verstehen. Sie fühlte sich verloren in einer Männerwelt und das setzte ihr mehr zu, als sie bis lang zugegeben hatte.

„Meinem kleinen Bruder hätte ich denselben Ratschlag erteilt, wenn ich einen gehabt hätte“, verteidigte Éomer sich, doch Éowyn hatte sich seine Beweggründe längst zurechtgelegt.

Ohne ein weiteres Wort stand sie auf und verschwand in der Menge. Théodred nahm dies nicht all zu ernst. Er meinte, dass sie sich schnell wieder beruhigen würde und lächelte bloß müde über ihre Gefühlsausbrüche.

„Irgendwann wird sie das schon begreifen“, meinte er noch. Ihm schien es nichts auszumachen, dass alle am Tisch diesen Vorfall mitbekommen hatten.

Éomer schaute ihn unbarmherzig an. „Halt einfach den Mund, ich will davon nichts mehr hören.“ Er bezweifelte, dass Éowyn sich eines Tages einfach damit abfinden würde, dass Frauen eben nur am Hofe auf ihre Männer zu warten hatten. Ihr erschien ihr Leben sinnlos und ereignislos und vielleicht war sie hier nicht allein damit.

„Weshalb lasst ihr sie nicht einfach tun, was sie für richtig erachtet?“, fragte Elphir und schaute Théodred dabei ein wenig verwundert an.

„Wie meinst du das?“, gab Théodred zurück. Ihn überraschte diese Frage ganz offensichtlich.

„Sie scheint doch geschickt zu sein. In ihr schlägt das Herz einer großen Kriegerin. Bestimmt findet sich in euren Truppen so mancher Mann, dem sie etwas voraushaben könnte. Warum sollte nicht auch sie in der Lage sein, Größeres zu vollbringen?“, sagte Elphir und meinte seine Worte wohl ernst.

„Machst du Witze?“, stieß Théodred hervor. „Welcher Mann würde eine Frau wollen, die sich eine Rüstung überwirft um zu kämpfen? Mein Freund, wir schlagen viele Schlachten und da ist es kein brüllendes Weib, dass wir zu Hause antreffen wollen. Und wer bliebe dann daheim? Wer würde auf uns warten?“

„Dann bestimmt ihr also, was eure Frauen tun, um es euch angenehmer zu machen?“, wagte Amrothos sich möglicherweise ein wenig zu weit vor. Für ihn und seine Familie war es nichts Ungewöhnliches, auch mal die ein oder andere Kriegerin anzutreffen. In Dol Amroth gab es ein paar wenige und auch Imrahil hatte schon von seinen Reisen berichtet, in denen er Frauen traf, die tapferer als ihre Männer gewesen waren.

Théodred ließ die Faust auf die Tischplatte krachen. „Nimm dich lieber ein bisschen zurück, dies ist nicht der Punkt! Bislang hat sich keine Frau darüber beklagt und…“ aber da hob Éomer beschwichtigend die Hand, um den aufbrodelnden Streit rasch aufzulösen.

„Lass gut sein, Théodred. Ich glaube nicht, dass Amrothos dich beleidigen wollte. Nimm dir doch die Zeit über seine Worte nachzudenken“, riet ihm Éomer, denn er hatte sich schon das ein oder andere Mal ähnliche Fragen gestellt.

„Darüber brauche ich nicht nachzudenken. In Rohan stehen die Dinge anders. Unter Waldläufern mag dies normal sein, doch eine Jahrhunderte alte Tradition bricht man nicht einfach, nur weil eine Frau stets aus der Reihe zu tanzen pflegt. Sie hat ihre Aufgaben bei Hofe und die wird sie erfüllen, so wie wir unsere erfüllen“, gab Théodred zurück. Zwar erhob er die Stimme nicht, aber der Ärger ließ sich nicht leugnen. „Ich habe mir auch nicht aussuchen können, ob mir das Leben gefällt, dass ich führen muss.“

„Gewiss“, sagte Erchirion. „Rohan ist anders. Mehr hatten meine Brüder damit nicht sagen wollen. Das muss weder gut noch schlecht sein.“

Sie beließen es dabei. Sie wollten sich nicht streiten und Théoden und Imrahil verband eine lange Freundschaft, die sie als ihre Nachkommen nicht aufs Spiel setzen wollten. Sie wandten sich lieber neutraleren Themen zu.


Lang hielten die Feierlichkeiten nun nicht mehr an. Die Halle leerte sich nach und nach und die Ersten begannen schon, ein wenig Ordnung zu schaffen. Schon morgen sollte es hier wieder aussehen, als hätte keine Feier stattgefunden. Vor der Halle türmten sich die leeren Fässer, die später zur Brauerei zurückgeschafft werden sollten. Ein paar Frauen spülten die zahlreichen Bierkrüge aus und die ersten, kräftigen Männer begannen, Tische und Bänke wieder hinaus zu tragen. Bald war es wieder sehr still in der Halle. Fast zu still.

Draußen standen die Sterne weiß und funkelt am Himmel. Kein Wölkchen verbarg ihren Glanz und doch kühlte es kaum ab. Éowyn hatte sich in die Finsternis zurückgezogen. Nur eine kleine Fackel an der Steinwand der Halle warf einen seichten Schimmer neben sie. In der Halle hatte sie es nicht länger ausgehalten. Zu viel gute Stimmung für ein so bekümmertes Gemüt. Ihr Gespräch mit Lothíriel hatte ihr zu schmerzlich gezeigt, wie allein sie doch mit ihrem Schicksal war. Zumindest erschien es ihr so. Keiner hier wollte verstehen, niemand recht zuhören. Was für sie von Bedeutung war, war für die anderen Belanglosigkeit. Und immerzu diese überheblichen Blicke, die zumeist von Théodred ausgingen und sich rasch auf seine Freunde zu übertragen schienen. Er traute ihr von allen am wenigsten zu, hielt sie für eine gewöhnliche Frau, die seiner Ansicht nach stets zu vergessen schien, wo ihr Platz sei.

Sie zweifelte nicht daran, dass sie ihm dennoch viel bedeutete. Sie waren fast wie drei Geschwister, aber wie sollte er auch verstehen, wie sie sich fühlte? Er hatte das alles, was sie begehrte und er musste auf nicht viel im Leben verzichten. Er bekam fast augenblicklich was er wollte und trotzdem widerstrebte es ihr, ihn darum zu beneiden. Neid war keine gute Eigenschaft und sie wollte ihr Herz nicht auch noch damit füllen, auch wenn es sie schmerzte, all diese Dinge wohl niemals haben zu können.

Grade, als sie die Gedanken an ihn beiseiteschieben wollte, tauchte er direkt neben ihr auf, recht angetrunken, so verriet es sein dümmliches Grinsen, als er sie erblickte. Ungefragt lehnte er sich neben sie an die Wand und lachte grimmig in sich hinein. Sie versuchte das zu ignorieren und richtete ihren Blick zu den Sternen hinauf.

„Das war ein Fest wie es schon lange keines mehr gegeben hat! Wir sollten das immer tun, wenn wir ein paar Orks besiegt haben. Dann reiten wir zurück, so schnell unsere Pferde uns tragen und dann gibt es sofort die nächste Feier. Das wird lustig. Bei den vielen Orks, die dann und wann hier auftauchen, werden wir bald aus dem Feiern nicht mehr herauskommen!“, sagte Théodred voll Begeisterung. Seine Augen glänzten, wenn er nur daran dachte, doch Éowyn war davon alles andere als angetan.

„Und was ist mit den gefallenen Reitern? Feiert ihr deren Ableben dann auch mit erhobenen Bierkrügen und heiteren Liedern, während ihre Witwen daheimsitzen und euer fröhliches Treiben mit anhören müssen?“, sagte Éowyn schnell und barsch, eine Faust geballt, als warte sie nur darauf, dass Théodred ihr einen Anlass bot, ihm einen kräftigen Schlag zu versetzen.

Théodred verzog das Gesicht und stieß sich von der Wand ab. Er machte ein paar Schritte auf und ab und fuhr sich durchs Haar. „Du scheinst wohl immer noch wütend auf mich zu sein, nicht? Nun, was bereitet dir Unbehagen, Éowyn? Du hast gespielt und du hast verloren. Das passiert uns allen früher oder später. Du wirst dir keinen Respekt verschaffen, wenn du dies nicht mit Würde tragen kannst.“

Ihr Blick wurde noch zorniger, falls dies noch im Bereich des Möglichen war und schnaubte böse. „Mit Würde tragen? Ja, das könnte ich wohl, wenn du mich hinter meinem Rücken nicht derart verhöhnen würdest! Glaube nur nicht, dass mir entgangen wäre, wie du immer grinst, wie du deinen Spaß daran hast. Du hältst das alles nur für eine Laune und begreifst nicht, was es für mich bedeutet und darum werde ich mich auch hüten, es dir noch einmal zu erklären!“, fuhr sie ihn an.

Théodred schüttelte den Kopf. In der Tat, er konnte sie wirklich nicht verstehen. Er hatte es versucht, doch es gelang ihm nicht, sich in ihre Lage hineinzudenken. Wie er es auch den Gästen seines Vaters erklärt hatte, fand er, dass jedem seine Aufgabe zuteilwurde, ob sie einem nun gefiel oder nicht und man keine andere Wahl hatte, als sich unterzuordnen.

„Du kannst dir deine Luft sparen, denn von meiner Meinung würde ich nicht abrücken, ganz gleich was du sagst. Aber eins solltest du überdenken; das Volk blickt zu dir auf und erwartet etwas von dir. Etwas, dass du nicht bereit bist zu tun. Nämlich ihre Hoffnung, ihre Stütze zu sein. Sie lieben dich, Éowyn und für sie bist du die Nichte des Königs. Sie vertrauen dir. Aber du sprichst nur davon kämpfen zu wollen und etwas Großes zu vollbringen. Würdest du dich derer annehmen, die dich verehren wie eine Königin, dann würdest du etwas wahrhaft Großes tun. Doch finde ich dich hier beleidigt stehend wie ein kleines Mädchen, darüber erzürnt, dass du kein Mann geworden bist!“

Stille breitete sich aus. Diese Worte hatten sie getroffen wie ein bohrender Pfeil. Beinahe hätte sie ihm dafür eine schallende Ohrfeige verpasst, doch reiner Anstand hielt ihre Hand zurück und die Tatsache, dass sie wusste, dass er nicht gänzlich im Unrecht war. Und doch wollte sie ihm das nicht zugestehen. „Du… du verstehst es einfach nicht, Théodred… du verstehst das einfach nicht…“

Théodred wurde gewahr, dass seine Worte eine Wirkung erzielt hatten, die er so heftig nicht beabsichtigt hatte, doch konnte er sie nicht mehr zurücknehmen, denn geschwind wandte Éowyn sich von ihm ab und verschwand in der Dunkelheit.

„Éowyn!“, rief er ihr noch hinterher, doch ihre Schritte entfernten sich rasch von ihm und er blieb in der Stille der Nacht zurück.


Als sie Éomer in der Halle über den Weg lief und dieser sich wunderte, wie aufgebracht sie war, ließ sie ihn bloß wissen, dass sein Vetter ein einfältiger Trottel wäre, der nichts begreifen könnte, aber mehr sagte sie auch auf seine Nachfrage nicht und rannte davon.

Es war spät und sie wollte nur noch allein sein. Sie hastete die Gänge entlang, voller Wut und Zerrissenheit, kaum darauf achtend, wo sie hinlief. Selbst Gríma, vor dem sie sonst sofort Halt gemacht hätte, wurde beinahe von ihr überlaufen. Sie schenkte der traurigen Gestalt im Schatten zwischen zwei lodernden Fackeln einfach keine Beachtung, rannte an ihm vorbei und immer weiter, bis sie ihr eigenes Gemach erreicht hatte, die Tür fest zuschlug, dass es durch sämtliche Wände hindurch zu hallen schien und trat noch einmal feste gegen das Holz.

Sie schrie einmal kurz grimmig und voll Zorn auf, dann warf sie sich rasend vor Wut auf ihr Bett und nahm sich ihr Kopfkissen vor. Dieses musste eine Vielzahl kräftiger Schläge einstecken, bevor sie es an die Wand schleuderte und sich erschöpft auf das Bett fallen ließ. Das war wieder einmal nicht damenhaft gewesen, doch ihre Wut war nun weitgehend verraucht und niemand außer ihr hatte etwas davon mitbekommen. Zumindest für den Moment hatte sie ihre Gefühle rauslassen können. Sie schaute zwar nach wie vor finster, aber sie war von diesem langen Tag auch müde genug, um nun ein wenig zur Ruhe zu kommen.


Draußen in der Nacht stand Théodred noch immer an der Stelle, an der Éowyn ihn zurückgelassen hatte. Auch wenn seine Sinne nicht mehr ganz beisammen waren, wurde ihm doch bewusst, dass seine Deutlichkeit gegenüber Éowyn sehr verletzend für sie gewesen sein musste. Er war noch nie gut im Zuhören gewesen und hatte sich nie viel um die Bedürfnisse anderer geschert. Er war nicht verzogen oder ungehobelt oder gar gefühlskalt, sondern lediglich etwas zu sorglos. Nie hatte er einen Anlass gehabt, sich in jemand anderes hinein fühlen zu müssen und nun merkte er, dass es besser gewesen wäre, wenn er das hin und wieder mal zu tun pflegte. Für ihn war alles nur ein Spiel, für ihn gab es wenige Grenzen und er sprach oft und gern eben das aus, was ihm so in den Sinn kam und was ihm grade auf der Zunge lag.

Als er seufzte hörte er Schritte auf sich zukommen und bald erschien Éomer vor ihm, der ihm mit einem vorwurfsvollen Blick begegnete. „Was hast du ihr nur gesagt, dass sie so furchtbar wütend auf dich ist? Sie hat die halbe Halle erschüttert mit ihrem Zorn.“

„Ich habe ihr gesagt, dass sie jeden mit Füßen tritt, der sie liebt und dass sie sich wie ein beleidigtes Kind benimmt“, gestand Théodred ihm. Es würde wenig Sinn machen das abzustreiten und das hatte er auch gar nicht erst in Betracht gezogen. Er hatte genug Schaden angerichtet.

„Wörtlich?“

„Sinngemäß.“

Das war fast schlimmer als das, was Éomer befürchtet hatte. Kein Wunder, dass sie so davon gerauscht war. Ein Wunder wäre es gewesen, wenn sie es nicht getan hätte, so gut kannte er sie. „Und warum hast du das gesagt? Du weißt doch, wozu das führt.“

„Ja. Das weiß ich. Und es war nicht richtig. Ich sagte ihr, dass sie beleidigt sei, weil sie kein Mann geworden wäre. Mir ist klar, dass ich nichts Dümmeres hätte sagen können. Es muss mir das Met zu Kopfe gestiegen sein, dass ich es so ungeschickt ausgedrückt habe, doch ließ sie mir keine Zeit, mich zu entschuldigen, denn es tat mir bereits im nächsten Augenblick schon leid“, versicherte Théodred. „Ich habe sie nicht beleidigen wollen, ich wollte nur, dass sie einmal begreift, was sie da tut.“

„Du kannst sie nicht ändern. Sie ist zu stur. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann hält sie daran fest. Am besten wird es sein, wenn wir sie sein lassen wie sie ist“, sagte Éomer langsam. „Ich weiß, dass das schwierig werden kann und ich werde sie bestimmt nicht einmal in die Nähe eines Schlachtfeldes lassen. Aber ich werde auch nicht mehr auf sie einreden, denn ich bin es leid mich mit ihr zu streiten. Sie ist meine einzige Schwester und mit der möchte ich in Frieden leben.“

Théodred blieb einen Augenblick stumm und schaute andächtig in die Ferne, bevor er nickte. „Ja, das mag wohl besser sein. Morgen werde ich mich bei ihr entschuldigen, falls sie mich lässt und mir nicht den ganzen Tag aus dem Weg zu gehen versucht.“


☆ ★ ☆


Und hier endet das vierte Kapitel. Ich hoffe, euch hat das Kapitel gefallen. Falls nicht, lasst mich auch das gerne wissen und wie ich es besser machen könnte. Nächsten Freitag geht es dann weiter. Bis dahin: Bleibt gesund und gebt auf euch acht. ^.^
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