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Das Buch der Schlange

von Feoras
Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P16 / Het
Eomer Eowyn Théoden Théodred
03.09.2021
20.04.2022
6
24.356
3
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15 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
17.09.2021 4.086
 
Hallo zusammen!
Und schon ist wieder Freitag und es gibt ein neues Kapitel. Ich möchte mich noch einmal ganz besonders bei
Celebne, Therondir und Luminella für das liebe Feedback zum letzten Kapitel bedanken. Eure Worte waren mir eine große Freude und geben mir neue Inspiration, für die Überarbeitung dieser Geschichte! ♥
Nun wünsche ich Euch aber viel Spaß, mit dem dritten Kapitel und dem Auftauchen, einer aus den Filmen nicht bekannten Person...


☆ ★ ☆


Der Fürst von Dol Amroth | Kapitel 3


Der nächste Tag sollte ein ruhiger werden, mit recht wenig Vorkommnissen. Unter einem stillen Sonnenaufgang erwachte die Stadt nur langsam. Allerdings kündigte sich bald an, dass es am folgenden Tag mit der Ruhe vorbei sein würde, denn irgendwer hatte das Gerücht gestreut, dass man morgen in der Goldenen Halle die Vernichtung der Ork-Horde, einer der größten Horden in den letzten zwei Jahren, im Westen feiern würde. Da staunte König Théoden nicht schlecht, als die ersten Männer Tische und Bänke in seine Halle schleppten und diese vor seinem Thron abstellten. Im ersten Moment hatte er sie fragen wollen, welcher Bauerntrottel dafür verantwortlich war, doch war ihm nicht entgangen, dass es in den letzten Jahren nicht besonders viele freudige Anlässe in Edoras gegeben hatte. Also beschloss er mit einem Schmunzeln auf den Lippen, die Männer einfach machen zu lassen und musste zugeben, dass selbst er sich ein wenig auf die Feier freute. Auch Éowyn, Théodred und Éomer wunderten sich über den Anblick, der sich ihnen bot, als sie die Halle betraten.

„Hast du das veranlasst, Vater?“, fragte Théodred, der sich dies aber nicht wirklich vorstellen konnte. Gewiss hatte es eine Zeit gegeben, als sein Vater öfter zu größeren Feierlichkeiten aufgelegt war, aber das lag schon eine ganze Weile zurück.

„Eigenartig. Ich hatte fast schon das Gefühl, dass du den Männern diesen Floh ins Ohr gesetzt haben könntest“, antwortete Théoden. Das hätte ihn wirklich nicht überrascht, denn er kannte die Flausen, die er im Kopf hatte. Sie standen den seinen in nichts nach. Diesmal allerdings schien er tatsächlich nichts damit zu tun zu haben.

„Wie gut, dass wir immer einen guten Grund zum Feiern finden, aber so etwas Großes hatten wir wirklich lange nicht mehr. Ich hatte schon gedacht, du hättest sämtliche Feierlichkeiten in deiner Halle verboten“, lachte Théodred und musste sich gewaltig zurückhalten, nicht schon loszulegen.

Man fragte sich, wie er sich so schnell erholt hatte. Es schien fast, als sei er keinen Tag fort gewesen, Éomer hingegen wäre am liebsten umgedreht und wieder ins Bett zurückgefallen. Auch in dieser Nacht war es ihm viel zu heiß gewesen und nur, weil dies nicht mehr auszuhalten war, war er aufgestanden.

Für ein weiteres Schläfchen war es nun aber zu spät, denn grade als Éomer sich abwandte, um nicht beim Gähnen erwischt zu werden, kam ein recht aufgeregt wirkender Háma in die Halle geplatzt. „König Théoden!“, rang er sich während er zu ihnen herübereilte mühsam von den Lippen und schnappte nach Luft.

Sofort hatte er die volle Aufmerksamkeit des Königs, der sich nur wundern konnte. Vielleicht sollte der Tag doch nicht so ruhig werden, wie er sich in der Früh angekündigt hatte. „Was ist los, Háma?“, verlangte Théoden zu erfahren. „Du rennst, als wären die Trolle hinter dir her.“

„Keine Trolle mein König“, brachte Háma keuchend hervor. „Doch hoher Besuch, auf den wir nicht vorbereitet waren. Imrahil von Dol Amroth steht vor der Halle. Er sagt, Ihr wüsstet davon, doch kann ich mir nicht denken, dass Ihr es mir nicht gesagt hättet.“

Théoden war überrascht. Von einem Besuch des Fürsten von Dol Amroth wusste er rein gar nichts, doch konnte er sich gut vorstellen, wie er den armen Háma völlig verwirrt hatte. Das sah ihm ähnlich. „Nein, davon weiß ich nichts, aber lasst Ihn trotzdem eintreten, damit wir diesem Missverständnis auf den Grund gehen können.“

„Sehr wohl, mein Herr.“ Fast hätte Háma vergessen sich vor seinem König zu verneigen und hastete wieder durch die Halle zurück zum Eingang. Er konnte einem fast leidtun, aber irgendwie auch nur fast, denn ein wenig amüsant war sein Anblick trotz allem.

Théoden schüttelte den Kopf. „Was ist denn heute nur los? Da passiert eine lange Zeit nichts und heute herrscht hier das reinste Durcheinander.“ Er sprach dabei mehr zu sich selbst, auch wenn er zugeben musste, dass es nicht verkehrt war, wenn wieder etwas Abwechslung in sein Leben trat.


Keine Minute war vergangen, da schritt der großgewachsene Fürst durch die Halle, begleitet von seinen drei Söhnen Elphir, Erchirion und Amrothos und seiner Tochter Lothíriel. Welch ein Besuch und dies zu einer Zeit, zu der man es am wenigsten erwartet hätte. Allerdings erkannte Théoden am Gesichtsausdruck des Fürsten, – er grinste schelmisch unter seinen dunklen Haarsträhnen hervor – dass er diesen Moment der Überraschung genau geplant hatte.

„Imrahil, wenn ich in diesen Tagen jemanden nicht in meinen Hallen erwartet hätte, dann wohl dich. Was führt dich nach Rohan?“, fragte Théoden. Sie mussten sich schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen haben, so verriet es wenigstens ihre kräftige Umarmung. Sie begrüßten einander genauso, wie es alte Freunde nach vielen Jahren taten.

„Nun, mein König, dies ist schnell berichtet“, sagte Imrahil und verneigte sich tief. „Da ritt ich grade mit meinen Kindern aus Minas Tirith fort, wo wir meinen Schwager Denethor besuchten. Dies muss wohl wenigstens einmal im Jahr sein, auch wenn ich zugeben muss, dass die Besuche dort immer merkwürdiger werden, aber davon sprechen wir ein anderes Mal. Als wir nun über den Pelennor ritten, sahen wir eine Horde Orks von Mordor aufbrechen und zwar Richtung Rohan. Das konnte ich natürlich nicht einfach zulassen, auch wenn ich keinen Zweifel daran habe, dass deine Truppen mit ihnen fertig werden würden, doch ich dachte mir auch, ein bisschen Hilfe würde euch schon nicht schaden. Meine Tochter habe ich eigentlich daraus halten wollen und bat meinen jüngsten Sohn, sie nach Dol Amroth zu begleiten, aber du wirst dir denken können, dass sie wenig einsichtig war. Also ritten wir gemeinsam den Orks hinterher und kamen euren Truppen im Osten zur Hilfe. Euer Kundschafter hätte es sicher längst berichtet, wenn er nicht dabei getötet worden wäre. Also hielt ich es für angemessen, diese Nachricht persönlich zu überbringen, denn nur zu sehr gefiel mir der Gedanke, diese prächtige Halle einmal wieder zu sehen und natürlich auch den König selbst. Besonders als ich erfuhr, dass Eure Reiter im Westen auch siegreich gekämpft haben und mir zu Ohren kam, dass in Edoras gefeiert werden soll.“

Théoden musste tief Luft holen. „Ach, sagt mir bloß, dass sich das so schnell verbreitet hat. Ich weiß es doch selbst erst seit ein paar Minuten!“ Doch als er sah, wie sich Imrahil angestrengt versuchte das Lachen zu verkneifen, wurde ihm etwas klar. „Ihr habt das angeleiert!“

„Ich?“, fragte Imrahil und versuchte unschuldig zu klingen, was ihm allerdings nicht gelang. „Théoden, mein König, warum in alles in der Welt sollte ich denn auf so eine Idee kommen?“

„Ganz einfach“, sagte Théoden und spielte dabei ein wenig Ernsthaftigkeit vor. „Weil Euch nicht zu Ohren kam, dass hier gefeiert werden soll. Ihr habt lediglich erfahren, dass wir einen Sieg im Westen errungen haben und da habt Ihr dem armen Reiter gesagt, dass dies ein Grund zum Feiern sei. Da habt Ihr ihn mit Botschaft nach Edoras geschickt, damit er es jedem weitersagt und dieses feierwütige Volk meine Halle stürmt und sie mit allerlei Tischen und Bierfässern vollstellt. Ist es nicht so?“

Imrahils lautes Lachen hallte in Meduseld wider, als wolle es sie zum Beben bringen. „Kann ich Euch denn gar nichts vormachen? Da muss ich mich wohl beim nächsten Mal ein wenig geschickter anstellen, damit Ihr mich nicht noch einmal durchschaust.“ Dann aber besann er sich, dass um sie herum eine Menge Leute versammelt waren, die bislang bloß ihrem Gespräch gelauscht hatten. Sein Blick fiel auf Théodred. „Du meine Güte“, entfuhr es ihm. „Als ich Euch zuletzt sah, mein Prinz, wart Ihr nicht größer als ein Bierfass. Wie seid Ihr nur so schnell in die Höhe geschossen?“

Théodred stimmte in sein Lachen mit ein. „Das muss daran liegen, dass mehr Zeit vergangen ist, als Ihr denkt. Doch habt Ihr Euch nur wenig verändert. Ich hatte Euch fast genauso in Erinnerung, wie du nun vor mir stehst.“

„Den Westmenschen Númenors zu entstammen, bringt seine Vorteile mit sich“, antwortete Imrahil und schaute weiter zu Éomer und Éowyn. Im ersten Moment schien es ihm schwer zu fallen, die beiden zuzuordnen, doch kamen sie ihm seltsam bekannt vor. Dann fiel es ihm ein. „Kaum zu glauben, aber wenn ich Euch dort stehen sehe, dann sehe ich Éomund und Théodwyn wieder vor mir stehen.“

Imrahil hatte ihre Eltern lange vor deren Tod das letzte Mal getroffen, daher waren ihm ihre Kinder nicht persönlich bekannt. Théoden hatte Nachholbedarf. „Nachdem ihre Eltern zu Tode gekommen waren, habe ich Éomer und Éowyn zu mir nach Edoras geholt. Es erschien mir nicht richtig, sie in Aldburg allein zu lassen.“

„Der dúnedaische Einschlag ist nicht zu verkennen“, meinte Imrahil, denn ihre Großmutter Morwen von Lossarnach, die Mutter Théodens und Théodwyns stammte ebenfalls von den Dúnedain ab, doch spielte Imrahil dabei vor allem auf Éomers Größe an. Er war grade so an der oberen Grenze eines Rohirrim und überragte Théodred ein ganzes Stück.

Seinerseits hatte Théoden Imrahils Kinder auch schon einiger Blicke gewürdigt, doch konnte er sich nur noch dunkel an den kleinen Elphir erinnern, welcher nun ein kleines Stück größer als sein Vater und damit der Größte von allen war. Imrahil nahm sich die Zeit, ihnen auch Erchirion und Amrothos vorzustellen und versicherte, dass es nicht leicht war, drei Söhne im Zaum zu halten, die voller Tatendrang waren und nichts anderes im Sinn hatten, als sich gegenseitig zu übertreffen. Das kam Théoden sehr bekannt vor, hatte er dieses Verhalten bei Éomer und Théodred nur viel zu oft beobachten können.

„Und dann ist da noch meine wundervolle Tochter, Lothíriel“, sagte Imrahil schließlich mit stolzem Blick auf seine Tochter. „Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen wie wichtig ihr Einfluss auf meine drei Raufbolde ist. Ach was sage, dass kennt Ihr gewiss bestens. Wie ich Théodred in Erinnerung habe, hätte er eine Schwester auch gut vertragen können.“

Für gewöhnlich hätte Théodred sich nun mit einem geschickten Konter verteidigt, vielleicht in dem er auf Éowyn verwies, aber er schien diesen Satz nicht wahrgenommen zu haben. Seine ganze Aufmerksamkeit war von Lothíriel angezogen worden. Eine so wunderschöne Frau konnte man gewiss in ganz Rohan nicht finden, wenn man von Éowyn absah. Éomer bemerkte das dümmliche Grinsen, dass sich langsam auf Théodreds Gesicht abzeichnete und gab ihm einen kräftigen Seitenhieb, bevor er sich vor allen lächerlich machte. Éomer hatte selbst eine jüngere Schwester und wusste genau, was er mit jemandem machen würde, der Éowyn auf diese Art anstarren würde, ob er nun Prinz war oder nicht und das wollte er Théodred nur zu gern ersparen, denn in diesem Fall hätte er es dreifach abbekommen.

„Was soll das?“, zischte Théodred ihm zu. Er hatte anscheinend nicht wirklich verstanden, was Éomer von ihm wollte. Möglicherweise vermutete er nun sogar, dass er selbst an Lothíriel interessiert war und witterte einen Konkurrenzkampf.

„Du starrst sie an wie ein Trottel“, gab Éomer im selben Ton zurück. „Wenn du nicht aufpasst, nehmen die drei Fürsten-Söhne dich noch auseinander und wenn du dabei so dümmlich drein blickst wie eben, werden sie leichtes Spiel mit dir haben, weil du keine Einschläge mehr merkst.“

„Kann es sein, dass du Angst hast, ich könnte ihr Herz gewinnen, bevor du das tust?“, fragte Théodred grimmig lächelnd. Für ihn schien alles nur eine weitere Herausforderung zu sein.

Éomer schnaubte bloß. „Glaubst du der Fürst von Dol Amroth wäre begeistert, wenn ein Weiberheld wie du seine Tochter bezirzt? Wenn du mit ihr genauso umspringst wie mit deinen letzten Frauen, stehen wir in zwei Wochen im Krieg mit ihnen.“

„Dabei scheint dir grade nur eins zu entgehen“, meinte Théodred und nickte unauffällig zu Imrahils zweitältestem Sohn Erchirion hinüber, der die ganze Zeit Éowyn anschaute. Offenbar war Théodred mit seiner schnellen Art sich zu verlieben nicht allein und lachte in sich hinein, während Imrahil und Théoden wieder in ein gemeinsames Gespräch vertieft waren und nicht mitbekamen, was um sie herum passierte.

Elphir bemerkte jedoch, was sein Bruder da tat und rempelte ihm auf die gleiche Weise in die Seite, wie Éomer es bei Théodred getan hatte. Amrothos, der danebenstand und das mitbekam, musste sich das Lachen verkneifen, denn fand er die Beiden zuweilen reichlich lächerlich und offenbar hatte er auch mitbekommen, wie Éomer und Théodred dasselbe getan hatten. Auch Éowyn und Lothíriel hatten etwas bemerkt und tauschten einen leicht genervten Blick miteinander.


Schließlich wandten sich die Väter wieder an den Rest der Gruppe. „Zu schade, dass die Feierlichkeiten erst morgen beginnen, aber bis dahin haben wir ja noch genügend Zeit, uns in Edoras ein wenig umzusehen“, sagte Imrahil in die Runde. Seinen Kindern würde es sicherlich nicht schaden, mal etwas anderes kennen zu lernen.

„Eine gute Idee. Wir werden sehen, dass wir noch ein paar vornehme Schlafplätze organisieren können. Éowyn wird sie euch dann später zeigen“, sagte Théoden und erntete dafür einen undankbaren Blick von Éowyn, die wohl so was sagen wollte wie, dass er sie doch wenigstens mal fragen könnte, ob es ihr recht war, andauernd das Zimmermädchen zu spielen, aber selbstverständlich fügte sie sich dem Wunsch ihres Königs.

„Sehr gut, und ich werde Lothíriel alles Sehenswerte an Edoras zeigen!“, platzte Théodred dazwischen und trat schnell an die Seite der Fürstentochter unter den irritierten Blicken ihrer drei Brüder.

Éomer hätte sich fast die Hand vor die Stirn geschlagen, so peinlich erschien sein Vetter ihm, doch beließ er es beim missbilligenden Brauen hochziehen. „Dann wirst du ja schnell fertig sein“, meinte er, worauf die drei Fürstensöhne lachen mussten. Théodred allerdings fand die Bemerkung weniger amüsant, winkte ab und verschwand mit der verdutzten Lothíriel aus der Halle.

Die drei Brüder der schönen Lothíriel hatten beschlossen, sich lieber Éomer anzuschließen, denn bei ihm hatten sie nicht zu befürchten, dass er sie über ihre Schwester ausfragte und ihnen war nicht verborgen geblieben, dass er Humor besaß, der dem ihren glich. Bloß Éowyn fühlte sich wieder einmal ein bisschen fehl am Platze. Während die anderen fort gingen und Imrahil und Théoden noch angeregt miteinander sprachen, meldete sie sich ab, um ein geeignetes Gemach für jeden zu finden und war kurz darauf verschwunden.



Als sich am Abend alle wieder in der Halle versammelten, hatte Théodred es nicht lassen können, schon mal eins der Fässer anzustechen. Manchmal kam das flegelhafte Verhalten eines Königssohns bei ihm eben doch durch, allerdings war die Anwesenheit von Imrahil und seinen Kindern auch ein wenig Schuld daran, denn es war nur natürlich, dass er vor Elphir, Erchirion und Amrothos angeben wollte. Théoden konnte darüber nur den Kopf schütteln, als er mit Imrahil wieder in die Halle zurückkehrte. Imrahil erinnerte aber daran, dass sie gewiss auch einmal so gewesen waren, worauf der König zustimmen musste. Und so kam Théoden auf das Jungvolk zu und zapfte sich selbst einen Krug, was für reges Erstaunen sorgte.

„Was habt ihr denn?“, fragte Théoden, als er von allen Seiten angestarrt wurde. „Darf sich der König denn nicht auch mal einen guten Tropfen gönnen?“ Kaum war dies gesprochen, genehmigte Théoden sich einen großen Schluck.

„Euer Volk hat eben geglaubt, dass Eure Leibgarde sich nicht nur um das Leben ihres Königs, sondern auch um seinen Bierdurst kümmert“, antwortete Éomer.

Théoden lachte und rammte seinem Neffen den Ellenbogen in die Seite. „Sei still, sonst glaubt das noch jemand.“

Imrahil und seine Söhne mussten ebenfalls lachen, als Éowyn und Lothíriel herein geschritten kamen. Sie hatten sich etwas später am Tag an ein ruhigeres Plätzchen zurückgezogen, nachdem Éowyn den Gästen gezeigt hatte, wo sie heute Nacht schlafen konnten. Nun waren sie zurück und wunderten sich, worüber die Männer so sehr lachten. Sie schienen schon ihren Spaß zu haben, als sei die Feier bereits in vollem Gange. Das brachte Éowyn auf den Gedanken, dass sie gerade nicht auf sie achten würden und so stibitzte sie sich einen der Bierkrüge und schlich sich zum Fass hinüber. Einmal probieren konnte doch wohl nicht schaden, doch da hatte ihr Bruder ihr Vorhaben schon bemerkt und seine Hand packte ihr Handgelenk.

„Éowyn, was soll das werden?“, fragte er sie, darauf bedacht leise zu sprechen, um sie nicht vor allen Anwesenden bloß zu stellen.

„Wieso? Ihr trinkt das Zeug auch dauernd, wieso sollte ich das nicht tun?“, gab sie schnippisch zurück. Éomer und Théodred stellten andauernd irgendwas an und da sollte es ihr vergönnt sein, einmal einen Schluck Bier zu trinken?

„Ganz einfach, weil du eine Frau bist. Was meinst du was geredet wird, wenn sich das erst herumspricht“, gab Éomer zurück und bekam einen bitterbösen Blick zurück. So wütend schaute sie ihn selten an.

„Ich darf nicht kämpfen. Ich darf nicht reiten. Und ich darf nicht mal Bier trinken um mir das erträglicher zu machen. Hast du eigentlich eine Ahnung wie ungerecht das ist?“, zischte sie und war versucht, das was sie sich hatte zapfen können trotzdem zu trinken. Sie wollte grade ansetzen, als Théoden das Getuschel der Beiden hörte.

„Was treibt ihr beide da?“, fragte er und grade noch rechtzeitig, bevor ihr Onkel etwas bemerkte, hatte Éomer seiner Schwester den Krug aus der Hand genommen und hastig ausgetrunken. Éowyn schaute ihn entsetzt und ein bisschen böse zugleich an.

„Gar nichts“, antwortete Éomer ihm und musste mit sich kämpfen, um das Gesicht nicht zu verziehen. „Éowyn war so freundlich, mir noch mal was nachzufüllen.“

„Aber nicht, dass du mir das ganze Fass allein trinkst“, mahnte Théoden mit einem Schmunzeln und wand sich dann wieder seinen Gästen zu, während Éomer versuchte, sein Aufstoßen zu unterdrücken.

„Ey-ey-ey… wie bitter…“

„Hey, lass mir auch noch etwas übrig!“, rief Théodred zu ihm herüber und lachte.

„Nun denn und was soll ich dann trinken?“, beschwerte Éowyn sich weiter. „Außer Bierfässern habt ihr ja nichts aufgestellt.“ Sie schaute ihn streng und mit vor der Brust verschränkten Armen finster an.

Éomer hatte wenig Lust, seiner Schwester noch einmal zu erklären, wo das Problem lag und entgegnete ihr in scharfem Ton: „Versuch mal deinen Kopf in die Pferdetränke draußen zu halten, vielleicht denkst du dann wieder nach bevor du handelst!“

Nun funkelte sie ihn an, als wollte sie ihm gleich entgegenspringen, während er am Zapfhahn lehnte, als wolle er diesen vor ihr verteidigen. „Du hast doch echt kein Benehmen!“, fuhr sie ihn an, wenn auch in gemäßigtem Ton, denn niemand sollte ihren kleinen Streit mit anhören.

„Gleichfalls“, gab Éomer zurück, als er die Augen verdrehte, da Éowyn sich schon nach dem nächsten Bierfass umsah und sie am Ärmel festhielt. „Bleibst du wohl hier!“

Éowyn verdrehte ebenfalls die Augen. „Schon gut, ich verhalte mich ja schon anständig.“ Sie ließ die Schultern voller Missmut sinken und beließ es dabei.

Es hatte keinen Sinn mit ihm zu diskutieren. Missbilligend schaute sie zu, wie die anderen dutzende Male auf den aller größten Schwachsinn anstießen, der ihnen einfiel, während Lothíriel danebenstand und sich sicherlich ähnlich verloren in der Männerwelt vorkam, wie Éowyn.

„Wenigstens habe ich jetzt eine Verbündete. Also sei auf der Hut, Bruder!“, drohte sie Éomer noch, bevor sie ihn stehen ließ, mit der Frage im Kopf, ob alle kleinen Schwestern so anstrengend sein konnten oder ob er die große Ausnahme erwischt hatte.


„So, meine Lieben“, ertönte schließlich Théodens Stimme. „Es ist an der Zeit sich zur Ruhe zu begeben, denn morgen soll gefeiert werden. Habt eine angenehme Nachtruhe, wir werden uns morgen wieder versammeln und dann wollen wir noch mehr Geschichten hören.“

„Ein wenig Zeit wird doch noch sein, Vater“, sagte Théodred, ein wenig enttäuscht, hatte der Spaß für ihn doch grade erst begonnen.

„Gewiss wäre noch Zeit, doch müsste ich fürchten, dass die Fässer bis zum Morgengrauen leer wären und sollen wir denn mit durstigen Männern feiern?“, gab Théoden zurück und die Gruppe verstreute sich durch die Halle, als jeder zu seinen Räumlichkeiten ging.


Éowyn war schon seit einigen Minuten fort, ohne Abschiedsworte. Offenbar hatte sie Éomers Bemerkung doch mehr geärgert, als sie zugeben mochte. Ihn plagte daher ein schlechtes Gewissen. Im Grunde wusste er, weshalb sie sich so verhielt, aber das stand nun einmal im Konflikt zu dem, was von einer Frau Rohans erwartet wurde. Nie im Leben würde er das zugeben, doch hatte er manchmal seine Sorge, dass ihr Verhalten dazu fühlte, keinen Mann zu finden, da sie sich gern selbst wie einer aufführte.

Auf den Gängen schien alles ruhig zu sein, doch wollte Éomer sicher gehen, dass diese Stille nicht trügerisch war und wahrscheinlich war es auch der unterbewusste Wunsch Éowyn noch vor dem zu Bett gehen zu sagen, dass es ihm leidtat. Zunächst war nichts Ungewöhnliches zu bemerken, als er dann aber zum Zimmer seiner Schwester gelangte, schlich vor diesem Gríma Schlangenzunge auf und ab und wagte es sogar, einen Blick durch das Schlüsselloch zu werfen. Mit drei großen Schritten hatte Éomer die Distanz zwischen ihnen überwunden, packte ihn und drückte ihn fest an die gegenüberliegende Steinwand. Sein Blick so finster, dass Gríma darunter zu schrumpfen schien. Eine so gewaltige Wut war ihm noch nie entgegengeschlagen.

„Was soll das werden, Gríma?!“, ertönte Éomers laute Stimme. „Habt Ihr es wirklich so nötig?! Ich gebe Euch einen guten Rat; lasst ja die Finger von meiner Schwester, sonst breche ich Euch jeden einzeln!“

Zunächst war nur Gestammel zu hören, doch schließlich konnte Éomer seine Worte doch verstehen. „Es tut mir leid, es war nicht meine Absicht, verzeiht, verzeiht, ich werde dies gewiss nicht noch einmal tun. Warum sollte ich auch, ich habe schließlich kein Interesse an ihr, das schwöre ich…“

„Ihr Könnt schwören was immer Ihr wollt, doch glaube ich es nicht!“, gab Éomer zurück und musste sich zurückhalten, damit er nicht tatsächlich mit voller Kraft zuschlug, denn das hätte er in diesem Augenblick nur zu gerne getan.

Noch einmal beteuerte Gríma, dass er ihr nicht wieder nachstellen würde, dass er einen Fehler begangen habe, der sich nicht wiederholen würde. „Ich verspreche es bei allem was mit heilig ist“, sagte er.

„Euch ist nichts heilig!“, unterstellte Éomer ihm. „Aber haltet Euch an Euer Wort!“ Schließlich ließ er Gríma los, doch sein hasserfüllter Blick verfolgte ihn noch, als er längst in der Dunkelheit verschwunden war. Er schien fast zu erwarten, dass Gríma sich noch einmal zurück schlich, sobald er hoffte, Éomer nicht mehr anzutreffen, doch er tauchte nicht wieder auf.


Éomer stand lange dort und starrte in die Dunkelheit. Er war unsicher, ob er Éowyn noch stören sollte, klopfte aber bald dennoch an ihre Tür.

Als sie öffnete war sie überrascht. „Éomer? So spät noch? Ich dachte du würdest längst schlafen“, gähnte sie. „Es ist doch nicht irgendetwas passiert, oder?“

Noch einmal sah Éomer sich zu beiden Seiten um und sprach dann mit leiser Stimme: „Lass deinen Schlüssel lieber von innen stecken, der Schleimer versucht dich zu beobachten.“

„Was?!“, entfuhr es Éowyn entsetzt und sofort fühlte sie sich unwohl, als würden sie von überall böse Augenpaare anstarren. „Dann waren alle meine Befürchtungen also berechtigt. So ein Widerling!“

„Es würde mich sehr wundern, wenn er heute Nacht noch einmal auftaucht, aber ich weiß nicht, wie es sich verhält, wenn ich erst wieder fortmuss. Ich wollte nur, dass du das weißt, auch wenn es dich sicher sehr beunruhigt“, sagte Éomer, seinen eigenen Zorn auf Gríma unterdrückend.

„Danke, dass du mich gewarnt hast. Dann weiß ich zumindest, was er bereit ist zu tun. Falls nicht noch mehr“, meinte Éowyn. Es war ihr lieber so. Zwar fühlte sie sich nun noch mehr ausgeliefert als vorher, doch kannte sie die Gefahr ein wenig besser.

Éomer nickte. „Pass auf dich auf.“ Dann wollte er gehen, blieb aber auf halbem Weg noch einmal stehen. „Da wäre noch was…“

Éowyn hob den Kopf und schaute ihn erwartungsvoll an.

„Tut mir leid, was ich vorhin zu dir gesagt habe. Du hast es nicht leicht und es ist bewundernswert, wie du das alles aushältst“, sagte er.

Einen Augenblick blieb sie still, dann lächelte sie. „Schon gut. Gute Nacht.“

Nachdem Éowyn ihre Tür geschlossen hatte, stand Éomer noch eine Weile auf dem Gang, aber Gríma ließ sich kein zweites Mal blicken. Auch wenn er sich sicher sein konnte, dass seine Ansage angsteinflößend genug gewesen war, blieb dennoch ein ungutes Gefühl.


☆ ★ ☆


Da man von Imrahil auch in den Büchern nicht allzu viel erfährt, habe ich mir etwas Freiheit bei seiner Charaktergestaltung genommen. Ich hoffe, dass das für euch in Ordnung geht. Ich bin sehr gespannt, ob und wie das Kapitel bei euch ankam. Lasst es mich gerne wissen, auch, wenn ich etwas anders machen soll oder ich auf etwas mehr oder weniger eingehen soll. Bis dahin, bleibt alle gesund! ^.~
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