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Das Buch der Schlange

von Feoras
GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P16 / Het
Eomer Eowyn Théoden Théodred
03.09.2021
24.09.2021
4
17.613
3
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Dieses Kapitel
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03.09.2021 4.064
 
Seid gegrüßt und willkommen zu meinem ersten Versuch einer Herr-der-Ringe-Fanfiction. Die Idee ist schon ein paar Jahre alt, der Mut, sie zu veröffentlichen, kommt aber erst jetzt. Lasst mich gerne wissen, ob euch die Geschichte gefällt oder ob ich etwas verbessern kann. Nun wünsche ich aber viel Vergnügen mit dem ersten Kapitel.


☆ ★ ☆


Des Königs Berater | Kapitel 1


Ein weites Land, von grünen Grasmeeren und kleinen Hügeln, wo man glauben mochte, hier würden die Dinge einfach liegen und größere Probleme würden sich schlicht in der großen Ferne verlieren. Doch in Edoras war die Stimmung dieser Tage getrübt, denn seit zwei Tagen stand der König ohne einen Berater an seiner Seite da. Mit ihm hatte er auch einen Freund verloren, den er sehr zu schätzen wusste. Allerdings darf auch erwähnt werden, dass die Umstände seines Todes nicht vollkommen aufgeklärt worden waren und möglicherweise würden sie auch mysteriös bleiben. Er hatte dieses Amt lange bekleidet und trotzdem war er noch nicht all zu alt gewesen, denn er hatte die fünfzig kaum überschritten. Dann war er, wie es hieß, auf einmal krank geworden und nur wenige Tage später an den Folgen verstorben. Da war es nicht verwunderlich, dass das Volk von Edoras hinter vorgehaltener Hand zu tuscheln und zu munkeln pflegte und es keinem, oder nur den wenigsten, geheuer sein konnte, was hier vor sich ging.

Die Gerüchte der Menschen handelten vor allem davon, dass der Berater einem hinterhältigen Anschlag zum Opfer gefallen war. Zumindest war dies die spektakulärste von allen Behauptungen. Nur wenige gingen soweit, dahinter jemanden zu vermuten, der sich die Stelle des Beraters zu eigen machen wollte, um an den König heran zu kommen.

Klatsch und Tratsch fand man bald an jeder beliebigen Ecke, besonders in der Taverne, wo sich die Männer Abend für Abend aneinanderdrängten und die wildesten Geschichten verbreiteten. Für das Volk der Pferdeherren war ein solches Verhalten eher ungewöhnlich, denn die robusten und einfachen Krieger waren eher Bauern und Pferdezüchter, die sich nicht viel um andere Belangen scherten, doch wenn es um den König selbst ging, dann spitzten auch sie die Ohren und stellten ihre Vermutungen an. Aber in ihrem Gerede schwang auch eine ungewöhnliche Angst mit, welche man unter Rohirrim eher nicht antreffen konnte. Sie waren schließlich ein furchtloses Volk.


Als die Menschen höherer Positionen schließlich in Erfahrung bringen konnten, wer des Beraters Nachfolger werden sollte, wurde das Getuschel von neuem kräftig angeheizt. Nun hatte man eine konkrete Person, über die man reden konnte, die der eine oder andere kannte und von dem man sich schon ein Bild gemacht hatte.

„Dieser Gríma…“, hieß es da. „Dieser Schlangenzunge…“

Zwar war er ein Mann ihres Volkes, jedoch ein düsterer, dem niemand so wirklich trauen mochte. Ein Rumtreiber und Taugenichts sei er, so redeten sie. Der habe nie etwas zustande bekommen, der sei merkwürdig, der versteckte sich vor den Augen der Menschen, eine Kreatur des Schattens, fast als käme er wie die Orks aus Mordor, doch gab es unter den Rohirrim auch jene, die fanden derlei Spekulationen würden doch ein bisschen zu weit gehen. Für die meisten Bewohner war er nichts weiter, als ein heruntergekommener Bauerssohn, von dem man nicht viel wusste und über den man aus diesem Grund solche wilden Geschichten verbreitete.

So viel man Gríma auch misstrauen mochte, so musste jeder zugeben, dass er eigentlich harmlos war, dass er noch nie jemandem etwas getan hatte und wegen seines gebückten Ganges und seinen unheimlichen Augen eben sonderbar wirkte, sonst nichts. Viele meinten, dass er einfach nicht hier her passen würde. Er sah eben anders aus als es üblich war, hatte schwarzes Haar und nicht das typische Flachsblond. Seine Haut war so blass, fast weiß und er verbarg sich stets im Schatten und schlich seiner Wege. Er war beinahe so etwas wie ein Ausgestoßener. Vielleicht war er einfach nur ein Mann, dem man von Anfang an wegen seines Aussehens Unrecht getan hatte.

Doch er war nun einmal derjenige, der in der Position war, nun an die Stelle des Beraters zu treten und daran würde niemand hier etwas ändern können. Das Volk musste sich nun mit ihm arrangieren, ob sie es nun wollten oder nicht.

König Théoden blieb nichts anderes übrig, als ihn mit seinen engsten Vertrauten und Kindern bekannt zu machen, auch, wenn ihm dabei irgendwas Unerklärliches widerstrebte. Darum ließ er Gamling, Háma, Horn, Harding, Grimbold, Herefara und Herubrand, seine Ritter, Théodred, seinen Sohn, Éomer, seinen Neffen und Éowyn, seine Nichte, zur Goldenen Halle Meduseld kommen.

Seine Ritter hatten den Weg erstaunlich schnell gefunden und kurz nach ihnen betrat auch Éowyn die Halle. Sie eilte an die Seite ihres Onkels, begrüßte ihn in gewohnter Herzlichkeit und sah sich um, doch von Gríma war hier noch nichts zu sehen.


„Er ist noch nicht hier. Er wird erst auf den Plan treten, wenn wir alle versammelt sind“, ließ Théoden sie wissen, denn er konnte sich denken, nach wem sie Ausschau gehalten hatte. Sie hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass sie neugierig war, wer der neue Berater sein würde, der fortan als engster Vertrauter in die Reihen ihrer Familie treten würde.

„Dann hoffe ich, dass wir bald vollzählig sein werden, denn ich habe schon zu lange gewartet. Sagt, Onkel, kenne ich ihn?“, fragte Éowyn. Zwar hörte sie sich oft hier und da um, sie hatte seinen Namen längst gehört und die merkwürdigen Geschichten, doch wusste sie noch nicht, zu welchem Gesicht sie gehörten. Anders, als viele andere Bewohner schien sie ihm noch nicht begegnet zu sein oder er war ihr schlicht und ergreifend nicht aufgefallen.

„Nein. Ich glaube nicht, dass du ihn schon kennst, aber du wirst ihn gleich kennen lernen“, antwortete Théoden und ging ein paar Schritte auf und ab. Zu warten gehörte nicht unbedingt zu seinen Stärken. Er wollte die Angelegenheit so schnell wie möglich hinter sich bringen und sich wieder anderen Dingen widmen. Éowyn entging dies nicht.

„Was macht Euch nur so nervös, dass man meinen könnte, Ihr hättet Euch schon einen Graben in den Hallenboden gelaufen?“ Éowyn konnte sich eines Schmunzelns nicht erwehren. Er ging immer denselben Weg auf und ab, stets auf derselben Seite und für gewöhnlich bis zum selben Stein. Daher mochte man tatsächlich glauben, es hätte sich bereits ein kleiner Pfad unter seinen Füßen gebildet, der seine Laufbahn verdeutlichte.

Théoden schüttelte bloß den Kopf und meinte: „Es ist nichts Bestimmtes. Nur diese Amtsantrittsreden, die liegen mir nicht und ich mag sie auch nicht besonders. Deswegen wäre ich froh, wenn sie schon hinter mir liegen würden. Außerdem wünschte ich, dass sie gar nicht erst nötig wären. Ihn kenne ich nicht besonders gut und ich gebe zu, dass es mich gewissermaßen beunruhigt. Ich hatte einen fähigen Berater, der seine Sache stets gut machte, daher hatte ich nie mit dem Gedanken gespielt, ihn zu ersetzen und nun habe ich keine andere Wahl.“

„Gibt es denn Schlechtes über Gríma zu berichten, wenn man von den ganzen Gerüchten in Edoras absieht?“, wollte Éowyn wissen.

„Nein. Das nicht. Ach, es mag wohl noch der Schmerz eines zu frühen Abschieds sein, der mich wehmütig stimmt. Ich denke ich würde die Sache anders angehen, würde mir der Verlust nicht so nahe gehen“, antwortete Théoden und hoffte, dass Eorl ihn willkommen heißen möge. „Aber nun sag, wo hast du deinen Bruder und meinen Sohn gelassen? Sollten sie nicht längst hier sein? Sie lassen mich viel zu oft warten.“

Éowyn überlegte einen kurzen Moment. Was sie zu sagen hätte, würde ihn sicherlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen lassen. „Sie hatten noch etwas zu besprechen“, sagte sie stattdessen und hoffte, dass dies der Andeutungen genug war.

„Ach du meine Güte“, sagte Théoden und ahnte längst, was das zu bedeuten hatte. „Sag mir nicht, dass es wieder um eine ihrer Wetten geht.“

Ein nervöses Lächeln umspielte Éowyns Lippen, als sie vorsichtig nickte.

„Dein Bruder bringt meinen Sohn eines Tages noch um sein Erbe, wenn das so weiter geht“, befürchtete Théoden, doch schien er es trotzdem nicht allzu ernst zu nehmen. Sollten sie tun was sie wollten, denn das taten sie sowieso. Nur ein bisschen mehr Pünktlichkeit wäre wünschenswert.

„Soll ich Éomer ein bisschen ins Gewissen reden?“, fragte Éowyn, obwohl sie nicht davon ausging, dass Théoden dies von ihr verlangen würde, noch dass dies von Erfolg gekrönt sein würde.

„Vielleicht rätst du Théodred lieber von derlei Glücksspielen ab, denn er verliert sie ja doch alle“, antwortete Théoden, als Háma an seine Seite trat, der schon ein wenig ungeduldig aussah.

„Mein Herr, können wir langsam beginnen? Alle fragen schon danach“, erklärte Háma nachdem er sich tief verneigt hatte.

Théoden seufzte. „Halte sie noch ein wenig hin. Es kann nicht mehr lange dauern. Zumindest hoffe ich das.“

„Sehr wohl.“

„Ich werde sie suchen gehen“, meinte Éowyn schließlich. „Und wenn ich sie dann in die Finger bekomme, sorge ich schon dafür, dass sie sich beeilen werden.“


Und so verließ sie die Halle mit entschlossenen Schritten, doch als sie vor der Halle stand wusste sie nicht so recht, wo sie nach den Beiden suchen sollte. Eigentlich konnten sie überall sein und das ärgerte sie. Sie wussten doch, welche wichtige Angelegenheit bevorstand oder sollten sie ihre Pflichten tatsächlich vergessen haben?

Sie ging die vielen Treppen hinunter, welche zur Halle hinaufführten und sah sich zu allen Seiten um, als sie an dessen Fuß angelangt war. Überall erblickte sie nur das übliche Treiben. Gerber, Waffen- und Hufschmiede… Sie alle gingen ihrem täglichen Handwerk nach, ohne sich viel darum zu kümmern, dass heute eine wichtige Bekanntgabe anstand. So sehr hatte das Tratschen also noch nicht überhandgenommen, was fast ein wenig erleichternd war. Éowyn hatte schon befürchtet, dass ihr Volk vom Klatsch schon absolut verkommen sei.

Sie ging an einigen strohgedeckten Häusern vorbei, als sie plötzlich das vertraute Lachen hinter sich hörte. Sie verdrehte die Augen und wandte sich augenblicklich um. Da standen die Zwei nun, gelassen an eine Hauswand gelehnt und taten, als hätten sie alle Zeit der Welt. Théodred schien allerdings ein bisschen weniger zu lachen, als Éomer. Er hatte also mal wieder verloren, welch eine Überraschung! Missbilligend schüttelte Éowyn den Kopf. Sie waren einfach unmöglich.

„Ist das euer Ernst?“, rief sie ihnen zu, worauf sie sofort zu ihr herüberblickten. Das Lachen war ihnen schlagartig vergangen, denn sie wussten genau, was ihr Erscheinen zu bedeuten hatte.

„Vermisst du uns schon?“, grinste Théodred. Auch wenn er wieder als Verlierer dastand brachte ihn dieser Umstand nicht davon ab, sich weiter zu amüsieren. Immerhin war er ein guter Verlierer, aber bei Éowyn würde ihm das nicht besonders viel nützen.

„Im Gegenteil!“, gab Éowyn scharf zurück und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. „Ihr seid unmöglich! Habt ihr denn völlig vergessen, wo ihr eigentlich sein solltet?“ Mit hochgezogenen Brauen schaute sie abwechselnd von einem zum anderen.

Da fiel es ihnen plötzlich ein und sie wurden gewissermaßen etwas nervös. Éomer waren die Gesichtszüge dermaßen entglitten, dass man nicht daran zweifeln konnte, dass er in der Tat nicht mehr daran gedacht hatte. „Schon so spät?“ Damit war Éowyns Verärgerung durchaus verständlich. „Entschuldige.“

„Entschuldige dich lieber bei unserem Onkel“, gab Éowyn zurück und forderte sie mit einer nachdrücklichen Handbewegung dazu auf, ihr endlich zu folgen.


Während sie Éowyn zur Halle hinauf folgten, konnten sie es dennoch nicht bleiben lassen, sich gegenseitig herum zu schubsen oder anderweitig zu ärgern. Manchmal, fand sie, waren die Beiden schlimmer als Kinder und sie konnten von Glück reden, dass Éowyns Ohren nicht so gut funktionieren, wenn sie wütend war, wie sie es für gewöhnlich taten. Anderenfalls hätte es sie wohl aufgeregt zu hören, dass Théodred sie hinter vorgehaltener Hand als ‚Spielverderberin’ bezeichnete.

Dann hatten sie die Halle erreicht und von einer Sekunde zur nächsten verstummten sie. Ein unangenehmes Schweigen erfüllte Meduseld und alle Augen der Anwesenden waren nur auf sie gerichtet. Eine Art Genugtuung für Éowyn, denn an dieser beschämenden Situation waren die Zwei ja selbst schuld. Es folgte eine ausführliche Entschuldigung bei König Théoden, bevor dieser sich erhob und noch einmal an den Grund ihrer Zusammenkunft erinnerte. Anschließend richtete er ein paar Worte des Gedenkens an seinen verstorbenen Berater und erinnerte noch einmal daran, was sie ihm alles zu verdanken hatten. Dabei machte er besonders auf den einen Vorfall aufmerksam, als er Théoden dazu gebracht hatte, auch einige Rohirrim im Ödland aufzustellen. Dies war dem König immer unnötig erschienen, da dieses Gebiet bloß als Weidefläche diente, doch hatten die Orks bald rausgefunden, dass sie von dieser Seite am besten in Rohan einfallen konnten und so hatten sie schnell den großen Umweg über das Gebirge in Kauf genommen, um sich so von Norden aus zu nähern. Seit er sich aber zu diesem Schritt hatte überreden lassen und auch Reiter im Ödland vorhanden waren, gingen auch die Übergriffe wieder zurück und die Weideflächen waren wieder halbwegs sicher.

Als er mit diesen Ausführungen fertig war, wandte er sich dem wichtigsten Punkt seiner langen Rede zu.

„Und so tritt an seine Stelle als Nachfolger, Gríma, dem ich fortan mein größtes Vertrauen als neuer Berater entgegenbringen werde.“ Théoden machte eine Geste nach rechts und ließ Gríma eintreten.

Sowohl neugierige, als auch misstrauische Augen beobachteten ihn. Ein gebückter, schleichender Gang, wie sie es schon aus einigen Gerüchten gehört hatten. Unheimlich große Augen, schwarzes Haar, weiße Haut. Niemand konnte abstreiten, dass er wirklich sonderbar aussah. Es hatte tatsächlich etwas Bedrohliches, wie er aus dem Schatten hervortrat, aber wie er nun so dastand, wirkte er schon fast wieder erbärmlich. Er schien kaum zu wissen, was er nun tun sollte und er auch niemand zu sein, der sich durchsetzen könnte. Viele mussten nun einen recht ähnlichen Gedanken haben: Dieser Gríma war ganz bestimmt nicht dafür geeignet, ein Berater zu sein, denn würde er dem König nie etwas vorbringen können, wovon dieser selbst nur wenig überzeugt war. Er würde nicht imstande sein, einen Ratschlag durchsetzen zu können.

Nun stand er neben dem König. Unsicher hatte er sich tief verneigt, bevor er von einem zum anderen blickte. Es dauerte lange, bevor er den Mund aufmachte. „Es ist mir eine große Ehre, dieses Amt antreten zu dürfen. Von nun an werde ich euch mit Rat und Tat zur Seite stehen.“

„Hört, hört. Na wenn uns das mal nicht beeindruckt hat“, murmelte Théodred belustigt vor sich hin. Er hielt gar nichts von dem. Er war in seinen Augen nichts weiter, als eine traurige Gestalt, eine Randerscheinung, einer, den man längst aus Edoras hätte rausschmeißen sollen. Für ihn war dieser Gríma nicht mal tageslichttauglich und er konnte Éomer ansehen, dass er vermutlich ähnlich darüber dachte.

„Das erwarte ich“, wandte Théoden sich an Gríma, der Théodreds Bemerkung nicht gehört hatte. „Meine Nichte wird dich zu deinen Räumlichkeiten begleiten.“

„Das ist sehr freundlich von Euch.“ In seiner Stimme schien etwas Bedrohliches zu liegen, sie war rau und irgendwie kalt. Und ein seltsamer Schimmer trat in seine blassen Augen, als er Éowyn erblickte, welche auf Théodens Aufforderung hin, zu ihnen herüberkam.

Während Éowyn Gríma aufforderte, mitzukommen, folgte den Beiden noch ein anderer Blick und zwar ganz genau. Éomers. Ihm war das Blitzen in seinen Augen nicht entgangen und auch seine Art zu sprechen hatte ihm auf eine schwer zu erklärende Weise nicht gefallen. Er trat an Théodens Seite und fragte ihn: „Haltet Ihr das für eine gute Idee ihn mit ihr alleine zu lassen?“

Théoden war ein wenig überrascht über diese Reaktion, denn Éomer stellte selten etwas infrage. Schnell entschloss er sich dazu, ihn beruhigen zu wollen. „Es war immer so, dass diese Aufgabe der Frau zuteilwird und ich glaube nicht, dass wir uns um sie sorgen müssen. Hast du ihr denn nicht stets beigebracht, wie sie sich zu verteidigen hätte?“ Ein Schmunzeln zuckte an Théodens Mundwinkeln. Ihm war das selbstverständlich nie entgangen und er wusste, zumindest, dass Éowyn eine Menge von ihm gelernt hatte, was ein Bruder seiner Schwester den Traditionen nach nicht beibringen sollte.

„Sicher. Nur weil sie es sonst heimlich getan hätte“, lautete seine schlichte Begründung. Aber sein Onkel hatte bestimmt recht. Sollte Gríma irgendetwas Listiges im Sinn haben, würde Éowyn in der Lage sein, es ihm selbst auszutreiben.



Schweigend folgte Gríma Éowyn, ein paar halbdunkler Gänge entlang, doch spürte sie genau, dass er sie beobachtete. Er ging direkt hinter ihr und sie fühlte sich nicht ganz wohl bei der Sache. Irgendetwas beunruhigte sie zutiefst. Nach einer endlos erscheinenden Wanderung durch ein Labyrinth von Steinwänden und Türen, blieb sie schließlich stehen und bedeutete Gríma, dass sie angekommen waren.

„Ich hoffe, Ihr konntet Euch den Weg merken. Zu Anfang mag es ein wenig verwirrend erscheinen, aber ich bin sicher, dass Ihr Euch zurechtfinden werdet“, sagte Éowyn und wollte die Angelegenheit schnell hinter sich bringen. Kein Zweifel bestand daran, dass er ihr noch merkwürdiger vorkam, seit sie mit ihm allein war, doch konnte man nicht direkt von Angst, lediglich von Beunruhigung sprechen.

„Ich danke Euch“, antwortete Grímas seltsame Stimme. Sie erschien ihr tief zu sein und irgendwie auch nicht. Sie hätte es mit keinem Wort beschreiben können, dass sie kannte. Sie war rau und kratzig, doch nicht so gebieterisch und warm, wie sie es beispielsweise von ihrem Onkel kannte. Sie war kühl und irgendwie erkannte sie darin auch ein Stück Unehrlichkeit, so kam es ihr wenigstens vor.

Sie musterte ihn genau, während er ein paar Schritte eintrat und sich kurz umsah. Sie wusste nicht, was sie erhoffte daran zu erkennen, doch ließ es sie etwas vorsichtig sein.

„Doch eins habt Ihr mir nicht verraten“, sagte Gríma schließlich und klang dabei ein wenig bekümmert. Éowyn war ein wenig irritiert, denn konnte sie sich nicht erklären, was sie ihm noch hätte sagen sollen. Als offensichtlich war, dass sie nicht recht verstand, fuhr Gríma fort. „Meinen Namen kennt Ihr, doch habt Ihr mir Euern nicht verraten.“

Éowyn schien fast erleichtert zu sein, dass er nichts weiter als ihren Namen wissen wollte und fragte sich im nächsten Augenblick, was sie denn Schlimmes erwartet hatte. „Éowyn“, verriet sie ihm kurz angebunden. Sie konnte einer Unterhaltung mit ihm nichts abgewinnen. Er war in der Tat ein schwieriger Gesprächspartner in ihren Augen, da sie nie recht wusste, wie er seine Worte genau meinte.

„Éowyn“, wiederholte er ihren Namen langsam und lächelte ein wenig. „Ein wahrhaft schöner Name für eine wunderschöne Frau.“

„Danke, das ist sehr freundlich von euch.“ Éowyn blieb höflich. Etwas anderes wäre ihr auch kaum übriggeblieben, doch würde sie seine Komplimente gewiss nicht erwidern. „Kommt Ihr zurecht?“

„Ja, vielen Dank für Eure Bemühungen. Ich hoffe es hat Euch keine Umstände bereitet“, antwortete Gríma ihr, ohne den Blick auch nur ein einziges Mal von ihr abzuwenden.

„Keineswegs. Sollte ich noch etwas für Euch tun können, dann lasst es mich jeder Zeit wissen“, sagte Éowyn und wandte sich ab. Sie wartete bloß noch Grímas Antwort ab, dann verließ sie den Raum, schloss die Tür hinter sich und ging mit schnellen Schritten in Richtung Halle zurück. Sie wollte so schnell wie möglich, so weit wie möglich von diesem Mann wegkommen. Nicht, weil er sich unverschämt verhielt, sondern weil ihr Instinkt sie dazu antrieb.

„Lächerlich, was bildet er sich ein, mit seinen Komplimenten?“, schimpfte sie leise vor sich hin. Erst nach und nach fiel ihr auf, wie sehr es sie störte, dass ausgerechnet ein Mann wie er sich anmaßte, so mit ihr zu sprechen. „Glaubt er wirklich, dass ich so etwas wie ihn haben wollen würde? Zum Teufel mit diesen verdammten Traditionen, ich werde diesen Widerling bestimmt nicht noch einmal irgendwo hinbegleiten! Und wenn Onkel Théoden sich auf den Kopf stellt…“

Sie war so sehr damit beschäftigt sich in Rage zu reden, dass sie nicht darauf achtete, wohin sie ihre Füße setzte und als sie um eine Ecke bog, stieß sie mit Éomer zusammen, der seine Schwester schnell beim Arm griff, damit sie nicht stürzte, ehe er ihr mit verwundertem Blick begegnete.

„Langsam, Schwester. Wem versuchst du zu entkommen?“, fragte Éomer sie und hoffte, dass er nicht gleich Gríma aufsuchen musste, um ein paar Dinge klar zu stellen. Das schaffte sie ganz gewiss auch selbst.

„Entschuldige, Éomer“, sagte sie, noch ein wenig aufgebracht. „Dieser Gríma bildet sich doch tatsächlich ein, dass er mir Komplimente machen dürfte.“ Dann fiel ihr ein, wie empfindlich Éomer werden konnte, wenn ihr jemand zu nahekam. „Aber bevor du in deinem Zorn was Unüberlegtes tust, du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Er hat mir nichts getan. Er war nur seltsam. So seltsam wie man nur sein kann. Ich kann ihn dir gar nicht richtig beschreiben. So einen habe ich noch nie getroffen. Jedenfalls hat er noch keinen Anlass gegeben, dass du ihn dir vornehmen müsstest.“

Fast enttäuschte Éomer das. Ein wenig darauf eingestellt hatte er sich gewiss schon. Trotzdem war er längst auf Gríma eingeschossen und kam nicht umhin eine Bemerkung dazu auszusprechen. „Wenn er es wagt mir dafür Anlass zu geben, wird er der Berater mit der kürzesten Amtszeit in ganz Rohan werden. Wenn es so ist wie du sagst, dann geh ihm aus dem Weg, halt dich fern von ihm.“ Seine Besorgnis war unüberhörbar.

Da Éowyn das bemerkte, lächelte sie und meinte: „Ich passe schon auf mich auf. Aber du hast sicherlich Recht. Ich sollte mich, wenn möglich, von ihm fernhalten. Ich möchte ja nicht riskieren, dass du dich wieder schlagen musst.“

„Mit dem würde ich schon fertig werden. Ich glaube nicht, dass er viel Kraft hat. Jeder Fünfjährige könnte ihn besiegen“, meinte Éomer, fast beleidigt.

„Daran zweifle ich auch nicht. Nur wird Théoden nicht begeistert sein, wenn du jeden Konflikt auf diese Weise lösen willst“, antwortete Éowyn schmunzelnd. „Wo wolltest du eigentlich grade hin?“, fragte sie dann noch. Éomer sagte nichts und wich ihrem Blick aus. Aha! Das war ihr schon Antwort genug. „Éomer!“, stieß sie nun aus. „Das kann doch nicht wahr sein!“

„Auch ich kann diesem Schleimer nur bis vor den Kopf gucken und allein was ich da schon sehe, finde ich äußerst beunruhigend“, erklärte er sich. „Hätte ich da einfach warten sollen? Das darfst du nicht von mir verlangen. Und nach dem, was du erzählt hast, war es schon berechtigt dir nachzugehen.“

„Du wolltest mich also kontrollieren, ja? Wozu hast du mich das kämpfen gelehrt, wenn du mir gar nicht zutraust, dass ich das im Ernstfall auch kann?“, wollte Éowyn verärgert von ihm wissen. Es war doch immer dasselbe.

Er verdrehte die Augen. Er kannte diese Gespräche schon. „Das tat ich, weil ich nicht immer da sein konnte, um dich zu beschützen. Dir sollte klar sein, dass, wenn ich da bin, dich immer noch beschützen werde.“

Das hätte sie sich zumindest denken können. Éomer hatte es einmal versprochen und er würde sich ein Leben lang daranhalten, ganz gleich wie sehr sie auch darauf beharrte, diesen Schutz längst nicht mehr zu benötigen. Sie verstand es nicht immer, wenngleich sie wusste, dass er nach dem Tod ihrer Eltern nicht auch noch seine Schwester verlieren wollte.

Éowyn seufzte. Nein, sie wollte sich nicht länger aufregen. Er hatte seine Gründe dafür und sie wollte sich nicht streiten. „Na gut. Von mir aus. Aber versuch wenigstens ein bisschen mehr Vertrauen in mich zu haben. Ich komme sehr gut zurecht.“

Dies zweifelte er nicht weiter an und sie gingen gemeinsam zurück in die Halle, wo Théoden und seine Ritter die Köpfe zusammensteckten und angeregt über irgendetwas redeten. Nur Wortfetzen drangen zu ihnen herüber.

„Ärger?“, vermutete Éomer und trat an Théodens Seite.

„Gut, dass du kommst“, sagte Théoden, als er ihn ansah. „Eben waren meine Kundschafter hier. Sie haben mir berichtet, dass sie Orks an der Westgrenze gesichtet haben, die sich über die Ebene ausbreiten. Noch haben sie keinen Schaden angerichtet und ich habe Théodred schon angewiesen, sich um dieses Problem zu kümmern, bevor sie in bewohnte Gegenden eindringen. Allerdings fürchte ich, dass das noch nicht ausreichen wird. Er braucht deine Unterstützung.“

„Dann reite ich sofort los“, antwortete Éomer und schaute seine Schwester entschuldigend an.

Ihr war anzusehen, dass es sie traurig machte, dass er schon wieder fortmusste, da ihr letzter Ritt noch nicht lang zurück lag, doch war ihr klar, dass dies nicht zu ändern war. „Sei vorsichtig“, sagte sie und zwang sich zu lächeln. Es sollte nicht ihre Enttäuschung sein, die er mit sich nahm.

„Du auch. Halt dich von Gríma fern, so gut du kannst“, wiederholte er noch einmal, legte kurz seine Hand auf ihre Schulter und ging aus der Halle. Kein Mann großer Abschiedsworte, doch ohne ging er nie.


☆ ★ ☆


Und damit endet das erste Kapitel. Ich hoffe sehr, dass die Kapitellänge in Ordnung geht und dass ihr ein wenig Freude beim Lesen hattet. Schaut gerne wieder vorbei und berichtet mir, ob und wie euch die Geschichte gefällt. Ich bedanke mich herzlich für’s Lesen.
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